Schwere Atomunfälle International

Pannen und Störfälle, die häufig auch zu Notabschaltungen des gesamten Reaktors führen, sind in den deutschen Atomkraftwerken an der Tagesordnung. Allein in den Monaten Juli – September 2008 hatten die deutschen Atommeiler 21 Störfälle zu melden. im Jahr 2007 waren es insgesamt 118 Störfälle. Insgesamt 20 weitere Störfälle ereigneten sich in Anlagen zur Ver- und Entsorgung von radioaktiven Materialien. Das Bundesamt für Strahlenschutz führt eine Statistik über die Unfälle und Pannen, die Sie hier einsehen können.

Automatische Notabschaltungen sind eine schwere Belastung und Herausforderung für die Technik und Materialien in einem Atomreaktor. Innerhalb kürzester Zeit muß ein AKW bei einer solchen Notabschaltung von Volllastbetrieb auf Null runter gefahren und die Kettenreaktion zuverlässig unterbrochen werden. Zahlreiche Sicherheitseinrichtungen müssen automatisch angefahren, die Wärme im Reaktor abgeführt und die Kühlung aufrecht erhalten werden. Ein Vorgang, der mit einem voll beladenen LKW verglichen werden kann, der mit einer Vollbremsung auf der Autobahn zum stehen gebracht werden muß.

Doch immer wieder kommt es auch zu außerordentlich schweren Störfällen, die deutlich machen, dass das Risiko der Atomenergie nicht zu beherrschen ist und die gravierende Auswirkungen für Mensch und Umwelt haben.

Einige der herausragenden Beispiele führen wir im Folgenden auf:

Super-GAU in Tschernobyl

Am 26. April 1986 um 1 Uhr 23 explodierte der Atomreaktor des Block 4 in Tschernobyl und löste damit den bisher schwersten Super-GAU in der Geschichte der Atomenergienutzung aus. Eine radioaktive Wolke zog über weite Teile der ehemaligen Sowjetunion und über Europa.

Im Jahre 2006 ist noch eine Fläche von 150.000 Quadratkilometern radioaktiv verseucht, die sich über die heutige Ukraine, Weißrussland und Russland erstreckt. Obwohl das ganze Ausmaß der gesundheitlichen Folgen dieser Katastrophe nie ganz geklärt werden kann, schätzen WissenschaftlerInnen die Zahl der zu erwartenden Todesopfer auf 66.000 bis 150.000. Hunderttausende von der Strahlung betroffene Menschen leiden an zum Teil schweren Krankheiten. Auch in Westeuropa kam es in der Folge des Tschernobyl-Unfalls zu einem signifikanten Anstieg von Fehlbildungen und frühem Versterben bei Neugeborenen.

Trotz dieser Erkenntnisse rechnen internationale Organisationen wie die IAEA die Zahlen bewusst klein und verharmlosen die Gefahren der Atomenergie.

Bricht der damals in alle Eile errichtete Betonmantel – der so genannten Sarkophag, kann der noch immer hochradiaktive Inhalt des Reaktors für eine weitere Katastrophe sorgen. Tschernobyl macht klar, dass die Risiken der Atomenergie unverantwortlich sind und alle Atomkraftwerke stillgelegt werden müssen!

Laut Meldungen der Nachrichtenagentur AFP vom 23. April 2008 soll nun zunächst ein Atommüll-Lager und eine Wiederaufbereitungsanlage am Unglücksort errichtet werden.

Atomkatastrophe – Harrisburg war nur der Anfang

Am 27. März jährt sich zum 30. Mal die Atomkatastrophe in dem AKW Three Mile Island in Harrisburg. Nach einem Störfall kommt es zu einer teilweisen Kernschmelze. Um haaresbreite gelingt es den Techniker, den Super-Gau zu verhindern. Die Reaktorkatastrophe von Harrisburg war der Anfang vom Ausstieg aus der Atomenergie. In den USA bracht das Atomprogramm zusammen, Schweden beschloss den Ausstieg… Was passierte damals in Harrisburg? Und wie ist die aktuelle Situation heute? Lesen Sie mehr…

Atomexplosion im japanischen Tokaimura

Am 30. September 1999 kommt es in der japanischen Urananlage in Tokaimura zu einem überaus schweren Unfall, den die Internationale Atomenergiebehörde inzwischen in die Stufe fünf der bis zu Stufe sieben reichenden Skala eingeordnet hat. Aufgrund von zahlreichen Handhabungsfehler kommt es in der Anlage zu einer unkontrollierten Kettenreaktion. Zahlreichen ArbeiterInnen und Menschen in der Umgebung der Anlage werden radiaktiv belastet.

Mehr über den Unfallverlauf in Tokaimura aus der Monatszeitung ak – analyse und kritik

Forsmark, Schweden: Atomarer Blindflug

Am 25. Juli 2006 schrammt Nordeuropa nur knapp an einer atomaren Katastrophe vorbei. In dem von Vattenfall betriebenen Atommeiler Forsmark springt nach einem Kurzschluß die gesamte Notstromversorgung nicht an. Die Reaktormannschaft betreibt das Atomkraftwerk für fast eine halbe Stunde im Blindflug – ohne jede Information über die tatsächliche Lage im Reaktor.

Mehr bei Telepolis und aus Süddeutsche Rundschau

Brunsbüttel 2001: Wasserstoff-Explosion im Reaktor

Den vorläufigen Höhepunkt seiner Störfallserie erreichte das AKW Brunsbüttel am 14. Dezember 2001 mit dem wohl schwersten Störfall, der sich in den letzten 20 Jahren in einem deutschen Atomkraftwerk ereignete. Eine Knallgasexplosion zerfetzte ein 10 cm dickes Stahlrohr in unmittelbarer Nähe des Reaktordruckbehälters. Bruchstücke des Rohres flogen wie Geschosse umher und richteten auch in der Umgebung Schäden an. Glücklicherweise wurden keine sicherheitsrelevanten Einrichtungen getroffen. Nur ein einfaches Rückschlagventil, das bei der Explosion zudem beschädigt wurde, verhinderte das Ausströmen des unter hohem Druck stehenden radioaktiven Dampfes. Das Ausströmen hätte den Verlust von Kühlmittel bedeutet, was zu einer Kernschmelze, also dem Super-GAU, führen kann. Ein „Tschernobyl in klein“ – dieselbe Explosion zwei Meter weiter, und man hätte für nichts mehr garantieren können.

Der Betreiber legte im Umgang mit dem Störfall ein Besorgnis erregendes Sicherheitsverständnis an den Tag. Obwohl Signale in der Leitwarte den Störfall anzeigten und sie auch die Erschütterung durch die Explosion registrierten, wurde eine vergleichsweise harmlose Leckage angenommen – ein Ventil abgesperrt – und der Reaktor weiter betrieben. Ein klarer Fall von „Profit vor Sicherheit“. Erst zwei Monate später, als die Aufsichtsbehörde Bedenken hatte und auf eine Inspektion drängte, wurde entdeckt, was wirklich passiert war, und der Reaktor endlich abgeschaltet. Die Aufsichtsbehörde leitete daraufhin eine umfangreiche Untersuchung ein – wegen der offensichtlichen technischen Defizite und auch wegen Zweifeln an der Zuverlässigkeit des Betreibers und der Fachkunde der zuständigen Personen. Eigentlich Gründe genug, die Anlage endgültig stillzulegen – trotzdem wurden nur einige technische und organisatorische Änderungen vorgenommen, einige verantwortliche Personen entlassen und der Reaktor am 26.3.2003, nach 13 Monaten Stillstandszeit, wieder in Betrieb genommen.

Im Zuge der Untersuchungen wurde auch entdeckt, dass dies nicht die erste Explosion im Reaktor war: Irgendwann vor 1992 war es in der gleichen Leitung, in dem Bereich, der nicht durch das Rückschlagventil abgesperrt ist, unbemerkt schon einmal zu einer etwas kleineren Knallgasexplosion (im Jargon der Betreiber harmlos klingend „Radiolysegasreaktion“) gekommen, die das Rohr jedoch glücklicherweise „nur“ verformt hatte.

Bericht der Landesregierung Schleswig-Holstein (PDF) zu diesem Störfall.

Brunsbüttel 1978: Stundenlang dringt radioaktiver Dampf in die Umwelt

18. Juni 1978: Zwei Jahre nach der Inbetriebnahme des AKW Brunsbüttel kommt es zum Abriss eines Blindstutzen. Über mehrere Stunden gelangen 100 Tonnen leicht radioaktiven Dampfes zunächst ins Maschinenhaus des Kernkraftwerks, dann über Druckentlastungskappen und den Abluftkamin ins Freie. Der Störfall wird tagelang vertuscht und erst ein anonymer Anrufer sorgt dafür, dass die Öffentlichkeit von diesem schweren Störfall erfährt. Der Betriebsführer muß später seinen Hut nehmen, als bekannt  wurde, dass die Reaktormannschaft versucht hatte, die automatische Notabschaltung des Reaktors durch Manipulationen zu verhindern.Zwei Jahre bleibt der Reaktor abgeschaltet.

Das Hamburger Abendblatt schrieb 1980 dies

Biblis: Ahnungslos auf dem Weg zum Super-Gau

Am 16.-17. Dezember 1987 schrammte das AKW Biblis-A bei einem Kühlmittelverlust-Störfall nur knapp an einem Super-GAU vorbei – einer der schwersten Störfälle in der Geschichte der Atomkraft in Deutschland. Ein Ventil, das das unter hohem Druck stehende radioaktive Kühlwasser des Primärkreislaufes vom Notkühlsystem trennt, versagte beim Anfahren des Reaktors und schloss nicht, was von der Betriebsmannschaft aber über 16 Stunden lang nicht bemerkt wurde. Eine leuchtende Warnlampe auf der Leitwarte wurde von zwei aufeinander folgenden Schichten die ganze Zeit entweder übersehen oder für einen Defekt der Anzeige gehalten. Erst die dritte Schicht bemerkte den Fehler.

Statt den Reaktor sofort herunterzufahren, versucht die Betriebsmannschaft mit einem Trick, das Ventil zu schließen. Ein Kontrollventil, dass den Primärkreislauf von einer Messleitung trennt, die für den hohen Druck nicht ausgelegt ist, wird absichtlich geöffnet, um das defekte Ventil „durchzuspülen“, was aber misslang. In der Folge strömten 107 Liter radioaktives Kühlwasser aus, gelangten über die Messleitung in den Ringraum außerhalb des Sicherheitsbehälters und von dort in die Atmosphäre. Nur durch Glück gelang es, das Kontrollventil gegen den hohen Druck wieder zu schließen. Wäre das nicht gelungen, hätte die Messleitung wegen des hohen Druckes platzen können, und ein Verlust großer Mengen Kühlmittel wäre unvermeidlich gewesen. Ein solcher Kühlmittelverlust kann zu einer Kernschmelze und damit zum Super-GAU führen.

Skandalös an diesem schweren Störfall war auch, dass der Betreiber RWE die Öffentlichkeit nicht unterrichtete. Erst ein Jahr später, im Dezember 1988 wurde dieser Vorfall durch eine us-amerikanische Zeitung bekannt.

Windscale / Sellafield – Reaktor in Flammen

Am 7.-10. Oktober 1957 – Bei Wartungsarbeiten in dem auch zur Atomwaffenproduktion (Plutonium) genutzten Atommeiler im britischen Windscale – heute als Sellafield bekannt – gerät der Reaktor in Brand. 10 Tonnen Uran und 2.000 Tonnen Graphit stehen in Flammen, eine radioaktive Wolke steigt aus den Abluftkaminen und verbreitet sich über Teile Nordeuropas. Alle Versuche der Betreiber, den Brand unter Kontrolle zu bekommen, scheitern. Schließlich riskiert die Betreibermannschaft alles auf eine Karte zu setzen, in dem sie es mit Wasser als Löschmittel probiert. Völlig unklar ist in diesem Moment, ob das funktionieren kann oder ob dadurch nicht Wasserstoff erzeugt wird, der möglicherweise in Kontakt mit Sauerstoff explodiert. Aber die Rettungsleute haben Glück, das Feuer kann im letzten Moment gelöscht werden.

Von all dem erfährt die Öffentlichkeit nichts. Die britische Regierung vertuscht den Störfall und dessen Ausmaß über 30 Jahre lang. Der Plutonium-Reaktor wird abgeschaltet, noch heute ist die strahlende Ruine nicht abgebaut.

Kritische Kerne in Reaktion – Atomexplosion im japanischen Tokaimura

Hamburg, 1999: Dümmer hätte es für die 570 WissenschaftlerInnen wohl nicht kommen können. Da beschwören die ElfenbeinturmbewohnerInnen mit starkem Drang zur Drittmittelforschung und dem Nimbus der unabhängigen und daher unantastbaren Vernunft die unerläßliche Zukunft der Atomenergie, -und da knallt ihnen eine verdammte Urananlage im High-Tech Wunderland Japan um die Ohren. Dumm gelaufen: Der nach Tschernobyl und Harrisburg schwerste Störfall in einer Atomanlage macht jedoch nicht nur deutlich, daß diese Technologie auf den Schrotthaufen der Geschichte gehört. Es ist schier unvorstellbar, welche Schlampereien in einer mit waffenfähigen Uran hantierenden Atomanlage möglich sind und das Aufsichts- und Genehmigungsbehörden davon erst etwas mitbekommen, wenn es zu spät.

Es war gegen 10.35 Uhr am 30. September, als in der Urankonversionsanlage der JCO in Tokai die Arbeiter damit begonnen, 16 Kilogramm des auf rund 19 Prozent angereicherten Uran in einen Tank einzufüllen. Dies geschieht nicht, wie es in den Handbüchern gefordert wird, mit Hilfe einer Pumpvorrichtung, die zusätzlich die Konzentration des spaltbaren Uran 235 überprüft. Statt dessen schleppen die Arbeiter des Unternehmens das Zeug in Eimern an und beginnen es per Hand in den mit Salpetersäure gefüllten Tank zu schütten. Schon diese Vorgehensweise ist atemberaubend. Doch der nächste Fehler folgt sofort: Offenbar übersehen die Arbeiter, daß sie nicht mit der Herstellung von Brennstoff für herkömmliche Leichtwasserbrennelemente befaßt sind. Diese Brennelemente, die in herkömmlichen Atomreaktoren zum Einsatz kommen, werden nur zwischen drei und fünf Prozent mit dem spaltbaren Uran 235 angereichert. Doch in den Tanks sollte zu diesem Zeitpunkt hochangereichertes Urandioxid für den Einsatz in einem Schnellen Brüter hergestellt werden. Nach Auffassung des WISE Paris, einem unabhängigen Gutachterinstitut, könnte die Menge von 16 Kilogramm Uran normalerweise für die Herstellung herkömmlichen Brennstoffes benutzt werden. Doch bei hochangereicherten Uran ist diese Menge um ein vielfaches zu hoch, lediglich rund 2,4 Kilogramm angereichertes Uran hätten in den Tank gedurft. Die Herstellung dieser besonderen Charge hatte erst am 22. September begonnen. Erstmals seit drei Jahren wurde derartiges Material in der Anlage hergestellt.

Die Folge dieses gravierenden Fehlers: Aufgrund der viel zu hohen Menge an spaltbarem Material kommt es zu einer unkontrollierten Kettenreaktion. Unterstützt durch das Kühlwasser in den Tanks „zündet“ das Uran und baut in Sekundenschnelle eine enorm hohe radioaktive Gamma- und Neutronenstrahlung auf.

Mindestens drei Arbeiter werden von dieser Strahlung getroffen. Laut WISE Paris bekommt ein 35jähriger Arbeiter eine Dosis von 17 Sievert ab, ein 39jähriger wird mit 10 Sievert und ein 54jähriger mit 3 Sievert verstrahlt. Werte, die bei den Atombombenabwürfen über Hiroshima und Nagasaki gemessen wurden. Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) gibt an, daß gesundheitliche Auswirkungen schon bei Strahlenwerten ab 500 mSv zu erwarten sind. Bei Werten von 1,5 bis 2 Sievert tritt der Tod aufgrund von Knochenmarksschädigungen nach 30 bis 60 Tagen ein. Dosen über 15 Sievert wirken unmittelbar und führen nach nur einem bis zu fünf Tagen zum Tod. Laut Bundesumweltministerium wird bei einer Strahlenbelastung von 0,2 mSv/h Katastrophenvoralarm gegeben und ab 2,0 mSv/h Katastrophenalarm ausgelöst.

Um die Kettenreaktion zu stoppen, versuchen die Arbeiter, das Wasser aus den Tanks zu bekommen, da dieses als Moderator und damit als Unterstützung der Kettenreaktion dient. Der erste Versuch scheitert jedoch. Im zweiten Anlauf zerstören die Arbeiter schließlich die Wasserleitungen und schaffen es so, die Zufuhr zu stoppen. Borsäure wird eingefüllt. Bor absorbiert die Neutronen und hilft so, die Kettenreaktion zu unterbinden. Wegen der hohen Strahlung können die Arbeiter lediglich für drei Minuten in die Anlage. Dennoch bekommen sie Strahlenwerte zwischen 20 und 103 mSv ab. Der Normalwert für Angestellte in Atomanlagen liegt in Japan bei einer Dosis von 50 mSv pro Jahr. Im Katastrophenfall kann der Wert 100 mSv betragen. Insgesamt 18 Arbeiter sind an diesen Maßnahmen beteiligt. Insgesamt werden mindestens 55 Arbeiter, Feuerwehrleute und Sanitäter einer erhöhten Strahlenbelastung ausgesetzt.

Das BfS gibt später an, daß bei den ersten Messungen eine Stunde nach Unfallbeginn eine Gammadosis von 0,84 Millisievert pro Stunde am Zaun der Anlage ermittelt wurden. Der Normalwert liegt bei 0,1 Mikrosievert je Stunde.

Über die Neutronenstrahlung können stundenlang keine Angaben gemacht werden. In der betroffenen Halle gibt es dafür keine Messeinrichtung. Es dauert fast acht Stunden, bis eine entsprechende Messeinrichtung vor Ort ist. Laut BfS wird zu diesem Zeitpunkt am Zaun der Anlage eine Neutronenstrahlung von 4,5 mSv/h gemessen. Die Gammaleistung war zu diesem Zeitpunkt auf 0,5 mSv/h abgesunken. Aus diesen Werten schlußfolgert das BfS, daß bei Unfallbeginn die Werte doppelt so hoch gewesen sein müssen: die Neutronenstrahlung also bei 9 mSv/h und die Gammastrahlung bei 1,0 mSv/h. Wohlgemerkt: dies sind die Stundenwerte. Bei dieser Strahlung entspricht der Aufenthalt von nur einer Stunde etwa dem, was ein Mensch normalerweise innerhalb von vier Jahren aufgrund der natürlichen Strahlenexposition aufnimmt, so das BfS.

Um 7 Uhr morgens Ortszeit, am 1. Oktober, erklären die Verantwortlichen, daß die Kettenreaktion gestoppt wurde, – 20 Stunden nach Unfallbeginn.

Interne Ursachen

Soweit es derzeit erkennbar ist, sind mehrere Umstände für diese Katastrophe verantwortlich. Zum einen berichten die Arbeiter über einen enormen Arbeitsstreß, der seitens des Management von JCO erzeugt wird. Neben der scheinbar mangelhaften Ausbildung der Arbeiter, hat die Unternehmensleitung ausdrücklich die Umgehung von Sicherheitsmaßnahmen gebilligt. Dazu gehört beispielsweise das Einfüllen von Uran per Hand und Eimer in die Tanks. Eine Überwachung der Neutronenstrahlung in diesem Teil der Anlage war nicht installiert.

Überwachungskameras, die eine externe Kontrolle der Vorgänge ermöglichen sollen, waren schlicht abgeschaltet. Kritikalitätsstörfälle scheinen bei der Genehmigung der Anlage keine Rolle gespielt zu haben. Außerdem wurde kurze Zeit nach Unfallbeginn von der Firmenleitung eingeräumt, daß technische Veränderungen in der Anlage an der Genehmigungsbehörde vorbei durchgeführt worden sind. Vor diesem Hintergrund mag man kaum noch den Kopf schütteln, wenn am 12. Oktober den Zeitungen zu entnehmen ist, daß Lüftungsklappen seit Unfallbeginn offenstanden und die Ventilatoren munter radioaktive Strahlung aus dem Inneren der Anlage in die Umgebung pusteten.

Nach Angaben des Pariser Institut für Nuklearsicherheit hat es seit 1945 insgesamt 59 „ernsthafte“ Kritikalitätsunfälle in Nuklearanlagen gegeben, 33 davon in den USA und 19 in der ehemaligen Sowjetunion.

Auswirkungen des Unfalls

Erst nach zwei Stunden, also gegen 12.30 Uhr Ortszeit verhängt die Polizei Schutzmaßnahmen für die Bevölkerung in der Umgebung der Anlage. Im Umkreis von 200 Metern wird der gesamte Verkehr unterbunden. Erst gegen 15 Uhr entscheiden die örtlichen Verantwortlichen, die Bevölkerung im Umkreis von 350 Metern zu evakuieren. 150 Menschen aus 50 Haushalten sind von dieser Maßnahme betroffen. Sie werden per Bus in eine nur eineinhalb Kilometer entfernte Unterkunft gebracht. Während die Strahlendosis am Zaun der Anlage zwischen 4 und 4,5 mSv/h liegt, werden gegen 22.30 Uhr die AnwohnerInnen in einem Umkreis von 10 Kilometern aufgefordert, Fenster und Türen geschlossen zu halten und sich nicht im Freien aufzuhalten. Insgesamt 310.000 Menschen sind betroffen. Inzwischen räumt die Regierung ein, daß sie den Störfall unterschätzt habe und nicht ausreichend vorbereitet gewesen sei. Die Regierung bittet das US-Militär um Unterstützung. Um zu verhindern, daß die BewohnerInnen kontaminiertes Trinkwasser benutzen, wird die Versorgung mit Wasser umgestellt. Die Behörden bereiten die Ausgabe von Jod-Tabletten vor. In den frühen Morgenstunden, kurz vor sechs Uhr werden auf dem JCO-Gelände Werte in Höhe von 18 mSv/h Neutronen und 20 mSv/h Gammastrahlung gemessen. Damit liegen die Werte um das rund Fünffache über den Werten, die 12 Stunden zuvor gemessen wurden.

Am 1. Oktober bleiben alle 224 Schulen innerhalb des 10 km-Radius geschlossen, die Kinder bleiben zu Hause. Alle Straßen innerhalb eines Umkreises von 1 Kilometer werden geschlossen, nur noch Rettungsfahrzeuge dürfen verkehren. Die Japanische Eisenbahn stellt den Verkehr auf einigen Strecken ein, Linienbusse verkehren innerhalb der 10 km-Zone nicht. Die Bauern in der Umgebung werden aufgefordert, vorerst nicht weiter die Feldfrüchte zu ernten und weitere Mitteilungen abzuwarten. Alle Postämter bleiben geschlossen. In den Fabriken von Hitachi wird nicht gearbeitet. 8.700 Arbeiter und Angestellte bleiben zu hause. Die Marine warnt alle Schiffe, die die Bucht von Tokai anlaufen, über den Unfall. Den Fischern wird untersagt, vor der Küste ihre Netze auszuwerfen. Das Außenministerium bittet die USA und Rußland, Expertenteams zur Unterstützung zu schicken.

Im Laufe des Tages, die Kettenreaktion war am frühen Morgen gestoppt worden, beginnen die Behörden, nach und nach die Einschränkungen aufzuheben.

Greenpeace hat in den folgenden Tagen eigene Messungen in der Nähe der Anlage durchgeführt. Die Umweltschutzorganisation geht davon aus, daß mehr Menschen von dem Unfall betroffen sind, als die Regierung bislang einräumt. Bis zur Evakuierung müssen nach den Messungen von Greenpeace die AnwohnerInnen der Anlage etwa eine Dosis von fünf mSv/h an Neutronenstrahlung abbekommen haben. Wolfgang Köhnlein, atomkritischer Wissenschaftler und seit knapp einem Jahr Mitglied der Strahlenschutzkommission der Bundesregierung: „Fünf Millisievert ist eine erheblich Dosis. Dabei ist noch zu berücksichtigen, daß nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen besonders die biologische Wirkung der Neutronenstrahlung bisher unterschätzt wurde und die tatsächlich wirksame Neutronendosis in Tokaimura zweifellos noch höher lag. Es ist daher zu befürchten, daß der Unfall bei den Menschen Langzeitschäden zur Folge hat.“

JCO wird dichtgemacht

In den folgenden Tagen gerät die Betreiberfirma JCO immer mehr in die Schußlinie. JCO (ein Eigenname, der etwa soviel bedeutet wie Japan Atomic Fuel Conversion Company) ist eine hundertprozentige Tochter der Sumitomo Metalich Mining Company, einer der großen Wirtschaftsgiganten Japans. Diese haben inzwischen erklärt, diesen Geschäftszweig endgültig aufzugeben. Für einige Atomanlagen in Japan dürfte das erhebliche Probleme zur Folge haben. Neben der Mitsubishi Nuclear Fuel Company ist JCO die einzige Fabrik zur Urankonversion und hat sich seit Anfang der 80er Jahre auf die Herstellung von Brennstoff für Leichtwasserreaktoren und Schnelle-Brüter spezialisiert. 715 Tonnen herkömmlichen Uranbrennstoff und drei Tonnen hochangereichertes Uran können bei JCO jährlich hergestellt werden. Der Unfall geschah bei der Herstellung von hochangereicherten Brennstoff für den Versuchs-Brüter Joyo. 154 Mitarbeiter sind bei JCO beschäftigt.

Am 6. Oktober durchsuchen 200 Polizisten die Geschäftsräume der JCO. Als ein erstes Ermittlungsergebnis teilt das Ministerium für Wissenschaft und Technik mit, daß JCO die amtlichen Sicherheitsvorschriften eigenmächtig geändert habe. Demnach sollen JCO-Manager zugegeben haben, daß den Arbeitern ausdrücklich erlaubt worden ist, die Uranlösung für neue Brennelemente in Eimern abzumessen. Dem Unternehmen wird die Lizenz zum Betrieb der Anlage in Tokai entzogen. Die japanische Regierung, die trotz des Unfalls immer wieder betont, weiter am Ausbau der Atomenergienutzung festhalten zu wollen, ordnet die Überprüfung sämtlicher Atomanlagen inklusive der 51 Atomkraftwerke an. Bis zum Jahr 2010 plant die Regierung 20 neue Reaktoren zu errichten.

Was folgt?

Der schwere Unfall in Japan macht abermals deutlich, welch enormes Risikopotential in der Atomtechnologie steckt. Dabei kann die hiesige Atomwirtschaft nicht wie seinerzeit in Tschernobyl auf marode Reaktortechnik verweisen, die mit westlichen Sicherheitsstandards so gar nicht vergleichbar sei. Das in dem High-Tech-Land Japan derartige Produktionsbedingungen möglich sind, spricht nicht gegen Japan, sondern dafür, daß derartige Unfälle überall auf der Welt stattfinden können, – in Frankreich, in Deutschland, der Schweiz …

In Deutschland betreibt die zum Siemenskonzern gehörende Advanced Nuklear Fuels (ANF) in Lingen die Brennelementeherstellung. Allerdings nur für herkömmliche Reaktoren, also mit einer Anreicherung von bis zu fünf Prozent Uran 235. Gleich um die Ecke liegt die Konversionsanlage der Urenco in Gronau. Hier wird aus dem gasförmigen Uranhexafluorid die Anreicherung in Zentrifugen betrieben. Grundsätzlich ist diese Anlage in der Lage, jede gewünschte Anreicherung, also bis hin zur Atombombentauglichkeit, herzustellen. Risiken bestehen dabei nicht nur mit Blick auf Kritikalitätsstörfälle. Das Uranhexafluorid reagiert extrem stark auf Wasser. Entweicht das Urangas aus einem undichten Behälter könnte schon der Kontakt mit der Luftfeuchtigkeit zu schweren Explosionen und zu großräumigen Vergiftungen in der Umgebung der Anlage führen.

Der Unfall von Tokai ist von der Internationalen Atomenergiebehörde inzwischen in die Stufe fünf der bis zu Stufe sieben reichenden Skala eingeordnet worden. Damit wird er mit dem Unfall von Harrisburg auf eine Stufe gestellt. Anders jedoch als vor 20 Jahren regiert in Berlin inzwischen ein Regierung, die den Atomausstieg auf ihre Fahnen geschrieben hat. Was braucht diese Regierung eigentlich noch, um endlich das zu tun, wofür sie gewählt wurde: Abschalten! Sofort!

DSe

aus: ak – analyse & kritik – zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 431 / 21.10.1999

×