Spurensuche Atomenergie im Faschismus: Kurt Diebner, tote KZ-Häftlinge und die Angst vor dem Zuchthaus

KurtDiebner
Kurt Diebner, einer der führenden Köpfe der Atom-Forschung in Nazi-Deutschland. Noch 1956 hatte er offenbar Angst vor dem „Zuchthaus“.

„Bei dem Versuch mit W. Tautorus in Verbindung zu treten, zeigte sich, daß Tautorus gar nicht auffindbar war, und daß es sich um einen ehemaligen kaufmännischen Angestellten handelte, der (nach E.B.) jene Arbeiten nie gesehen hatte. Tautorus wurde (nach E.B.) von Diebner nur als Pseudonym benutzt, da „er fürchtete, wegen dieser Liste (noch 1956!) ins Zuchthaus zu kommen“ (Kommentar überflüssig!).“ (Quelle: Arnold, Heinrich: Zu einem autobiographischen Brief von Robert Döpel an Fritz Straßmann (PDF), 2012, Technische Universität Ilmenau, S 14).

 

Kurt Diebner und die NS-Kernwaffe

Mitte der 2000er Jahre löste das von Rainer Karlsch verfasste Buch über „Hitlers Bombe“ eine umfassende Diskussion über die Atomforschung in Nazi-Deutschland zwischen 1938 und 1945 aus. Karlsch veröffentlichte nach umfangreichen Studien neue Dokumente und präsentierte Augenzeugenberichte. Waren bislang vor allem die Forschungen und (irreführenden) Darstellungen von Heisenberg, Weizsäcker (Die Zeit: Warum Hitler die Bombe nicht baute) etc. im Mittelpunkt, lenkte Karlsch die Aufmerksamkeit stärker auf die Tätigkeiten von Kurt Diebner.

Diebner war zunächst im Waffenheeresamt „Chefkoordinator“ des Uranvereins, forschte aber auch selbst an konkreten Zielsetzungen zur Atomenergie. Mit dem Begriff „Bombe“ meinte Karlsch nicht eine Atombombe, wie sie die USA 1945 über Hiroshima und Nagasaki zündeten. Zum Bau einer derartigen Atomwaffe waren die deutschen Forscher aufgrund der Kriegsumstände und mangelnder Ressourcen nicht in der Lage. Was Karlsch als Hitlers Bombe bezeichnet, ist eher im Bereich einer taktischen Atomwaffe anzusiedeln. Der Historiker Mark Walker („Die Uranmaschine“) stellte fest: „Es gab keine Atombombe, es war eine Kernwaffe“ (siehe Strahlentelex, 2005, PDF). Genauer müsste man vermutlich von Mini-Nukes sprechen. Siehe dazu hier Otfried Nassauer und hier Spiegel Online.

Im März 1945 sollen im Rahmen dieser Forschungen von Diebner im thüringischen Ohrdruf/Stadtfilm bis zu 700 Menschen ums Leben gekommen sein. In einem Briefwechsel mit dem Kernchemiker Fritz Straßmann berichtet der Atomphysiker Robert Döpel – beide ebenfalls aktiv in der NS-Atomforschung – davon, dass laut Erich Bagge Kurt Diebner das Pseudonym Walter Tautorus nutze, weil dieser noch 1956 das Zuchthaus fürchtete. (Erich Bagge gründete gemeinsam mit Kurt Diebner am 18. April 1956 die  Atomforschungsanlage „Gesellschaft für Kernenergieverwertung in Schiffbau und Schiffahrt GmbH“ (GKSS) östlich von Hamburg.)

In dem Beitrag „Spurensuche Hitlers Bombe“ auf diesem Blog war zu den Atom-Experimenten von Diebner zu lesen: „Sie brachten in Ohrdruf eine unterkritische Masse in einer Bombe nach dem Hohlladungsprinzip zur Explosion. Dabei wurde wohl eine Urankugel durch das synchrone Zünden vieler Sprengsätze zur Kritikalität verdichtet. Ströme an Neutronen schossen auf den Spaltstoff. Hier bleibt offen, wie genau die superkritische Anordnung erzielt wurde. Karlsch vergleicht es mit einer taktischen Kernwaffe. Ein nuklearer Ablauf, der neben Hitze und Druck radioaktive Strahlung freisetzt und Konventionelles übertrifft. Dieser Strahleneffekt gleiche dem der Neutronenwaffe. (zitiert nach: Wolfgang G. Schwanitz vom Deutschen Orient-Institut Hamburg in einer Rezension über das Buch von Karlsch.)

Zwei solcher Explosionen sollen am 3. oder 4. und am 12. März 1945 im thüringischen Ohrdruf stattgefunden haben. Zuvor habe es einen ersten Test auf der Halbinsel Bug auf Rügen am 12. Oktober 1944 gegeben. 500 – 700 Tote soll es bei dem Versuch Anfang März gegeben haben, fast alles KZ-Häftlinge.

Unter dem Stichwort/Ortsnamen „Stadtfilm“ heißt es auf Wikipedia: „Bereits im August 1943 richtete die Forschungsgruppe um Kurt Diebner ein Kernforschungslabor in den Kellergewölben der damaligen Mittelschule ein. Dort wurden Experimente zur Urankernspaltung und Brennversuche mit Uran und Deuteriumoxide durchgeführt. Dieses Labor bestand bis Anfang April 1945, als Diebner angesichts der nahenden Alliierten mit seinen Forschungsergebnissen Richtung Bayern flüchtete.“ (Stadtfilm liegt rund 26 km Luftlinie von Ohrdruf entfernt.)

Schwanitz nennt diese Explosions-Versuche einen „technologischen Nebenpfad“ und nennt die Verantwortlichen: „Ihn beschritt unter dem Reichsführer der SS Himmler und Rüstungsminister Speer eine Physiker-Gruppe um Kurt Diebner, Walther Gerlach und SS-General Hans Kammler. Während letzterer die Absicherung stellte, war Diebner seit 1939 ehrgeiziger Leiter des Referats Atomphysik im Heereswaffenamt und Organisator der deutschen Nuklearforschung. In der bisherigen Forschung galt er nur als Randfigur wie auch Gerlach, den Hermann Göring Ende 1943 mit der entsprechenden Forschung beauftragt hatte. Sie brachten in Ohrdruf eine unterkritische Masse in einer Bombe nach dem Hohlladungsprinzip zur Explosion.“

! Definitive Belege, dass es diese Explosionen gegeben hat, sind bis heute nicht erbracht. Karlsch führt dazu Augenzeugenberichte an. Versuche, mit technischen Mitteln über das Ausmessen von Bodenproben einen Nachweis über die Explosionen zu erhalten, sind bislang ohne wirkliches Ergebnis geblieben (siehe dazu ausführlich: „Spurensuche Hitlers Bombe“).

Bereits Anfang der 1990er Jahre wird Kurt Diebner in der Forschung zusehends als Kontrahent des Nobelpreisträgers Heisenberg dargestellt. 1991 macht z.B. Wolfgang Menge den Fernsehfilm „Ende der Unschuld“ und untersucht die Rolle deutscher Wissenschaftler bei der Erfindung der Atombombe. Die Zeit berichtet darüber unter der Überschrift: „Denn sie wußten, was sie tun„.

Dort heißt es: „Kurt Diebner dagegen, Kernphysiker und Regierungsrat im Heereswaffenamt, der bis Mitte 1942 offiziell leitete, was die Wehrmacht als „Atomkackerei“ verspottete, gesteht ohne Wenn und Aber, daß die Bombe gebaut werden sollte und daß alle im Verein – mit einer Ausnahme – Parteigenossen waren. Schon bald nach dem 1. September 1939, dem Überfall auf Polen, hatte er erklärt: „Ich habe vor, eine Uranbombe zu bauen, so schnell es geht.“ Und er wußte auch, die Kettenreaktion „wird die Welt verändern“. Der Zeit-Autor Michael Schwellen erwähnt, dass Menge mit „äußerster Akribie recherchiert“ habe.

Besonders wichtig ist der Hinweis: „Die Dialoge beruhen oft auf wörtlichen Zitaten aus Tagebüchern und Interviews. Professor Erich Dagge, ein von Diebner rekrutierter Assistent Heisenbergs und auch in Farmhall interniert, stand als wissenschaftlichen Berater dem Filmteam zur Verfügung.“

Dabei unterläuft der Zeit ein nicht unwichtiger Tippfehler: Nicht Dagge, sondern Bagge muss es heißen (zu Erich Bagge und Kurt Diebner siehe weiter unten).

Die bisherigen Ausführungen sollen darlegen, dass unter der Regie von Kurt Diebner trotz vieler Widrigkeiten intensiv und zielstrebig an der Entwicklung einer Kern-Waffe für Nazi-Deutschland gearbeitet wurde. Bei den Experimenten zur Entwicklung einer solchen thermo-nuklearen Bombe kamen nach heute vorliegenden Untersuchungen möglicherweise bis zu 700 Menschen ums Leben.

Zahlreichen Forschungsberichten ist zu entnehmen, dass Diebner ein gewisses „persönliches“ Problem hatte. Immer hatte der „Praktiker“ im Schatten des großen Heisenbergs gestanden, obwohl seine Forschungen in Nazi-Deutschland durchaus mit denen von Heisenberg mithalten konnten. Z.B. erzielten seine Experimente mit einer Würfelanordnung von Uran erheblich bessere Ergebnisse auf dem Weg zu einer sich selbst erhaltenden Kettenreaktion für einen Reaktor, als die Versuche von Heisenberg. Aber Diebners Engagement für eine „Nazi-Kernwaffe“ war spätestens nach 1945 nicht sonderlich opportun und es war besser, darüber nicht allzu laut zu sprechen. Darauf verweist Karlsch in Hitlers Bombe (S. 286 ff).

Tautorus und Bagges Hinweis auf Diebners Angst vor dem Zuchthaus

Aber Diebner wollte seine „Verdienste“ offenbar nicht völlig übersehen wissen. 1956 veröffentlichte er unter dem eingangs zitierten Pseudonym  „Werner Tautorus“ eine Liste der Geheimarbeiten des Uranvereins. In seinem Buch Hitlers Bombe schreibt Karlsch: „Gewissermaßen flankierend zur Bildung der GKSS, betätigte sich Diebner als Herausgeber der Zeitschriften »Atomkernenergie« und »Kerntechnik«. Außerdem publizierte er unter Verwendung des Namens seines Durag-Geschäftspartners, Werner Tautorus, eine Liste der Geheimarbeiten des Uranvereins sowie weitere Arbeiten zur Geschichte der Kernspaltung.(98)“ (Seite 285,  „Werner Tautorus (alias Kurt Diebner), Die deutschen Geheimarbeiten zur Kernenergieverwertung während des Zweiten Weltkrieges 1939-1945, in: Atomenergie, 1956.) (Gemeinsam mit Erich Bagge gehört Diebner zu den Herausgebern und Gründern dieser Zeitschrift. Die Durag ist eine Firma, die Diebner gründete.)

Diese Veröffentlichung von Werner Tautorus spielt bei dem Zitat am Anfang dieses Artikels eine wichtige Rolle. Das Zitat stammt aus einem Brief des Kernphysikers Döpel an den Kernchemiker Straßmann, „als jemanden, „der an der Herausarbeitung der Grundlagen des ganzen Unternehmens ausschlaggebend beteiligt“ war.“ (Arnold Heinrich: Zu einem autobiographischen Brief von Robert Döpel an Fritz Stratmann, PDF auf diesem Server, das Original steht hier als PDF online,  2012, S.1). Döpel hatte eng mit Heisenberg zusammen gearbeitet. Straßmann wiederum hatte mit Otto Hahn und Lise Meitner die Kernspaltung entdeckt (wofür Otto Hahn den Nobelpreis bekam).

Der Schriftverkehr fand zwischen 1979/80 statt.  Kurt Diebner war bereits im Juli 1964 gestorben. In der Zeitung „Atomkernenergie“ Bd. 29 hatte Erich Bagge 1977 einen Artikel  unter dem Titel „Kernenergie in Deutschland – eine historische Richtigstellung“ veröffentlicht, in dem er die Verdienste Kurt Diebners offenbar posthum herausstellen wollte (Der Artikel liegt mir leider noch nicht vor). Bagge berichtet dort offenbar über die von Diebner vorgenommenen Experimente, die Bagge zufolge erfolgreicher verlaufen wären, als die Forschungen von Heisenberg und Döpel. Döpel jedenfalls schreibt in dem Brief: „Herr Bagge behauptet dort, sein Freund Dr . K. Diebner habe im Jahre 1943 „als Erster die Realisierbarkeit einer [Uran] – Kettenreaktion überzeugend bewiesen.“ Döpel ist offenbar über diese Aussage von Bagge empört, vor allem, weil Bagge ein Experiment von Heisenberg und Döpel aus dem Mai 1942 nicht anführte. Ein Experiment, das laut Döpel erfolgreich gewesen sei und dessen Neutronen-Überschuss „über allem Zweifel lag, und die von allen Mitgliedern des „U-Vereins“ anerkannt wurde“.

Döpel nimmt offenbar Kontakt zu Erich Bagge auf und schreibt in dem Brief an Straßmann weiter: „Auf Anfrage behauptete Herr Bagge, diese Arbeit ebenso wenig zu kennen, wie Herr Diebner und verwies auf eine Liste der Deutschen Uran-Arbeiten während des Krieges von W. Tautorus. Dort fehlte unsere entscheidende Arbeit „LIV“ tatsächlich.“

Wie oben bereits beschrieben, versucht Döpel mit diesem Tautorus erfolglos Kontakt aufzunehmen. Erst dann – so steht zu vermuten – erklärt Bagge, dass es sich bei dem Namen um ein Pseudonym von Kurt Diebner handelt. Wichtig ist die Erklärung von Bagge, warum sich Diebner dazu noch 1956 veranlasst sah. Döpel schreibt, dass Diebner laut Bagge dieses Pseudonym benutzt hätte, „da „er fürchtete, wegen dieser Liste (noch 1956!) ins Zuchthaus zu kommen“ (Kommentar überflüssig!). Wenn „LIV“ in jenem Bericht nicht angeführt wäre, dann habe Diebner und auch er (E.B.) nichts davon gewußt.“ (Seite 14 in dem Bericht von Heinrich Arnold).

In der Folge stellt sich heraus, dass Bagge offenbar nicht so ganz die Wahrheit erzählt hat. Insgesamt zwei Jahre dauert die Korrespondenz mit Bagge offenbar. Am Schluss stellte sich für Döpel heraus, „daß E. Bagge und K. Diebner in ihrer im Mai 1957 plublizierten Broschüre „Von der Uranspaltung bis Calder Hall“ die Leipziger Arbeit von K. und R. Döpel und W. Heisenberg selbst (im positiven Sinne!) an vier Stellen zitiert haben ( S. 27; S. 40; S. 41 oben; S. 42 oben). Auf S. 41 schrieben die Herren Bagge und Diebner 1956/57: „Der in den Wintermonaten 1941/42 (in Wirklichkeit März-Mai 1942) durchgeführte Leipziger Versuch von Döpel ergab zum ersten Mal eine über die Meßfehlergrenze hinausgehende positive on1-Produktion“; aber etwa in der gleichen Zeit ließen sie die „Tautorus“-Liste erscheinen, in der sie LIV nicht mehr kannten!!“

Döpel war über diese Dinge hell empört und spricht abschließend davon, dass er einen „solchen Skandal“ in der „Deutschen Physik“ seit der „Rupp“-Affäre 1930-1935 bis heute nicht erlebt“ habe.  (Interessant dürfte sein, ob Döpel mit Erich Bagge schriftlich über diese Vorgänge im Kontakt standen und ob es diese Briefe noch gibt.)

Ich zitiere diese Passage aus dem Briefwechsel von Döpel mit Straßmann in dieser Ausführlichkeit, weil zumindest in dieser Darstellung der Eindruck entsteht, dass Erich Bagge sich gegenüber Diebner einerseits freundschaftlich verbunden, ja selbst nach dessen Tod noch „verpflichtet“ fühlte. Das wiederum ist von Bedeutung, wenn Bagge andererseits gegenüber Döpel auf die Ängste von Diebner verweist, der offenbar noch 1956 fürchtete, dass seine Forschungen im Faschismus zu „Zuchthaus“ hätten führen können. Bagge und Diebner müssen also durchaus enger befreundet gewesen sein, wenn Bagge über diese Dinge wusste. Unklar ist, ob Bagge über die Experimente in Ohrdruf informiert war.

Bagge spricht dabei davon, dass die „Liste“ der geheimen Uranarbeiten der Grund für diese Angst gewesen wäre. Zu vermuten ist, dass es nicht so sehr diese Liste selbst war, die Diebner Sorgen machte – wenn denn der Hinweis von Bagge zutreffend ist. Bereits in dem 2005 veröffentlichten Buch Hitlers Bombe schreibt auch Rainer Karlsch – wie dargelegt – zu dem von Diebner verwendeten Pseudonym Werner Tautorus. Karlsch kannte zu diesem Zeitpunkt die von Arnold 2012 veröffentlichten Briefe von Döpel an Straßmann vermutlich noch nicht.

Aber Karlsch schreibt mit Blick auf eine stattliche Anzahl von Patentanmeldungen, die von Diebner, Bagge, Winterberg(*) und anderen gehäuft ab 1955 angemeldet werden. Einige dieser Patentschriften stehen aus Sicht von Karlsch in Zusammenhang mit den Experimenten in Ohrdruf. (* Winterberg ist offenbar ein Mitarbeiter von Diebner bei der von ihm nach 1945 gegründeten Firma Durag.)

Riskante Patentanmeldungen und Gründe zum Schweigen

„Besonders interessant sind zwei zurückgezogene Patentanmeldungen von Diebner und Winterberg zu »Verfahren zur Zündung thermonuklearer Reaktionen mittels konvergenter Detonationsverdichtungsstöße« und zu einem »Verfahren zur elektromagnetischen Zündung thermonuklearer Kernbrennstoffe«. (102) Im Anspruch der ersten Patentschrift heißt es, das Verfahren eigne sich zur »Zündung von thermonuklearen Kernbrennstoffen«, die geeignet seien für Sprengungen und für »ballistische Ladungen, insbesondere kleine Wasserstoffbomben, sowie für industrielle Zwecke.« (103)  Offensichtlich waren Diebner und Winterberg mit diesen Patentanmeldungen zu weit vorgeprescht. Dies muss ihnen bald klar geworden sein, und so zogen sie die Patentschriften zurück. 1961 folgten weitere Patentanmeldungen auf dem Gebiet der  Kernfusion, nun aber mit eindeutig zivilem Nutzen. (104)“ (Karlsch, S. 286)

Karlsch stellt fest, dass von diesen „Hintergründen der Kernwaffentests“ in Deutschland und den „Geheimnissen der Konstruktion der Bombe“ nur ein kleiner Personenkreis Kenntnis hatte. Gute Voraussetzungen also auch für die späteren Patentanmeldungen.

Zu diesem Kreis zählt Karlsch „Gerlach, Haxel und Diebner sowie einige ihrer Mitarbeiter. Keiner von ihnen erwähnte später gegenüber Dritten die Tests in Thüringen.“

Weiter heißt es: „Für ihr Schweigen hatten die Wissenschaftler triftige Gründe. Beim Test am 3. März 1945 waren einige hundert Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge ums Leben gekommen. Wer dafür die Verantwortung trug, wissen wir nicht. Kammler ließ jedenfalls die Spuren beseitigen und die Toten verbrennen.

Gerlach und Diebner hatten offensichtlich Angst, dass man sie als Kriegsverbrecher anklagt. Ohrdruf – auch dieser Ortsname symbolisierte die Verbrechen des NS-Regimes.“ (S. 286, zu dem erwähnten Kammler: Hans Kammler war SS-General und für die Experimente in Ohrdruf zuständig, siehe dazu auch die Seiten des Bergbauvereins Ronneburg.)

Die Ausführungen von Karlsch sind an dieser Stelle sicherlich eher spekulativ, Belege für eine „offensichtliche Angst“ führt er selbst in diesem Zusammenhang nicht an. Allerdings könnte man die Hinweise von Bagge, von denen Döpel in dem Schriftverkehr mit Straßmann berichtet und die von Arnold 2012 veröffentlich wurden, als konkreten Hinweis verstehen, dass Karlsch richtig liegt. Die Sorge von Kurt Diebner, dass ihm mit den bis zu 700 getöteten Menschen in Folge seiner Kernwaffen-Experimente in Ohrdruf als Verantwortlicher „Zuchthaus“ drohen könnte, ist zumindest nachvollziehbar.

Kurt Diebner und Erich Bagge, Nazi-Atom-Forscher.

Erich Bagge und Kurt Diebner hatten bereits frühzeitig Kontakt. In dem Artikel „Eine Waffenschmiede? Kernwaffen- und Reaktorforschung am Kaiser Wilhelm Instititut (KWI) für Physik“ (PDF) schreibt Mark Walker (im Jahr 2005): 1939 war das KWI vom Heereswaffenamt (HWA) übernommen worden. Damit verbunden war die Absicht, das KWI „in den Dienst der Rüstungsforschung zu stellen“. Und: „Kurt Diebner, ein Physiker aus der Forschungsabteilung des HWA, wurde zum geschäftsführenden Direktor des KWI für Physik ernannt.“ (Walker, Eine Waffenschmiede?, S. 9)

Diebner wendet sich an „einen jungen Kernphysiker seiner Bekanntschaft“, um Unterstützung bei der Einstellung weiterer wissenschaftlicher Mitarbeiter für das KWI für Physik zu bekommen. Dieser junge Kernphysiker ist Erich Bagge (S. 10). Bagge empfiehlt Diebner Werner Heisenberg als führenden theoretischen Physiker in Deutschland, bei dem Bagge seine Doktorarbeit geschrieben hat. Ein Vorschlag, den Diebner aufgreift. Walker hält fest: …“aber zunächst war Diebner in erster Linie damit beschäftigt, die Kernspaltung für militärische Zwecke zu erschließen und dankbar, daß sich ein Physiker von Heisenbergs Format und Ansehen seinem Projekt angeschlossen hatte. (9)“ (S. 10)

Bagge befasst sich derweil nach Walker am KWI für Physik mit „einer neuen Trennungsmethode von Uran, der „Isotopenschleuse“ und verweist dabei auf eine Veröffentlichung aus 1942: „Erich Bagge, „Über die Möglichkeit einer Anreicherung der leichten Uranisotope mit der Isotopenschleuse“, 16. März 1942, ADM, G-124.“ (S. 13)

Wie auch viele andere Forscher ist sich Diebner frühzeitig (39/40)  der Möglichkeiten zur Nutzung der Atomenergie als Sprengstoff bzw. Waffe bewusst. Bereits im März 1939 hatte der französische Physiker Frédéric Joliot-Curie auf diese Möglichkeit hingewiesen. Spätestens im April 1939 ist das auch zahlreichen deutschen Wissenschaftlern bekannt. Die Gründung des „Uranvereins“ läuft an. Ausgehend vom Reichserziehungsministerium (!) wird die Physikalisch Technische Reichsanstalt einbezogen, die eine Expertenkonferenz organisiert. Auch das Oberkommando des Heeres wird aktiv, nachdem es von Paul Harteck (Hamburg) und seinem Assistenten Wilhelm Groth in einem Brief vom 24. April 1939 über die Möglichkeiten der Kernspaltung für die Entwicklung von Sprengstoffen informiert worden war, deren Wirkung die von konventionellen Sprengstoffen um ein Vielfaches übertreffen wird.

Bei Wikipedia ist unter dem Stichwort „Uranprojekt“ (18.05.2014) weiter zu lesen: „Dieser Brief landete letztendlich bei Kurt Diebner, dem Fachmann des Heeres für Sprengstoffe und Kernphysik. Dieser forderte umgehend Mittel beim Heer an, um in Kummersdorf südlich Berlins ein Versuchslabor einrichten zu können. Diebner wurde daraufhin zum Leiter einer neu eingerichteten Kernforschungsabteilung im Heereswaffenamt ernannt. Gleichzeitig befahl die Heeresleitung der Physikalisch-Technischen Reichsanstalt, ihre Uranforschungsversuche unverzüglich einzustellen. Fortan galten alle Äußerungen zu Uranreaktoren und Uranwaffen als geheim.[3]

Auch hier ist von der gemeinsamen Arbeit zwischen Diebner und Erich Bagge zu lesen: „Im September 1939, also gleich nach Kriegsbeginn, wurden Deutschlands führende Kernphysiker nach Berlin in das Kaiser-Wilhelm-Institut für Physik zitiert. Diebner entwarf zusammen mit dem Kernphysiker Erich Bagge am 20. September 1939 ein Programm mit Titel „Vorbereitender Arbeitsplan zur Aufnahme von Versuchen für die Nutzbarmachung der Kernspaltung“, das die Forschungsarbeiten koordinieren sollte.“ (Quelle siehe oben: Uranprojekt bei Wikipedia, Anmerkung zu dem Beitrag bei Wikipedia: Auffällig an dem Text ist, dass die von Karlsch und anderen vorgelegten Forschungsergebnisse sehr pauschal abgetan werden: „Es gibt keine Beweise dafür, dass gegen Kriegsende kleinere Kernwaffentests unternommen wurden, wie gelegentlich behauptet.“)

  • 1957 veröffentlichte der Rowohlt-Verlag ein Buch von Bagge, Diebner, Jay mit dem Titel „Von der Uranspaltung bis Calder Hall“. Auf dieses Buch wurde in den Briefen von Döpel an Straßmann weiter oben hingewiesen. Dort wird „Über die Verfasser“ Erich Bagge und Kurt Diebner berichtet, nachzulesen in diesem Auszug aus dem Buch als PDF.) In dem Buch schreiben Bagge und Diebner „Zur Entwicklung der Kernenergieverwertung in Deutschland“, darunter das Kapitel „Fortschritt und Hemmung im Zeichen des Krieges“. In diesem Aufsatz gibt es auch ein Kapitel 4. „Aus dem Internierungs-Tagebuch“. Darin wird aus dem Tagebuch von Erich Bagge berichtet. In dem Buch wird der Zeitraum von April 1945 bis März 1946 berichtet. Bagge ebenso wie Diebner waren mit acht weiteren am deutschen Atomprogramm beteiligten Wissenschaftlern von den Briten für rund ein Jahr in Farm Hall interniert worden.
  • In Farm Hall wurden die Wissenschaftler abgehört, einen Auszug der Abhörprotokolle über die Tage des 6./7. August 1945, dem Tag an dem die erste Atombombe der USA über Hiroshima, Japan, explodierte, ist hier unter dem Titel: Heimlich aufgezeichnete Unterhaltungen deutscher Kernphysiker auf Farm Hall (6./7. August 1945) als PDF nachzulesen.
  • 1958 führte Carlheinz Hollmann vom NDR ein Interview mit Erich Bagge, das hier online als AUDIO bereit steht.

Walker schreibt: „Im Februar 1942 erstellte Diebner mit Wissenschaftlerkollegen einen umfangreichen Übersichtsbericht über das Uranprojekt unter dem Titel „Energiegewinnung aus Uran“. (39) Das Bemerkenswerte an diesem Bericht ist seine detaillierte, doch gleichzeitig zurückhaltende Erörterung nuklearer Sprengstoffe.“ (S. 22)

Weiter zitiert er aus diesem Bericht von Diebner und anderen: „Wenn sie – wie man nach den Laboratoriumsversuchen erwarten muß – erfolgreich ist, sind der Weiterentwicklung drei Aufgaben gestellt:

1. Die Ausgestaltung der Maschine zu einem technisch brauchbaren Apparat.
2. Die technische, zumal wehrtechnische Verwendung der Maschine
[Schiffsantrieb; U-Bootsmaschine; Flugzeuge und Landfahrzeuge; feststehende
Energiequelle; Quelle durchdringender Strahlung und radioaktiver Substanzen
für die physikalischen und medizinisch-biologischen Gebiete].
3. Die Herstellung eines Uransprengstoffs. […] (40)“

Wenngleich das hier angeführte noch keine Realität war, sondern nur eine Auflistung der Möglichkeiten; bereits 1942 sind den deutschen Forschern die Anwendungsmöglichkeiten also völlig bewusst: Schiffsantriebe, Atomreaktoren als U-Boot-Antrieb, als Atomkraftwerk und die Atombombe.

Walker berichtet über die Waffen-Experimente von Kurt Diebner und Walther Gerlach:

„Mit Gerlachs Unterstützung setzte Diebners Team seine Arbeiten fort. In einem letzten Reaktorversuch, G-IV, wurde eine kugelsymmetrische Anordnung von Uranwürfeln verwendet. (73) Möglicherweise war dieser Versuch kurzfristig sogar erfolgreich, endete aber offenbar mit einem Unfall. Neuesten Erkenntnissen zufolge waren einige von Diebners Wissenschaftlern in den letzten verzweifelten Kriegsmonaten einen entscheidenden Schritt vorangekommen und es war ihnen gelungen, eine Kernwaffe zu bauen und zu testen. (74)

Diese Waffe war nicht mit den Atombomben zu vergleichen, die im folgenden August über Japan abgeworfen werden sollten. Vielmehr wurde hierbei versucht Sprengstoff in Form von Hohlladungen einzusetzen, um Kernspaltung in kleinen Proben entscheidend angereicherten Urans hervorzurufen und Kernfusion in einer kleinen Menge Lithiumdeuterid. Es ist nicht eindeutig erwiesen, ob diese Apparatur dergestalt funktionierte, daß sie es schaffte, Kernreaktionen zu produzieren. Zweifellos jedoch entwickelte und testete eine Gruppe deutscher Wissenschaftler nach eigenem Dafürhalten eine Kernwaffe. Diebner und Gerlach hielten diese Waffe und den damit verbundenen Test streng geheim. Keiner der anderen am Uranprojekt beteiligten Wissenschaftler, noch nicht einmal Heisenberg und Weizsäcker, erfuhren etwas davon.“ (S.  33, vergleiche die Fußnoten in der verlinkten PDF).

Nach dem Krieg – Patente und die Gründung der GKSS

Weiter schreibt Karlsch über Diebner und auch sein Verhältnis zu Erich Bagge: „Diebner war ein vielseitiger Mensch. Am erstaunlichsten war seine emsige Tätigkeit als Patentanmelder. Zumeist war er der Ideengeber, während Bagge die Möglichkeiten seines Universitätslabors zur Prüfung der Erfindungen nutzte. An einzelnen Erfindungen wirkte auch sein junger Mitarbeiter Friedwardt Winterberg mit. (99) Als Patentanmelder fungierten neben den Genannten auch Mitglieder der Familie Diebner, Mitarbeiter der Durag und andere Personen. Die Erlöse aus den Patenten wurden zu 90 Prozent zwischen Bagge und Diebner geteilt. Auch Ingenieur Schlottau, der in Diebners Team gearbeitet hatte, wurde mit zehn Prozent an den Erlösen beteiligt. Die Patentanmeldungen konzentrierten sich auf drei Gebiete: technische Apparate, Kernreaktoren und Kernfusionsprozesse. (100)“

Insgesamt 18 Patentschriften von Diebner und Bagge sind ab Mai 1955, als das alliierte Forschungsverbot augehoben wurde, im Umfang mehrerer hundert Seiten verfasst worden, darunter laut Karlsch auch solche zu Kernfussionsprozessen. „Man fragt sich unwillkürlich, wie es möglich war, dass zwei Wissenschaftler unmittelbar nach dem Fall des Forschungsverbotes derart viele Patentschriften einreichen konnten. Sie müssen daran schon seit längerer Zeit gearbeitet haben.“ (S.285). Diebner habe demnach auf seine Erfahrungen in Gottow zurück gegriffen. Dabei sei auch ein „zweistufiger Kernreaktor“ 1955 als Patent dabei gewesen, „der dem Brüten von Plutonium diente“.

1956 gründen Diebner und Bagge gemeinsam die bereits erwähnte Atomforschungseinrichtung GKSS in Geesthacht, östlich von Hamburg. Hier sollen offiziell nukleare Antriebe für Handelsschiffe entwickelt werden.

Im Jahr 2006 feierte die GKSS ihr 50 jähriges bestehen. In dem Jubiläums-Bericht auf der Homepage der 2010 zum Helmholtz-Zentrum Geesthacht umbenannten Atomforschungsanlage zu diesem Jubiläum ist über die Gründungsväter nichts mehr zu lesen. Lediglich in dem Link zu einer PDF (Broschüre) wird im Kapitel über die Gründung das Original eines Protokolls abgebildet. Mit Datum vom 29. Juli 1955 wird dort über die Bestellung eines Vorstands der „Studiengesellschaft für Kernenergieverwertung in Schiffahrt und Industrie“ berichtet. Lediglich in diesem Protokoll sind „Professor Dr. Bagge und  Dr. Kurt Diebner“ angeführt. Über ihre Geschichte oder sonstige Umstände der Gründung der Atomforschungsanlage wird mit keiner Silbe eingegangen.

1989 war eine Broschüre erschienen: GKSS – … Dort wird sich intensiv seitens der Herausgeber mit der Geschichte der Atomforschungsanlage auseinandergesetzt. Unter anderem auch in einem Kapitel „Geesthacht – Das braune Atomzentrum“. Die Broschüre lohnt bis heute der Lektüre und steht hier als PDF zum download bereit. Insbesondere wird sie auch im Lichte neuerer Studien zur bundesdeutschen Atom-Politik in den 50er und folgenden Jahren erneut interessant. In einem Übersichtsartikel wird die Broschüre auch in diesem Text vorgestellt: Atomforschungsanlage GKSS – Forschung an der Atombombe?

Weitere Texte zum Thema auf dieser Seite:

„Konsensorientierte Stilllegung“ der Atomanlagen in Geesthacht: Gemeinsamer Newsletter von Betreiber und Begleitgruppe

Jüngst zu Besuch im Schacht Konrad: Begleitgruppe und Betreiber HZG, die im "konsensorientierten Dialog" die Stilllegung der Atomforschungsanlagen in Geesthacht diskutieren. Foto: Dirk Seifert
Jüngst zu Besuch im Schacht Konrad: Begleitgruppe und Betreiber HZG, die im „konsensorientierten Dialog“ die Stilllegung der Atomforschungsanlagen in Geesthacht diskutieren. Foto: Dirk Seifert

Vor etwas über einem Jahr haben die Betreiber der Atomforschungsanlage in Geesthacht, das heutige Helmholtz-Zentrum (HZG) ein überraschendes Angebot gemacht. Den geplanten Rückbau der 2010 stillgelegten Forschungsreaktoren sowie der “Heißen Zelle” wollte der Betreiber in einem “konsensorientierten Dialog” mit der Bevölkerung und Initiativen durchführen. Um zu unterstreichen, dass dies Angebot ernst gemeint war, hatte der Betreiber mit Silke Freitag eine Anti-Atom-Aktivistin gewonnen, die die Moderation für diesen Prozeß übernehmen sollte. Ausdrücklich wird auch in ihrem Auftrag ein “konsensorientierter Dialog” festgeschrieben.

Seitdem hat sich eine Begleitgruppe gebildet, die viele Diskussionen zur Stilllegung, aber auch viele Debatten über die Rahmenbedingungen für den konsensorientierten Dialog-Prozess geführt hat.  Heute haben die Begleitgruppe und der Betreiber HZG einen “gemeinsamen Newsletter” verschickt, in dem der bisherige Verlauf “konsensorientiert” dargestellt wird. Dieser Text ist hier nun im Blog von ROBIN WOOD nachzulesen.

Die Nazis, die Uranmaschine und die deutsche Atombombe

Plakat zum Film: Geheimsache Nazi-Uran, Quelle: RBB
Plakat zum Film: Geheimsache Nazi-Uran, Quelle: RBB

Über die Entwicklung der Atomenergie im deutschen Faschismus werden in den letzten Jahren vermehrt Forschungsergebnisse veröffentlicht. Unter dem Titel „Geheimsache Nazi-Uran: Atomjagd in Brandenburg“ haben jetzt Thomas Claus und Maren Schibilsky einen Film gemacht, in dessen Zentrum die zum Degussa-Konzern (Karl-Heinz Roth, PDF) gehörenden Auer-Werke in Oranienburg stehen. Dort hat der Physiker Dr. Nikolaus Riehl daran gearbeitet, für die Atom-Forschung in Nazi-Deutschland ausreichende Mengen Uran herzustellen. Dr. Nikolaus Riehl war Uranmetallspezialist und Forschungsleiter der Auergesellschaft. Nach dem Zweiten Weltkrieg war er laut der beim RBB ausgestrahlten Dokumentation eine der Schlüsselfiguren für die Herstellung der ersten sowjetischen Atombombe.

UPDATE: 28.11.2013. Der gesendete Beitrag ist hier auf Youtube zu sehen.

Die Uranproduktion in Oranienburg löste einen der heftigsten Luftangriffe zum Ende des Zweiten Weltkriegs aus, weil die Streitkräfte der USA verhindern wollten, dass Nazi-Deutschland eine Atombombe entwickelt.

Riehl hatte in seiner Funktion mit allen Größen der deutschen Atomforschung zu tun. Darunter sowohl die Gruppe von Forschern rund um Heisenberg als auch die Gruppe um Kurt Diebner.

Siehe dazu ausführlich hier: Spurensuche: „Hitlers Bombe“ – Nazi-Forschung und Entwicklung an einer militärischen Nutzung der Atomenergie und ein Ausblick auf die Debatte um die Atombewaffnung in der jungen Bundesrepublik Deutschland der 50er Jahre.

Bereits vor einiger Zeit hatte der öffentlich-rechtliche Sender RBB über die Bedeutung der Auer-Werke unter diesem Titel berichtet: Die Atombombe kam aus Deutschland – Ein Bericht von RBB.

Die NZZ zu Uranmaschine oder Bombe? aus dem Jahr 2001.

Schwierige Spurensuche

Die Spurensuche über die Nazi-Geschichte zur Atomforschung ist äußerst schwierig. Einerseits weil alle beteiligten deutschen Forscher natürlich nach dem Zweiten Weltkrieg daran interessiert waren, in einem möglichst unverdächtigen Bild zu erscheinen. Zwar wird von niemanden bestritten, dass es ein massives Interesse Nazi-Deutschlands an der neuen Super-Waffe, also der Atombombe, gegeben hat. Allerdings gibt es keinen beteiligten Forscher, der einräumt, daran gearbeitet zu haben. Aber es liegt auch auf der Hand, dass im Nachkriegs-Deutschland keiner der Forscher bereit war, derartiges einzuräumen.

Sicher: Es gab Atomforscher, denen eine Nazi-Atombombe eine Horror-Vorstellung war und die deshalb Probleme in den Vordergrund stellten und möglicherweise die Entwicklungsarbeiten damit erheblich behinderten. Auch waren die Kriegsverhältnisse derart, dass die Forschung und Entwicklung durch den Mangel an Ressourcen, durch Bombenangriffe, durch Sabotage und anderer Gründe, den Bau einer Bombe erheblich erschwerten. Klar dürfte aber auch sein: Niemand von denen, die im deutschen Faschismus als überzeugte Nazis an der Bombe geforscht haben, hätten dies nach 1945 öffentlich eingestanden.

Hinzu kommt ein weiteres großes Problem für die Forschung zu diesem Thema: Sowohl amerikanische als auch sowjetische Interessen an der Entwicklung der Atombombe (und die Angst vor einer deutschen Atombombe) sorgten schon während der letzten Kriegsmonate dafür, dass Spezial-Kommandos gezielt Einrichtungen zur Atomforschung aufspürten, die beteiligten WissenschaftlerInnen festsetzten bzw. verhörten, ihre Unterlagen beschlagnahmt wurden und auch Uranerz und Thorium soweit möglich abtransportiert wurden. Das zeigt die neue Dokumentation auf. Dabei versuchten die Amerikaner auch zu verhindern, dass deutschen Knowhow und Material in die Hände der Sowjetunion fiel (- und umgekehrt).

Diese beiden Umstände sorgen mit dafür, dass die Rekonstruktion der deutschen Atomforschung und die Frage, wie weit die Forschung an einer Atombombe wirklich war, äußerst schwierig ist.

Rainer Karlsch hatte 2005 in dem o.g. Buch „Hitlers Bombe“ eine Vielzahl von neuen Quellen und Hinweisen veröffentlicht. Gestützt auf Quellen aus alten Stasi-Unterlagen und russischen Quellen hatte er dabei versucht aufzuzeigen, dass die deutsche Forschung möglicherweise weiter war, als bislang angenommen. Dabei hatte er auf Experimente der Forschergruppe um Kurt Diebner verwiesen. Das Buch löste heftige, oft ablehnende Reaktionen aus. Die Diskussion um das Buch sowie eine Vielzahl von Quellen und Verweisen sind in dem oben genannten Artikel zu finden. Siehe auch hier: Entwicklung der Atombombe in Deutschland (PDF)

Das Buch „Hitlers Bombe“ ist im Handel heute nicht mehr erhältlich und kann nur über Antiquariate oder Bibliotheken bezogen werden. Als PDF ist es auf einem offenbar russischen Server hier zu lesen.

 

Dialog für die Stilllegung: Antrag für den Rückbau der Atomforschungsreaktoren der GKSS ist gestellt!

HZG_GKSS_Stilllegung_01_10_2012_19Nach intensiven Gesprächen mit BürgerInnen und Initiativen ist jetzt vom Helmholtz-Zentrum Geesthacht (HZG) der Antrag für die Stilllegung der ehemaligen Atomforschungsreaktoren der GKSS (PDF) bei der Atomaufsicht in Schleswig-Holstein gestellt worden. Die Antragstellung erfolgt jetzt mit einer Verzögerung von rund vier Monaten gegenüber den ehemaligen Planungen der HZG: Dies war notwendig, damit die Initiativen sich über die Vorgehensweise und die damit verbundenen Sicherheitsfragen bei der Stilllegung ein eigenständiges Bild machen und damit zusammenhängende Fragen zwischen Betreiber und Initiativen geklärt werden konnten. „Dialog für die Stilllegung: Antrag für den Rückbau der Atomforschungsreaktoren der GKSS ist gestellt!“ weiterlesen

GKSS-Forschungsreaktor stilllegen – Dialog und Probleme

Das Reaktorgebäude der Atomforschungsanlage GKSS/HZG bei Geesthacht. Radioaktives Erbe des atomaren Wahnsinns. Foto: Dirk Seifert

Wohl über 100 Menschen waren gestern der Einladung der Betreiber der Atomforschungsanlagen der GKSS in Geesthacht gefolgt. Das heutige Helmholtz-Zentrum Geesthacht (HZG) plant den Rückbau der Atomanlage und will dabei „größtmögliche Offenheit und Transparenz herstellen“, so der HZG-Geschäftsführer Kaysser.

Mit der Atomkraftgegnerin Silke Freitag (X-1000 mal quer) hat das HZG eine Moderatorin für diesen Dialog-Prozess eingeworben, die gestern deutlich machte, dass der Dialog-Prozess nur dann gelingen kann, wenn das HZG die Fragen und Anregungen aus der Bevölkerung wirklich ernsthaft auf die Agenda setze und auch nach gemeinsamen Lösungen bei Konflikten suche. Sonst hätte der Dialog keine Chance.

Erste Bewährungsprobe für Dialogbereitschaft steht schon im Raum

Eine große Schwierigkeit steht – dabei hat der Dialog-Prozess noch nicht mal richtig begonnen – schon im Raum: Das HZG hat sich bereits vor dem Dialogbeginn für den vollständigen Rückbau der Reaktorhalle und der mit ihr zusammenhängenden Einrichtungen entschieden – und somit gegen den sog. „Sicheren Einschluss“. Damit ist bereits eine auch sicherheitstechnisch wichtige Einschränkung für einen offenen Dialog vorgenommen worden. Außerdem – und das macht einen offenen und transparenten Dialog noch schwieriger – will das HZG sämtliche Unterlagen für das atomrechtliche Genehmigungsverfahren bereits im November fertiggestellt haben und im Dezember den Antrag auf Rückbau bei der zuständigen Atomaufsichtsbehörde in Kiel einreichen. Damit wären aber wesentliche Teile auf den Weg gebracht, ohne das die BürgerInnen überhaupt beteiligt gewesen sind.

Viele der Anwesenden auf der Veranstaltung kritisierten genau diese Situation, die nicht nur wichtige Entscheidungen vorweg nehme, sondern auch einen enormen Zeitdruck für die meist in ihrer Freizeit aktiven BürgerInnen bedeutet. Allerdings signalisierten die Betreiber, dass man Wege suchen wollen, wie darüber gesprochen werden kann.

Die Betreiber wirkten sichtlich überrascht, dass der Rückbau in Frage gestellt und nun zunächst eine Prüfung der Alternativen gefordert würde.  Das ist zwar – betrachtet man die derzeit laufende Diskussion über die Stilllegung der AKWs – nachvollziehbar. Aber selbst, wenn es am Ende für die Forschungsreaktoren der GKSS bei einem Rückbau bleibt: Die Diskussion und Prüfung, wie die Betreiber zu dieser Entscheidung gekommen sind, muss von den BürgerInnen gründlich und auf Basis der vom Betreiber vorgenommenen Abwägungen geprüft und nachvollzogen werden können. Immerhin ist dies der entscheidende Schritt für das weitere Verfahren! Daher wurde auch mehrfach betont, dass eine Antragstellung bei der Atomaufsicht vor dieser Prüfung einen Dialogprozess kaum möglich mache.

In Arbeitsgruppen hatten die TeilnehmerInnen der Veranstaltung die Möglichkeit, alle ihre Fragen, Anmerkungen und Bedenken anzusprechen. Diese Sammlung wurde schließlich im „Plenum“ vorgestellt. Aus all diesen Fragen soll eine zu bildende Begleitgruppe einen Vorschlag erarbeiten, wie der Dialogprozess organisiert und all die Fragen bearbeitet werden können. Daher bezogen sich auch viele Fragen und Anmerkungen auf die Ausgestaltung und die Kompetenzen dieser Begleitgruppe. Z.B. ob diese Gruppe das Recht habe, eigene Gutachter hinzuziehen und wer für diese Gutachten die Kosten zu übernehmen hat.

Insgesamt zeigte sich, dass es unter den TeilnehmerInnen viel Mißtrauen gab. Zu tief sitzen die schlechten Erfahrungen mit Atomunternehmen, deren Geheimhaltungspolitik und Verharmlosungen. Kein Wunder: Gleich um die Ecke der Atomforschungsanlagen des HZG/der GKSS steht das von Vattenfall betriebene AKW Krümmel.

Rückbau der Forschungsreaktoren, die Leukämiefälle in der Elbmarsch und geheime Forschung: Vertuschung und Spurenbeseitigung – oder bis heute nicht geklärt?

Dabei spielt auch eine große Rolle, dass bis heute die Ursachen über die weltweit einzigartig hohe Anzahl von Leukämieerkrankungen bei Kindern und Jugendlichen in der Umgebung der beiden Atomanlagen nicht aufgeklärt ist bzw. eine Erklärung, wie es dazu gekommen sein kann, von der „herrschenden“ Lehre massiv bestritten wird (siehe dazu die Ärzteorganisation IPPNW).

Über ein Jahrzehnt wurde mit großem Aufwand nach den Ursachen für die Erkrankungen gesucht. Viele mögliche Ursachen wurden erforscht. Besonders radioaktive Strahlung, die solche Erkrankungen auslösen kann. Dabei ist es auch unter den beteiligten WissenschaftlerInnen zu schweren Auseinandersetzungen gekommen.

Während für viele die Ursachen bis heute nicht geklärt sind, ist für andere die Sache klar: In der Atomforschungsanlage der GKSS muss es im Sommer 1986 bei Experimenten mit Atombrennstoffen zu einem schweren Unfall und einer Explosion gekommen sein. Die Elterninitiative Geesthacht und andere, darunter auch kritische WissenschaftlerInnen, gehen davon aus, dass die Explosion dazu führte, dass radioaktive Teilchen, so genannte PACs sich in der Umgebung der Atomanlagen verteilten und deren Strahlung die Erkrankungen ausgelöst haben (siehe hierzu Strahlentelex (PDF)).

Der Vorwurf lautet: In der GKSS wurden geheime Forschungen betrieben, die auch für militärische Zwecke nutzbar gewesen sind. Der Verdacht, dass die GKSS auch dazu diente, Forschung für Atomwaffen zu betreiben, wurde immer wieder formuliert. Immerhin hatte der damalige Atomminister Franz Josef Strauss seine Finger im Spiel!  (Siehe dazu Matthias Küntzel: Bonn und die Bombe – Deutsche Atomwaffenpolitik von Adenauer bis Brandt. Frankfurt a. M. und (leider zum Nachlesen online nicht verfügbar): Arbeitskreis Atomwaffenverzicht ins Grundgesetz (Hrsg.): Atomforschung in Geesthacht – Schleichwege zur Atombombe?, Hamburg 1989, Info hier)

Während Institute im Auftrag der Initiativen diese Teilchen im Erdreich nachwiesen, bestritten andere deren Existenz bzw. Bedeutung. 2007 kam es zu einem Eklat zwischen den WissenschaftlerInnen untereinander und der zuständigen Atomaufsichtsbehörde in Schleswig-Holstein. Seitdem ist in Sachen Ursachenforschung sogut wie nichts mehr passiert.

Bis heute hält sich bei vielen der Verdacht, dass hier Spuren vertuscht werden (PDF). Das ZDF hat über die Spurensuche eine umfangreiche Dokumentation gedreht: Und keiner weiß warum (You Tube). Zur Forschung bis ca. 2004 siehe auch hier beim Otto Hug Strahleninstitut.

Was passiert mit dem Atommüll?

Und natürlich geht es im Zusammenhang mit dem Stilllegungsprozess auch um Fragen über den anfallenden Atommüll und was mit ihm geschehen soll. Die Betreiber haben vor, den leicht- und mittelaktiven Strahlenmüll zum Schacht Konrad zu transportieren, wo er dauerhaft eingelagert werden soll. Doch: Der Schacht Konrad ist zwar genehmigt, aber der Ausbau hat sich in den letzten Jahren immer wieder verzögert. Derzeit heißt es, dass erst 2019 der Probebetrieb aufgenommen werden soll, die eigentliche Einlagerung ab 2024! Doch noch wichtiger ist: Bis heute halten die Proteste gegen die Genehmigung des Schacht Konrad an, zahlreiche Nachbarstädte (z.B. Salzgitter), aber auch die Arbeitsgemeinschaft Schacht Konrad, verweisen immer wieder auf gravierende Sicherheitsmängel, die aus ihrer Sicht im Genehmigungsverfahren nicht zufriedenstellend geklärt wurden. Klagen gegen die Genehmigung waren schließlich erfolglos. Das Bundesverfassungsgericht lehnte es ab, die Klagen überhaupt zur Verhandlung zuzulassen!

Es dürfte also spannend werden, wie sich das HZG und der Dialog nun mit all diesen Fragen und Problemen wirklich „offen und transparent“ entwickeln wird und ob das HZG die „Belastungsprobe“ besteht und sich wirklich auf einen solchen Prozess einlässt – mit vielen für die Betreiber sicher unangenehmen Konsequenzen. Aber genau diese „auszuhalten“ und damit umzugehen und wirklich im Dialog zu gemeinsamen Lösungen zu kommen, wäre die Chance und der Erfolg dieses Projekts. Und hätte dann wohl auch für andere Verfahren in ähnlichen Konfliktfeldern große Bedeutung!

weitere Links zum Thema:

Atommüll auf der Hausmülldeponie und  Strahlender Stahl

 

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