Volksentscheid Energienetze Hamburg – Keine halben Sachen machen!

logo_rgb_balkenAm 22. September wird in Hamburg per Volksentscheid darüber entschieden, wer die Energienetze in Zukunft betreiben soll: Die Volksentscheids-Initiative will 100 Prozent für die Stadt Hamburg. Viel zu viel, meint vor allem der SPD-Senat in Hamburg. Der hat sich bei den derzeit noch von Vattenfall und E.on betriebenen Netze vor rund einem Jahr auf Druck der Volksentscheids-Initiative als Minderheitsaktionär mit 25,1 Prozent beteiligt. So könne die Energiewende betrieben werden, meint die SPD-Führung. Die Volksentscheids-Initiative widerspricht und viele Fachleute stimmen zu: Mit einer Minderheitsbeteiligung lassen sich die mächtigen Konzerne Vattenfall und E.on – die an einer Energiewende gar kein wirtschaftliches Interesse haben – nicht steuern.

Vattenfall betreibt in Hamburg das Stromnetz sowie die Fernwärme samt zugehöriger Kraftwerke. E.on verfügt noch über das Gasnetz. Dabei geht es um hohe Gewinne. Mindestens 30 Millionen Euro verdient Vattenfall offiziell in Berlin allein am Stromnetz. Anzunehmen ist aber, dass die Gewinne dort noch viel höher sind. Ein richtig lukratives Geschäft ist die Fernwärme. Hier würde eine 100 prozentige Übernahme nach einem erfolgreichen Volksentscheid zur Folge haben, dass sowohl die KundInnen als auch die mit der Wärmeerzeugung gekoppelten Kraftwerke künftig von der Stadt versorgt und betrieben werden. Dazu gehört mindestens ein Drittel des Stromverbrauchs in Hamburg.

„Unser Hamburg – Unser Netz“ erklärt auf seiner Homepage, warum es die ganzen Netze sein sollen und 25 Prozent schlicht nicht helfen:

„Energiewende braucht Unterstützung – keine Hindernisse

Die Stadt Hamburg kann im Rahmen dieser Beteiligungen eine Sperrminorität, kann also Maßnahmen oder Entscheidungen der Mehrheitsgesellschafter Vattenfall und E.on behindern oder blockieren. Eine Steuerung oder Lenkung ist damit aber nicht möglich. Genau das aber braucht die Energiewende: Die Netze müssen umgebaut werden und sollen den Ausbau der dezentralen Erneuerbaren Energien auf Basis von Wind und Sonne unterstützen. Dafür braucht es Unternehmen, die das auch wirklich wollen!

Das ist das Problem mit Vattenfall und E.on: Beide Unternehmen betreiben vor allem große – zentrale – Kohle- und Atomkraftwerke und verdienen bis heute damit ihr Geld. Auf diese Struktur von zentralen Großkraftwerken ist auch das Stromnetz ausgerichtet. Wirtschaftlich bedeutet das: Der weitere Ausbau der Erneuerbaren Energien würde dazu führen, dass die Kraftwerke von E.on und Vattenfall weniger ausgelastet werden und die Unternehmen damit weniger Geld verdienen. Das ist nicht im Interesse dieser Unternehmen!

Auch wenn heute das Stromnetz durch eine staatliche Aufsicht „reguliert“ wird: Vattenfall und E.on werden nicht fördern, sondern überall bremsen. Deshalb können die beiden Unternehmen kein Partner für Hamburg und die Energiewende sein!

Besser für Klima und Umwelt: Ein öffentliches Netz statt drei konkurrierende Netze!

Wichtig ist auch: Die drei Netze für Strom, Gas und Fernwärme werden in dem Modell mit drei getrennten Unternehmen in Konkurrenz zueinander betrieben. Um wirtschaftliche Gewinne zu erzielen, wird jedes einzelne Unternehmen sein „Durchleitungsprodukt“ Strom, Wärme oder Gas durchsetzen wollen und entsprechende Ziele bei den Netzen und ihrem Ausbau verfolgen. Das aber schadet der Energiewende und dem Klimaschutz. Denn in Konkurrenz zueinander ist nicht die Frage, wie die Versorgung möglichst klimafreundlich gemacht werden kann. Eine Minderheitsbeteiligung der Stadt Hamburg bei den einzelnen Netzgesellschaften von Vattenfall und E.on hält diese klimaschädliche Struktur aufrecht.

Nur mit der 100 Prozentigen Rekommunalisierung der bislang getrennten Netze ist es möglich,  den Umbau der Energienetze aus einer Hand zu bewerkstelligen. Das ist wirtschaftlich effizienter und besser für das Klima.

Die Energiewende und der mit ihr verbundene Umbau bei den Netzen stellt einen grundlegenden Umbau des gesamten Energiesystems da und fordert neue Strukturen. Genau diesen Umbau verhindert der Hamburger Senat mit seinem Modell der Minderheitsbeteiligung.

100% für die Energiewende und die Netze!

Die Minderheitsbeteiligung der Stadt Hamburg verhindert also den erforderlichen strukturellen Umbau und verbindet sich mit den wirtschaftlichen Interessen von Vattenfall und E.on. So kann die Energiewende nicht gelingen, so kann wirksamer Klimaschutz nicht funktionieren. Daher brauchen wir 100 Prozent Energienetze in die öffentliche Hand. Stimmen Sie für den Volksentscheid „Unser Hamburg – Unser Netz“, damit die Energiewende voran kommt!“

 

Hamburg: Rekommunalisierung der Energienetze

Die Energiewende ist eine Chance für Arbeitsplätze
von Dirk Seifert und Jan Rübke

In Hamburg geht die Initiative «Unser Hamburg – unser Netz» in den Volksentscheid. Dieser wird parallel zur nächsten Bundestagswahl stattfinden, voraussichtlich im September 2013. Ziel ist es, die Energienetze für Strom, Fernwärme und Gas vollständig zu rekommunalisieren. Die SPD-dominierte Hamburger Bürgerschaft hat am 18.4.2012 in erster Lesung eine Minderheitsbeteiligung von 25,1% beschlossen. Sie will die Netze auch künftig mit Vattenfall und E.on betreiben.

Neben mehr Bürgerbeteiligung und Transparenz geht es bei der Rekommunalisierung auch um die Beschäftigten bzw. die Arbeitsplätze der betroffenen Unternehmen. In einer inzwischen von 30 Organisationen unterschriebenen Resolution der Initiative heißt es: «Die bei Vattenfall und E.on Hanse Beschäftigten sind bei der Rekommunalisierung zu den gültigen Tarifbedingungen und bei Erhalt aller Arbeitsplätze zu übernehmen.»

Deren Vertretungen, die Betriebsräte, haben sich mehrfach öffentlich gegen die vollständige Rekommunalisierung gestellt, ebenso die Vertrauensleute der IG Metall (Vattenfall: Strom und Fernwärme) und von Ver.di (E.on Hanse: Gas).

Die IG Metall Hamburg äußert sich öffentlich nicht zur Rekommunalisierung. In der Taz-nord vom 13.6.2011 wird die 2.Bevollmächtige der IG Metall, Ina Morgenroth, so zitiert: «Morgenroth jedoch kritisiert, dass die Initiative sich nicht um das Schicksal der Beschäftigten kümmert. Bei einer Übernahme seien ‹viele Regelungen unklar, das sorge für Existenzängste›.»

Wolfgang Rose, Hamburgs Ver.di-Chef, wird wie folgt zitiert: «Im Grundsatz habe die Gewerkschaft ‹eine positive Haltung› zur Re-Kommunalisierung der Netze … Er selbst habe die Listen an alle Ver.di.-Fachbereiche verteilen lassen: ‹Aber von den Beschäftigten kann ich doch nicht verlangen, dass sie das blanko unterschreiben.›» Damit ist vor allem der Ver.di-Fachbereich 2 (Ver- und Entsorgung) gemeint, der sich gegen die Volksinitiative ausspricht. Andere Ver.di-Fachbereiche sympathisieren offen mit dem Bündnis.

Strukturprobleme und Arbeitsplatzabbau

Dass die Gewerkschaften sich öffentlich mit klaren Positionen zurückhalten, liegt zum einen sicherlich an der großen Nähe zur regierenden SPD. Es dürfte aber auch daran liegen, dass die Hamburger Gewerkschaften von der Energiewende und den Auseinandersetzungen um die Rekommunalisierung einigermaßen überrascht wurden. Ihre Debatten und ihr Verhalten sind in den letzten Jahren stark mit der eigenen Existenzsicherung verbunden: schwindende Mitgliederzahlen, eigener Personal- und damit auch Kompetenzabbau.

Vor diesem Hintergrund stehen Gewerkschaften häufig eher in Konkurrenz zu einander, anstatt gemeinsame Perspektiven zu suchen. Eine dezentrale Energiewende mit Bürgerbeteiligung und gesellschaftlicher Debatte scheint die Hamburger Gewerkschaften bisher zu überfordern. Vor allem die IG Metall Hamburg schweigt.

Dabei brennt es in beiden Energieunternehmen. Die Beschäftigten stehen seit vielen Jahren unter enormem Druck. Tausende von Arbeitsplätzen wurden bereits abgebaut – ganz ohne Energiewende und Volksinitiative. Bereits 2010 – also vor der Atomkatastrophe von Fukushima – hatte der Vorstand von Vattenfall angekündigt, bis 2018 rund 1600 Stellen abbauen zu wollen, 180 Millionen Euro sollten eingespart werden.

Mitte November 2011 setzte Vattenfall den Kolleginnen und Kollegen des Kundenservice das Messer auf die Brust: 900 von ihnen sollten drastische Gehaltssenkungen hinnehmen, oder sie würden verkauft. Im Januar einigten sich Betriebsrat und Vattenfall, dass der Kundenservice im Unternehmen bleibt, aber 300 Stellen in den nächsten Jahren sozialverträglich abgebaut werden. Das dürfte erst der Auftakt für noch gravierendere Maßnahmen bei Vattenfall sein.

Inzwischen wird in Vorstandskreisen von Einsparungen in Höhe von 600 Millionen Euro gesprochen. Zu vermuten ist, dass dies durch weiteren Arbeitsplatzabbau und noch mehr Arbeitsverdichtung erreicht werden soll. Der Druck wird deutlich zunehmen.

Die strukturellen Probleme bei Vattenfall sind erheblich: Der schwedische Staatskonzern musste sein Expansionsstrategie, in allen Ostseeanrainerstaaten zu agieren, inzwischen kleinlaut eindampfen. Aus Finnland, Polen und Dänemark hat sich Vattenfall zurückgezogen oder wird dies demnächst tun. Auch die extrem schlechte CO2-Bilanz in der Stromerzeugung macht dem Konzern schwer zu schaffen: Die geplante Fernwärmeauskopplung über eine sog. Moorburgtrasse ist nach den Verhandlungen mit dem Senat inzwischen so gut wie vom Tisch. Ohne Fernwärmeauskopplung dürften jedoch die Stromerzeugungskosten für Moorburg weiter steigen.

Funkstille bei IG Metall, Debatte bei Ver.di

Völlig unabhängig vom anstehenden Volksentscheid zur vollständigen Rekommunalisierung der Energienetze findet also ein erheblicher energiewirtschaftlicher Umbau statt, der vor allem auf dem Rücken der Beschäftigten ausgetragen wird. Angesichts der gravierenden Probleme ist es völlig unverständlich, wie abwesend die IG Metall Hamburg in der gesellschaftlichen Debatte über die Rekommunalisierung der Energienetze ist.

Es müsste im ureigensten Interesse von IG Metall, Ver.di und DGB liegen – gerade zum Schutz der Beschäftigten – eigene Konzepte zu entwickeln, die Chancen, die eine Rekommunalisierung bei der beginnenden Energiewende bietet, auszuloten, Perspektiven und Vorschläge zu entwickeln. Damit könnte zudem das organisationspolitisch wichtige Organizingprojekt der IG Metall in der Windenergiebranche wirksam unterstützt werden.

Nachdem «Unser Hamburg – Unser Netz» den Volksentscheid erfolgreich und überzeugend gewonnen hat, hat sich die Debatte bei Ver.di verstärkt. Am 3.4. beschloss der Landesbezirksvorstand, bis Mitte Juni verschiedene Diskussionsveranstaltungen durchzuführen: über Rekommunalisierung als Grundstrategie von Ver.di für eine demokratische Dienstleistungspolitik; über den gewerkschaftlichen Beitrag zu einer sozialökologischen Wende in der Energiepolitik; über die betriebspolitische Interessenlage und die gewerkschaftlichen Erfahrungen zur Beschäftigungssicherung in Umbruchsituationen; über gewerkschaftliche Überlegungen zur Demokratisierung der Wirtschaft. Die Fachbereiche sind aufgefordert, über politische Unterstützung zu diskutieren, die Gewerkschaft will dadurch einen breiten Konsens erreichen.

Die Unterstützung einer Mehrheit der Fachbereiche für das Volksbegehren ist durchaus möglich. Ein Gutachten von Bontrop/Marquardt («Chancen und Risiken der Energiewende») zeigt Alternativen zum Marktversagen der Energiekonzerne auf.

 

Neue Räume besetzen

Ver.di organisiert neben E.on Hanse auch das zu Hamburg Wasser gehörende städtische Ökostromunternehmen Hamburg Energie. Bislang ist Hamburg Energie kein wirklicher Faktor. Mit knapp 50 Beschäftigten ist es vor allem mit dem Vertrieb von Ökostrom beschäftigt. Das ließe sich ändern: Ein städtisches Unternehmen, das vom Senat für die dezentrale (!) Energiewende aufgestellt und aufgebaut würde, könnte viele Räume neu besetzen – und damit auch Impulse für mehr Beschäftigung bieten. Gerade hier sind die Gewerkschaften gefordert, mit industriepolitischen Umbaukonzepten für mehr öffentliche Beschäftigung und für eine nicht nur ökologisch, sondern auch sozial gerechte Energiewende in die Debatte einzusteigen.

Dem Druck des Volksbegehrens «Unser Hamburg – unser Netz» konnte sich die SPD nicht entziehen. Der SPD-Senat hat an der Bürgerschaft vorbei mit Vattenfall und E.on Hanse Verhandlungen geführt, sie will jetzt 25,1% der Netze übernehmen. Für die Energiewende kommt dabei wenig raus, denn das reicht nicht zum Gestalten. Aber wo sich die Stadt beteiligen wird, sollen künftig bessere Mitbestimmungsrechte für die Beschäftigten gelten. Diese Verbesserung ist vor allem der Initiative «Unser Hamburg – unser Netz» anzurechnen, ohne die es die Debatte nicht gegeben und die SPD sich nicht einmal für eine Teilkommunalisierung eingesetzt hätte. Wie sehr die Auseinandersetzung die SPD «nervt», zeigt sich auch bei der Moorburg-Fernwärmetrasse: Noch im Wahlkampf hatte die SPD sich massiv dafür ausgesprochen, in den Verhandlungen mit Vattenfall wurde sie nun gestrichen. Sie wird vermutlich vollständig entfallen.

«Unser Hamburg – Unser Netz» hat, ohne je an einem Verhandlungstisch gesessen zu haben, viel bewegt. Und es geht noch mehr: Die Entscheidungskompetenzen von Vattenfall und E.on müssen vollständig in die Stadt zurückgeholt werden. Die Energiewende muss endlich dezentral gedacht und angegangen werden. Dann ist die Rekommunalisierung eine große Chance – für Beschäftigte, für Bürger und Verbraucher.

Dirk Seifert ist Anti-AKW Aktivist, Jan Rübke Mitglied im Ver.di-Landesbezirks-Fachbereichsvorstand 4 Hamburg.

Unser Hamburg – unser Netz

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