Spurensuche: Atomforschung in Celle, Nazi-Deutschland – Uran-Anreicherung und die Zentrifugen

centrifuge
Uran-Zentrifugen im industriellen Einsatz – Die Forschung begann in Nazi-Deutschland, unter anderem in Celle.

„Kernenergieforschung in Celle 1944/45. Die geheimen Arbeiten zur Uranisotopentrennung im Seidenwerk Spinnhütte“. Das ist der Titel eines bereits 1995 veröffentlichen Buches von Hans-Friedrich Stumpf, in dem er die Aktivitäten einiger Wissenschaftler in Nazideutschland zum Ende des Zweiten Weltkriegs in Celle untersucht. Ihr Chef: Paul Harteck aus Hamburg. Ihr Ziel: Die deutsche Atombombe. Ihre Absicht: Mit der Entwicklung von Ultra-Gaszentrifugen das spaltbare Uran 235 so weit anzureichern, dass es entweder direkt zur Atombombenherstellung hätte eingesetzt werden können oder aber mit einer Anreicherung von 3-5 Prozent in einem mit normalem Wasser als Moderator betriebenen Reaktor zu Plutonium verwandelt, am Ende den gleichen Zweck hätte erfüllen sollen. Doch permanenter Material- und Ressourcenmangel und immer wieder Luftschläge der Alliierten verhinderten letztlich, dass diese Forschungen erfolgreich verliefen.

  • Auf dieses Buch hat mich dankenswerterweise Stefan Wenzel aufmerksam gemacht, der sich privat seit längerem mit der zivil-militärischen Geschichte der Atomenergienutzung in Deutschland auseinandersetzt und bei seinen Recherchen auch auf einen Artikel in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung stieß, der von der Einlagerung von „Uranabfällen“ aus dem Zweiten Weltkrieg in der Asse berichtete. Das ist auch dem parlamentarischen Untersuchungsausschuss ASSE zu entnehmen, wo es heißt: „Der stellvertretende Betriebsleiter der Asse wurde am 29.07.1974 verblüffend offen in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (HAZ) mit den Worten zitiert: „Als wir 1967 mit der Einlagerung begannen, hat unsere Gesellschaft als erstes radioaktive Abfälle aus dem letzten Krieg versenkt, jene Uranabfälle, die bei der Vorbereitung der deutschen Atombombe anfielen.“327 “ Siehe hier und auch hier: Atommülllager ASSE: Strahlenschrott aus der Nazizeit und militärisches Erbe?
  • Über das Buch im Rahmen einer Schriftenreihe „Celler Beiträge zur Landes- und Kulturgeschichte“ informiert die Stadt Celle hier.
  • Spurensuche Hitlers Bombe – Atomforschung in Nazi-Deutschland – Video-Dokumentation

Auf der Homepage Celle im Nationalsozialismus heißt es in einer Rezension von Harry Klein über das Buch: „Hiroshima begann Ende 1938 in Berlin. Otto Hahn und Fritz Straßmann entdeckten im Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie in Berlin-Dahlem, daß ein Urankern, wenn er auf bestimmte Weise bestrahlt wird, in zwei Teile zerfällt. Rasch war klar, daß, wenn sich aus einer einzigen Spaltung eine Kettenreaktion machen ließe, gigantische Energiemengen freigesetzt würden. Der erste ‚Schritt zur Atombombe‘ war gemacht. Die deutsche Atombombenforschung, zunächst in Hamburg, Berlin und Leipzig angesiedelt, verlagert ihre Projekte in der zweiten Kriegshälfte aufgrund der Bombardements der Alliierten von den Zentren aufs Land. Im November 1944 wird ein Projektstrang, die Uranisotopentrennung, nach Celle verlagert. Diesem kurzen Kapitel deutscher Wissenschaftsgeschichte widmet sich ein jetzt erschienener Band in der „Schriftenreihe der Stadtarchivs und des Bomann-Museums Celle“: Stumpf, Hans-Friedrich: Kernenergieforschung in Celle 1944/45. Die geheimen Arbeiten zur Uranisotopentrennung im Seidenwerk Spinnhütte, Celle 1995″.

  • Der Rezensent auf der genannten Seite kritisiert das Buch als „reinste Weißwäscherei“, weil Fragen nach Schuld und Verantwortung in keinster Weise untersucht würden. Richtig ist, dass der Autor Stumpf fast schon in einer Art geselligem Plauderton und wenig kritisch die historischen Sachverhalte zusammenträgt. Basierend auch auf Interviews, die er noch mit beteiligten Zeitzeugen führen konnte, kann er zwar Fakten und einige (zu damaliger Zeit) neuere Erkenntnisse beisteuern. Aber der Autor steht der Atomenergieforschung doch so nahe, dass er z.B. die in seinem Buch dargestellte Ehrung der Nazi-Forscher in der späteren Bundesrepublik in keiner Weise kritisiert oder reflektiert. Vielleicht aber auch kein Wunder, denn Stumpf hat das Buch seinem „verehrten Lehrer, Prof. Dr. Fritz Straßmann, gewidmet“. Zu dem Thema, dass viele der Nazi-Atomwaffenforscher nach kurzer Unterbrechung ihre Forschungsarbeiten und Karrieren in der Bundesrepublik fortsetzten, siehe z.B. auch hier: Spurensuche: Auferstanden aus Verbrechen – Deutsche Atomschmiede in Karlsruhe und ein Whistleblower
  • Zum Thema Urananreicherung siehe grundsätzlich auch diesen Beitrag: Bundesrepublik und Atomwaffen: „Finger am Abzug“ – Spurensuche zur Geschichte der Urananreicherung. (In diesem Artikel sind viele Quellen angeführt und verlinkt).
  • Im großtechnischen Stil erfolgt die Urananreicherung seit den 70/80er Jahren im westfälischen Gronau unter dem Dach des trinationalen Konzerns URENCO. Hier wird Uran für den Einsatz in Atomkraftwerken auf 3-5 Prozent angereichert. Grundsätzlich könnte hier aber auch atomwaffenfähiges Uran mit den Ultra-Gaszentrifugen erzeugt werden. Durch internationale Kontrollverträge, unter anderem dem Vertrag von Almelo, soll ein solcher Missbrauch verhindert werden. Siehe dazu URENCO Gronau: Risiko Atomwaffen-Technik und die deutsche Atom-Politik und Uranfabrik Gronau: “Atomanlage, mit der die Bundesrepublik ihren Status als potenzielle Atommacht unterstreicht”.

Zu den Fakten bei Stumpf schreibt Klein weiter: „Nach einem anfänglichen wissenschaftlichen Fehlschlag setzte Harteck seit 1941 auf das sogenannte Ultrazentrifugenverfahren. Die Versuche liefen zunächst in Kiel, wo im August 1942 erstmals die Trennung der Uranisotope gelang. Im März 1943 wurde klar, daß mit der Hintereinanderschaltung mehrerer Zentrifugen die nötige Anreicherung von Uran-235 möglich würde. Im Juli 1943 wurden die Forschungsarbeiten nach Freiburg verlagert; von wo man wegen des Vormarschs der Alliierten in Frankreich im November 1944 nach Celle auswich. In Gebäuden der Seidenwerke Spinnhütte, wo für die Luftwaffe Fallschirme hergestellt wurden, installierte man eine Doppelzentralzentrifuge, die bei Versuchen Mitte März explodierte. Bis zum Einrücken der Briten wurde fieberhaft an der Reparatur gearbeitet.“

Stumpf setzt sich in seinem Buch auch mit Veröffentlichungen von Irving und Walker (Uranmaschine) auseinander und korrigiert teilweise deren Aussagen hinsichtlich der Verfügbarkeit der Doppel-Zentrifugen. (Stand 1995! Inwieweit diese zutreffend sind, kann ich derzeit nicht beurteilen.) Außerdem veröffentlicht Stumpf das Tagebuch des beteiligten Physikochemikers Klaus-Albert Suhr für den Zeitraum vom 9. September 1944 (mit Lücken) bis zum 27. März 1945. Mit ihm führte Stumpf auch ein Interview.

Von zwei Zentrifugen-Modellen ist in dem Buch die Rede: Zunächst die UZ 1 und dann deren Verbesserung, die Doppelzentrifuge UZ III A. Vor allem in Freiburg muss den Darstellungen zufolge, die UZ 1 einige Zeit gelaufen sein. „Die UZ I wurde so lange betrieben, bis in den benachbarten Fabrikationsräumen in der Habsburgerstraße, der damaligen Adolf-Hitler-Straße, die Doppelzentrifuge UZ III A fertiggestellt war. Diese besaß längere Rotoren und hatte eine größere Antriebsleistung, die höhere Umdrehungszahlen ermöglichte. Das Betriebsgelände an der Habsburgerstraße, eine ehemalige Skifabrik, war hinzugekauft worden und bot auch genügend Raum zur Aufstellung von Drehbänken und Werkzeugmaschinen. Dort waren die zehn Doppelzentrifugen aufgelegt worden, die das Heereswaffenamt Harteck genehmigt hatte, aber wegen der Kriegsereignisse nicht mehr fertiggestellt werden konnten. Nur die abgebildete UZ III A wurde aufgebaut und für Versuche genutzt.“

Interessant sind die Hinweise und Darstellungen im Zusammenhang mit der Firma Anschütz in Kiel: „Externe Mitarbeiter der Celler Forschergruppe waren Dr. Konrad Beyerle, der technische Entwicklungsdirektor der Firma Anschütz in Kiel, der die erste Ultrazentrifuge nach den Plänen von Groth gebaut hatte,* der Kieler Physikochemiker Professor Dr. Hans Martin, der mit seiner Theorie über thermisch gesteuerte Gaszentrifugen Harteck und Groth auf die Idee für diese Art von Isotopentrennung für das Uran-235 gebracht hatte, sowie der theoretische Physiker Prof. Dr. Johannes Jensen, Hannover, der Harteck die Berechnungen für die in Celle aufgestellte Doppelzentrifuge lieferte.“ (S. 17/18)

Update 07012015: Auf Wikipedia ist ein Beitrag über Konrad Beyerle. Dort ist unter anderem mit Bezug auf die Entscheidung, die Zentrifugen-Arbeiten in Celle fortzusetzen zu lesen: „… letztlich fiel die Entscheidung aber auf Celle (Seidenwerk Spinnhütte). Aufgebaut wurde dort aus Sicherheitsgründen aber nur die UZ III A.[2]:34 f Im November 1944 konnte die UZ III A in Celle wieder montiert werden[2]:39 und es gelang den Betrieb Anfang Februar 1945 wieder aufzunehmen, wobei bis zu 50 Gramm um 15 % angereichertes Uran pro Tag hergestellt wurden.[5] Doch kam es am 12. März 1945 infolge einer Explosion zu schweren Schäden an der Zentrifuge.[2]:45 Das Heranrücken der britischen Truppen stoppte schließlich die Produktion am 12. April 1945. Das bis dahin gewonnene angereicherte Uran blieb verschollen. Eine zweite Ultrazentrifuge, sowie die Bauteile für die weiteren, welche eine Produktion im größeren Maßstab erforderte, waren an einen unbekannten Ort verbracht worden, blieben nach Kriegsende aber ebenso unauffindbar.[5]“ Dort findet sich mit Bezug auf Stumpf auch der Hinweis, dass eine Zentrifuge Ende der 50er Jahre in Kiel zum Einsatz kam.

Im Nachkriegs-Deutschland: Eine Zentrifuge für Kiel

An anderer Stelle ergänzt Stumpf: „Beyerle konstruierte dann ab Mitte der fünfziger Jahre die weiter verbesserten Modelle ZG 3 und ZG 5, mit denen Groth, Bulang und Nann in den sechziger Jahren ausgezeichnete Trennleistungen im Institut für Physikalische Chemie an der Universität Bonn erreichten. Eine weitere Zentrifuge des Typs ZG 3 erhielt 1958 Prof. Martin in Kiel. Mit ihr wurden am dortigen Institut für Physikalische Chemie die Untersuchungen auf experimenteller Basis fortgesetzt. Deren Ergebnisse durften jedoch nicht veröffentlicht werden, da das Arbeitsgebiet der Gaszentrifuge mit Wirkung vom 26. August 1960 zum Staatsgeheimnis erklärt worden war, um militärischen Mißbrauch der inzwischen von Zippe bis zur industriellen Reife entwickelten Zentrifugentechnik auszuschließen.“ (S. 65)

Als Quelle für die Aussagen zur Lieferung einer Zentrifuge nach Kiel schreibt Stumpf in der Fußnote 23 zu dem Kapitel 5: „Auf dem Weg zur friedlichen Nutzung der Atomenergie“ folgendes: „Martin bestellte bei Beyerle 1954 eine Zentrifuge des Typs ZG 3, die dieser aber erst 1958 lieferte. – Interview mit Prof. Dr. Peter Koske. – Koske, Dissertation, Kiel 1962 (unveröff.). – Leime, Dissertation, Kiel 1967 (unveröff.). – Groth, Hans Martin zum 65. Geburtstag. – Cnotka“ (S. 111).

Die Ausführungen, dass Kiel über eine Ultrazentrifuge zur Urananreicherung verfügte, sind auch insofern interessant, weil nach dem Krieg Erich Bagge, der ebenfalls in Nazi-Deutschland an der Entwicklung der Urananreicherung gearbeitet hatte und nach dem Krieg gemeinsam mit Kurt Diebner die Atomforschungsanlage GKSS in Geesthacht gründete, in Kiel eine Professur antrat.

Paul Harteck und das Atomwaffenprogramm der Nazis

Paul Harteck, Chef der Arbeiten in Celle, gehörte mit zu den führenden Atomforschern in Nazi-Deutschland und machte nie einen Hehl daraus, dass diese Forschung die Atombombe zum Ziel hatte. Neben den Arbeiten zur Uran-Isotopen-Trennung war er auch – teilweise gemeinsam mit Kurt Diebner, dem „Koordinator“ des Uran-Vereins – federführend in der Technikentwicklung und Beschaffung des benötigten Schweren Wassers (aus Norwegen) tätig.

Schon direkt nach der Entdeckung der Atomspaltung und der dadurch freigesetzten Energien durch Otto Hahn und Fritz Straßmann hatte Harteck in einem Brief an das Heeres-Waffen-Amt auf die Möglichkeit einer Atombombe aufmerksam gemacht. Auch nach dem Krieg, als Harteck mit neun weiteren Atom-Spitzenforschern des Dritten Reichs in Farm-Hall/GB interniert war, sprach er unumwunden von diesem Zweck. Andere Nazi-Atom-Forscher wie Heisenberg und von Weizsäcker hingegen versuchten die Legende aufzubauen, dass sie Hitler letztlich die Atombombe nicht liefern wollten, was schlicht nicht zutreffend war.

Harteck hatte schon früh mit der Entwicklung von Verfahren zur Isotopentrennung bzw. Urananreicherung begonnen. Schnell hatte sich nach der Entdeckung der Kernspaltung gezeigt, dass vor allem das Uran 235 gespalten wurde und die gewaltige Energie erzeugte. Allerdings war es im natürlichen Uran nur mit einem Anteil von rund 0,7 Prozent enthalten. Daher brauchte es für eine Kettenreaktion mit Natururan neben einer ausreichend großen Menge Uran auch einen Moderator, z.B. Graphit oder schweres Wasser. Darauf konnte verzichtet werden, wenn es gelang, die unterschiedlich schweren Uranisotope 235 und 238 voneinander physikalisch zu trennen und das Uran 235 anzureichern. Verschiedene Verfahren dazu wurden entwickelt.

  • Die USA und später auch Frankreich setzten lange auf das sogenannte Diffusions-Verfahren. In der Sowjetunion, Deutschland und den Niederlanden wurde die Ultra-Gaszentrifuge weiter entwickelt und später z.B. in Gronau bei URENCO (siehe oben) zum industriellen Einsatz gebracht.

Auf der Homepage des Deutschen Museums ist u.a. zu lesen: „Ein Sonderprojekt Hartecks und Groths war seit ca. 1943 das Projekt der Doppelzentrifugen. Da in ersten Versuchen eine Anreicherung von 5 Prozent bei einer Tagesausbeute von 7,5 g Uran erreicht wurde, stellte Harteck die Versuche der einfachen Zentrifuge zugunsten der großen Ultrazentrifugen zurück. Allerdings konnten die geplanten 15 Ultrazentrifugen wegen der mehrfachen Auslagerungen nach Kandern und Celle nicht wie geplant in Betrieb gehen.“

  • Interessant dürfte sein, wie viel angereichertes Uran insgesamt bei den Versuchen mit einer Anreicherung von 5 Prozent Uran 235 und einer Tagesausbeute von 7,5 Gramm in Nazi-Deutschland erzeugt werden konnte, was damit gemacht wurde und wo es schließlich blieb. Diese Frage betrifft nicht nur den Einsatz der Doppelzentrifuge, sondern natürlich auch ihre Vorgänger. In vielen Darstellungen wird berichtet, dass die USA große Teile des Urans am Ende des Krieges beschlagnahmt und abtransportiert haben. Ob es systematische Darstellungen gibt, die auch mengenmäßig versucht haben eine Bilanz zu ziehen, wieviel Uran, angereichertes Uran und andere radioaktive Materialien (Beryllium etc.) Nazi-Deutschland zur Verfügung hatte, ist mir nicht bekannt.

Über das Hamburger Forschungszentrum hat das Deutsche Museum hier einige Informationen zusammengestellt. Zum Thema Harteck und das Schwere Wasser ist beim Deutschen Museum auch dieses zu finden: Bericht über einen Besuch von Esau und Harteck in Marlengo, 22.11.1943

Spurensuche: Auferstanden aus Verbrechen – Deutsche Atomschmiede in Karlsruhe und ein Whistleblower

Leon_Gruenbaum_Atom_Whistleblower
Léon Gruenbaum: Whistleblower zur Nazi-Geschichte der ehemaligen Atomforschungsanlage Karlsruhe.

Spurensuche zur Geschichte der Atomenergie in Deutschland. Erst vor kurzem ist eine neue Studie von Tilman Hanel unter dem Titel „Die Bombe als Option – Motive für den Aufbau einer atomtechnischen Infrastruktur der Bundesrepublik bis 1963“ erschienen. Darin steht auch das ehemalige Kernforschungszentrum in Karlsruhe im Zentrum der Betrachtungen. Ein ehemaliger Mitarbeiter des Forschungszentrums – Dr. Léon Gruenbaum – hat jetzt von der „Vereinigung Deutscher Wissenschaftler“ posthum einen „Wistleblower-Ehrenpreis“ verliehen bekommen, weil er wichtige Informationen über Akteure in der frühen bundesdeutschen Atomforschung und ihre Verstrickung in die Nazi-Verbrechen ans Licht der Öffentlichkeit gezerrt hat.

Im folgenden dokumentiert umweltFAIRaendern die ausführliche Begründung zur Preisverleihung:

Erstmals in diesem Jahr verleihen die „Vereinigung Deutscher Wissenschaftler (VDW)“ und die Deutsche Sektion der internationalen Juristenvereinigung IALANA (neben dem Whistleblower-Preis auch) den

Posthum-Whistleblower-Ehrenpreis

Er geht an den früheren Physiker am Kernforschungszentrum (KfK) Karlsruhe
Dr. Léon Gruenbaum (1934 – 2004)

1. Der Preisträger wurde 1934 während der Flucht seiner jüdischen Eltern vor den Nazis aus Deutschland in Forbach (Lorraine/Lothringen) geboren. Im unbesetzten Teil Frankreichs gelang es der Familie mit Hilfe von Freunden aus der Résistance, ihn vor der Deportation in eines der Vernichtungslager des NS-Regimes zu bewahren. Nach der Befreiung studierte Léon Gruenbaum in Frankreich sowie an der Technischen Universität München Physik unter anderem bei Prof. Werner Heisenberg, an dessen Institut auch sein Promotionsvorhaben 1964 erfolgreich abgeschlossen wurde. Nach Forschungstätigkeiten in England und an der TU Darmstadt erhielt er 1970 einen auf 3 Jahre befristeten Vertrag als Physiker in der „Gesellschaft für Kernforschung m.b.H. (GfK)“ in Karlsruhe (später: Kernforschungszentrum Karlsruhe – KfK; dann seit 1990 Forschungszentrum Karlsruhe – FZK ; seit der 2009 erfolgten Fusion mit der Universität: Karlsruher Institut für Technologie – KIT); eine Verlängerung um weitere 2 Jahre und ggf. auch eine Festanstellung wurden in Aussicht gestellt.

a) Während seiner Tätigkeit im KfK in Karlsruhe kam es zu Kontroversen u.a. mit dem langjährigen administrativen Geschäftsführer Dr. jur. Rudolf Greifeld (geb. 1911; gest. 1984). Dr. Greifeld (seit 1937 NSDAP-Mitglied; ab 1936 Mitglied des NS-Rechtswahrerbundes; Eintritt in den SD) hatte diese Leitungsfunktion bei der GfK bzw. dem KfK seit 1956 inne; vorher war er seit 1945 zunächst im Württembergischen Sparkassen- und Giroverband, dann im württembergischen Wirtschaftsministerium in Stuttgart tätig gewesen. Ihm wurde – ebenso wie dem von ihm geförderten langjährigen Leiter der Rechtsabteilung des KfK Dr. Ziegler – u.a. vom Betriebsrat vorgeworfen, er sei im KfK mehrfach mit antisemitischen und NS-affinen Äußerungen innerhalb des KfK in Erscheinung getreten. Er habe sich gegenüber Mitarbeitern u.a. damit gebrüstet, er habe 1940 den Besuch „des Führers“ in Paris organisiert; außerdem habe er geäußert, „was der Führer für ein bedeutender Mann gewesen sei“; und „dass die Juden heute schon wieder dieselben Fehler machten wie früher“1

  • umweltFAIRaendern widmet sich in zahlreichen Beiträgen zu unterschiedlichen Aspekten der Atomgeschichte. Dazu gibt es unter dem Stichwort „Spurensuche“ hier einen Überblick der Artikel.

Dr. Gruenbaum unterstützte diese Proteste und sprach Dr. Greifeld direkt darauf an, der jedoch solche Äußerungen von sich wies. Später wurde bekannt, dass sich Dr. Greifeld bereits als Student in antisemitischem Umfeld betätigte und u.a. Funktionen in einer aggressiv-antisemitischen Studenten-Vereinigung bekleidete. Im Gefolge der 1972/73 ausgetragenen Kontroversen wurde Dr. Gruenbaums befristeter Arbeitsvertrag mit dem KfK 1973 trotz Einschaltung des Bundesforschungsministeriums nicht verlängert. Nachdem die persönliche Eignung Dr. Greifelds immer stärker in die öffentliche Kritik geraten war, trat er schließlich 1974 vorzeitig in den Ruhestand, blieb jedoch weiterhin im Rahmen eines Beratervertrages für das KfK tätig.

b) Schon vor seinem Ausscheiden aus dem KfK in Karlsruhe erfuhr Dr. Gruenbaum von menschenverachtenden Aktivitäten Dr. Greifelds in der deutschen Besatzungsverwaltung während des 2. Weltkrieges in Frankreich. In enger Kooperation mit den in Paris lebenden Aufklärern von Naziverbrechen Beate und Serge Klarsfeld gelang es ihm, Dokumente über die Rolle von Dr. Greifeld im NS-Regime der Öffentlichkeit zu präsentieren. Ein bei Archivrecherchen aufgefundenes Schreiben von Dr. Greifeld vom 2.1.19412 belegt u.a., dass dieser seinen Kollegen vom Polizeireferat der deutschen Militärverwaltung in Paris einen von ihm verfassten Vermerk „zuständigkeitshalber“ zur Kenntnis brachte. Darin hieß es, „in letzter Zeit“ machten sich „die Juden in Paris wieder sehr breit“.

So seien z.B. in der Silvesternacht in dem Cabaret „Le beuf sur le toit“ im Gebäude des Hotels „George V“ – „von den Wehrmachtsangehörigen abgesehen – sehr viele Juden“ gewesen. In der gleichen Nacht sei in dem Cabaret „Trois Valses“ ein deutsches Lied, das die Kapelle gespielt habe, ausgepfiffen worden. Zu dieser Zeit seien auch hier Juden gewesen. Auch in dem Cabaret „Carrers“ verkehrten „sehr viele Juden“. Er, Dr. Greifeld, rege „deshalb an, dass die Bewilligung auf verlängerte Polizeistunde in den von Wehrmachtsangehörigen häufig besuchten Lokalen überprüft und die Verlängerung der Polizeistunde von der Verpflichtung abhängig gemacht wird, dass der Eigentümer ein Schild an der Tür anbringt, wonach Juden der Zutritt verboten wird.“ Nachdem eine Schriftsachverständige am Berufungsgericht Paris durch Vergleich mit aktuellen Unterschriftsproben die Echtheit der damaligen Unterschrift Dr. Greifelds bestätigt hatte, forderte Dr. Gruenbaum zusammen mit dem Ehepaar Klarsfeld in einer Pressekonferenz im Oktober 1975 in Strasbourg den Rücktritt Dr. Greifelds von seinem Posten des Vertreters der Bundesrepublik Deutschland im Lenkungsausschuss des englisch-französisch-deutschen Laue-Langevin-Kernforschungsinstituts (ILL) in Grenoble.

Da Dr. Greifeld in der Öffentlichkeit die gegen ihn erhobenen Vorwürfe abstritt, bildete sich in Frankreich ein „Komitee zur Greifeld-Affäre“. Es sammelte Unterschriften von mehr als 400 französischen und ausländischen Wissenschaftlern für die an das Bundesforschungsministerium gerichtete Forderung nach Rücktritt von Dr. Greifeld. Forschungsdirektor G. Amsel von der Universität Paris VII wandte sich am 27.2.1976 an den damaligen Bundesforschungsminister Hans Matthöfer (SPD) und verlangte im Interesse der deutsch-französischen Freundschaft die Beendigung der Tätigkeit von Dr. Greifeld in Grenoble.3 Kurz darauf trat Dr. Greifeld von seinem Amt als Mitglied des Lenkungsausschusses in Grenoble zurück,4 wobei er weiterhin die gegen ihn erhobenen Vorwürfe zu seinem Verhalten im NS-Regime zurückwies.

Zwischenzeitlich haben Fachhistoriker weiteres detailliertes Belastungsmaterial zusammen getragen, die belegen, dass Dr. Greifeld während seiner Tätigkeit in der deutschen Besatzungsverwaltung in Paris mit Hitlers Besuch in Paris befasst war5 und sich zudem an der Diskriminierung von Juden6 aktiv beteiligte. 7 Dabei war er dienstlich u.a. auch mit der Entlassung von Prof. Paul Langevin befasst8, des damaligen Direktors der „École de Physique et Chimie industrielle“ in Paris, nach dem später das „Laue-Langevin-Kernforschungsinstitut (ILL)“ in Grenoble u.a. benannt wurde und dessen Lenkungsausschuss Dr. Greifeld bis zu seiner erzwungenen Demission 1976 angehörte. Er hatte in Paris (und auch nach dem Krieg in Karlsruhe über Jahrzehnte) zudem engen Kontakt mit Dr. Waldemar Ernst, der hier (und später in Polen) aktiv in die Deportation von Juden u.a. nach Ausschwitz involviert war9 und nach 1945 Direktor der Schwäbischen Hüttenwerke in Aalen war.

c) Nach Beendigung seiner Tätigkeit am KfK in Karlsruhe übersiedelte Dr. Gruenbaum nach Paris und arbeitete seitdem an einer umfangreichen geschichts- und politikwissenschaftlichen Studie über die „Genese der Plutoniumgesellschaft – Politische Konspirationen und Geschäfte“, die er als Dissertation an der Sorbonne einbringen wollte.

Das Manuskript in französischer Sprache liegt vor und wird gegenwärtig für eine Publikation vorbereitet. In seiner Studie, deren Ergebnisse er bis zu seinem Tode vor allem Initiativen und Gruppen der Zivilgesellschaft (Eine-Welt-Bewegung; Anti-Apartheid-Initiativen) mehrfach zugänglich machte10, damit sie öffentlich diskutiert und zur Grundlage von Gegenaktionen werden konnten, deckte Dr. Gruenbaum u.a. Verbindungslinien auf, die auf Zusammenhänge zwischen dem von Systemträgern des NS-Regimes in der Endphase des 2. Weltkrieges vorbereiteten „post-war-planning“ und der realen Nachkriegsentwicklung in Westdeutschland hindeuten.11

Es ging dabei vor allem um den Transfer von großen Finanzmitteln, von technologischem Know-How und von u.a. in der NS-Atomforschung („Uranverein“) tätigem hochqualifiziertem Fachpersonal vom „Reich“ ins „neutrale Ausland“ (u.a. nach Argentinien, Brasilien). Dabei nahm Dr. Gruenbaum u.a. auf ein Treffen von Akteuren des von Albert Speer geführten NS-Rüstungsministeriums, des NS- Wirtschaftsministeriums sowie Abgesandten von Rüstungsindustrieunternehmen von Rhein und Ruhr und hohen SS-Vertretern Bezug. Dieses hatte im Gefolge der im Juni 1944 erfolgten Landung der westalliierten Truppen in der Normandie, des bevorstehenden militärischen Falls von Paris und der sich klar abzeichnenden Niederlage des NS-Regimes am 10. August 1944 im Hotel „Rotes Haus“ in Strasbourg unter der Leitung des Wehrwirtschaftsführers Dr. Friedrich Scheid stattgefunden.

Von dieser Zusammenkunft hatte Dr. Gruenbaum offenbar durch ein in der deutschen Geschichtswissenschaft bis heute kaum zur Kenntnis genommenes Dokument erfahren, das sich u.a. in einem Protokoll über die Anhörungen des von Senator Harley M. Kilgore geführten Unterausschusses („Subcommittee on War Mobilization“) des US-Senats vom 25. Juni 1945 fand12; es ist seit  2000 von den zuständigen US-Behörden offiziell deklassifiziert worden. Hier wurden Grundkonzepte eines „nazi post-war planning“ erörtert, deren konkrete Umsetzung nach 1945 bisher wenig erforscht ist.

Bekannt ist allerdings, dass es nach Kriegsende einer großen Zahl von schwer belasteten Funktionsträgern des NS-Regimes gelang, über die sog. Rattenlinie mit Hilfe des Vatikan und des Roten Kreuzes insbesondere nach Südamerika zu entkommen. Ebenso schafften es viele mit dem NS-Regime eng kooperierende Unternehmen, große Finanzsummen und technologisches Know-how ins „neutrale Ausland“ zu transferieren, um es dann nach einigen Jahren wieder dem deutschen Wirtschaftskreislauf zuzuführen.13

Heute ist durch Studien belegt, dass allein das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) in Genf bis Mitte 1947 ca. 25.000 für die Weiterreise nach Übersee notwendige Reisepapiere („titres de voyage“) an flüchtige NS- Akteure ausstellte, bis Ende 1948 ca. 70.00014; darunter befanden sich u.a. bekannte NS- Verbrecher wie Klaus Barbie, Josef Mengele, Erich Priebke und Adolf Eichmann.15

Größe und Umfang der Kapital- und Technologietransfers aus dem untergehenden NS-Regime in neutrale Staaten (insbesondere nach Schweden, die Schweiz, Argentinien, Brasilien und andere südamerikanische Länder) sind bis heute weitgehend unerforscht; US-Schätzungen sprechen jedoch von Milliardenbeträgen. Dr. Gruenbaum enthüllte in seiner Studie u.a., dass vor allem an argentinischen Forschungszentren seit 1945 insbesondere deutsche Atomwissenschaftler arbeiteten, die bereits am „Uranprojekt“ des NS-Regimes beteiligt waren.

d) Dr. Gruenbaum arbeitete in seiner Studie ferner heraus und machte dies zivilgesellschaftlichen Initiativen öffentlich zugänglich, dass in der seit 1954/55 in Deutschland wieder zugelassenen Atomforschung eine große Zahl NS-belasteter Wissenschaftler und Akteure führende Positionen innehaben konnten. Im KFZ Karlsruhe betraf dies seit 1956 neben dem früheren Kriegsverwaltungsrat Dr. Rudolf Greifeld als administrativem Geschäftsführer u.a. den ersten technischen Leiter der GfK Dr. Gerhard Ritter, der während seiner Tätigkeit beim IG Farben-Konzern vor 1945 an der Entwicklung und Produktion von Giftgas führend beteiligt war.

Als personelle Nazi-Altlast ist ferner zu nennen der Chemiker Dr. Walther Schnurr, der im NS-Regime führender Sprengstoffexperte bei der Dynamit AG war und nach 1945 nach Argentinien übersiedelte; vom argentinischen Präsidenten Peron wurde er bei ersten Versuchen zum Aufbau einer argentinischen A- Waffen-Produktion eingesetzt; 1956 holte ihn Bundesminister Franz-Josef Strauß (CSU) zurück nach Deutschland als Abteilungsleiter in das Ministerium für Atomfragen; 1957 bestimmte man ihn zum techn.-wissenschaftlichen Geschäftsführer der GfK/KfK.

e) Dr. Gruenbaum half mit seiner Studie und den von ihm daraus zivilgesellschaftlichen Initiativen zugänglich gemachten Informationen auch dabei, die Rolle des 1956 entgegen den Erwartungen von Prof. Werner Heisenberg nicht in München, sondern (u.a. aufgrund von Empfehlungen aus der Bundeswehrgeneralität16) in Karlsruhe gegründeten Kernforschungszentrums bei der Entwicklung von proliferationsträchtigen Atomtechnologien zu enthüllen. Die enge Zusammenarbeit zwischen der KfK-Nuklearforschung und Argentinien17 führte 1968 auf der Grundlage eines im KfK in Karlsruhe entwickelten und realisierten Prototyps zum Bau des Schwerwasser-Atomreaktors Atucha I in Argentinien, woran Dr. Schnurr, das zeigen die Forschungen von Prof. Joachim Radkau18, als wichtiger Mittelsmann maßgeblich beteiligt war.

An Argentinien wurde ferner eine ebenfalls im KfK in Karlsruhe entwickelte Wiederaufarbeitungs-Anlage geliefert. Dr. Gruenbaum wies darauf hin, dass der Atomreaktor Atucha I eine Jahresmenge von ca. 150 kg Plutonium mit „militärischer Qualität“ produzierte. An diesem Reaktor-Typ, der zur Entnahme von Plutonium ohne Betriebsunterbrechung geeignet war, war bereits während des NS-Regimes gearbeitet worden. Die Folgen sind bekannt: 1978 legte die argentinische Militärregierung, die sich über Jahre hinweg geweigert hatte, dem Nichtverbreitungsvertrag beizutreten, ein geheimes Atomwaffenprogramm auf, das erst nach dem Ende der Junta im Jahr 1983 aufgegeben wurde.

f) Dr. Gruenbaum enthüllte ferner in enger Kooperation mit zivilgesellschaftlichen Initiativen weitere dubiose Projekte.19 Dazu gehörte u.a. das Kattara-Projekt in Ägypten: Deutsche Unternehmen planten hier mit deutschem Fachpersonal die Entwicklung atomarer Sprengköpfe, angeblich um in Ägypten eine Verbindungsrinne vom Mittelmeer zur 134 m tiefer gelegenen Kattara-Senke herauszusprengen; der Wasserstrom sollte 30 Jahre fließen und ein zu bauendes Kraftwerk betreiben; benötigt würden dafür 267 „zivile“ Atombomben; das Projekt wurde nicht verwirklicht.

Er wies auch auf das dubiose Satelliten-Projekt der Fa. Otrag, München, hin, das, mit Steuergeldern gefördert, über dem Äquator eine Kette von stationären Satelliten postieren wollte, für das mehr als 200 Raketenstarts projektiert waren; die Fa. Otrag erwarb von Zaire ein ca. 225.000 qkm großes Gelände um Kolwezi in der Uran-Provinz Shaba/Katanga zum Erproben von Raketen und Drohnen. Was daraus wurde, ist nicht bekannt.

Seine kritische Aufmerksamkeit widmete Dr. Gruenbaum ferner dem Inga- Shaba-Projekt: Deutsche Unternehmen bereiteten den Bau eines Kraftwerks an der Mündung des Kongo-Flusses und die Übertragung der Elektrizität über 1200 km nach Lowezi-Shabe vor. Als Ziel wurde Urananreicherung genannt. In seiner Studie verwies Dr. Gruenbaum auch darauf, dass 1975 die deutsche Bundesregierung Brasilien Unterstützung bei der Uran-Anreicherung durch die Gesellschaft für Kernforschung in Karlsruhe sowie bei der Entwicklung von 8 Atomreaktoren zusicherte; nach Ende der Militärdiktatur wurde dieses Projekt eingestellt.

Dr. Gruenbaum enthüllte gegenüber Initiativen aus der Anti-Apartheid- Bewegung außerdem die 1977 erfolgte Transaktion des für die Anreicherung von Uran im KfK in Karlsruhe unter der Leitung seines Erfinders Prof. Becker von der „Gesellschaft für Kernforschung Karlsruhe“ entwickelten Trenndüsenverfahrens an den Apartheid-Staat Südafrika. Diese Urananreicherungsanlage in Südafrika musste, so stellte Dr. Gruenbaum fest, im Zusammenhang mit dem Bau des Cabora-Bassa-Staudamms in der damaligen portugiesischen Kolonie Mocambique gesehen werden. Dieses mit deutscher Entwicklungshilfe geförderte Projekt der Unternehmen Siemens, AEG, BBC, Hochtief und Voith war darauf ausgerichtet, Elektrizität zu erzeugen, die über 1800 km nach Südafrika an die dortige Urananreicherungsanlage geliefert werden sollte.

Südafrika entwickelte auf dieser Basis unter der Apartheid-Regierung Atomwaffen, aller Wahrscheinlichkeit nach auch in enger Kooperation mit Israel. Erst kurz vor dem Ende der Apartheid zerstörte Südafrika mit US-amerikanischer Unterstützung 1991 seine sechs produzierten Atomwaffen. Léon Gruenbaums Informationen und Anregungen trugen, wie es der Kölner Arzt Dr. Wolff Geisler aus der Anti-Apartheid-Bewegung formulierte, „entscheidend dazu bei, dass zu diesen unglaublichen Projekten eine Gegenöffentlichkeit entstand, die diese Projekte behinderte, ja zum Teil verhinderte.“20

3. Was waren die Gründe für das aufklärerische Handeln des Whistleblowers Léon Gruenbaum? Er versuchte, die gesellschaftlichen Hintergründe und Ursachen seiner Verfolgung während des NS-Regimes und seiner erneuten Diskriminierung im Deutschland nach 1945 zu ergründen. Es ging ihm darum, Zusammenhänge und Verbindungslinien herauszufinden.

Seiner Ansicht nach war es, wie Robert Jungk diesbezügliche Gespräche mit ihm resümierte, kein Zufall, dass Deutschlands erster Atomminister Franz-Josef Strauß„ so auffallend viele Persönlichkeiten heranzog, die bereits im Dritten Reich führende Positionen eingenommen hatten“. Ihn interessierten insbesondere die mit der sog. „friedlichen“ Plutonium-Produktion objektiv verbundenen latenten militärischen Optionen.

Auf die Frage Robert Jungks anlässlich eines Besuchs 1973 bei ihm in Paris, ob diese „Theorie … für die heutige Situation noch eine Bedeutung“ habe, erwiderte Dr. Gruenbaum: »Gewiß. Ich meine, es ist doch wohl kein Zufall, dass diese Männer sich gerade so sehr für die Atomindustrie interessiert haben. Sie müssen sich schon zu einem frühen Zeitpunkt gesagt haben, dass hier eine Schlüsselindustrie entsteht, die einmal alle anderen an Machtfülle und Einfluss überflügeln würde. Doch dann kommt vielleicht noch ein anderes Motiv dazu: der Wunsch der Deutschen, auch einmal Atombomben zu haben – oder zumindest die Verfügung über industrielle Kapazitäten, die eine Herstellung der ihnen verbotenen Waffengattung bei Bedarf ermöglichen.«21

Mit dieser Einschätzung der mit dem Aufbau einer atomtechnischen Infrastruktur in der Bundesrepublik verbundenen latenten militärischen Optionen, die freilich seit dem 1975 erfolgten Inkrafttreten des Nichtverbreitungsvertrages völkerrechtlich illegalisiert sind, stand und steht Dr. Gruenbaum nicht allein.22

Zwischenzeitlich gut dokumentiert ist jedenfalls, dass die Bundesregierung im April 1958 mit Frankreich und Italien ein Abkommen über die „gemeinsame Entwicklung und Produktion von Atomsprengkörpern“ unterzeichnete („paraphierte“), das dann allerdings von Präsident de Gaulle nach seinem danach erfolgten Machtantritt strikt abgelehnt und als inexistent betrachtet wurde.23

4. Dr. Léon Gruenbaums Whistleblowing und die damit verbundenen Auseinandersetzungen im KfK in Karlsruhe und danach hatten für ihn schwerwiegende Folgen. Sein Nervenleiden, vermutlich die Spätfolge einer Hirnhautentzündung, die er in der Kindheit auf der Flucht der Familie vor den Nazis erlitten hatte, verstärkte sich mehr und mehr. In seinen letzten Jahren zog es ihn wieder zu Freunden nach Karlsruhe. Er verstarb dort 2004 im Alter von 70 Jahren. Seine letzte Ruhestätte fand er auf dem Friedhof in Bad Mingolsheim.

Wenig Verständnis hätte Dr. Gruenbaum, wenn er davon erführe, dafür, dass bis heute Dr. Rudolf Greifeld, der langjährige administrative Geschäftsführer des KfK in Karlsruhe, das vor wenigen Jahren im „Karlsruher Institut für Technologie (KIT)“ aufgegangen ist, nach wie vor Ehrensenator eben dieses KIT ist. Es ist zu hoffen, dass sich das KIT nun endlich auf der Grundlage des in Kürze zu erwartenden Fachgutachtens des Historikers Prof. Rusinek von der Universität Düsseldorf, der zugleich Leiter des Archivs des Forschungszentrums Jülich ist, dazu entschließt, Dr. Greifeld vor allem aufgrund seiner NS-Belastung die Ehrung als Ehrensenator zu entziehen.

Frankfurt am Main/Berlin, im August/September 2015
Die Jury zur Vergabe des Whistleblower-Preises:

RA Gerhard Baisch (Bremen) – Dr. Dieter Deiseroth (Leipzig/Düsseldorf) – Prof. Dr. Hartmut Grassl (Hamburg) – Dr. Angelika Hilbeck (Zürich) – RAin Christine Vollmer (Bremen)

 

Quellen:

1 KfK-Mitarbeiterbrief vom 15.01.1973 an den Parl. Staatssekretär im Bundesforschungsministerium Dr. Volker Hauff (SPD), in: http://www.forum-ludwig-marum.de/site/assets/files/1012/reader.pdf S. 23 – 25; vgl. dazu ferner u.a. Kiefer/Schuffenecker in: Dernières Nouvelles d’Alsace v. 24.10.1975

2 als Faksimile zugänglich unter: http://www.forum-ludwig-marum.de/site/assets/files/1012/reader.pdf S. 10

3 Vgl. dazu u.a. FAZ v. 26.11.1975 „Ärgernis am ILL in Grenoble – 350 französische Wissenschaftler fordern die Abberufung von R. Greifeld“

4 Vgl. FAZ vom 8.12.1975; vgl. ferner die bisher unveröffentlichte Studie von Dr. Gruenbaum (in frz. Sprache): „Genese der Plutoniumgesellschaft – Politische Konspirationen und Geschäfte“, S. 276 – 287; Beate et Serge Klarsfeld, Mémoires. Paris, 2015, S. 404.

5 Vgl. dazu u.a. die Eintragungen im Diensttagebuch von Edouard Bonnefoy, 1940/41 als Direktor des Kabinetts des Präfekten des Departements Seine im dienstlichen Kontakt zu Dr. Greifeld als zuständigem Vertreter der deutschen Besatzungsverwaltung. Bonnefoy war zugleich illegal in der Résistance tätig. Er zeichnete Greifelds einschlägige Äußerungen penibel handschriftlich auf. vgl. u.a. die Eintragungen v.18.7.1940: „Anlässlich der Ehrenparade für den Führer in Paris werden einige Hotels geräumt werden. Wir verlangen, dass die Stadt (Paris) diese Hotels entschädigt für die Zimmer, die deshalb einige Tage leer stehen werden.“. Quelle: http://www.stattweb.de/files/civil/Doku20140629.pdf

6 Vgl. die Einträge im Bonnefoy-Diensttagebuch vom 30.9.1940: „Monsieur Greifeld (M.G.): Bei der Errichtung einer neuen Ordnung in Europa gibt es drei Gruppen von Gegnern, die weggefegt werden, vielleicht nicht morgen, aber mit Gewissheit; das sind die Juden, die Freimaurer und die Plutokraten, diejenigen, die bereit sind, in den Krieg zu treiben, um Geld zu verdienen“, sowie vom 5.5.1941: „Dr. Gr. ist verwundert, dass die französische Regierung keine energischeren Maßnahmen gegen die Juden unternimmt, er erklärt, dass die jüdischen Frechheiten kein Ende nähmen und dass es wünschenswert sei, dass eine gute Ordnung hergestellt wird, gegen diese jüdische Bewegung, die für den Krieg verantwortlich ist und fortfährt, unschuldige Bevölkerungen in den Krieg zu treiben.“

7 Vgl. ferner dazu die an der Universität Lyon erstellte Studie (Dissertation) von Elodie Prost: Edouard Bonnefoy – Un Haut Fonctionnaire sous L’Occupation (juin 1940 – mai 1945). Le devoir de désobéissance. Lyon, 1999, u.a.: „Dr. Greifeld, Sprecher des deutschen Militärbefehlshabers in Frankreich, war in Permanenz beim Direktor des Kabinetts des Präfekten des Seine-Departements E. Bonnefoy, um die deutschen Forderungen zu unterbreiten.“

8 Vgl. die Eintragungen im Diensttagebuch von Edouard Bonnefoy vom 1. und 12.11.1940

9 Waldemar Ernst war von 1940 bis 1942 Leiter des Polizeireferats des Militärbefehlshabers in Frankreich und verantwortlich für zahlreiche Polizeimaßnahmen gegen die Juden und Festnahme der ersten tausend französischen Juden 1941; vgl. dazu die Dokumente in: Serge Klarsfeld, Die Endlösung der Judenfrage in Frankreich; einsehbar unter: http://www.forum-ludwig-marum.de/site/assets/files/1012/reader.pdf, S. 11 – 13

10 Vgl. dazu u.a. die Auskünfte des in der Anti-Apartheid-Bewegung engagierten Kölner Arztes Dr. Wolff Geisler gegenüber der Jury.

11 Gruenbaum, a.a.O., Band 2, S. 215 ff.

12 Vgl. US Military Intelligence Report EW-Pa 128, 7 November 1944 (zugänglich im Internet unter: www.cuttingthroughthematrixcl/articles/Intelligence_Report:EW-Pa_28.html – zuletzt eingesehen am 15.6.2015), published in: Hearings before a Subcommittee of the Committee of Military Affairs. United States Senate. Seventy-Nineth Congress. First Session. Pursuant to Senate Resolution 107 (78th Congress) and Senate Resolution 146 (79th Congress), Part. 2, June 25, 1945, p. 30 – 32; inhaltlich auch wiedergegeben in: Henry Morgenthau Jr., Germany Is Our Problem. New York, 1945, 10 – 11; in deutscher Übersetzung findet sich das Dokument in: Förster/Groehler, Der zweite Weltkrieg. Dokumente, Berlin (Ost), 1972, S. 283 – 286; ein Faksimile ist abgedruckt in: Gaby Weber, Daimler-Benz und die Argentinien-Connection. Von Rattenlinien und Nazigeldern, Berlin, 2004, S. 120 ff; eine quellenkritische Auseinandersetzung mit diesem Dokument findet sich bei Dietrich Eichholtz, Das Reichsministerium für Rüstung und Kriegsproduktion und die Straßburger Tagung vom 10. August 1944, in: Bulletin des Arbeitskreises „Zweiter Weltkrieg“, Nr. 3/4, 1975, S. 5 – 21; vgl. dazu auch Christiane Uhlig u.a., Tarnung, Transfer, Transit. Die Schweiz als Drehscheibe verdeckter deutscher Operationen (1938 – 1952). Hrsg. von der Unabhängigen Expertenkommission Schweiz – Zweiter Weltkrieg, Zürich, 2001, S. 109 – 111.

13 Vgl. dazu u.a. Rena Giefer/Thomas Giefer, Die Rattenlinie. Fluchtwege der Nazis. Eine Dokumentation. 3. Aufl. 1995, S. 22 ff.; Christiane Uhlig u.a., Tarnung, Transfer, Transit., a.a.O., S. 112 ff. m.w.N.; Gaby Weber, Daimler Benz und die Argentinien-Connection, a.a.O., S. 20 ff.

14 Nähere Nachweise in: Christiane Uhlig u.a., Tarnung, Transfer, Transit. A.a.O., S. 190 f.

15 Ebd., S. 196

16 Vgl. u.a. den Brief von Generalleutnant a.D. Hans Speidel vom 23.4.1955, als Faksimile in: http://www.forum-ludwig-marum.de/site/assets/files/1012/reader.pdf, S. 29

17 Vgl. Léon Gruenbaum (in frz. Sprache): „Genese der Plutoniumsgesellschaft, S. 325 – 350; Vortrag Dr. Wolff Geisler in: Forum Ludwig Marum, Symposium Gruenbaum. Karlsruhe 2014, S. 18 – 21

18 Vgl. Joachim Radkau, Plutonium-Politik und Atomwaffen, in: Léon Gruenbaum. Der verfolgte Nazi-Jäger. Symposium des Forum Ludwig Marum, 2014, S. 31 (33)

19 Vgl. dazu Wolff Geisler, ebd., S. 18 ff.

20 Wolff Geisler, ebd., S. 19 f.

21 Robert Jungk, Der Atomstaat, 1979, S. 98 ff.

22 Vgl. dazu u.a. Karl Brandstetter, Allianz des Misstrauens. Diss. Gießen. Köln 1989; Matthias Küntzel, Bonn und die Bombe. Deutsche Atomwaffenpolitik von Adenauer bis Brandt. Frankfurt am Main, 1992; Roland Kollert, Die Politik der latenten Proliferation. Militärische Nutzung „friedlicher“ Kerntechnik in Westeuropa, Wiesbaden, 1994; ders., Atomtechnik als Instrument westdeutscher Nachkriegs-Außenpolitik. VDW-Materialien
1/2000; Tilman Hanel, Die Bombe als Option – Motive für den Aufbau einer atomtechnischen Infrastruktur der Bundesrepublik bis 1963. Essen, 2015.

23 Vgl. dazu u.a. http://www.spiegel.de/einestages/deutsche-aufruestung-a-947286.html; Franz-Josef Strauss, Erinnerungen, 1989, S. 313 ff; Kollert, Atomtechnik …, 2000, S. 12 ff; Gregor Schöllgen/Stephan Geier, Schwellenmacht Deutschland, in: FAZ v. 31.5.2012, S. 7

 

Spurensuche: Militärische Motive der deutschen Atomenergie-Politik und die Atomforscher Kurt Diebner und Erich Bagge

Diebner-Strauß-Bagge
Vielfältige Atomkontakte: Der Atom- und spätere Verteidigungsminister Franz Josef Strauß (Mitte) und die beiden Atomforscher Kurt Diebner (links) und Erich Bagge (rechts). Foto: Montage

Am Anfang stand die Atombombe. Direkt nach der Entdeckung der Kernspaltung und der dabei frei werdenden Energie begann in Nazi-Deutschland ein vielfältiges Forschungsprogramm, mit dem der Bau einer Atombombe realisiert werden sollte. Auch in der Frühphase der jungen Bundesrepublik spielte die Atombombe bei der Entwicklung eines Atomenergieprogramms eine herausragende Rolle – allerdings aufgrund der internationalen Rahmenbedingungen mit Ausnahmen eher im Versteckten und später unter dem Mantel der zivilen Atomenergienutzung im Rahmen des „geschlossenen Brennstoffkreislaufs“. Mit diesem Text setze ich meine „Spurensuche“ über die militärischen Interessen an der Atomenergie in Nazi-Deutschland und der frühen Bundesrepublik fort (*siehe ganz unten im Text). In einer Studie hat Roland Kollert im Jahr 2000 auf die militärischen Motive an der Atomenergie in der jungen Bundesrepublik aufmerksam gemacht und zahlreiche Hinweise nicht nur mit Blick auf die Bonner Politik, sondern auch auf die wissenschaftliche Unterstützung gerichtet. Dabei berichtet er auch über die Aktivitäten der Atomforscher Erich Bagge und Kurt Diebner, die bereits in der Nazi-Zeit zusammengearbeitet und später gemeinsam die Atomforschungsanlage GKSS in Geesthacht gegründet haben. „Spurensuche: Militärische Motive der deutschen Atomenergie-Politik und die Atomforscher Kurt Diebner und Erich Bagge“ weiterlesen

×