Atommülllager Leese: „Die Bundesregierung kann derzeit nicht ausschließen, dass im Lager in Leese weitere Fässer mit Auffälligkeiten lagern“

Atommülllager in Leese bei Hannover. Seit Jahren ist klar, es gibt Handlungsbedarf. Über 12.000 Fässer mit leicht- und mittelradioaktivem Atommüll lagern dort. Mehrfach sind Atommüllfässer mit „Auffälligkeiten“ festgestellt worden. „Die Bundesregierung kann derzeit nicht ausschließen, dass im Lager in Leese weitere Fässer mit Auffälligkeiten lagern“, teilt die Bundesregierung jetzt auf eine Kleine Anfrage des Bundestagsabgeordneten Hubertus Zdebel (DIE LINKE) mit. Und der notwendige Neubau einer Lagerhalle nach Stand von Wissenschaft und Technik kommt nicht voran.

Hubertus Zdebel: „Egal in welches Atommülllager man schaut – fast überall gibt es Probleme. Auch im Atommülllager Leese müssen umfangreiche Reparatur- und Konditionierungsarbeiten durchgeführt werden, weil es immer wieder „Auffälligkeiten“ gegeben hat. Bislang wurden an 14 Fässern solche Mängel festgestellt, darunter auch Atommüllfässer, die infolge von Gasbildung aufgebläht waren. Weil es derzeit nicht möglich ist, alle Fässer umfassend zu prüfen, kann die Bundesregierung nicht einmal ausschließen, dass weitere Fässer Schäden aufweisen. Auch was einen erforderlichen Neubau von Zwischenlagerhallen angeht, kommt in der Sache nichts voran. Weil der Grundstückseigentümer, auf dessen Flächen die Atommülllager stehen, den Pachtvertrag nicht verlängern will, stockt das bereits angelaufene Genehmigungsverfahren. Zur Frage, welche Alternativen jetzt geprüft werden, schweigt die Bundesregierung.“

Die Bundesregierung teilt mit, dass derzeit für 1.484 Atommüllfässer aus der ehemaligen Landessammelstelle Steyerberg, die jetzt in Leese gelagert werden, eine Nachkonditionierung und -Qualifizierung geplant ist. Insgesamt lagern über 12.000 Atommüllfässer in Leese. Ziel dieser Maßnahme, für die derzeit eine europaweite Ausschreibung vorbereitet wird, ist: „Eine derartige Nachkonditionierung hat auch zum Ziel, die Zwischenlagerfähigkeit der Abfallgebinde zu verbessern.“ Mit anderen Worten: Selbst die Behörden sehen hier derzeit ein relevantes Problem. Die Kosten für diese Maßnahme – deren Höhe bislang nicht feststeht – wird „voraussichtlich der Bund“, also die Steuerzahler*innen übernehmen müssen, heißt es in der Antwort.

Spätestens seit 2014 ist klar, dass es für das Atommüll-Zwischenlager in Leese Handlungsbedarf gibt. Darauf hatte sogar der Betreiber Eckert & Ziegler im August 2014 gegenüber dem Niedersächsischen Umweltminsterium hingewiesen. In einem entsprechenden Schreiben (PDF) heißt es: „Ein wesentliches Ergebnis der Analyse ist unter anderem, dass die für Sie gelagerten Gebinde die Anforderungen an eine sichere Zwischenlagerung in der jetzigen Form nicht (mehr) erfüllen.“ Als einen der Lösungswege hatte das Unternehmen mit Hauptsitz in Braunschweig Thule den Neubau einer Lagerhalle vorgeschlagen.

Doch bis heute kommen die Planungen und das Genehmigungsverfahren offenbar nicht voran. In ihrer Antwort auf die Kleine Anfrage des MdB Zdebel teilt die Bundesregierung mit: „Es trifft zu, dass im Jahr 2016 im Auftrag des Niedersächsischen Ministeriums für Umwelt, Energie und Klimaschutz (NMU) Antragsunterlagen für den Neubau einer Lagerhalle am Standort Leese erstellt worden sind. Aufgrund der zeitlich befristeten Nutzungsmöglichkeit in Frage kommender Grundstücke wurden die Pläne zum Neubau einer Lagerhalle zurückgestellt. Daher wurde bisher auch kein Antrag bei den zuständigen Genehmigungsbehörden (NMU und Landkreis Nienburg/Weser) gestellt.“

Der Grundstückseigentümer, der die Flächen, auf denen die Atommülllager in Leese stehen, hat erklärt, einer Verlängerung der Verträge über das Jahr 2030 hinaus nicht zu verlängern.

Keine Angaben macht die Bundesregierung darüber, ob und wie die Niedersächsische Landesregierung jetzt weiter vorgehen will, ob beispielsweise alternative Standorte geprüft werden.

 

Castor-Atommüll-Transporte: Genehmigungsverfahren in Brokdorf, Isar, Philippsburg und Biblis beginnen

Atommüll aus der seit 2005 in Deutschland verbotenen Wiederaufarbeitung hochradioaktiver Abfälle in Frankreich (La Hague) und England (Sellafield) soll zwischen 2019 und 2021 zurück kommen. Nicht mehr das Zwischenlager Gorleben ist dann das Ziel dieser Castor-Transporte, sondern die Standorte Brokdorf, Biblis, Philippsburg und Isar (Ohu, Landshut). Insgesamt bis zu 28* Behälter werden aus Sellafield und La Hague erwartet. Damit das legal ist, braucht es noch die entsprechenden Genehmigungen für die hiesigen Zwischenlager. Noch in dieser Woche sollen die jeweiligen Zwischenlager-Betreiber Vattenfall, RWE, E.on/PreussenElektra und EnBW entsprechende Anträge stellen. Auch der Kieler Energieminister kündigte das mit Bezug auf ein Schreiben des Bundesumweltministeriums (BMUB) an, wie die SHZ berichtet.

Genehmigungsbehörde ist das Bundesamt für kerntechnische Sicherheit (BfE). Ob diese Verfahren mit Öffentlichkeitsbeteiligung stattfinden werden, ist noch offen. Das BMUB hatte vor rund zwei Jahren in der „Endlager-Kommission“ erklärt, dass es dafür keinen Grund sähe. Dem benachbarten und mit Brokdorf baugleichen Zwischenlager in Brunsbüttel hatten Urteile des OVG Schleswig und des Bundesverwaltungsgerichts wegen Mängeln bei den Sicherheitsnachweisen die Genehmigung entzogen. Ab 2019 sollen die Zwischenlager für hochradioaktive Abfälle von den Atomkonzernen in staatliches Eigentum überführt werden. (Foto: AKWs Philippsburg. Block 2, vorn rechts, ist noch in Betrieb, daneben Block 2 abgeschaltet und die Schienen führen zum Zwischenlager für hochradioaktiven Atommüll im Zwischenlager)

Die SHZ berichtet: „Mit Anträgen der Energieversorger für Atommülltransporte aus dem englischen Sellafield nach Deutschland ist in Kürze zu rechnen. „Wenn das Bundesamt für kerntechnische Entsorgungssicherheit diese genehmigt, werden in einigen Jahren voraussichtlich sieben Castoren aus der Wiederaufbereitung in Brokdorf eingelagert“, sagte Schleswig-Holsteins Energieminister Robert Habeck (Grüne) am Mittwoch am Randes des Umweltausschusses des Landtags in Kiel. Er berief sich dabei auf ein Schreiben des Bundesumweltministeriums und der Energieversorger, in dem zeitnahe Anträge angekündigt werden.“

  • * Aufgemerkt: Die SHZ berichtet auch über die Anzahl der insgesamt anstehenden Rücktransporte aus der Wiederaufarbeitung, nennt dabei aber unterschiedliche Zahlen. „Insgesamt muss Deutschland noch 21 Behälter mit hoch radioaktiven Glaskokillen aus Großbritannien sowie fünf Behälter mit mittelradioaktiven Abfällen aus Frankreich zurücknehmen“, schreibt das Blatt (also insgesamt 26). Die Anzahl ist bislang auch immer wieder öffentlich genannt worden. Allerdings schreibt die SHZ mit Blick auf das Zwischenlager Isar davon, dass „bis zu neun Behälter“ zurückzunehmen wären und listet weitere je sieben Behälter für Brokdorf und das Zwischenlager Biblis (Hessen) aus Sellafield auf. Aus der WAA in La Hague kommen außerdem weitere fünf Behälter für das Zwischenlager Philippsburg (Baden-Württemberg). Das wären dann in der Summe bis zu 28 Castor-Behälter mit verglasten Abfällen.

Derzeit lagern in den Standort-Zwischenlagern an den AKWs ausnahmslos Castoren mit abgebrannten Brennelementen aus den jeweiligen Atommeilern vor Ort. Erstmals sollen mit den WAA-Rücktransporten nun in Glas verpackte radioaktive Abfälle in die vier Standort-Lager transportiert werden. Während derzeit defekte Castorbehälter mit abgebrannten Brennelementen notfalls noch in den vorhandenen Reaktoren umgeladen und repariert werden könnten, ist das mit dem in Glaskokillen verpackten Atommüll aus der Wiederaufarbeitung nicht möglich. Diese Abfälle dürfen nicht mit Wasser in Kontakt kommen, weil sie sonst reißen würden. Für abgebrannte Brennelemente wäre das kein Problem. Auch die eingesetzten Castor-Behälter für diese Abfälle sind andere, als bei den bestrahlten Brennelementen und erfordern einen anderen Umgang.

Schon aus diesen Gründen fordern Anti-Atom-Initiativen für die nun offenbar anlaufenden Genehmigungsverfahren eine atomrechtliche Öffentlichkeitsbeteiligung, weil es sich hier um eine „wesentliche Änderung“ handelt. Der Atomchef im Bundesumweltministerium, Wolfgang Cloosters, hatte jedoch vor rund zwei Jahren in einer Sitzung der „Endlager-Kommission“ erklärt, dass man dafür keinen Grund sähe. Ob die jetzt zuständige Genehmigungsbehörde, das neue Bundesamt für kerntechnische Entsorungssicherheit (BfE), sich dieser Auffassung anschließt oder aber die Öffentlichkeit beteiligt, ist noch unklar. Formal muss das Bundesamt entscheiden, nachdem die Anträge eingegangen sind und geprüft wurde, ob eine Umweltverträglichkeitsprüfung erforderlich ist.

Die Regelung, dass diese WAA-Abfälle nicht mehr wie früher in das oberirdische Zwischenlager Gorleben rollen, wurde im Zuge der Verhandlungen zum Standortauswahlgesetz 2013 als Bedingung des Bundeslands Niedersachsen durchgesetzt. Im Gegenzug erklärte sich die rot-grüne Landesregierung bereit, dass Gorleben als Standort für ein untertägiges „Endlager“ im Verfahren bleibt.

Verstrahlte Zukunft: #2 Projekt „Jugend trifft Erfahrung“

Welche Risiken bestehen für Umwelt und Gesundheit durch Atomenergie und die radioaktiven Abfälle? Heute sorgt eine Anti-Atom-Bewegung dafür, dass die Umgangsweise von Staat und Konzernen immer wieder kritisch debattiert wird und Maßnahmen gerechtfertigt werden müssen. Aber was wird in zehn oder 20 Jahren sein, wenn die letzten AKWs in Deutschland abgeschaltet, viele aus der heutigen Anti-Atom-Bewegung in Rente sind und auch in den Behörden eine ganz neue Generation von Akteuren am Start sein wird? Gemeinsam mit der BUND-Jugend will das Projekt „Atommüllreport“ dazu beitragen, Wissen über den atomaren Wahnsinn an die kommenden Generationen weiterzugeben. Ein zweiter Workshop aus der Reihe „Jugend trifft Erfahrung“ findet zwischen dem 12. und 14.10.2017 in Karlsruhe statt.

Über einen ersten Workshop in der Reihe „Jugend trifft Erfahrung“ berichtet der Atommüllreport hier.

Auf mehreren Wegen versuchen Anti-Atom-Verbände, dass in 40 Jahrend Widerstand aufgebaute wissen in die „neuen“ Medien und an die künftigen Generationen zu übertragen. Mit einer Sommerakademie richtete sich der „Atommüllreport“ jüngst in Wolfenbüttel an ein eher studierenden Publikum, um über die enormen Probleme und Risiken bei der Lagerung des Atommülls zu informieren und zu diskutieren. Immerhin braucht es so etwa eine Million Jahre, die dieses radioaktive und chemisch brisante Zeug von Mensch und Umwelt sicher verwahrt werden muss. Über die Sommerakademie hatte Juliane Dickel in einem Artikel für das Neue Deutschland berichtet.

Ein weiteres Veranstaltung-Format, mit der Wissen für die Zukunft weiter vermittelt werden soll, ist die Reihe „Jugend trifft Erfahrung“. Der zweite Workshop wird nun in Karlsruhe stattfinden. Geplant ist dabei auch eine Besichtigung der dortigen ehemaligen Atomforschungsanlagen. Das Projekt richtet sich an interessierte Jugendlich im Alter zwischen 16 und 28 Jahren. In der Ankündigung auf der Homepage der BUND-Jugend, wo auch das Programm und die erforderliche Anmeldung zu finden ist, heißt es: „Dabei wollen wir hier ganz gezielt schauen, wie die Erfahrungen aus dem Protest und die zukünftigen Herausforderungen bei der Lagerung von Atommüll für eine Bearbeitung in Schule spannend gestaltet werden können. Gemeinsam entwickeln wir Ansätze, wie Schülerinnen und Schüler hier erfolgreich informiert und aktiviert werden können.“

  • Der Atommüllreport informiert hier über das Jugendprojekt. Dort finden sich auch weitere Informationen darüber, welche weiteren Bausteine bzw. Projekte unter dem Dach des Reports derzeit in Arbeit und Planung sind. Auf der Seite befindet sich auch eine umfangreiche Datenbank, in der die Atom(müll)-Standorte aufgelistet werden und detailliert über die Atommüllmengen berichtet wird.

 

Noch mehr Atommüll zu Lasten der SteuerzahlerInnen verstaatlichen?

Die Bundesregierung will weiteren Atommüll von Zulieferfirmen für den AKW-Betrieb verstaatlichen und deren Haftung für die Kostenrisiken bei der Atommülllagerung beenden. Bereits im Dezember 2016 hatten die Regierungsfraktionen von CDU/CSU sowie die Grünen die AKW-Betreiber gegen eine Einmalzahlung in einen öffentlich-rechtlichen Atommüll-Entsorgungsfonds von der künftigen Kosten-Haftung befreit. Bereits zweimal haben im Mai Gespräche zwischen dem Bundeswirtschaftsministerium und der Siemens AG in dieser Sache stattgefunden, teilt die Bundesregierung auf Anfrage des Bundestagsabgeordneten Hubertus Zdebel (DIE LINKE) mit.

Siemens hatte u.a. Brennelemente für den AKW-Einsatz in Hanau hergestellt. Insgesamt 10.170 Kubikmeter Atommüll sind dabei angefallen. Für den Rückbau der Atomanlagen und die Atommülllagerung hat Siemens sogenannte „Entsorgungs-Rückstellungen“ in Höhe von 1.551 Millionen Euro gebildet. Die Bundesregierung teilt mit, dass bis Ende 2018 eine Entscheidung fallen soll.

Zdebel: „Es spricht nichts dagegen, dass auch Versorgungsbetriebe wie Siemens ihre Rückstellungen in den bestehenden öffentlich-rechtlichen Atommüll-Entsorgungsfonds einzahlen. Was aber hier genauso wenig geht, wie bei den AKW-Betreibern, ist, diese von der Verantwortung für die künftigen Kostenrisiken zu befreien. Eine Verlagerung dieser Kosten-Risiken von den Konzernen auf die Steuerzahler ist mit DIE LINKE nicht zu machen.“

Ende 2016 hatten die Regierungsfraktionen aus CDU/CSU und SPD sowie die Grünen im Bundestag die „Neuordnung der Entsorgungsverantwortung“ beschlossen und die AKW-Betreiber gegen eine Einmalzahlung von 24 Mrd. Euro von der künftigen Verantwortung für die Finanzierung der Atommülllagerung komplett befreit. Die Risiken bei den Kosten trägt seit dem der Steuerzahler.

Diese Regelung umfasst bislang nur die AKW-Betreiber. Atommüll ist aber auch bei Versorgungsbetrieben oder Forschungseinrichtungen angefallen. Bereits im November 2016 hatte die Bundesregierung angekündigt, dass sie „Gespräche mit Betreibern anderer Anlagen aufnehmen werde, in denen radioaktive Abfälle anfallen oder angefallen sind (vgl. Bundestagsdrucksache 18/10482 vom 30. November 2016).“ Laut Angaben der Bundesregierung finden derzeit Gespräche angeblich „im Rahmen einer ergebnisoffenen Prüfung“ zur Klärung von Fragen und Sachverhalten statt.

Mit Bezug auf Siemens sagt die Bundesregierung: „Vor diesem Hintergrund fand mit der Siemens AG am 17. Mai 2017 ein Gespräch zwischen dem Chief Financial Officer und dem fachlich zuständigen Abteilungsleiter des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie statt, und am 30. Mai 2017 ein Gespräch mit den gleichen Beteiligten sowie den beteiligten Ressorts Bundesministerium der Finanzen und Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit, vertreten auf Fachebene, und fachlichen Experten der Siemens AG.“

Nach Angaben der Bundesregierung in der Antwort auf die Kleine Anfrage von Hubertus Zdebel lagern von den insgesamt 10.170 Kubikmetern leicht- und mittelradioaktiven Abfällen, für die Siemens verantwortlich ist, 6.050 Kubikmeter in Hanau. Das dortige Zwischenlager für von der Firma DAHER Nuclear Technologie GmbH betreiben.

Außerdem lagern im damaligen Siemens-Standort Karlstein „nach Angaben der Firma Siemens AG 2.610 m3 radioaktive Abfälle sowie 25.836 kg radioaktive Rohabfälle (Stand Juni 2017). Es handelt sich ausschließlich um Abfälle mit vernachlässigbarer Wärmeentwicklung (schwach- und mittelradioaktive Abfälle – LAW/MAW). Das Lager wird von der Firma Siemens AG betrieben.“

„Die Abfälle werden derzeit an folgenden Orten bzw. bei folgenden Unternehmen zwischengelagert oder konditioniert und verpackt:
– Karlstein,
– Hanau,
– Kerntechnische Entsorgung Karlsruhe GmbH (KTE),
– GRB Sammelstelle Bayern für radioaktive Stoffe GmbH,
– Siempelkamp.“

Unklar bleibt die Antwort zur Frage, ob unter den Siemens-Abfällen auch Kernbrennstoffe sind. Dazu sagt die Bundesregierung: „Bei den in Rede stehenden radioaktiven Abfällen der Firma Siemens AG handelt es sich nicht um Kernbrennstoffe im genehmigungsrechtlichen Sinne.“

 

Am Ende: Entria – Ein Atommüll-Forschungsprojekt zieht Bilanz

Wie können wir mit dem Atommüll weiter umgehen? Darüber hat die staatlich finanzierte Forschungsplattforum „Entria“ fünf Jahre lang gearbeitet und zahlreiche Projekte durchgeführt. Nicht nur technisch-naturwissenschaftliche Fragen waren dabei relevant, sondern auch gesellschaftliche bzw. sozialwissenschaftliche Probleme und Herausforderungen waren Forschungsgegenstand. Zwischen dem 26. und 30. September wird das Entria-Projekt nun in Braunschweig seine Ergebnisse vorstellen und diskutieren. Das überwiegend englisch-sprachige Programm (PDF) ist über 20 Seiten stark. Besondere Aufmerksamkeit auch für ein breiteres Publikum verdienen die Veranstaltungen vor allem am Freitag Abend und am Samstag im Haus der Wissenschaft. (Siehe unten die ins deutsche übersetzte „Einführung“ zur Tagung)

Während das Entria-Programm die Publikums-Veranstaltung am Samstag (Radioaktiver Abfall – was nun? Befragen Sie ENTRIA!) als besonderen öffentlichkeitswirksamen Teil der Tagung bewirbt, dürfte insbesondere die Debatte am Freitag Abend über die Optionen für die „Endlagerung“ hochradioaktiver Abfälle von Bedeutung sein. „Plädoyers für jede der drei wichtigen Entsorgungsoptionen und Gegenrede“ heißt die Veranstaltung, in der jeweils mit Gegenrede die Themen unterirdische Endlagerung mit und ohne Rückholbarkeit sowie ein „Plädoyer für die „Öberflächenlagerung““ vorgestellt und diskutiert werden sollen.

Während Entria seine Forschungsergebnisse jetzt auch in dieser Frage vorstellt, ist eine Entscheidung dazu vorerst vom Bundestag und Bundesrat mit dem Standortauswahlgesetz bereits getroffen. Zuvor hatte zwei Jahre lang eine „Kommission Lagerung hoch radioaktiver Abfallstoffe“ mit gesellschaftlichen VertreterInnen Empfehlungen für ein zu findendes „Endlager“ und die Anforderungen entwickelt. Unterirdisch mit der Option einer Rückholbarkeit für 500 Jahre sollen es nach der geltenden Gesetzeslage werden.

Die Frage wird also sein: Werden die Entria-Ergebnisse hier noch einmal zu neuen Betrachtungen führen? Jüngst hatte z.B. Greenpeace dafür plädiert, diese Optionen noch einmal gründlicher zu debattieren und vorerst die bestehenden Zwischenlager sicherheitstechnisch für eine ohnehin anstehende deutlich verlängerte Betriebszeit umfassend zu verbessern und damit einen Rahmen zu schaffen, um ergebnisoffen die Probleme weiter diskutieren und entscheiden zu können.

Dokumentation in deutscher Übersetzung aus dem Entria Programm (Übersetzung mit Hilfe von https://www.deepl.com/)

„Abschluss-ENTRIA-Konferenz – nur noch ein weiteres Symposium zur nuklearen Entsorgung? Definitiv nicht. Deutschland blickt auf jahrzehntelange, eher erfolglose Versuche zur Lösung des Atommüllproblems zurück. Die Prozesse waren festgefahren, wegen inkompatibler Positionen und Forderungen der Politik, Interessengruppen, NGOs und anderen beteiligten Gruppen.

Es wurde deutlich, dass dieses „böse Problem“ nicht allein durch die Entwicklung technischer Lösungen, die von den klassischen Regierungsformen in Angriff genommen wurden, gelöst werden konnte. Ebenso offensichtlich war aber auch, dass es in Deutschland wenig Erfahrung mit alternativen Ansätzen gab, die Herausforderungen technischer Großprojekte wie den Bau eines Endlagers für hochradioaktive Abfälle und moderne Beteiligungsformen miteinander zu verbinden.

Ausgehend von diesen Erkenntnissen haben das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und die beiden niedersächsischen Ministerien für Wissenschaft und Kultur (MWK) sowie für Umwelt und Klimaschutz (MU) 2012 vorgeschlagen, dieses Thema in einem interdisziplinären Forschungsprojekt mit Natur-, Ingenieur-, Kunst-, Rechts- und Sozialwissenschaftlern zu bearbeiten – ENTRIA war geboren.

Kurz darauf wurde von der deutschen Politik ein so genannter „Neuanfang“ proklamiert, der zur Einführung des „Standortauswahlgesetzes“, zur Einrichtung der Kommission „Lagerung hochradioaktiver Strahlungsabfälle“ und zur Neustrukturierung und Umsetzung neuen Regulierungsgremien, insbesondere BfE und BGE, geschaffen. Die parallele Bearbeitung des gleichen Themas, eine von der wissenschaftlichen „langsamen“ akademischen Seite, die andere von den Notwendigkeiten der Tagespolitik beeinflusst, war eine spannende Erfahrung. Interaktion und Austausch untereinander, Umgang mit persönlichen Verflechtungen und flexible Anpassung der Arbeitsprogramme prägten die Arbeit von ENTRIA in den vergangenen fünf Jahren.

Während der abschließenden ENTRIA-Konferenz werden alle Aspekte dieser Arbeit vorgestellt und diskutiert. Angefangen vom anfänglichen Kampf, wie man über Disziplinargrenzen hinweg miteinander reden kann. Wie man eine gemeinsame Sprache findet. Die fruchtbaren Ergebnisse der gegenseitigen Vermittlung von Grundlagen aller beteiligten Disziplinen bilden die Grundlage echter interdisziplinärer Arbeit, die oft von Teams mit Autoren verschiedener Disziplinen durchgeführt wird. Eine Herausforderung des interdisziplinären Arbeitens, z. B. für Doktorarbeiten, interdisziplinäre Aspekten zu verbinden und zu echten interdisziplinären Supervisionen zu kommen. Auch der Austausch mit Politik, NGOs und der interessierten Öffentlichkeit war Teil der Arbeit von ENTRIA. Ein guter Grund, die Konferenz nicht nur in englischer Sprache als „Expertentreffen“, sondern um den Freitagabend und Samstag zu widmen, um mit der deutschen Öffentlichkeit zu interagieren: „Radioaktiver Abfall – war Nonne? Befragen Sie ENTRIA!“

ENTRIA ist kein geschlossener akademischer Kreis. ENTRIA-Teams arbeiten mit vielen Akteuren im In- und Ausland zusammen. Daher wurde die abschließende ENTRIA-Konferenz ganz bewusst für internationale Wissenschaftler geöffnet, um ihr Fachwissen mit ENTRIA zu teilen und ihre unvoreingenommenen Ansichten und Perspektiven über die Arbeit von ENTRIA zu vermitteln. ENTRIA begrüßt warmherzig alle Teilnehmer „von außen“.

Dieser Abschluss stellt die Vielfalt der Themen und Ansätze von ENTRIA-Mitgliedern und Wissenschaftlern aus aller Welt vor. ENTRIA freut sich auf eine fruchtbare Tagung in Braunschweig und fünf Tage mit lebhaften und fruchtbaren wissenschaftlichen Austausch und wertvolle Diskussionen.

Hannover, September 2017
Clemens Walther, (Konferenzkoordinator)“

 

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