Atommüll4ever – Wissen für die nachfolgenden Generationen

Was wird mit dem strahlenden Atom(müll)erbe in der Zukunft? Nach über 40 Jahren Atomenergie lagert fast sämtliches radioaktives Material an vielen Orten immer noch oberirdisch und die Suche nach einem „Endlager“ für hoch radioaktiven Müll wird gerade neu gestartet. Wie gefährlich ist das Zeug? Welche Erfahrungen hat die Anti-Atom-Bewegung über den Umgang mit dem Atommüll durch Behörden und Unternehmen? Und wie können diese Erfahrungen und dieses Wissen an die nachfolgenden Generationen weiter gegeben werden? „Jugend trifft Erfahrung“ ist ein Projekt, gemeinsam vom Atommüllreport und der BUNDjugend organisiert, gefördert von der Bundesstiftung Umwelt, mit dem dieser Wissenstransfer unterstützt werden soll. Ein weiteres: Die Sommerakademie „Atomares Erbe“ Anfang August in Wolfenbüttel.

Bereits vom 2.–6. August 2017 findet die fast ausgebuchte Sommerakademie in Wolfenbüttel zum Thema „Atomares Erbe – Herausforderungen für die nächste Generation“ statt, die sich vor allem an Studierende richtet und bei der die TeilnehmerInnen auch in die ASSE und in den Schacht Konrad einfahren werden.

Ein weiteres Projekt der im Atommüllreport zusammen geschlossenen Umweltverbände und Anti-Atom-Gruppen startet mit einem Workshop Mitte September im Wendland (Gorleben) unter dem Titel „Jugend trifft Erfahrung“. Mit an Bord der zunächst auf drei Workshops geplanten Reihe ist die BUND-Jugend. Außerdem sollen im Rahmen dieses Projekt Erklärvideos und Unterrichtsmaterial für Schulen erarbeitet werden.

Inzwischen ist für diese Generations-Weiterbildung unter dem Dach des Atomüllreports einiges an Struktur aufgebaut: Zwei Koordinatorinnen haben mit dem Standort Braunschweig (Nähe Schacht Konrad, ASSE, Eckert und Ziegler, unweit von Morsleben) die Arbeit aufgenommen. Über das Jugendprojekt informiert der Atommüllreport hier. Dort heißt es zu den Zielen des Projekts: „Rückwirkend betrachtet, wird kaum mehr jemand leugnen, dass nur durch den kritischen Sachverstand in der Bevölkerung und deren Bereitschaft, sich den Fehlentwicklungen der Energiepolitik entgegen zu stellen, diese teilweise korrigiert werden konnten. Doch selbst wenn die Stilllegung der Atomkraftwerke inzwischen gesetzlich verankert ist, bleiben die Probleme mit dem Atommüll. Gerade weil die möglichst sichere Verwahrung der radioaktiven Abfälle für Hunderttausende von Jahren eine kaum lösbare und mit immensen Kosten verbundene Anforderung ist, ist es eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe, die nächste Generation für die vorhandenen und künftigen Probleme zu sensibilisieren. Auf der anderen Seite ist schon jetzt zu beobachten, dass diese Weitergabe der Verantwortung in die nächste Generation kein Selbstläufer ist, sondern die spezifischen Dynamiken der kommenden Generation berücksichtigen muss, sollen Wissen und Erfahrungen nicht verloren gehen.“

Nach dem Auftakt-Workshop im Wendland vom 15.-17. September (Anmeldung bis spätestens 24. August 2017 über das Formular auf der Seite der BUNDjugend) folgen weitere Runden vom 12.-14. Oktober in Karlsruhe und am 27./28. Januar 2018 in Berlin. Zu den jeweiligen Inhalten der Workshops gibt es hier weitere Informationen.

Danke Elmar Diez

Noch vor wenigen Wochen hatte er den Hessischen Verdienstorden erhalten (FR). Am Montag ist Elmar Diez im Alter von 75 Jahren gestorben (Hanauer Anzeiger). Leben und Wirken des Lehrers Diez verbinden sich mit dem Kampf gegen die Atomfabriken in Hanau und gegen die AKWs in Biblis. Elmar war Mitglied der Grünen, aktiv im BUND und in der Kommunalpolitik. „Kompromisslos für den Umweltschutz“ schrieb die FR über Elmar Diez.

Zu seinem Tod erklären die Grünen: „Wir haben einen charakterstarken Mitstreiter verloren, dem wir GRÜNE, aber auch alle Menschen, die sich im Kampf gegen die Hochrisikotechnologie Atomkraft engagieren, viel zu verdanken haben“, erklären die Vorsitzenden von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Hessen, Daniela Wagner und Kai Klose. „Elmar Diez gehört zu den Gründerinnen und Gründern der hessischen GRÜNEN. Unermüdlichen Streitern für Ökologie und Gerechtigkeit wie ihm ist es zu verdanken, dass die Geschichte der Atomenergie in Deutschland auf ihre letzten Kapitel zusteuert, dass die Reaktoren in Biblis abgeschaltet sind und Hanau schon lange kein Atomdorf mehr ist.“ Der BUND in Hessen verlieh ihm im Mai 2016 den Eduard-Bernhard-Preis für sein Engagement, an dessen Anfang die Gründung der „Initiativgruppe Umweltschutz Hanau“ im Jahr 1977 stand.  (Foto: Elmar Diez im Dezember 2014 beim Bundesarbeitskreis des BUND, d.v.l. mit rotem Pullover)

Zur Ordensverleihung im Januar stellte die FR fest: „Das Ende der Hanauer Atomindustrie in den 1990er Jahren, das Aus für das AKW Biblis, die Verhinderung der Giftmülldeponie Mainhausen und der massive Protest, der Block 6 des Kraftwerks Staudinger bei Großkrotzenburg scheitern ließ, sind wesentlich dem unermüdlichen, immer sympathischen Querkopf für die gute Sache zuzuschreiben.“

Heute berichtet die FR über Probleme in Hanau unter dem Titel „Brunnen noch mit Uran belastet“ und schreibt: „Eine Ursache für die hohen Boden- und Grundwasserschäden sind etwa einer Dokumentation von Elmar Diez zu entnehmen. Der in dieser Woche verstorbene Diez war ein profunder Kenner der einstigen Atomfabriken im Wald von Wolfgang – und ihr vielleicht größter Gegner. Ende des Jahres 1985 flossen 240 000 Liter uranverseuchtes Schmutzwasser in die öffentliche Kanalisation ab. Seit 1985 sickerte zudem aus einem über Jahre hinweg nicht entdeckten Leck radioaktiv belastetes Kühlwasser der Reaktor-Brennelement-Union (RBU), wie Umweltaktivist Elmar Diez schreibt. Die RBU gehörte fast zur Hälfte zu Siemens und Nukem.“

Danke Elmar!

40 Jahre Widerstand gegen das AKW Grohnde – ein Geschichtsprojekt

40 Jahre ist es her, 19. Februar 1977: „Trotz eines vom VG Schleswig bestätigten Verbots bislang größte Demonstration gegen Brokdorf: 50.000 Menschen bei „Brokdorf III“ vor Ort und in Itzehoe. Diesmal keine Stürmung des Baugeländes“, schreibt der NDR. Brokdorf III ist auch der Streit um die Frage: Demo am Bauzaun, wie bisher. Oder weit abseits, wegen der Gewaltfrage. Am selben Tag kommt es am AKW Grohnde zur ersten Platzbesetzung, einige Wochen später, am 19. März, folgt eine Großdemo am Bauplatz in Grohnde. Ein Geschichtsprojekt „40 Jahre „Schlacht um Grohnde““ will mit einer Ausstellung, mit Veranstaltungen, einem Gottesdienst und vielen Augenzeugen in den nächsten Wochen an diese Auseinandersetzungen gegen den staatlich verordneten Einstieg in die Atomenergie erinnern. Eine Auseinandersetzung nicht nur um eine Energieform, sondern auch um Macht, Demokratie und die Frage, wie wir leben wollen. Was könnte aktueller sein?

Bereits Anfang der 1970er entzündeten sich in Folge der 68er an immer mehr gesellschaftlichen Fragen Auseinandersetzungen mit den überkommenen Strukturen eines Nachkriegs-Deutschlands, tief im Kalten Krieg und seinen Stellvertreter-Kriegen eingebunden. Die Suche nach gesellschaftlichen Alternativen jenseits der Schatten des Nationalsozialismus, jenseits des Vietnam-Kriegs und obrigkeitsstaatlicher Herrschafts-Strukturen, jenseits von Schlager und Volkstümelei war in vollem Gange, als Anfang der 70er Jahre Staat und Industrie den massiven Einstieg in die Atomenergie planten. In Wyhl protestierten die Bauern und Winzer, unterstützt von Studenten aus den nahen Städten. Linke und kommunistische Gruppen kamen hinzu. Brokdorf, Grohnde, Kalkar hießen die Stationen, Gorleben, Hanau, Wackersdorf.

„Damit aus Geschichten, so wie man sie sich abends beim Bier erzählt, Geschichte wird, müssen die Geschichten erstmal erzählt werden. Und es braucht Leute, die zuhören, mit mehr oder weniger Distanz oder auch mit ganz anderen Erfahrungen und Sichtweisen. Das versuchen wir mit dem Geschichtsprojekt 40 Jahre „Schlacht um Grohnde“ anzuregen“, schreiben die Initiatoren des Geschichtsprojekts auf ihrer Homepage. Auch hier wird über die Ausstellung informiert. Außerdem bittet das Projekt um Unterstützung und um Spenden. Seit Monaten arbeiten die Initiatoren an dem Projekt, um damalige Akteure aufzuspüren, Infomaterial- und Broschüren zu durchforsten, Demo-Utensilien für die Ausstellung zu finden. Und viele viele Gespräche werden geführt, um Erinnerungen aufzufrischen, Kontakte zu finden und alles in ein Format zu bringen, mit dem diese Geschichtswerkstatt Vergangenheit zu einem lebendigen Dokument der Zeitgeschichte machen will, das auch für Schulen zur Verfügung gestellt werden kann.

Die Planungen für das AKW in Grohnde begannen Anfang der 1970er Jahre. 1974 legten über 12.000 Menschen Einsprüche gegen den Genehmigungsantrag ein. Am 3. und 4. Oktober 1974 fand der Erörterungstermin statt. Ohne sichtbare Auswirkungen: Am 8. Juni 1976 erteilte das Niedersächsische Sozialministerium die erste Teilerrichtungsgenehmigung zum Bau des AKW Grohnde.
Die Ausstellung: „Schlacht um Grohnde“ 19. März 1977, Hamelns Geschichte – abseits vom Rattenfänger soll vom 17. März – 7. April im Hamelner Münster zu sehen sein. Das gesamte Programm rund um die Geschichte des Widerstands gegen das AKW Grohnde ist hier zu finden. Ein Text zur Einführung und zum Hintergrund gibt es hier als PDF.
Noch heute führt die Auseinandersetzung mit den damaligen Ereignissen zur sehr lebendigen Reaktionen. Der BUND Hameln Pyrmont stellt auf seinen Seiten die geplanten Veranstaltungen vor und zeigt zahlreiche Videos. In einem Kommentar mahnt er aber auch in einer „persönlichen Bitte: Schaut nicht auf 1977 sondern schaut auf 2011“ und schreibt „Wir werden uns im nächsten Monat mit dem Jahrestag der „Schlacht um Grohnde“ beschäftigen. Die Aufmerksamkeit wird, so fürchte ich, auf die Bilder der „Schlacht“, die Gewalt am Zaun gelenkt werden. Meine Bitte: Schaut nicht auf die Gewalttäter und glorifiziert sie nicht. Die positiven Akteure sind die Organisatoren/Innen von friedlichen Protestformen.“
Meine Bitte: Macht euch selbst ein Bild, besucht die Ausstellung und die Veranstaltungen!

Militärische Motive der Atomenergienutzung in der frühen Bundesrepublik

Im Jahr 2000 veröffentlichte Roland Kollert aus Anlass des 40 jährigen Bestehens der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler (VDW) einen in der Folge heftig umstrittenen Beitrag zur Geschichte der Atomenergie in Deutschland. Vor allem die „Kerntechnische Gesellschaft“ griff den Beitrag massiv an. Die Studie war unter dem Titel „Atomtechnik als Instrument westdeutscher Nachkriegs-Außenpolitik – Die militärisch-politische Nutzung ‚friedlicher‘ Kernenergietechnik in der Bundesrepublik Deutschland“ (PDF) erschienen und umfasste 86 Seiten (dort ist sie inzwischen nicht mehr zu finden (beachte Hinweise unten! Siehe dafür hier). Darin zeigte der Autor auf, dass schon seit der Frühphase der Atomenergieentwicklung in der Bundesrepublik militärische Interessen eine große Rolle spielten. (Der Text ist hier auch direkt vom Server von umweltFAIRaendern.de downloadbar, PDF.)

In der Einleitung des Textes heißt es: „Roland Kollert zeigt in der vorliegenden Studie, daß von der Adenauer-Regierung mehr angestrebt worden ist als die Ausrüstung der jungen Bundeswehr mit taktischen Atomwaffen. Adenauer, Strauß u.a. waren darauf aus, eine bundesdeutsche Kapazität zur Produktion von Atomwaffen zu schaffen. Mit der Entwicklung der Atomtechnologie für zivile Zwecke wurde die militärische Option zunächst ermöglicht und später offengehalten.“ (S. 4)

Im Vorwort der Studie von Kollert für die VDW schreibt Wolfgang Liebert u.a.: „Schon die Ausgangshypothese von Kollerts gut recherchierter Arbeit beinhaltet Zündstoff: „Alle Regierungen, die je staatliche Programme zur zivilen Entwicklung von Nuklearforschung und Kerntechnik lancierten, verfolgten damit, zumindest zeitweise, außenpolitisch-militärische Ziele.“ Ist diese Behauptung für einzelne Länder wie Frankreich oder Israel kaum widerlegbar, so fordert sie Widerspruch im Falle Deutschlands heraus. Kollert belegt aber, daß die Bundesrepublik Deutschland ein weiteres Glied in der langen Kette von Ländern mit zivil-militärischen Dual-Use-Programmen im Nuklearbereich darstellt. Ein weiteres Lehrstück für eine mit langem Atem und wechselnden Details durchgehaltene Dual-Use-Strategie in der Forschungs- und Energiepolitik. Der zivile Deckmantel für militärtechnische Ambitionen wurde trefflich geschneidert.

Die Homepage der VDW wurde offenbar erneuert und daher haben sich bisherige Links verändert oder sind entfallen.

Das Besondere an Kollerts Arbeit ist, daß hier nicht nur historisches Material gewissenhaft aufgearbeitet wird. Kollert gelingt eine überzeugende, interdisziplinär geschulte Quellenhermeneutik, die politische und naturwissenschaftliche Hintergründe genauso berücksichtigt wie spezielle nuklear-technische Details. Auf dieser Basis gelingt der Indizienbeweis. Tatsächlich standen in den fünfziger und frühen sechziger Jahren forschungs- und technologiepolitische Weichenstellungen in direktem Zusammenhang mit dem regierungsamtlichen Kurs auf die deutsche Eigenproduktion von Kernwaffen. Kollert belegt die Dominanz des militärischen Motivs in der Entwicklung des deutschen Nuklearprogramms mit erheblichen Konsequenzen für die Folgejahrzehnte.“

Liebert fasst die wichtigen neuen Erkenntnisse von Kollert zusammen und kommt zu dem Ergebnis, dass es eine Revision bei der Bewertung der frühen deutschen Atompolitik geben müsse: „… so kann heute ein weit größeres Gewicht des militärischen Motivs, wenn nicht gar seine Dominanz mit der daraus folgenden ganz eigenen Rationalität angenommen werden.“

Außerdem stellt er den von Kollert dargelegten Wandel in der Thematisierung der militärischen Interessen dar. Mit Bezug auf den damaligen Euratom-Kommissar Krekeler (1960) und Wolf Häfele, dem damaligen Leiter des Schnellbrüterprojekts am Kernforschungszentrum Karlsruhe, fasst er zusammen: „Krekeler macht dem Kanzler (wahrheitsgemäß!) klar, daß jedes Land mit einer technologisch hochentwickelten nuklearen Energiewirtschaft ohne weiteres auch zur „militärischen Verwertung“ schreiten könne. Damit würde ein direktes Abzielen auf die Bombe selbst gar nicht mehr nötig. Häfele empfiehlt den Ausbau der Plutoniumtechnologie in all ihren Aspekten, insbesondere die Entwicklung des schnellen Brüters. Die Bundesrepublik solle darauf hinwirken, daß der Ausbau im Rahmen der internationalen Nichtverbreitungspolitik nicht verboten werde. Bekanntlich war das Brüterprojekt insofern zivil-militärisch ambivalent, als es Grundlagen-kenntnisse über schnell-kritische Anordnungen im Reaktor wie auch in Waffen geliefert hätte und beim Betrieb der Reaktoren waffentechnisch optimales Plutonium in großen Mengen angefallen wäre. Der Betrieb schneller Brutreaktoren macht, anders als im Fall von Leichtwasserreaktoren, Wiederaufarbeitung des Brennstoffs und Zugriff auf Plutonium zwingend.

Es wird also nicht die Abkehr von militärtechnologischen Ambitionen empfohlen. Ein atomtechnologischer Stand im zivilen Bereich sollte angestrebt werden, der jederzeit die Schwelle des Zugriffs auf Atomwaffen überschreiten konnte (wenn dies politisch gewollt sein sollte). Bei Häfele findet sich auch der Hinweis, daß bereits aus dieser Tatsache außenpolitisches Kapital geschlagen werden könne, ohne den direkten Kernwaffenbesitz erreichen zu müssen. Kennzeichnenderweise wird Häfele später im Auftrag des Kabinetts Brandt eine entsprechende Aufweichung der Entwürfe für den nuklearen Nichtverbreitungsvertrag mitbewirken. Deutschland bleibt bzw. wird „Atomwaffenmacht auf Wartestand“ – trotz aller Bekundungen eines endgültigen Verzichts.“

Dass diese nur schwer erkennbar waren, lag an den internationalen Rahmenbedingungen nach dem verlorenen Zweiten Weltkrieg. Deutschland war bis Mitte der 1950er Jahre die Atomforschung gänzlich untersagt. Erst ab 1955 durfte die Bundesrepublik offiziell die Atomforschung wieder betreiben, allerdings durfte sie auf eigenem Staatsgebiet nicht an der Atomwaffe forschen. Die Verzichtserklärung der Bundesrepublik umfasst jedoch nur die Entwicklung und Herstellung von Atomwaffen auf dem eigenen Staatsgebiet, nicht im Ausland.

Unter diesen Bedingungen hätten die bundesdeutsche Politik und Wissenschaftler einen Sprachcode entwickelt, der nie direkt militärische Interessen an der Atomenergie benannte, sondern eher in Anspielungen, Andeutungen oder offenen Formulierungen diese Interessen in einer Art Nebel umschreibt. Ein Code, den aber Beteiligte zu dechiffrieren wussten.

Siehe dazu insbesondere auch: Philipp Sonntag – Diplomatische und demokratische Anforderungen an Geheimhaltung bei Atomrüstung (auf diesem Server, PDF; außerdem bei VDW: Philipp Sonntag: Die Nähe zu einer deutschen Atomrüstung trotz der Aktion der Göttinger 18 – in der Spannung zwischen Wissenschaftlichkeit und Geheimhaltung, PDF)

Wichtige Hinweise:

Erstens:

  • Hier werden längere Passagen aus der Arbeit von Roland Kollert ausführlich wiedergeben. Dies auch in der Absicht, im Internet derzeit (noch) vorhandene Quellen zusätzlich verfügbar zu halten. Zusätzlich wird die Arbeit von Kollert auch in einer Kopie auf diesem Server verfügbar gemacht. Der Grund für dieses Vorgehen ist, dass immer wieder auch wichtige Quellen aus dem Internet verschwinden. So ist z.B. die Homepage von Heiko Petermann, der mit Rainer Karlsch über das „Für und Wider zu Hitlers Atombombe“ publizierte und zahlreiche Hintergrundtexte online gestellt hatte, nicht mehr im Netz verfügbar. Die Gründe dafür sind mir unbekannt. Viele Fachautoren haben auf diese Internet-Quelle verlinkt – und laufen nun ins Leere. Das soll durch die hier gewählte Vorgehensweise zumindest reduziert werden.
  • Für alle hier genannten Autoren gilt: Es ist in jedem Fall lohnenswert, das jeweilige Original selbst zu lesen. Dies insbesondere auch, weil hier nicht all die wichtigen in Fußnoten verpackten Hinweise im Einzelnen wiedergeben werden. Diese enthalten nicht nur wertvolle Quellenhinweise, sondern immer wieder auch wichtige zusätzliche Hinweise.
  • In der Studie von Roland Kollert, die hier teilweise ausführlich dargestellt wird, wird immer wieder auch auf ein weiteres wichtiges Werk hingewiesen: Roland Kollert, „Die Politik der latenten Proliferation – Militärische Nutzung „friedlicher“ Kerntechnik in Westeuropa“, 1994. (Link zu Google-Books)
  • Zur Debatte um Kollert und die Folgen bei VDW siehe auch: „Keine deutsche Atomrüstung – trotz intensiver Bemühungen – Philipp Sonntag“ (bei VDW, PDF, siehe außerdem Abschlussbericht: „Methodeneinheit und Methodendifferenz in den Kultur-, Sozial- und Naturwissenschaften“ und weiter unten weitere Links dazu.)

Zweitens:

Oben genanntes Problem entsteht z.B. immer wieder auch, wenn Internetseiten modernisiert werden und bisherige Inhalte dabei nicht übernommen werden. So auch offenbar beim VDW. Dort wurden Inhalte zur genannten Debatte in ein Verzeichnis „Alt“ verschoben und sind daher unter den bisherigen Links nicht mehr erreichbar. umweltFAIRaendern dokumentiert die in diesem Alt-Verzeichnis derzeit online verfügbaren Texte.

VDW-Materialien 1/2000

— Die folgenden Texte dokumentieren einen fortdauernden Diskurs innerhalb der VDW. Der VDW-Vorstand kommt mit der Veröffentlichung dem ausdrücklichen Wunsch einiger Mitglieder nach. —
Die Geschichte der VDW begann mit der Mitteilung der „Göttinger 18“ Atomphysiker an Konrad Adenauer sowie Franz Josef Strauß, dass sie nicht bereit sind, Atombomben zu bauen. Die Wutausbrüche von Franz Josef Strauß gegenüber unseren frühesten Mitgliedern sind bekannt. Die Texte von Roland Kollert und Philipp Sonntag weisen auf Anhaltspunkte hin, dass Franz Josef Strauß deutsche Institute und Firmen bei der Vorbereitung zu einer deutschen Atomrüstung unterstützt hat, indem er ihnen unter dem Schutz besonders strikter Geheimhaltung Aufträge zu Entwicklung und Bau einer israelischen Atomrüstung verschafft hat. Die politische Entscheidung zu einer deutschen Atomrüstung wurde jedoch niemals getroffen, woran die VDW einen wesentlichen Anteil hatte. Diffizil zu bewerten – nicht zuletzt wegen intensiver Geheimhaltung –  ist die Rolle der deutschen Kerntechniker in den verschiedenen Institutionen und Firmen, eine abschließende Aussage hierzu ist nicht vorgesehen. Aktuell relevant – siehe die Diplomatie zur Kerntechnik im Iran – ist vielmehr die Frage, welche Bedeutung bestimmte Formen ziviler Kerntechnik (eventuell als wissenschaftlich und/oder kommerziell verschleierte Vorbereitung)  für eine spätere, unter Umständen sehr schnell aufbaufähige Atomrüstung haben können. Die Parallele zum gezielten Engagement von Franz Josef Strauß gibt hierzu Anhaltspunkte. [Philipp Sonntag]

Roland Kollert
Atomtechnik als Instrument
westdeutscher Nachkriegs-Außenpolitik

Die militärisch-politische Nutzung „friedlicher“
Kernenergietechnik in der Bundesrepublik Deutschland (siehe auch hier direkt) PDF!

Abschlussbericht: „Methodeneinheit und Methodendifferenz in den Kultur-, Sozial- und Naturwissenschaften“ (siehe auch hier direkt) PDF

Philipp Sonntag
„Die Nähe zu einer deutschen Atomrüstung trotz der Aktion der Göttinger 18 –
in der Spannung zwischen Wissenschaftlichkeit und Geheimhaltung“
(2013) (siehe auch hier direkt) PDF

Kurzfassung: „Keine deutsche Atomrüstung – trotz intensiver Bemühungen“ (2013) (siehe auch hier direkt) PDF

World Nuclear Industry Status Report 2016 – „Atomindustrie auf dem absteigenden Ast“

mschneiderkemfertharmsfuechsGlaubt man den Propaganda-Abteilungen interessierter Unternehmen und Einrichtungen, steht der Atomenergie weltweites Wachstum bevor. Bei genauerem Hinsehen ist das aber gar nicht der Fall. Lediglich dem Umstand immer neuer Laufzeitverlängerungen und damit immer mehr überalterter Reaktoren hat es die Atomwirtschaft zu verdanken, dass das eigentliche Ende noch überdeckt werden kann. Die Journalistin Juliane Dickel berichtet von einer Veranstaltung der Heinrich-Böll-Stiftung mit dem Titel „Gestresst und gespalten: Die Lage der Atomindustrie weltweit“, auf der der Pariser Atomexperte Mycle Schneider den im Juli veröffentlichten „World Nuclear Industry Status Report 2016“ (Bericht über den Zustand der weltweiten Atomindustrie) präsentierte. Für Schneider ist klar: „Die Atomindustrie hat ihren Zenit Ende der 80er Jahre gehabt und somit lange überschritten.“

 

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