Kritische Kerne in Reaktion – Atomexplosion im japanischen Tokaimura

Hamburg, 1999: Dümmer hätte es für die 570 WissenschaftlerInnen wohl nicht kommen können. Da beschwören die ElfenbeinturmbewohnerInnen mit starkem Drang zur Drittmittelforschung und dem Nimbus der unabhängigen und daher unantastbaren Vernunft die unerläßliche Zukunft der Atomenergie, -und da knallt ihnen eine verdammte Urananlage im High-Tech Wunderland Japan um die Ohren. Dumm gelaufen: Der nach Tschernobyl und Harrisburg schwerste Störfall in einer Atomanlage macht jedoch nicht nur deutlich, daß diese Technologie auf den Schrotthaufen der Geschichte gehört. Es ist schier unvorstellbar, welche Schlampereien in einer mit waffenfähigen Uran hantierenden Atomanlage möglich sind und das Aufsichts- und Genehmigungsbehörden davon erst etwas mitbekommen, wenn es zu spät.

Es war gegen 10.35 Uhr am 30. September, als in der Urankonversionsanlage der JCO in Tokai die Arbeiter damit begonnen, 16 Kilogramm des auf rund 19 Prozent angereicherten Uran in einen Tank einzufüllen. Dies geschieht nicht, wie es in den Handbüchern gefordert wird, mit Hilfe einer Pumpvorrichtung, die zusätzlich die Konzentration des spaltbaren Uran 235 überprüft. Statt dessen schleppen die Arbeiter des Unternehmens das Zeug in Eimern an und beginnen es per Hand in den mit Salpetersäure gefüllten Tank zu schütten. Schon diese Vorgehensweise ist atemberaubend. Doch der nächste Fehler folgt sofort: Offenbar übersehen die Arbeiter, daß sie nicht mit der Herstellung von Brennstoff für herkömmliche Leichtwasserbrennelemente befaßt sind. Diese Brennelemente, die in herkömmlichen Atomreaktoren zum Einsatz kommen, werden nur zwischen drei und fünf Prozent mit dem spaltbaren Uran 235 angereichert. Doch in den Tanks sollte zu diesem Zeitpunkt hochangereichertes Urandioxid für den Einsatz in einem Schnellen Brüter hergestellt werden. Nach Auffassung des WISE Paris, einem unabhängigen Gutachterinstitut, könnte die Menge von 16 Kilogramm Uran normalerweise für die Herstellung herkömmlichen Brennstoffes benutzt werden. Doch bei hochangereicherten Uran ist diese Menge um ein vielfaches zu hoch, lediglich rund 2,4 Kilogramm angereichertes Uran hätten in den Tank gedurft. Die Herstellung dieser besonderen Charge hatte erst am 22. September begonnen. Erstmals seit drei Jahren wurde derartiges Material in der Anlage hergestellt.

Die Folge dieses gravierenden Fehlers: Aufgrund der viel zu hohen Menge an spaltbarem Material kommt es zu einer unkontrollierten Kettenreaktion. Unterstützt durch das Kühlwasser in den Tanks „zündet“ das Uran und baut in Sekundenschnelle eine enorm hohe radioaktive Gamma- und Neutronenstrahlung auf.

Mindestens drei Arbeiter werden von dieser Strahlung getroffen. Laut WISE Paris bekommt ein 35jähriger Arbeiter eine Dosis von 17 Sievert ab, ein 39jähriger wird mit 10 Sievert und ein 54jähriger mit 3 Sievert verstrahlt. Werte, die bei den Atombombenabwürfen über Hiroshima und Nagasaki gemessen wurden. Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) gibt an, daß gesundheitliche Auswirkungen schon bei Strahlenwerten ab 500 mSv zu erwarten sind. Bei Werten von 1,5 bis 2 Sievert tritt der Tod aufgrund von Knochenmarksschädigungen nach 30 bis 60 Tagen ein. Dosen über 15 Sievert wirken unmittelbar und führen nach nur einem bis zu fünf Tagen zum Tod. Laut Bundesumweltministerium wird bei einer Strahlenbelastung von 0,2 mSv/h Katastrophenvoralarm gegeben und ab 2,0 mSv/h Katastrophenalarm ausgelöst.

Um die Kettenreaktion zu stoppen, versuchen die Arbeiter, das Wasser aus den Tanks zu bekommen, da dieses als Moderator und damit als Unterstützung der Kettenreaktion dient. Der erste Versuch scheitert jedoch. Im zweiten Anlauf zerstören die Arbeiter schließlich die Wasserleitungen und schaffen es so, die Zufuhr zu stoppen. Borsäure wird eingefüllt. Bor absorbiert die Neutronen und hilft so, die Kettenreaktion zu unterbinden. Wegen der hohen Strahlung können die Arbeiter lediglich für drei Minuten in die Anlage. Dennoch bekommen sie Strahlenwerte zwischen 20 und 103 mSv ab. Der Normalwert für Angestellte in Atomanlagen liegt in Japan bei einer Dosis von 50 mSv pro Jahr. Im Katastrophenfall kann der Wert 100 mSv betragen. Insgesamt 18 Arbeiter sind an diesen Maßnahmen beteiligt. Insgesamt werden mindestens 55 Arbeiter, Feuerwehrleute und Sanitäter einer erhöhten Strahlenbelastung ausgesetzt.

Das BfS gibt später an, daß bei den ersten Messungen eine Stunde nach Unfallbeginn eine Gammadosis von 0,84 Millisievert pro Stunde am Zaun der Anlage ermittelt wurden. Der Normalwert liegt bei 0,1 Mikrosievert je Stunde.

Über die Neutronenstrahlung können stundenlang keine Angaben gemacht werden. In der betroffenen Halle gibt es dafür keine Messeinrichtung. Es dauert fast acht Stunden, bis eine entsprechende Messeinrichtung vor Ort ist. Laut BfS wird zu diesem Zeitpunkt am Zaun der Anlage eine Neutronenstrahlung von 4,5 mSv/h gemessen. Die Gammaleistung war zu diesem Zeitpunkt auf 0,5 mSv/h abgesunken. Aus diesen Werten schlußfolgert das BfS, daß bei Unfallbeginn die Werte doppelt so hoch gewesen sein müssen: die Neutronenstrahlung also bei 9 mSv/h und die Gammastrahlung bei 1,0 mSv/h. Wohlgemerkt: dies sind die Stundenwerte. Bei dieser Strahlung entspricht der Aufenthalt von nur einer Stunde etwa dem, was ein Mensch normalerweise innerhalb von vier Jahren aufgrund der natürlichen Strahlenexposition aufnimmt, so das BfS.

Um 7 Uhr morgens Ortszeit, am 1. Oktober, erklären die Verantwortlichen, daß die Kettenreaktion gestoppt wurde, – 20 Stunden nach Unfallbeginn.

Interne Ursachen

Soweit es derzeit erkennbar ist, sind mehrere Umstände für diese Katastrophe verantwortlich. Zum einen berichten die Arbeiter über einen enormen Arbeitsstreß, der seitens des Management von JCO erzeugt wird. Neben der scheinbar mangelhaften Ausbildung der Arbeiter, hat die Unternehmensleitung ausdrücklich die Umgehung von Sicherheitsmaßnahmen gebilligt. Dazu gehört beispielsweise das Einfüllen von Uran per Hand und Eimer in die Tanks. Eine Überwachung der Neutronenstrahlung in diesem Teil der Anlage war nicht installiert.

Überwachungskameras, die eine externe Kontrolle der Vorgänge ermöglichen sollen, waren schlicht abgeschaltet. Kritikalitätsstörfälle scheinen bei der Genehmigung der Anlage keine Rolle gespielt zu haben. Außerdem wurde kurze Zeit nach Unfallbeginn von der Firmenleitung eingeräumt, daß technische Veränderungen in der Anlage an der Genehmigungsbehörde vorbei durchgeführt worden sind. Vor diesem Hintergrund mag man kaum noch den Kopf schütteln, wenn am 12. Oktober den Zeitungen zu entnehmen ist, daß Lüftungsklappen seit Unfallbeginn offenstanden und die Ventilatoren munter radioaktive Strahlung aus dem Inneren der Anlage in die Umgebung pusteten.

Nach Angaben des Pariser Institut für Nuklearsicherheit hat es seit 1945 insgesamt 59 „ernsthafte“ Kritikalitätsunfälle in Nuklearanlagen gegeben, 33 davon in den USA und 19 in der ehemaligen Sowjetunion.

Auswirkungen des Unfalls

Erst nach zwei Stunden, also gegen 12.30 Uhr Ortszeit verhängt die Polizei Schutzmaßnahmen für die Bevölkerung in der Umgebung der Anlage. Im Umkreis von 200 Metern wird der gesamte Verkehr unterbunden. Erst gegen 15 Uhr entscheiden die örtlichen Verantwortlichen, die Bevölkerung im Umkreis von 350 Metern zu evakuieren. 150 Menschen aus 50 Haushalten sind von dieser Maßnahme betroffen. Sie werden per Bus in eine nur eineinhalb Kilometer entfernte Unterkunft gebracht. Während die Strahlendosis am Zaun der Anlage zwischen 4 und 4,5 mSv/h liegt, werden gegen 22.30 Uhr die AnwohnerInnen in einem Umkreis von 10 Kilometern aufgefordert, Fenster und Türen geschlossen zu halten und sich nicht im Freien aufzuhalten. Insgesamt 310.000 Menschen sind betroffen. Inzwischen räumt die Regierung ein, daß sie den Störfall unterschätzt habe und nicht ausreichend vorbereitet gewesen sei. Die Regierung bittet das US-Militär um Unterstützung. Um zu verhindern, daß die BewohnerInnen kontaminiertes Trinkwasser benutzen, wird die Versorgung mit Wasser umgestellt. Die Behörden bereiten die Ausgabe von Jod-Tabletten vor. In den frühen Morgenstunden, kurz vor sechs Uhr werden auf dem JCO-Gelände Werte in Höhe von 18 mSv/h Neutronen und 20 mSv/h Gammastrahlung gemessen. Damit liegen die Werte um das rund Fünffache über den Werten, die 12 Stunden zuvor gemessen wurden.

Am 1. Oktober bleiben alle 224 Schulen innerhalb des 10 km-Radius geschlossen, die Kinder bleiben zu Hause. Alle Straßen innerhalb eines Umkreises von 1 Kilometer werden geschlossen, nur noch Rettungsfahrzeuge dürfen verkehren. Die Japanische Eisenbahn stellt den Verkehr auf einigen Strecken ein, Linienbusse verkehren innerhalb der 10 km-Zone nicht. Die Bauern in der Umgebung werden aufgefordert, vorerst nicht weiter die Feldfrüchte zu ernten und weitere Mitteilungen abzuwarten. Alle Postämter bleiben geschlossen. In den Fabriken von Hitachi wird nicht gearbeitet. 8.700 Arbeiter und Angestellte bleiben zu hause. Die Marine warnt alle Schiffe, die die Bucht von Tokai anlaufen, über den Unfall. Den Fischern wird untersagt, vor der Küste ihre Netze auszuwerfen. Das Außenministerium bittet die USA und Rußland, Expertenteams zur Unterstützung zu schicken.

Im Laufe des Tages, die Kettenreaktion war am frühen Morgen gestoppt worden, beginnen die Behörden, nach und nach die Einschränkungen aufzuheben.

Greenpeace hat in den folgenden Tagen eigene Messungen in der Nähe der Anlage durchgeführt. Die Umweltschutzorganisation geht davon aus, daß mehr Menschen von dem Unfall betroffen sind, als die Regierung bislang einräumt. Bis zur Evakuierung müssen nach den Messungen von Greenpeace die AnwohnerInnen der Anlage etwa eine Dosis von fünf mSv/h an Neutronenstrahlung abbekommen haben. Wolfgang Köhnlein, atomkritischer Wissenschaftler und seit knapp einem Jahr Mitglied der Strahlenschutzkommission der Bundesregierung: „Fünf Millisievert ist eine erheblich Dosis. Dabei ist noch zu berücksichtigen, daß nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen besonders die biologische Wirkung der Neutronenstrahlung bisher unterschätzt wurde und die tatsächlich wirksame Neutronendosis in Tokaimura zweifellos noch höher lag. Es ist daher zu befürchten, daß der Unfall bei den Menschen Langzeitschäden zur Folge hat.“

JCO wird dichtgemacht

In den folgenden Tagen gerät die Betreiberfirma JCO immer mehr in die Schußlinie. JCO (ein Eigenname, der etwa soviel bedeutet wie Japan Atomic Fuel Conversion Company) ist eine hundertprozentige Tochter der Sumitomo Metalich Mining Company, einer der großen Wirtschaftsgiganten Japans. Diese haben inzwischen erklärt, diesen Geschäftszweig endgültig aufzugeben. Für einige Atomanlagen in Japan dürfte das erhebliche Probleme zur Folge haben. Neben der Mitsubishi Nuclear Fuel Company ist JCO die einzige Fabrik zur Urankonversion und hat sich seit Anfang der 80er Jahre auf die Herstellung von Brennstoff für Leichtwasserreaktoren und Schnelle-Brüter spezialisiert. 715 Tonnen herkömmlichen Uranbrennstoff und drei Tonnen hochangereichertes Uran können bei JCO jährlich hergestellt werden. Der Unfall geschah bei der Herstellung von hochangereicherten Brennstoff für den Versuchs-Brüter Joyo. 154 Mitarbeiter sind bei JCO beschäftigt.

Am 6. Oktober durchsuchen 200 Polizisten die Geschäftsräume der JCO. Als ein erstes Ermittlungsergebnis teilt das Ministerium für Wissenschaft und Technik mit, daß JCO die amtlichen Sicherheitsvorschriften eigenmächtig geändert habe. Demnach sollen JCO-Manager zugegeben haben, daß den Arbeitern ausdrücklich erlaubt worden ist, die Uranlösung für neue Brennelemente in Eimern abzumessen. Dem Unternehmen wird die Lizenz zum Betrieb der Anlage in Tokai entzogen. Die japanische Regierung, die trotz des Unfalls immer wieder betont, weiter am Ausbau der Atomenergienutzung festhalten zu wollen, ordnet die Überprüfung sämtlicher Atomanlagen inklusive der 51 Atomkraftwerke an. Bis zum Jahr 2010 plant die Regierung 20 neue Reaktoren zu errichten.

Was folgt?

Der schwere Unfall in Japan macht abermals deutlich, welch enormes Risikopotential in der Atomtechnologie steckt. Dabei kann die hiesige Atomwirtschaft nicht wie seinerzeit in Tschernobyl auf marode Reaktortechnik verweisen, die mit westlichen Sicherheitsstandards so gar nicht vergleichbar sei. Das in dem High-Tech-Land Japan derartige Produktionsbedingungen möglich sind, spricht nicht gegen Japan, sondern dafür, daß derartige Unfälle überall auf der Welt stattfinden können, – in Frankreich, in Deutschland, der Schweiz …

In Deutschland betreibt die zum Siemenskonzern gehörende Advanced Nuklear Fuels (ANF) in Lingen die Brennelementeherstellung. Allerdings nur für herkömmliche Reaktoren, also mit einer Anreicherung von bis zu fünf Prozent Uran 235. Gleich um die Ecke liegt die Konversionsanlage der Urenco in Gronau. Hier wird aus dem gasförmigen Uranhexafluorid die Anreicherung in Zentrifugen betrieben. Grundsätzlich ist diese Anlage in der Lage, jede gewünschte Anreicherung, also bis hin zur Atombombentauglichkeit, herzustellen. Risiken bestehen dabei nicht nur mit Blick auf Kritikalitätsstörfälle. Das Uranhexafluorid reagiert extrem stark auf Wasser. Entweicht das Urangas aus einem undichten Behälter könnte schon der Kontakt mit der Luftfeuchtigkeit zu schweren Explosionen und zu großräumigen Vergiftungen in der Umgebung der Anlage führen.

Der Unfall von Tokai ist von der Internationalen Atomenergiebehörde inzwischen in die Stufe fünf der bis zu Stufe sieben reichenden Skala eingeordnet worden. Damit wird er mit dem Unfall von Harrisburg auf eine Stufe gestellt. Anders jedoch als vor 20 Jahren regiert in Berlin inzwischen ein Regierung, die den Atomausstieg auf ihre Fahnen geschrieben hat. Was braucht diese Regierung eigentlich noch, um endlich das zu tun, wofür sie gewählt wurde: Abschalten! Sofort!

DSe

aus: ak – analyse & kritik – zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 431 / 21.10.1999

Harrisburg war nur der Anfang – Geschichte einer Katastrophe

In den Morgenstunden des 27. März 1979 kam es in USA zu dem bis dahin größten Unfall in der Geschichte der sogenannten zivilen Atomenergienutzung. Im Block 2 des Atomkraftwerks Three Mile Island, in der Nähe von Harrisburg, Pennsylvania, geschah das, was die gesamte Atomzunft bislang für ausgeschlossen hielt: Aufgrund zahlreicher Pannen und Defekte in den Sicherheitssystemen der Anlagen versagte die Kühlung des Reaktors, die hochradioaktiven Brennelemente wurden freigelegt und schmolzen. Tagelang drohte der Reaktor zu explodieren. Jochen Schramm von der Hamburger Umweltschutzgruppe Physik / Geowissenschaften erinnert an die Katastrophe, deren Auswirkungen noch nicht abgeschlossen sind. (Foto: DOE)

In der Mitternachtsschicht sind zwei Arbeiter an einem der acht Kondensatreiniger des AKWs beschäftigt. Es sind riesige Tanks mit Reinigungsharzen, die das Speisewasser von Verschmutzungen freihalten sollen. Immer wieder setzten sich in den Kondensatreinigern Klumpen von Dreck ab, verstopften die Ausflüsse und mußten regelmäßig aus dem System genommen werden. Mit Preßluftschüben wurden die Klumpen gelockert, bis die Anlage wieder arbeitete.

Preßluft ist im Kraftwerk überall von Nöten und schafft oft Abhilfe bei technischen Störungen. Mehrere Querverbindungen im Preßluftsystem des Atomkraftwerkes Three Mile Island waren im Laufe der Zeit entstanden, aber nie dokumentiert worden. Es gab sogar Verbindungsleitungen zwischen der technischen Luftversorgung und dem hydropneumatischen Steuerungssystem mehrerer Sicherheitsventile.

Die Arbeiter beseitigten das Verstopfungsproblem. Allerdings übersahen sie, daß dabei eine kleine Undichtigkeit im Preßluftventil entstanden war. Als der Kondensator wieder ans Netz ging und der Druck stieg, drückte Wasser beständig in die Preßluftleitung.

Am 27. März 1979 um 3.57 Uhr erreichte das Wasser mehrere Sicherheitsventile: Fast alle Ventile im Speisewassersystem sperrten gleichzeitig. Die Speisewasserpumpen, so groß wie Betonmisch-LKWs, wurden vom Wasserschlag getroffen, rissen teilweise aus ihren riesigen Halterungen.

Wenige Sekunden später schaltete das automatische Kontrollsystem die Turbine ab, die Kontrollstäbe schossen in den Reaktor. Bis jetzt verlief alles planmäßig: Spezielle Notkühlpumpen starteten unverzüglich, um die auftretenden Wärmespitzen abzubauen. Doch bei Wartungsarbeiten wenige Tage zuvor war vergessen worden, die Sperrventile wieder zu öffnen. Zwar zeigte eine Lampe im Kontrollraum an, daß die Ventile geschlossen waren. Doch die wurde von einen Zettel an einem benachbarten Schalter, der auf andere Störungen hinwies, verdeckt. So blieb unbemerkt, daß das Notkühlwasser den Reaktor gar nicht erreichte.

Während die Temperatur im Reaktor nun schnell anstieg, erhöhte sich der Druck. Ein spezieller Tank, der sog. Druckhalter innerhalb des Sicherheitsbereichs (Containment), öffnete nun ein Ventil, das Dampf an einen Speichertank abgeben und danach wieder schließen sollte. Das Ventil öffnete, schloß aber nicht mehr: Im Kontrollraum aber wurde gemeldet: „Ventil geschlossen.“

Die Situation spitzte sich zu: Bei fallender Temperatur und fallendem Druck droht das Kühlmittel an den Brennelementen aufzukochen. Dampf kühlt jedoch wesentlich schlechter als Wasser und fehlende Kühlung überhitzt die Brennelemente, die dann zu platzen drohen. Ein komplett gefüllter Druckhalter, so wie es die Instrumente vorgaukelten, war unbedingt zu vermeiden, denn bereits leichte Vibrationen im Kühlsystem könnten das gesamte System zum Bersten bringen. Die Operateure entschieden daher, Wasser abzulassen.

Nun gab es zwei Lecks für das Wasser, das defekte Druckhalterventil und die Ablaßpumpen. Der Druck fiel jetzt noch schneller.

Endlich entdeckte ein Operateur die Lampe der geschlossenen Notkühlung und riß die Ventile auf. Kaltes Kühlmittel ergoß sich auf die überhitzten Pumpen und Leitungen. Ein Wärmetauscher zwischen den Kühlkreisläufen platzte, radioaktives Wasser verseuchte sofort den Turbinenkreislauf. Doch wegen des geringen Drucks begann das Wasser zu kochen und die ersten großen Dampfblasen schossen durch die Kühlleitungen. Nun traten starke Vibrationen in den Kühlpumpen auf: die Kontrollmannschaft schaltete sie ab. Schließlich platzte der Speichertank, in den das Ventil des Druckhalters pausenlos hineinblies. Radioaktives Wasser strömte in das Containment. Von hier wurde das Wasser in einen außerhalb des Gebäudes befindlichen Tank gepumpt. Aber auch diese Pumpe funktionierte nicht fehlerfrei und leckte stark. Das radioaktive Leckwasser konnte jetzt ungehindert in den Susquehanna-Fluß abfließen. Gleichzeitig drangen die freigesetzten Spaltgase durch die Dachlüftung in die Umwelt. Insgesamt wurden ca. 1,5 Mio. Liter Wasser und eine nicht bezifferbare Menge Gas abgelassen.

Wie es zu diesem Zeitpunkt im Inneren des Reaktors aussah, war für die Kontrollmannschaft nicht mehr klar. Die Drucker des Meldecomputers waren angesichts der gigantischen Menge an Störungsmeldungen um Stunden hinter der Zeit zurück. Mit einem von Hand verdrahteten Multimeter erfuhr man lediglich, daß die Reaktortemperatur 1000°C statt der üblichen 350°C erreicht hatte. Die Operateure verwarfen diese Messungen als Falschwerte.

Im Reaktor begann nun die Kernschmelze. Die hohen Temperaturen zerstörten die meisten der inneren Brennelemente und das Spaltmaterial bröselte zum Reaktorboden. Ein Arbeiter, verpackt in schwere Strahlenschutzkleidung, zog noch eine letzte Wasserprobe aus dem Kühlkreislauf: schwarz, sprudelnd, schaumig.

Erst nach zwei Stunden, als die Frühschicht zur Arbeit kam, wurde der tatsächliche Zustand des Abblaseventils erkannt. Ein vorgeschaltetes Ventil wurde geschlossen, – der Druck begann unverzüglich wieder zu steigen. Um Haaresbreite schrammte TMI an der Katastrophe vorbei: Nur wenige Minuten später und der Bröselhaufen hätte sich in eine glühende Soße verwandelt, hätte sich zuerst durch den Boden des Reaktors geschmolzen, dann durch das Gebäudefundament und schließlich beim Kontakt mit dem Grundwasser Wolken radioaktiver Spaltprodukte rund um den Globus geschickt.

Immerhin konnte jetzt eine der Hauptkühlpumpen in Betrieb genommen und der stark demolierte Reaktorkern mit Kühlung versorgt werden.

Erst 1982 gelang es den Technikern, mit Kameraaufnahmen eingeschränkte Blicke in das Reaktorinnere zu erhalten. Aus dem zerbröselten Brennelementschrott am Grund des Reaktors konnte man Rückschlüsse auf Temperaturen während der Katastrophe ziehen: Die Reaktortemperatur war nur knapp 100°C unter der Schmelztemperatur für Uran zum Stehen gekommen. Bis in die 90er Jahre benötigten Techniker mit ferngesteuerten Greifarmen einen Teil des Uranschrotts herauszuholen.

Evakuierung

Die Katastrophe begann mitten in der Nacht. Um 7.20 Uhr wurden innerhalb des Containments extreme Strahlungswerte von 800 Rem gemessen – unmittelbar tödlich für jedermann. Hilfskräfte wurden deshalb mit Meßgeräten in die Umgebung und in die Städte Goldsboro, Middletown und Harrisburg geschickt. Noch waren die Werte um 0,1 Millirem normal, noch hielt die Gebäudeabschirmung scheinbar stand.

Um 12.45 wurde in den Hilfsgebäuden der Anlage eine Strahlungsdosis bis zu 1000 Rem festgestellt, Hubschrauber begannen regelmäßig die Strahlungswerte über dem Reaktorgebäude zu messen. Am nächsten Morgen lagen die Meßwerte zwischen einem und zehn Millirem am Susquehanna-Fluß – mit steigender Tendenz.

Der Katastrophenstab stand unter massivem Druck: Evakuierung ja oder nein? Wenn ja, wann? In welchem Umkreis? Nur in Windrichtung? Eventuell nur schwangere Frauen und Kleinkinder? Je nach Befinden des tollwütigen Reaktors wurden Evakuierungspläne besprochen und wieder verworfen. Erst fünf Meilen um das AKW, dann 10 Meilen. Was tun mit den Krankenhäusern? Plötzlich stand die Evakuierung von 650.000 Menschen, dreizehn Krankenhäusern und einem Gefängnis bevor. Dann doch nur fünf Meilen, da gab es keine Krankenhäuser. Schließlich einigte man sich auf eine 5-Meilen-Empfehlung für schwangere Frauen und Kinder. Innerhalb von zehn Meilen solle man Fenster und Türen geschlossen halten und Jodtabletten einnehmen. Aber Jodtabletten waren nirgends zu bekommen. Erst nach sechs Tagen hatte man eine Pharmafirma gefunden und konnte die Jodtabletten austeilen. Die letzten Ortschaften erhielten die Jodtabletten weitere fünf Tage später.

Im Landkreis Goldsboro hatten schon drei Tage nach dem Unfall 90 Prozent aller Einwohner fluchtartig die Gegend verlassen.

Es knallt

Zehn Stunden nach Beginn der Katastrophe wurde das gesamte AKW-Gebäude durch eine heftige Explosion erschüttert. Sie war vergleichbar mit der Stärke einer 500-Kilo-Bombe. Ausgelöst wurde sie durch eine Wasserstoff-Sauerstoff Reaktion innerhalb des Containments. Immerhin hielten die Betonstrukturen dieser Explosion stand, sie war auf die doppelte Stärke ausgelegt. Verniedlichend sprach man später nur noch von einem „Bump“, einem Bums.

Das Phänomen war neu und gehörte nicht zu den Sicherheitsszenarien der AKW-Betreiber. Hilflos stand man dem Fakt nun gegenüber.

In den Rohren der Brennelemente ist Uran in Tablettenform aufgereiht. Die Wandung besteht aus einer Legierung des Metalls Zirkonium. Bei sehr hohen Temperaturen findet zwischen Wasser und Zirkonium eine chemische Reaktion statt, bei der Wasserstoffgas entsteht. Im Laufe der Katastrophe hatte sich eine große Wasserstoffblase im oberen Teil des Reaktorbehälters gesammelt, ein anderer Teil gelangte über das defekte Druckhalterventil in das Containment. Wasserstoff reagiert sehr heftig, wenn es auf Sauerstoff trifft: der „Knallgas-Effekt“. Im Reaktor existierte (noch) kein Sauerstoff, aber im Containment konnte sich die Mischung selbst entzünden. Wäre nur wenig mehr in das Gebäudeinnere entwichen, wären die Auswirkungen der Katastrophe mit der von Tschernobyl vergleichbar gewesen.

Eine sofort eingesetzte Spezialistengruppe schaffte es, in den folgenden Tagen Wasserstoff-Rekombinationsgeräte zu installieren, die die Blase langsam abbauen sollten. Ungewiß blieb, ob sich nicht auch innerhalb des Reaktors Sauerstoff bilden könnte und der Knall unmittelbar bevorstand. Die Blase verschwand jedoch so mysteriös wie sie entstanden war. Zunächst hatte sie sich in mehrere kleinere Blasen zerteilt, dann war alles weg. Der Grund konnte nicht analysiert werden.

Die späteren Folgen

Der Zustand des Reaktors ist seit 1979 nahezu unverändert. Ferngesteuerte Geräte und Roboter führen Aufräumarbeiten durch, und an eine Rückkehr zur „Normalität“ ist auch in den nächsten Jahrzehnten nicht zu denken. Der Reaktor befindet sich im „Monitor-Status“ und muß weiterhin technisch versorgt werden. Ein Rest des Brennstoffs befindet sich noch immer im Reaktor.

Bereits während des Desasters begannen Betreiber und öffentliche Stellen, die „Leistungsexkursion“ von TMI-2 zu zerreden. Schließlich sei der Reaktor auch noch intakt und eine größere Katastrophe nicht eingetreten. Die Radioaktivitätsmessungen der Hubschrauber über dem AKW mit Werten über 3.000 Millirem wurden entweder verworfen oder blieben als nicht repräsentative Einzelwerte unbeachtet.

Auch in Deutschland begannen die Freunde des Urans unverzüglich mit beschwichtigenden Erklärungen: In einem deutschen AKW sei ein solcher Störfall nicht möglich, was insofern stimmte, als es damals in Deutschland ein solches Kraftwerk der Firma Brown Boverie gar nicht gab. Was allerdings verschwiegen wurde, eine direkte Kopie von Three Mile Island 2, das AKW Mühlheim-Kährlich, war seit 1975 im Bau.

Eine Belastung der Umgebung, sprich Menschen, Tiere, Pflanzen, hat es entsprechend öffentlicher Verlautbarungen natürlich nicht gegeben. Kurz nach der Katastrophe, im Mai 1979, bildete das Landwirtschaftsministerium (DOA) von Pennsylvania eine Ermittlungsgruppe aus 10 Personen, zwei davon Tierärzte. Innerhalb von zwei Tagen wurden 100 Farmen besucht. Der Bericht sprach von fünf Landwirten, die Probleme beklagten. Einer beispielsweise berichtete, daß zwei Tage nach dem Unfall Hühner wie wild herumflatterten und Schweine nicht mehr aus dem Stall wollten. Zwei Monate später waren 27 Hühner und 11 Schweine gestorben. Diese Berichte wurden als unerklärliche Einzelfälle bewertet – Auswirkungen des Reaktorstörfalls wurden von offizieller Seite für nicht existent erklärt. Drei Monate später war jedoch die Reporterin Laura Hammel von „The News-American“ aus Baltimore der Sache nachgegangen und berichtete, daß der DOA-Report „ungeheuer untertrieben“ hätte. Ihren Nachprüfungen zufolge hatten nicht 5 sondern 40 Bauern über Probleme seit dem Durchbrennen des Reaktors geklagt. Viele der Beschwerden waren als irrational oder nicht nachprüfbare Horrorstories verworfen worden. Manche Farmen wurden trotz mehrerer Meldungen nie besucht.

Im Frühjahr 1980 wiederholte die Nukleare Regulierungs-Kommission (NRC) eine Schadensbilanz – wiederum mit dem Ergebnis: „keine erkennbaren Zusammenhänge“. Von den aufgezählten 35 Krankheitsfällen auf den Höfen wurden diesmal mehr als die Hälfte mangels Daten oder „unbekannter Ursache“ nicht dem Reaktorunfall zugerechnet.

Ende 1979 veröffentlichte der Mediziner Ernest Sternglass einen Bericht über das überdurchschnittliche Ansteigen der Säuglingssterblichkeit in Pennsylvania, besonders in der Nähe von TMI. Das Gesundheitsamt dementierte prompt und begann eine Kontroverse um Zahlen und Statistik. 1980 ergänzte Dr. MacLeod, ein früherer Mitarbeiter des Gesundheitsamtes, daß auch Schilddrüsenerkrankungen im Abluftbereich des AKWs erhöhte Raten aufwiesen.

Im August 1996, 17 Jahre nach dem Unfall, erschien eine neue Studie des Medizinprofessors Steve Wing (University of North Carolina). Er hatte die Krebssterbefälle in der Umgebung von Three Mile Island untersucht und kam zu dem Urteil, daß Lungenkrebs und Leukämie in der Hauptwindrichtung des AKWs zwei bis zehnfach häufiger auftraten als in der Gegenrichtung.

Trotz aller Fakten waren in der Vergangenheit über 2000 Schadensersatzklagen wegen nicht ausreichender Beweise abgelehnt worden.

Nicht kontrollierbar

Seit dem Kernschmelzen in Three Mile Island ist in den USA kein neues AKW in Betrieb gegangen. Die Diskussion um die Sicherheitskonzepte endete bislang in der Feststellung von Shirley Jackson, Vorsitzender der Nuklearen Regulierungs-Kommission NRC am 1. April 1997: „Die NRC glaubt, daß die Glaubwürdigkeit an die freiwilligen Leistungen über konstruktionsabhängige Informationen, die die Industrie in der Vergangenheit erbracht hat, nicht ausreichen, eine sichere Kontrolle einer Reihe von Anlagen zu gewährleisten.“

Aus Mangel an Kenntnissen über die technischen Details der AKWs kann jederzeit erneut ein Three Mile Island Desaster entstehen. In einem hochkomplexen Technikmoloch können überdies Dinge geschehen, an die zum ersten Mal erst gedacht wird, wenn sie passieren, wie das Beispiel Wasserstoff zeigt. Menschliche Fehlleistungen können überall geschehen, wie Spickzettel über Warnlampen gezeigt haben. Unfähige Behörden wird es immer wieder geben, wie das Chaos der Katastrophenplanung zeigte. Und unkooperative und vertuschende Firmen wird es überall geben, wo viel Geld im Spiel ist – und AKWs kosten viel.

All dies ist nicht sehr beruhigend, wenn an die vielen hundert Reaktoren gedacht wird, die derzeit weltweit an einem ersten Auftritt im Three Mile Island Tschernobyl Theater proben.

Jochen Schramm

Weitere Infos im Internet unter: www.enviroweb.org/tmia/croom.htm

Quelle: aus: ak – analyse & kritik, Zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 424 / 18.03.1999

Netzentwicklungsplan gut für die Energiewende?

Jetzt Mustereinwendungen verschicken! Netzentwicklungsplan gut für die Energiewende?

Eine Initiative der Anti-Atom-Gruppe Bonn:

Liebe Freundinnen und Freunde,

wie ihr vielleicht aus diversen Medien erfahren habt, wurde just der sog. Netzentwicklungsplan (NEP) veröffentlicht und zur „Konsultation“ für alle BürgerInnen bis zum 10. Juli freigegeben. In dem Netzentwicklungsplan legen die Übertragungsnetzbetreiber (sic!) ihren Bedarf am künftigen Netzausbau dar. Der Plan soll dann im Laufe des Jahres verschiedene Gremien durchlaufen, bis er als Gesetz vom Bundestag erlassen werden kann.

Eine neue Form der „Mitbeteiligung“ ermöglicht es uns den Plan bis zum 10. Juli zu kommentieren (hier sind es sog. Konsultationen). Einige Parteien, Einzelpersonen und Institutionen haben dies bereits getan – wenn auch leider teilweise sehr interessengeleitet und unkritisch. AktivistInnen von AntiAtomBonn haben den Plan analysiert  und eine Muster-Stellungnahme dazu verfasst. Ebenso haben wir ein Hintergrundpapier entwickelt, dass für eigene Stellungnahmen verwendet werden kann.

Die AntiAtomBonn-Dokumente gibt es hier:

Musterschreiben zum Netzentwicklungsplan

Erläuterung zum Netzentwicklungsplan

Bitte sendet jetzt (vor dem 10.7.12!) den Musterbrief von der AntiAtomBonn-Page ganz einfach per Mail an: konsultation@netzentwicklungsplan.de

Den kompletten Netzentwicklungsplan und die Anleitung zur Konsultation findet ihr hier: http://www.netzentwicklungsplan.de

Warum ist der Netzentwicklungsplan kritisch zu sehen?

Netzentwicklungsplan soll zentralistische Strukturen zementieren: http://www.eurosolar.de/de/index.php?option=com_content&task=view&id=1647&Itemid=379

Regionale Netze statt teurer Stromautobahnen:
http://www.tagesschau.de/wirtschaft/energiewende170.html

Sehenswert: Die Doku „UnterStrom“ zeigt, wie überall im Land Bürger und Stadtwerke die Energiewende selbst in die Hand nehmen, in welchem Umfang sich Industriesubventionen in der EEG-Umlage verstecken und welche Preis senkenden Effekte Erneuerbare Energie bereits heute auf den Strompreis an der Börse hat: „UnterStrom“ – http://www.zdf.de/ZDFmediathek/hauptnavigation/startseite/#/beitrag/video/1666352/ZDFzoom:-Unter-Strom

Steelwind Nordenham: Beschäftigungschancen der Energiewende nutzen

Pressemitteilung der IG Metall Küste/Mitte (Nordenham/Frankfurt) – Als wichtigen Schritt hin zu einer nachhaltigen Energiewende, die attraktive Beschäftigungsperspektiven für viele Menschen biete, haben die Bezirksleiter der IG Metall Bezirk Küste und des IG Metall Bezirks Mitte, Meinhard Geiken und Armin Schild, aus Anlass des ersten Spatenstichs für Steelwind Nordenham das Engagement der Dillinger Hütte AG in Nordenham bezeichnet.

Die beiden Bezirksleiter begrüßten, gemeinsam mit dem Betriebsratsvorsitzenden der Dillinger Hütte AG, Roman Selgrath, dass ca. 300 qualifizierte Arbeitsplätze geschaffen werden, wenn Steelwind Nordenham zukünftig aus Grobblech der Dillinger Hütte Fundamente für Offshore-Windräder herstellen wird. Armin Schild, der auch stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender der Dillinger Hütte AG ist, stellte dazu fest: „Mit Steelwind Nordenham werden nicht nur an der Küste, sondern auch in Dillingen an der Saar Arbeitsplätze gesichert.“ Das sei ein hervorragendes Beispiel, um zu zeigen, welche Beschäftigungschancen die Energiewende biete. Schild erklärte weiter: „Die Dillinger Hütte ist bekannt für ihre Mitbestimmungskultur. Gemeinsam werden wir sicherstellen, dass es gute Arbeit und gut bezahlte Arbeitsplätze werden.“

Meinhard Geiken erklärte: „Die von der Bundesregierung beschlossene Zielsetzung der Energiewende ist ohne den Bereich der Wind- und Offshore-Industrie nicht realisierbar. In der Windenergie arbeiten heute schon rund 100.000 Menschen, davon 40.000 im Maschinen- und Anlagenbau und deren Zulieferer. Gerade der maritime Anlagenbau mit 62 Prozent des Umsatzes in Norddeutschland ist ein wichtiger Bestandteil der Wertschöpfungskette.“ Der geplante Ausbau der Offshore-Windparks in der Nord- und Ostsee sei für die strukturschwache norddeutsche Küstenregion, aber auch für die Bundesrepublik insgesamt aus beschäftigungs-, struktur- und industriepolitischer Perspektive eine gute Chance.

Der Betriebsratsvorsitzende der Dillinger Hütte AG, Roman Selgrath, erklärte: „Die Energiewende muss endlich durch verlässliche staatliche Rahmenbedingungen gestützt werden und darf nicht alleine den Marktkräften überlassen werden.“ Insbesondere die Netzanbindung, einschließlich der Onshore-Trassen, die Errichtung von Windparks in Wassertiefen von 40 Metern und mehr, immer größer werdende Windanlagen, komplexe rechtliche Voraussetzungen, die Arbeitssicherheit im Bereich Offshore und die Qualifizierung von Fachkräften, bedürften eines koordinierenden Vorgehens von Industrie, Gewerkschaften und Politik in den unterschiedlichen Bereichen.

 

KollegInnen kämpfen für Tarifvertrag bei RePower

Beim Windanlagen-Hersteller RePower tut sich was: Die Beschäftigten organisieren sich und wollen einen Tarifvertrag durchsetzen. Auf der Homepage windpower-aktiv lassen sich viele Informationen und viele Schwierigkeiten aus Sicht der Beschäftigten über die Arbeitsbedingungen bei einem der großen Windanlagenbauer nachlesen. Nicht nur die Frage eines Tarifvertrages und die Gehaltsbedingungen sind dabei ein Thema. Auch die Frage der Leiharbeit hat – wie insgesamt in der Windbranche – einen hohen Stellenwert.

Wie das im Einzelfall in der Praxis aussieht, zeigt dieses Video von einer Aktionsveranstaltung im Mai in Bremerhaven.

Zuvor hatten sich die Vertrauensleute im Februar zu einer Konferenz zusammen gesetzt, um ihre Strategien für die Durchsetzung eines Tarifvertrages zu planen. Das zeigt das folgende Video

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