Proteste sind die Hoffnung im Kampf gegen Umweltzerstörung – Im Gespräch mit Hubertus Zdebel

(3. November 2017) Die Freiheitsliebe hat Anfang November aus Anlass der UN-Klimakonferenz mit dem Bundestagsabgeordneten Hubertus Zdebel ein Interview zur Klimapolitik, zu den Protesten und zum Systemwechsel geführt. Die Fragen stellte Julius Jamal. Mit freundlicher Erlaubnis dokumentieren wir dieses Interview nun auch hier:

Die Freiheitsliebe: In wenigen Tagen beginnt die Klimakonferenz in Bonn. Worum geht es dabei genau?

Hubertus Zdebel: Die Klimakonferenzen haben das Ziel verbindliche Regeln für den globalen Klimaschutz festzulegen. Im Pariser Klimaabkommen von 2016 ist u.a. das Ziel festgelegt, die Erderwärmung auf maximal 2 ° C zu begrenzen. Für 2050 wird außerdem eine komplette CO2-Neutralität angestrebt, wobei die Formulierungen hier wachsweich sind. Sie geben her, dass dieses Ziel auch durch Kompensationszahlungen der Unternehmen und Konzerne erkauft werden kann. Die aktuelle Konferenz dient offiziell der Konkretisierung der Pariser Ziele, also der Feststellung des bisher Erreichten und der Ausgestaltung von Instrumenten, um die noch nicht erreichten Ziele zu verwirklichen.

Die Freiheitsliebe: Welche Erwartungen hast Du in die Konferenz?

Hubertus Zdebel: Ehrlich gesagt erwarte ich nicht allzu viel vom offiziellen Teil. Die USA werden weiterhin einen Trumpesken Harakiri-Kurs fahren. Die anderen Staaten, allen voran Deutschland, werden sich dagegen als Klimaretter inszenieren, der Sache nach aber wirtschaftsfreundliche Maßnahmen beschließen, die einen wirksamen Klimaschutz konterkarieren. Die Bilanz der Bundesregierung seit und trotz Paris ist verheerend. Deutschland verfehlt die selbstgesteckten Klimaziele für 2020 und 2030 deutlich. Der Ausstoß klimaschädlicher Gase hat sich seit 2009 nicht mehr verringert. Bereits im April hat Deutschland so viel CO2 ausgestoßen, wie es laut den Zielen des Pariser Abkommens nur im kompletten Jahr 2017 emittieren darf.

Die Freiheitsliebe: Auf Bundesebene wird es nun wahrscheinlich eine Jamaika-Koalition geben, an der sich die Grünen beteiligen. Wird sich dadurch in Umweltfragen viel verändern?

Hubertus Zdebel: Substanziell sicher nicht. Man muss nur nach NRW schauen, um zu sehen, was CDU und FDP im Alltagsgeschäft vom Klimaschutz halten, wenn sie mal gerade nicht große Töne auf internationalen Konferenzen spucken. Den Kohleausstieg blockieren sie weiterhin verbissen, der Ausbau von Windkraftanlagen wird mit abenteuerlichen Argumentationen eingebremst. RWE und Co. lachen sich ins Fäustchen. Ich wundere mich aber auch stets aufs Neue, warum die Grünen noch immer das Image einer umweltfreundlichen Partei haben. Ja, sie fordern den Kohleausstieg. Ja, sie fordern mehr Anstrengungen bei den Erneuerbaren Energien. Immerhin, könnte man sagen. Aber letztlich sind die Grünen die Partei des „grünen Kapitalismus“, d.h. sie fordern die technische Umrüstung der kapitalistischen Produktionsweise in Richtung Ökoeffizienz. Die kapitalistische Produktionsweise selbst, die aus sich heraus notwendig die Ausweitung der Produktion zur Kapitalverwertung erfordert – also höherer stofflicher Output, mehr Ressourcenverbrauch und Wachstumszwang – stellen sie nicht in Frage. DIE LINKE verbindet stattdessen die ökologische mit der sozialen Frage. Wir fordern u.a. einen sozial flankierten Kohleausstieg, der sofort beginnen muss. Auch bleiben bestehende Eigentumsstrukturen bei uns nicht alternativlos. Wir fordern etwa die Rekommunalisierung der Energieversorgung.

Die Freiheitsliebe: Das klingt so, als würdest Du dich eher bei den Protesten gegen die Klimakonferenz zuhause fühlen.

Hubertus Zdebel: Auf jeden Fall! Sie sind der größte Hoffnungsschimmer im Kampf gegen die Umweltzerstörung. Wirkliche Veränderung kann es nur geben, wenn die Menschen selbst aktiv werden. Die Proteste in Bonn und dem Rheinischen Braunkohlerevier sind ein wichtiger Schritt, um deutlich zu machen, dass sich die Menschen nicht mehr damit abfinden, wenn eine Klimakonferenz nach der anderen scheitert. In Paris gab es ebenfalls große Proteste und prompt wurde das ambitionierte 2-Grad-Ziel in die Dokumente aufgenommen. Der Druck auf der Straße macht sich auch in den Konferenzsälen bemerkbar. Zugleich ist es wichtig, dass im Rahmen der Proteste auch eine konsequent antikapitalistische Kritik artikuliert wird. Laut einer kürzlich veröffentlichten Studie produzieren 250 Konzerne ein Drittel des gesamten CO2-Ausstoßes. Wer vom Klimaschutz reden will, darf also vom Kapitalismus, der Mensch und Natur ausbeutet, nicht schweigen. Ich werde mich an den Protesten in Bonn und Umgebung beteiligen, um diese Position deutlich zu machen.

Die Freiheitsliebe: Danke dir für das Gespräch.

Zdebel (DIE LINKE): Weltklimakonferenz Bonn – Kohleausstieg, aber Atomkraft ist auch keine Option im Kampf gegen den Klimawandel

„Nicht nur der Kohleausstieg und die Verkehrswende sind notwendig, um die Folgen der Erderwärmung mit ihren katastrophalen Auswirkungen zu begrenzen. Auch der Atomausstieg gehört auf die Agenda“, stellt der Bundestagsabgeordnete Hubertus Zdebel (Fraktion DIE LINKE) fest. „Am kommenden Samstag (11. November) demonstriere ich gemeinsam mit zahlreichen Initiativen und Verbänden unter dem Motto „Don´t nuke the climate“ anlässlich der UN-Klimakonferenz in Bonn.“

Weiter sagte Zdebel: „Angesichts steigender CO2-Werte wittert die Atomindustrie ihre Chance, sich als saubere Alternative zu Kohle und Öl zu präsentieren. Angesicht der Katastrophen von Tschernobyl und Fukushima und der weltweit ungelösten dauerhaften Atommülllagerung wäre es zynisch, wenn die Atomindustrie mit Finanzmitteln aus dem Green Climate Fund der UN versorgt würde. Dieser Fonds wird jährlich mit 100 Milliarden US-Dollar ausgestattet und steht zur einen Hälfte für Anpassungsmaßnahmen an die Auswirkungen des Klimawandels zur Verfügung. Dabei liegt ein besonderer Fokus auf den ärmsten Ländern. Mit der anderen Hälfte sollen wirksame Maßnahmen zur Reduzierung des Ausstoßes von Klimagasen finanziert werden. Dabei darf die gefährliche und unverantwortliche Atomenergie keine Rolle spielen. Die Klimakatastrophe darf nicht durch Super-GAU-Risiken ausgetauscht werden.“

Außdem zu Klima und COP23 und die Proteste:

Grünes Einknicken fatales Signal für den Klimaschutz

„Es ist enttäuschend, dass Bündnis90/Die Grünen im Schatten der UN-Klimakonferenz in Bonn offenbar ohne Not die Klimaziele aufzuweichen bereit sind“, erklärt Hubertus Zdebel, DIE LINKE im Bundestag, angesichts der Kompromissbereitschaft des grünen Parteichefs Özdemir bei den Ausstiegsdaten für Verbrennungsmotoren und für Kohlekraftwerke.

Umweltexperte Hubertus Zdebel weiter: „Die Klimakonferenz auf deutschem Boden könnte den Grünen bei den Sondierungen über Klimaziele eigentlich Rückenwind geben. Ausstiegsdaten geben einen wichtigen Rahmen vor und dürfen von den Grünen nicht leichtfertig aufs Spiel gesetzt werden. Dass einige Tage nach den Klimaprotesten in Bonn und im Rheinischen Braunkohlerevier erste Anzeichen für ein Einknicken der Ökopartei – und offenbar ohne jede Gegenleistung von CDU/CSU und FDP – sichtbar werden, ist alarmierend. Statt dessen wäre es wichtig, dafür zu kämpfen, dass Deutschland in der Klimafrage wieder international verlorenes Ansehen und Glaubwürdigkeit zurückgewinnt. Für DIE LINKE heißt das, der Kohleausstieg muss jetzt mit Stilllegungen der ältesten Klima-Killer-Kraftwerke beginnen. Wenn Deutschland seine Klimaziele 2020 und 2030 nicht erreicht, wäre das ein verheerendes Signal, das nicht wieder gut zu machen wäre.“

Kohleausstieg alternativlos – 25.000 demonstrieren für Klimaschutz

Hubertus Zdebel, MdB der Fraktion DIE LINKE, zur heutigen Demonstration „Klima retten – Kohle stoppen“ in Bonn: „Diese Demonstration macht klar: Der Kohleausstieg muss jetzt in Deutschland beginnen, die ältesten Kohlemeiler müssen vom Netz. Die mit 25.000 TeilnehmerInnen größte Anti-Kohle-Demonstration ist ein deutliches Signal sowohl an die UN-Klimakonferenz als auch an die Jamaika-Sondierer: Kohlekraftwerke müssen Geschichte werden.

Ein breites Bündnis mit großer Beteiligung auch der LINKEN und vieler internationaler Gäste macht hoffentlich Druck auf Staaten und Parteien. Heute war Protest auf der Straße, morgen geht es mit Aktionen des zivilen Gehorsams weiter. Vielfältig werden gute Argumente und Protest auch die nächsten Tage mitbestimmen, wenn die UN-Konferenz stattfindet. Am nächsten Samstag, den 11. November, wird dann auch mit einer weiteren Demonstration deutlich gemacht, dass wir für die Energiewende nicht nur den Kohleausstieg, sondern auch den Atomausstieg weltweit brauchen.“

COP23: „Auf einem toten Planeten gibt es keine Arbeitsplätze!“ Aufruf von GewerkschafterInnen für Klimaschutz und Kohleausstieg

Nicht nur Umweltinitiativen und entwicklungspolitische Verbände rufen zum Protest anlässlich des UN-Klimagipfels in Bonn auf. Auch Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter für Klimaschutz (Labournet) mobilisieren mit einem eigenen Aufruf zu der Demonstration „Klima schützen – Kohle stoppen“ am 4. November. Sie fordern den schnellstmöglichen Kohleausstieg, machen aber klar: „Das Ende der fossilen Ökonomie darf nicht auf Kosten der Beschäftigten in den verschiedenen Branchen gehen.“ Hubertus Zdebel, Bundestagsabgeordneter von DIE LINKE: „Der Kohleausstieg muss jetzt beginnen, und er muss sozial sein.“

  • Treffpunkt der GewerkschafterInnen: Samstag 4.11.2017 um 11:30 vor der Post am Münsterplatz in Bonn. Bitte bringt Fahnen, Wimpel und Westen eurer Gewerkschaften mit, damit wir als gemeinsamer Block zu erkennen sind und ein deutliches Zeichen setzen!

Hubertus Zdebel sagte weiter zu dem Aufruf der GewerkschafterInnen: „Da gibt es kein Vertun mehr. Der Kohleausstieg muss jetzt mit der Stilllegung der ältesten Kohlemeiler beginnen. Damit das nicht auf dem Rücken der Kolleginnen und Kollegen passiert, muss der Umbau mit einem Strukturfonds begleitet werden. Klimaschutz und soziale Sicherheit gehören zusammen!“

Mit dem folgenden Aufruf mobilisieren die GewerkschafterInnen:

Auf einem toten Planeten gibt es keine Arbeitsplätze!

Wir sind Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter. Wir setzen uns ein für menschenwürdige Arbeitsbedingungen und gute Entlohnung. Wir wissen, dass die Mehrheit der Bevölkerung darauf angewiesen ist, ihre Arbeitskraft zu verkaufen. Deshalb sind uns die Arbeitsplätze der Beschäftigten in der Kohle und der Autoindustrie nicht egal.

Wir wissen aber auch, dass es so nicht weitergehen kann. Die Verstromung der Kohle und der motorisierte Individualverkehr heizen das Klima dramatisch an und führen weltweit zu Wetterextremen und der Vernichtung von menschlichen Existenzen. Wir können nicht so tun, als würde uns das nichts angehen.

  • „No Jobs on a Dead Planet! – Welchen Beitrag kann Mitbestimmung zum Klimaschutz leisten“ am 9. November 2017 ab 16.30 Uhr. Zu dieser Veranstaltung laden IG Metall und der DGB gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen aus der internationalen Gewerkschaftsdelegation ein, um zu diskutieren, was Gewerkschaften zum Klimaschutz beitragen können, wie Klimaschutz im Betrieb aussehen kann und wie Beschäftigte eingebunden werden können. Mehr über die Veranstaltung ist hier bei der IG Metall zu erfahren (PDF)

Das haben auch einige Gewerkschaften in Deutschland begriffen. Die Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di hat z.B. beschlossen, sich für den „schnellstmöglichen“ Ausstieg aus der Braunkohle einzusetzen. Aber Papier ist geduldig.

Wir erwarten, dass die Gewerkschaften Personal und finanzielle Mittel zur Verfügung stellen, um ihre Mitglieder gegen die Klimaerwärmung und ihre Verursacher zu mobilisieren.

Das Ende der fossilen Ökonomie darf nicht auf Kosten der Beschäftigten in den verschiedenen Branchen gehen. Deshalb erwarten wir als Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter von unseren Interessen- vertretungen, dass sie aktiv Konversionsprogramme, eine Umverteilung des gesellschaftlichen Reichtums von oben nach unten und eine radikale Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich vorantreiben.

  • 6. November 2017, 16.30 Uhr bis 19.00 Uhr: Podiumsdiskussion: Just Transition und der verstärkte Ausbau erneuerbarer Energien. Organisiert von: Delegation DIE LINKE. im Europaparlament und Rosa-Luxemburg-Stiftung Brüssel, alle Infos hier (PDF)

Klimagerechtigkeit bedeutet, die Beschäftigten in der Branche nicht ihrem Schicksal zu überlassen. Ebenso- wenig diejenigen Opfer der Klimaerwärmung, deren Wohnstätten in den Fluten verschwinden, von Tornados und Hurrikans zerstört oder deren Ernten von Dürren vernichtet werden. Sie sind gezwungen, sich woanders eine neue Existenz aufzubauen.

Internationale Solidarität ist das Gebot der Stunde. Ein „weiter so“ führt geradewegs in die globale Barbarei. Der weltweite Aufschwung rechter Parteien ist ein deutlicher Vorbote dafür.

Noch ist es nicht zu spät. Wir rufen alle Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter auf, mit uns und vielen anderen gemeinsam am 4.11.2017 anlässlich der Weltklimakonferenz in Bonn für Klimagerechtigkeit und internationale Solidarität zu demonstrieren.

Treffpunkt: Samstag 4.11.2017 um 11:30 vor der Post am Münsterplatz in Bonn. Bitte bringt Fahnen, Wimpel und Westen eurer Gewerkschaften mit, damit wir als gemeinsamer Block zu erkennen sind und ein deutliches Zeichen setzen!

Bitte schreibt uns, mit wieviel Leuten ihr kommen wollt: Klimagewerkschafter@bwup.de

Kontakt auch für weitere Fragen und Anregungen. Infos: https://www.klima-kohle-demo.de/aufruf/

Initiative Gewerkschafter*innen für Klimaschutz; ViSdP: Helmut Born, Am Stock 3, 40472 Düsseldorf

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