Wille zur Wende – IG Metall Vize zur Energiewende

Energieverschwendung im Bild: Die Kühltürme des Vattenfall-Braunkohlekraftwerks Jänschwalde/Cottbus

In der aktuellen Ausgabe der IG Metall-Zeitung äußert sich IG Metall-Vize Detlef Wetzel zur Energiewende und warum die größte deutsche Einzelgewerkschaft sich in den nächsten Monaten verstärkt mit ihr befassen will. Die IG Metall-Zeitung finden sie auch online hier (PDF), das Interview steht auf Seite 8f. Die Fragen stellte Sylvia Koppelberg.

Was hat die IG Metall vor? „Wille zur Wende – IG Metall Vize zur Energiewende“ weiterlesen

Störfälle in den älteren deutschen Atomkraftwerken (Stand: 2009)

Die folgenden Daten sind vom Stand 2009 und hier zu Archivzwecken veröffentlich:

Anzahl Störfälle in den sieben ältesten AKW und Krümmel seit Inbetriebnahme    

Reaktor

Inbetrieb

nahme

Summe seit Inbetriebnahme bis Ende Sept. 2008

Betriebsjahre bis 2009

KKB

Jun 76

455

33

KKK

Sep 83

313

26

GKN 1

Mai 76

418

33

Biblis A

Jul 74

405

35

Biblis B

Mrz 76

398

33

KKI-1

Nov 77

270

32

KKU

Sep 78

320

31

KKP-1

Mrz 79

325

30

Summe: 2904

Abkürzungen:

KKB: Brunsbüttel, KKK: Krümmel, GKN1: Neckarwestheim1,

KKI-1: Isar 1, KKU: Unterweser, KKP-1: Philippsburg 1

Vollständige Liste aller Störfälle in deutschen Atomreaktoren seit Inbetriebnahme (Quelle: BfS)

Kernkraftwerke (in Betrieb)TypElektr. Leistung
(brutto) MW
Jahr der Inbetrieb­nahme (Erstkriti­kalität)Jahr der endgültigen AbschaltungAnzahl Ereignisse seit der Inbe­triebnahme1)
GKN-1Kernkraftwerk Neckarwestheim 1DWR8401976420
GKN-2Kernkraftwerk Neckarwestheim 2DWR1400198878
KBRKernkraftwerk BrokdorfDWR14801986206
KKBKernkraftwerk BrunsbüttelSWR8061976457
KKEKernkraftwerk Emsland, LingenDWR14001988116
KKGKernkraftwerk GrafenrheinfeldDWR13451981215
KKI-1Kernkraftwerk Isar 1, EssenbachSWR9121977273
KKI-2Kernkraftwerk Isar 2, EssenbachDWR1475198870
KKKKernkraftwerk KrümmelSWR14021983316
KKP-1Kernkraftwerk Philippsburg 1SWR9261979333
KKP-2Kernkraftwerk Philippsburg 2DWR14581984179
KKUKernkraftwerk Unterweser, EsenshammDWR14101978328
KRB-II-BKernkraftwerk Gundremmingen BSWR13441984102 + 72)
KRB-II-CKernkraftwerk Gundremmingen CSWR1344198495
KWB-AKernkraftwerk Biblis ADWR12251974413 + 42)
KWB-BKernkraftwerk Biblis BDWR13001976410
KWGKernkraftwerk GrohndeDWR14301984211
Kernkraftwerke (außer Betrieb)TypElektr. Leistung
(brutto) MW
Jahr der Inbetriebnahme
(Erstkritikalität)
Jahr der endgültigen AbschaltungAnzahl Ereignisse seit der Inbe­triebnahme1)
AVRArbeitsgemeinschaft Versuchsreaktor JülichHTR151966198878
KKRKernkraftwerk RheinsbergDWR7019661990363)
KKSKernkraftwerk StadeDWR67219722003316
KMKKernkraftwerk Mülheim-KärlichDWR130219862001 4)180
KNK-IIKompakte natriumgekühlte Kernanlage, Eggenstein-LeopoldshafenSNR2119771991129
KRB-AKernkraftwerk Gundremmingen ASWR2501966197726
KGR-1-5Kernkraftwerk GreifswaldDWRje 4401973 bis 1989199087 3)
KWLKernkraftwerk LingenSWR2681968197730
KWOKernkraftwerk ObrigheimDWR35719682005267
KWWKernkraftwerk WürgassenSWR67019711994278
MZFRMehrzweckforschungsreaktor, Eggenstein-LeopoldshafenDWR571965198446
THTR-300Thorium-Hochtemperaturreaktor, Hamm-UentropHTR30819831988125
VAKVersuchsatomkraftwerk KahlSWR161960198534

1) Stand: 30.09.2009
2) Ereignisse in gemeinsamen Einrichtungen der Doppelblockanlage
3) Ereignisse ab dem 03.10.1990
4) Stillstand bereits seit 1988 infolge Gerichtsbeschluss

Abkürzung der Reaktortypen:

DWRDruckwasserreaktor
HTRHochtemperaturreaktor
SNRSchneller Brutreaktor
SWRSiedewasserreaktor

MOX-Transporte – Plutonium auf Reisen

Dirk Seifert, September 2009: Zur Herstellung von Uran-Brennelementen muß das Uran in den Minen verladen und zur Herstellung von Urandioxid transportiert werden. Anschließend wird es zu Herstellung von Uranhexafluorid auf die Weiterreise gebracht. Von hier aus geht es zur Uran-Brennelement-Herstellung (in Deutschland ist das die ANF in Lingen). Anschließend erfolgt der Transport in das jeweilige AKW. Die dann bestrahlten hochradioaktiven Brennelemente werden nach einer Zeit im Abklingbecken des AKW in Castorbehälter verpackt und auf dem Betriebsgelände in ein so genanntes dezentrales Zwischenlager gebracht. Bis zum Jahr 2005 wurden die bestrahlten Brennelemente in die Wiederaufarbeitung nach Frankreich und Endland transportiert. Nach der Abtrennung des beim Reaktoreinsatz neu entstanden Plutoniums wird dieses später zu so genannten Mischoxid-Brennelementen verarbeitet, die dann wieder in den Atomreaktoren zum Einsatz kommen.

Kontrolle von UF6-Behältern im Hamburger HafenZur Ver- und Entsorgung der Atomkraftwerke sind eine Vielzahl von Atomtransporten erforderlich. Die gefährliche Fracht geht über Autobahnen, Bundes- und Kreisstraßen, per Schiff und Bahn auf die Reise und dabei auch immer wieder durch dichtbesiedelte Wohngebiete.Von Atomtransporte mit Plutoniumbrennstoff und Uranhexafluorid gehen erhebliche Gefahren für die Bevölkerung aus, sollte es zu Unfällen kommen. Evakuierungen und Todesfälle wären die Folge. Auch wegen dieser Gefahrenpotentiale beim Transport radioaktiver Stoffe setzt sich ROBIN WOOD für den Ausstieg aus der Atomenergie ein.

Zur Herstellung von Uran-Brennelementen muß das Uran in den Minen verladen und zur Herstellung von Urandioxid transportiert werden. Anschließend wird es zu Herstellung von Uranhexafluorid auf die Weiterreise gebracht. Von hier aus geht es zur Uran-Brennelement-Herstellung (in Deutschland ist das die ANF in Lingen). Anschließend erfolgt der Transport in das jeweilige AKW. Die dann bestrahlten hochradioaktiven Brennelemente werden nach einer Zeit im Abklingbecken des AKW in Castorbehälter verpackt und auf dem Betriebsgelände in ein so genanntes dezentrales Zwischenlager gebracht. Bis zum Jahr 2005 wurden die bestrahlten Brennelemente in die Wiederaufarbeitung nach Frankreich und Endland transportiert. Nach der Abtrennung des beim Reaktoreinsatz neu entstanden Plutoniums wird dieses später zu so genannten Mischoxid-Brennelementen verarbeitet, die dann wieder in den Atomreaktoren zum Einsatz kommen.

Der größte Teil, der bei der Wiederaufarbeitung abgebrannter Brennelemente entsteht ist hochradioaktiver Atommüll- für den es bis heute keine dauerhaft sichere Lagermöglichkeit gibt. Regelmäßig kommt dieser Atommüll in Castorbehältern verpackt in das Zwischenlager nach Gorleben. Der nächste dieser höcht gefährlichen Transporte nach Gorleben soll im Herbst 2010 stattfinden.

MOX – Plutoniumtransporte Stoppen!

Aus dem britischen Atomzentrum Sellafield sollen demnächst plutoniumhaltige MOX-Brennelemte (MOX: Mischoxid, Mischung aus Uran- und Plutoniumoxid) zum Atomkraftwerk Grohnde geliefert werden. Die Anlieferung soll per Spezial-LKW und Schiff von England nach Deutschland erfolgen. Nachdem Cuxhaven und Bremen/Bremerhaven einen Umschlag dieser gefährlichen Fracht in ihren Häfen abgesagt haben, suchen die Betreiber laut einer Mitteilung des Bundesamtes für Strahlenschutz nun „Alternativrouten“ für den Plutoniumtransport. Die Transportstrecken gelten als geheim. Es ist nicht auszuschließen, dass die Betreiber auch einen Umschlag in Hamburg erwägen. Eine Genehmigung für den Transport der vorerst acht MOX-Brennelemente liegt bislang nicht vor.

Herkunft des Plutoniums

Üblicherweise werden in Atomreaktoren Brennelemente aus Uran eingesetzt. Die MOX-Brennelemente enthalten demgegenüber eine Mischung aus Uran und Plutonium. Dieses Plutonium ist bei der so genannten Wiederaufarbeitung von abgebrannten Brennelementen entstanden. Angesichts einer bis heute fehlenden Möglichkeit zur dauerhaften sicheren Lagerung des beim Betrieb von Atomkraftwerken anfallenden Atommülls, wurde in Deutschland bis zum Jahr 2005 die Wiederaufarbeitung als so genannter Entsorgungsnachweis anerkannt. Die hochradioaktiven Brennelemente wurden in Castortransporten in die Wiederaufarbeitungsanlagen (WAA) ins französische La Hague und ins britische Sellafield transportiert. Beide Anlagen wären nach deutschem Atomrecht nicht genehmigungsfähig. In der Umgebung dieser Anlagen sind hohe Konzentrationen von radioaktiven Abgaben, darunter auch das hochgefährliche Plutonium, festgestellt worden. Bei der Wiederaufarbeitung der Brennelemente aus den deutschen Atomreaktoren entsteht neben dem Plutonium (und Uran) eine große Menge hochradioaktiver Atommüll. Dieser wird seit Jahren in Glas verschmolzen und per Castortransporten zur Zwischenlagerung nach Gorleben transportiert. Das anfallende Plutonium wird nach der Abtrennung zu MOX-Brennelementen verarbeitet. Rund die Hälfte der derzeit noch 17 in Betrieb befindlichen AKWs verfügt über eine Genehmigung zum Einsatz solcher Brennelemente.

Deutschland hat Plutoniumwirtschaft beendet

In Deutschland sind Pläne für eine Plutoniumwirtschaft in den 80er und 90er Jahren vollständig eingestellt worden. Die in Wackersdorf geplante WAA ist nach heftigen Auseinandersetzungen um die ökologischen Risiken schließlich aus wirtschaftlichen Gründen aufgegeben worden. Eine in Hanau von Siemens im Bau befindliche MOX-Brennelemente-Fabrik wurde nicht fertiggestellt. Der Schnelle Brüter in Kalkar, der zur Plutoniumherstellung vorgesehen war, ist nach jahrelangen heftigen Auseinandersetzungen nicht fertiggestellt worden. Der Transport der Brennelemente aus deutschen Reaktoren in die Wiederaufarbeitung ist im Jahr 2005 beendet worden. An den Atomkraftwerken sind so genannte dezentrale Zwischenlager eingerichtet worden, in denen die abgebrannten Brennelemente angesichts einer fehlenden Endlagerung in Castorbehältern lagern.

Transport-Risiken bei MOX

Der Transport von MOX-Brennelementen birgt gegenüber herkömmlichen Brennelement-Transporten zusätzliche Risiken. MOX-Brennelemente werden daher in gepanzerten Spezial-LKWs transportiert. Die Brennelemente selbst befinden sich einem Spezialbehälter.

Das Bundesamt für Strahlenschutz stellt in einer Broschüre aus dem Jahr 2000 zu den Risiken von MOX-Transporten fest: „Im Vergleich zu abgebrannten Brennelementen geben sie nur eine vergleichsweise geringe Strahlung ab. Das gilt auch für Uran-Plutonium-Mischoxid (MOX)-Brennelemente. Das darin enthaltene Plutonium aber darf keinesfalls in die Umwelt gelangen, da das Einatmen schon kleinster Mengen Lungenkrebs hervorrufen kann. (S. 8) Eine Freisetzung kann z.B. über ein länger anhaltendes Feuer mit hohen Temperaturen erfolgen.

Risiken bei der Herstellung

Die Wiederaufarbeitung von abgebrannten Brennelementen ist ein äußerst „dreckiger“ Verfahrensschritt auf dem Weg zur Herstellung von MOX-Brennelementen. Die radioaktiven Ableitungen über die Luft und über das Wasser sind um ein vielfaches höher als bei Atomkraftwerken und haben zu einer deutlichen Belastung des Ärmelkanals (La Hague) und der Irischen See (Sellafield) geführt. In der Umgebung beider Anlagen werden erhöhte Plutonium-Werte gemessen.

Das Plutonium wird in einem sehr komplexen chemischen Verfahren aus den hochradioaktiven Brennelementen abgetrennt. Gegenüber der Herstellung von Brennelementen aus Natur-Uran ist die Verarbeitung von Plutonium besonders gefährlich.  Aufgrund der besonders intensiven Alpha-Strahlung des Plutoniums muss die Verarbeitung unter extrem hohen Sicherheitsanforderungen und Abschirmungen erfolgen.

Vor allem in der britischen WAA Sellafield (THORP) hat es immer wieder schwere Störfälle gegeben, die zum Jahrelangen Stillstand der Anlage führten. So wurde im Mai 2005 bekannt, dass es in einer Rohrleitung zu einer Leckage gekommen war, die monatelang nicht bemerkt worden ist und erst Wochen nachdem diese entdeckt wurde, der Öffentlichkeit mitteilt wurde. Monatelang waren insgesamt über 80.000 Liter einer hochradioaktiven, aus Salpetersäure, Uran und Plutonium bestehenden Flüssigkeit in einem Teil der Anlage gelaufen und führten zu einer erheblichen Kontamination. Mindestens 200 Kilogramm Plutonium haben sich laut Presseberichten in dieser Lösung befunden. Die Anlage musste drauf hin stillgelegt werden und ist erst vor kurzem wieder angefahren worden. Doch die Probleme gehen weiter. Britische Zeitungen berichteten im Mai 2009, dass es möglicherweise erneut zu einer mehrjährigen Abschaltung kommen könnte, weil es immer wieder zu neuen technischen Schwierigkeiten, vor allem an drei Verdampferanlagen, kommt.

Aber auch die Herstellung von MOX-Brennelementen selbst ist technisch überaus komplex und störanfällig. Eine Vielzahl technischer Probleme haben dazu geführt, dass die MOX-Anlage in Sellafield weit unter den geplanten Kapazitäten arbeitet: Im April 2009 veröffentliche die britische Zeitung Independent, dass in der MOX-Anlage Sellafield in den sieben Jahren seit Inbetriebnahme insgesamt nur 6,3 Tonnen Brennstoff hergestellt wurden. Die Anlage war im Oktober 2001 in Betrieb gegangen.

Nach bislang vorliegenden Informationen sind seit der Inbetriebnahme lediglich 12 MOX-Brennelemente für das Schweizer Kraftwerk in Beznau hergestellt und ausgeliefert worden. 2007 wurde mit der Brennelementherstellung für das AKW Grohnde begonnen. Bis zum August 2008 sollen allerdings lediglich drei MOX-Brennelemente fertiggestellt worden sein.

Laut Presseberichten sollten noch in diesem Herbst 2009 zunächst acht MOX-Brennelemente, offenbar in zwei Spezial-LKWs per Schiff über Cuxhaven nach Grohnde gehen.  Denkbar ist aber auch, dass – sofern noch ein viertes MOX-Brennelement in Sellafield fertig gestellt wird, zunächst nur vier MOX-BEs ausgeliefert werden.

Die taz berichtete am 12.8.2009, das nach Angaben der britischen Anti-Atom-Organisation CORE der so genannte Grohnde-Vertrag die Herstellung von insgesamt 64 MOX-Brennelementen und deren Lieferung an das niedersächsische AKW regelt. Weitere 44 MOX-Elemente seien in Sellafield für das AKW Brokdorf an der Unterelbe bestellt worden.

Erhöhte Risiken beim MOX-Einsatz im Reaktor

Der Einsatz von MOX-Brennelementen in Atomkraftwerken ist im Vergleich zu herkömmlichen Uran-Brennelementen riskanter. Abgebrannte MOX-Brennelemente strahlen wesentlich stärker als abgebrannte Uran-Brennelemente. Somit sind die bestrahlten MOX-Brennelemente komplizierter zu handhaben und die Strahlenbelastung für die Beschäftigten ist größer.

Aus physikalischen Gründen reduziert der Einsatz von MOX-Brennstoff die Wirksamkeit der Steuerstäbe, macht den Reaktor instabiler und erhöht das Risiko, dass ein Unfall zur Katastrophe wird. Für den Betrieb eines AKW ist die Steuerung und Moderation des Neutronenflusses von entscheidender Bedeutung, um sowohl eine unkontrollierte Kettenreaktion oder auch eine unbeabsichtigte Unterbindung der Kettenreaktion zu verhindern. MOX-Brennelemente erschweren aber aufgrund ihrer neutronenabsorbierenden Eigenschaften die Steuerung und reduzieren die Wirksamkeit der Neutronenabsorber gegenüber Uran. Da die Wirkung der Neutronenabsorberstäbe, die den Neutronenfluss im Reaktor regeln, nachlässt, wird beispielsweise in Frankreich die Anzahl dieser Stäbe erhöht. Außerdem wird der Einsatz von Borsäure erhöht, mit dessen Hilfe ebenfalls der Neutronenfluss reguliert wird.

Anlagen zur MOX-Fertigung

Die wichtigsten Anlagen zur Herstellung von MOX-Brennelementen befinden sich in Frankreich (Anlage Melox, Marcoule) und Großbritannien (Anlage SMP, Sellafield). Die Fertigung in Hanau wurde 1991 durch das Hessische Umweltministerium verboten, der Neubau einer größeren Anlage 1995 durch Siemens eingestellt.


Schwere Atomunfälle International

Pannen und Störfälle, die häufig auch zu Notabschaltungen des gesamten Reaktors führen, sind in den deutschen Atomkraftwerken an der Tagesordnung. Allein in den Monaten Juli – September 2008 hatten die deutschen Atommeiler 21 Störfälle zu melden. im Jahr 2007 waren es insgesamt 118 Störfälle. Insgesamt 20 weitere Störfälle ereigneten sich in Anlagen zur Ver- und Entsorgung von radioaktiven Materialien. Das Bundesamt für Strahlenschutz führt eine Statistik über die Unfälle und Pannen, die Sie hier einsehen können.

Automatische Notabschaltungen sind eine schwere Belastung und Herausforderung für die Technik und Materialien in einem Atomreaktor. Innerhalb kürzester Zeit muß ein AKW bei einer solchen Notabschaltung von Volllastbetrieb auf Null runter gefahren und die Kettenreaktion zuverlässig unterbrochen werden. Zahlreiche Sicherheitseinrichtungen müssen automatisch angefahren, die Wärme im Reaktor abgeführt und die Kühlung aufrecht erhalten werden. Ein Vorgang, der mit einem voll beladenen LKW verglichen werden kann, der mit einer Vollbremsung auf der Autobahn zum stehen gebracht werden muß.

Doch immer wieder kommt es auch zu außerordentlich schweren Störfällen, die deutlich machen, dass das Risiko der Atomenergie nicht zu beherrschen ist und die gravierende Auswirkungen für Mensch und Umwelt haben.

Einige der herausragenden Beispiele führen wir im Folgenden auf:

Super-GAU in Tschernobyl

Am 26. April 1986 um 1 Uhr 23 explodierte der Atomreaktor des Block 4 in Tschernobyl und löste damit den bisher schwersten Super-GAU in der Geschichte der Atomenergienutzung aus. Eine radioaktive Wolke zog über weite Teile der ehemaligen Sowjetunion und über Europa.

Im Jahre 2006 ist noch eine Fläche von 150.000 Quadratkilometern radioaktiv verseucht, die sich über die heutige Ukraine, Weißrussland und Russland erstreckt. Obwohl das ganze Ausmaß der gesundheitlichen Folgen dieser Katastrophe nie ganz geklärt werden kann, schätzen WissenschaftlerInnen die Zahl der zu erwartenden Todesopfer auf 66.000 bis 150.000. Hunderttausende von der Strahlung betroffene Menschen leiden an zum Teil schweren Krankheiten. Auch in Westeuropa kam es in der Folge des Tschernobyl-Unfalls zu einem signifikanten Anstieg von Fehlbildungen und frühem Versterben bei Neugeborenen.

Trotz dieser Erkenntnisse rechnen internationale Organisationen wie die IAEA die Zahlen bewusst klein und verharmlosen die Gefahren der Atomenergie.

Bricht der damals in alle Eile errichtete Betonmantel – der so genannten Sarkophag, kann der noch immer hochradiaktive Inhalt des Reaktors für eine weitere Katastrophe sorgen. Tschernobyl macht klar, dass die Risiken der Atomenergie unverantwortlich sind und alle Atomkraftwerke stillgelegt werden müssen!

Laut Meldungen der Nachrichtenagentur AFP vom 23. April 2008 soll nun zunächst ein Atommüll-Lager und eine Wiederaufbereitungsanlage am Unglücksort errichtet werden.

Atomkatastrophe – Harrisburg war nur der Anfang

Am 27. März jährt sich zum 30. Mal die Atomkatastrophe in dem AKW Three Mile Island in Harrisburg. Nach einem Störfall kommt es zu einer teilweisen Kernschmelze. Um haaresbreite gelingt es den Techniker, den Super-Gau zu verhindern. Die Reaktorkatastrophe von Harrisburg war der Anfang vom Ausstieg aus der Atomenergie. In den USA bracht das Atomprogramm zusammen, Schweden beschloss den Ausstieg… Was passierte damals in Harrisburg? Und wie ist die aktuelle Situation heute? Lesen Sie mehr…

Atomexplosion im japanischen Tokaimura

Am 30. September 1999 kommt es in der japanischen Urananlage in Tokaimura zu einem überaus schweren Unfall, den die Internationale Atomenergiebehörde inzwischen in die Stufe fünf der bis zu Stufe sieben reichenden Skala eingeordnet hat. Aufgrund von zahlreichen Handhabungsfehler kommt es in der Anlage zu einer unkontrollierten Kettenreaktion. Zahlreichen ArbeiterInnen und Menschen in der Umgebung der Anlage werden radiaktiv belastet.

Mehr über den Unfallverlauf in Tokaimura aus der Monatszeitung ak – analyse und kritik

Forsmark, Schweden: Atomarer Blindflug

Am 25. Juli 2006 schrammt Nordeuropa nur knapp an einer atomaren Katastrophe vorbei. In dem von Vattenfall betriebenen Atommeiler Forsmark springt nach einem Kurzschluß die gesamte Notstromversorgung nicht an. Die Reaktormannschaft betreibt das Atomkraftwerk für fast eine halbe Stunde im Blindflug – ohne jede Information über die tatsächliche Lage im Reaktor.

Mehr bei Telepolis und aus Süddeutsche Rundschau

Brunsbüttel 2001: Wasserstoff-Explosion im Reaktor

Den vorläufigen Höhepunkt seiner Störfallserie erreichte das AKW Brunsbüttel am 14. Dezember 2001 mit dem wohl schwersten Störfall, der sich in den letzten 20 Jahren in einem deutschen Atomkraftwerk ereignete. Eine Knallgasexplosion zerfetzte ein 10 cm dickes Stahlrohr in unmittelbarer Nähe des Reaktordruckbehälters. Bruchstücke des Rohres flogen wie Geschosse umher und richteten auch in der Umgebung Schäden an. Glücklicherweise wurden keine sicherheitsrelevanten Einrichtungen getroffen. Nur ein einfaches Rückschlagventil, das bei der Explosion zudem beschädigt wurde, verhinderte das Ausströmen des unter hohem Druck stehenden radioaktiven Dampfes. Das Ausströmen hätte den Verlust von Kühlmittel bedeutet, was zu einer Kernschmelze, also dem Super-GAU, führen kann. Ein „Tschernobyl in klein“ – dieselbe Explosion zwei Meter weiter, und man hätte für nichts mehr garantieren können.

Der Betreiber legte im Umgang mit dem Störfall ein Besorgnis erregendes Sicherheitsverständnis an den Tag. Obwohl Signale in der Leitwarte den Störfall anzeigten und sie auch die Erschütterung durch die Explosion registrierten, wurde eine vergleichsweise harmlose Leckage angenommen – ein Ventil abgesperrt – und der Reaktor weiter betrieben. Ein klarer Fall von „Profit vor Sicherheit“. Erst zwei Monate später, als die Aufsichtsbehörde Bedenken hatte und auf eine Inspektion drängte, wurde entdeckt, was wirklich passiert war, und der Reaktor endlich abgeschaltet. Die Aufsichtsbehörde leitete daraufhin eine umfangreiche Untersuchung ein – wegen der offensichtlichen technischen Defizite und auch wegen Zweifeln an der Zuverlässigkeit des Betreibers und der Fachkunde der zuständigen Personen. Eigentlich Gründe genug, die Anlage endgültig stillzulegen – trotzdem wurden nur einige technische und organisatorische Änderungen vorgenommen, einige verantwortliche Personen entlassen und der Reaktor am 26.3.2003, nach 13 Monaten Stillstandszeit, wieder in Betrieb genommen.

Im Zuge der Untersuchungen wurde auch entdeckt, dass dies nicht die erste Explosion im Reaktor war: Irgendwann vor 1992 war es in der gleichen Leitung, in dem Bereich, der nicht durch das Rückschlagventil abgesperrt ist, unbemerkt schon einmal zu einer etwas kleineren Knallgasexplosion (im Jargon der Betreiber harmlos klingend „Radiolysegasreaktion“) gekommen, die das Rohr jedoch glücklicherweise „nur“ verformt hatte.

Bericht der Landesregierung Schleswig-Holstein (PDF) zu diesem Störfall.

Brunsbüttel 1978: Stundenlang dringt radioaktiver Dampf in die Umwelt

18. Juni 1978: Zwei Jahre nach der Inbetriebnahme des AKW Brunsbüttel kommt es zum Abriss eines Blindstutzen. Über mehrere Stunden gelangen 100 Tonnen leicht radioaktiven Dampfes zunächst ins Maschinenhaus des Kernkraftwerks, dann über Druckentlastungskappen und den Abluftkamin ins Freie. Der Störfall wird tagelang vertuscht und erst ein anonymer Anrufer sorgt dafür, dass die Öffentlichkeit von diesem schweren Störfall erfährt. Der Betriebsführer muß später seinen Hut nehmen, als bekannt  wurde, dass die Reaktormannschaft versucht hatte, die automatische Notabschaltung des Reaktors durch Manipulationen zu verhindern.Zwei Jahre bleibt der Reaktor abgeschaltet.

Das Hamburger Abendblatt schrieb 1980 dies

Biblis: Ahnungslos auf dem Weg zum Super-Gau

Am 16.-17. Dezember 1987 schrammte das AKW Biblis-A bei einem Kühlmittelverlust-Störfall nur knapp an einem Super-GAU vorbei – einer der schwersten Störfälle in der Geschichte der Atomkraft in Deutschland. Ein Ventil, das das unter hohem Druck stehende radioaktive Kühlwasser des Primärkreislaufes vom Notkühlsystem trennt, versagte beim Anfahren des Reaktors und schloss nicht, was von der Betriebsmannschaft aber über 16 Stunden lang nicht bemerkt wurde. Eine leuchtende Warnlampe auf der Leitwarte wurde von zwei aufeinander folgenden Schichten die ganze Zeit entweder übersehen oder für einen Defekt der Anzeige gehalten. Erst die dritte Schicht bemerkte den Fehler.

Statt den Reaktor sofort herunterzufahren, versucht die Betriebsmannschaft mit einem Trick, das Ventil zu schließen. Ein Kontrollventil, dass den Primärkreislauf von einer Messleitung trennt, die für den hohen Druck nicht ausgelegt ist, wird absichtlich geöffnet, um das defekte Ventil „durchzuspülen“, was aber misslang. In der Folge strömten 107 Liter radioaktives Kühlwasser aus, gelangten über die Messleitung in den Ringraum außerhalb des Sicherheitsbehälters und von dort in die Atmosphäre. Nur durch Glück gelang es, das Kontrollventil gegen den hohen Druck wieder zu schließen. Wäre das nicht gelungen, hätte die Messleitung wegen des hohen Druckes platzen können, und ein Verlust großer Mengen Kühlmittel wäre unvermeidlich gewesen. Ein solcher Kühlmittelverlust kann zu einer Kernschmelze und damit zum Super-GAU führen.

Skandalös an diesem schweren Störfall war auch, dass der Betreiber RWE die Öffentlichkeit nicht unterrichtete. Erst ein Jahr später, im Dezember 1988 wurde dieser Vorfall durch eine us-amerikanische Zeitung bekannt.

Windscale / Sellafield – Reaktor in Flammen

Am 7.-10. Oktober 1957 – Bei Wartungsarbeiten in dem auch zur Atomwaffenproduktion (Plutonium) genutzten Atommeiler im britischen Windscale – heute als Sellafield bekannt – gerät der Reaktor in Brand. 10 Tonnen Uran und 2.000 Tonnen Graphit stehen in Flammen, eine radioaktive Wolke steigt aus den Abluftkaminen und verbreitet sich über Teile Nordeuropas. Alle Versuche der Betreiber, den Brand unter Kontrolle zu bekommen, scheitern. Schließlich riskiert die Betreibermannschaft alles auf eine Karte zu setzen, in dem sie es mit Wasser als Löschmittel probiert. Völlig unklar ist in diesem Moment, ob das funktionieren kann oder ob dadurch nicht Wasserstoff erzeugt wird, der möglicherweise in Kontakt mit Sauerstoff explodiert. Aber die Rettungsleute haben Glück, das Feuer kann im letzten Moment gelöscht werden.

Von all dem erfährt die Öffentlichkeit nichts. Die britische Regierung vertuscht den Störfall und dessen Ausmaß über 30 Jahre lang. Der Plutonium-Reaktor wird abgeschaltet, noch heute ist die strahlende Ruine nicht abgebaut.

Kritische Kerne in Reaktion – Atomexplosion im japanischen Tokaimura

Hamburg, 1999: Dümmer hätte es für die 570 WissenschaftlerInnen wohl nicht kommen können. Da beschwören die ElfenbeinturmbewohnerInnen mit starkem Drang zur Drittmittelforschung und dem Nimbus der unabhängigen und daher unantastbaren Vernunft die unerläßliche Zukunft der Atomenergie, -und da knallt ihnen eine verdammte Urananlage im High-Tech Wunderland Japan um die Ohren. Dumm gelaufen: Der nach Tschernobyl und Harrisburg schwerste Störfall in einer Atomanlage macht jedoch nicht nur deutlich, daß diese Technologie auf den Schrotthaufen der Geschichte gehört. Es ist schier unvorstellbar, welche Schlampereien in einer mit waffenfähigen Uran hantierenden Atomanlage möglich sind und das Aufsichts- und Genehmigungsbehörden davon erst etwas mitbekommen, wenn es zu spät.

Es war gegen 10.35 Uhr am 30. September, als in der Urankonversionsanlage der JCO in Tokai die Arbeiter damit begonnen, 16 Kilogramm des auf rund 19 Prozent angereicherten Uran in einen Tank einzufüllen. Dies geschieht nicht, wie es in den Handbüchern gefordert wird, mit Hilfe einer Pumpvorrichtung, die zusätzlich die Konzentration des spaltbaren Uran 235 überprüft. Statt dessen schleppen die Arbeiter des Unternehmens das Zeug in Eimern an und beginnen es per Hand in den mit Salpetersäure gefüllten Tank zu schütten. Schon diese Vorgehensweise ist atemberaubend. Doch der nächste Fehler folgt sofort: Offenbar übersehen die Arbeiter, daß sie nicht mit der Herstellung von Brennstoff für herkömmliche Leichtwasserbrennelemente befaßt sind. Diese Brennelemente, die in herkömmlichen Atomreaktoren zum Einsatz kommen, werden nur zwischen drei und fünf Prozent mit dem spaltbaren Uran 235 angereichert. Doch in den Tanks sollte zu diesem Zeitpunkt hochangereichertes Urandioxid für den Einsatz in einem Schnellen Brüter hergestellt werden. Nach Auffassung des WISE Paris, einem unabhängigen Gutachterinstitut, könnte die Menge von 16 Kilogramm Uran normalerweise für die Herstellung herkömmlichen Brennstoffes benutzt werden. Doch bei hochangereicherten Uran ist diese Menge um ein vielfaches zu hoch, lediglich rund 2,4 Kilogramm angereichertes Uran hätten in den Tank gedurft. Die Herstellung dieser besonderen Charge hatte erst am 22. September begonnen. Erstmals seit drei Jahren wurde derartiges Material in der Anlage hergestellt.

Die Folge dieses gravierenden Fehlers: Aufgrund der viel zu hohen Menge an spaltbarem Material kommt es zu einer unkontrollierten Kettenreaktion. Unterstützt durch das Kühlwasser in den Tanks „zündet“ das Uran und baut in Sekundenschnelle eine enorm hohe radioaktive Gamma- und Neutronenstrahlung auf.

Mindestens drei Arbeiter werden von dieser Strahlung getroffen. Laut WISE Paris bekommt ein 35jähriger Arbeiter eine Dosis von 17 Sievert ab, ein 39jähriger wird mit 10 Sievert und ein 54jähriger mit 3 Sievert verstrahlt. Werte, die bei den Atombombenabwürfen über Hiroshima und Nagasaki gemessen wurden. Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) gibt an, daß gesundheitliche Auswirkungen schon bei Strahlenwerten ab 500 mSv zu erwarten sind. Bei Werten von 1,5 bis 2 Sievert tritt der Tod aufgrund von Knochenmarksschädigungen nach 30 bis 60 Tagen ein. Dosen über 15 Sievert wirken unmittelbar und führen nach nur einem bis zu fünf Tagen zum Tod. Laut Bundesumweltministerium wird bei einer Strahlenbelastung von 0,2 mSv/h Katastrophenvoralarm gegeben und ab 2,0 mSv/h Katastrophenalarm ausgelöst.

Um die Kettenreaktion zu stoppen, versuchen die Arbeiter, das Wasser aus den Tanks zu bekommen, da dieses als Moderator und damit als Unterstützung der Kettenreaktion dient. Der erste Versuch scheitert jedoch. Im zweiten Anlauf zerstören die Arbeiter schließlich die Wasserleitungen und schaffen es so, die Zufuhr zu stoppen. Borsäure wird eingefüllt. Bor absorbiert die Neutronen und hilft so, die Kettenreaktion zu unterbinden. Wegen der hohen Strahlung können die Arbeiter lediglich für drei Minuten in die Anlage. Dennoch bekommen sie Strahlenwerte zwischen 20 und 103 mSv ab. Der Normalwert für Angestellte in Atomanlagen liegt in Japan bei einer Dosis von 50 mSv pro Jahr. Im Katastrophenfall kann der Wert 100 mSv betragen. Insgesamt 18 Arbeiter sind an diesen Maßnahmen beteiligt. Insgesamt werden mindestens 55 Arbeiter, Feuerwehrleute und Sanitäter einer erhöhten Strahlenbelastung ausgesetzt.

Das BfS gibt später an, daß bei den ersten Messungen eine Stunde nach Unfallbeginn eine Gammadosis von 0,84 Millisievert pro Stunde am Zaun der Anlage ermittelt wurden. Der Normalwert liegt bei 0,1 Mikrosievert je Stunde.

Über die Neutronenstrahlung können stundenlang keine Angaben gemacht werden. In der betroffenen Halle gibt es dafür keine Messeinrichtung. Es dauert fast acht Stunden, bis eine entsprechende Messeinrichtung vor Ort ist. Laut BfS wird zu diesem Zeitpunkt am Zaun der Anlage eine Neutronenstrahlung von 4,5 mSv/h gemessen. Die Gammaleistung war zu diesem Zeitpunkt auf 0,5 mSv/h abgesunken. Aus diesen Werten schlußfolgert das BfS, daß bei Unfallbeginn die Werte doppelt so hoch gewesen sein müssen: die Neutronenstrahlung also bei 9 mSv/h und die Gammastrahlung bei 1,0 mSv/h. Wohlgemerkt: dies sind die Stundenwerte. Bei dieser Strahlung entspricht der Aufenthalt von nur einer Stunde etwa dem, was ein Mensch normalerweise innerhalb von vier Jahren aufgrund der natürlichen Strahlenexposition aufnimmt, so das BfS.

Um 7 Uhr morgens Ortszeit, am 1. Oktober, erklären die Verantwortlichen, daß die Kettenreaktion gestoppt wurde, – 20 Stunden nach Unfallbeginn.

Interne Ursachen

Soweit es derzeit erkennbar ist, sind mehrere Umstände für diese Katastrophe verantwortlich. Zum einen berichten die Arbeiter über einen enormen Arbeitsstreß, der seitens des Management von JCO erzeugt wird. Neben der scheinbar mangelhaften Ausbildung der Arbeiter, hat die Unternehmensleitung ausdrücklich die Umgehung von Sicherheitsmaßnahmen gebilligt. Dazu gehört beispielsweise das Einfüllen von Uran per Hand und Eimer in die Tanks. Eine Überwachung der Neutronenstrahlung in diesem Teil der Anlage war nicht installiert.

Überwachungskameras, die eine externe Kontrolle der Vorgänge ermöglichen sollen, waren schlicht abgeschaltet. Kritikalitätsstörfälle scheinen bei der Genehmigung der Anlage keine Rolle gespielt zu haben. Außerdem wurde kurze Zeit nach Unfallbeginn von der Firmenleitung eingeräumt, daß technische Veränderungen in der Anlage an der Genehmigungsbehörde vorbei durchgeführt worden sind. Vor diesem Hintergrund mag man kaum noch den Kopf schütteln, wenn am 12. Oktober den Zeitungen zu entnehmen ist, daß Lüftungsklappen seit Unfallbeginn offenstanden und die Ventilatoren munter radioaktive Strahlung aus dem Inneren der Anlage in die Umgebung pusteten.

Nach Angaben des Pariser Institut für Nuklearsicherheit hat es seit 1945 insgesamt 59 „ernsthafte“ Kritikalitätsunfälle in Nuklearanlagen gegeben, 33 davon in den USA und 19 in der ehemaligen Sowjetunion.

Auswirkungen des Unfalls

Erst nach zwei Stunden, also gegen 12.30 Uhr Ortszeit verhängt die Polizei Schutzmaßnahmen für die Bevölkerung in der Umgebung der Anlage. Im Umkreis von 200 Metern wird der gesamte Verkehr unterbunden. Erst gegen 15 Uhr entscheiden die örtlichen Verantwortlichen, die Bevölkerung im Umkreis von 350 Metern zu evakuieren. 150 Menschen aus 50 Haushalten sind von dieser Maßnahme betroffen. Sie werden per Bus in eine nur eineinhalb Kilometer entfernte Unterkunft gebracht. Während die Strahlendosis am Zaun der Anlage zwischen 4 und 4,5 mSv/h liegt, werden gegen 22.30 Uhr die AnwohnerInnen in einem Umkreis von 10 Kilometern aufgefordert, Fenster und Türen geschlossen zu halten und sich nicht im Freien aufzuhalten. Insgesamt 310.000 Menschen sind betroffen. Inzwischen räumt die Regierung ein, daß sie den Störfall unterschätzt habe und nicht ausreichend vorbereitet gewesen sei. Die Regierung bittet das US-Militär um Unterstützung. Um zu verhindern, daß die BewohnerInnen kontaminiertes Trinkwasser benutzen, wird die Versorgung mit Wasser umgestellt. Die Behörden bereiten die Ausgabe von Jod-Tabletten vor. In den frühen Morgenstunden, kurz vor sechs Uhr werden auf dem JCO-Gelände Werte in Höhe von 18 mSv/h Neutronen und 20 mSv/h Gammastrahlung gemessen. Damit liegen die Werte um das rund Fünffache über den Werten, die 12 Stunden zuvor gemessen wurden.

Am 1. Oktober bleiben alle 224 Schulen innerhalb des 10 km-Radius geschlossen, die Kinder bleiben zu Hause. Alle Straßen innerhalb eines Umkreises von 1 Kilometer werden geschlossen, nur noch Rettungsfahrzeuge dürfen verkehren. Die Japanische Eisenbahn stellt den Verkehr auf einigen Strecken ein, Linienbusse verkehren innerhalb der 10 km-Zone nicht. Die Bauern in der Umgebung werden aufgefordert, vorerst nicht weiter die Feldfrüchte zu ernten und weitere Mitteilungen abzuwarten. Alle Postämter bleiben geschlossen. In den Fabriken von Hitachi wird nicht gearbeitet. 8.700 Arbeiter und Angestellte bleiben zu hause. Die Marine warnt alle Schiffe, die die Bucht von Tokai anlaufen, über den Unfall. Den Fischern wird untersagt, vor der Küste ihre Netze auszuwerfen. Das Außenministerium bittet die USA und Rußland, Expertenteams zur Unterstützung zu schicken.

Im Laufe des Tages, die Kettenreaktion war am frühen Morgen gestoppt worden, beginnen die Behörden, nach und nach die Einschränkungen aufzuheben.

Greenpeace hat in den folgenden Tagen eigene Messungen in der Nähe der Anlage durchgeführt. Die Umweltschutzorganisation geht davon aus, daß mehr Menschen von dem Unfall betroffen sind, als die Regierung bislang einräumt. Bis zur Evakuierung müssen nach den Messungen von Greenpeace die AnwohnerInnen der Anlage etwa eine Dosis von fünf mSv/h an Neutronenstrahlung abbekommen haben. Wolfgang Köhnlein, atomkritischer Wissenschaftler und seit knapp einem Jahr Mitglied der Strahlenschutzkommission der Bundesregierung: „Fünf Millisievert ist eine erheblich Dosis. Dabei ist noch zu berücksichtigen, daß nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen besonders die biologische Wirkung der Neutronenstrahlung bisher unterschätzt wurde und die tatsächlich wirksame Neutronendosis in Tokaimura zweifellos noch höher lag. Es ist daher zu befürchten, daß der Unfall bei den Menschen Langzeitschäden zur Folge hat.“

JCO wird dichtgemacht

In den folgenden Tagen gerät die Betreiberfirma JCO immer mehr in die Schußlinie. JCO (ein Eigenname, der etwa soviel bedeutet wie Japan Atomic Fuel Conversion Company) ist eine hundertprozentige Tochter der Sumitomo Metalich Mining Company, einer der großen Wirtschaftsgiganten Japans. Diese haben inzwischen erklärt, diesen Geschäftszweig endgültig aufzugeben. Für einige Atomanlagen in Japan dürfte das erhebliche Probleme zur Folge haben. Neben der Mitsubishi Nuclear Fuel Company ist JCO die einzige Fabrik zur Urankonversion und hat sich seit Anfang der 80er Jahre auf die Herstellung von Brennstoff für Leichtwasserreaktoren und Schnelle-Brüter spezialisiert. 715 Tonnen herkömmlichen Uranbrennstoff und drei Tonnen hochangereichertes Uran können bei JCO jährlich hergestellt werden. Der Unfall geschah bei der Herstellung von hochangereicherten Brennstoff für den Versuchs-Brüter Joyo. 154 Mitarbeiter sind bei JCO beschäftigt.

Am 6. Oktober durchsuchen 200 Polizisten die Geschäftsräume der JCO. Als ein erstes Ermittlungsergebnis teilt das Ministerium für Wissenschaft und Technik mit, daß JCO die amtlichen Sicherheitsvorschriften eigenmächtig geändert habe. Demnach sollen JCO-Manager zugegeben haben, daß den Arbeitern ausdrücklich erlaubt worden ist, die Uranlösung für neue Brennelemente in Eimern abzumessen. Dem Unternehmen wird die Lizenz zum Betrieb der Anlage in Tokai entzogen. Die japanische Regierung, die trotz des Unfalls immer wieder betont, weiter am Ausbau der Atomenergienutzung festhalten zu wollen, ordnet die Überprüfung sämtlicher Atomanlagen inklusive der 51 Atomkraftwerke an. Bis zum Jahr 2010 plant die Regierung 20 neue Reaktoren zu errichten.

Was folgt?

Der schwere Unfall in Japan macht abermals deutlich, welch enormes Risikopotential in der Atomtechnologie steckt. Dabei kann die hiesige Atomwirtschaft nicht wie seinerzeit in Tschernobyl auf marode Reaktortechnik verweisen, die mit westlichen Sicherheitsstandards so gar nicht vergleichbar sei. Das in dem High-Tech-Land Japan derartige Produktionsbedingungen möglich sind, spricht nicht gegen Japan, sondern dafür, daß derartige Unfälle überall auf der Welt stattfinden können, – in Frankreich, in Deutschland, der Schweiz …

In Deutschland betreibt die zum Siemenskonzern gehörende Advanced Nuklear Fuels (ANF) in Lingen die Brennelementeherstellung. Allerdings nur für herkömmliche Reaktoren, also mit einer Anreicherung von bis zu fünf Prozent Uran 235. Gleich um die Ecke liegt die Konversionsanlage der Urenco in Gronau. Hier wird aus dem gasförmigen Uranhexafluorid die Anreicherung in Zentrifugen betrieben. Grundsätzlich ist diese Anlage in der Lage, jede gewünschte Anreicherung, also bis hin zur Atombombentauglichkeit, herzustellen. Risiken bestehen dabei nicht nur mit Blick auf Kritikalitätsstörfälle. Das Uranhexafluorid reagiert extrem stark auf Wasser. Entweicht das Urangas aus einem undichten Behälter könnte schon der Kontakt mit der Luftfeuchtigkeit zu schweren Explosionen und zu großräumigen Vergiftungen in der Umgebung der Anlage führen.

Der Unfall von Tokai ist von der Internationalen Atomenergiebehörde inzwischen in die Stufe fünf der bis zu Stufe sieben reichenden Skala eingeordnet worden. Damit wird er mit dem Unfall von Harrisburg auf eine Stufe gestellt. Anders jedoch als vor 20 Jahren regiert in Berlin inzwischen ein Regierung, die den Atomausstieg auf ihre Fahnen geschrieben hat. Was braucht diese Regierung eigentlich noch, um endlich das zu tun, wofür sie gewählt wurde: Abschalten! Sofort!

DSe

aus: ak – analyse & kritik – zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 431 / 21.10.1999

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