Künftig illegal: Atommülllagerung nur noch als Notverordnung? Schriftliche Begründung des OVG Schleswig könnte die gesamte Atommüllentsorgung ins Chaos stürzen

Atommüll: Lagerung nur noch als Notverordnung? Foto: Dirk Seifert
Atommüll: Lagerung nur noch als Notverordnung? Foto: Dirk Seifert

Steht die gesamte deutsche Atommüllentsorgung vor dem rechtlichen Aus? Im Juni hatte das Oberverwaltungsgericht Schleswig darüber zu entscheiden, ob die Genehmigung für das Atommüll-Zwischenlager am AKW Brunsbüttel rechtens ist. Die Genehmigung wurde für rechtswidrig erklärt. Jetzt liegt eine erste, “anonymisierte” schriftliche Urteilsbegründung vor. (PDF, Hinweis: Der Downloadlink zur dieser PDF hat sich seit der Erstveröffentlichung verändert, nach dem OVG eine zweite, korrigierte Fassung geschickt hat.)

Ein Anwohner hatte u.a. geklagt, weil seiner Meinung nach das Zwischenlager für hochradioaktive Brennelemente aus dem AKW nicht ausreichend gegen den (gezielten) Absturz des Passagierflugzeugs A380 ausgelegt sei. Außerdem sei kein ausreichender Schutz gegen Terroranschläge mit modernen Panzerfäusten untersucht worden und daher keine Schutzmaßnahmen erfolgt. Das Gericht hatte daher die Genehmigung durch das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) aufgehoben.

Jetzt hat das OVG eine „anonymisierte“ schriftliche Begründung den Verfahrensparteien zugestellt.  Die Fassung trägt das Datum vom 23. August 2013.

Sowohl das BfS, als auch die Betreiber des AKWs Brunsbüttel (Vattenfall, E.on) und auch die Atomaufsichtsbehörde in Schleswig-Holstein hatten nach dem mündlichen Urteil mitgeteilt, dass man nun die schriftliche Begründung des Gerichts abwarten müsse, um zu bewerten, welche Folgen das Urteil konkret hat. Nach einer schriftlichen Urteilsbegründung hat das dem Bundesumweltministerium zugeordnete BfS vier Wochen Zeit, gegen das schriftliche Urteil des OVG Schleswig Widerspruch einzulegen.

Erste Stellungnahme des BFS nach der mündlichen Begründung des Urteils. In der PM, stellt das BfS u.a. auch fest: „Es ist bei der Prüfung des gezielten Flugzeugabsturzes nach dem 11. September 2001 gegen den Widerstand der Stromversorger sogar darüber hinaus gegangen.“ Das hat das Gericht zwar für nicht ausreichend erklärt. Es macht aber auch deutlich, dass die Betreiber der AKWs offenbar noch weniger Untersuchungen wollten.

Die schriftliche Urteilsbegründung könnte nicht nur für das Atommüll-Zwischenlager in Brunsbüttel von Bedeutung sein. Zahlreiche andere Lager für hochradioaktiven Atommüll sind grundsätzlich in der gleichen Weise genehmigt worden. Die Sicherheitsmängel, die das Urteil des OVG für Brunsbüttel in Sachen gezielter Flugzeugabsturz eines A380 als auch zu panzerbrechenden Waffen aufzeigt, würden daher auch die Zwischenlager in Brokdorf, Krümmel, Grohnde, Unterweser und den anderen AKW-Standorten bis hinunter nach Bayern und Baden-Württemberg betreffen. Atommüllentsorgung im rechtlichen Notstand!

Von Bedeutung ist in der schriftlichen Begründung auch, wie sich das Gericht in Schleswig zur Geheimhaltung der Behörden in Sachen Terrorschutz verhält. Denn das BfS hat diverse angebliche Sicherheitsbetrachtungen dem Gericht nicht vorgelegt, weil diese geheim seien. Zwar billigt das Bundesverwaltungsgericht in bestimmtem Umfang so ein Vorgehen, aber das OVG Schleswig hatte schon in der Verhandlung deutlich gemacht, dass es vor einem erheblichen Dilemma stehe. Einerseits muss es den Schutz von Betroffenen sicherstellen – andererseits kann es von den Behörden behauptete Sicherheitsuntersuchungen und Abwehrmaßnahmen nicht beurteilen, weil diese der Geheimhaltung unterliegen.

Dabei stellt sich auch eine Frage, die für den Betrieb der noch am Netz befindlichen Atomkraftwerke von Relevanz sein könnte: Wenn die bestehenden Zwischenlager nicht ausreichend sicher sind, dann darf dort auch keine Lagerung geschehen. Damit aber wäre angesichts fehlender Alternativen die Entsorgung nicht mehr gewährleistet. Die Atommeiler müssten abgeschaltet werden.

Für Schleswig-Holstein und das Zwischenlager des AKW Brunsbüttel dürfte klar sein: Das von den Grünen (!!) geführte Energieministerium als zuständige Atomaufsichtsbehörde muss sich darauf vorbereiten, die weitere Lagerung der hochradioaktiven Atomabfälle per Notverordnung anzuordnen! Möglicherweise nicht nur in Brunsbüttel, sondern auch gleich für das noch in Betrieb befindliche AKW Brokdorf und das abgeschaltete AKW Krümmel. Das könnte auch für alle anderen AKW-Standorte gelten. Und das BfS muss Rechtsmittel gegen das Urteil des OVG Schleswig einlegen, um die Fassade von Rechtsstaatlichkeit zu erhalten. Mit Sicherheit aber hat das nichts mehr zu tun!

Die Farce am Rande: Während das Endlagersuchgesetz gerade von allen Parteien im Bundestag beschlossen wurde und als historischer Kompromiss gefeiert wurde, bricht in der Wirklichkeit die gesamte offizielle Propaganda der Atommüllentsorgung zusammen. Schon ziemlich doof.

Siehe auch:

 

Zukunft – Rekommunalisierung – Daseinsvorsorge: Verdi – Hamburg diskutiert über „Zukunft des Öffentlichen Dienstes“

mehr-demokratie
Öffentlich statt Privat: Verdi Hamburg (Fachbereich) diskutiert.

Der Hamburger Verdi Fachbereich Bund/Länder und Gemeinden hat Prof. Heinz Bontrup zu einer Veranstaltung über die Zukunft des Öffentlichen Dienstes eingeladen. Bontrup ist Direktor am Westfälischen Energieinstitut an der Westfälischen Hochschule sowie Mitglied im Expertenrat zur Reform der Wirtschafts- und Währungsunion der Europaministerin des Landes Nordrhein-Westfalen. Außerdem ist der Wirtschaftswissenschaftler Bontrup Mitverfasser und Herausgeber der jährlichen Memoranden der Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik (Memorandum-Gruppe) sowie deren Sprecher.

Die Verdi-Veranstaltung soll vor dem Hintergrund von Privatisierungen wichtiger öffentlicher Bereiche die Diskussion über die Zukunft des Öffentlichen Dienstes zwischen Daseinsvorsorge, Rekommunalisierung und starkem Sozialstaat vertiefen.

Hier die Einladung zur Veranstaltung am 10. September ab 16.30 Uhr als PDF und hier direkt zum Nachlesen:

+++ Zukunft +++ Öffentlicher Dienst +++ Zukunft +++ Daseinsvorsorge +++ Zukunft +++ starker Sozialstaat +++ Zukunft +++ Rekommunalisierung +++ Zukunft +++ Chance +++ Zukunft +++ Öffentlich ist Wesentlich +++ Zukunft +++

Einladung zur Veranstaltung
„Zukunft des Öffentlichen Dienstes“
mit Prof. Heinz Bontrup – am 10. September 2013, 16.30 Uhr in der Halle 13, Hellbrookstr. 2, 22305 Hamburg

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

das Thema ist nicht neu, aber doch immer wieder neu und für die Menschen in unserer Stadt ein wichtiger Zukunftsgarant.

Wir würden und deshalb über euer Kommen und eure Beteiligung sehr freuen.

Sieglinde Frieß, Doris Heinemann-Brooks, Andreas Scheibner

Wind-Offshore – 400 Beschäftigte demonstrieren – IG Metall Küste: „Planungschaos der Bundesregierung gefährdet tausende Arbeitsplätze“

Windrad_Mallorca2013Rund 400 Beschäftigte der Windkraftindustrie demonstrieren in Cuxhaven. Die IG Metall Küste teilt dazu mit: „Zu Beginn der Konferenz der norddeutschen Wirtschafts- und Energieminister in Cuxhaven hat die IG Metall Küste verlässliche Rahmenbedingungen für den Ausbau der Windkraftindustrie gefordert. Rund 400 Beschäftigte aus Bremerhaven und Cuxhaven sowie Delegationen aus anderen Regionen beteiligten sich an einer Demonstration der Gewerkschaft für die Energiewende und für die Arbeits- und Ausbildungsplätze in der Branche. “

Siehe auch: IG Metall: “200.000 Arbeitsplätze sind in Gefahr – Deutschland braucht die Energiewende jetzt!”

Weiter heißt es in der Meldung der IGM Küste: „Von Cuxhaven geht ein deutliches Signal aus: Politik, Wirtschaft und Gewerkschaften im Norden ziehen an einem Strang und machen sich gemeinsam für den weiteren Ausbau der Windkraftindustrie stark“, sagte Meinhard Geiken, Bezirksleiter der IG Metall Küste. Der Gewerkschafter kritisierte die schwarz-gelbe Bundesregierung für die zögerliche Umsetzung der Energiewende: „Mit dem Planungschaos muss endlich Schluss sein, sonst bleiben weitere Investitionen in die Offshore-Industrie aus. Mehrere tausend Arbeitsplätze stehen dadurch an der Küste auf dem Spiel.“

Im heute vorgestellten Cuxhavener Appel (Deutschlands Windstärke – Chancen nutzen, jetzt handeln! PDF) fordern Landesregierungen, Industrie und IG Metall Küste die Bundesregierung auf, noch in 2013 planungsverlässliche gesetzliche Grundlagen zu schaffen, sei es im Rahmen des Erneuerbare Energien Gesetzes (EEG) oder durch ein zeitlich vorgeschaltetes Übergangsgesetz, damit die notwendigen Investitionen in 2014 und 2015 ausgelöst werden können. „Um die Energiewende und die Zukunftsbranche Windkraft nicht zu gefährden, darf die Bundesregierung keine weitere Zeit verlieren. Die Lage hat sich in den vergangenen Monaten dramatisch zugespitzt: Insolvenzen, Entlassungen und Standortschließungen sind schon jetzt Realität“, sagte Bezirksleiter Geiken.“

Weitere Artikel auf dieser Seite zu offshore – Wind – IG Metall

×