Spurensuche: Gebaut auf den Verbrechen der Nationalsozialisten – „Versagen der jungen Bundesrepublik“

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Braune Geologen empfahlen in den 1960er Jahren die ASSE als Atommülllager.

Die immer noch notwendige Aufarbeitung der deutschen Nazi-Vergangenheit stellt  immer öfter (erneut) die Frage, wie die junge Bundesrepublik mit diesem verbrecherischen Erbe umgegangen ist und welche Rolle die Nazi-Täter beim Aufbau in der Nachkriegszeit spielten. Eine der bedeutsamsten Fragen der sogenannten 68er Generation bekommt damit neue und verdiente Aufmerksamkeit. Viele Studien und Berichte kommen zu erschreckenden Ergebnissen, die deutlich machen, wie sehr braune Täter nach 1945 nahezu nahtlos am Aufbau der westdeutschen Behörden und Verwaltungen – aber auch der Wirtschaft – beteiligt wurden und dabei sogar wiederum gegen ihre Opfer aus der Nazi-Zeit nun in der neuen Demokratie tätig wurden. Am Beispiel der Justiz spricht der zuständige Minister Heiko Maas jetzt in einer aktuellen Studie (Akte Rosenburg) von der „Perversion des Rechts während der Nazi-Zeit und das Versagen der jungen Bundesrepublik bei deren Aufarbeitung…“. Aktuelle Untersuchungen zeigen: Dieses Versagen ist nicht auf die Justiz beschränkt. In Hamburg sorgten Alt-Nazis dafür, dass das NSDAP-Vermögen nach 1945 erneut gegen die Opfer unter Kontrolle der Stadt kam und Nazi-Richter nach 1945 einfach weitermachten. Und „Braune Geologen“, die in Nazi-Deutschland die Rohstoffe für den Krieg organisierten, wurden ungestört Präsidenten einer Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) und sorgten dafür, dass Atommüll im maroden Salzstock der ASSE versenkt wurde.
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„Verweigerte Diskussion“: Axel Schildt über die „Rettung Hamburgs in letzter Minute – Zur Wiederauflage hanseatischer Legenden über NS-Herrschaft und Kriegsende“

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„Geschönte Geschichte“ im Auftrag der Handelskammer Hamburg: Autor Uwe Bahnsen. Foto: Screenshot

Im letzten Jahr sorgte eine Buchveröffentlichung der Handelskammer Hamburg über ihre Rolle im Nationalsozialismus für Aufsehen. Als „geschönte Geschichte“ wurde das von Uwe Bahnsen im Auftrag geschriebene Werk kritisiert. Der später auf Initiative der Reformer „Die Kammer sind Wir“ im Plenum der Handelskammer veröffentlichte Werkvertrag zwischen HK und Bahnsen machte deutlich, dass der Autor den Auftrag hatte, ein möglichst positives Bild der Handelskammer vor allem am Ende des Faschismus zu malen. In ihrem Jahresband 2015 hat die Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg (FZH) jetzt einen Aufsatz von Prof. Dr. Axel Schildt veröffentlicht, der sich intensiv mit diesem Werk und der folgenden Befassung auseinandersetzt, u.a. auch mit einer der Handelskammer-Selbstdarstellung weitgehend unkritisch folgenden NDR-„Dokumentation“.

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Prof. Dr. Axel Schildt kritisiert die „geschönte Geschichte“ der Hamburger Handelskammer

Im Vorwort des Jahresberichts heißt es dazu mit Blick auf eine Veranstaltung des Zentrums für Zeithistorische Forschung (Potsdam), des Instituts für Zeitgeschichte (München/Berlin) und der FZH: „Berichtet wurde dort auch über den Versuch, die längst überwunden geglaubte Legende der Rettung Hamburgs im Jahre 1945 durch einige Helden, die vor allem aus den Reihen der Handelskammer kamen, zu reanimieren. Zu den geschichtspolitischen Auseinandersetzungen über dieses lokale Phänomen findet sich ein Artikel von Axel Schildt in diesem Jahresbericht.“

Der Aufsatz von Prof. Dr. Axel Schildt mit dem Titel: „RETTUNG HAMBURGS IN LETZTER MINUTE – Zur Wiederauflage hanseatischer Legenden über NS-Herrschaft und Kriegsende“ ist hier als PDF online. Der Jahresband „Zeitgeschichte im Hamburg 2015“ der Forschungsstelle für Zeitgeschichte Hamburg ist hier als PDF vollständig online.

Schildt schreibt zur Einleitung: „Im Gedenkjahr 2015 blieb es geschichtspolitisch ruhig. In Hamburg allerdings spielte sich, von der allgemeinen Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt, siebzig Jahre nach Kriegsende eine Episode schönfärberischer Legendenbildung ab, die im Mantel geschichtswissenschaftlicher Seriosität daherkam. Worum ging bzw. geht es, denn die Angelegenheit ist nicht abgeschlossen?“

Schildt setzt sich sowohl mit dem Bahnsen-Buch, mit dem Auftrag der Handelskammer, mit der NDR-Dokumentation als auch mit den Reaktionen auf die vorgetragene Kritik daran auseinander, bevor er von der „verweigerten Diskussion“ spricht.

Wörtlich schreibt er: „Den bisher letzten Versuch, den Film zu diskutieren, unternahmen wir mit einem Schreiben an den Rundfunkrat des NDR, der dann zu einem von seinem stellvertretenden Vorsitzenden Uwe Grund moderierten Gespräch einlud, das am 2. September 2015 stattfand.

Allerdings hatten wir den Eindruck, einer geschlossen abweisenden Gruppe gegenüber zu sitzen, die kompromisslos den Film verteidigen wollte. Das gesamte Produktionsteam von jumpmedientv, Uwe Bahnsen, die Verantwortlichen des NDR und einige Rundfunkräte –
Namensschilder gab es nicht – betonten, dass der Film hervorragend gemacht sei, eine hervorragende Quote erzielt und viel professionelle Anerkennung gefunden habe. Nicht einmal ein Halbsatz der Selbstkritik war hörbar, dafür aber die Ablehnung der als hochmütig empfundenen Kritik von Historikern, die eben nicht verstünden, wie historische Stoffe im Fernsehen aufzubereiten seien. Am Schluss stand der Appell, wir sollten doch miteinander und nicht übereinander reden. Wir stimmten selbstverständlich zu, merkten aber an: Nicht im Hinterzimmer, sondern in der Öffentlichkeit. Es war leider keine Sternstunde eines öffentlich-rechtlichen Kontrollgremiums.“

Und außerdem berichtet Axel Schildt: „Ein Versuch der Landeszentrale für politische Bildung, die Diskutanten auf ein Podium zu bringen, scheiterte dann. Der Reimarus-Saal der Patriotischen Gesellschaft war zu diesem Zweck zwar bereits für den 1. Oktober 2015 angemietet, aber sowohl Bahnsen als auch Schmidt-Trenz (Handelskammer) verweigerten die Diskussion; der eingeladene Intendant des NDR, Lutz Marmor, antwortete nicht. Wegen der Absagen konnte die Landeszentrale die gewünschte Diskussion nicht durchführen.

Seither ruht die Auseinandersetzung. Der vielgelobte Film ist bislang nicht wieder ausgestrahlt worden und ist auch nicht in der Mediathek des NDR aufzufinden. Aber das ist gar nicht in unserem Sinne. Wir sind vielmehr für eine erneute Ausstrahlung, allerdings mit anschließender Diskussion, für Transparenz, für Aufklärung. Und dies gilt für die gesamte geschichtspolitische Episode des letzten Jahres.“

Nationalsozialismus: Zwangsarbeiter bei HEW – Kraftwerk Alt Garge – Einige parlamentarische Anfragen

hew-alt-garge-zwangsarbeit-1Über 70 Jahre nach der Befreiung vom Faschismus ist die Auseinandersetzung mit den Verbrechen noch lange nicht zu Ende. Eines der Themen, das derzeit wieder in der Aufmerksamkeit steht, ist die Zwangsarbeit von Kriegsgefangenen und KZ-Häftlingen. Vor wenigen Wochen hatte umweltFAIRaendern zwei Beiträge in Erinnerung gebracht, die sich mit der Zwangsarbeit bei den Hamburgischen Electricitäts-Werken (HEW) beschäftigten. 1994, im 100. Jahr der Gründung der HEW, stand die Entschädigung von Häftlingen einer Außenstelle des KZ Neuengamme, die am Bau eines HEW Kohlekraftwerks in Alt Garge auf der niedersächsischen Seite der Elbe eingesetzt worden waren, im öffentlichen Interesse. UmweltFAIRaendern veröffentlicht zusätzliche Dokumente: Vier Schriftliche Kleine Anfragen aus der Hamburgischen Bürgerschaft. „Nationalsozialismus: Zwangsarbeiter bei HEW – Kraftwerk Alt Garge – Einige parlamentarische Anfragen“ weiterlesen

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