Atomenergie, Deutschland und Krieg: Russische Beteiligung statt Stilllegung der Uranfabrik Lingen? Was tun? Erörterungstermin live.

Darf sich der russische Atomgigant Rosatom am deutschen, emsländischen Standort der ANF Lingen mit dem französisch-europäischem Atomgiganten Framatome zusammentun, damit in den osteuropäischen Staaten mit russischen Atommeilern nicht die Lichter ausgehen? Oder reden wir darüber, wie die Erneuerbare Energiewende auch in diesen osteuropäischen Staaten zum Atomausstieg wirksam werden könnte? Könnte ja im EU-Wahlkampf ein durchaus wichtiges Thema sein. Super-Gau-Risiken und Atommüll für eine Million Jahre sind einfach keine gute Sache. Vielleicht geht der Umstieg auch sehr kurzfristig? Was für ein Irrsinn, dass die Ukraine im Krieg Atomenergie in den Westen exportiert. Westinghouse kann bereits Brennstoff für „Ost-Reaktoren“ russischer Bauweise liefern. Noch immer sind die deutschen Uranfabriken in Gronau und Lingen vom Atomausstieg ausgenommen. Warum? Es braucht für eine zukunftsfähige Welt das Ende von Atomgefahren, nicht eine Entscheidung zwischen westlicher und anderen Atomrisiken.

Frankreich braucht russische Hilfe, um über Lizenzen und Genehmigungen „Jahre“ gegenüber Westinghouse aufzuholen. Wichtiger aber wäre, grundsätzlich die ökologischen, sozialen und militärischen Risiken und Kosten zu betrachten und statt französischer Atominteressen die Sicherheit und Gesundheit der Menschen in Europa im Blick zu behalten.

Das Umweltministerium Niedersachsen ist zuständige Genehmigungsbehörde in Auftragsverwaltung für den Bund, genauer für das Bundesumweltministerium. Beteiligt ist in diesem Fall aber auch das Bundeswirtschaftsministerium sowie das Auswärtige Amt, es geht um die Beziehungen zu Russland, Frankreich und um Kernbrennstoffe und Uranwirtschaft.

Für die Arbeitsplätze streiten vor Ort erwartbare Parteien, die den Krieg Russlands in der Ukraine dann mal ausblenden. Aber auch Gewerkschafter haben da keine Probleme, mit den nuklearen Russen. Die Geschäftsbeziehungen bestehen ja schon seit vielen Jahrzehnten. Für den Ausbau der nuklearen Produktionspalette bei der Uranfabrik in Lingen läuft das atomrechtliche Genehmigungsverfahren. Bundesrecht. Es gibt den „Ermessensspielraum“, die Genehmigung zu verweigern. Die Anlage in Lingen „leidet“ schon seit Fukushima und dem daraufhin eingeleiteten schrittweisen Atomausstieg an zu geringer Auslastung. Bereits 2021 war diese unter die 50 Prozent-Marge gefallen. Aktuell liege sie nur noch bei irgendwas über 25 Prozent. Dauerhaft wäre ein wirtschaftlicher Betrieb der Anlage also kaum sinnvoll. Daher drängt Frankreich sehr stark auf den Einstieg russischen Know-Hows und macht Druck.

Das Umweltministerium in Niedersachsen prüft derzeit die fast 11.000 Einwendungen, die gegen das Vorhaben im Rahmen der atomrechtlichen Öffentlichkeitsbeteiligung vorgebracht wurden. Darunter Einwendungen, die Umweltorganisationen mit wissenschaftlicher und rechtlicher Fachkunde hinterlegt haben. Dazu massive Sicherheitsbedenken aus staatspolitischen und Geheimschutz-Gründen, die das Bundesumweltministerium in Form eines Gutachtens jüngst aufgrund von Medienberichten veröffentlicht hat.

Ein massiver deutsch-französischer Konfliktpunkt. In Sachen ANF Lingen ist jetzt das Umweltministerium in Hannover dabei, die umfangreichen Einwendungen zu sichten und zu prüfen, ob es weiterer Gutachten oder Untersuchungen braucht, um den im Verfahren nächsten Schritt – die Durchfühurung eines Erörterungstermins – vorzubereiten. Dazu dürften auch Fragen der „nationalen Sicherheit“ bzw. die „Sicherung der Atomanlage als kritische Infrastuktur“ wichtig sein. Diese Themen aber unterliegen dem Geheimschutz, obwohl sie für die nukleare Sicherheit sowohl der ANF Lingen als auch der später belieferten AKWs mit dort hergestellten Brennelementen von Bedeutung wären.

Die Debatte der Einwendungen soll – so ist zu hören – demnach im Rahmen einer Live-Veranstaltung in Lingen vor Ort stattfinden und nicht lediglich wie zu Corona-Zeiten ermöglicht, in Form von Online-Konferenzen. Wann der Erörterungstermin dann stattfinden wird, ist noch offen. Der Zeitplan bis zur Genehmigungserteilung, den Unternehmensvertreter der ANF Lingen in den Medien lanciert hatten, dürfte derzeit nicht realistisch sein. Danach sollte eine Genehmigung zur Fertigung von Brennelementen für WWER-Reaktoren russischer Bauweise in Osteuropa bereits im November vorliegen, damit erste Lieferungen ab Mitte 2025 möglich wären.

Dokumentation: https://ldk-oldenburg-2024.antragsgruen.de/ldk-oldenburg-2024/Keine-Atomdeals-mit-Putin-weder-in-Lingen-noch-in-Europa-35897

Antrag Grüne LDK Oldenburg 2024

wA20: Keine Atomdeals mit Putin – weder in Lingen noch in Europa

Diese Tabelle beschreibt den Status, die Antragstellerin und verschiedene Rahmendaten zum Antrag
Veranstaltung:LDK Oldenburg 2024
Tagesordnungspunkt:4. Sonstige Anträge
Antragsteller*in:LAG Energie & Atom (dort beschlossen am: 29.03.2024)
Status:Eingereicht
Eingereicht:01.04.2024, 11:31

Antragstext

Wir niedersächsischen GRÜNEN setzen uns dafür ein,

  1. weder in Niedersachsen noch in Europa Brennelemente unter russischer
    Beteiligung gefertigt werden,
  1. die europäischen Sanktionen gegen Russland auf die Atomwirtschaft
    ausgedehnt werden,
  1. die europäische Energiewirtschaft insgesamt diversifiziert und auf den
    Erneuerbare-Energien-Pfad gebracht wird, um die Abhängigkeit von
    autokratischen Staaten zu minimieren.

Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine hat uns in Europa unsere
Verletzlichkeit aufgrund der einseitigen energiewirtschaftlichen Abhängigkeit
von Russland vor Augen geführt. Deutschland und Europa haben seit Beginn des
Krieges erhebliche Anstrengungen unternommen, um Europa unabhängig von
russischem Gas zu machen. Wir alle haben die wirtschaftlichen Folgen dieser
Bemühungen gespürt und mitgetragen.

Die Bundesregierung hat in den letzten zwei Jahren dafür gesorgt, dass unsere
Gasimporte von Russland unabhängig geworden sind. Durch eine Gas- und
Strompreisbremse konnten die Auswirkungen für die Verbraucher*innen auf einem
erträglichen Niveau gehalten werden. Dass die Energiepreise sich heute, wenn
auch auf einem höheren Niveau, wieder stabilisieren, ist ein großer Erfolg des
Wirtschaftsministeriums unter Minister Habeck.

Trotzdem spielt Russland weiterhin eine bedeutende Rolle in der europäischen
Energieversorgung. Rund 20% des Urans für Betreiber aus Euratom Staaten kam 2020
aus Russland. Rund 26% der Urananreicherungsdienstleistungen deckt Rosatom in
der EU ab. 21 Kernreaktoren in der EU versorgte Rosatom im Jahr 2021 mit
Brennelementen. Bulgarien, Ungarn, Slowakei und Tschechien sind zu 100% von
russischen Brennelementen abhängig – Finnland zu 35%. Außerdem werden drei
Reaktoren in Westeuropa im Zuge einer Kooperation zwischen Rosatom und Framatome
mit Brennelementen versorgt. Diverse europäische Unternehmen sind mit dem
russischen Staatskonzern Rosatom durch den Neubau von Reaktoren russischer
Bauart verflochten. Darunter das deutsche Unternehmen Siemens [1]. Neben China
ist Russland in den letzten 10 Jahren zum größten Akteur der weltweiten
Atomindustrie geworden. 24 AKW russischer Bauart befinden sich weltweit im
Neubau. Davon nur vier in Russland selbst [2].

Der französische Konzern Framatome ist nun ein Joint Venture mit der russischen
Atomfirma TVEL eingegangen. Ziel des Gemeinschaftsunternehmens ist die Fertigung
hexagonaler Brennelemente russischer Bauart am Standort Lingen. Entsprechend
wurde beim niedersächsischen Umweltministerium ein Genehmigungsantrag gestellt.
Das Mutterunternehmen von TVEL ist der russische Staatskonzern Rosatom. Dass
dieser dem direkten Zugriff des Kremls unterliegt, beweist dessen Verwicklung in
die Übernahme des AKW Saporischschja.

Es ist naiv zu glauben, durch die Betätigung eines Joint Ventures zwischen
Framatome und Rosatom am Standort Lingen könne der Osten Europas sich
mittelfristig unabhängig von russischen Brennelementen machen. Das Gegenteil ist
der Fall. Die Lizenzen für die Brennelemente russischer Bauart liegen weiterhin
bei Rosatom. Der russische Staat weitet seine Dominanz in der weltweiten
Atomindustrie durch diesen Schritt nur weiter aus. Es lassen sich diverse
Szenarien konstruieren, die die Bundesrepublik aus Rücksicht auf diplomatische
Beziehungen zu Drittstaaten in ihrem Regulierungs- und Sanktionierungsverhalten
gegenüber Russland einschränken würden. Das Verhalten Putins ist in aggressiver
Weise darauf ausgerichtet, seine Macht- und Herrschaftsansprüche auf genau diese
Art zu demonstrieren.

Russland führt gegen die Ukraine einen hybriden Krieg, der sich neben
tatsächlichen Kampfhandlungen auch auf Desinformation, Propaganda und
Cyberangriffe erstreckt. Diese beschränken sich nicht auf die Ukraine selbst,
sondern betreffen auch deren Verbündete.

Der russische Staat fährt Desinformationskampagnen in und gegen Deutschland.
Diese dienen der Destabilisierung der inneren Verhältnisse und der
Verunsicherung strategischer Partner in der Welt. Zuletzt wurden durch das
Auswärtige Amt 50.000 russische Fake-Accounts auf X aufgedeckt – und eine
Videokonferenz führender deutscher Offiziere zur Frage der Taurus-
Langstreckenraketen für die Ukraine abgehört und veröffentlicht.

Sicherheitspolitisch ist also zu beurteilen, inwieweit das russische Regime die
Kenntnisse aus dem russisch-französischen Joint Venture am Standort Lingen
nutzen kann, um der Bundesrepublik Deutschland im Inneren zu schaden oder eigene
außenpolitische Interessen durchzusetzen. Das niedersächsische Umweltministerium
hat hier keine triviale Entscheidung zu fällen.

Der Fall zeigt aber auch, wie dringend nötig es schon seit langem ist, dass sich
die EU darauf verständigt, die Sanktionen gegen Russland auch auf die
Atomwirtschaft auszudehnen. Dann nämlich stünde eine Genehmigung mit einer
derart sicherheitspolitischen Tragweite gar nicht zur Debatte.

Gleichzeitig hat die europäische Kommission soeben eine Industrieallianz für
kleine modulare Reaktoren (SMR) ausgerufen. Die ersten SMR sollen bereits bis
Anfang der 2030er Jahre eingeführt werden. SMR sind kleine Nuklearreaktoren mit
einer Maximalleistung von 300 Megawatt. Man erhofft sich von Ihnen einen
flexibleren Einsatz, da sie weniger Platz und Kühlwasser brauchen. Sie sollen
zur Netzstabilität des europäischen Stromnetzes beitragen und in Serie
hergestellt werden. Dies soll auch zur Senkung von Produktionskosten führen.

Das Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE) sieht das
anders. Es kritisiert den Beitrag von SMR als Lösung für die Herausforderungen
des Klimawandels: Wenn SMR einen signifikanten Beitrag zur Stromerzeugung
leisten sollen, müssten viele tausend bis zehntausend SMR-Anlagen gebaut werden.
Der Betrieb jeder dieser Anlagen wäre mit Nukleartransporten zur Ver- und
Entsorgung verbunden. Aus einem von der BASE in Auftrag gegebenen Gutachten zur
Produktionskostenrechnung geht außerdem hervor, dass im Mittel 3000 SMR
produziert werden müssten, bevor sich der Einstieg in die Serienproduktion
lohnen würde [3].

Aber, selbst wenn die EU hier andere Wege geht als Deutschland fehlt es bisher
an einer europäischen Strategie zur Diversifizierung der Atomindustrie. Momentan
wird der Markt von China und Russland dominiert. Mit der Einstufung von
Atomkraft als nachhaltige Energiequelle steuert die EU sonst direkt in die
nächste Abhängigkeit.

Mittel- bis langfristig bietet der Umstieg auf Erneuerbare Energien die
höchstmögliche Unabhängigkeit von totalitären Regimes und damit auch die
höchstmögliche Sicherheit für die europäische Energiearchitektur.

[1] Gufler/Meister, Umweltbundesamt, REP-0814: Analyse der Rosatom-Aktivitäten
bzw. Rosatom-Verflechtungen mit der EU, Wien 2022.

[2] Mycle Schneider et al., The World Nuclear Industry Status Report, Paris,
Dezember 2023.

[3] Bundesamt für nukleare Sicherheit: SMR – Was ist von den neuen
Reaktorkonzepten zu erwarten? Verfügbar unter:
https://www.base.bund.de/DE/themen/kt/kta-deutschland/neue_reaktoren/neue-
reaktoren.html
, letzter Zugriff: 28.03.2024.

Änderungsanträge

keine

 

Wer hat soviel Geld? Atommüll: Vorbild für Rente? Der Staat als Zocker.

Über den ersten deutschen Staatsfonds schreiben Achim Brunnengräber und Albert Denk in der aktuellen Ausgabe der „Blätter“. Der erste deutsche Staatsfonds? Den gibt es für einen Teil (!) (siehe 1) des atomaren Erbes einer unverantwortlichen Politik: Nutzung der Atomenergie (nicht nur) zur Stromerzeugung.

Ein deutscher Staatsfonds KENFO (urgewald) mit ungefähr 25 Mrd. Euro im Kapitalstock und der Aufgabe, die Lagerung von radioaktivem Atommüll bis in alle Ewigkeit zu finanzieren. Zuletzt hatte der FONDS eher Verluste. Weit über 100 Mrd. Euro und noch viel viel mehr wird das über die nächsten Jahrzehnte allein in Deutschland kosten. Die Idee: Über die Kapitalmärkte sollen die notwendigen Kosten für die Lagerung des Atommülls „erwirtschaftet“ werden. Da braucht es Rendite und Gewinne. Dann muss auch gezockt werden, an den Märkten und Börsen und …

Ist das eine kluge Konstruktion, um Zukunft zu gestalten, in der die sozialen und ökologischen Spannungen weiter anwachsen werden? Möglicherweise sogar ein Vorbild für den anderen neuen Staatsfonds, den die Liberalen so massiv wollen: Ein Rentenfonds über Kapital per Aktienmarkt. Die „Blätter“ berichten in ihrer aktuellen Ausgabe über diese Grundsatzfragen, wie wir Zukunft gestalten und Atommüll verwalten bzw. langfristig finanzieren müssen.

Die beiden Politik-Wissenschaftler an der FU Berlin sind in vielen Fragestellungen der Atomenergienutzung und ihren nuklearen Hinterlassenschaften zugewandt; auch im Zusammenhang mit staatlich finanzierten Projekten mit dem Schwerpunkt Lagerung radioaktiver Abfälle in gesellschaftlicher Perspektive.

  • Über wissenschaftliche Arbeiten auf umweltFAIRaendern in Verbindung mit Achim Brunnengräber hier. Mehr über das ehemalige staatliche Forschungsprogramm Entria hier.
  • Hier berichtet umweltFAIRaendern über Forschungsprogramme im Zusammenhang mit Atomenergie
  • (1) Für den Rückbau der Atommeiler ist der KENFO nicht zuständig. Den müssen die ehemaligen Atomkonzerne noch selber zahlen – mit einigen Steuervorteilen und Trostpflastern in Form von Entschädigungen: Stichwort Entsorgungskosten und Entschädigungen. Auch die Kosten für den Atommüll in der ASSE und in Morsleben sowie der gesamte Bereich der staatlichen Atomforschungsanlagen und den dort vorhandenen Atommüllbergen ist KENFO nicht zuständig.

 

 

I feel the earth move – you’ve got a friend – „aufgeklärt, tolerant und strikt demokratisch“

Carole King. Einfach Danke, für all diese wunderbaren Melodien, Songs und Erlebnisse! Taylor Swift, Amy Winehouse, Lady Gaga, …. Aretha Franklin! Bis heute ist sie, Carole King, ein Meilenstein, ein Vorbild. Eine Ikone. Mit Liedern.

FOTO: Screenshot von der Homepage von Carole King.

Deutsche – Grüne – Atompolitik: Produktionserweiterung bei Uranfabrik Lingen: Mit oder ohne Russland – keine Stilllegung?

Der französische Eigentümer der Uranfabrik im emsländischen Lingen will mit Unterstützung der russischen TVEL bzw. Rosatom künftig auch Brennelemente für den Einsatz in osteuropäischen Atomkraftwerken russischer Bauart herstellen. Bereits in der zweiten Jahreshälfte 2025 will die „Advanced Nuclead Fuels“ (ANF) entsprechende Uran-Brennelemente an Kunden in Osteuropa liefern, damit dort Atomstrom erzeugt werden kann. Um die Produktion in Lingen zu ermöglichen, haben Frankreich und Russland trotz des Kriegs in der Ukraine ein gemeinsames Unternehmen gegründet, welches für den Knowhow-Transfer zuständig ist, mit dem die ANF die Produktion starten kann. Dazu werden neben Uran-Brennstoffen auch Produktionsanlagen aus Russland kommen. Derzeit läuft für die Aufrüstung in Lingen das atomrechtliche Genehmigungsverfahren. Fast 11.000 Einwendungen wurden gegen diese Pläne erhoben. Zuständig ist das Umweltministerium in Niedersachsen, im Rahmen der Auftragsverwaltung des Bundes. Oberste Atombehörde ist das Bundesumweltministerium. Beide Behörden unter grüner Führung. An der Versorgung osteuropäischer Reaktoren russischer Bauweise mit Uran-Brennstoff ist die ebenfalls in Deutschland ansässige Uranfabrik der URENCO in Gronau über Westinghouse in Schweden schon beteiligt. Westinghouse macht das, was ANF Lingen will. Aber ohne russische Beteiligung.

Grüne und Linke hatten in den letzten Jahren immer wieder die Stilllegung auch der Uranfabriken in Gronau und Lingen gefordert, da diese für den Weltmarkt Uran-Brennstoffe erzeugen und damit für den Weiterbetrieb der gefährlichen Atommeiler sorgen. Doch seit der Regierungsbeteiligung der Grünen in der Ampel-Koalition ist von einem Atomausstieg bei den Uranfabriken bei den Grünen nicht mehr die Rede. Natürlich: Die FDP hatte dafür gesorgt, dass das nicht im Koalitionsvertrag festgelegt werden konnte und auch die SPD hat dem zugestimmt.

Während die französische Framatome in enger Kooperation mit der russischen Atomindustrie den Ausbau der Uranproduktion in Lingen anstrebt, wird im schwedischen Västeras von dem kanadisch geführten Unternehmen Westinghouse die Produktion von Uran-Brennelementen für Reaktoren russischer Bauart ohne bekannte Verbindungen zu Rosatom schon seit Jahren betrieben. Zu den Kunden der Uranfabrik in Schweden gehören auch Atomkraftwerke in der Ukraine. Das angereicherte Uran dafür stammt teilweise von der URENCO, die erst vor kurzem neue Lieferverträge mit der Ukraine für Urananreicherungen vereinbart hat.

Aus Anlass einer Aktion in Hannover, bei der die Einwendungen gegen die Plände der ANF in Lingen der zuständigen Genehmigungsbehörde überreicht wurden, hatte Umweltminister Christian Meyer die Pläne der ANF kritisiert: „Die hohe Zahl der Menschen, die sich in dem Beteiligungsverfahren eingebracht haben, zeigt uns, dass es ein großes Interesse an dem Verfahren gibt. Bei Fragen, insbesondere der äußeren und inneren Sicherheit, werden wir den Bund um Stellungnahme bitten. Für mich steht weiterhin fest, dass wir den Einfluss Russlands auf den Energiebereich reduzieren müssen und nicht weiter verfestigen dürfen.“

Nicht die Stilllegung der Uranfabrik in Lingen und auch nicht die Absage an eine Erweiterung der Produktionspalette in Lingen steht demnach auf der grünen Agenda. Vielmehr sollte Framatome als Betreiber der ANF Lingen doch wie Westinghouse in Schweden auf eine Beteiligung Russlands verzichten. Im Landtag Niedersachsen argumentierte die grüne Abgeordnete Britta Kellermann denn auch: „Was Westinghouse schafft, muss doch auch für ANF möglich sein? Im Lingener Umweltausschuss berichtete ANF auf Nachfrage, dass es zwischen ANF und Westinghouse einen starken Wettbewerb gebe. Das kann doch aber kein Grund sein, die sicherheitspolitischen Interessen der Bundesrepublik einfach zur Seite zu schieben?“ (Siehe hier und unten als Dokumentation) Eingangs ihrer Rede hatte sie gesagt: „Es ist schon mal per se unbegreiflich, dass diese Fabrik vom Atomausstieg ausgenommen wurde. In der aktuellen geopolitischen Situation ist der Genehmigungsantrag, der jetzt beim Niedersächsischen Umweltministerium liegt, allerdings noch viel weniger nachzuvollziehen.“

  • In der Argumentation vieler Anti-Atom-Gruppen sind die Pläne zur Produkt-Erweiterung in Lingen sehr stark auf die russische Beteiligung nach dem Angriff auf die Ukraine und die Besetzung des AKW Saporischschja durch russische Truppen und Beschäftigte des russischen Atomkonzerns Rosatom fokussiert worden. Die Forderung einer Stilllegung der Uranfabrik(en) in Verbindung mit den nuklearen Gefahren und Strahlenrisiken für Mensch und Umwelt durch den Weiterbetrieb von osteuropäischen AKWs russischer Bauweise (sogar in der Ukraine), geriet angesichts der Orientierung auf Sanktionen gegen Russland, bei denen ausgerechnet Atomgeschäfte ausgenommen sind, in den Hintergrund. Eine grüne Forderung, die Atomkraftwerke in der Ukraine und der Nähe der Kriegsregion abzuschalten, wäre naheliegend.

Auf Nachfrage zum Hintergrund der Genehmigungsanträge teilte das Ministerium gegenüber umweltFAIRaendern mit: „Es ist bekannt, dass ANF den Antrag zur Produktion von Brennelementen russischer Bauart gestellt hat und im Zuge dessen auf eine enge Lizenzfertigung mit Rosatom setzt. Bekannt ist, dass Tschechien Verträge für Brennstäbe mit dem US-Konzern Westinghouse und Produktion in Schweden ohne russische Beteiligung für seine Reaktoren russischer Bauart vereinbart hat: https://www.dw.com/de/tschechien-raus-aus-der-abh%C3%A4ngigkeit-von-russischen-brennelementen/a-64833598″. Weiter teilt die Pressestelle des NMU mit: „Selbst die Ukraine hat jetzt Brennstäbe außerhalb von Russland, ebenfalls aus schwedischer Produktion, für seine AKW im Einsatz: https://www.nuklearforum.ch/de/news/ukraine-erste-wwer-440-brennelemente-von-westinghouse-erhalten/“

Als nächster Schritt steht nun die atomrechtliche Erörterung der Einwendungen auf der Tagesordnung des Verfahrens. Ob dieses nur als Video-Veranstaltung oder als Live-Event vor Ort in Lingen stattfindet, ist noch nicht entscheiden. Das Umweltministerium in Niedersachsen erklärte auf Anfrage von umweltFAIRaendern: „Das prüfen wir gerade mit dem Bund, der auch die öffentliche Auslegung empfohlen hat und nach dem Atomgesetz auch in Verfahrensfragen das letzte Wort hat.“

In der NOZ wurde bereits im Januar 2024 (19.01.) berichtet: „ANF rechnet mit einer öffentlichen Anhörung im Mai. Eine Untersuchung zu Umwelteinflüssen und sicherheitstechnischen Auswirkungen sei bereits abgeschlossen und habe keine Veränderungen ergeben. Geht alles glatt, rechnet ANF mit einer Genehmigung im November 2024.“

Weiter heißt es in der NOZ: „Der Zeitplan, wie es weitergeht, ist aus Sicht von ANF klar gesteckt. „Die osteuropäischen Betreiber erwarten, dass wir Mitte 2025 liefern“, so Hoff. Verträge mit den Betreibern der Kernkraftwerke Kosloduji in Bulgarien und Temelin in Tschechien habe Framatome schon geschlossen. Aber, auch das betont der Manager: Von dem Produktionsvolumen sei der Fortbestand von ANF nicht abhängig.“

**

Dokumentation. Rede Britta Kellermann, Grüne Landtagsfraktion Niedersachsen,  TOP 20a: Keine Geschäfte mit Putin – russischen Einfluss auf die Brennelementefabrik in Lingen abwenden (Akt. Std. Grüne) – Es gilt das gesprochene Wort

Anrede,

im niedersächsischen Lingen betreibt das französische Unternehmen ANF eine Brennelementefabrik. Es ist schon mal per se unbegreiflich, dass diese Fabrik vom Atomausstieg ausgenommen wurde. In der aktuellen geopolitischen Situation ist der Genehmigungsantrag, der jetzt beim Niedersächsischen Umweltministerium liegt, allerdings noch viel weniger nachzuvollziehen.

Der ANF-Mutterkonzern Framatome ist kürzlich ein Joint Venture mit dem russischen Konzern TWEL eingegangen. Das Mutterunternehmen wiederum ist der russische Staatskonzern Rosatom. Es handelt sich um den Staatskonzern, der in Putins Auftrag das größte europäische AKW übernommen hat. Und zwar im umkämpften ukrainischen Saporischschja. Gegen den Willen der Ukraine. Der Kreml nimmt hier direkten Einfluss auf operationale Entscheidungen des Unternehmens. Und nicht nur das: Der Konzern wurde im Jahr 2007 durch ein Präsidenten-Dekret von Wladimir Putin persönlich gegründet.

Und dieser Staatskonzern hat sich nun also bereit erklärt, sein Wissen um die Fertigung von Brennelementen russischer Bauart mit ANF zu teilen. Und das, obwohl die osteuropäischen Staaten Bulgarien, Ungarn, Slowakei und Tschechien zu 100% und Finnland zu 35% von russischen Brennelementen abhängig sind. Warum gibt man eine solche Marktdominanz einfach auf? Diese Frage bleibt unbeantwortet.

Und wir halten es dennoch für wichtig, sie zu stellen.

Denn, der russische Angriffskrieg auf die Ukraine hat uns in Europa unsere energiewirtschaftliche Abhängigkeit von Russland vor Augen geführt. Deutschland und Europa haben seit Beginn des Krieges erhebliche Anstrengungen unternommen, um Europa unabhängig von russischem Gas zu machen. Wir alle haben die wirtschaftlichen Folgen dieser Bemühungen gespürt und mitgetragen.

Durch eine Gas- und Strompreisbremse konnten die Auswirkungen für die Verbraucher*innen auf einem erträglichen Niveau gehalten werden. Dass die Energiepreise sich heute wieder einigermaßen stabilisieren ist ein großer Erfolg des Bundeswirtschaftsministeriums unter Minister Habeck.

Trotzdem spielt Russland weiterhin eine bedeutende Rolle in der europäischen Energieversorgung. Rund 20% des Urans für Betreiber aus Euratom Staaten kommt aus Russland. Rund 26% der Urananreicherungsdienstleistungen deckt Rosatom in der EU ab. 21 Kernreaktoren in der EU versorgt Rosatom mit Brennelementen. 24 AKW russischer Bauart befinden sich weltweit im Neubau. Davon nur vier in Russland selbst. Russland bietet den außereuropäischen Staaten außerdem die Rücknahme des abgebrannten Brennstoffs an. Das Verhalten des Konzerns ist auf aggressive Weise darauf ausgerichtet, die Welt abhängig von russischem Uran zu machen. Mit Erfolg. Denn neben China ist Russland in den letzten 10 Jahren zum größten Akteur der weltweiten Atomindustrie geworden.

Es ist naiv zu glauben, durch die Betätigung dieses Joint Ventures könne der Osten Europas sich unabhängig von der russischen Atomindustrie machen. Das Gegenteil ist der Fall. Der russische Staat weitet seine Dominanz durch diesen Schritt nur weiter aus. Die Brennelementefabrik in Lingen hat in der Vergangenheit Uran aus Russland und dem kremlnahen Kasachstan bezogen. Die ANF räumte im Umweltausschuss der Stadt Lingen ein, ich zitiere aus dem Protokoll „diese beiden Länder versorgen etwa 40 % des Weltmarktes. Das heiße aber auch, dass sich Westeuropa und auch die USA heute nicht von diesem Markt trennen könnten.“

Wir halten es auch deshalb für angebracht, die Frage nach der russischen Motivation zu stellen, weil Russland gegen die Ukraine einen hybriden Krieg führt. Dieser Krieg beschränkt sich nicht auf tatsächliche Kampfhandlungen. Desinformation, Propaganda und Cyberangriffe sind weitere Mittel in diesem Krieg. Und sie beschränken sich nicht auf die Ukraine selbst, sondern betreffen auch deren Verbündete.

Der russische Staat führt Desinformationskampagnen in und gegen Deutschland. Diese dienen der Destabilisierung der inneren Verhältnisse und der Verunsicherung strategischer Partner in der Welt. Zuletzt wurden durch das Auswärtige Amt 50.000 russische Fake-Accounts auf X aufgedeckt – und eine Videokonferenz führender deutscher Offiziere zur Frage der Taurus-Langstreckenraketen für die Ukraine abgehört und veröffentlicht.

Was bedeutet das Joint Venture für die innere und äußere Sicherheit der Bundesrepublik? Kann das russische Regime die Kenntnisse aus der Kooperation nutzen, um der Bundesrepublik Deutschland zu schaden? Oder eigene außenpolitische Interessen durchzusetzen? Das Niedersächsische Umweltministerium hat hier jedenfalls keine triviale Entscheidung zu treffen.

Bereits im September letzten Jahres hat das amerikanische Unternehmen Westinghouse die ersten Brennelemente russischer Bauart in die Ukraine geliefert. Gefertigt in Schweden. Ohne russische Beteiligung. Was Westinghouse schafft, muss doch auch für ANF möglich sein? Im Lingener Umweltausschuss berichtete ANF auf Nachfrage, dass es zwischen ANF und Westinghouse einen starken Wettbewerb gebe. Das kann doch aber kein Grund sein, die sicherheitspolitischen Interessen der Bundesrepublik einfach zur Seite zu schieben?

Der Fall zeigt aber auch, wie dringend nötig es schon seit langem ist, dass sich die EU darauf verständigt, die Sanktionen gegen Russland auch auf die Atomwirtschaft auszudehnen. Die Ukraine fordert dies schon lange. Denn der Kauf von russischem Uran finanziert den Krieg gegen die Ukraine mit. Ein bisschen mehr europäische Weitsicht in der Sanktionsfrage wäre auch für Niedersachsen gut gewesen. Denn, wenn die Sanktionen sich auch auf die russische Atomwirtschaft beziehen würden, stünde eine Genehmigung mit einer derart sicherheitspolitischen Tragweite, wie sie das Niedersächsische Umweltministerium jetzt zu treffen hat, gar nicht zur Debatte.

 

Irgendwas mit gegen Atomwaffen: CAMP FÜR KLIMAGERECHTIGKEIT UND NUKLEARE ABRÜSTUNG 2024 – NÖRVENICH BEI KÖLN

Atomwaffen werden in der Folge des russischen Krieges gegen die Ukraine und den kommenden Wahlen in den USA nicht nur in Europa immer beliebter. Noch nie war die Zahl der einsatzbereiten und modernisierten Atomsprengköpfe so groß wie heute. Noch nie waren allein in Europa so viele Atomanlagen als nukleare Angriffsziele vorhanden. Deutschland ist im Rahmen der NATO und der sogenannten nuklearen Teilhabe zuständig, am Standort in Büchel dort stationierte us-amerikanische Atomwaffen im Krisenfall per Kampfjet ins Ziel zu fliegen. Dafür werden gerade neue Jets von den USA gekauft und die Militärbasis sowie die Waffen umfangreich modernisiert und aufgerüstet. Nach dem Atomwaffensperrvertrag haben die Vereinten Nationen zuletzt einen Atomwaffenverbots-Vertrag ins Leben gerufen. An der International Campaign to Abolish Nuclear weapons (ICAN) beteiligten sich inzwischen neben Friedensorganisationen und den internationalen Ärzt:innen zur Verhütung eines Atomkrieges IPPNW auch der BUND und die Naturfreunde Deutschland. Im Juli plant ICAN ein Camp für Klimagerechtigkeit und gegen nukleare Aufrüstung in Nörvenich, wo die aus Büchel während der Bauarbeiten umgelagerten Atomwaffen derzeit verwahrt werden.

In den beiden westeuropäischen Staaten Frankreich und Großbritannien wird umfangreich an der Erneuerung der Atomwaffen gearbeitet. Die USA sind dabei, eine Militärbasis in Großbritannien erstmals wieder mit Atomwaffen auszustatten, während GB selbst seine nuklearen Aktivitäten zwischen ziviler und militärischer Nutzung intensiviert und z.B. über Rolls Royce auf an neuen nuklearen Antriebsreaktoren für U-Boote aber auch als Reaktoren für Strom und Wärme zu entwickeln. In Frankreich hatte Präsident Macron darauf verwiesen, dass die zivile und militärische Atomenergie untrennbar miteinander verbunden sind. Das unterstreicht Frankreich auch, in dem es zivile Atomkraftwerke in Civaux für die Herstellung von Tritium einsetzt. Damit folgt Frankreich dem Vorbild der USA und trägt damit global dazu bei, dass die Grenzen zwischen ziviler und militärischer Atomenergie immer diffuser werden.

CAMP FÜR KLIMAGERECHTIGKEIT UND NUKLEARE ABRÜSTUNG – 3.–7. JULI 2024 – NÖRVENICH BEI KÖLN

Veranstalter: IPPNW, Netzwerk Friedenskooperative und ICAN Deutschland

Ihr seid eingeladen zu unserem Klimacamp gegen Atomwaffen nahe der Airbase Nörvenich. Hier verbinden sich unser Engagement für das Klima und nukleare Abrüstung. Zusammen stellen wir uns der Zerstörung unseres Planeten in den Weg!

Am Fliegerhorst Nörvenich übt die Bundeswehr im Rahmen der nuklearen Teilhabe den Einsatz von Atombomben. Nicht weit davon im Hambacher Forst protestieren Klimaaktivist*innen seit Langem gegen ein lebensfeindliches fossiles System. Hier wollen wir Anfang Juli einen gemeinsamen Ort für Protest, Vernetzung und Bildung schaffen und uns gegenseitig inspirieren.

Die Klimakrise und die weltweite nukleare Aufrüstung gefährden das Leben auf unserem Planeten. Weltweit geben die Industriestaaten Milliarden für Atomwaffen aus. Das Geld fehlt zur Bekämpfung des Hungers, der sozialen Ungleichheit und des Klimawandels, dessen Auswirkungen am stärksten den Globalen Süden betreffen.

Auf den untergehenden Pazifik-Inseln leiden viele Menschen bis heute an den Folgen der Atomtests, die überwiegend in ehemaligen Kolonien und auf den Gebieten ethnischer Minderheiten
durchgeführt wurden.

TREFFEN WIR UNS! TRETEN WIR GEMEINSAM EIN FÜR:

  • konkrete Klimagerechtigkeit
  • eine atomwaffenfreie Welt und den Abzug aller Atomwaffen aus Deutschland
  • den Beitritt Deutschlands zum
    Atomwaffenverbotsvertrag

AUF DEM PROGRAMM STEHT:

  • Workshops, Aktionstrainings, Skill-Shares
  • kreativer Protest & vielfältige gewaltfreie Aktionen
  • vegane Küche, Musik und Film
  • Geburtstagsfeier für das Atomwaffenverbot am 7. Juli
  • alles, was Ihr mitbringt

Info und Anmeldung: buechel.nuclearban.de

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