Quartal 1/2024: 30 Atomtransporter radioaktiv durch Hamburg – Fast 150 Transporte im Jahr 2023

Sieben Atomtransporte in zehn LKWs mit angereichertem Uran zum Betrieb von Atomanlagen und 20 radioaktive Transporte per Schiff mit Uran-Vorprodukten durch den Hafen zwischen Ende Dezember bis zum März 2024. Das ist die Summe der Atomtransporte, die immer noch durch die Hansestadt stattfinden, obwohl Deutschland alle AKWs vor rund einem Jahr abgeschaltet hat. Stephan Jersch und Norbert Hackbusch von der Hamburger Linksfraktion haben nunmehr zum 55. Mal – im Abstand von rund einem Vierteljahr – diese Anfrage zu nuklearen Gefahrguttransporten durch die Elbmetropole an den Senat gestellt.

Warum der rot-grüne Senat bis heute nicht eigenständig auf seinen Internetseiten derartige Daten veröffentlicht, bleibt ein rot-grünes Geheimnis. Bezogen auf die Kernbrennstoffe (angereichertes Uran) informieren sowohl das Bundesumweltministerium als auch das Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BaSE) auf ihren Seiten nationale (! ohne Hamburgbezug) Daten in dieser Sache. Die Daten zu sonstigen radioaktiven Transporten durch Hamburg werden vom Senat nach den Vorschriften nur für drei Monate gespeichert. Daher fragen die Linken Abgeordneten in diesem Zeitraum regelmäßig nach, um die Informationen verfügbar zu halten.

Nach den Anfragen der Linken haben im Jahr 2022 insgesamt 140 Atomtransporte in und durch Hamburg stattgefunden. In 2023 waren es sogar 146 Transporte für den weiteren Betrieb von Atomanlagen. Ausgenommen vom deutschen Atomausstieg sind weiterhin die Uranfabriken in Gronau und Lingen, die nach aktuellen Planungen sogar ausgebaut werden sollen, um den internationalen Uran-Markt zu bedienen. Aber Uran wird auch im Transit durch Hamburg geschleust, um im Ausland befindliche Atomanlagen zu versorgen bzw. zur weiteren Verarbeitung des Materials, um Uranbrennstoff zu erzeugen.

Atomausstieg erfolgreich: Ein Jahr ohne Super-GAU-Risiken in Deutschland und mit immer mehr Erneuerbarer Energie in Europa

Am 15. April 2024 jährt sich zum ersten Mal die Stilllegung der bundesdeutschen Atomkraftwerke zur Stromerzeugung. Eine Industriegesellschaft hat die unverantwortlichen Risiken der Atomenergie nach massiven – nicht immer – demokratischen Kontroversen und Auseinandersetzungen als Irrweg und falsch identifiziert und die Energiewende ohne Atomgefahren auf den Weg gebracht. Die Laufzeitverlängerung der drei letzten Reaktoren um vier Monate vom 31.12.2022 bis in den April 2023 hat sich als vollkommen unnötig und als komplette Panikmache vom liberal-konservativen und teilweise faschistisch-rechten Parteien-Spektrum erwiesen. Auch relevante Teile der Medien haben sich statt von Faktenanalysen eher von Stimmungen und Interessen leiten lassen. Die Abschaltung der AKWs und das Ende der Atomstromerzeugung ist noch kein Atomausstieg. Ohne jede Befristung sind die beiden Uranfabriken in Gronau und Lingen in Betrieb und sollen derzeit sogar ausgebaut werden. Dennoch ist das Ende der Atomstromerzeugung in Deutschland nicht nur ein technischer Meilenstein, sondern auch einer dafür, dass in einer demokratischen Gesellschaft mächtige politische und wirtschaftliche Interessen zum Schaden von Mensch und Umwelt korrigiert werden können. Nur schneller hätte es sicherlich gehen dürfen.

Zu keinem Zeitpunkt ist es in Folge des Krieges Russlands gegen die Ukraine zu Engpässen in der Stromversorgung oder gar einem relevanten Netzausfall in der Bundesrepublik gekommen. Genau das hatten seriöse Prognosen und Analysen aufgezeigt, bevor die Ampel-Koalition unter einem medialen und einseitig interessierten Trommelfeuer trotzdem eine befristete Laufzeitverlängerung für die verbliebenen AKWs in Lingen, Isar und Neckarwestheim sinnfrei beschloss. Inzwischen sind weitere Kapazitäten beim Kohlestrom in großen Umfang abgeschaltet, ohne dass die Stromversorgung in der laufenden Energiewende hin zu den Erneuerbaren gefährdet wäre. Selbst der Block 2 des bayerischen AKW in Isar/Ohu hat inzwischen die Stilllegungsgenehmigung erhalten und kann nun schrittweise abgebaut werden.

Insgesamt war das Jahr des bundesdeutschen AKW-Ausstiegs auch für die Energiewende von Nutzen: Mit Blick auf eine Studie der KfW berichtet Tagesschau: Im vergangenen Jahr wurden rund 44 Prozent des Stroms in der EU durch Erneuerbare Energien erzeugt. Das ist einer KfW-Studie zufolge ein „neuer Höchstwert“. Die Förderbank kritisiert aber das noch zu langsame Tempo.“ (Siehe unten auch als Dokumenation). Auch das DIW berichtet auf Faktenbasis: Erneuerbare-Energien-Pool sorgt für günstige und stabile Strompreise“.

Genauer blickt das Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung BaSE auf den Atomausstieg und erinnert, dass noch viele Probleme und Risiken bleiben: Ein Jahr Atomausstieg: Noch viele Aufgaben für nukleare Entsorgung. Bei einer Veranstaltung zur Rolle der bundesdeutschen und weltweiten Lage der Atomenergie in Verbindung mit dem unabhängigen „World Nuclear Industry Status Report“ berichtete der Chef der Forschungsabteilung beim BaSE jüngst: „Abteilungsleiter Ahlswede: „World Nuclear Industry Status Report” zeigt differenziertes Bild von Kernenergie“ (siehe unten).

Ausgestrahlt kommentiert den AKW-Ausstieg hier. Der BUND hat hier den Atomausstieg im Jahr 1 danach bewertet.

Die Studie ist direkt auch hier als PDF online.

KfW Research: Stromversorgung in Europa – auf dem Weg zur Dekarbonisierung bis 2040

  • 44 % des Stroms in der EU regenerativ erzeugt, 2023 erstmalig erneuerbare vor fossiler Energie
  • 83 % des Kapazitätszuwachses in der Stromerzeugung weltweit 2022 stammen aus erneuerbaren Energien
  • 14 der 27 EU-Mitglieder erzeugen Strom hauptsächlich aus erneuerbaren Energien – auch Deutschland
  • Europäischer Stromhandel und Netzausbau senken Stromkosten und beschleunigen Dekarbonisierung

Bis 2050 will Europa als erster Kontinent klimaneutral sein. Gemäß der jüngst veröffentlichen Zwischenziele strebt die Europäische Union an, den Stromsektor bereits bis zum Jahr 2040 nahezu vollständig zu dekarbonisieren. Eine aktuelle Studie von KfW Research untersucht, wie es aktuell um die Dekarbonisierung der Stromversorgung in Europa bestellt ist. Die KfW stellte die Studie am Donnerstag in Frankfurt am Main vor.

In den vergangenen 30 Jahren hat sich der CO2-Fußabdruck einer produzierten Kilowattstunde Strom halbiert: Wurden im Jahr 1990 noch 500 g CO2 pro Kilowattstunde Strom emittiert, war es im Jahr 2022 mit 251 g nur noch die Hälfte. Einen Anteil an dem Rückgang hat das im Jahr 2005 eingeführte europäische Emissionshandelssystem für CO2-Zertifikate. Es setzt wirtschaftliche Anreize für einen Ausstieg aus der Nutzung fossiler Energieträger und erfasst europaweit rund 9.000 Anlagen der Energiewirtschaft und der energieintensiven Industrie. Damit deckt es rund 40 % der ⁠Treibhausgas⁠emissionen in Europa ab.

Weltweit stammen 83 % des Kapazitätszuwachses in der Stromerzeugung im Jahr 2022 aus erneuerbaren Energien (295 Gigawatt). Immerhin 20 % hiervon entfallen auf den europäischen Kontinent (58 Gigawatt). Das ist deutlich mehr als in Nordamerika (29 Gigawatt) und wird nur durch den massiven Ausbau in China übertroffen (141 Gigawatt). Im Jahr 2023 haben die erneuerbaren Energien mit rund 44 % des in der EU erzeugten Stroms einen neuen Höchstwert erzielt. Der Anteil der fossilen Energieträger fiel auf 34 %; 23 % entfallen auf Strom aus Kernenergie.

Obwohl die Richtung bereits stimmt, ist das bisherige Tempo der Emissionsreduktion im Stromsektor deutlich zu langsam.

„Die Zielerreichung erfordert, ausgehend vom heutigen Niveau, nochmals einen deutlichen Ausbau klimafreundlicher Erzeugungskapazitäten. Dabei zeigen sich mit Blick auf den Strommix erhebliche Unterschiede zwischen den europäischen Mitgliedsstaaten“,

sagte Dr. Fritzi Köhler-Geib, Chefvolkswirtin der KfW.

14 der 27 EU-Mitglieder erzeugen Strom hauptsächlich aus erneuerbaren Energien, hierunter auch Deutschland. Die Hauptenergieträger unterscheiden sich historisch gewachsen deutlich: So decken beispielsweise Österreich 56 % der Stromerzeugung durch Wasserkraft und Dänemark 59 % durch Windkraft. Daneben gibt es fünf EU-Länder, die mehrheitlich Strom aus Kernenergie nutzen, sowie acht Länder, die ihren Strom noch hauptsächlich auf Basis fossiler Energieträger erzeugen, vornehmlich Kohle und Gas.

Erdgas ist der einzige Energieträger, der in allen europäischen Ländern in der Stromversorgung eingesetzt wird. In Deutschland liegt der Anteil gasbasierter Stromerzeugung bei 15 % – und damit unter dem europäischen Durchschnitt. Auf dem Weg zur Klimaneutralität gilt Erdgas als Brückentechnologie, allerdings müssen neue Gaskraftwerke perspektivisch wasserstofffähig sein.

Mit Blick auf die Kernenergie verfolgen die Länder in Europa sehr unterschiedliche Strategien. In Deutschland ist im vergangenen Jahr der letzte Kernreaktor vom Netz gegangen, einige Länder sehen gänzlich von der Nutzung ab, etwa Italien oder Portugal. Andere Länder – wie beispielsweise Frankreich – setzen derzeit auf Kernenergie. Einige von Ihnen haben jüngst die europäische Nuklearallianz gegründet und das Ziel erklärt, die installierte Leistung an Kernenergie bis 2050 um 50 Gigawatt auf 150 Gigawatt auszuweiten.

„Es gibt deutliche Unterschiede zwischen europäischen Ländern beim aktuellen Stand des Ausbaus von Erneuerbaren“,

sagte Dr. Fritzi Köhler-Geib, Chefvolkswirtin der KfW.

„Im Jahr 2023 haben lediglich drei EU-Mitglieder mehr als 75 % des Stroms erneuerbar produziert. Weitere zehn Länder liegen zwischen 50 und 75 %, darunter auch Deutschland. Deutschland zählt zu den Ländern, die mit ambitionierten Ausbau-Zielen vorangehen. Windkraft steht in Deutschland an erster Stelle. Auch das Potenzial von Photovoltaik ist indes noch in keinem europäischen Land ausgereizt“,

unterstrich Köhler-Geib.

Erstmals seit 2002 war der Stromaustauschsaldo Deutschlands im Jahr 2023 wieder von einem Importüberschuss gekennzeichnet, in Höhe von insgesamt 11,7 Terawattstunden. Der Importanstieg lag zum einen an der Stilllegung der letzten drei Kernkraftwerke in Deutschland und der im Vergleich zum Vorjahr höheren Verfügbarkeit der Kernenergie in Frankreich. Zum anderen schreitet aber auch der Ausbau der erneuerbaren Energien im europäischen Ausland voran und sorgte dort mit sonnenreichen Monaten und Phasen mit hohem Windaufkommen für ein größeres kostengünstiges Grünstromangebot. Rund drei Viertel des importierten Stroms wurde CO2-frei erzeugt. In Deutschland wurde hierdurch zum größten Teil fossile Stromerzeugung aus Kohle substituiert.

„Neben den Erzeugungskapazitäten sind die Integration der nationalen Strommärkte und die physikalischen Fähigkeiten des Stromtransportes entscheidend für eine kosteneffiziente Dekarbonisierung. Der Ende 2023 vorgelegte Aktionsplan der EU-Kommission zur Stärkung der europäischen Stromnetze ist daher zu begrüßen. Wird der Stromverbund weiter gestärkt und das Strommarktdesign zudem um Kapazitätsmärkte ergänzt, die Speicherlösungen und eine Nachfrageflexibilisierung berücksichtigen und auch europäisch gedacht werden, sind weitere Effizienzgewinne möglich“,

sagte Köhler-Geib. Die aktuelle Studie ist abrufbar unter:­ www.kfw.de/Fokus

  • DIW (Quelle siehe oben):

Pressemitteilung vom 10. April 2024

DIW-Studie zeigt Weg zu stabilen und günstigen Strompreisen für private Haushalte und Unternehmen auf – Erneuerbare-Energien-Pool reduziert Volatilität und stärkt Anreize zur flexiblen Stromnachfrage – Auch Finanzierung neuer Windkraft- und Solarprojekte wird erleichtert

Auch wenn erneuerbare Energien immer günstiger werden und ihr Anteil am Strommix im Zuge der Energiewende stetig wächst, schwanken Strompreise weiterhin unvorhersehbar. Dies verunsichert private Haushalte sowie Unternehmen und lässt sie Investitionen scheuen. Ein Erneuerbare-Energien-Pool würde zu stabileren und geringeren Stromkosten beitragen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Analyse der Abteilung Klimapolitik im Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin). „Das Poolkonzept lässt Stromkund*innen finanziell von der Energiewende profitieren“, so Studienautor Leon Stolle. „Zugleich verbessern sich die Finanzierungsbedingungen für neue Windkraft- und Solarprojekte – sie werden günstiger und können verlässlicher umgesetzt werden.“

Bei fossilen Energien drohen weitere Preisschocks

Die Stromerzeugungskosten aus erneuerbaren Energien sind global extrem gefallen – zwischen 2010 und 2022 bei Solarenergie um fast 90, bei Windenergie an Land um 70 und bei Windenergie auf See um 60 Prozent. Obwohl in Deutschland inzwischen mehr als die Hälfte des Stroms aus Erneuerbaren stammt, sorgten in den vergangenen Jahren Preisschocks auf dem Kohle- und Gasmarkt für zeitweise hohe Strompreise. Der Grund: Die Preise am Strommarkt werden durch die teureren fossilen Energien nach oben getrieben (sogenanntes Merit-Order-Prinzip). Wegen anhaltender geopolitischer Unsicherheiten sind die fossilen Energieträger auch in den kommenden Jahren nicht vor Schocks gefeit, was zu anhaltend volatilen Preisen führen dürfte.

„Wenn die Vorteile der erneuerbaren Energien auch bei den Konsument*innen ankommen, wird die politische Unterstützung für die Energiewende gestärkt.“ Mats Kröger

Eine Lösung bietet den DIW-Wissenschaftlern zufolge der Erneuerbare-Energien-Pool. Das Konzept besteht aus drei Elementen: Zunächst schließen Produzenten erneuerbarer Energien langfristige Verträge mit einer staatlichen Agentur. Diese garantiert ihnen einen festen Abnahmepreis für den erzeugten Strom. Fällt der Marktpreis unter den vereinbarten Preis, wird dem Anlagenbetreiber die Differenz erstattet. Liegt der Marktpreis hingegen über dem Vertragspreis, zahlt der Betreiber der Erneuerbaren-Anlage die überschüssigen Erlöse an die staatliche Agentur zurück.

Die so geschlossenen Verträge werden gebündelt (englisch „Pooling“). Das Pooling erneuerbarer Projekte verschiedener Technologien, unterschiedlicher Standorte und Zeitpunkte der Inbetriebnahme diversifiziert die erneuerbare Stromproduktion und sichert die Kosten der Stromkund*innen weiter ab.

In einem dritten und entscheidenden Schritt werden die Vertragskonditionen an die Stromkund*innen in privaten Haushalten und der Wirtschaft übertragen, damit auch sie von hohen und stark volatilen Strompreisen verschont bleiben. Mit dem angepeilten Ausbau der erneuerbaren Energien in Deutschland dürfte das Volumen der Verträge im Pool stetig steigen und damit die Preise sinken.

Positive Impulse auf dem Weg zur Klimaneutralität

„Günstige und verlässliche Strompreise sind Voraussetzung für die klimaneutrale Transformation“, erläutert Studienautor Mats Kröger. „Über das Poolkonzept kommt der Kostenvorteil der Erneuerbaren außerdem direkt bei den Verbraucher*innen an. Dies wirkt Ängsten und Verunsicherung entgegen und schafft Akzeptanz für die Energiewende.“ Zudem sinkt der Druck auf die Bundesregierung, in Phasen hoher Strompreise mit kurzfristigen Maßnahmen preissenkend in den Markt einzugreifen. Das Ergebnis ist mehr Planungssicherheit: Private Hauseigentümer*innen können etwa den Kauf einer Wärmepumpe besser kalkulieren. Für Unternehmen werden Investitionen in Elektrifizierungsprozesse zur Emissionsminderung besser planbar.

Gleichzeitig setzt der Erneuerbare-Energien-Pool auch Anreize für Stromkund*innen, ihre Nachfrage flexibel zu gestalten, das heißt, immer dann mehr Strom nachzufragen und zu verbrauchen, wenn die erneuerbaren Energien viel erzeugen. In anderen Zeiten werden gespeicherte Wärme oder dafür vorgehaltene stromintensive Zwischenprodukte genutzt.

„Ein Erneuerbare-Energien-Pool senkt Finanzierungsrisiken und stärkt Anreize für systemfreundliche erneuerbare Technologien und Nachfrageflexibilität.“ Karsten Neuhoff

Preislich abgesichert ist im untersuchten Konzept nur der Stromanteil, der über den Pool abgedeckt wird. Darüber hinaus sind die Verbraucher*innen den Preisrisiken der Kurzfristmärkte ausgesetzt. Dadurch wird es für Unternehmen attraktiver, in Speicher von Strom, Wärme oder Zwischenprodukten zu investieren und so ihre Produktion flexibler zu gestalten.

Von der Poollösung profitieren neben den Verbraucher*innen der DIW-Studie zufolge auch Projektentwickler von Anlagen erneuerbarer Energien. „Ein Erneuerbare-Energien-Pool senkt diese Finanzierungsrisiken und stärkt Anreize für systemfreundliche erneuerbare Technologien und Nachfrageflexibilität“, bilanziert Studienautor Karsten Neuhoff. „So können Stromkosten für alle reduziert werden, ohne dass öffentliche Haushalte belastet werden. Das Konzept sorgt dafür, dass die Energiewende Fahrt aufnimmt.“

  • Das BASE berichet in einer PM:

Ein Jahr Atomausstieg: Noch viele Aufgaben für nukleare Entsorgung

Am 15. April 2024 jährt sich Deutschlands Atomausstieg zum ersten Mal. Mit der Abschaltung der letzten drei verbliebenen Atomkraftwerke Isar 2, Emsland und Neckarwestheim 2 ist ein Jahr zuvor die kommerzielle Nutzung der Kernenergie beendet worden.

Dazu sagt der Präsident des Bundesamts für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE), Christian Kühn: „Der Atomausstieg hat dafür gesorgt, dass keine weiteren hochradioaktiven Abfälle mehr produziert werden. Voraussichtlich 27.000 Kubikmeter hochradioaktiver Abfälle bleiben nach der jahrzehntelangen Nutzung der Kernenergie zurück. Mit dieser festen Größenangabe kann – und muss – jetzt ein tiefengeologisches Endlager gesucht werden.“

Anders als viele andere Staaten hat Deutschland einen gesetzlich geregelten, wissenschaftsbasierten und transparenten Suchprozess festgelegt und durch einen Fonds, in den die Atomkraftwerksbetreiber einzahlen mussten, finanziell abgesichert. Dieser vertrauensbildende Prozess ist gefährdet, wenn der Atomausstieg und wider besseren Wissens die weltweit anerkannte Notwendigkeit der geologischen Tiefenlagerung infrage gestellt werden.

„Deutschland ist durch den Atomausstieg sicherer geworden. Gleichzeitig zeigt die geringe Zahl der bereits vollständig zurückgebauten Reaktoren, wie aufwändig dieser Rückbau, die Zwischenlagerung und Endlagerung sind. Nukleare Sicherheit muss also noch für viele Jahrzehnte gewährleistet werden und bleibt eine Daueraufgabe“, so BASE-Präsident Kühn.

Atomausstieg bereits 2011 beschlossen

Der Ausstieg aus der Atomenergie resultiert aus einem Bundestagsbeschluss von 2011. Dieser Bundestagsbeschluss – kurz nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima – fußte auf einer breiten, parteiübergreifenden Mehrheit. Gleichzeitig ermöglichte der Ausstieg erstmals eine sowohl von Atomkraftbefürwortern wie -gegnern gemeinsam getragene Suche nach einem Endlager für hochradioaktive Abfälle.

„Die Endlagersuche ist ein Mammutprojekt, das nur gelingen kann, wenn die Breite der Gesellschaft dafür eintritt. Behauptungen über andere und angeblich einfachere Optionen haben keine fachliche Basis und lenken davon ab, dass weiterhin ein Endlager in tiefen geologischen Schichten die einzige Entsorgungsmöglichkeit für die gefährlichen Stoffe ist“, so Kühn.

Die Lagerung in tiefen und stabilen Formationen wird sowohl in Deutschland wie auch von fast allen anderen Staaten mit derartigen Abfällen als einzige langzeitsichere Alternative zum Umgang mit hochradioaktiven Hinterlassenschaften gesehen. Auch neue oder vermeintlich neue Reaktortechnologien erfordern derartige langzeitsichere Endlager.

  • Abteilungsleiter Ahlswede: „World Nuclear Industry Status Report” zeigt differenziertes Bild von Kernenergie
Anfang 26.03.2024
Redner Jochen Ahlswede; BASE-Abteilungsleitung Forschung und Internationales

Der „World Nuclear Industry Status Report” richtet einen differenzierten Blick auf die weltweiten Entwicklungen und den aktuellen Stand der Kernenergie. Jochen Ahlswede, BASE-Abteilungsleitung Forschung und Internationales, führte in seiner Rede am 26. März 2024 auf einer Fachkonferenz an der TU Berlin in den Report ein. Seine Überzeugung: „Mehr denn je brauchen wir einen unabhängigen wissenschaftlichen Diskurs und einen nüchternen Blick auf die Dinge.”

Sehr geehrte Damen und Herren,

 Präsentation des World Nuclear Industry Status Report 2023Jochen Ahlswede, Leiter des Fachbereiches Forschung, bei der Vorstellung des „World Nuclear Industry Status Report“ in Berlin Quelle: BASE

im Namen des Bundesamtes für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung/BASE und gemeinsam mit der Technischen Universität Berlin freue ich mich, Sie heute zur Vorstellung des „World Nuclear Industry Status Report 2023” begrüßen zu dürfen. Wie in den Vorgängerjahren bietet auch der aktuelle Bericht eine einzigartige, unabhängige Perspektive auf den weltweiten Stand der Kernenergie.

Der diesjährige Bericht erscheint zu einem wichtigen Zeitpunkt. Weltweit erfährt die sogenannte Renaissance der Kernenergie große Aufmerksamkeit. Dabei ist der Begriff der Renaissance nicht neu: Er wurde schon einmal intensiv strapaziert, und zwar in den 2000er Jahren. Damals wurden enorme globale Ausbauziele in den Raum gestellt, die bekanntlich nicht eingelöst worden sind. Doch in Zeiten von Klimawandel und Energiekrise sind wieder viele Augen auf Kernkraft gerichtet und verbinden sich mit den Hoffnungen auf eine preiswerte, sichere und saubere Energiequelle. Industrie und Entwickler haben dieses Narrativ ihrerseits weiter bestärkt, indem sie eine neue Generation von Kernreaktoren versprechen – Reaktoren, die noch billiger und sicherer sein würden als die heutigen Leichtwasserreaktoren und angeblich weniger Abfall produzieren.

Entwicklung der weltweiten Kernenergie differenziert betrachten

In diesem Umfeld ist es nicht immer einfach, Fakten von bloßen Versprechen zu unterscheiden. Mehr denn je brauchen wir einen unabhängigen wissenschaftlichen Diskurs und einen nüchternen Blick auf die Dinge. Um die Bedeutung eines solchen faktenbasierten Diskurses zu unterstreichen, möchte ich zwei Narrative hervorheben, die derzeit besonders prominent vertreten werden.

Narrativ 1: Stetiges Wachstum betriebener Kernreaktoren weltweitEinklappen / Ausklappen

Das erste Narrativ besagt, dass die weltweite Flotte von Kernreaktoren stetig wachsen und neue Technologien hinzukommen würden. Es gibt zahlreiche Absichtserklärungen von Ländern, die den Bau neuer Kernkraftwerke ankündigen – und zwar nicht nur von Neueinsteigern in die Kernkraft, sondern auch von Ländern, die bereits beschlossen hatten, aus dieser Technologie auszusteigen. Erst letzte Woche wurden mit dem Nuclear Energy Summit in Brüssel entsprechende Ankündigungen wiederholt. Blickt man nur darauf, so kann man den Eindruck gewinnen, dass die Kernenergie bald schneller wachsen wird als je zuvor.

Der „Status Report” hat hierzu die Fakten aus öffentlich zugänglichen und überprüfbaren Quellen zusammengetragen und kommt zu einem deutlich differenzierteren Bild: Weltweit waren Mitte 2023 insgesamt 407 Kernreaktoren in Betrieb. Sie haben ca. 9 % zur weltweiten Elektrizitätserzeugung beigetragen, zum Gesamtenergieverbrauch ca. 5 %. Der Bericht zeigt, dass sich die weltweite Reaktorflotte nicht etwa verjüngt hat, sondern gealtert ist. Ihr Durchschnittsalter hat sich seit den 1980er Jahren stetig erhöht. Während die Inbetriebnahme einzelner neuer Reaktoren in der Regel die meiste Aufmerksamkeit erfährt, gerät aus dem Fokus, dass gleichzeitig viele andere – insbesondere alte – Reaktoren abgeschaltet werden. Eine Statistik aus dem Statusbericht ist besonders prägnant: Seit 2002 sind mehr Reaktoren stillgelegt als neu in Betrieb genommen worden. Wenn man China nicht miteinbezieht, ist der Netto-Rückgang der Reaktoren sogar noch dramatischer und beläuft sich mittlerweile auf mehr als 50 Reaktoren.

Eine stetig alternde Reaktorflotte wirft auch Sicherheitsfragen auf. Da sich viele neue Reaktorprojekte verzögern und teurer werden, wird der Druck, die Lebensdauer alter Kraftwerke zu verlängern, noch größer. Diese Entwicklung sollte von den für die nukleare Sicherheit verantwortlichen Stellen genauestens beobachtet werden.

Narrativ 2: Alternative Reaktorkonzepte (SMR) als aktuelle TechnologieEinklappen / Ausklappen

Das zweite Thema, das ich ansprechen möchte, ist die wachsende Aufmerksamkeit in Bezug auf alternative Reaktorkonzepte, insbesondere kleine modulare Reaktoren/sogenannte small modular reactors, kurz: SMR. Viele Regierungen haben in letzter Zeit bemerkenswerte Investitionen in SMR-Technologien angekündigt. Auch die Europäische Union will SMR-Projekte in den nächsten Jahren verstärkt fördern, eine entsprechende Allianz mit der Industrie wurde vor kurzem gegründet. Die Hersteller bewerben SMR als billige, schnell zu bauende Alternativen zu konventionellen Reaktoren, die uns bei der Bekämpfung des Klimawandels helfen werden.

Der „Status Report” kommt zu einer anderen Einschätzung. Die Datenauswertung des Berichts zeigt bereits seit Jahren, dass es in der Praxis zu erheblichen Verzögerungen bei der Entwicklung und dem Bau von SMR-Anlagen gekommen ist. In diesem Sinne widerspricht der Bericht der Behauptung, dass es sich bei SMR um billige und schnell zu bauende Mini-Reaktoren handelt. Der Bericht kommt sogar zu dem Schluss, dass es derzeit „kein erkennbares Szenario gibt, in dem SMR selbst unter den besten Umständen wirtschaftlich werden könnten”. Das jüngste Scheitern eines der weltweit fortschrittlichsten SMR-Projekte in den USA aus finanziellen Gründen scheint diese Analyse zu untermauern.

Ich möchte hinzufügen, dass viele SMR-Konzepte auch aus sicherheitstechnischer Sicht eine Reihe von Fragen offenlassen. Dies gilt insbesondere für die Nicht-Leichtwasserreaktoren, für die es keine oder nur begrenzte Betriebserfahrungen gibt. Eine aktuelle, durch das BASE in Auftrag gegebene wissenschaftliche Studie zeigt, dass die Konzepte in der Theorie zwar einige Vorteile mit sich bringen könnten. Bei einer weltweiten Verbreitung dieser unerprobten Anlagen wären wir aber auch mit neuen Risiken konfrontiert – von der Betriebssicherheit über den Transport bis hin zur Entsorgungssicherheit und der Nichtverbreitung. Und klar ist auch: Selbst wenn diese Reaktoren irgendwann zur Verfügung stehen würden, wären keine dieser Konzepte in der Lange ein Endlager für hochradioaktive Abfälle überflüssig zu machen.

World Nuclear Industry Status Report: Unabhängige Grundlage für faktenbasierte Diskussion

Diese beiden Beispiele zeigen, warum das Bundesumweltministerium in Zusammenarbeit mit dem BASE den „Status Report” gefördert hat: Die unabhängige Analyse aktueller und zukünftiger Entwicklungen ist eine wertvolle Grundlage für die internationale Diskussion um die Regulierung dieser Hochrisikotechnologie – eine Diskussion, an der sich Deutschland auch nach dem Abschalten seiner Kernkraftwerke aktiv beteiligt. In diesem Zusammenhang trägt der Status Report dazu bei, die Behauptungen der Hersteller und Lobbyorganisationen, die sich für die Kernenergie einsetzen, zu differenzieren und zu kontextualisieren.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der „World Nuclear Industry Status Report” eine wichtige Quelle für all diejenigen ist, welche Wert auf ein differenziertes Bild legen. Die Länderkapitel bieten nicht nur detaillierte, aktuelle Informationen über Entwicklungen in den wichtigsten Nuklearstaaten. Der Bericht ermöglicht es den Leser:innen durch seine thematischen Kapitel auch immer wieder, einen faktenbasierten Eindruck in Hinblick auf den Status der globalen Nuklearenergienutzung zu bekommen.

Ich danke dem internationalen Expert:innenteam für ihre akribische und sorgfältige Arbeit. Ich denke, über 2500 Literaturverweise sprechen für sich. Das Ergebnis ermöglicht einen nüchternen Blick auf die internationalen Entwicklungen und bereichert die öffentliche wie auch die Fachdiskussion um eine wichtige Analyse auf Basis von unabhängigen Daten und Fakten.

Atomenergie, Deutschland und Krieg: Russische Beteiligung statt Stilllegung der Uranfabrik Lingen? Was tun? Erörterungstermin live.

Darf sich der russische Atomgigant Rosatom am deutschen, emsländischen Standort der ANF Lingen mit dem französisch-europäischem Atomgiganten Framatome zusammentun, damit in den osteuropäischen Staaten mit russischen Atommeilern nicht die Lichter ausgehen? Oder reden wir darüber, wie die Erneuerbare Energiewende auch in diesen osteuropäischen Staaten zum Atomausstieg wirksam werden könnte? Könnte ja im EU-Wahlkampf ein durchaus wichtiges Thema sein. Super-Gau-Risiken und Atommüll für eine Million Jahre sind einfach keine gute Sache. Vielleicht geht der Umstieg auch sehr kurzfristig? Was für ein Irrsinn, dass die Ukraine im Krieg Atomenergie in den Westen exportiert. Westinghouse kann bereits Brennstoff für „Ost-Reaktoren“ russischer Bauweise liefern. Noch immer sind die deutschen Uranfabriken in Gronau und Lingen vom Atomausstieg ausgenommen. Warum? Es braucht für eine zukunftsfähige Welt das Ende von Atomgefahren, nicht eine Entscheidung zwischen westlicher und anderen Atomrisiken.

Frankreich braucht russische Hilfe, um über Lizenzen und Genehmigungen „Jahre“ gegenüber Westinghouse aufzuholen. Wichtiger aber wäre, grundsätzlich die ökologischen, sozialen und militärischen Risiken und Kosten zu betrachten und statt französischer Atominteressen die Sicherheit und Gesundheit der Menschen in Europa im Blick zu behalten.

Das Umweltministerium Niedersachsen ist zuständige Genehmigungsbehörde in Auftragsverwaltung für den Bund, genauer für das Bundesumweltministerium. Beteiligt ist in diesem Fall aber auch das Bundeswirtschaftsministerium sowie das Auswärtige Amt, es geht um die Beziehungen zu Russland, Frankreich und um Kernbrennstoffe und Uranwirtschaft.

Für die Arbeitsplätze streiten vor Ort erwartbare Parteien, die den Krieg Russlands in der Ukraine dann mal ausblenden. Aber auch Gewerkschafter haben da keine Probleme, mit den nuklearen Russen. Die Geschäftsbeziehungen bestehen ja schon seit vielen Jahrzehnten. Für den Ausbau der nuklearen Produktionspalette bei der Uranfabrik in Lingen läuft das atomrechtliche Genehmigungsverfahren. Bundesrecht. Es gibt den „Ermessensspielraum“, die Genehmigung zu verweigern. Die Anlage in Lingen „leidet“ schon seit Fukushima und dem daraufhin eingeleiteten schrittweisen Atomausstieg an zu geringer Auslastung. Bereits 2021 war diese unter die 50 Prozent-Marge gefallen. Aktuell liege sie nur noch bei irgendwas über 25 Prozent. Dauerhaft wäre ein wirtschaftlicher Betrieb der Anlage also kaum sinnvoll. Daher drängt Frankreich sehr stark auf den Einstieg russischen Know-Hows und macht Druck.

Das Umweltministerium in Niedersachsen prüft derzeit die fast 11.000 Einwendungen, die gegen das Vorhaben im Rahmen der atomrechtlichen Öffentlichkeitsbeteiligung vorgebracht wurden. Darunter Einwendungen, die Umweltorganisationen mit wissenschaftlicher und rechtlicher Fachkunde hinterlegt haben. Dazu massive Sicherheitsbedenken aus staatspolitischen und Geheimschutz-Gründen, die das Bundesumweltministerium in Form eines Gutachtens jüngst aufgrund von Medienberichten veröffentlicht hat.

Ein massiver deutsch-französischer Konfliktpunkt. In Sachen ANF Lingen ist jetzt das Umweltministerium in Hannover dabei, die umfangreichen Einwendungen zu sichten und zu prüfen, ob es weiterer Gutachten oder Untersuchungen braucht, um den im Verfahren nächsten Schritt – die Durchfühurung eines Erörterungstermins – vorzubereiten. Dazu dürften auch Fragen der „nationalen Sicherheit“ bzw. die „Sicherung der Atomanlage als kritische Infrastuktur“ wichtig sein. Diese Themen aber unterliegen dem Geheimschutz, obwohl sie für die nukleare Sicherheit sowohl der ANF Lingen als auch der später belieferten AKWs mit dort hergestellten Brennelementen von Bedeutung wären.

Die Debatte der Einwendungen soll – so ist zu hören – demnach im Rahmen einer Live-Veranstaltung in Lingen vor Ort stattfinden und nicht lediglich wie zu Corona-Zeiten ermöglicht, in Form von Online-Konferenzen. Wann der Erörterungstermin dann stattfinden wird, ist noch offen. Der Zeitplan bis zur Genehmigungserteilung, den Unternehmensvertreter der ANF Lingen in den Medien lanciert hatten, dürfte derzeit nicht realistisch sein. Danach sollte eine Genehmigung zur Fertigung von Brennelementen für WWER-Reaktoren russischer Bauweise in Osteuropa bereits im November vorliegen, damit erste Lieferungen ab Mitte 2025 möglich wären.

Dokumentation: https://ldk-oldenburg-2024.antragsgruen.de/ldk-oldenburg-2024/Keine-Atomdeals-mit-Putin-weder-in-Lingen-noch-in-Europa-35897

Antrag Grüne LDK Oldenburg 2024

wA20: Keine Atomdeals mit Putin – weder in Lingen noch in Europa

Diese Tabelle beschreibt den Status, die Antragstellerin und verschiedene Rahmendaten zum Antrag
Veranstaltung:LDK Oldenburg 2024
Tagesordnungspunkt:4. Sonstige Anträge
Antragsteller*in:LAG Energie & Atom (dort beschlossen am: 29.03.2024)
Status:Eingereicht
Eingereicht:01.04.2024, 11:31

Antragstext

Wir niedersächsischen GRÜNEN setzen uns dafür ein,

  1. weder in Niedersachsen noch in Europa Brennelemente unter russischer
    Beteiligung gefertigt werden,
  1. die europäischen Sanktionen gegen Russland auf die Atomwirtschaft
    ausgedehnt werden,
  1. die europäische Energiewirtschaft insgesamt diversifiziert und auf den
    Erneuerbare-Energien-Pfad gebracht wird, um die Abhängigkeit von
    autokratischen Staaten zu minimieren.

Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine hat uns in Europa unsere
Verletzlichkeit aufgrund der einseitigen energiewirtschaftlichen Abhängigkeit
von Russland vor Augen geführt. Deutschland und Europa haben seit Beginn des
Krieges erhebliche Anstrengungen unternommen, um Europa unabhängig von
russischem Gas zu machen. Wir alle haben die wirtschaftlichen Folgen dieser
Bemühungen gespürt und mitgetragen.

Die Bundesregierung hat in den letzten zwei Jahren dafür gesorgt, dass unsere
Gasimporte von Russland unabhängig geworden sind. Durch eine Gas- und
Strompreisbremse konnten die Auswirkungen für die Verbraucher*innen auf einem
erträglichen Niveau gehalten werden. Dass die Energiepreise sich heute, wenn
auch auf einem höheren Niveau, wieder stabilisieren, ist ein großer Erfolg des
Wirtschaftsministeriums unter Minister Habeck.

Trotzdem spielt Russland weiterhin eine bedeutende Rolle in der europäischen
Energieversorgung. Rund 20% des Urans für Betreiber aus Euratom Staaten kam 2020
aus Russland. Rund 26% der Urananreicherungsdienstleistungen deckt Rosatom in
der EU ab. 21 Kernreaktoren in der EU versorgte Rosatom im Jahr 2021 mit
Brennelementen. Bulgarien, Ungarn, Slowakei und Tschechien sind zu 100% von
russischen Brennelementen abhängig – Finnland zu 35%. Außerdem werden drei
Reaktoren in Westeuropa im Zuge einer Kooperation zwischen Rosatom und Framatome
mit Brennelementen versorgt. Diverse europäische Unternehmen sind mit dem
russischen Staatskonzern Rosatom durch den Neubau von Reaktoren russischer
Bauart verflochten. Darunter das deutsche Unternehmen Siemens [1]. Neben China
ist Russland in den letzten 10 Jahren zum größten Akteur der weltweiten
Atomindustrie geworden. 24 AKW russischer Bauart befinden sich weltweit im
Neubau. Davon nur vier in Russland selbst [2].

Der französische Konzern Framatome ist nun ein Joint Venture mit der russischen
Atomfirma TVEL eingegangen. Ziel des Gemeinschaftsunternehmens ist die Fertigung
hexagonaler Brennelemente russischer Bauart am Standort Lingen. Entsprechend
wurde beim niedersächsischen Umweltministerium ein Genehmigungsantrag gestellt.
Das Mutterunternehmen von TVEL ist der russische Staatskonzern Rosatom. Dass
dieser dem direkten Zugriff des Kremls unterliegt, beweist dessen Verwicklung in
die Übernahme des AKW Saporischschja.

Es ist naiv zu glauben, durch die Betätigung eines Joint Ventures zwischen
Framatome und Rosatom am Standort Lingen könne der Osten Europas sich
mittelfristig unabhängig von russischen Brennelementen machen. Das Gegenteil ist
der Fall. Die Lizenzen für die Brennelemente russischer Bauart liegen weiterhin
bei Rosatom. Der russische Staat weitet seine Dominanz in der weltweiten
Atomindustrie durch diesen Schritt nur weiter aus. Es lassen sich diverse
Szenarien konstruieren, die die Bundesrepublik aus Rücksicht auf diplomatische
Beziehungen zu Drittstaaten in ihrem Regulierungs- und Sanktionierungsverhalten
gegenüber Russland einschränken würden. Das Verhalten Putins ist in aggressiver
Weise darauf ausgerichtet, seine Macht- und Herrschaftsansprüche auf genau diese
Art zu demonstrieren.

Russland führt gegen die Ukraine einen hybriden Krieg, der sich neben
tatsächlichen Kampfhandlungen auch auf Desinformation, Propaganda und
Cyberangriffe erstreckt. Diese beschränken sich nicht auf die Ukraine selbst,
sondern betreffen auch deren Verbündete.

Der russische Staat fährt Desinformationskampagnen in und gegen Deutschland.
Diese dienen der Destabilisierung der inneren Verhältnisse und der
Verunsicherung strategischer Partner in der Welt. Zuletzt wurden durch das
Auswärtige Amt 50.000 russische Fake-Accounts auf X aufgedeckt – und eine
Videokonferenz führender deutscher Offiziere zur Frage der Taurus-
Langstreckenraketen für die Ukraine abgehört und veröffentlicht.

Sicherheitspolitisch ist also zu beurteilen, inwieweit das russische Regime die
Kenntnisse aus dem russisch-französischen Joint Venture am Standort Lingen
nutzen kann, um der Bundesrepublik Deutschland im Inneren zu schaden oder eigene
außenpolitische Interessen durchzusetzen. Das niedersächsische Umweltministerium
hat hier keine triviale Entscheidung zu fällen.

Der Fall zeigt aber auch, wie dringend nötig es schon seit langem ist, dass sich
die EU darauf verständigt, die Sanktionen gegen Russland auch auf die
Atomwirtschaft auszudehnen. Dann nämlich stünde eine Genehmigung mit einer
derart sicherheitspolitischen Tragweite gar nicht zur Debatte.

Gleichzeitig hat die europäische Kommission soeben eine Industrieallianz für
kleine modulare Reaktoren (SMR) ausgerufen. Die ersten SMR sollen bereits bis
Anfang der 2030er Jahre eingeführt werden. SMR sind kleine Nuklearreaktoren mit
einer Maximalleistung von 300 Megawatt. Man erhofft sich von Ihnen einen
flexibleren Einsatz, da sie weniger Platz und Kühlwasser brauchen. Sie sollen
zur Netzstabilität des europäischen Stromnetzes beitragen und in Serie
hergestellt werden. Dies soll auch zur Senkung von Produktionskosten führen.

Das Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE) sieht das
anders. Es kritisiert den Beitrag von SMR als Lösung für die Herausforderungen
des Klimawandels: Wenn SMR einen signifikanten Beitrag zur Stromerzeugung
leisten sollen, müssten viele tausend bis zehntausend SMR-Anlagen gebaut werden.
Der Betrieb jeder dieser Anlagen wäre mit Nukleartransporten zur Ver- und
Entsorgung verbunden. Aus einem von der BASE in Auftrag gegebenen Gutachten zur
Produktionskostenrechnung geht außerdem hervor, dass im Mittel 3000 SMR
produziert werden müssten, bevor sich der Einstieg in die Serienproduktion
lohnen würde [3].

Aber, selbst wenn die EU hier andere Wege geht als Deutschland fehlt es bisher
an einer europäischen Strategie zur Diversifizierung der Atomindustrie. Momentan
wird der Markt von China und Russland dominiert. Mit der Einstufung von
Atomkraft als nachhaltige Energiequelle steuert die EU sonst direkt in die
nächste Abhängigkeit.

Mittel- bis langfristig bietet der Umstieg auf Erneuerbare Energien die
höchstmögliche Unabhängigkeit von totalitären Regimes und damit auch die
höchstmögliche Sicherheit für die europäische Energiearchitektur.

[1] Gufler/Meister, Umweltbundesamt, REP-0814: Analyse der Rosatom-Aktivitäten
bzw. Rosatom-Verflechtungen mit der EU, Wien 2022.

[2] Mycle Schneider et al., The World Nuclear Industry Status Report, Paris,
Dezember 2023.

[3] Bundesamt für nukleare Sicherheit: SMR – Was ist von den neuen
Reaktorkonzepten zu erwarten? Verfügbar unter:
https://www.base.bund.de/DE/themen/kt/kta-deutschland/neue_reaktoren/neue-
reaktoren.html
, letzter Zugriff: 28.03.2024.

Änderungsanträge

keine

 

Irgendwas mit gegen Atomwaffen: CAMP FÜR KLIMAGERECHTIGKEIT UND NUKLEARE ABRÜSTUNG 2024 – NÖRVENICH BEI KÖLN

Atomwaffen werden in der Folge des russischen Krieges gegen die Ukraine und den kommenden Wahlen in den USA nicht nur in Europa immer beliebter. Noch nie war die Zahl der einsatzbereiten und modernisierten Atomsprengköpfe so groß wie heute. Noch nie waren allein in Europa so viele Atomanlagen als nukleare Angriffsziele vorhanden. Deutschland ist im Rahmen der NATO und der sogenannten nuklearen Teilhabe zuständig, am Standort in Büchel dort stationierte us-amerikanische Atomwaffen im Krisenfall per Kampfjet ins Ziel zu fliegen. Dafür werden gerade neue Jets von den USA gekauft und die Militärbasis sowie die Waffen umfangreich modernisiert und aufgerüstet. Nach dem Atomwaffensperrvertrag haben die Vereinten Nationen zuletzt einen Atomwaffenverbots-Vertrag ins Leben gerufen. An der International Campaign to Abolish Nuclear weapons (ICAN) beteiligten sich inzwischen neben Friedensorganisationen und den internationalen Ärzt:innen zur Verhütung eines Atomkrieges IPPNW auch der BUND und die Naturfreunde Deutschland. Im Juli plant ICAN ein Camp für Klimagerechtigkeit und gegen nukleare Aufrüstung in Nörvenich, wo die aus Büchel während der Bauarbeiten umgelagerten Atomwaffen derzeit verwahrt werden.

In den beiden westeuropäischen Staaten Frankreich und Großbritannien wird umfangreich an der Erneuerung der Atomwaffen gearbeitet. Die USA sind dabei, eine Militärbasis in Großbritannien erstmals wieder mit Atomwaffen auszustatten, während GB selbst seine nuklearen Aktivitäten zwischen ziviler und militärischer Nutzung intensiviert und z.B. über Rolls Royce auf an neuen nuklearen Antriebsreaktoren für U-Boote aber auch als Reaktoren für Strom und Wärme zu entwickeln. In Frankreich hatte Präsident Macron darauf verwiesen, dass die zivile und militärische Atomenergie untrennbar miteinander verbunden sind. Das unterstreicht Frankreich auch, in dem es zivile Atomkraftwerke in Civaux für die Herstellung von Tritium einsetzt. Damit folgt Frankreich dem Vorbild der USA und trägt damit global dazu bei, dass die Grenzen zwischen ziviler und militärischer Atomenergie immer diffuser werden.

CAMP FÜR KLIMAGERECHTIGKEIT UND NUKLEARE ABRÜSTUNG – 3.–7. JULI 2024 – NÖRVENICH BEI KÖLN

Veranstalter: IPPNW, Netzwerk Friedenskooperative und ICAN Deutschland

Ihr seid eingeladen zu unserem Klimacamp gegen Atomwaffen nahe der Airbase Nörvenich. Hier verbinden sich unser Engagement für das Klima und nukleare Abrüstung. Zusammen stellen wir uns der Zerstörung unseres Planeten in den Weg!

Am Fliegerhorst Nörvenich übt die Bundeswehr im Rahmen der nuklearen Teilhabe den Einsatz von Atombomben. Nicht weit davon im Hambacher Forst protestieren Klimaaktivist*innen seit Langem gegen ein lebensfeindliches fossiles System. Hier wollen wir Anfang Juli einen gemeinsamen Ort für Protest, Vernetzung und Bildung schaffen und uns gegenseitig inspirieren.

Die Klimakrise und die weltweite nukleare Aufrüstung gefährden das Leben auf unserem Planeten. Weltweit geben die Industriestaaten Milliarden für Atomwaffen aus. Das Geld fehlt zur Bekämpfung des Hungers, der sozialen Ungleichheit und des Klimawandels, dessen Auswirkungen am stärksten den Globalen Süden betreffen.

Auf den untergehenden Pazifik-Inseln leiden viele Menschen bis heute an den Folgen der Atomtests, die überwiegend in ehemaligen Kolonien und auf den Gebieten ethnischer Minderheiten
durchgeführt wurden.

TREFFEN WIR UNS! TRETEN WIR GEMEINSAM EIN FÜR:

  • konkrete Klimagerechtigkeit
  • eine atomwaffenfreie Welt und den Abzug aller Atomwaffen aus Deutschland
  • den Beitritt Deutschlands zum
    Atomwaffenverbotsvertrag

AUF DEM PROGRAMM STEHT:

  • Workshops, Aktionstrainings, Skill-Shares
  • kreativer Protest & vielfältige gewaltfreie Aktionen
  • vegane Küche, Musik und Film
  • Geburtstagsfeier für das Atomwaffenverbot am 7. Juli
  • alles, was Ihr mitbringt

Info und Anmeldung: buechel.nuclearban.de

Atomenergie: Bundesamt legt Studie zu alternativen Reaktorkonzepten vor – Nicht verfügbar – Keine Hilfe beim Klimaschutz

Während international trotz enormer Kosten und Sicherheitsrisiken für die Atomenergie mobilisiert wird, hat das Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BaSE) ein Update seiner Studie zu alternativen Reaktorkonzepten vorgelegt. Medien erzeugen immer wieder den Eindruck, als seinen neue Reaktorkonzepte kurz vor einem weltweiten Einsatz. Doch tatsächlich sind fast alle diese Modelle noch im Entwicklungsstation, oftmals erst im Bereich der Konzeptentwicklung. Vielfach sind hohe technische Anforderungen noch ungelöst und oftmals geraten schnell die Kosten außer Kontrolle. Nicht wirtschaftliche oder politische Interessensvertreter:innen, sondern wissenschaftliche Untersuchungen und Expertise trägt BaSE zusammen. „Die wissenschaftliche Studie kommt zu dem Schluss, dass bei diesen Konzepten weiterhin zahlreiche sicherheitstechnische und ökonomische Fragestellungen offen sind. Sie werden bis zur Mitte dieses Jahrhunderts nicht in relevantem Umfang zum Einsatz kommen“, heißt es zu der neuen Veröffentlichung.

Zwei DOKUMENTATION von der Seite beim BaSE vom 21. März 2024

1. PM: BASE-Studie: Alternative Reaktorkonzepte lösen das Endlagerproblem nicht

Eine neue wissenschaftliche Studie im Auftrag des Bundesamts für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE) zeigt: Die Markteinführung von alternativen Reaktorkonzepten (auch als „Generation IV“ bezeichnet) ist aktuell nicht absehbar. „Trotz teils intensiver Werbung von Herstellern sehen wir derzeit keine Entwicklung, die den Bau von alternativen Reaktortypen in den kommenden Jahren in großem Maßstab wahrscheinlich macht. Im Gegenteil: Wir müssen erwarten, dass aus sicherheitstechnischer Sicht die möglichen Vorteile dieser Reaktorkonzepte von Nachteilen und den nach wie vor ungeklärten Fragen überwogen werden“, sagt BASE-Präsident Christian Kühn und betont: „Die Konzepte lösen weder die Notwendigkeit, ein Endlager für die radioaktiven Abfälle zu finden, noch die drängenden Fragen des Klimaschutzes.“

Die alternativen Reaktorkonzepte, darunter auch SMR, werden zudem häufig mit der Hoffnung verknüpft, dass damit Sicherheitsrisiken und Entsorgungsprobleme der Kernkraft vermindert oder gar gelöst werden könnten. Um dies zu überprüfen, hat das BASE die Studie „Analyse und Bewertung des Entwicklungsstands, der Sicherheit und des regulatorischen Rahmens für sogenannte neuartige Reaktorkonzepte“ in Auftrag gegeben. Die wissenschaftliche Arbeit wurde vom Öko-Institut, der Technischen Universität Berlin sowie dem Physikerbüro Bremen durchgeführt.

„Kein alternativer Reaktortyp würde ein Endlager überflüssig machen“

Dazu wurden sieben international seit vielen Jahren diskutierte Technologielinien für alternative Reaktorkonzepte untersucht, die zuweilen auch als „Reaktoren der vierten Generation“ bezeichnet werden. Mit darunter sind beispielsweise die sogenannten blei- und gasgekühlten Reaktoren, Salzschmelzereaktoren oder beschleunigergetriebene Systeme. „Wer heute Euphorien in Verbindung mit alternativen Reaktorkonzepten weckt, blendet offene Fragen und Sicherheitsrisiken aus. Im Hinblick auf die Sicherheit der nuklearen Entsorgung bleibt festzuhalten, dass kein alternativer Reaktortyp den Bau eines Endlagers überflüssig macht“, betont BASE-Präsident Kühn.

Nach Ansicht ihrer Entwickler sollen die Reaktoren der IV. Generation gegenüber heutigen Kernkraftwerken Vorteile bei der Brennstoffausnutzung, Sicherheit und Zuverlässigkeit, Wirtschaftlichkeit sowie nuklearer Nichtverbreitung (Non-Proliferation) bieten. Ein weiterer Vorteil soll darin liegen, dass weniger hochradioaktive Abfälle entstehen oder gar bestehende Abfälle mit diesen Reaktoren entsorgt werden können.

Die in der Studie untersuchten Reaktorkonzepte wurden bzgl. ihrer Sicherheit, Wirtschaftlichkeit, Proliferationsresistenz oder des Brennstoffverbrauchs verglichen. „Einzelne Technologielinien könnten – bei konsequenter Auslegung – in einzelnen der Kriterien potenzielle Vorteile gegenüber heutigen Leichtwasserreaktoren erzielen. Aber für keine der Technologielinien ist in allen Bereichen ein Vorteil zu erwarten, in einzelnen Bereichen sind auch Nachteile gegenüber heutigen Leichtwasserreaktoren möglich“, sagt Christoph Pistner vom Öko-Institut.

Eine Betrachtung von sechs Ländern ergab: „Auch im internationalen Kontext stellen die alternativen Reaktorkonzepte weder den bisherigen Trend zu Leichtwasserreaktoren in Frage, noch stellen sie eine machbare, wirtschaftliche Option für zukünftige Energieversorgung dar“, sagt Christian von Hirschhausen von der TU Berlin. „Dies wird in der Studie anhand von sechs ausführlichen Länderstudien (USA, Russland, China, Südkorea, Polen, Belgien) ausgeführt. Insbesondere die USA, von denen in der öffentlichen Diskussion häufig die Rede ist, hat bei der Entwicklung von nicht-Leichtwasserreaktoren keine Durchbrüche erzielt bzw. sogar angekündigte Inventionen wieder zurückgenommen („Traveling Wave Reactor“).“

Resultate der Studie

Das vom BASE geförderte Forschungsvorhaben kommt zu folgenden Schlüssen:

  1. Entwicklungsstand: Alle derzeit unter dem Stichwort „Generation IV“ diskutierten Konzepte sind seit Jahrzehnten, teilweise seit den 1950er Jahren in Entwicklung und konnten bisher keine Marktreife erreichen. Nach wie vor bestehen erhebliche Forschungs- und Entwicklungsbedarfe. Falls die technischen Hürden sowie Sicherheitsfragen gelöst werden können, würde der weitere Zeitbedarf für die Entwicklung wahrscheinlich im Bereich von mehreren Jahrzehnten liegen. Vor diesem Hintergrund kann nicht davon ausgegangen werden, dass solche Reaktorkonzepte bis zur Mitte dieses Jahrhunderts in relevantem Umfang zum Einsatz kommen werden. Insbesondere zeigen einzelne Länderstudien, dass ein Systemwechsel von Leichtwasserreaktoren zu serienreifen alternativen Reaktorkonzepten nicht absehbar ist.
  2. Abfallaufkommen: Die alternativen Reaktoren würden weiterhin hochradioaktive Abfälle erzeugen, die sich teilweise deutlich von den Abfällen der Leichtwasserreaktoren unterscheiden, beispielsweise weil sie nicht als feste Brennelemente sondern als Salzschmelze vorliegen. Die Abfallbehandlung wäre dabei deutlich erschwert, da heutige Endlagerplanungen in aller Regel nicht auf diese Abfälle ausgelegt sind. Das Volumen der hochradioaktiven Abfälle könnte in Verbindung mit der Wiederaufbereitungstechnologien zwar reduziert werden, das Aufkommen an mittel- und schwachradioaktiven Abfällen würde sich aber deutlich erhöhen.
  3. Transmutationseigenschaften: Einzelne der untersuchten Reaktorkonzepte könnten theoretisch genutzt werden, um einzelne Teile der bestehenden hochradioaktiven Abfälle zu spalten (transmutieren). Dies wäre mit einem hohen Aufwand über einen langen Zeitraum verbunden. Diese Maßnahmen würden absehbar jedoch nur einen vergleichsweise geringen Beitrag zur Reduktion des Flächenbedarfs eines Endlagers oder zu dessen Langzeitsicherheit leisten. Dies liegt insbesondere daran, dass die Stoffe, die den größten Einfluss auf die Sicherheit haben (langlebige Spaltprodukte) sich nur schlecht transmutieren lassen und daher nicht dafür vorgesehen werden.
  4. Regelwerk: Die untersuchten Regelwerke internationaler Organisationen (bspw. IAEA) und nationalen Regelwerke (USA, Kanada und V.K.) machen teilweise sehr konkrete, technologie-spezifische Vorgaben, die auf jahrzehntelanger Betriebserfahrung mit Leichtwasserreaktoren aufbauen. Diese Regelwerke sind daher nicht direkt auf die untersuchten, alternativen Reaktorkonzepte anwendbar. Aktuell finden Überarbeitungen statt, allerdings ist aufgrund einer deutlich geringeren Betriebserfahrung von einem erheblichen Zeitbedarf auszugehen, bis ein ähnlich fundiertes Regelwerk vorliegt.

Fazit: Die in der öffentlichen Diskussion und von Entwicklern formulierte Erwartung, dass die alternativen Reaktorkonzepte einen signifikanten Beitrag zur Lösung der heutigen Probleme der Kerntechnik betragen können, kann angesichts des gegenwärtigen Entwicklungsstandes dieser Systeme und der tatsächlich nachgewiesenen und erwartbaren Vor- aber auch Nachteile der einzelnen Technologielinien damit insgesamt nicht als realistisch eingeschätzt werden.

Die Zusammenfassung der Studienergebnisse zum Nachlesen:

2. Studie zu alternativen Reaktorkonzepten

Seit der Mitte des 20. Jahrhunderts werden Reaktorkonzepte erforscht, die sich von Leichtwasserreaktoren teils signifikant unterscheiden. Diese sollen laut den Entwickler:innen Vorteile gegenüber heute weit verbreiteten Leichtwasserreaktoren aufweisen. Die wissenschaftliche Studie kommt zu dem Schluss, dass bei diesen Konzepten weiterhin zahlreiche sicherheitstechnische und ökonomische Fragestellungen offen sind. Sie werden bis zur Mitte dieses Jahrhunderts nicht in relevantem Umfang zum Einsatz kommen.

International werden seit Jahrzehnten alternative Reaktorkonzepte diskutiert, erforscht und entwickelt. Sie sollen als Lösungsstrategie zur Dekarbonisierung der Stromerzeugung sowie teilweise auch der Wärmeversorgung für den Industrie- und Wohnsektor beitragen.

Studie: „Analyse und Bewertung des Entwicklungsstandards, der Sicherheit und des regulatorischen Rahmens für sogenannte neuartige Reaktorkonzepte“

Im Auftrag des BASE wurden im Rahmen eines Forschungsvorhabens aktuelle Entwicklungen von solchen Reaktorkonzepten, die sich wesentlich von Leichtwasserreaktoren unterscheiden, untersucht. Die Unterschiede finden sich meist bei Kühlmittel, Moderator, Neutronenspektrum sowie Art und Form des Brennstoffs.

Die untersuchten Konzepte sind:

Die ersten sechs Reaktorkonzepte werden teilweise auch als „Generation IV“-Konzepte bezeichnet, da sie von dem sogenannten „Generation IV International Forum“ (GIF) mitentwickelt werden. Bei dem GIF handelt es sich um einen 2001 gegründeten, internationalen Verbund von Staaten und Industrieunternehmen, welche die Entwicklung der entsprechenden Reaktorkonzepte voranzutreiben versuchen.

Studie betrachtet Sicherheit der Reaktorkonzepte und Entsorgungsfrage

Die untersuchten Konzepte wurden anhand der Kriterien des technologischen Entwicklungsstands, der Sicherheit, Ver- und Entsorgungsfragen, Proliferationsrisiken und der erwarteten Kosten bewertet. Die Studie kommt zum Ergebnis:

  • In manchen Kategorien weisen die untersuchten Reaktorkonzepte Vorteile gegenüber Leichtwasserreaktoren auf. Es ist aber nicht zu erwarten, dass eines der Konzepte in allen Bereichen Vorteile aufweisen wird. In einzelnen Bereichen sind auch Nachteile gegenüber heutigen Leichtwasserreaktoren absehbar.
  • Einige Reaktorkonzepte werfen neue sicherheitstechnische Fragestellungen auf. Beispielsweise die Möglichkeit von Kühlmittelbränden bei natriumgekühlten Reaktoren, ein verstärktes Auftreten von Korrosion bei Salzschmelzereaktoren oder eine schwierigere Regelbarkeit des Reaktors aufgrund einer anspruchsvolleren Neutronenphysik bei schnellen Reaktoren, bedingt durch einen geringeren Anteil verzögerter Neutronen.
  • Trotz der Tatsache, dass die Reaktorkonzepte teils seit Jahrzehnten in Entwicklung sind, existiert bis heute kein kommerziell konkurrenzfähiges Reaktorkonzept. Der weitere Zeitbedarf für die Entwicklung der untersuchten Konzepte wird im Bereich von mehreren Jahrzehnten gesehen.
  • Teilweise könnten die untersuchten Konzepte Kostenvorteile gegenüber Leichtwasserreaktoren aufweisen. Es ist nicht davon auszugehen, dass diese Kostenvorteile die bisherigen Kostennachteile heutiger Leichtwasserreaktoren gegenüber anderen Stromerzeugungstechnologien, insbesondere erneuerbaren Energien, ausgleichen oder gar in einen Kostenvorteil umkehren könnten.

In Summe geht die Studie davon aus, dass die untersuchten Konzepte bis zur Mitte des 21. Jahrhunderts nicht im relevanten Umfang zum Einsatz kommen werden.

Einfluss alternativer Reaktorkonzepte auf radioaktive Abfallmengen

Das Vorhaben untersuchte, in welchem Umfang alternative Reaktorkonzepte radioaktive Abfälle erzeugen oder sogar reduzieren können und wie sich diese Abfälle von jenen aus Leichtwasserreaktoren unterscheiden. Diese Fragen lassen sich jedoch nicht pauschal beantworten. Das liegt zum einen daran, dass sich die Technologien noch in der Entwicklung befinden und zum anderem daran, dass dies maßgeblich davon abhängt, in welches System aus Kernkraftwerken die alternativen Reaktorkonzepte integriert werden. Beispielsweise ob eine Wiederaufbereitung angedacht ist.

Eigenschaften der AbfälleEinklappen / Ausklappen

Heutige Leichtwasserreaktoren nutzen hauptsächlich Uranoxid-Brennelemente. Diese werden nach der Nutzung aus dem Reaktor entnommen und erst zwischen- und dann endgelagert. Als Kühlmittel und Moderator kommt Wasser zum Einsatz. Einige der alternativen Reaktorkonzepte sollen andere Brennstoffe, Kühlmittel und Moderatoren verwenden. Dies hat einen Einfluss auf die entstehenden Abfälle. Nachfolgend werden exemplarisch einige der Herausforderungen dargestellt.

Brennstoff
SFR, LFR, SCWR, GFR und ADS werden, wie Leichtwasserreaktoren auch, feste Brennelemente nutzen. Sie haben allerdings einen höheren Abbrand als Brennelemente aus Leichtwasserreaktoren, das heißt, pro Masse finden mehr Kernspaltungen statt. Aufgrund dieses höheren Abbrands werden die abgebrannten Brennelemente aus den alternativen Reaktorkonzepten absehbar ein höheres Strahlungsniveau haben und mehr Wärme freisetzen. Dies erschwert den Umgang.

Bei den meisten Konzepten für Flüssigsalzreaktoren (MSR) liegt der Brennstoff nicht in fester Form, sondern als flüssige Salzschmelze vor. Diese Salzschmelzen weisen eine höhere Wasserlöslichkeit auf, was die Endlagerung erschwert. Aus diesem Grund müssen Verfahren entwickelt werden, um die Abfälle so aufzubereiten, dass ihre Mobilität im Erdreich reduziert ist .

Hochtemperaturreaktoren (VHTR) nutzen sogenannte TRISO-Partikel. Dabei handelt es sich um kleine Brennstoffkugeln mit einem Durchmesser von ungefähr 1 mm, die von mehreren dünnen Schutzschichten umgeben sind. Eine Vielzahl von TRISO-Brennstoffpartikeln ist dann in einer Graphitmatrix eingebettet. Diskutiert werden Graphitmatrizen in Kugelform (etwa in der Größe eines Tennisballs) oder in Form eines Prismas. Die Graphitmatrix führt zu einem deutlich höheren Abfallvolumen als bei Leichtwasserreaktoren. Am wahrscheinlichsten ist die direkte Endlagerung des Gebindes aus Graphitmatrix und TRISO-Partikeln. Hierfür braucht es ein geeignetes Konditionierungsverfahren, untersucht werden hier beispielsweise die Zementierung oder Sandverfüllung.

Kühlmittel
Während Leichtwasserreaktoren Wasser als Kühlmittel nutzen, kommen bei alternativen Reaktorkonzepten teilweise andere Kühlmittel zum Einsatz. Beispielsweise Natrium (SFR) oder Blei (LFR). Diese müssen aufgrund der Aktivierung bzw. Kontaminierung mit Radionukliden ebenfalls einer Endlagerung zugeführt werden. Das Natrium beispielsweise enthält eine Reihe von Aktivierungsprodukten wie Na-22 oder Co-60 (aus der Stahlstruktur) sowie Kontaminationen durch Spaltprodukte und Aktiniden. Weitere Herausforderungen resultieren aus den chemischen Eigenschaften der Kühlmittel, Natrium ist beispielsweise brennbar.

Moderator
Die meisten alternativen Reaktorkonzepte nutzen ein schnelles Neutronenspektrum. Das heißt, es braucht keinen Moderator, der die Neutronen von einem schnellen zu einem thermischen Neutronenspektrum abbremst. Beim thermischen Salzschmelzereaktor und beim VHTR kommt jedoch Graphit als Moderator zum Einsatz. Dabei bildet sich u. a. das langlebige und biologisch wirksame radioaktive Isotop Kohlenstoff-14. Der Graphit muss daher ebenfalls entsorgt werden. Ggf. kann dies gemeinsam mit dem Brennstoff erfolgen.

Fazit
In Summe lässt sich festhalten, dass sich durch den Einsatz alternativer Reaktorkonzepte neue Fragestellungen für die Entsorgung der entstehenden Abfälle ergeben, für die noch keine Lösungen gefunden wurden. Ein Beispiel hierfür ist das Molten Salt Reactor Experiment von 1965 bis 1969 in den USA. Seit der Abschaltung befindet sich das Reaktorgebäude in unverändertem Zustand, die Salzschmelze befindet sich noch in erstarrter Form im Reaktor, da die Frage der Entsorgung noch nicht geklärt ist.

AbfallmengenEinklappen / Ausklappen

Zur Frage, wie sich der Einsatz alternativer Reaktorkonzepte auf die Abfallmengen auswirken könnte, wurden bestehende Untersuchungen ausgewertet. Diese kommen zum Ergebnis, dass es möglich sein könnte, die anfallende Masse hochradioaktiver Abfälle pro erzeugter Energiemenge deutlich (bis zum Faktor 37) zu reduzieren. Dieser Effekt ist aber hauptsächlich darauf zurückzuführen, dass Uran 238 – dieses ist der Hauptbestandteil des hochradioaktiven Abfalls – abgetrennt und als schwach- und mittelradioaktiver Abfall bewertet wird.

Die Größe eines Endlagers, bzw. der Platzbedarf für die Einlagerung, und damit die Höhe der Kosten werden wesentlich bestimmt durch das Gesamtvolumen der Abfälle und deren Wärmeleistung. Die Analyse der bestehenden Untersuchungen zeigt, dass beim Einsatz alternativer Reaktorkonzepte die Reduzierung der Abfallvolumina deutlich geringer ausfällt: Abfallvolumina ließen sich nur auf ungefähr ein Drittel reduzieren. Der Grund für die geringere Reduzierung ist, dass die Abwärme dieser Abfälle pro Masse deutlich höher ist. Die Abfälle können daher weniger dicht gepackt werden.

Berücksichtigt man nicht nur hochradioaktive sondern auch schwach- und mittelradioaktive Abfälle, fallen in allen untersuchten Szenarien mit alternativen Reaktorkonzepten deutlich höhere Abfallvolumina an.

Entwicklungsstand der Reaktorkonzepte in anderen Ländern

Die Studie untersuchte auch die Forschungs- und Entwicklungstätigkeiten zu den Reaktorkonzepten im Ausland. Die Auswertung ausgewählter Länder ergab, dass neben dem (fraglichen) Ziel einer günstigen Erzeugung von Strom (und ggf. Wärme) folgende Motive vorhanden sind:

  • Geopolitischer Einfluss (beispielsweise die Möglichkeit durch Exporte Einfluss auf die Atom-Programme anderer Länder zu nehmen),
  • Nutzung von Synergien mit militärischen Atom-Programmen,
  • Aufrechterhaltung von Wissen und industriellen Kapazitäten im Bereich der Kernenergie,
  • die Dekarbonisierung des Energiesystems,
  • die Entwicklung eines sogenannten geschlossenen Brennstoffkreislaufs; also der Möglichkeit durch Wiederaufbereitung einen Teil der Abfälle aus Leichtwasserreaktoren zu nutzen oder neuen Brennstoff für Leichtwasserreaktoren zu erbrüten.

Im Rahmen der Studie wurden die Forschungsaktivitäten der USA, Chinas, Russlands (Staaten mit Atomwaffen und Atomkraftwerken), Südkoreas und Belgiens (Staaten mit Atomkraftwerken aber ohne Atomwaffen) sowie Polen (ein potentielles Einstiegsland in die Atomenergie) auf dem Gebiet von alternativen Reaktorkonzepten vertieft analysiert.

USA

Die USA waren seit den 1950er Jahren durch das Manhattan-Projekt weltweit führend in der Entwicklung von Reaktortechnologien. Jedoch erfolgte die erfolgreiche Vermarktung, sowohl in den USA als auch international, lediglich bei Leichtwasserreaktoren und nicht – wie ursprünglich erwartet – auch in den anderen Technologielinien. Mit der weitgehenden Einstellung von Aufträgen für den Bau von Leichtwasserreaktoren seit den 1980er Jahren befindet sich die US-Atomkraftwerkstechnik im Rückgang, den auch das Energiegesetz von 2005 bisher nicht aufgehalten hat. Die seit ca. zehn Jahren beobachteten Aktivitäten zur Förderung sowohl von Leichtwasserreaktoren mit geringen Leistungen (SMR-Konzepte) als auch von alternativen Reaktorkonzepten, sind ein Versuch, für die US-Kernkraftwerkstechnik wieder einen Anspruch auf internationale Technologieführerschaft zu entwickeln. Derzeit ist kein kommerzieller Durchbruch abzusehen.

Russland

In Russland lag in der Anfangszeit der kerntechnischen Entwicklung der Schwerpunkt bei Reaktoren mit schnellem Neutronenspektrum (SFR, später auch LFR) in Verbindung mit Wiederaufarbeitung (Mayak, Pilotanalage sowie Brennelemente-Fabrik UranPlutonium-Mischoxidbrennstoffe in Zheleznogorsk). In der Folge wurde dieser Schwerpunkt vertieft (BN-600, BN-800). Aktuell befindet sich das russische Innovationssystem bzgl. alternativer Reaktorkonzepte in einer Phase, in der die Forschungsinfrastruktur älter wird (BOR-60, seit 1969 in Betrieb) und Projekte aufgeschoben werden (z. B. BN-1200), derzeit wird der BREST-OD-300 priorisiert. Russland hält an der Langzeitstrategie fest, einen sogenannten geschlossen Brennstoffkreislauf mit Hilfe von Reaktoren mit schnellem Neutronenspektrum zu erreichen und parallel die Entwicklung von Leichtwasserreaktoren voranzutreiben.

In Russland lag in der Anfangszeit der kerntechnischen Entwicklung der Schwerpunkt bei Reaktoren mit schnellem Neutronenspektrum (SFR, später auch LFR) in Verbindung mit Wiederaufarbeitung (Mayak, Pilotanalage sowie Brennelemente-Fabrik für Uran-Plutonium-Mischoxidbrennstoffe in Zheleznogorsk). In der Folge wurde dieser Schwerpunkt vertieft (BN-600, BN-800). Aktuell befindet sich das russische Innovationssystem bzgl. alternativer Reaktorkonzepte in einer Phase, in der die Forschungsinfrastruktur älter wird (BOR-60, seit 1969 in Betrieb) und Projekte aufgeschoben werden (z. B. BN-1200), derzeit wird der BREST-OD-300 priorisiert. Russland hält an der Langzeitstrategie fest, einen sogenannten geschlossen Brennstoffkreislauf mit Hilfe von Reaktoren mit schnellem Neutronenspektrum zu erreichen und parallel die Entwicklung von Leichtwasserreaktoren voranzutreiben.

China

China hat seit den 1960er Jahren sein nukleares Innovationssystem durch eine Importstrategie vorangetrieben. Nach militärischen Entwicklungen in den 1950er Jahren wurden sowohl bei Leichtwasserreaktoren als auch bei alternativen Reaktorkonzepten Fortschritte erzielt. Letztere werden parallel zum Ausbau der Leichtwasserreaktoren entwickelt. Dabei hat China ein breites Spektrum von Technologielinien aufgebaut, insbesondere Schnelle Reaktoren und Hochtemperaturreaktoren. Derzeit befinden sich die Projekte noch im Bereich der Forschung und Entwicklung bzw. im Bau und Betrieb von Prototypen. Ende 2023 ist Hochtemperatur-Reaktor (Shidao Bay-1) in den kommerziellen Betrieb übergegangen. Eine breite, kommerzielle Nutzung ist noch nicht abzusehen.

Südkorea

Südkorea ist eines der führenden Industrieländer und hat sich, ursprünglich mit Unterstützung der USA, zu einem der wenigen Anbieter für Reaktortechnik entwickelt. Südkorea verfügt über ein umfangreiches eigenes kommerzielles Atomkraftprogramm, welches in den 2000er Jahren auch Exporte verzeichnen konnte. Das Land unterhält bezüglich Forschung und Entwicklung besonders intensive Beziehungen mit den USA. Im Bereich alternativer Reaktorkonzepte intensiviert Südkorea die Beteiligung an ausländischen, insbesondere amerikanischen Entwicklungen. Darüber hinaus werden eigene Entwicklungen weitergeführt, z. B. von Wiederaufarbeitungstechnologien in Verbindung mit Schnellen Reaktoren. Eine kommerzielle Nutzung dieser Reaktorkonzepte ist derzeit nicht absehbar.

Belgien

Nachdem Belgien historisch bedingt in den 1950er Jahren zu den ersten Ländern mit kommerzieller Atomkraftwerksnutzung wurde, hat es seit dieser Anfangsphase ein kleines nationales Innovationssystem entwickelt. Belgiens Aktivitäten für die Entwicklung von alternativen Reaktorkonzepten fokussieren sich auf die Entwicklung und Internationalisierung des Forschungsprojektes MYRRHA, einer Kombination von einem beschleunigergetriebenen unterkritischen Reaktor (ADS) und einem Blei-Bismutgekühlten Schnellen Reaktor (eine Variante des LFR). Initiale Zeitpläne und Kostenschätzungen wurden überschritten und es bestehen Schwierigkeiten bei der Finanzierung des Projektes.

Polen

In Polen wird seit mehreren Jahrzehnten der Einstieg in die kommerzielle Kernenergie diskutiert. Dieser ist jedoch bis heute noch nicht umgesetzt. Seit den 1950er Jahren wird in geringem Maßstab an Reaktortechnik geforscht, vor allem am Forschungsreaktor MARIA (seit 1974 in Betrieb). Bezogen auf alternative Reaktorkonzepte ist zu beobachten, dass Polen Wissen aufbaut, indem sich polnische Wissenschaftler:innen an europäischen Forschungsprojekten beteiligen. Insbesondere wird ein Fokus auf die Entwicklung von Hochtemperaturreaktoren gesetzt, u. a. mit Erwägungen zum Bau eines gasgekühlten Hochtemperatur-Forschungsreaktors (TeResa).

Untersuchung ausgewählter Regelwerke

Damit ein Kernkraftwerk gebaut und betrieben werden darf, muss im Vorfeld ein Sicherheitsnachweis erbracht werden. Darin muss der Betreiber darlegen, welche Risiken von der Anlage ausgehen und welche Maßnahmen er zu Reduzierung dieser Risiken ergreift.

Das nationale Regelwerk eines Landes legt dabei fest, welche Anforderungen ein Reaktor erbringen muss, um eine Genehmigung zu erhalten. Die Regelwerke legen zum einen grundlegende Anforderungen fest (zielorientierte Regelwerke), zum anderen geben sie auch konkrete technische Ausführungen vor bzw. stellen Anforderungen mit Bezug auf konkrete technologische Lösungen (präskriptive Regelwerke).

Die Regelwerke wurden überwiegend auf Basis der Erkenntnisse aus Bau und Betrieb der heutigen, wassergekühlten Reaktorkonzepte entwickelt. Die untersuchten alternativen Reaktorkonzepte unterscheiden sich jedoch in mehreren Aspekten deutlich von wassergekühlten Reaktorkonzepten. Die präskriptiven Regeln sind daher oft nicht direkt auf alternative Reaktorkonzepte übertragbar.

Nationaler und internationaler Stand der RegelwerkeEinklappen

Im Forschungsvorhaben untersuchten die Autoren der Studie, inwieweit sich die Regelwerke der USA, von Kanada und dem Vereinigten Königreich auf alternative Reaktorkonzepte anwenden lassen. Auch Regelwerke folgender internationaler Organisationen werden in der Studie betrachtet:

  • die Internationale Atomenergie Organisation (IAEO),
  • die Nuklearenergieagentur der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD/NEA) und
  • der Verband Westeuropäischer Nuklearregulierungsbehörden (WENRA)

Zusammenfassend lässt sich darstellen, dass es in den untersuchten Ländern noch kein Regelwerk gibt, das geeignet ist, um einen Sicherheitsnachweis für alternative Reaktorkonzepte zu erbringen. Die untersuchten Länder und Organisationen überarbeiten daher ihre Regelwerke. Bei den neuen Regelwerken soll verstärkt auf zielorientierte, technologieoffene Vorgaben gesetzt werden.

Dieses Vorgehen könnte aber dazu führen, dass der Aufwand für Antragsteller und Genehmigungsbehörde zur Erstellung und Prüfung des Sicherheitsnachweises steigt. Ein Grund hierfür ist das Fehlen von Erfahrungen aus dem Betrieb der Anlagen. Dies kann zur Folge haben, dass entsprechende Genehmigungsverfahren einen längeren Zeitraum in Anspruch nehmen werden.

Regelwerke ausgewählter LänderEinklappen

Die Auswertung der Regelwerke der USA, von Kanada und dem Vereinigtem Königreich ergab folgende Ergebnisse:

USA:
In den USA gibt es aktuell zwei Verfahren zur Genehmigung von Kernkraftwerken. Beide enthalten präskriptive Anforderungen, die sich nicht einfach auf alternative Reaktorkonzepte übertragen lassen. Daher entwickelt die US-amerikanische Genehmigungsbehörde (Nuclear Regulatory Commission – NRC) ein neues Regelwerk, das stärker zielorientiert und technologieoffen sein soll. Das Regelwerk soll 2027 fertiggestellt sein.

Kanada:
Das kanadische kerntechnische Regelwerk ist eher zielorientiert als präskriptiv aufgebaut, was die Nutzung für alternative Reaktorkonzepte erleichtern sollte. Dennoch sieht die zuständige Genehmigungsbehörde (Canadian Nuclear Safety Commission – CNSC) die Notwendigkeit einer Überarbeitung. Ziel ist die Entwicklung eines technologieneutralen Regelwerks, ein Zieldatum steht noch nicht fest.

Vereinigtes Königreich:
Die Aufsichtsbehörde im Vereinigten Königreich (Office for Nuclear Regulation – ONR) verfolgt ein Arbeits- und Forschungsprogramm, um ihre Kompetenzen im Bereich alternativer Reaktorkonzepte zu verstärken und Anforderungen für die Genehmigung von neuen Reaktoren zu überarbeiten. In einem ersten Schritt wurde das Verfahren zur Durchführung eines Generic Design Assessments erneuert. Hierbei handelt es sich um eine unverbindliche Vorprüfung des Konzepts durch das ONR mit dem Ziel, dem Entwickler frühzeitig mögliche Probleme aufzuzeigen.

Eine Überprüfung grundlegender Richtlinien durch das ONR hinsichtlich ihrer Anwendbarkeit auf alternative Reaktorkonzepte ist vorgesehen. Erste Forschungsberichte hierzu liegen vor, das ONR sieht allerdings noch erheblichen zukünftigen Forschungsbedarf.

Wissenschaftliche Studie zu alternativen Reaktorkonzepten zum Download

Wissenschaftliche Studie zu alternativen Reaktorkonzepten zum Download – Kurzfassung

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