Geschichte des Niedergangs – Vattenfall zerfällt

tschuessvattenfallSeit drei, vier Jahren ist das Auseinanderbrechen von Vattenfall nicht mehr zu übersehen. Inzwischen ist der Rückzug ins Mutterland Schweden in vollem Gange. Warnungen gab es lange vorher. Vattenfall ist Ende der 90er / Anfang der 2000er als Deal der großen deutschen Konzerne in den hiesigen Markt gekommen. Ohne diesen Marktzutritt für Vattenfall hätte die Fusion aus verschiedenen Stromkonzernen zu EnBW, RWE und E.on nicht die Zustimmung der Kartellbehörden bekommen. UmweltFAIRaendern hat über diese Entwicklung und den Niedergang umfänglich berichtet. Nun schreibt auch das Hamburger Abendblatt den Abgesang: „Vattenfall – ein Unternehmen zerfällt“ heißt es im Titel und im Teaser: „Atomkraftwerke stillgelegt, Braunkohle steht zum Verkauf, das Stromnetz geht an die Stadt, und das Sponsoring der Cyclassics wird beendet – wohin steuert der Konzern? Eine Abendblatt-Analyse“.

Die tiefgreifenden Fehlplanungen und massiven Einbrüche aus der Wirtschafts- und Finanzentwicklung seit Mitte der 2000er Jahre werden allerdings nicht weiter dargestellt. Nicht die langwierigen Stillstände der AKWs Brunsbüttel und Krümmel stellten Vattenfall vor ein ernstes Problem. Obwohl die Atommeiler bis zu ihrer endgültigen Abschaltung nach Fukushima still standen, konnte Vattenfall den gesamten Stromhandel sogar noch ausbauen und damit auch noch gute Gewinne erzielen. Strukturell war Vattenfall von der Finanzkrise und den einbrechenden Wirtschaftsentwicklungen aber massiv getroffen.

Investitionen in den Expansionskurs stellten sich als wenig profitabel heraus, die Kosten für die Finanzierung stiegen. Gipfelpunkt war sicherlich die völlig überteuerte Übernahme der niederländischen Nuon. Nicht nur die hohen Verlustabschreibungen, die Vattenfall später durchführen musste, trafen den Konzern im Mark. Diese Katastrophe besiegelte schließlich in Verbindung mit anderen Ausfällen die Entscheidung zum Rückzug auf den skandinavischen Markt.

Die einstige Strategie, die Nummer 1 rund um die Ostsee zu werden, war schon vor dem Ende des letzten Jahrzehnts Schritt für Schritt zusammen gebrochen. Immer wieder war aus Unternehmenskreisen die Klage zu hören, dass „die Schweden“ keine Geduld hätten, dass eine Umstrukturierung die nächste jagte und die Schuldenberge immer weiter anstiegen. Von massiven Problemen einer bundesdeutschen gegenüber der schwedischen Kultur war die Rede. Damit war auch gemeint, warum es Vattenfall zumindest in Hamburg und Berlin eigentlich zu keiner Zeit schaffte, ein positives Image aufzubauen.

Wie kein anderes Unternehmen zeigte Vattenfall jenseits der harten Wirtschaftsfakten eine unglaubliche Unfähigkeit, eine halbwegs vertrauenswürdige Kommunikationsstrategie aufzubauen. Höhepunkt dieses Desasters waren ohne Frage die Ereignisse rund um die Ausfälle der beiden AKWs Brunsbüttel und Krümmel im Sommer 2007. Vattenfall wurde offen dabei erwischt, nicht nur wie üblich verharmlost zu haben. Direkte Lügen wurden nachgewiesen, unglaubliche Auseinandersetzungen mit der Atomaufsicht und sogar der Staatsanwaltschaft folgten. Umfangreich strukturierte Vattenfall seine gesamte Führungsetage um – nur um einige Zeit später im Zusammenhang mit dem kläglichen Versuch, das AKW Krümmel wieder online zu bringen, erneut eine gravierende Dummheit nach der anderen zu verkünden.

Vattenfall hat über Jahre so ziemlich jeden Fehler gemacht, den man machen konnte. Mit Vorbildern wie E.on und RWE und in steter Kumpanei mit der großen Politik, ignorierte auch Vattenfall alle Anzeichen für die kommende Energiewende, die spätestens ab 2000 mit dem Erneuerbaren Energien Gesetz auf die Tagesordnung gesetzt war. Absurde Investitionen in neue Kohlekraftwerke und die erhoffte Laufzeitverlängerung für die Atommeiler sollten Billigstrom in großen Mengen auf den Markt bringen, um die Erneuerbaren Energien unter Kontrolle zu halten.

  • In einem Artikel im Robin-Wood-Magazin hatte ich bereits 2008 auf die wachsenden fossilen Stromerzeugungskapazitäten hingewiesen, die Vattenfall noch zu dieser Zeit aufbaute. Hier der Text „Alles Kohle oder was?“ als PDF.

Was jenseits reiner Stromerzeugungszahlen mit der Energiewende weg von einer zentralen Großtechnologie hin zu einer dezentralen von BürgerInnen getragenen Energieversorgung geschah bzw. geschieht, hat Vattenfall vermutlich bis heute nicht begriffen. Zwar investiert der Konzern inzwischen massiv in Offshore-Wind. Aber dabei folgen sie weiter einer Zentral-Technik und tun sich immer noch schwer mit der Kleinteiligkeit und den vielen Beteiligten einer sich entwickelnden dezentralen Stromerzeugung an Land.

Wie wenig Vattenfall versteht, zeigen auch die anhaltenden Auseinandersetzungen um den Ersatz des alten Kohle-Heizkraftwerks in Wedel, mit dem ein großer Teil der Hamburger Fernwärmeversorgung erfolgt. Das Kraftwerk ist alt und vor allem wegen der Kohleverfeuerung eine echte Klimasünde. Statt jedoch mit den vielen Akteuren im Bereich regenerativer Wärmeerzeugung zusammen zu arbeiten und den Weg in die Erneuerbaren zu unterstützen, blockiert der Konzern (und der Senat) bislang diese große Chance.

Gelernt hat Vattenfall aus dem Desaster bis heute nichts. Der Konzern bricht auseinander, Geschäftsteile werden nach und nach verkauft und nicht mal bei einem so harmlosen Projekt, wie dem gerade verkündeten Ausstieg aus dem Sponsoring der Cyclassics (Radrennen) schafft es Vattenfall etwas halbwegs Glaubwürdiges von sich zu geben. (Die Vattenfall-Lesetage hatte das Unternehmen schon letztes Jahr aufgegeben.) Das Abendblatt berichtet auch darüber und zitiert: „Nach zwei Jahrzehnten ist es nun an der Zeit, etwas Neues zu fördern. Daran arbeiten wir für die Jahre ab 2016″, sagt Pieter Wasmuth, Vattenfall-Generalbevollmächtigter für Hamburg und Norddeutschland.“ Was für ein blödes Gerede?

Ein völlig überflüssiges neues Kohlekraftwerk in Moorburg. Es ist so typisch Vattenfall: Dessen Inbetriebnahme ist schon Jahre verspätet. Dann verkündete der Konzern vor wenigen Wochen voller Stolz die längst fällige Inbetriebnahme würde vor Weihnachten stattfinden. Dann sickerte durch, es könnte auch vor Sylvester werden. Dann das Kleinlaute: Möglicherweise erstes Quartal 2015 – für den ersten Block des mit zwei 800 MW Blöcken ausgestatteten Klimakillers.

Den Volksentscheid für die Rekommunalisierung der Energienetze „Unser Hamburg – Unser Netz“ hatte Vattenfall trotz massiver Werbekampagne und starker Verbündeter von der Handelskammer bis hin zur SPD bereits im September 2013 in den Sand gesetzt. Das Stromnetz gehört mit über 1000 MitarbeiterInnen inzwischen wieder der Stadt Hamburg und die Fernwärme wird wohl entsprechend dem Volksentscheid 2018 folgen. Folgen wird demnächst die Müllverbrennungsanlage, die die Hamburger Stadtreinigung von Vattenfall übernehmen wird.

Dann wird Vattenfall schon lange nicht mehr in der Lausitz Braunkohlegruben ausheben und wohl auch in Berlin nicht mehr Stromnetzbetreiber sein. In den kalten langen Winternächten in Schweden werden dann an mit Wasserstrom versorgten Nachtspeicher-Kaminen melancholische und gescheiterte ehemalige Vattenfall-Manager ihren Kindern und Enkeln davon erzählen, wie sie einst aufbrachen … und vom Scheitern werden sie schamvoll schweigen. Was bleibt? Jede Menge Atommüll und die Klimakatastrophe.

Atomenergie: Bonn und die Bombe

kuenzel-bonn-und-die-bombe-coverAm Anfang stand die Bombe. Auf diesen kurzen Nenner könnte man die Entdeckung der Kernspaltung und ihrer Möglichkeiten bringen. Heute ist in der Wissenschaft weitgehend geklärt, dass bei der Entwicklung der Atomenergie in der jungen Bundesrepublik militärische Interessen eine große Rolle spielten. Mit dem Buch „Bonn und die Bombe“ (Inhaltsverzeichnis) hatte Matthias Küntzel Anfang der 90er Jahre eine umfangreiche Recherche vorgelegt, die aufzeigte, wie die Bundesrepublik unter Adenauer und dem Atomminister Strauß die Option auf die Bombe anstrebte. Jetzt ist das Buch – mit Unterstützung von umweltFAIRaendern – online und kostenlos auf der Homepage des Autoren verfügbar (PDF).  Auch hier direkt als PDF-download.

Die militärische Seite der Atomenergie – Die Atombombe, Nazi-Deutschland, die frühe Bundesrepublik und die deutsche Option. Texte zum Thema auf umweltFAIRaendern.de

Zehn Jahre Campact – Herzlichen Glückwunsch und noch stärker werden!

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campact feiert. Edward Snowden schickt Grüße!

Zehn Jahre campact. Zehn Jahre immer größere und oft extrem druckvolle Kampagnen für Gerechtigkeit, gegen Atomenergie und für Klimaschutz und Demokratie. Dieses Wochenende feiert die in Verden an der Aller aufgewachsene junge Organisation mit vielen Menschen in Berlin, mit Gala, Kongreß und Party. Zurecht, campact hat viel bewegt, viele Menschen mobilisiert, Regierungen und Unternehmen in die Enge getrieben und nicht zuletzt hat CAMPagne und ACTion das Internet als politische Handlungsplattform mit der realen Welt verbunden. Auch von hier aus also die herzlichsten Glückwünsche und viele (gemeinsame) Kampagnen und Erfolge in der Zukunft!

ContrAtom ausgestrahlt

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ContrAtom ist nun .ausgestrahlt.

Das seit 2001 bestehende unabhängige Anti-Atom-Netzwerk „contrAtom“ wird von .ausgestrahlt übernommen. Seit Anfang November ist ContrAtom-Homepage-Betreiber Jan Becker für .ausgestrahlt tätig und sorgt dort im Blog für die Themenbearbeitung von Nachrichten. Vor allem mit seinem Nachrichtendienst hat contrAtom jahrelang mit einem gebündelten Informationskanal über die Machenschaften der Atomkonzerne und -politik umfassend berichtet. Rund um das Netzwerk hatten sich in mehr oder minder loser Form immer wieder zahlreiche AktivistInnen versammelt, um unter diesem Logo Aktionen durchzuführen. Für viele dieser AktivistInnen war es dabei von großer Bedeutung, dass contrAtom als „low-budget“-Rahmen diente, der sonst keinerlei größere finanzielle Lasten erzeugte, nicht als Verein organisiert war und insofern  unkonventionell und nicht-hierarchisch agieren konnte.

Bislang gibt es weder auf der Seite von contrAtom noch bei .ausgestrahlt dazu weitere Erläuterungen. Soweit zu hören ist, soll ContrAtom nun als Archiv gesichert werden, aber mit ähnlicher Aufgabe unter dem neuen Label fortgesetzt werden. Mal schauen, ob noch Erklärungen in dieser Sache folgen.

UPDATE: Stellungnahme von contrAtom vom 10.11.2014

Otto Hahn – Vor der Kernspaltung das Giftgas

Otto Hahn (Nobel)
Otto Hahn (Nobel): Vor der Entdeckung der Kernspaltung in Nazi-Deutschland im Einsatz für deutsches Giftgas.

Eine überaus spannende Recherche über Otto Hahn, einen der Entdecker der Kernspaltung (gemeinsam mit Fritz Straßmann und Lise Meitner), findet sich heute in einem Artikel von Reimar Paul in der taz. Unter der Überschrift „Otto Hahn führte Giftgaskrieg“ heißt es: „Hundert Jahre nach Beginn des Ersten Weltkriegs hat das Göttinger „Bündnis Antikriegsforschung“ verlangt, dem Chemie-Nobelpreisträger Otto Hahn die Ehrenbürgerschaft der Stadt Göttingen abzuerkennen und das Otto-Hahn-Gymnasium sowie die Otto-Hahn-Straße umzubenennen. Hahn selbst gehöre als „Kriegsverbrecher“ gebrandmarkt. Ein knappes Dutzend Initiativen und Organisationen unterstützen diese Forderungen.

  • UPDATE 22/12/2014: Bereits vor einiger Zeit hatte mich Vera Keiser darauf aufmerksam gemacht, dass der Nachweis, dass Hahn selbst Giftgas entwickelt hätte, in der Darlegung von Martin Melchert (siehe unten) nicht erbracht wird. Belege dafür, so schreibt sie in einer Mail an mich, sind nicht bekannt. Otto Hahn hat über die Beteiligung an Giftgas-Einsätzen bereits in seinem Memoiren „Mein Leben“ selbst ausführlich berichtet hat. So schreibt Hahn auf Seite 118/9 im Kapitel „Erster Weltkrieg“ z.B.: „Um diese Zeit herum wurden die Vorbereitungen für den geplanten großen Angriff mit Chlorgas abgeschlossen. Gasalarm wurde mehrfach gegeben, der Angriff selbst mußte aber immer wieder aufgrund der Witterungsverhältnisse verschoben werden, denn stets schlug – nach der Festlegung des Angriffstermins, der etwa 24 Stunden vorher zu erfolgen hatte- der Wind um, so daß die aus den Bereitschaftsstellungen herangeführten Truppen wieder abrücken mußten. Mitte April entschloß sich die Heeresleitung, alle Chlorflaschen wieder ausbauen und an einen Frontabschnitt nordöstlich von Ypern verlegen zu lassen, wo die Windverhältnisse günstiger waren.“ Und: „Vom Erfolg des ersten großen Gasangriffs an der Ypernfront habe ich nur aus Berichten erfahren.“ Auf Wikipedia wird Walter Gerlach, einer der im Zweiten Weltkrieg an der Atomforschung beteiligten Wissenschaftler im Uranverein: „Hahn hatte zunächst Bedenken, da er glaubte, dass die Verwendung giftiger Gase im Krieg gegen die ‚Haager Konvention‚ verstieß. Aber er ließ sich von Haber überreden. Das seine persönliche wie die staatsbürgerliche Erziehung bestimmende Pflicht- und Pflichterfüllungsprinzip und dazu die so ‚humane‘ Begründung, Gas verkürze den Krieg, erhalte also Menschenleben – der unselige Satz, dass der Zweck die Mittel heiligt – hatte seine Wirkung getan. 30 Jahre später, als mit der gleichen Argumentation der Abwurf der Atombomben in Japan gerechtfertigt werden sollte, musste Otto Hahn schwerer als sonst irgend jemand darunter leiden.“

Otto Hahn gehörte zu den führenden Wissenschaftlern Deutschlands, auch in der Nazi-Zeit. Für die Entdeckung der Kernspaltung Ende der 30er Jahre bekam er noch 1945 (!) den Nobelpreis zugesprochen. In der jungen Bundesrepublik gehörte der Göttinger Chemiker zu den Kritikern einer atomaren Bewaffnung der Bundeswehr, wie sie von der Regierung Adenauer und Atomminister Strauß in den 50er Jahren angestrebt wurde.

Hahn war in Nazi-Deutschland führendes Mitglied im sogenannten Uran-Verein, der unter Hitler die Möglichkeiten der Kernspaltung auch für Waffenzwecke erforschte. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gehörte er zu der Forschergruppe, die im englischen Farm-Hall für ein knappes Jahr als „Gäste“ interniert waren. Dort wurden sie von den Briten über ihre Atom-Forschung für Hitler-Deutschland befragt und insgeheim abgehört.

Die Taz berichtet: „Recherchen des Göttinger Historikers Martin Melchert werfen ein Licht auf eine bislang weitgehend unbekannte Seite des Wissenschaftlers: Hahn war zwischen 1915 und 1918 die „rechte Hand“ des „Vaters des Gaskriegs“, Fritz Haber, bei der Entwicklung von Giftgasen wie Phosgen und Zyklon A. Er füllte eigenhändig hunderte Chlorgasgranaten und organisierte im Ersten Weltkrieg deutsche Giftgasangriffe. Melchert beschäftigt sich seit neun Jahren mit deutschen Forschungen zu Atombomben und anderen Massenvernichtungswaffen.“ 

Reimar Paul bringt einige konkrete Hinweise von Melchert über die Rolle, die Otto Hahn auch bei dem Einsatz von Giftgas spielte. „Der erste große Gasangriff begann am 22. April in Flandern. Auf einer Breite von 20 Kilometern schraubten deutsche Soldaten Tausende Gasflaschen zeitgleich auf. 170 Tonnen Chlorgas trieben als Wolke auf die feindlichen Schützengräben zu. Die kanadische Division und algerische Kolonialsoldaten wurden überrascht, das Gas verätzte ihre Atemwege, es entstand Panik. Hahn war als Mit-Organisator und „Frontbeobachter“ vor Ort. Seine Mitarbeiterin Lise Meitner gratulierte ihm zu dem „schönen Erfolg bei Ypern“.

Über diesen Einsatz berichtete auch die Welt vor einiger Zeit: „Bei Ypern brachen die Deutschen das Giftgas-Tabu„. Unter anderem heißt es in dem Artikel: „Der erste dokumentierte Großeinsatz von Kampfgas fand an der Westfront in Flandern statt. Verschiedentlich war schon vorher erfolglos versucht worden, mit chemischen Stoffe die feindlichen Soldaten aus den Schützengräben zu vertreiben und so die Eroberung Belgiens zu vollenden. Auch an der Ostfront hatten deutsche Kanoniere bereits Granaten mit Giftstoffen verschossen – ohne erkennbare Folgen.

Angesichts dieses „unbefriedigenden“ Ergebnisses hatte der Chemiker (und spätere Nobelpreisträger) Fritz Haber vorgeschlagen, bei passender Windrichtung Chlorgas abzusprühen. Mehr als 160 Tonnen dieses Abfallprodukts der chemischen Industrie kamen am 22. April 1915 bei Ypern zum Einsatz. Das Gas wurde aus fast 6000 Flaschen abgelassen und zog als sechs Kilometer breite und einen Kilometer lange Wolke über die gegnerischen Stellungen.

Genaue Verlustzahlen dieser Attacke gibt es nicht, sie waren aber hoch. In jedem Fall gelang der deutschen Armee an diesem „Tag von Ypern“ ein tiefer Einbruch in die Befestigungen der Franzosen und kanadischen Einheiten.“

Die Gitgaseinsätze deutscher Truppen gehörten sicherlich zu den grausamsten Verbrechen im Ersten Weltkrieg. Über Otto Hahn berichtet Paul außerdem: „Weitere Gasattacken in Flandern und an der Ostfront in Galizien folgten. Dort war Hahn „nicht nur beim Angriff persönlich anwesend, er trieb die zögerlichen Angreifer auch regelrecht voran“, schreibt Melchert. Hahn selbst erinnerte sich: „Der Angriff wurde ein voller Erfolg; die Front konnte auf sechs Kilometern Breite um mehrere Kilometer vorverlegt werden.““

Otto Hahn hat nach dem Zweiten Weltkrieg zahlreiche Anerkennungen erhalten. Nicht nur Schulen, Straßen und vieles mehr sind nach ihm benannt worden. In Berlin wurde das Hahn-Meitner-Institut für Kernforschung 1959 in Wannsee gegründet. „Kernstück des Forschungszentrums war der „Berliner Experimentier-Reaktor“, BER I. „Er ging am 24. Juli 1958 mit einer Leistung von 50 Kilowatt in Betrieb, also bereits ein Jahr vor Gründung des HMI. Der BER I diente noch der klassischen Kernchemie.“ Außerdem gehörte ein Teilchenbeschleunniger zum HMI. „Im April 1991 ging der Forschungsreaktor BER II nach jahrelangem Umbau und einer Leistungerhöhung auf 10 Megawatt erneut in Betrieb.“

Doch nicht nur in Berlin, wurde die Atomforschung unter dem Namen von Otto Hahn weiter getrieben. Nach der Gründung der Atomforschungsanlage in Geesthacht (GKSS), die offiziell die Verwendungsmöglichkeiten von Atomreaktoren in der zivilen Schifffahrt entwickeln sollte, wurde dort Anfang der 60er Jahre das erste atomgetriebene deutsche Handelsschiff konzipiert und – im Beisein des Wissenschaftlers – auf den Namen Otto Hahn getauft.

Die atomaren Hinterlassenschaften des Atomschiffs Otto Hahn – das im Hamburger Hafen damlas demontiert wurde – liegen als Atommüll heute an vielen Orten herum: Die bestrahlten hochradioaktiven Brennelemente sind in Lubmin bei Greifswald zwischengelagert. Und der Reaktordruckbehälter der Otto Hahn liegt immer noch in einem unterirdischen Betonsilo auf dem Gelände der inzwischen abgeschalteten Atomforschungsanlage, die heute vom Helmholtz Zentrum Geesthacht betrieben wird.

 

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