„Wir wollen Krieg nicht können!“ – Friedenskonzert mit dem Ersten Improvisierenden Streichorchester in Ottensen

„Wir wollen Krieg nicht können!“ – Friedenskonzert mit dem Ersten Improvisierenden Streichorchester in Ottensen

Friedenskonzert 2025 in der Christians Kirche in Ottensen, Altona, Hamburg. Am Kloppstockplatz. Mit dem Ersten Improvisierenden Streichorchester. Ein Benefizkonzert für die »Schule ohne Grenzen«. Aber auch ein Statement: „Wir wollen Krieg nicht können“, sagt der ehemalige Pastor Uli Hentschel unter großem Applaus in der gut besuchten offenen Kirche. Töne von Marschmusik des Streichorchesters brechen gleich wieder zusammen, wechseln in Differenz, in Demokratie und Vielfalt. Und auch sonst ist die Veranstaltung ein Ort, bei dem Mitmenschlichkeit und Widerspruch zusammengehören. Es bräuchte sehr viel mehr Reden, wie die von Uli Hentschel. Und Taten. umweltFAIRaendern dokumentiert.

Das Erste Improvisierende Streichorchester ist – nicht nur bezogen auf die Ohren – ein Erlebnis. Töne und Personen und Farben sind schon sowas wie ein politisches und musikalisches Statement. Und Improvisieren ist vielleicht manchmal auch nur ein anderes Wort dafür, die Demokratie immer wieder lebendig zu erstreiten. Es ist Vielfalt und Demokratie im Raum und in der Zeit – mit Kontroversen und Harmonien, mit Obacht und Respekt. Ein sehr besonderes Streich- und vielleicht auch im besten Sinn pluralistisches Streitorchesters.

  • Thomas Deuber hat aus Anlass des 40. Jubiläums das Orchester bei Proben, bei Gesprächen und bei einem Event in Osnabrück still und dezent gefilmt und gelauscht. Als Premiere gab es seinen Film „Improvisierend miteinander umgehen“ vor einem Jahr. Auf der Seite der „Kuhkoppel-Produktion“ gibt es dazu mehr. Töne und Demokratie und ein Orchester. Ein Erlebnisfilm.

Vom Konzert in der Christians Kirche 2025 gibt es hier zwei Audio-Mitschnitte als MP3.

und

 

Also Dokumentation die Ansprache von 

Uli Hentschel beim Friedenskonzert von EIS am 4. Advent 2025 in der Christianskirche (Es gilt das gesprochene Wort).

„Eure Musik – Eure Choreographie – „drücken die Sehnsucht nach Frieden, Lebendigkeit und Vielfalt aus“, wie ihr schreibt. Eure Improvisationen rufen aber auch Bilder von Leid, Krieg und Schmerzen wach. Ohne diese Bilder, diese Informationen zu verdrängen, soll die Sehnsucht gestärkt werden.

Das ist keine leichte Sache, sondern eine schwierige Herausforderung. Dissonanzen, Debatten und Kontroversen sind Elemente dieser Sehnsucht. Gestärkt wird sie, wenn es, wie in eurem Orchester, eine Verständigung über einige Grundregeln wie Respekt, Bereitschaft zum Zuhören, Mut zum Experiment, Veränderung des Vorgegebenen gibt.

Zu eurer Musik lässt sich nicht marschieren. Sie hat eine Richtung, verweigert sich aber dem Gleichschritt. Sie soll uns heute nach diesem kriegerischen Jahr wieder ermutigen zu einigen wenigen Überlegungen, die – wie soll es in der Kürze auch anders gehen, ganz persönlich von mir verantwortet werden:

1. Unsere Kräfte lassen nach. Wir sind erschöpft vom langen Kampf, von unseren Protesten, die, so sieht es derzeit aus, nicht erfolgreich waren. Wir sollten uns diese Erschöpfung, auch manche Ratlosigkeit nicht verbieten. Ich sage es auch mir selbst: Wir dürfen auch zur Ruhe kommen.

2. Ich vermute, dass wir hier in der Kirche unterschiedliche Auffassungen haben zum deutschen und europäischen Aufrüsten gegen das russische Großmachtstreben und den russischen Krieg gegen die Ukraine. Uns allen aber ist bewusst, dass die Aufrüstung zur Kriegstüchtigkeit mit massiven Kürzungen im sozialen Bereich, in der Ökologie und der Unterstützung armer Länder bezahlt wird.

3. Gegen die Militarisierung unserer Gesellschaft

Boris Pistorius, nach eigenem Verständnis nicht mehr nur Verteidigungsminister, sondern Kriegsminister, hat gefordert: Wir müssen kriegstüchtig werden. Wir müssen wehrhaft sein. Und die Bundeswehr und die Gesellschaft dafür aufstellen.“ Der letzte Satz wurde zu wenig beachtet: wie die Bundeswehr will Pistorius auch die Gesellschaft für diese Kriegstüchtigkeit „aufstellen“. Das ist nicht mehr Demokratie, sondern Militarisierung unsere Gesellschaft. Das wollen wir nicht.

Ebenso wenig wollen wir die atomare Aufrüstung Europas, wie sie von immer mehr Politikerinnen gefordert wird.

4. Viel zu wenig Proteste gibt es gegen die unredliche und unmenschliche und unmoralische Abweisung von Flüchtigen vor allem aus Afghanistan und dem Iran durch die deutsche, unsere Regierung. Und wo bleibt die Unterstützung für die Menschen, die sich dem Krieg verweigern. Das Recht auf Asyl muss auch für Deserteure und Kriegsdienstverweigerer gelten. Das Recht auf Asyl muss auch gelten für die Frauen, insbesondere aus dem Iran und Afghanistan.

5. Wir sehen, wie stark die Akzeptanz und auch Toleranz für faschistoide Gruppen und Strömungen (wie der AFD) wird. Ihr Verharmlosen und Relativieren der deutschen Verantwortung für den Holocaust und zwei Weltkriege braucht Widerspruch und nicht Verständnis.

Widerspruch braucht auch die Entscheidung von Senat und Bürgerschaft in unserer Stadt, mit einer 300-Millionen-Spende von Klaus-Michal Kühne einen neuen Kulturtempel zu bauen. Denn der Ursprungskern seines Vermögens ist eine NS-Erbschaft, die u.a. mit dem Transport des Eigentums von vertriebenen und ermordeten jüdischen Familien aus den Niederlanden, Belgien und Frankreich durch Kühnes Vater geschaffen wurde.

6. Mich sorgt vor allem der zunehmende Antisemitismus in Wort und Tat. Der Terrorangriff auf eine Chanukka-Feier in Australien ist der aktuellste Ausdruck einer Bedrohung für jüdische Menschen in aller Welt, auch hier in unserem Land und unserer Stadt. Da ist kein Frieden. Auch in meinen Milieus, dem linken und dem kirchlichen, kommen immer wieder antisemitische Einstellungen zum Vorschein.

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Woraus kann uns angesichts dieser Entwicklungen Klarheit und Kraft kommen? Wenige Tage vor dem Weihnachtsfest und hier in dieser Kirche will ich ganz fromm von Jesus sprechen. Man muss sich nicht auf ihn beziehen, aber für eine sich auch christlich verstehende Kultur kommt man an ihm nicht vorbei:

* Jesus war ein jüdischer Rabbi. Er war kein Christ, er war kein blonder Arier, er war ein Jude. Das muss immer wieder erinnert werden. Ausgrenzung von Juden, mit welchen Begriffen auch immer, ist unvereinbar mit meinem christlichen und meinem politischen Verständnis.

* Jesus war Pazifist. Er kritisierte Gewalt, auch die seiner Freunde. Er provozierte mit seinen Aufrufen zur Feindesliebe.

* Jesus kommt aus einer Flüchtlingsfamilie.

* Jesus war kein Familienmensch. Zu seiner „Familie“ zählte er seine BegleiterInnen ebenso wie unbekannte Menschen, auch oder gerade, wenn sie gesellschaftlich ausgegrenzt waren.

Ach wie gut wäre es, wenn in diesen Weihnachtstagen nicht nur ein Jesuskind verkitscht und gefeiert wird. Zu erinnern und ja auch zu feiern ist vielmehr der erwachsene Jesus.

Jesus als Pazifist – das wäre Weihnachten zu feiern, mit allen Zweifeln gewiss, aber doch als kollektive Leitidee, Leitstern …

Vor zwei Jahren fragte die Chefin eines großen Rüstungs-Unternehmens: „Können wir überhaupt noch Krieg?“

Wir? Noch?

Ja, „wir“ Deutsche konnten schon mal Krieg. 60 Millionen tote Menschen blieben zurück.

Nein, das wollen wir nicht mehr. Wir wollen Krieg nicht können!

Und nein: Wir sind nicht blind und naiv. Wir sind realistisch. Denn wir wissen aus unserer deutschen Geschichte: Aufrüstung und Nationalismus treiben zum Krieg.

Und wir wissen, dass Aufrüstung asozial ist und lebensgefährlich, nicht nur für uns und unsere Kinder, sondern für viele Menschen in anderen Ländern. Manche der Geflüchteten haben das erlebt und können davon berichten. Auch sie brauchen unsere Solidarität!“

Dirk Seifert

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