Deutsch-Brasilianscher Atomvertrag bleibt in Kraft

Ein Atomabkommen zwischen Deutschland und Brasilien über die atomare Zusammenarbeit bleibt weiterhin in Kraft. Das Abkommen stammt aus den 1970er Jahren und kann seit dem alle fünf Jahre gekündigt werden.  Doch keine Bundesregierung – auch keine mit grüner Beteiligung – hat die mögliche Kündigung als Beitrag zum Atomausstieg umgesetzt, auch wenn es dazu immer wieder Forderungen der Opposition im Bundestag gab. Auch jetzt haben die grünen Ministerien für Umwelt, für Wirtschaft und im Auswärtigen Amt die Frist erneut verstreichen lassen und den Atomvertrag nicht gekündigt. Angeblich, weil das Bundeskanzleramt gegen eine Kündigung war.

Auch die taz berichtet über den Atomdeal. In einem offenen Brief an die Bundesregierung (hier und hier als PDF) hatten Umweltverbände und Anti-Atom-Gruppen die Kündigung des Vertrages gefordert. Andere Initiativen haben auf dem Weg einer Petition versucht, dieses Ziel zu erreichen. Eine Untersuchung zu dem Thema ist 2016 vom Wissenschaftlichen Dienst des Bundestags hier als PDF veröffentlicht worden.

Mit einer PM von 2014 hatte u.a. die Organisation urgewald darauf hingewiesen, dass die Bundesregierung die Verträge nicht gekündigt hatte:

Atomabkommen zwischen Deutschland und Brasilien wieder nicht gekündigt

Pressemitteilung der Menschenrechts- und Umweltorganisation urgewald.
| von Urgewald

Berlin (17.11.2014) Morgen läuft die Frist zur Kündigung des deutsch-brasilianischen Atomvertrages aus. Alle fünf Jahre besteht die Möglichkeit, das 1975 unterzeichnete Abkommen turnusgemäß per diplomatischer Note zu beenden. Bei einer Kündigungsfrist von zwölf Monaten könnte so der Atomvertrag zwischen Deutschland und Brasilien zum 18. November 2015 auslaufen. Die schwarz-rote Bundesregierung will diese Chance jedoch nicht nutzen, sondern weiter am bilateralen Atomabkommen mit Brasilien festhalten.

“40 Jahre Atomkooperation sind mehr als genug”, erklärt Barbara Happe von der Umweltorganisation urgewald. “Es ist nicht nachvollziehbar, warum Deutschland im eigenen Land wegen der damit verbundenen nicht beherrschbaren Risiken aus der Atomkraft aussteigt, gleichzeitig aber daran festhält, andere Länder aktiv beim Ausbau der Atomkraft zu unterstützen”.

Der im Juni 2014 erhoffte konsequente Kurswechsel der Bundesregierung beim Thema Atomexporte ist ausgeblieben. Damals hatte sie das unter Rot-Grün schon mal geltende Kriterium, keine Hermesbürgschaften für den Neubau von Atomanlagen zu gewähren, wieder eingeführt und somit die seit Jahren schwelende Debatte um eine deutsche Hermesbürgschaft für das im Bau befindliche Atomkraftwerk Angra 3 in Brasilien beendet. Umweltorganisationen hatten die Entscheidung der Großen Koalition damals sehr begrüßt und zeigen sich jetzt enttäuscht, dass sie dennoch am Atomkooperationsvertrag festhält.

In einer Debatte im Deutschen Bundestag vergangene Woche führten CDU-Politiker v.a. Sicherheitsaspekte für das Fortbestehen der Atomkooperation ins Feld. Deutschland könne einen wichtigen Beitrag dazu leisten, die Atomanlagen weltweit sicherer zu machen, hieß es.

Die vorgetragenen Sicherheitsargumente überzeugen die Gegner des bilateralen Abkommens nicht. Schließlich bauen die Brasilianer aktuell mit deutschem know-how das Atomkraftwerk Angra 3, das schon beim Bau technisch veraltet ist und dem Niveau von Atomkraftwerken entspricht, die in Deutschland gerade abgeschaltet werden. Außerdem steht das Projekt massiv in der Kritik, weil es in einem Erdrutschgebiet an der Atlantikküste, nur knapp 100 km entfernt von Rio de Janeiro, liegt, und zudem über nur rudimentäre Notfallpläne verfügt. Der einzige Fluchtweg, die Küstenstraße BR 101, wird in der Regenzeit immer wieder durch massive Erdrutsche beeinträchtigt.
„Letztlich geht es beim Ja zum Atomvertrag wohl vor allem darum, der hiesigen Atomwirtschaft weiter Geschäfte im Ausland zu ermöglichen“, erörtert Happe die Motivlage der Regierung.

Dies war auch vor zehn Jahren unter Rot-Grün die Begründung gewesen, mit der sich Wirtschaftspolitiker der SPD durchgesetzt hatten, um die von Zivilgesellschaft und grünen Politikern vorangetriebene turnusgemäße Kündigung der Atomkooperation in letzter Sekunde zu verhindern.

Die automatische Verlängerung der Atomkooperation schwächt ferner die Bemühungen der Umweltorganisationen in Brasilien, die für eine sichere und atomfreie Energieversorgung im eigenen Land streiten. In einem Brief hatten Dutzende von Organisationen sich in der vergangenen Woche nochmals an Bundestag und -regierung gewandt und die Kündigung dieses extrem unzeitgemäßen Abkommens eingefordert.

“Der bilaterale Atomvertrag trägt bis heute dazu bei, die ‚Atomträume‘ in Brasilien am Leben zu erhalten. Seine Kündigung würde der brasilianischen Gesellschaft zeigen, dass sich international was verändert und energiepolitisch andere Prioritäten gesetzt werden. Statt weiter auf den Atomvertrag zu setzen, sollte die deutsche Regierung alle Energie darauf verwenden, den 2008 unterzeichneten bilateralen Vertrag zur Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Erneuerbaren Energien endlich mit höchster Priorität zu implementieren”, fordert Chico Whitaker von der brasilianischen NRO-Koalition für ein Brasilien ohne Atomkraftwerke.

Dem Umgang mit dem Brasilienvertrag kommt eine hohe Bedeutung für zahlreiche andere Länder zu, weil es noch Dutzende weiterer bilateraler Atomverträge gibt, die einen ganz ähnlichen Charakter wie der mit Brasilien haben.

 

Beitragsserie zur Öffentlichkeitsbeteiligung im Standortauswahlprozess für ein Endlager hochradioaktiver Abfälle

In Würzburg wird gerade über den Stand und die Entwicklung bei der Suche nach einem möglichst sicheren Endlager für hoch radioaktive Atomabfälle debattiert, bilanziert und Ausblick gehalten. Nicht nur technische oder geologische Fragen sind dabei relevant. Auch die Sozialwissenschaften sind gefragt, wenn es um Öffentlichkeitsbeteiligung und gesellschaftlichen Umgang mit den radioaktiven Hinterlassenschaften in Staat und Gesellschaft geht. Achim Brunnengräber und sein Team gehören seit Jahren – auch im Rahmen staatlich geförderter Forschung zu dem Thema – zu den Wissenschaftlter:innen, die immer wieder genau hinschauen und analysieren, wie es um die vom Gesetz als sehr bedeutsam eingeordnete Beteiligung der Öffentlichkeit bestellt ist. UmweltFAIRaendern dokumentiert eine Sammlung von Aufsätzen der Wissenschaftsautor:innen, die vor kurzem veröffentlicht worden sind.

Entstanden unter der wechselnden Autorschaft von: Achim Brunnengräber | Albert Denk | Maria Rosaria Di Nucci | Lucas Schwarz | Jan Sieveking | Dörte Themann – Analyse, Kritik und Handlungsempfehlungen: Beitragsserie zur Öffentlichkeitsbeteiligung im Standortauswahlprozess für ein Endlager hochradioaktiver Abfälle. Erschienen im Forschungsjournal Soziale Bewegungen, bei der Stiftung Leben & Umwelt und beim Nationalen Begleitgremium (NBG)

Die folgenden Texte sind hier in dieser PDF nachzulesen.

• Themann, Dörte; Di Nucci, Maria Rosaria; Brunnengräber, Achim (2021): Alles
falsch gemacht? Machtasymmetrien in der Öffentlichkeitsbeteiligung zur
Endlagersuche, in: FJSB plus, 34 (1). (Online Version)
• Themann, Dörte; Schwarz, Lucas; Di Nucci, Maria Rosaria; Brunnengräber,
Achim (2021): Power over, power with und power to bei der Standortsuche
für ein Endlager, in: FJSB plus 34 (3). (Online Version)
• Schwarz, Lucas; Themann, Dörte; Brunnengräber, Achim (2021): Von
Machtasymmetrien zu flachen Hierarchien im Standortsuchprozess für ein
Endlager?, in: FJSB plus, 34 (3). (Online Version)
• Schwarz, Lucas; Themann, Dörte; Brunnengräber, Achim (2021): Räume
erobern, öffnen und verteidigen. Über die Wirkung von Macht beim dritten
Beratungstermin der Fachkonferenz Teilgebiete, in FJSB plus, 34 (4).
(Online Version)
• Brunnengräber, Achim; Denk, Albert; Themann, Dörte (2024): Hemmnisse
zivilgesellschaftlicher Selbstorganisation im Standortauswahlverfahren – Ein
Diskussionsbeitrag zur Öffentlichkeitsbeteiligung beim Forum
Endlagersuche. In: Forschungsjournal Soziale Bewegungen Plus. 37 (1).
(Online Version)
• Brunnengräber, Achim; Denk, Albert (2024): Instrumentalisierte Öffentlichkeit.
Drei Jahre Beteiligungsverfahren zur Standortauswahl für die langfristige
Tiefenlagerung hochradioaktiver Abfälle. In: Forschungsjournal Soziale
Bewegungen Plus. 37 (3). (Online Version)
• Sieveking, Jan; Schwarz, Lucas; Themann, Dörte; Brunnengräber, Achim
(2022): Auf dem Weg zum weichen Endlagerstaat. Gelingende Beteiligung bei
der Suche nach einem Standort für die Endlagerung hochradioaktiver Abfälle
in Deutschland, Hannover: Stiftung Leben & Umwelt / Heinrich-Böll-Stiftung
Niedersachsen. (Online Version)
• Themann, Dörte; Brunnengräber, Achim; Denk, Albert; Schwarz, Lucas
(2023): Handlungsempfehlungen und Thesen – Vorgetragen bei der 77.
Sitzung des Nationalen Begleitgremiums am 12. September 2023 in Berlin.
(Online Version)

Siehe außerdem auf umweltFAIRaendern:

Nuklearer Fall-out: Atommüllreport zivil-militärisch – Dokumente einer Fachtagung

Das Fachportal Atommüllreport (AMR) hatte Ende Oktober zur jährlichen Fachtagung „Nuklearer Fall-out“ nach Hannover geladen und dabei die zivilen und militärischen Zusammenhänge und Hintergründe der Atomenergie zwischen Strom und Waffe ausleuchten wollen. Denn klar ist: Die Nutzung der Atomenergie ist untrennbar mit der Atomwaffe verbunden und heute geht der erste Schritt (immer) über die vermeintliche zivile Nutzung und Forschung. Der amtierende französische Präsident Macron hatte das erst vor kurzem in einer Ansprache auf den Punkt gebracht.

Mit rund 80-100 (?) Teilnehmenden war diese anspruchsvolle Fachtagung gut besucht und nun sind die interessanten Vorträge der Referent:innen Angelika Claussen (Keynote, Überblick), Co-Vorsitzende der internationalen Ärzteorganisation IPPNW, Christoph Pistner vom Öko-Institut, Wolfgang Irrek von der Hochschule Ruhr West und Sophie Kretzschmar von der RWTH Aachen online zu finden.

Ausgerechnet aber die Beiträge, die sich mit dem titelgebenden „Nuklearen Fall-out“ unmittelbar befassen sollten – sei es mit Blick auf die oberirdischen Atomwaffentests in Ost und West, den Katastrophen von Tschernobyl oder Fukushima oder den radioaktiven und sonstigen Belastungen aus dem Uranbergbau in der ostdeutschen Wismut (Uran für die Sowjetunion) oder in den Gebieten von Indigenen (Bergbau für Bombe und Strom), fehlen bzw. sind nicht dokumentiert. Vielleicht liegt das auch daran, dass das Thema unter dem Titel ONTOLOGIE DES NUKLEAREN – KONTAMINATION, MÜLL, WERTSTOFF auch während der Tagung etwas unscharf oder unbestimmt blieb. Irgendwas mit Radioaktivität. UPDATE 12/24: Inzwischen ist in der Mitgliederzeitung der IPPNW – dem Forum 180 / 2024 – ein Artikel zu dem Thema erschienen, der sich in etwa dem mündlichen Vortrag folgt. Der Text „Nuclearity: Was es heißt, nuklear zu sein – Die (Nicht-)Thematisierung von Radioaktivität muss kritisch hinterfragt werden“ ist hier bei IPPNW online zu finden.

Hier als Dokumentation von der Homepage des Atommüllreports:

KEYNOTE – NUKLEARER FALLOUT: DER ATOMAUSSTIEG IST NUR MIT EINEM ATOMWAFFENVERBOT MÖGLICH
von Dr. med. Angelika Claussen, Co-Vorsitzende der IPPNW Deutschland und Präsidentin der IPPNW Europa

DIE DUALITÄT VON ZIVILER UND MILITÄRISCHER NUTZUNG DER ATOMKRAFT
von Dr. Christoph Pistner, Physiker, Öko-Institut

DIE DUALITÄT VON ZIVILER UND MILITÄRISCHER NUTZUNG DER ATOMKRAFT – ÖKONOMISCHE PERSPEKTIVE
von Prof. Dr. Wolfgang Irrek, Ökonom, Institut Energiesysteme und Energiewirtschaft Hochschule Ruhr West

ABRÜSTUNG UND ATOMMÜLL
von Dr. Sophie Kretzschmar, Physikerin RWTH Aachen, Nuclear Verification and Disarmament Group)

ONTOLOGIE DES NUKLEAREN – KONTAMINATION, MÜLL, WERTSTOFF – Achtung – siehe weiter oben das eingefügte UPDATE!
von Juliane Hauschulz, Politologin, Campaignerin für nukleare Abrüstung, IPPNW und ICAN und Patrick Schukalla, Geograph, Fachreferent für Atomausstieg, Energiewende und Klima, IPPNW

  • Keine PDF vorhanden.

Hier ist noch mal das PROGRAMM als PDF.

und dort heißt es zum Thema „Ontologie“ … :

„13.45 – 15.15 ONTOLOGIE DES NUKLEAREN – KONTAMINATION, MÜLL, WERTSTOFF?
Radioaktive Strahlung existiert als physikalisches Phänomen jenseits der Frage, ob sie technisch
erfasst oder politisch problematisiert wird. Ob ein strahlender Stoff aber beispielsweise als
Kontamination, Müll oder gar als Wertstoff aufgefasst wird, hängt von verschiedenen Parametern ab.
In einer postkolonialen Welt entzieht sich die Kontamination der natürlichen Lebensgrundlagen
durch Uranförderung oder Atomwaffentests im globalen Süden allzu o* unserer Wahrnehmung und
wird als hinzunehmender Kollateralschaden ignoriert. Stoffe mit denselben oder ähnlichen
physikalischen Eigenschaften können als Kontamination, deren „Sichtbarmachung“ politische
Interventionen voraussetzt, problematisiert werden, als Atommüll in ein sozio-technisches System
des Versuch ihrer Abschirmung eingebunden sein, oder als Roh- oder als Wertstoff deklariert
gehandelt werden. Der Beitrag soll den Blick auf das Feld von radioaktiver Kontamination und
strahlenden Abfällen weiten und zur Diskussion anregen.

Atomtests erzeugen große Mengen radioaktiver Abfälle, sei es durch den Fallout der Tests, sei es
durch die Kontamination der militärischen Ausrüstung oder der Unmengen von Wasser, die zu
Dekontaminationszwecken verwendet wurden. Die Beispiele sind zahlreich. In den Testgebieten in
Französisch-Polynesien wurden große Mengen radioaktiver Abfälle zwischen 1967 und 1982 von
Frankreich einfach ins Meer versenkt. In Algerien vergrub die französische Armee ihre verstrahlte
Ausrüstung in der Wüste. Die Geräte wurden vielfach von der ansässigen Bevölkerung wieder
ausgegraben und weiterverwendet. Auf den Marshallinseln schuf die US-Armee mit dem Runit Dome
ein Atommülllager in einem Krater, der durch die Atomtest selbst entstanden ist. In diesen Krater
wurden zehntausende Kubikmeter radioaktiver Schutt hineingekippt, der teils vor Ort durch die USA
erzeugt, teils vom Testgelände Nevada dorthin transportiert wurde. Der Krater wurde mit einer
Betonkuppel abgedeckt. Die Unterseite des Kraters ist jedoch nicht versiegelt und steht in Kontakt
mit dem ansteigenden Meer.
In der Regel wird das kontaminierte Material jedoch nicht einmal als Atommüll behandelt. Die
Bevölkerung wird der Kontamination ihrer Lebensgrundlagen einfach schutzlos ausgeliefert. Die über
2.000 weltweit durchgeführten Atomwaffentests fanden v.a. in (ehemaligen) Kolonien statt sowie auf
den Gebieten indigener Völker und politischer Minderheiten – und beeinträchtigen noch immer
massiv das Leben der Betroffenen.
 Patrick Schukalla, Geograph, Fachreferent für Atomausstieg, Energiewende und Klima, IPPNW
 Juliane Hauschulz, Politologin, Campaignerin für nukleare Abrüstung, IPPNW und ICAN“

Jahrzehntelanger Atomkonflikt: Ehemaliges Endlager Gorleben – Rückbau ist endlich genehmigt

Eine der größten Atomlügen Deutschlands geht nun in die endgültige Stilllegung. Um Atomkraftwerke betreiben zu können, brauchte es irgendwie eine Art Endlager für den Atommüll, hatten Gerichte (!) in den 1970er Jahre entschieden. Da die Bundesregierung dafür keinen Plan, aber viele Atommeiler im Bau hatte, wurde kurzerhand an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze im niedersächsischen Gorleben wie von Zauberhand ein Salzstock gefunden, der als Endlager doch „wunderbar“ wäre. Obwohl der Standort auf seine „Eignung“ noch „geprüft“ werden sollte, wurden schon mal über 100 Castor-Behälter mit hoch radioaktivem Atommüll um die Ecke in ein „Zwischenlager“ eingeparkt. Eine erste Prüfung ohne politische Vorfestlegungen kam aber schließlich im Rahmen einer ersten Untersuchung ohne politische Einmischungen zum Ergebnis: Der Salzstock Gorleben ist gar nicht geeignet. Nun endlich wird dieses konfliktreiche Kapital westdeutscher Atompolitik beerdigt: Endlich liegt die Genehmigung vor, mit dem das „Forschungsbergwerk“ endlich zugeschüttet wird.

Die Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg e.V. reagierte vor wenigen Tagen mit einer Pressemitteilung auf die Genehmigung für den Rückbau des ehemals geplanten Endlagers in Gorleben.

Das Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie (LBEG) hat heute den neuen Hauptbetriebsplan für das Erkundungsbergwerk Gorleben zugelassen. „Damit ist der Weg frei für die geplante Verfüllung der Grubenbaue“, erklärt heute LBEG-Präsident Carsten Mühlenmeier.

Der Salzstock Gorleben wurde beim Neustart der Endlagersuche bereits im ersten Vergleichsschritt im Herbst 2020 wissenschaftsbasiert aussortiert und sollte wieder verfüllt werden. Das Salz, das beim Ausbau des Bergwerks aufgefahren wurde, liegt ca. 1 Kilometer entfernt im Wald auf Halde.

Ursprünglich hatte der Rückbau des ehemaligen Erkundungsbergwerks Gorleben bereits im Sommer beginnen sollen, die Verzögerung hatte die Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg (BI) auf den Plan gerufen. Vermutet wurde im Kreis der Gorleben-Aktivist:innen, dass das Projekt auf die Lange Bank geschoben würde, um eine anderweitige Nutzung nach den Bundestagswahlen zu ermöglichen.

„Wir haben mächtig Druck gemacht. Jetzt gibt es grünes Licht für die Verfüllung und wir erwarten, dass es noch in diesem Jahr losgeht, zumal das Betreiberkonsortium die Vorarbeiten für den Rückbau bereits abgeschlossen hat“, so BI-Sprecher Wolfgang Ehmke. Auf jeden Fall bleibe es bei den Sonntagsspaziergängen. „Die setzen wir fort bis zum Abschluss des Rückbaus und haben auch die verlängerte Zwischenlagerung in Gorleben auf dem Zettel.“

Wolfgang Ehmke, BI-Pressesprecher, 0170 510 56 06

bergwerk2
PM zur Genehmigung des Rückbaus in Gorleben durch das Niedersächsische Umweltministerium:

Meyer: „Genehmigung zur Verfüllung des Salzstocks vom LBEG endlich erteilt – Endlagerprojekt Gorleben ist Geschichte“

– Neuer Hauptbetriebsplan für das Erkundungsbergwerk in Gorleben zugelassen –

PI 113/2024

Dazu sagt Niedersachsens Umwelt- und Energieminister Christian Meyer:

„Heute wurde endlich die Genehmigung zur Verfüllung des für ein Endlager ungeeigneten Salzstocks in Gorleben erteilt. Es ist vor der anstehenden Bundestagswahl ein wichtiges Signal in die Region, dass das Kapitel Gorleben als Endlager für hochradioaktiven Atommüll nun wirklich und endgültig geschlossen wird. Die parteiübergreifende Entscheidung für eine neue bundesweite Endlagersuche gilt. Gorleben ist als Endlager geologisch ungeeignet, daher ist der Rückbau des Erkundungsbergwerks nur konsequent. Ich erwarte von der BGE nun unverzüglich den Beginn der Verfüllungsarbeiten zum Schließen und zum Rückbau des Salzstocks in Gorleben. Es wäre gut, wenn der Start noch vor der Bundestagswahl erfolgt. Dem LBEG und allen Beteiligten danke ich, dass nun die bergrechtliche Genehmigung zur Verfüllung des Salzstocks vorliegt. Damit wird die in der Region Lüchow-Dannenberg bestehende Verunsicherung hinsichtlich des vormals geplanten Endlagers beendet.“

Update: Siehe außerdem zum Thema:

Gorleben-Rückbau beginnt – 2 Mrd. Euro ins Salz gesetzt

1129(2)Nach Monaten der Ungewissheit ist nun klar: Am 29. November beginnt der Rückbau des Erkundungsbergwerks Gorleben, das rund ein Kilometer entfernt, im Wald aufgehaldete Salz – rd. 400.000 Kubikmeter – wird zur Verfüllung von Strecken, Hohlräumen und am Ende der Schächte sukzessive wieder unter Tage verbracht.

Die Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg (BI) hatte massiv darauf gedrungen, dass der Rückbau noch vor den Bundestagswahlen begonnen wird, um zu verhindern, dass noch einmal um Gorleben gepokert werden könnte.

Die Kosten für den Aus- und Rückbau belaufen sich auf rd. 2 Mrd. Euro.

„Diese Kosten und die politischen Verwerfungen hätte man sich sparen können“, so BI-Sprecher Wolfgang Ehmke, „die Gorleben-Befürworter in Politik und Behörden wurden jedoch niemals für dieses Desaster zur Verantwortung gezogen.“

Schon 1983 hatte die damals federführende Behörde, die Physikalisch-Technische Bundesanstalt (PTB), empfohlen, neben dem Salzstock Gorleben-Rambow auch andere Standorte zu untersuchen. Die PTB hatte die Tiefbohrergebnisse ausgewertet, die u.a. den Wasserkontakt belegten. PTB 1983 1. Fassung Doch das neue Regierungskabinett unter Helmut Kohl (CDU) hielt trotzdem an Gorleben fest, man brauchte „Fortschritte bei der Erkundung“ des Salzstocks als „Entsorgungsnachweis“ für den Bau und Betrieb von Atomkraftwerken.

Am 17. März 1986 begannen die Abteufarbeiten von Schacht Gorleben I im Tiefkälte-Gefrierverfahren und damit offiziell der Bau des „Erkundungsbergwerks“. „Warnungen der Kritiker wie zum Beispiel des Quartärgeologen Klaus Duphorn wurden ignoriert. Stattdessen wurde die „Eignungshöffigkeit“ des Salzstocks postuliert und noch in den 1990er Jahren, nachdem die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) eine Salzstudie vorlegte, attestierte die damalige Bundesministerin Angela Merkel (CDU) dem Salzstock die besten Eignungsqualitäten. Bizarr, denn der Salzstock Gorleben-Rambow war von der BGR gar nicht betrachtet worden,“ erinnert die BI.

Audio-Player

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(Merkel-Mitschnitt)

Die offizielle Erzählung, in Gorleben würde der Salzstock lediglich „erkundet“, konnte sehr früh als Lüge enttarnt werden. Im Juli 1980 wurde ein Hamburger Geologieprofessor in einem Intercity-Zug Zeuge eines Gesprächs, bei dem Vertreter der PTB, des niedersächsischen Sozialministeriums und der Deutschen Gesellschaft für Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen (DWK) über Wege diskutierten, wie unter Umgehung von Rechtsvorschriften ein Probeschacht im Gorlebener Salzstock bereits so breit angelegt werden könnte, dass er später als Zugang zu einem Endlager dienen könne. Dr. Werner Heintz, Abteilungsleiter der PTB, gab später seine Teilnahme an diesem Gespräch zu.

Die letztlich erfolgreiche Auseinandersetzung um das Endlagerbergwerk hatte einen hohen Preis. Zu beklagen waren bei einem Schachtunfall 1987 ein toter und fünf schwerverletzte Bergleute.

Immer wieder war die von hohen Mauern mit Nato-Draht und Wasserwerfern umgebene Schachtanlage Ziel von Aktionen. Wiederholt wurde das Bergwerksgelände besetzt. Spektakulär war eine Bohrturmbesetzung am 21. Juni 1990, dem Tag der ersten Rot-Grünen Regierung in Niedersachsen.

Die 14 Aktivist:innen aus dem Wendland forderten damals die unverzügliche Umsetzung der zwischen SPD und Grünen vereinbarten Pläne zum Ausstieg aus der Atomenergie. Horrende Schadensersatzforderungen gegen die Aktivist:innen waren die Folge.

Ehmke: „Es wäre falsch, an dieser Stelle einfach einen Schlussstrich zu setzen. Angesichts der wachsenden politischen Kräfte, die sich weiterhin für die Hochrisikotechnologie Atomkraft stark machen, brauchen wir eine verstetigte Erinnerungskultur. So sollte unbedingt das Graffiti geschmückte Mauerteil vor Ort erhalten bleiben, für dessen Verbleib wir uns erfolgreich eingesetzt haben, und zwar als „Mahnmal für industriepolitische Fehlentwicklung des letzten Jahrhunderts“. Die Atomkraft ging dank des zivilgesellschaftlichen Engagements, der Müll der bleibt, wir machen weiter.“

Wolfgang Ehmke, BI-Pressesprecher, 0170 510 56 06

Fotos: BI Umweltschutz

Hochradioaktiver Atommüll unterwegs nach Philippsburg

Vier Castor-Behälter mit hoch radioaktivem Atommüll sind auf dem Weg nach Philippsburg in Baden-Württemberg. Der darin enthaltene Atommüll stammt aus der Plutoniumerzeugung von bundesdeutschem Uran-Brennstoff in der Normandie in Frankreich und muss laut internationaler Verträge von Deutschland zurückgenommen werden. Angesichts der enormen Risiken, die mit dem Transport von derartigem Atommüll und zusätzlich wegen der Gefährdungsanlage mit Blick auf mögliche Terror-Anschläge, gelten höchste Sicherheitsforderungen bei der Polizei in beiden Ländern und strikte Geheimhaltung über die Transportrouten und die Maßnahmen der Sicherheitsorgane. Kritik gibt es nicht nur wegen der Transport-Risiken. In Philippsburg wird der Atommüll noch für Jahrzehnte in einer oberirdischen Halle zwischenlagern, weil sich die Suche nach einem unterirdischen Endlager immer weiter verzögert.

umweltFAIRaeandern hatte zuletzt über diese Atomtransporte hier berichtet:

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