Bundesrepublik und Urananreicherung URENCO – Atommacht auf Abruf

„Die Urananreicherung ist ein klassischer Weg, um nuklearen Brennstoff herzustellen. Diese aufwendige Technologie ist aber auch der Schlüssel zu Atomwaffen,“ schrieb 2007 der damalige Außenminister und heutige Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD) in einem Gastkommentar im Handelsblatt (2.Mai 2007). Steinmeier meinte den Iran. Aber mit der Urananreicherungsanlage der Urenco in Gronau verfügt auch die Bundesrepublik über diesen Schlüssel. Und bis heute ist die Urenco vom bundesdeutschen Atomausstieg ausgenommen. So ist es in einem Artikel von mir in der Jungen Welt zu lesen. Der gesamte Text ist hier online.

Über die zivil-militärischen Risiken der Atomenergie finden sich auf umweltFAIRaendern.de zahlreiche Texte. Stichworte wie Dual-Use oder Spurensuche führen zu Artikeln, in denen auch viel über die zivil-militärische Geschichte seit dem Nazi-Reich und der frühen Bundesrepublik berichtet wird.

Könnte Deutschland Atomwaffe?

In der FAZ wurde als Reaktion auf eine drohende neue US-Außen- und Sicherheitspolitik unter Trump die Frage aufgeworfen: Müssen wir „das für deutsche Hirne ganz und gar Undenkbare, die Frage einer eigenen nuklearen Abschreckungsfähigkeit, welche die Zweifel an Amerikas Garantien ausgleichen könnte„, denken? Eine eigene, eine deutsche Atomwaffe? Diese Frage hat eine Diskussion und vielfältige Reaktionen ausgelöst. Die Zeit schreibt jetzt: „Atommacht D? Warum Deutschland die Bombe nicht will und sie auch nicht bauen kann“. Ist das so?

In sehr grober Überblicksform geht Josef Joffe in der Zeit durch die deutsche Nuklear-Geschichte seit den 50er Jahren. Über die Frage einer deutschen Atombewaffnung sei damals nachgedacht worden, wenn auch „unartikuliert und verdruckst“, wie Joffe meint. Verzichtet habe man schließlich, weil ohne die Unterzeichnung des Atomwaffensperrvertrages eine neue Ost- und Deutschlandpolitik in der Ära Brandt nicht möglich gewesen wäre.

Aber: Alle notwendigen Atomanlagen wären in Deutschland vorhanden gewesen. Schnell hätte die Bundesrepublik von der zivilen zur militärischen Nutzung umsteigen können: „Uran-Anreicherung, Brennelemente, Wiederaufarbeitung, die Plutonium vom Atommüll trennt, schließlich der „Schnelle Brüter“, der mehr spaltbares Material erzeugen sollte, als im Betrieb verbraucht wird. Wer von der nuklearen Option träumte, wusste, dass Plutonium eine Rückversicherung hergab. Es konnte zu Brennstäben verarbeitet werden, aber – irgendwann – auch zum Bombenstoff. In der Ära Schmidt war alles beisammen, was der friedlichen Nutzung diente, aber theoretisch auch eine Militäroption zuließ“, so Joffe in der Zeit.

  • Für einiges Aufsehen sorgte jüngst die Weigerung der Bundesregierung, sich an den Verhandlungen für einen Atomwaffen-Verbotsantrag zu beteiligen, die im März beginnen. Der Spiegel berichtet darüber: „Deutschland wird nicht an den Verhandlungen zu einem Verbotsantrag von Nuklearwaffen im März teilnehmen. In einem Brief an Nichtregierungsorganisationen begründete das Auswärtige Amt die Entscheidung damit, dass ein Vertrag wirkungslos bleibe, sofern die Länder mit Atomwaffen nicht eingebunden seien. Zwar teile die Bundesregierung das „Ziel einer nuklearwaffenfreien Welt“, ein sofortiges Verbot halte sie aber nicht für geeignet.“ Siehe dazu auch hier, und Atomwaffen ächten, siehe hier ICAN.
  • Hans Jörg Fell hat jüngst auf seiner Homepage „Recherchen zu Atomforschung in Deutschland“ veröffentlicht. „Umfangreiche Recherchen einer anonymen Gruppe, die klar belegt mit öffentlich zugänglichen Quellen zusammengetragen, wie in Deutschland an Atomreaktoren und -waffenmaterialien geforscht wird.“ Die Rede ist vom Karlsruher KIT und dem Institut für Transurane. Der Text dieser Gruppe hat die Überschrift: „Thorium – die halbe Wahrheit ist die größte Lüge oder der unerkannte Weg zu atomwaffenfähigem Uran-233“. Siehe hier direkt als PDF 20161214_Thorium-Arte-Film-und-Ashley_Update_final_Jan2017.

Diese „Dual-use“-Möglichkeiten der Nutzung der Atomenergie haben der Bundesrepublik in der Außen- und Sicherheitspolitik immerhin einen Status der Atommacht im Wartestand gebracht. Man hatte auf die eigene Atomwaffe verzichtet, hätte sie aber jederzeit realisieren können. Die Infrastruktur war vorhanden.

Wenn heute aber das „Undenkbare“ gedacht werden solle, so Joffe weiter, dann müsse man jetzt feststellen: „Heute ist die „nukleare Option“ weder Träume noch Albträume wert, weil Deutschland schlicht nicht mehr hat, was gebraucht wird. Der Brüter ist weg, die Wiederaufarbeitung und die Brennelement-Fabrik sind es auch. Warum? Weil sich seit den Achtzigern eine wütende Protestwelle gegen alles Atomare über das Land ergoss. Der jüngste Höhepunkt war Fukushima, als die Kanzlerin das letzte Glied in der Kette zerschnitt. Im Jahr 2022 geht der letzte Atommeiler vom Netz.“

Richtig ist: Der Weg zur Plutoniumbombe ist den Deutschen derzeit versperrt bzw. fehlen die Anlagen dafür. Restbestände von separiertem Plutonium wurden zuletzt aus Karlsruhe in die USA transportiert. Ob und wie viel Plutonium noch in Deutschland lagert ist unklar, aber viel dürfte es nicht mehr sein.

Was aber bleibt: Im westfälischen Gronau steht die Technik für eine Uranbombe. Unter dem Dach der URENCO wird dort Uran für die Herstellung von Brennstoff für den Einsatz in Atomreaktoren angereichert. Auf Basis von Ultrazentrifugen, wie sie z.B. auch in der umstrittenen Anlage im Iran im Einsatz sind, werden dort für den Reaktorbetrieb Anreicherungen des spaltbaren Uran 235 zwischen 3-5 Prozent betrieben. Dies könnte aber mit relativ geringem technischen Aufwand sehr schnell verändert werden, so dass auch Anreicherungen von über 80 Prozent erfolgen könnten. Wolfgang Liebert, Professor am Wiener Institut für Sicherheits- und Risikowissenschaft, stellte vor einiger Zeit gegenüber der Wochenzeitung Freitag fest: „Obwohl es sehr unwahrscheinlich ist, dass das in Gronau passiert: Wenn man die Verschaltung für einen kleineren Teil der Zentrifugen ändert und das geschickt anstellt, könnte man innerhalb von wenigen Wochen hoch angereichertes Uran für eine oder mehrere Kernwaffen produzieren. Vielleicht fällt das nicht einmal auf.“ (siehe dazu in dem folgenden Link:)

Der Ausgangsstoff für eine Uran-Waffe wäre damit in Deutschland weiterhin herstellbar. Es braucht sicher mehr als nur hochangereichertes Uran zum Bau einer militärisch nutzbaren Atomwaffe, aber mit der zum URENCO-Konzern gehörenden Anlage in Gronau wäre zumindest für diese Art einer Atomwaffe die Technik vorhanden.

Das Undenkbare denken? Noch schwieriger ist es in Deutschland, darüber zu sprechen! Immer mehr Studien erscheinen in den letzten Jahren, die die deutsche Politik in den 1950er und Folgejahren untersuchen und sich der Frage nach einer Atomwaffen-Option in der damaligen Politik annehmen. Wie heikel und umstritten das ist, zeigte sich noch im Jahr 2000, als Roland Kollert aus Anlass des 40 jährigen Bestehens der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler (VDW) eine Untersuchung zu  den militärischen Motiven des deutschen Atomprogramms vorlegte:

Joffe zeigt auf, dass bis zu den 1970er Jahren alles an Technik vorhanden war, um nicht nur AKWs zu betreiben, sondern im Zweifelsfall auch ein Atomwaffenprogramm in Gang zu setzen. In den 1980/90er Jahren brach die Fähigkeit zum Bau einer Plutoniumwaffe dann weitgehend zusammen. 2005 folgte dann auch noch das Verbot für die Wiederaufarbeitung bestrahlter Brennelemente im Ausland. Wiederaufarbeitung war nur ein anderes Wort für die Abtrennung und Separierung von Plutonium.

Was aber geblieben ist: Die Urananreicherung in Gronau ist zumindest als technische Möglichkeit eine Option zum Bau einer deutschen Uranwaffe.

40 Jahre Widerstand gegen das AKW Grohnde – ein Geschichtsprojekt

40 Jahre ist es her, 19. Februar 1977: „Trotz eines vom VG Schleswig bestätigten Verbots bislang größte Demonstration gegen Brokdorf: 50.000 Menschen bei „Brokdorf III“ vor Ort und in Itzehoe. Diesmal keine Stürmung des Baugeländes“, schreibt der NDR. Brokdorf III ist auch der Streit um die Frage: Demo am Bauzaun, wie bisher. Oder weit abseits, wegen der Gewaltfrage. Am selben Tag kommt es am AKW Grohnde zur ersten Platzbesetzung, einige Wochen später, am 19. März, folgt eine Großdemo am Bauplatz in Grohnde. Ein Geschichtsprojekt „40 Jahre „Schlacht um Grohnde““ will mit einer Ausstellung, mit Veranstaltungen, einem Gottesdienst und vielen Augenzeugen in den nächsten Wochen an diese Auseinandersetzungen gegen den staatlich verordneten Einstieg in die Atomenergie erinnern. Eine Auseinandersetzung nicht nur um eine Energieform, sondern auch um Macht, Demokratie und die Frage, wie wir leben wollen. Was könnte aktueller sein?

Bereits Anfang der 1970er entzündeten sich in Folge der 68er an immer mehr gesellschaftlichen Fragen Auseinandersetzungen mit den überkommenen Strukturen eines Nachkriegs-Deutschlands, tief im Kalten Krieg und seinen Stellvertreter-Kriegen eingebunden. Die Suche nach gesellschaftlichen Alternativen jenseits der Schatten des Nationalsozialismus, jenseits des Vietnam-Kriegs und obrigkeitsstaatlicher Herrschafts-Strukturen, jenseits von Schlager und Volkstümelei war in vollem Gange, als Anfang der 70er Jahre Staat und Industrie den massiven Einstieg in die Atomenergie planten. In Wyhl protestierten die Bauern und Winzer, unterstützt von Studenten aus den nahen Städten. Linke und kommunistische Gruppen kamen hinzu. Brokdorf, Grohnde, Kalkar hießen die Stationen, Gorleben, Hanau, Wackersdorf.

„Damit aus Geschichten, so wie man sie sich abends beim Bier erzählt, Geschichte wird, müssen die Geschichten erstmal erzählt werden. Und es braucht Leute, die zuhören, mit mehr oder weniger Distanz oder auch mit ganz anderen Erfahrungen und Sichtweisen. Das versuchen wir mit dem Geschichtsprojekt 40 Jahre „Schlacht um Grohnde“ anzuregen“, schreiben die Initiatoren des Geschichtsprojekts auf ihrer Homepage. Auch hier wird über die Ausstellung informiert. Außerdem bittet das Projekt um Unterstützung und um Spenden. Seit Monaten arbeiten die Initiatoren an dem Projekt, um damalige Akteure aufzuspüren, Infomaterial- und Broschüren zu durchforsten, Demo-Utensilien für die Ausstellung zu finden. Und viele viele Gespräche werden geführt, um Erinnerungen aufzufrischen, Kontakte zu finden und alles in ein Format zu bringen, mit dem diese Geschichtswerkstatt Vergangenheit zu einem lebendigen Dokument der Zeitgeschichte machen will, das auch für Schulen zur Verfügung gestellt werden kann.

Die Planungen für das AKW in Grohnde begannen Anfang der 1970er Jahre. 1974 legten über 12.000 Menschen Einsprüche gegen den Genehmigungsantrag ein. Am 3. und 4. Oktober 1974 fand der Erörterungstermin statt. Ohne sichtbare Auswirkungen: Am 8. Juni 1976 erteilte das Niedersächsische Sozialministerium die erste Teilerrichtungsgenehmigung zum Bau des AKW Grohnde.
Die Ausstellung: „Schlacht um Grohnde“ 19. März 1977, Hamelns Geschichte – abseits vom Rattenfänger soll vom 17. März – 7. April im Hamelner Münster zu sehen sein. Das gesamte Programm rund um die Geschichte des Widerstands gegen das AKW Grohnde ist hier zu finden. Ein Text zur Einführung und zum Hintergrund gibt es hier als PDF.
Noch heute führt die Auseinandersetzung mit den damaligen Ereignissen zur sehr lebendigen Reaktionen. Der BUND Hameln Pyrmont stellt auf seinen Seiten die geplanten Veranstaltungen vor und zeigt zahlreiche Videos. In einem Kommentar mahnt er aber auch in einer „persönlichen Bitte: Schaut nicht auf 1977 sondern schaut auf 2011“ und schreibt „Wir werden uns im nächsten Monat mit dem Jahrestag der „Schlacht um Grohnde“ beschäftigen. Die Aufmerksamkeit wird, so fürchte ich, auf die Bilder der „Schlacht“, die Gewalt am Zaun gelenkt werden. Meine Bitte: Schaut nicht auf die Gewalttäter und glorifiziert sie nicht. Die positiven Akteure sind die Organisatoren/Innen von friedlichen Protestformen.“
Meine Bitte: Macht euch selbst ein Bild, besucht die Ausstellung und die Veranstaltungen!

Militärische Motive der Atomenergienutzung in der frühen Bundesrepublik

Im Jahr 2000 veröffentlichte Roland Kollert aus Anlass des 40 jährigen Bestehens der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler (VDW) einen in der Folge heftig umstrittenen Beitrag zur Geschichte der Atomenergie in Deutschland. Vor allem die „Kerntechnische Gesellschaft“ griff den Beitrag massiv an. Die Studie war unter dem Titel „Atomtechnik als Instrument westdeutscher Nachkriegs-Außenpolitik – Die militärisch-politische Nutzung ‚friedlicher‘ Kernenergietechnik in der Bundesrepublik Deutschland“ (PDF) erschienen und umfasste 86 Seiten (dort ist sie inzwischen nicht mehr zu finden (beachte Hinweise unten! Siehe dafür hier). Darin zeigte der Autor auf, dass schon seit der Frühphase der Atomenergieentwicklung in der Bundesrepublik militärische Interessen eine große Rolle spielten. (Der Text ist hier auch direkt vom Server von umweltFAIRaendern.de downloadbar, PDF.)

In der Einleitung des Textes heißt es: „Roland Kollert zeigt in der vorliegenden Studie, daß von der Adenauer-Regierung mehr angestrebt worden ist als die Ausrüstung der jungen Bundeswehr mit taktischen Atomwaffen. Adenauer, Strauß u.a. waren darauf aus, eine bundesdeutsche Kapazität zur Produktion von Atomwaffen zu schaffen. Mit der Entwicklung der Atomtechnologie für zivile Zwecke wurde die militärische Option zunächst ermöglicht und später offengehalten.“ (S. 4)

Im Vorwort der Studie von Kollert für die VDW schreibt Wolfgang Liebert u.a.: „Schon die Ausgangshypothese von Kollerts gut recherchierter Arbeit beinhaltet Zündstoff: „Alle Regierungen, die je staatliche Programme zur zivilen Entwicklung von Nuklearforschung und Kerntechnik lancierten, verfolgten damit, zumindest zeitweise, außenpolitisch-militärische Ziele.“ Ist diese Behauptung für einzelne Länder wie Frankreich oder Israel kaum widerlegbar, so fordert sie Widerspruch im Falle Deutschlands heraus. Kollert belegt aber, daß die Bundesrepublik Deutschland ein weiteres Glied in der langen Kette von Ländern mit zivil-militärischen Dual-Use-Programmen im Nuklearbereich darstellt. Ein weiteres Lehrstück für eine mit langem Atem und wechselnden Details durchgehaltene Dual-Use-Strategie in der Forschungs- und Energiepolitik. Der zivile Deckmantel für militärtechnische Ambitionen wurde trefflich geschneidert.

Die Homepage der VDW wurde offenbar erneuert und daher haben sich bisherige Links verändert oder sind entfallen.

Das Besondere an Kollerts Arbeit ist, daß hier nicht nur historisches Material gewissenhaft aufgearbeitet wird. Kollert gelingt eine überzeugende, interdisziplinär geschulte Quellenhermeneutik, die politische und naturwissenschaftliche Hintergründe genauso berücksichtigt wie spezielle nuklear-technische Details. Auf dieser Basis gelingt der Indizienbeweis. Tatsächlich standen in den fünfziger und frühen sechziger Jahren forschungs- und technologiepolitische Weichenstellungen in direktem Zusammenhang mit dem regierungsamtlichen Kurs auf die deutsche Eigenproduktion von Kernwaffen. Kollert belegt die Dominanz des militärischen Motivs in der Entwicklung des deutschen Nuklearprogramms mit erheblichen Konsequenzen für die Folgejahrzehnte.“

Liebert fasst die wichtigen neuen Erkenntnisse von Kollert zusammen und kommt zu dem Ergebnis, dass es eine Revision bei der Bewertung der frühen deutschen Atompolitik geben müsse: „… so kann heute ein weit größeres Gewicht des militärischen Motivs, wenn nicht gar seine Dominanz mit der daraus folgenden ganz eigenen Rationalität angenommen werden.“

Außerdem stellt er den von Kollert dargelegten Wandel in der Thematisierung der militärischen Interessen dar. Mit Bezug auf den damaligen Euratom-Kommissar Krekeler (1960) und Wolf Häfele, dem damaligen Leiter des Schnellbrüterprojekts am Kernforschungszentrum Karlsruhe, fasst er zusammen: „Krekeler macht dem Kanzler (wahrheitsgemäß!) klar, daß jedes Land mit einer technologisch hochentwickelten nuklearen Energiewirtschaft ohne weiteres auch zur „militärischen Verwertung“ schreiten könne. Damit würde ein direktes Abzielen auf die Bombe selbst gar nicht mehr nötig. Häfele empfiehlt den Ausbau der Plutoniumtechnologie in all ihren Aspekten, insbesondere die Entwicklung des schnellen Brüters. Die Bundesrepublik solle darauf hinwirken, daß der Ausbau im Rahmen der internationalen Nichtverbreitungspolitik nicht verboten werde. Bekanntlich war das Brüterprojekt insofern zivil-militärisch ambivalent, als es Grundlagen-kenntnisse über schnell-kritische Anordnungen im Reaktor wie auch in Waffen geliefert hätte und beim Betrieb der Reaktoren waffentechnisch optimales Plutonium in großen Mengen angefallen wäre. Der Betrieb schneller Brutreaktoren macht, anders als im Fall von Leichtwasserreaktoren, Wiederaufarbeitung des Brennstoffs und Zugriff auf Plutonium zwingend.

Es wird also nicht die Abkehr von militärtechnologischen Ambitionen empfohlen. Ein atomtechnologischer Stand im zivilen Bereich sollte angestrebt werden, der jederzeit die Schwelle des Zugriffs auf Atomwaffen überschreiten konnte (wenn dies politisch gewollt sein sollte). Bei Häfele findet sich auch der Hinweis, daß bereits aus dieser Tatsache außenpolitisches Kapital geschlagen werden könne, ohne den direkten Kernwaffenbesitz erreichen zu müssen. Kennzeichnenderweise wird Häfele später im Auftrag des Kabinetts Brandt eine entsprechende Aufweichung der Entwürfe für den nuklearen Nichtverbreitungsvertrag mitbewirken. Deutschland bleibt bzw. wird „Atomwaffenmacht auf Wartestand“ – trotz aller Bekundungen eines endgültigen Verzichts.“

Dass diese nur schwer erkennbar waren, lag an den internationalen Rahmenbedingungen nach dem verlorenen Zweiten Weltkrieg. Deutschland war bis Mitte der 1950er Jahre die Atomforschung gänzlich untersagt. Erst ab 1955 durfte die Bundesrepublik offiziell die Atomforschung wieder betreiben, allerdings durfte sie auf eigenem Staatsgebiet nicht an der Atomwaffe forschen. Die Verzichtserklärung der Bundesrepublik umfasst jedoch nur die Entwicklung und Herstellung von Atomwaffen auf dem eigenen Staatsgebiet, nicht im Ausland.

Unter diesen Bedingungen hätten die bundesdeutsche Politik und Wissenschaftler einen Sprachcode entwickelt, der nie direkt militärische Interessen an der Atomenergie benannte, sondern eher in Anspielungen, Andeutungen oder offenen Formulierungen diese Interessen in einer Art Nebel umschreibt. Ein Code, den aber Beteiligte zu dechiffrieren wussten.

Siehe dazu insbesondere auch: Philipp Sonntag – Diplomatische und demokratische Anforderungen an Geheimhaltung bei Atomrüstung (auf diesem Server, PDF; außerdem bei VDW: Philipp Sonntag: Die Nähe zu einer deutschen Atomrüstung trotz der Aktion der Göttinger 18 – in der Spannung zwischen Wissenschaftlichkeit und Geheimhaltung, PDF)

Wichtige Hinweise:

Erstens:

  • Hier werden längere Passagen aus der Arbeit von Roland Kollert ausführlich wiedergeben. Dies auch in der Absicht, im Internet derzeit (noch) vorhandene Quellen zusätzlich verfügbar zu halten. Zusätzlich wird die Arbeit von Kollert auch in einer Kopie auf diesem Server verfügbar gemacht. Der Grund für dieses Vorgehen ist, dass immer wieder auch wichtige Quellen aus dem Internet verschwinden. So ist z.B. die Homepage von Heiko Petermann, der mit Rainer Karlsch über das „Für und Wider zu Hitlers Atombombe“ publizierte und zahlreiche Hintergrundtexte online gestellt hatte, nicht mehr im Netz verfügbar. Die Gründe dafür sind mir unbekannt. Viele Fachautoren haben auf diese Internet-Quelle verlinkt – und laufen nun ins Leere. Das soll durch die hier gewählte Vorgehensweise zumindest reduziert werden.
  • Für alle hier genannten Autoren gilt: Es ist in jedem Fall lohnenswert, das jeweilige Original selbst zu lesen. Dies insbesondere auch, weil hier nicht all die wichtigen in Fußnoten verpackten Hinweise im Einzelnen wiedergeben werden. Diese enthalten nicht nur wertvolle Quellenhinweise, sondern immer wieder auch wichtige zusätzliche Hinweise.
  • In der Studie von Roland Kollert, die hier teilweise ausführlich dargestellt wird, wird immer wieder auch auf ein weiteres wichtiges Werk hingewiesen: Roland Kollert, „Die Politik der latenten Proliferation – Militärische Nutzung „friedlicher“ Kerntechnik in Westeuropa“, 1994. (Link zu Google-Books)
  • Zur Debatte um Kollert und die Folgen bei VDW siehe auch: „Keine deutsche Atomrüstung – trotz intensiver Bemühungen – Philipp Sonntag“ (bei VDW, PDF, siehe außerdem Abschlussbericht: „Methodeneinheit und Methodendifferenz in den Kultur-, Sozial- und Naturwissenschaften“ und weiter unten weitere Links dazu.)

Zweitens:

Oben genanntes Problem entsteht z.B. immer wieder auch, wenn Internetseiten modernisiert werden und bisherige Inhalte dabei nicht übernommen werden. So auch offenbar beim VDW. Dort wurden Inhalte zur genannten Debatte in ein Verzeichnis „Alt“ verschoben und sind daher unter den bisherigen Links nicht mehr erreichbar. umweltFAIRaendern dokumentiert die in diesem Alt-Verzeichnis derzeit online verfügbaren Texte.

VDW-Materialien 1/2000

— Die folgenden Texte dokumentieren einen fortdauernden Diskurs innerhalb der VDW. Der VDW-Vorstand kommt mit der Veröffentlichung dem ausdrücklichen Wunsch einiger Mitglieder nach. —
Die Geschichte der VDW begann mit der Mitteilung der „Göttinger 18“ Atomphysiker an Konrad Adenauer sowie Franz Josef Strauß, dass sie nicht bereit sind, Atombomben zu bauen. Die Wutausbrüche von Franz Josef Strauß gegenüber unseren frühesten Mitgliedern sind bekannt. Die Texte von Roland Kollert und Philipp Sonntag weisen auf Anhaltspunkte hin, dass Franz Josef Strauß deutsche Institute und Firmen bei der Vorbereitung zu einer deutschen Atomrüstung unterstützt hat, indem er ihnen unter dem Schutz besonders strikter Geheimhaltung Aufträge zu Entwicklung und Bau einer israelischen Atomrüstung verschafft hat. Die politische Entscheidung zu einer deutschen Atomrüstung wurde jedoch niemals getroffen, woran die VDW einen wesentlichen Anteil hatte. Diffizil zu bewerten – nicht zuletzt wegen intensiver Geheimhaltung –  ist die Rolle der deutschen Kerntechniker in den verschiedenen Institutionen und Firmen, eine abschließende Aussage hierzu ist nicht vorgesehen. Aktuell relevant – siehe die Diplomatie zur Kerntechnik im Iran – ist vielmehr die Frage, welche Bedeutung bestimmte Formen ziviler Kerntechnik (eventuell als wissenschaftlich und/oder kommerziell verschleierte Vorbereitung)  für eine spätere, unter Umständen sehr schnell aufbaufähige Atomrüstung haben können. Die Parallele zum gezielten Engagement von Franz Josef Strauß gibt hierzu Anhaltspunkte. [Philipp Sonntag]

Roland Kollert
Atomtechnik als Instrument
westdeutscher Nachkriegs-Außenpolitik

Die militärisch-politische Nutzung „friedlicher“
Kernenergietechnik in der Bundesrepublik Deutschland (siehe auch hier direkt) PDF!

Abschlussbericht: „Methodeneinheit und Methodendifferenz in den Kultur-, Sozial- und Naturwissenschaften“ (siehe auch hier direkt) PDF

Philipp Sonntag
„Die Nähe zu einer deutschen Atomrüstung trotz der Aktion der Göttinger 18 –
in der Spannung zwischen Wissenschaftlichkeit und Geheimhaltung“
(2013) (siehe auch hier direkt) PDF

Kurzfassung: „Keine deutsche Atomrüstung – trotz intensiver Bemühungen“ (2013) (siehe auch hier direkt) PDF

Spurensuche: Gebaut auf den Verbrechen der Nationalsozialisten – „Versagen der jungen Bundesrepublik“

atommuelllagerasse-2016
Braune Geologen empfahlen in den 1960er Jahren die ASSE als Atommülllager.

Die immer noch notwendige Aufarbeitung der deutschen Nazi-Vergangenheit stellt  immer öfter (erneut) die Frage, wie die junge Bundesrepublik mit diesem verbrecherischen Erbe umgegangen ist und welche Rolle die Nazi-Täter beim Aufbau in der Nachkriegszeit spielten. Eine der bedeutsamsten Fragen der sogenannten 68er Generation bekommt damit neue und verdiente Aufmerksamkeit. Viele Studien und Berichte kommen zu erschreckenden Ergebnissen, die deutlich machen, wie sehr braune Täter nach 1945 nahezu nahtlos am Aufbau der westdeutschen Behörden und Verwaltungen – aber auch der Wirtschaft – beteiligt wurden und dabei sogar wiederum gegen ihre Opfer aus der Nazi-Zeit nun in der neuen Demokratie tätig wurden. Am Beispiel der Justiz spricht der zuständige Minister Heiko Maas jetzt in einer aktuellen Studie (Akte Rosenburg) von der „Perversion des Rechts während der Nazi-Zeit und das Versagen der jungen Bundesrepublik bei deren Aufarbeitung…“. Aktuelle Untersuchungen zeigen: Dieses Versagen ist nicht auf die Justiz beschränkt. In Hamburg sorgten Alt-Nazis dafür, dass das NSDAP-Vermögen nach 1945 erneut gegen die Opfer unter Kontrolle der Stadt kam und Nazi-Richter nach 1945 einfach weitermachten. Und „Braune Geologen“, die in Nazi-Deutschland die Rohstoffe für den Krieg organisierten, wurden ungestört Präsidenten einer Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) und sorgten dafür, dass Atommüll im maroden Salzstock der ASSE versenkt wurde.
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