Ein Konzern baut ab – Vattenfall Hamburg: Schönsprech gegen die Wirklichkeit

Vattenfall-AKW-Brunsbuettel-Dez2013-15Vattenfall redet sich in Hamburg den Zusammenbruch schön. Der Konzern hat das Stromnetz verloren, wird bald auch die Fernwärme abgeben müssen und auch die Müllverbrennungsanlagen sollen künftig zu hundert Prozent kommunal werden. Übrig bleiben dann nur noch zwei stillgelegte Atomkraftwerke und ein überflüssiges verlustträchtiges und klimaschädliches Steinkohlekraftwerk in Moorburg und die Abrechnungs-Bereiche für die KundInnen. Dennoch spricht Hamburg-Chef Wasmuth im Abendblatt blumig davon: „Wir haben ein Schiff aus unserer Flotte verkauft, das schmerzt natürlich, aber die Reederei gibt es noch“, sagt Pieter Wasmuth, Generalbevollmächtigter von Vattenfall für Norddeutschland.“ Als gäbe es jenseits der Wasmuth-Welt keine andere Realität, unterlässt es die Journalistin des Abendblatt erstaunlicherweise, auch nur eine kritische Nachfrage zu stellen. Dass Vattenfall das Deutschland-Geschäft abgespalten hat, bleibt ebenso unerwähnt. Und ebensowenig wird berichtet, dass Vattenfall den vorhandenen Rest kaputtspart und auf Investitionen verzichtet.

Vattenfalls Hamburg-Chef Wasmuth berichtet im Abendblatt: „Bislang beschäftigt das Unternehmen gut 4000 Mitarbeiter in der Metropolregion, davon 3500 in Hamburg. Wegen des Verkaufs der Energienetze gingen bereits 140 Mitarbeiter zur jetzt städtischen Gesellschaft, knapp 700 Beschäftigte der Netzservice- und Metering-Gesellschaften werden Anfang 2016 dahin wechseln. „Damit reduziert sich unsere Mitarbeiterzahl in Hamburg um gut 1000 auf 2500 in Hamburg plus gut 500 in der Metropolregion“, sagt Wasmuth.“

Unterschlagen werden die weiteren Personaleinschnitte, die mit der weiteren Rekommunalisierung kommen werden: Nach dem Volksentscheid zur Rekommunalisierung der Energienetze ist das Stromnetz bereits wieder zu 100 Prozent im Eigentum der Stadt und Ende des Jahres sollen auch die dazugehörigen Beschäftigten von Vattenfall komplett und zu den bestehenden Bedingungen übernommen sein. Allein die Stromnetz-Sparte umfasst insgesamt rund 1000 Beschäftigte, die dann nicht mehr bei Vattenfall sein werden. Soweit sind Wasmuths Aussagen korrekt. Was er nicht sagt: 2018/19 werden dann die KollegInnen aus der (Fern)Wärme-Versorgung von Vattenfall zur Stadt wechseln. Das dürften so um die 600 Arbeitsplätze sein. Und es werden, wenn die Übernahme der Müllverbrennungsanlagen durch die Hansestadt erfolgt, weitere Beschäftigte von Vattenfall zur Hamburger Stadtreinigung wechseln.

Natürlich nennt Wasmuth nicht den Personalabbau, der seit Jahren bei Vattenfall im Gange ist. Im Sommer 2013 war dazu in diesem Blog zu lesen: „Für Vattenfall in Hamburg ergibt sich aus den Daten des Abendblatts: Bereits von 2011 auf 2012 hat das Unternehmen die Arbeitsplätze in Hamburg von 4.725 auf 4.200 reduziert, also insgesamt 525 Arbeitsplätze gestrichen (siehe hier die Tabelle des Abendblatts, PDF, Nr. 15, siehe Vattenfall, E.on und die Arbeitsplätze: Beschäftigte unter enormem Druck – ratlose Gewerkschaften).

Zusätzlich hat der wirtschaftlich schwer angeschlagene Konzern weiteren Personalabbau betrieben. 2012 hatte Vattenfall angekündigt, insgesamt 2.500 Stellen, davon 1.500 in Deutschland, abzubauen. Dieser Abbau soll inzwischen weitgehend umgesetzt sein. Nicht die von Wasmuth genannten 3.000 Beschäftigten sind das Fundament von Vattenfall. Nach den beschriebenen Kommunalisierungen wird Vattenfall in Hamburg und Umgebung nur noch um die 2.000 MitarbeiterInnen haben.

Alles in allem kann man wohl davon ausgehen, dass Vattenfall in Hamburg zu einem mittelständischen Unternehmen wird, wenn der schwedische Mutterkonzern nicht den kläglichen Rest ohnehin verkauft.

Die Vattenfall-Reederei, um in Wasmuths Bildsprache zu bleiben, hat nicht nur ein Schiff, sondern vor allem die gewinnbringenden Schiffe aus der Flotte verloren. Was übrig bleibt liegt an der Kette oder taugt nicht mal für die Binnenschifferei. Die Reederei Vattenfall hat reichlich Schlagseite und droht abzusaufen.

An den grundsätzlich schlechten Wirtschaftsdaten von Vattenfall ändert auch der Hinweis von Wasmuth wenig, wenn er auf die verbleibenden KundInnen verweist: „Vattenfall ist immer noch Marktführer in Hamburg. Wir wollen auch künftig in der Stadt bleiben“, stellt Wasmuth klar. Rund drei Viertel der Hamburger Haushalte sind Kunden des Stromverkäufers. Die Zahlen waren allerdings schon höher. Im Jahr 2010 konnte Vattenfall noch auf einen Marktanteil von 81 Prozent verweisen. „Die Gesamtzahl unserer Kunden ist allerdings gestiegen, weil wir in ganz Deutschland Strom und Gas liefern“, so Wasmuth. „Dabei ist jeder dritte Vertrag, den wir bundesweit abschließen, ein Ökostrom-Vertrag.“

Der Hinweis auf Kunden aus „ganz Deutschland“ kaschiert vermutlich auch, dass die Zahl der KundInnen in Hamburg weiter sinkt. Ein Trend, der sich sicher weiter verstärken wird, denn mit der Rekommunalisierung der Energienetze und außerdem einem kommunalen (Öko)-Stromanbieter „Hamburg Energie“ wird sich der Markt in Hamburg sicherlich weiter umstrukturieren. Dazu dürfte auch beitragen, dass mit der Übernahme der Fernwärme von Vattenfall Hamburg auch künftig erheblich mehr kommunale Stromerzeugung haben wird. Denn die Fernwärme-Kraftwerke produzieren eben nicht nur Wärme, sondern auch Strom. Es wäre ziemlich logisch, dass die Stadt Hamburg seine Aktivitäten im Strommarkt also künftig verstärken wird. Das dürfte vor allem Vattenfall zu spüren bekommen.

Natürlich Vattenfall: Brennelemte verwechselt

Was kostet die Stillegung? Foto: Dirk Seifert
Dumme Verwechslung im Vattenfall-AKW Krümmel.  Foto: Dirk Seifert

Na, wieder eine dieser Pannen, die nur Vattenfall schafft. Diesmal keine rostzerfressenen Atommüll-Fässer, sondern nur eine kleine dumme Verwechslung. Irgendwie hatten die KollegInnen offenbar vergessen, dass man 2007 gleich nach dem Brand des Transformators in der frohen Hoffnung auf eine erneute Inbetriebnahme 12 frische Uran-Brennelemente in das Nasslager oberhalb des Reaktors eingestellt hatte. Jahrelang hat Vattenfall diese für hochradioaktiven Atommüll gehalten und entsprechend in den Statistiken ausgewiesen. Auf diese Panne weist das Energieministerium in Schleswig-Holstein in einer Pressemeldung hin (siehe vollständig unten). Allerdings: So richtig erklärt auch das Ministerium nicht, wieso die Verwechslung erst jetzt entdeckt wurde.

Bereits im Jahr 2007 sollen die frischen Brennelemente in das Nasslager eingestellt worden sein. Vorgesehen war, diese nach Abschluss von Reparaturen in den Kern einzusetzen. Doch diese Reparaturen dauerten dann immerhin zwei Jahre. Im Sommer 2009 versuchte Vattenfall dann, den Reaktor wieder ans Netz zu bringen. Doch offenbar waren diese 2007 ins Nasslager eingestellten neuen Brennelemente schon zu diesem Zeitpunkt vergessen. Jedenfalls wurden sie offenbar nicht in den Reaktor eingefahren.

Diesen Startversuch von 2009 (NDR) erwähnt das Kieler Energieministerium in seiner Erklärung gar nicht, obwohl davon ausgegangen werden muss, dass diese 12 frischen Brennelemente eigentlich in den Reaktor sollten – stattdessen aber wohl andere neue Uranelemente genommen wurden.

Der Startversuch 2009 scheiterte. Wieder kam es zu Problemen mit den gerade ausgetauschten Transformatoren, Sicherheitseinrichtungen, die per Anordnung der Behörde eingebaut werden sollten, hatte man in der Hektik bei Vattenfall glatt vergessen einzubauen und außerdem wurden Metallteile durch den Reaktor gespült, die dort einwandfrei nicht hingehörten. Nach wenigen Tagen musste Vattenfall den Startversuch abbrechen. Seit dem war der Reaktor abgeschaltet. Mit der Atomgesetzänderung nach der Fukushima-Katastrophe 2011 kam dann das endgültige Ende.

Die PM des Energieministeriums dazu: Kernkraftwerk Krümmel: Abweichung bei der Deklaration von Brennelementen, 25.06.2014

„GEESTHACHT/KIEL. Bei der Deklaration der Anzahl der bestrahlten Brennelemente im Kernkraftwerk Krümmel ist eine Abweichung festgestellt worden. 12 Brennelemente im Brennelementlagerbecken wurden als bestrahlt mit erfasst, obwohl sie nicht bestrahlt waren. Diese Abweichung wurde im Entsorgungsvorsorgenachweis für das Jahr 2013, der am 31.März 2014 vorzulegen war, korrigiert. Sicherheitstechnisch ist sie ohne Bedeutung. Dies teilte die Atomaufsicht heute (24. Juni 2014) mit.

Die Betreibergesellschaft hatte im Jahr 2007 die 12 unbestrahlten Brennelemente im Jahre 2007 vorsorglich in das Nasslager gestellt, weil Vattenfall zum damaligen Zeitpunkt mit einer Wiederaufnahme des Leistungsbetriebes rechnete.

Das Energiewendeministerium (Reaktorsicherheitsbehörde) hat die fehlerhafte Deklaration zum Anlass genommen, den schleswig-holsteinischen Kernkraftwerksbetreibern gegenüber die Qualitätssicherungsmaßnahmen im Rahmen der Entsorgungsvorsorgenachweise und die notwendige Sorgfalt bei der Datenerhebung noch einmal zu verdeutlichen.

Hintergrund:
Die Betreiber von Kernkraftwerken haben jährlich einen Entsorgungsvorsorgenachweis für bestrahlte Kernbrennstoffe zu führen. Darin ist unter anderem nachzuweisen, dass für den Umgang mit bestrahlten Kernbrennstoffen aus dem Reaktorbetrieb und mit den aus der Wiederaufarbeitung von bestrahlten Kernbrennstoffen stammenden radioaktiven Abfällen ausreichende Vorsorge getroffen ist. Auch in den nicht mehr betriebenen Kernkraftwerken befinden sich noch bestrahlte Brennelemente aus dem früheren Reaktorbetrieb, die ständig gekühlt werden müssen. Das Kernkraftwerk Krümmel hat die Berechtigung zum Leistungsbetrieb im Zuge der Atomgesetznovelle von 2011 verloren.“

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