Spurensuche Hitlers Bombe – Atomforschung in Nazi-Deutschland – Video-Dokumentation

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Video über die Nazi-Atomforschung. Carl Friedrich von Weizsäcker (Foto: Screenshot des Videos)

Über die Entdeckung der Kernspaltung und den Stand der Atomforschung in Nazi-Deutschland berichtet eine Video-Dokumentation aus dem Jahr 1992. Darin kommen die damals noch lebenden Wissenschaftler Carl-Friedrich von Weizsäcker und Erich Bagge zu Wort, die zu den maßgeblichen Atomforschern in Nazi-Deutschland gehörten. Bagge war Mitglied der NSDAP und gründete gemeinsam mit Kurt Diebner später die Atomforschungsanlage GKSS in Geesthacht bei Hamburg.

Das Video ist hier bei Youtube zu sehen (siehe auch unten).

Über Weizsäcker berichtet die Welt vor kurzem: „Carl Friedrich von Weizsäcker hat wohl gelogen. Neue Briefe des Nobelpreisträgers Werner Heisenberg zeigen, wie sehr der Physiker seinem Schüler und dessen Arbeit im NS-Atombombenprogramm misstraute.“ Weizsäcker hatte – wie auch andere Beteiligte – immer wieder versucht, das Streben nach einer Atombombe für Hitler zu relativieren und phasenweise sogar eine Darstellung betrieben, als hätten Wissenschaftler wie Heisenberg und er die Atombombe für Hitler hintertrieben zu haben. In dem Artikel heißt es u.a. anderem: „Hier findet man seinen Schüler Carl Friedrich von Weizsäcker, von dem inzwischen bekannt ist, wie dreist er die Nachwelt belogen hat. Weizsäcker hat uns vorgeschwindelt, in Deutschland habe man sich in den Kriegsjahren nur mit „wärmeliefernden Maschinen“ beschäftigt, während man inzwischen weiß, dass er mehrere Patente auf Plutoniumbomben erworben hat.“

Die Doku versucht mit dem Stand Anfang der 90er Jahre detailliert die bis dahin bekannten Atom(waffen)-Forschung in Nazi-Deutschland aufzuarbeiten, bezieht sich dabei unter anderem auf die Berichte über die Internierung zehn führender deutscher Forscher in Farm Hall (Großbritannien). Dort wurden die Forscher vom britischen Geheimdienst für rund zehn Monate interniert und ausgiebig über deren Forschungsarbeiten befragt. Während der gesamten Zeit wurden die deutschen Atomforscher abgehört.

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Heisenberg und Bohr nach dem Krieg. Foto: Internet

Ebenso geht der Bericht auf die Treffen von Werner Heisenberg mit dem im besetzten Dänemark lebenden Niels Bohr im Jahr 1941 ein. Weizsäcker begleitete Heisenberg und war an einigen dieser Gespräche beteiligt. Der ältere Bohr, unter dem Heisenberg lange Zeit gearbeitet hatte, war eine Art Mentor. Über den Inhalt und die Absichten dieses Treffens zwischen Bohr und Heisenberg gibt es zahlreiche Interpretationen und Deutungen. In Spektrum (Juli 1995) ist diese festgehalten:

„Er blieb eine Woche in Kopenhagen und hielt sich mehrfach in Bohrs Institut auf. Bei einem dieser Besuche führten er und Bohr ein privates Gespräch, bei dem es offensichtlich zu Missverständnissen kam. Weil Bohr ein schlechter Zuhörer war, könnten die beiden durchaus aneinander vorbeigeredet haben; keiner von beiden scheint sich Notizen gemacht zu haben, so daß niemand genau weiß, was sie wirklich besprachen.

Jedenfalls war Bohr nach dieser Unterhaltung fest davon überzeugt, daß Heisenberg an Kernwaffen arbeitete. Wie Aage Bohr sich später erinnerte, „kam Heisenberg auf die Frage nach den militärischen Anwendungsmöglichkeiten der Atomenergie zu sprechen. Mein Vater war sehr zurückhaltend und zeigte sich skeptisch wegen der großen technischen Schwierigkeiten, die gemeistert werden müßten, doch hatte er den Eindruck, Heisenberg sei der Ansicht, die neuen Möglichkeiten könnten den Ausgang des Krieges entscheidend beeinflussen, falls er sich länger hinziehen sollte“.“

Es lohnt sich, den Bericht in „Spektrum“ selbst zu lesen, um nachzuvollziehen, wie überaus schwierig die Spurensuche über die Atomforschung in Nazi-Deutschland war und ist. Es geht dort um die auch in der Video-Dokumentation enthaltene Skizze, die Bohr nach seiner Flucht aus dem besetzten Dänemark in die USA, den dortigen Atomwaffenforschern übergeben hat. Die Skizze soll das Grundprinzip eines Uran-Reaktors enthalten haben, die Bohr offenbar angesichts fehlender Kenntnisse für eine Bombe gehalten habe. Erst Ende 1943 in den USA erklärten ihm dortige Fachleute, dass es sich um einen Reaktor handeln würde. Doch ob es diese Skizze wirklich gab, ob sie tatsächlich von Heisenberg 1941 an Bohr in Kopenhagen übergeben wurde oder ob Bohr sie später auf Basis der Gespräche mit Heisenberg angefertigt hatte, konnte bis in die 90er Jahre nicht zweifelsfrei aufgeklärt werden (ob das inzwischen gelungen ist, entzieht sich meiner Kenntnis).

Der Autor Jeremy Bernstein stellt beeindruckend dar, wie kompliziert die Rekonstruktion dieser historischen Bausteine ist, selbst wenn es damals noch die Möglichkeit gab, mit einzelnen direkt beteiligten Personen persönlich zu sprechen.

Auch Mark Walker kommt in der Video-Dokumentation vielfach zu Wort. Vor allem Walker hat mit seinen Untersuchungen zum Stand der Atomforschung in Nazi-Deutschland wichtige Beiträge geliefert.

Walker hatte sich auch mit dem von Rainer Karlsch 2005 veröffentlichten Werk „Hitlers Bombe“ konstruktiv auseinander gesetzt. Darin hatte Karlsch damals Hinweise dafür geliefert, dass die Atomwaffenforschung in Nazi-Deutschland möglicherweise weiter war, als bis dahin angenommen worden war. Karlsch hatte sein Augenmerk nicht so sehr auf die Forscher-Elite um Heisenberg und Weizsäcker gerichtet, sondern ist vor allem den Tätigkeiten von Kurt Diebner (und auch Erich Bagge) nachgegangen. Diebner, Mitglied der NSDAP, war Anfang der 40er Jahre Chefkoordinator und maßgebliche Kraft im Waffenheeresamt für die Atomforschung. Unter seiner Regie entstand der Uranverein, in dem die Forschungen der beteiligten Atom-Experten abgestimmt bzw. diskutiert wurden.

Die Süddeutsche berichtet 2010 über eine Veranstaltung mit Karlsch und Walker: „“Es gab keine deutsche Atombombe“, sagte Mark Walker, ein New Yorker Wissenschaftshistoriker, der mit „Die Uranmaschine“ ein Standardwerk über das Kernwaffenprogramm der Nazis geschrieben hatte und deshalb mit auf dem Podium saß. Zumindest keine Atombombe, die mit dem, was die Amerikaner später auf Nagasaki abwarfen, vergleichbar gewesen wäre. Das aber würde Karlsch in dem Buch auch nicht behaupten. Alles, was er beschreibe, seien Versuche, eine Art von Kernwaffe zu bauen. Er habe, sagt Walker, Rainer Karlsch davor gewarnt, die Ergebnisse jener Versuche als Atombomben zu bezeichnen. Die Verwirrung, die dies in den Medien ausgelöst habe, sei vorherzusehen gewesen.“

Was Karlsch in seinem Buch herausarbeitet und mit vielen Hinweisen zu untermauern versucht, ist in der Tat im klassischen Sinn keine Atombombe, sondern der Versuch, über Hohlladungs-Sprengungen eine nukleare Reaktion auszulösen. Diese Art von „Atomwaffe“ würde heute mit dem Stichwort „Mini-Nukes“ bezeichnet werden.

Weiter schreibt die Süddeutsche: „Walker bemühte sich, die eigentlichen Rechercheleistungen des Buches hervorzuheben. Karlsch hatte in Moskauer Archiven beispielsweise eine Rede Heisenbergs entdeckt, nach der er, Walker, vergeblich gesucht hatte. Er hatte außerdem zeigen können, dass es neben Heisenberg eine Gruppe bislang unterschätzter deutscher Wissenschaftler gegeben hatte, die im Auftrag der SS arbeitete und offenbar weniger Skrupel hatte, eine solche Waffe zu entwickeln, als Heisenberg und Kollegen.“ (Und direkt im Anschluss schreibt der SZ-Autor: „Sie scheiterten letztlich daran, dass sie für die Bombe nicht ausreichend spaltbares Material hatten. Der Reaktor, in dem sie versuchten Uran anzureichern, lief, wenn überhaupt, nur wenige Tage.“)

Uran-Verein: Bohr-Briefe an Heisenberg im Internet veröffentlicht (Februar 2002)

Uran-Verein: Bohr-Briefe an Heisenberg im Internet veröffentlicht
Diskussion um Rolle deutscher Physiker bei der Entwicklung der Atombombe für die Nazis neu entfacht

B.O.A.-NACHRICHTEN last update: boa München, Fr. 08.02.2002 – 14:00

Nach Darstellung des dänischen Atomphysikers Niels Bohr glaubte der deutsche
Physiker Heisenberg an den Sieg der Natioalsozialisten mit Atomwaffen.
Der deutsche Physiker Carl Friedrich von Weizsäcker widerspricht.
Heisenberg und Weizsäcker hatten für das NS-Regime am deutschen
Atom-Projekt „Uran-Verein“ mitgewirkt.
Das Uran-Projekt
Farm Hall
Dr. Heisenberg – oder wie er vielleicht doch lernte, die Bombe zu lieben
Zwei Genies und die Bombe.
Bücher über Werner Heisenberg und das Atombombenprojekt der Nazis.

 

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Bohr-Briefe an Heisenberg veröffentlicht

Bericht über Treffen beider Physiker zu Atomwaffenplänen der Nationalsozialisten

Fr. 08.02.02 – Der Streit um die Rolle der deutschen Physiker Werner Heisenberg (1901-1976) und Carl Friedrich von Weizsäcker während der NS-Zeit ist neu entbrannt. Auslöser sind bislang unveröffentlichte Dokumente des dänischen Atomphysikers Niels Bohr. Die beiden Deutschen sollen 1941 bei einem Treffen im damals besetzten Kopenhagen versucht haben, Bohr von der Unausweichlichkeit eines deutschen Sieges durch noch zu entwickelnde Atombomben im Zweiten Weltkrieg zu überzeugen.

Insgesamt elf Brief- und Textentwürfe des 1962 gestorbenen Bohr wurden am Mittwoch im Internet veröffentlicht. In einem 1957 oder 1958 abgefassten, aber nie abgeschickten Brief an Heisenberg schrieb Bohr: „Es hat großen Eindruck auf mich (…) gemacht, dass du und Weizsäcker eure sehr entschiedene Überzeugung zum Ausdruck gebracht habt, dass Deutschland siegen würde und es deshalb dumm von uns anderen sei, weiter auf einen anderen Ausgang zu hoffen.“

Zu den für Bohr vorher völlig unbekannten Anstrengungen Deutschlands zum Bau einer Atombombe hieß es in dem Briefentwurf: „Du sprachst in vagen Wendungen, die mir den klaren Eindruck vermitteln mussten, dass man in Deutschland unter deiner Leitung alles tat, um eine Atombombe zu entwickeln. Und dass wir nicht über Detailssprechen bräuchten, weil du so stark daran beteiligt gewesen seist und dich in den vergangen zwei Jahren mit nichts anderem beschäftigt hättest.“

Der 89-Jährige von Weizsäcker widersprach der Darstellung Bohrs. Der am Starnberger See lebende Bruder des Ex-Bundespräsidenten sagte: „Bohr ist in seiner Erinnerung einem tiefen Irrtum erlegen.“ Im September 1941 hätten Heisenberg, er selbst und andere ihre Arbeit an einer deutschen Atombombe schon ergebnislos eingestellt. „Wir waren darüber froh, denn vorher hatten wir Angst, dass wir sie für ein Scheusal wie Hitler bauen würden“, sagte er.

In Wirklichkeit soll Heisenberg den damals weltberühmten Bohr dazu bewegen haben wollen, auch die USA und Großbritannien zu einem Verzicht auf die Entwicklung vonAtomwaffen zu bewegen. „Davon wollte Bohr nichts wissen, und er hat das Gespräch sehr brüsk beendet“, erklärte von Weizsäcker. Auch Heisenberg hatte den von Bohr behaupteten Gesprächsverlauf nach Kriegsende stets bestritten und erklärt, er habe seinen Ex-Lehrer und väterlichen Freund vor allem warnen wollen.

Bohr hat den Brief geschrieben, nachdem er die dänische Übersetzung des deutschen Buchs „Heller als 1000 Sonnen“ von Robert Jungk mit der von seiner Erinnerung abweichenden Darstellung des Treffens durch Heisenberg gelesen hatte. Jungk hatte in seinem 1956 erschienenen Bestseller berichtet, Heisenberg habe Bohr zum inneren Widerstand gegen den Bau der Atombombe bewegen wollen – eine Version der Ereignisse, die noch dem Buch „Heisenberg’s War“ (1993) von Thomas Powers zu Grunde liegt. Und dieses wiederum lieferte den Stoff für das Theaterstück „Kopenhagen“ (1998) von Michael Frayn, einen Welterfolg, in dem die Geister von Niels Bohr, seiner Frau Margarethe und Werner Heisenberg darüber diskutieren, was an jenem Tag tatsächlich geschehen ist.

Den Anlass zur Veröffentlichung der elf Dokumente hatte das Drama von Michael Frayn und die darauf folgende wissenschaftshistorische Debatte gegeben. Sieht Michael Frayn sich jetzt widerlegt? „Für Bohr wie für Heisenberg muss dieses Treffen wie ein Albtraum gewesen sein, mit dem sie sich immer wieder beschäftigt haben, sagt er der Süddeutschen Zeitung. „Es ist nicht verwunderlich, dass dabei am Ende zwei Varianten entstehen.“ Niels Bohr floh 1943 über England in die Vereinigten Staaten. Für deren Atomprogramm ist er kaum noch nützlich gewesen.

Die Dokumente sind in Dänisch, in einem Fall in Deutsch, sowie generell in englischer Übersetzung im Internet abrufbar unter: http://www.nbi.dk/NBA/papers/docs/cover.html
Hinweise auf die Spekulation, dass Heisenberg seinen früheren Lehrer Bohr zu einer Mitarbeit am deutschen Atombombenprojekt „Uran-Verein“ überreden wollte, geben die Dokumente allerdings nicht.

„…Wie du aus unseren Unterhaltungen in den ersten Jahren nach dem Krieg weißt, haben wir hier einen ziemlich anderen Eindruck von dem, was während dieses Besuchs geschah, als du es in Jungks Buch beschrieben hast…

…Es musste mich sehr stark beeindrucken, dass du gleich am Anfang behauptetest, du seist sicher, der Krieg werde mit Atomwaffen entschieden, wenn er nur lange genug dauere. Ich wusste zu dieser zeit überhaupt nichts von den Vorbereitungen, die in England und Amerika liefen. Als ich vielleicht ein bisschen zweifelnd schaute, fügtest du hinzu, ich müsse einsehen, dass du dich in den vergangenen Jahren nahezu ausschließlich mit dieser Frage beschäftigt hättest und nicht daran zweifeltest, dass sie (die Atombombe, Anm. d.Red.) gebaut werden könne. Deshalb ist es ziemlich unverständlich für mich, dass du denken könntest, du hättest mir einen Hinweis darauf gegeben, dass die deutschen Physiker alles tun würden, um so eine Anwendung der Atomforschung zu verhindern.“

Auszüge aus einem der jetzt veröffentlichten Briefe
von Bohr an Heisenberg (vom 26.März 1962)

 

„…Wir wussten also, dass man grundsätzlich Atombomben machen kann, haben aber den dazu nötigen technischen Aufwand eher für noch größer gehalten, als er dann tatsächlich war. Diese Situation schien uns eine besonders günstige Voraussetzung dafür, dass Physiker Einfluss auf das weitere Geschehen nehmen konnten. Denn wäre die Herstellung von Atombomben unmöglich gewesen, so wäre das Problem gar nicht entstanden; wäre sie aber leicht möglich gewesen, so hätten Physiker sicher die produktion nicht verhindern können … In dieser Lage glaubten wir, dass dieses Gespräch mit Bohr nützlich sein könne…“

Auszüge aus dem Brief von Heisenberg
an den Journalisten Robert Jungk (1958 publiziert)

 

„Er sagte mir hinterher, dass er mit falschen Vorstellungen dorthin gefahren sei. Er rechnete nicht damit, dass Bohr angesichts der deutschen Bedrohung Angst um sein Leben haben könnte und mißtrauisch gegenüber jedem Gast aus Deutschland war. Heisenberg hatte in dem Gespräch angedeutet, „wir bauen einen Reaktor“, und er signalisierte dabei nur – denn aussprechen konnte er das ja wegen der Gefahr des Geheimnisverrates nicht -, dass man nicht plante, eine Bombe zu bauen. Als Borh darauf einwand, die Kettenreaktion funktioniere doch gar nicht, und Heissenberg entgegnete, er sei überzeugt, dass es doch funktioniere, war klar wie unterschiedlich die Auffassungen der beiden über die Machbarkeit der Bombe waren. Bohr war total außer sich.“

(Hans-Peter Dürr gegenüber der FAZ, 12.02.02. Der Physiker Dürr ist Träger des alternativen Nobelpreises und einer der profiliertesten Kritiker der Atomindustrie. Dürr kam 1958 an das Göttinger Max-Planck-Institut für Physik zu Heisenberg, wo er bis zu dessen Tod im Jahre 1976 als einer der engsten Vertrauten Heisenbergs tätig war.)

 

„…Man erfährt zum ersten Mal explizit Bohrs Einschätzung über das Gespräch. Dass es damals den Anschein hatte, als ob Heisenberg und sein Reisebegleiter Carl Friedrich von Weizsäcker fest von einem Sieg Nazideutschlands überzeugt seien und dass Bohr nicht den Eindruck hatte, die deutschen Wissenschaftler wollten den Bau der Atombombe verhindern, wusste man bisher nur aus den Berichten von Bohrs Institutsmitarbeitern und seinem Sohn Aage. Direkt aus Bohrs Feder bekommt die Aussage nun größere Autorität. Gleichzeitig belegen die Schriftstücke, wie intensiv sich Bohr bis fast zu seinem Tod mit dem Gespräch und damit auch mit seiner Beziehung zu Heisenberg auseinander gesetzt hat…

…Er (Heisenberg, Anm. d.Red.) war kein Nazi. Aber er war der Chef eines der größten Forschungsvorhaben im Dritten Reich, nämlich des Uran-Projekts. Insofern galt er im Ausland als Repräsentant des Regimes auf dem Gebiet der Physik. Und als solcher wurde er auch in Dänemark wahrgenommen…

…(Bohrs Briefe) bestätigen zumindest, dass Heisenberg kein strahlender Widerstandskämpfer und keine moralische Instanz im Dritten Reich war. Er hat vielmehr seine Kompromisse mit den damaligen Machthabern geschlossen und vielfach opportunistisch gehandelt…

…Physiker verhalten sich, gutwillig ausgedrückt, in politische Dingen oft sehr naiv. Und sie sind meist so eng mit ihrer Wissenschaftswelt verhaftet, dass sie die politische Dimension ihres Tuns nicht wahrnehmen wollen. Das ist im Übrigen kein alleiniges Problem der Physik, sondern ein allgemeines Problem von geistigen und technokratischen Eliten, und zwar bis heute.“

Auszüge aus dem Interview mit dem Wissenschaftshistoriker Dieter Hoffmann in der Wochenzeitung „Die Woche“(15.02.02). .

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Das Uran-Projekt

Das Uran-Projekt des „Dritten Reiches“ stand unter Aufsicht des Heereswaffenamtes, das einigen Dutzend Wissenschaftlern die Aufgabe übertrug, das wirtschaftliche und militärische Potential der Kernspaltung zu untersuchen, die Ende 1938 von Otto Hahn und Fritz Straßmann entdeckt worden, und danach durch ihre frühere Kollegin Lise Meitner theoretisch erläutert worden war.

Während des Blitzkrieges von September 1939 bis zu den letzten Monaten des Jahres 1941 kamen die deutschen Wissenschaftler, die gemeinsam am Uran-Projekt arbeiteten, zu dem Schluß, das nukleare Sprengstoffe in Form von reinem 238Uran und Plutonium durch Isotopentrennung beziehungsweise einen Nuklearreaktor erzeugt werden könnten.

Sobald die Beteiligten am Uran-Projekt zu wichtigen Ergebnissen gelangt waren, teilten sie diese dem Heereswaffenamt mit und betonten zugleich die Relevanz der Ergebnisse im Hinblick auf die Herstellung atomarer Waffen. Werner Heisenberg hatte z. B. gegen Ende des Jahres 1939 dem Heereswaffenamt mitgeteilt, daß isotopisches 235Uran ein starker atomarer Sprengstoff wäre. Im Sommer 1940 meldete Carl Friedrich von Weizsäcker an die gleiche Stelle, daß ein spaltbares transuranisches Element (welches die Deutschen in der Folge als Plutonium erkannten) in einem Atomreaktor erzeugt werden könne. Zu einem späteren Zeitpunkt des gleichen Jahres bezog Otto Hahn sich auf die militärische Bedeutung der Arbeit von Weizsäckers, als er dem Heer deutlich machte, daß die Erforschung transuranischer Elemente in seinem Institut Unterstützung verdiente.

Im Januar 1942 fragte das Heereswaffenamt die Wissenschaftler des Projektes zum ersten und letzten Mal, ob Atomwaffen realisierbar seien und wann mit ihnen zu rechnen sei. Die Wissenschaftler stimmten zu, daß Atomwaffen erzeugt werden könnten, daß dies aber mindestens einige Jahre in Anspruch nehmen würde.

Der Leiter der Forschungsabteilung des Heereswaffenamtes Erich Schumann kam zu dem berechtigten Schluß, daß die Nuklearforschung für den Krieg, den Deutschland führte, irrelevant war und gab das Uran-Projekt in zivile Hände.

Die Arbeit wurde im Labor von etwa fünfzig vollzeit- oder teilzeitbeschäftigten Forschern fortgeführt; man untersuchte alle Aspekte der angewandten Kernspaltung. Diese Wissenschaftler waren insbesondere bemüht, die beiden starken nuklearen Sprengstoffe 235Uran und Plutonium zu analysieren und zu erzeugen.

Obwohl die Deutschen weiterhin sehr hart an Atomreaktoren und der Isotopentrennung arbeiteten, konnten sie erst am Ende des Krieges die Ergebnisse vorweisen, zu denen Amerikaner und Briten bereits im Sommer 1942 gelangt waren. Die deutschen Wissenschaftler betonten gegenüber dem nationalsozialistischen Staat auch weiterhin den militärischen Aspekt ihrer Arbeit.

Paul Harteck versuchte 1942 das Heereswaffenamt zu überzeugen, daß die Erforschung der Isotopentrennung mehr Unterstützung verdiene, da sie die besten Aussichten auf die Erzeugung nuklearer Sprengstoffe böte. Im Februar desselben Jahres hielt Werner Heisenberg einen berühmten Vortrag über „Die theoretische Grundlage für die Energieerzeugung durch Uranspaltung“ vor einem Publikum führender Vertreter der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei, der Staatsbürokratie, der Streitkräfte und der deutschen Industrie. Einerseits teilte Heisenberg dem Publikum mit, daß 235Uran und Plutonium nukleare Sprengstoffe mit einer „vollkommen unvorstellbaren Wirkung“ seien, auf der anderen Seite betonte der Physiker jedoch, daß die Gewinnung dieser Sprengstoffe sehr schwierig sei und daß noch viel Arbeit vor ihnen liege.

Die Mitarbeiter des Uran-Projektes ließen die Arbeit an diesen Stoffen nie ruhen. Als sich jedoch mit fortschreitender Zeit die Lage der Deutschen im Krieg verschlechterte, wurde die militärische Nutzung der Kernspaltung nicht mehr in der Öffentlichkeit diskutiert.

Bei Kriegsende wurden die meisten dieser Wissenschaftler verhaftet und von der Alsos-Mission verhört, einer wissenschaftlichen Geheimdiensttruppe der amerikanischen Streitkräfte. Ironischerweise glaubten die Deutschen, daß ihre Errungenschaft – die vollständige Trennung kleinster Mengen von 235Uran und ein Atomreaktor bestehend aus natürlichem Uran und schwerem Wasser, welche fast kritisch wurde (d.h. er ermöglichte beinahe eine Atomspaltungskettenreaktion und hielt diese aufrecht) – die Alliierten überflügelt hätte.

Die deutschen Wissenschaftler änderten abrupt ihre Meinung, als die Nachricht des Angriffs auf Hiroshima enthüllte, daß die Amerikaner Atomwaffen gebaut und eingesetzt hatten. Zehn dieser Wissenschaftler waren in England interniert. Sie wollten die Nachricht zunächst nicht glauben. Sogar nachdem sie überzeugt waren, daß die Amerikaner eine Atombombe gebaut hatten, hielten die Deutschen in Farm Hall untereinander an ihrer Argumentation fest, daß einige Aspekte ihrer Arbeit der Arbeit der Amerikaner überlegen sein könnten.

Nach und nach, als immer mehr Informationen über das amerikanische Projekt zu ihnen durchdrangen, mußten sie zugeben, daß die Amerikaner sie übertroffen hatten. (Quelle: Mark Walker – Das Uran-Projekt http://www.uni-muenster.de/PeaCon/wuf/wf-95/9521401m.htm ; in „Der Griff nach dem atomaren Feuer. Die Wissenschaft 50 Jahre nach Hiroshima und Nagasaki“. Herausgegeben von U. Albrecht, U. Beisiegel, R. Braun und W. Buckel, Frankfurt a.M., Berlin, Bern, New York, Paris, Wien 1995. )

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Carl Friedrich von Weizsäcker
widerspricht Darstellung Bohrs

Fr. 08.02.02 – Carl Friedrich von Weizsäcker widerspricht vehement der Darstellung Bohrs in einem Interview der Süddeutschen Zeitung: Er sei mit Heisenberg in gleichsam diplomatischer Mission nach Kopenhagen gefahren. Man habe Bohr davon überzeugen wollen, dass die Deutschen in absehbarer Zeit nicht in der Lage sein würden, sich mit Atombomben zu bewaffnen. Gemeinsam müsse man nun dafür sorgen, dass der Krieg mit konventionellen Waffen beendet werde. „Bohr hat nicht verstanden, was Heisenberg wollte“, sagt Weizsäcker.

Mehr unter:
http://www.sueddeutsche.de/aktuell/sz/artikel120515.php

„Neben Max Planck und Otto Hahn gehörte Werner Heisenberg zu den wenigen renommierten Physikern, die im Nazi-Deutschland blieben, obwohl er wiederholt Angebote hatte ins Ausland zu gehen – weil er sein Land nicht im Stich lassen wollte, wie er sagte. Doch statt sich zu verkriechen und Integrale zu lösen, wurde er bereitwillig Leiter des deutschen Uran-Projekts und bereiste auch als Repräsentant der „Deutschen Kultur“ die okkupierten Gebiete. Heisenberg war mit Sicherheit kein Nazi, aber er war auch nicht der Widerstandskämpfer, zu dem ihn Robert Jungk stilisiert hat – ohne dass Heisenberg dagegen protestiert hätte. Die antisemitische Propaganda der Nazis hat ihn verstört, aber seine Reaktion war nur „akademisch“, wie es der Berliner Wissenschaftshistoriker Dieter Hoffmann nennt. In Farm Hall zeigte er sich über die Nachricht von Hiroshima schockiert, weniger wegen politischer Konsequenzen oder menschlicher Tragödien, sondern vielmehr weil ein anderes Team als sein eigenes es geschafft hatte, die Bombe zu bauen.“ Jeanne Rubner in der Süddeutschen Zeitung vom 11.02.02.

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„Vor 16 Stunden hat ein amerikanisches Flugzeug über Hiroschima, einer wichtigen japanischen Militärbasis, eine Bombe abgeworfen. Sie hatte eine Sprengkraft von mehr als 20.000 Tonnen TNT.“

Mit diesen Worten trug der Pressesprecher des Weißen Hauses am 6. August 1945 um 10.45 Uhr in Washington die offizielle Verlautbarung seines Präsidenten Harry S. Truman vor.

Die ersten Reporter stürzten schon zum Ausgang, als der Sprecher weiterlas: „Es handelt sich um eine Atombombe. Sie verkörpert die Nutzbarmachung der elementaren Kräfte des Universums.“ (…)

Am selben Tag auf Farm Hall, einem großen Landsitz in der Nähe von Cambridge in England: Der Berliner Chemiker Otto Hahn, Entdecker der Kernspaltung, war hier zusammen mit den führenden Atomforschern Deutschlands interniert. Es war um die Abendessenszeit, als der britische Major, der die Gruppe betreute, mit einer Flasche Gin in der Hand bei Hahn anklopfte und ihm vom Atombomben-Abwurf über Hiroschima berichtete.

„Ich wollte es nicht glauben“, schrieb Hahn in sein Tagebuch. Er war „unglaublich geschockt und niedergeschlagen“. Der Tod so vieler „unschuldiger Frauen und Kinder war kaum zu ertragen“.

Hahn stärkte sich mit einem Gin, bevor er zum Abendessen ging, wo der Major den anderen die Nachricht überbrachte. Im Mittelpunkt der folgenden erregten Diskussion stand der Nobelpreisträger Werner Heisenberg, Leiter der ruhmlosen deutschen Bemühungen, eine Atombombe zu bauen.

Hahn: „Wenn die Amerikaner eine Uranbombe haben, dann seid ihr alle zweitklassig. Armer alter Heisenberg!“

Heisenberg: „Haben sie das Wort Uran gebraucht?“

Hahn: „Nein.“

Heisenberg: „Dann hat es auch nichts mit Atomen zu tun . . .“

Stundenlang stritten die Wissenschaftler über Ethik und Machbarkeit der Atombombe, nannten sie „entsetzlich“ und „irrsinnig“. Sie kamen nicht darauf, wie die Amerikaner die technischen Probleme gelöst haben könnten, an denen sie gescheitert waren.

Hahn empfahl zum Abschluß der Debatte, darauf zu wetten, daß alles ein großer Bluff der Amerikaner sei. Er selbst schien davon nicht überzeugt. Er wirkte so verstört, daß Heisenberg und die anderen fürchteten, er könne sich das Leben nehmen.

Heisenberg äußerte später harsche Selbstkritik: „Eine Schande, daß wir, die Professoren, die daran gearbeitet haben, nicht einmal dahintergekommen sind, wie sie es gemacht haben.“ (Quelle:http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,169627,00.html )

Operation Epsilon : The Farm Hall Transcripts:
http://www.amazon.com/exec/obidos/ASIN/0520084993/theatomicarchive

Auszug des Farm Hall Transcripts:
http://www.atomicarchive.com/Docs/Farmhall.shtml

Deutsche Physiker haben während ihrer Internierung im englischen Landhaus Farm Hall behauptet, sie hätten die Entwicklung der Atombombe bewusst verzögert. Dazu der Wissenschaftshistoriker Dieter Hoffmann: „Das ist reiner Mythos. Alle Fakten sprechen dagegen.“

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Dr. Heisenberg – oder wie er vielleicht doch lernte, die Bombe zu lieben

Zur Begegnung zwischen Niels Bohr und Werner Heisenberg gibt es bei „telepolis“ einen ausführlichen Beitrag von Goedart Palm.
Im Internet abrufbar unter:
http://www.heise.de//tp/deutsch/inhalt/lis/11574/1.html

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„Mehr Wahrheiten über Herrn H.“

Bücher über den deutschen Physiker Werner Heisenberg und das Atombombenprojekt der Nazis

1. Jorge Volpi – „Das Klingsor-Paradox“

Deutschland, im Mai 1945: In der Universitätsstadt Heidelberg trifft der holländische Physiker Samuel I. Goudsmit auf den deutschen Physiker Werner Heisenberg. Dem amerikanischen Leutnant Francis Bacon erzählt Goudsmit hinterher, er habe Heisenberg das gleiche Angebot wie bei ihrer letzten Begegnung gemacht: Er habe ihn eingeladen, in den USA zu arbeiten. Heisenberg habe abgelehnt – wie damals. „Mit diesem typisch deutschen Ausdruck der Überlegenheit hat er nur gesagt: ,Nein, ich möchte nicht fortgehen. Deutschland braucht mich.‘ “

So schildert der mexikanische Schriftsteller Jorge Volpi in seinem Roman „Das Klingsor-Paradox“ die erste Begegnung der ehemaligen Kollegen Goudsmit und Heisenberg nach dem Krieg.

Samuel Goudsmit leitete damals die wissenschaftliche Abteilung der britisch-amerikanischen Alsos-Mission, die den Stand der deutschen Atomforschung in Erfahrung bringen sollte. In den letzten Wochen des Krieges bestand das oberste Ziel der Alsos-Mission darin, die zehn Wissenschaftler, die mit dem deutschen Atomprojekt in Verbindung standen, festzunehmen, bevor sie den Russen oder den Franzosen in die Hände fielen.

Mit der Verhaftung der deutschen Wissenschaftler, die im so genannten Uranverein während der Nazizeit über die wirtschaftliche Nutzung der Atomenergie forschten, wurde dieses Stück Wissenschaftsgeschichte zum Krimi. Die Engländer internierten die Deutschen in Farm Hall, einem Gebäude des britischen Geheimdienstes, das mit Wanzen gespickt war. Sechs Monate lang wurden die Gespräche der Wissenschaftler aufgezeichnet. Amerikaner und Briten wollten vor allem Klarheit darüber erlangen, ob die Deutschen noch irgendwo Forschungsmaterial versteckt hielten und ob die Wissenschaftler nach ihrer Freilassung vorhatten, für die Russen zu arbeiten. Bis Anfang der Neunziger hielten die Briten die aufschlussreichen Protokolle dieser Überwachungsaktion vor der Öffentlichkeit geheim.

Doch auch nach Veröffentlichung der Protokolle ist Heisenbergs Rolle in der Atomforschung im Dritten Reich immer noch unklar.

Jorge Volpi: „Das Klingsor-Paradox“. Aus dem Spanischen von Susanne Lange. Klett-Cotta, Stuttgart 2001, 510 Seiten

2. Michael Frayn – „Kopenhagen“

Viel ist darüber gemutmaßt worden, warum Heisenberg im September 1941 seinen väterlichen Freund Niels Bohr in dessen Kopenhagener Institut aufsuchte. Wollte er Bohr etwa für eine Zusammenarbeit mit den Deutschen gewinnen? Wollte er ihn aushorchen? Wollte er ihn warnen? Fest steht, dass es zwischen den beiden zum Streit kam und dass die Kränkung so tief saß, dass sie sich auch nach Kriegsende nicht mehr beseitigen ließ. Amerikanische, englische und deutsche Wissenschaftshistoriker haben unzählige Hypothesen über das Treffen entwickelt, die sich auch in Volpis Roman widerspiegeln. Der britische Dramatiker Michael Frayn hat aus dieser Begegnung ein Aufsehen erregendes Theaterstück gemacht, das zusammen mit zwölf Aufsätzen von Wissenschaftshistorikern in einem Buch herauskam.

Michael Frayn: „Kopenhagen“. Wallstein Verlag, Göttingen 2001, 270 Seiten

3. Paul Lawrence Rose – „Heisenberg und das Atombombenprojekt der Nazis“:

Nach dem Krieg mussten Heisenberg und seine Kollegen sich nicht nur dafür rechtfertigen, dass sie während des Nationalsozialismus in Deutschland geblieben waren; sie mussten auch eine plausible Erklärung dafür finden, warum es ihnen, die als die besten Physiker der Welt galten, im Gegensatz zu den Amerikanern und Briten nicht gelungen war, die Bombe zu bauen. In den Farm-Hall-Protokollen findet sich, wenige Stunden nachdem die Internierten vom Atombombenabwurf auf Hiroschima erfahren haben, eine zynische Bemerkung von Otto Hahn: „Falls die Amerikaner eine Uranbombe haben, seid ihr alle zweitklassig.“ Vor diesem Hintergrund wird alles, was die Wissenschaftler nach dem Krieg über ihre Tätigkeit im Uranverein sagten und schrieben, zu einem vielfach interpretierbaren Text. So entstand auch die (von Heisenberg beförderte) von Robert Jungk in dem Buch „Heller als tausend Sonnen“ verbreitete Lesart, Heisenberg und Carl Friedrich von Weizsäcker hätten den Bau der Bombe mit falschen Berechnungen sabotiert.

Verklärte Jungk ihn zum heimlichen Widerstandskämpfer, so beschreibt ihn der Amerikaner Paul Lawrence Rose in seinem soeben auf Deutsch erschienenen Buch „Heisenberg und das Atombombenprojekt der Nazis“ als überheblichen „typisch deutschen“ Wissenschaftler und als Repräsentant der „tiefsinnigen deutschen Kultur“. Aus reiner Arroganz, so Rose, sei Heisenberg am Bau der Bombe gescheitert und habe daher im Nachhinein versucht, sich als von moralischen Überlegungen geleitet darzustellen.

Jungk hat seine Heisenberg-Legende später revidiert.

Paul Lawrence Rose: „Heisenberg und das Atombombenprojekt der Nazis“. Aus dem Englischen von Angelika Beck. pendo Verlag, Zürich 2001, 500 Seiten, 58 Mark

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Zwei Genies und die Bombe

„Er hat es immer und immer wieder erklärt, und jedes Mal wurde es noch undurchschaubarer.“

Margarethe Bohr in Michael Frayns Theaterstück „Copenhagen“ über den deutschen Atomphysiker und Nobelpreisträger Werner Heisenberg.

Irgendwann zwischen Nachmittag und frühem Abend gehen in Kopenhagen zwei bedeutende Wissenschaftler miteinander spazieren. Sie durchwandern – vermutlich am 16. September 1941 – den zur Carlsberg-Brauerei gehörenden, von mächtigen Platanen, japanischen Gingkos und dichten ungarischen Silberlinden gesäumten weitläufigen Faelled-Park.

Das Gelände umschließt ein elegantes klassizistisches Schloss, ein so genanntes „Haus der Ehre“, das der allerorten gefeierte „Papst“ der Atom- und Elementarteilchen-Physik, der damals 55jährige Niels Bohr, bewohnt. Er hat Besuch von seinem ehedem besten Schüler, Werner Heisenberg, 39, aus Berlin…

Weiter unter:
http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,92601,00.html

 

Das Treffen von Heisenberg und Bohr in Kopenhagen 1941 ist der Aufhänger für die Frage nach dem Verhalten der intellektuellen Elite in einem Unrechtregime – und nach dem Verhältnis von Wissenschaft und Moral- Die Süddeutsche Zeitung sammelt Beiträge zu dieser Debatte auf der Webseite http://www.sueddeutsche.de/kopenhagen

 

(Quellen: ap, mdr, sz, telepolis, taz, dw, boa-archiv)
 


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Otto Hahn – Vor der Kernspaltung das Giftgas

Otto Hahn (Nobel)
Otto Hahn (Nobel): Vor der Entdeckung der Kernspaltung in Nazi-Deutschland im Einsatz für deutsches Giftgas.

Eine überaus spannende Recherche über Otto Hahn, einen der Entdecker der Kernspaltung (gemeinsam mit Fritz Straßmann und Lise Meitner), findet sich heute in einem Artikel von Reimar Paul in der taz. Unter der Überschrift „Otto Hahn führte Giftgaskrieg“ heißt es: „Hundert Jahre nach Beginn des Ersten Weltkriegs hat das Göttinger „Bündnis Antikriegsforschung“ verlangt, dem Chemie-Nobelpreisträger Otto Hahn die Ehrenbürgerschaft der Stadt Göttingen abzuerkennen und das Otto-Hahn-Gymnasium sowie die Otto-Hahn-Straße umzubenennen. Hahn selbst gehöre als „Kriegsverbrecher“ gebrandmarkt. Ein knappes Dutzend Initiativen und Organisationen unterstützen diese Forderungen.

  • UPDATE 22/12/2014: Bereits vor einiger Zeit hatte mich Vera Keiser darauf aufmerksam gemacht, dass der Nachweis, dass Hahn selbst Giftgas entwickelt hätte, in der Darlegung von Martin Melchert (siehe unten) nicht erbracht wird. Belege dafür, so schreibt sie in einer Mail an mich, sind nicht bekannt. Otto Hahn hat über die Beteiligung an Giftgas-Einsätzen bereits in seinem Memoiren „Mein Leben“ selbst ausführlich berichtet hat. So schreibt Hahn auf Seite 118/9 im Kapitel „Erster Weltkrieg“ z.B.: „Um diese Zeit herum wurden die Vorbereitungen für den geplanten großen Angriff mit Chlorgas abgeschlossen. Gasalarm wurde mehrfach gegeben, der Angriff selbst mußte aber immer wieder aufgrund der Witterungsverhältnisse verschoben werden, denn stets schlug – nach der Festlegung des Angriffstermins, der etwa 24 Stunden vorher zu erfolgen hatte- der Wind um, so daß die aus den Bereitschaftsstellungen herangeführten Truppen wieder abrücken mußten. Mitte April entschloß sich die Heeresleitung, alle Chlorflaschen wieder ausbauen und an einen Frontabschnitt nordöstlich von Ypern verlegen zu lassen, wo die Windverhältnisse günstiger waren.“ Und: „Vom Erfolg des ersten großen Gasangriffs an der Ypernfront habe ich nur aus Berichten erfahren.“ Auf Wikipedia wird Walter Gerlach, einer der im Zweiten Weltkrieg an der Atomforschung beteiligten Wissenschaftler im Uranverein: „Hahn hatte zunächst Bedenken, da er glaubte, dass die Verwendung giftiger Gase im Krieg gegen die ‚Haager Konvention‚ verstieß. Aber er ließ sich von Haber überreden. Das seine persönliche wie die staatsbürgerliche Erziehung bestimmende Pflicht- und Pflichterfüllungsprinzip und dazu die so ‚humane‘ Begründung, Gas verkürze den Krieg, erhalte also Menschenleben – der unselige Satz, dass der Zweck die Mittel heiligt – hatte seine Wirkung getan. 30 Jahre später, als mit der gleichen Argumentation der Abwurf der Atombomben in Japan gerechtfertigt werden sollte, musste Otto Hahn schwerer als sonst irgend jemand darunter leiden.“

Otto Hahn gehörte zu den führenden Wissenschaftlern Deutschlands, auch in der Nazi-Zeit. Für die Entdeckung der Kernspaltung Ende der 30er Jahre bekam er noch 1945 (!) den Nobelpreis zugesprochen. In der jungen Bundesrepublik gehörte der Göttinger Chemiker zu den Kritikern einer atomaren Bewaffnung der Bundeswehr, wie sie von der Regierung Adenauer und Atomminister Strauß in den 50er Jahren angestrebt wurde.

Hahn war in Nazi-Deutschland führendes Mitglied im sogenannten Uran-Verein, der unter Hitler die Möglichkeiten der Kernspaltung auch für Waffenzwecke erforschte. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gehörte er zu der Forschergruppe, die im englischen Farm-Hall für ein knappes Jahr als „Gäste“ interniert waren. Dort wurden sie von den Briten über ihre Atom-Forschung für Hitler-Deutschland befragt und insgeheim abgehört.

Die Taz berichtet: „Recherchen des Göttinger Historikers Martin Melchert werfen ein Licht auf eine bislang weitgehend unbekannte Seite des Wissenschaftlers: Hahn war zwischen 1915 und 1918 die „rechte Hand“ des „Vaters des Gaskriegs“, Fritz Haber, bei der Entwicklung von Giftgasen wie Phosgen und Zyklon A. Er füllte eigenhändig hunderte Chlorgasgranaten und organisierte im Ersten Weltkrieg deutsche Giftgasangriffe. Melchert beschäftigt sich seit neun Jahren mit deutschen Forschungen zu Atombomben und anderen Massenvernichtungswaffen.“ 

Reimar Paul bringt einige konkrete Hinweise von Melchert über die Rolle, die Otto Hahn auch bei dem Einsatz von Giftgas spielte. „Der erste große Gasangriff begann am 22. April in Flandern. Auf einer Breite von 20 Kilometern schraubten deutsche Soldaten Tausende Gasflaschen zeitgleich auf. 170 Tonnen Chlorgas trieben als Wolke auf die feindlichen Schützengräben zu. Die kanadische Division und algerische Kolonialsoldaten wurden überrascht, das Gas verätzte ihre Atemwege, es entstand Panik. Hahn war als Mit-Organisator und „Frontbeobachter“ vor Ort. Seine Mitarbeiterin Lise Meitner gratulierte ihm zu dem „schönen Erfolg bei Ypern“.

Über diesen Einsatz berichtete auch die Welt vor einiger Zeit: „Bei Ypern brachen die Deutschen das Giftgas-Tabu„. Unter anderem heißt es in dem Artikel: „Der erste dokumentierte Großeinsatz von Kampfgas fand an der Westfront in Flandern statt. Verschiedentlich war schon vorher erfolglos versucht worden, mit chemischen Stoffe die feindlichen Soldaten aus den Schützengräben zu vertreiben und so die Eroberung Belgiens zu vollenden. Auch an der Ostfront hatten deutsche Kanoniere bereits Granaten mit Giftstoffen verschossen – ohne erkennbare Folgen.

Angesichts dieses „unbefriedigenden“ Ergebnisses hatte der Chemiker (und spätere Nobelpreisträger) Fritz Haber vorgeschlagen, bei passender Windrichtung Chlorgas abzusprühen. Mehr als 160 Tonnen dieses Abfallprodukts der chemischen Industrie kamen am 22. April 1915 bei Ypern zum Einsatz. Das Gas wurde aus fast 6000 Flaschen abgelassen und zog als sechs Kilometer breite und einen Kilometer lange Wolke über die gegnerischen Stellungen.

Genaue Verlustzahlen dieser Attacke gibt es nicht, sie waren aber hoch. In jedem Fall gelang der deutschen Armee an diesem „Tag von Ypern“ ein tiefer Einbruch in die Befestigungen der Franzosen und kanadischen Einheiten.“

Die Gitgaseinsätze deutscher Truppen gehörten sicherlich zu den grausamsten Verbrechen im Ersten Weltkrieg. Über Otto Hahn berichtet Paul außerdem: „Weitere Gasattacken in Flandern und an der Ostfront in Galizien folgten. Dort war Hahn „nicht nur beim Angriff persönlich anwesend, er trieb die zögerlichen Angreifer auch regelrecht voran“, schreibt Melchert. Hahn selbst erinnerte sich: „Der Angriff wurde ein voller Erfolg; die Front konnte auf sechs Kilometern Breite um mehrere Kilometer vorverlegt werden.““

Otto Hahn hat nach dem Zweiten Weltkrieg zahlreiche Anerkennungen erhalten. Nicht nur Schulen, Straßen und vieles mehr sind nach ihm benannt worden. In Berlin wurde das Hahn-Meitner-Institut für Kernforschung 1959 in Wannsee gegründet. „Kernstück des Forschungszentrums war der „Berliner Experimentier-Reaktor“, BER I. „Er ging am 24. Juli 1958 mit einer Leistung von 50 Kilowatt in Betrieb, also bereits ein Jahr vor Gründung des HMI. Der BER I diente noch der klassischen Kernchemie.“ Außerdem gehörte ein Teilchenbeschleunniger zum HMI. „Im April 1991 ging der Forschungsreaktor BER II nach jahrelangem Umbau und einer Leistungerhöhung auf 10 Megawatt erneut in Betrieb.“

Doch nicht nur in Berlin, wurde die Atomforschung unter dem Namen von Otto Hahn weiter getrieben. Nach der Gründung der Atomforschungsanlage in Geesthacht (GKSS), die offiziell die Verwendungsmöglichkeiten von Atomreaktoren in der zivilen Schifffahrt entwickeln sollte, wurde dort Anfang der 60er Jahre das erste atomgetriebene deutsche Handelsschiff konzipiert und – im Beisein des Wissenschaftlers – auf den Namen Otto Hahn getauft.

Die atomaren Hinterlassenschaften des Atomschiffs Otto Hahn – das im Hamburger Hafen damlas demontiert wurde – liegen als Atommüll heute an vielen Orten herum: Die bestrahlten hochradioaktiven Brennelemente sind in Lubmin bei Greifswald zwischengelagert. Und der Reaktordruckbehälter der Otto Hahn liegt immer noch in einem unterirdischen Betonsilo auf dem Gelände der inzwischen abgeschalteten Atomforschungsanlage, die heute vom Helmholtz Zentrum Geesthacht betrieben wird.

 

Atomforschung Deutschland: Mehr als eine halbe Milliarde Euro für Urananreicherung und die Option auf die Bombe

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Angereichertes Uran von URENCO aus Gronau auf einem Atomtransporter im Hamburger Hafen: Bezahlt auch mit Steuergeldern. Foto: ZDF

Mehr als eine halbe Milliarde Euro hat die Bundesrepublik in die Forschung für die Urananreicherung der URENCO in Gronau und anderenorts investiert. Die Steuergelder flossen laut Angaben der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage des Linken-Abgeordneten Hubertus Zdebel (Drucksache 18/1910) zwischen 1970 und 1992. An der Urananreicherungsfirma Urenco sind derzeit jeweils mit einem Drittel die Staaten Großbritannien, die Niederlande und über die Uranit GmbH die deutschen Atomkonzerne E.on und RWE beteiligt. Keine Angaben gibt es über die Steuergelder, die bis 1970 in die staatliche Forschung zu Urananreicherung geflossen sind. 1960 hat die Bundesregierung die bis dahin privatwirtschaftliche Urananreicherung von der Degussa für 5 Millionen DM übernommen. (Die Kleine Anfrage ist auch hier downloadbar (PDF).)

Konkret teilt die Bundesregierung in ihrer Antwort mit:“Die Bundesrepublik Deutschland hat die Entwicklung der Anreicherung mit dem Gaszentrifugenverfahren und den Aufbau und den Betrieb von Anreicherungsaktivitäten im Rahmen des völkerrechtlichen Vertrages von Almelo zwischen 1970 und 1992 mit ca. 1,16 Mrd. DM gefördert.“

Unklar ist, ob weitere Zahlungen der Bundesregierung in dieser Summe enthalten sind oder noch dazu kommen: Die Bundesregierung teilt in der Antwort auf die Anfrage von Zdebel mit, dass die private Uranit GmbH mindestens 270 Millionen DM – also rund 135 Millionen Euro – direkt bzw. als Förderung des Standortes der Urananreicherungsanlage in Gronau erhalten hat.

Ausweichend antwortet die Bundesregierung auf die Frage, wie viel die Uranit Gmbh für die Übernahme der bis dahin staatlichen Urananreicherungs-Forschung gezahlt hat: „Aufgrund eines Vertrages mit der Bundesrepublik Deutschland, vertreten durch das Bundesministerium für Forschung und Technologie, übernahm die URANIT GmbH im Jahr 1987 das Vermögen der Gesellschaft für Kernverfahrenstechnik mbH (GKT) vom Bund zum Buchwert per 31. Dezember 1985.“

Hintergründe und Einzelheiten

  • Die Urananreicherung in Gronau ist vom Atomausstieg nicht betroffen. Die dortige Anlage der URENCO kann unbefristet weiter Brennstoffe für Atommeiler in aller Welt produzieren. Bis heute ist die Bundesregierung durch den Vertrag von Almelo verpflichtet, die kommerzielle Nutzung der Urananreicherung mit der Gaszentrifugen-Technologie zu fördern! Siehe dazu auch hier: Atomausstieg 2012 – Urananreicherung per Staatsauftrag

Die Forschung und Entwicklung der Urananreicherung begann bereits in Nazi-Deutschland. Schon in dieser Zeit versuchten Forscher aus dem „Uran-Verein“ Verfahren zu entwickeln, um möglichst reines Uran 235 zu erhalten. Dieses Uran 235 ist für die Kernspaltung in Atomreaktoren und auch für Atomwaffen relevant. Schon während des zweiten Weltkriegs waren die zum Degussa-Konzern gehörenden Auer-Werke bei Berlin von großer Bedeutung für die Forschung in Nazi-Deutschland.

Die Degussa setzte diese Arbeiten auch in der zweiten Hälfte der 50er Jahre fort – nachdem die Begrenzungen durch die Allierten Kontrollmaßnahmen, die ein  Verbot der Atomforschung in Deutschland vorsahen, beendet waren.  Anfang der 60er Jahre übernahmen die Bundesrepublik Deutschland und auch das Land NRW dann diese Bereiche der Urananreicherung von der Degussa.

  • Siehe zu Degussa und NRW auch: Bernd A. Rusinek über die “Urananreicherung in Nordrhein-Westfalen” (PDF, siehe auch hier direkt) über die Rolle der DEGUSSA : “Erfahrungen im Umgang mit größeren Mengen hatte allein eine Tochter der DEGUSSA. DEGUSSA stellte bis Kriegsende etwa 12 t Uranmetallpulver her. Hier entstanden die Verbindungen zwischen Akteuren und Unternehmen, die nach dem Kriege weitergeführt wurden.” (S. 4) – Siehe den Link oben: Bundesrepublik und Atomwaffen: Finger am Abzug – Spurensuche…

Die Bundesregierung teilt in der Anfrage mit: „Der Bund gründete in den 1960er-Jahren eine bundeseigene Gesellschaft zur Forschung und Entwicklung auf dem Gebiet der Urananreicherung. In diese Gesellschaft für Kernverfahrenstechnik mbH (GKT) wurde Know-how und Personal von der Firma Degussa eingebracht. Dafür zahlte der Bund ca. 5 Mio. DM an Degussa. Die GKT nahm ihre Arbeit im September 1964 in Jülich auf. Die Gründung der GKT erfolgte im wesentlichen aus Erwägungen der nuklearen Nichtverbreitung.“

Zu der behaupteten Politik der nuklearen Nichtverbreitung durch die Bundesrepublik gibt es zahlreiche neuere Forschungsergebnisse, die zeigen, dass Deutschland intensiv daran gearbeitet hat, die internationalen Kontrollregime zur Nichtverbreitung von Atomwaffen zu unterminieren. Siehe dazu die oben genannten Links und die dort genannten neuen Forschungsergebnisse, insbesondere: Bundesrepublik und Atomwaffen: “Finger am Abzug” – Spurensuche zur Geschichte der Urananreicherung

Nachdem 1970 mit dem Vertrag von Almelo die kommerzielle Förderung der Urananreicherung per Ultra-Gaszentrifungen beschlossen worden ist, wurde die Urananreicherung mit dem trinationalen Konzern „privatisiert“. Während in den beteiligten Staaten England und Niederlande die Aktivitäten staatlich blieben, übertrug die Bundesrepublik ihre Aktivitäten an die Uranit GmbH: Als kommerzieller Rechtsträger für die Kooperation im Bereich Urananreicherung mit den Niederlanden und Großbritannien wurde in Deutschland die Firma URANIT GmbH von der Bundesregierung benannt. An diese Stellung als kommerzieller Rechtsträger knüpft der Vertrag von Almelo verschiedene Folgen. Unter anderem sollten die Rechtsträger Begünstigte von möglichen Förderprogrammen der drei Troikastaaten sein.“

Und: „Die URANIT wurde als Uran-Isotopentrennungs-Gesellschaft mbH, Jülich mit Gesellschaftsvertrag vom 6. August 1969 gegründet und am 29. September 1969 in das Handelsregister eingetragen.Gründungsgesellschafter waren zu gleichen Anteilen die Firmen Gelsenberg AG, Essen und Nukem Nuklearchemie und Metallurgie GmbH, Hanau.“

Auch die Uranit Gmbh wurde mit Steuergeldern unterstützt: „Nach Kenntnis der Bundesregierung wurden bis 1979 Bundesmittel in Höhe von rund 139 Mio. DM zum Bau und Betrieb der Pilotanlagen in Almelo und Capenhurst an die URANIT GmbH gezahlt. Bis 1983 wurde nach Kenntnis der Bundesregierung der URANIT GmbH als Beitrag zur Finanzierung von Urananreicherungsanlagen ein rückzahlbarer Zuschuss in Höhe von 338 Mio. DM gezahlt. Zusätzlich zahlte der Bund ca. 49 Mio. DM für die Entwicklung des Standortes Gronau im Rahmen der Unterstützung von Regionen mit hoher Arbeitslosigkeit.“ Von dem genannten Zuschuss, so die Bundesregierung, hat die Uranit aber nur ein Drittel zurückgezahlt: „Die URANIT GmbH hat rund 110 Mio. DM an den Bund zurückgezahlt.“

Offenbar hat die Bundesregierung der Uranit GmbH dabei im Jahr 1993 Schulden schlicht erlassen und auf Rückzahlungsansprüche schlicht verzichtet. Auf diese Weise hat die private Uranit GmbH schlicht rund 220 Millionen Euro Steuergelder von der damaligen Bundesregierung geschenkt bekommen. Wörtlich schreibt die Bundesregierung dazu: „Im Jahr 1993 wurde zwischen der Bundesrepublik Deutschland, vertreten durch das Bundesministerium für Forschung und Technologie, und der URANIT GmbH ein Aufhebungsvertrag geschlossen. In diesem Aufhebungsvertrag verpflichtete sich URANIT GmbH zu einer Zahlung von ca. 106 Mio. DM an den Bund. Die Vertragspartner bestätigten, dass die Fördermaßnahmen für technische Entwicklungsprojekte im Rahmen des Vertrages von Almelo abgeschlossen und erfolgreich beendet seien. Ansprüche im Hinblick auf die durch die Bundesrepublik Deutschland für die Urananreicherungsaktivitäten der URANITGmbH gezahlten Investitionszuschüsse und Ausgleichszahlungen von Jahresfehlbeträgen sollten damit nach dem Verständnis der Vertragsparteien grundsätzlich abgegolten sein.“

Nazi-Deutschland und „Geheimdokumente zum deutschen Atomprogramm 1938 – 1945“

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Staatsgeheimnis – Geheimdokumente zum deutschen Atomprogramm 1938 – 1945 im Online-Archiv des Deutschen Museums. Auszug aus einem dort veröffentlichten Protokoll.

„Geheimdokumente zum deutschen Atomprogramm 1938 – 1945“, so lautet die Überschrift von Original-Dokumenten über die Atomforschung in Deutschland aus der Nazi-Zeit, die beim Deutschen Museum online verfügbar sind. Die Dokumente geben schlaglichtartig einen Eindruck, mit welchen Fragen die Atomforscher im deutschen Faschismus und unter den Bedingungen des Zweiten Weltkriegs arbeiteten und welche Probleme sie dabei hatten. Unter den Dokumenten befinden sich auch Protokolle über „Befragungen“ der ALSOS-Mission. Dieses Kommando der USA hatte noch vor Ende des Zweiten Weltkriegs die Aufgabe, die deutsche Atomforschung aufzudecken, u.a. um festzustellen, ob Nazi-Deutschland eine Atombombe entwickelte.

In dem Archiv finden sich Dokumente über die Forschungsarbeiten z.B. in Hamburg. Dort arbeitete eine Gruppe um den „Physikochemiker Paul Harteck – beteiligt waren Wilhelm Groth, Hans Suess, Friedrich Knauer und teilweise Johannes Jensen aus Hannover“. Diese Gruppe gehörte laut Angaben des Deutschen Museums zu den aktivsten im Uranverein. Zu den Forschungsschwerpunkten gehörten die Entwicklung einer Uranisotopentrennung und die Produktion von schwerem Wasser. Hier finden sich u.a. die folgenden Dokumente (Links verweisen auf den Server des Deutschen Museums):

Zur Urananreicherung und der militärischen Bedeutung siehe hier auf dieser Seite:

Auch über andere Atom-Forschungszentren im Nazi-Deutschland gibt es Dokumente, z.B. auch über das Forschungszentrum Gottow. Das Deutsche Museum schreibt darüber: „Nach der Berufung Heisenbergs zum Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts in Berlin 1942 musste der Kernphysiker beim Heereswaffenamt (HWA) Kurt Diebner das Institut verlassen. In Gottow, auf dem Gelände der Heeresversuchsstelle Kummersdorf gelegen, sammelte er im Auftrag des HWA junge Physiker um sich.“

Kurt Diebner war Mitglied der NSDAP und hatte bis dahin maßgeblich die Atomforschung in Nazi-Deutschland koordiniert und war bis 1942 beim Heereswaffenamt eine der treibenden Kräfte des „Deutschen Uranvereins“.  Neuere Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass die Gruppe um Kurt Diebner möglicherweise kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs in Ohrdruf/Stadtfilm thermo-nukleare Explosionen herbeiführte.

Kurt Diebner hatte 1956 eine Liste der „deutschen Geheimarbeiten zur Kernenergieverwertung während des zweiten Weltkrieges 1939 – 1945“ in der Zeitschrift „Atomkerntechnik“ veröffentlicht. Allerdings nicht unter seinem eigenen Namen, sondern unter dem Pseudonym Walter Tautorus. Erich Bagge, der mit Diebner im Heereswaffenamt arbeitete und mit ihm z.B. bereits im September 1939 einen vorbereitenden „Arbeitsplan zur Aufnahme von Versuchen für die Nutzbarmachung der Kernspaltung“ verfasste, berichtete laut dem Atomphysiker Döpel später, dass Diebner unter diesem Pseudonym schrieb, weil „er fürchtete, wegen dieser Liste (noch 1956!) ins Zuchthaus zu kommen“ (Kommentar überflüssig!).” (Quelle: Arnold, Heinrich: Zu einem autobiographischen Brief von Robert Döpel an Fritz Straßmann (PDF), ausführlich auch hier:

Unter dem Stichwort „Mangelwirtschaft“ findet sich beim Deutschen Museum auch dieses Dokument: Besprechungsprotokoll zwischen Vertretern der I.G. Farben und Diebner, Harteck und Suess, 04.01.1944 (2 Dokumente). Darin besprechen die Beteiligten die Probleme zur Beschaffung von „schwerem Wasser“, das als Moderator für die Atomversuche unbedingt erforderlich war. Mit den Lieferungen aus der einzigen bestehenden Anlage im besetzten Norwegen gab es aufgrund von Sabotageaktionen durch Partisanen und durch Luftangriffe der Alliierten erhebliche Probleme.

Weitere Dokumente finden sich beim Deutschen Museum über die Forschungszentren in Wien, Heidelberg, Straßburg, sowie in Leipzig und Berlin.

Zu den insgesamt veröffentlichten Dokumenten informiert das Deutsche Museum auf der Startseite des Archivs über den Kontext, wie die Dokumente in den Besitz des Museums gekommen sind und stellt außerdem fest: „Die hier wiedergegebenen 470 Dokumente sind nur ein kleiner Teil des gesamten Bestandes der geheimen Forschungsberichte, die an das Deutsche Museum übergeben wurden. Die hier vorgestellten Dokumente wurden für die Sonderausstellung vom 7. Mai 2001 bis 12. August 2001 ausgewählt.“

Vorweg steht zu lesen: „Am 29. November 1944 verhafteten Mitglieder der sogenannten „ALSOS-Mission“ in Strassburg erstmals deutsche Wissenschaftler, die im „Uranverein“ an einem geheimen Atomprogramm arbeiteten. Die amerikanische Gruppe mit dem Tarnnamen „ALSOS“ hatte die Aufgabe, den Stand der deutschen Kernforschung herauszufinden, die wichtigsten Forscher gefangen zu nehmen und entscheidende Dokumente und Apparaturen zu beschlagnahmen. Das militärische Kommando führte Oberst Boris Pash, als wissenschaftlicher Leiter fungierte der holländische Physiker Samuel Goudsmit.

Bis Ende Juli 1945 waren die Vorgaben im wesentlichen erfüllt. Obwohl deutsche Wissenschaftler umfangreiche Unterlagen vernichtet hatten, fielen der „ALSOS-Mission“ zentrale Berichte und Korrespondenzen in die Hände. Sie gaben Aufschluss über die deutschen Atomforschungen seit 1938. Die Dokumente waren meist als „geheim“ und „streng geheim“ eingestuft und hatten nur einen sehr kleinen Verteilerkreis.

Die erbeuteten Forschungsberichte wurden in die USA gebracht und ausgewertet. Erst 1970 erfolgte die Rückführung nach Deutschland. Seit 1998 sind die Geheimberichte zum deutschen Atomprogramm im Archiv des Deutschen Museums verwahrt…“

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