Die Bundesregierung und die „Entwicklung einer mächtigen Kernindustrie“ – Euratom stört nicht

Die Bundesregierung findet es nicht schlimm, sondern hilfreich und zahlt auch reichlich Steuergelder in den Topf, um ein tolles Ziel zu erreichen. Die „Voraussetzungen für die Entwicklung einer mächtigen Kernindustrie zu schaffen, welche die Energieerzeugung erweitert, die Technik modernisiert und auf zahlreichen anderen Gebieten zum Wohlstand ihrer Völker beiträgt“. So steht es – Tschernobyl hin, Fukushima her – immer noch im Vertrag zur Gründung der Europäischen Atomgemeinschaft Euratom, der am 25. März 1957 in Rom unterzeichnet wurde und seitdem nahezu unverändert besteht.

  • Euratom? Richtig. Das sind die, die z.B. eines der weltweit größten Forschungsprojekte vorantreiben: Die Kernfusion. Inzwischen liegen die ehemals mit fünf Mrd. Euro veranschlagten Kosten bei stolzen 17 Mrd. und werden vermutlich weiter steigen. Gebaut wird die Anlage in Cadarache, Frankreich. Kernfusion: Deutsche Forschungszentren und Firmen dick im Geschäft

Die Grünen haben nachgefragt (Drucksache 18/3539, PDF), ob es denn seitens der Bundesregierung da vielleicht Veränderungsbedarf gäbe? Besser nicht, lautet die Antwort. Denn auch wenn das Ziel angeblich nicht so ganz im „Einklang mit den Zielen der Energiepolitik der Bundesregierung“ steht, das Tolle an dem Vertrag ist: „Allerdings behindern die Regelungen des Euratom-Vertrags im Allgemeinen und des übrigen europäischen Primärrechts die Energiepolitik der Bundesregierung nicht“ … . Das ist natürlich toll.

Aber auch sonst ist der Vertrag eher ein Schmuckstück, denn: „Die Bestimmungen des Euratom-Vertrag haben sich als geeignete Rechtsgrundlage für das Erreichen wesentlicher Ziele der Bundesregierung im Nuklearbereich erwiesen. Die Bundesregierung hat sich laut Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und SPD zum Ziel gesetzt, in Europa aktiv daran mitzuwirken, insbesondere die Sicherheit der Kernkraftwerke zu erhöhen.“

Klar, also, wenn schon, dann aber bitte sichere Atomkraftwerke. Sonst wäre das ja echt gefährlich.

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Gegen Euratom. Banner-Aktion von AktivistInnen mit „Plage“ in Wien, 13. Juni 2014. Zwei Monate lang hängt dieses Plakat gut sichtbar an einem Baugerüst (zum vergrößern, anklicken). Fotos auf dieser Seite: Thomas Neff / plage.cc

Eine echte Plage in Sachen „Euratom-Vertrag-kündigen“ ist die Plage aus dem wunderschönen Salzburg, unweit des Wolfgangsees. Die „Überparteiliche Plattform gegen Atomgefahren Salzburg Zukunftswerkstatt Energie“ ist schon seit längerer Zeit eine der hartnäckigsten kleinen sympathischen Organisationen, die gegen die mächtige Euratom antritt. Erst im letzten Juni kaperten sie mit einer feinen Banner-Aktion die Wiener Innenstadt. Zwei Monate hing es gut sichtbar an einem Baugerüst. Nachahmenswert!

Da war groß zu lesen: „RAUS aus dem EURATOM-Vertrag!“ und außerdem so Dinge wie: „Atomenergie ist giftig, dreckig, unmoralisch, menschenverachtend, unkontrollierbar und nicht versicherbar. 100 österreichische Autos sind höher versichert als 1 Atomkraftwerk! In der EU wird die Atomindustrie jährlich mit 35 Milliarden Euro gefördert.“

Ach ja, zwischen etwas mehr als 1,5 Mrd. bis zu um die 5 Mrd. Euro sollen aus Deutschland in den Topf von Euratom fließen. Das Europa-Parlament hat keinerlei Einfluss aus den exklusiven Verein, der direkt bei der Kommission angesiedelt ist. Aber Demokratie hörte schon fast immer dort auf, wo die Atomenergie begann.

Nach dem Brunsbüttel-Castor-Urteil: Entzug der Genehmigung für Castor-Lager am AKW Grafenrheinfeld gefordert

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Nichts geht mehr in Brunsbüttel: Castor-Lager ohne Genehmigung. Und vielleicht ist das auch bald an den anderen AKW-Standorten so. Foto: Vattenfall

Die Aufhebung der Betriebsgenehmigung für das Castor-Zwischenlager am Vattenfall-AKW Brunsbüttel bringt  bundesweit die Debatte um den Atomausstieg und die fehlende Sicherheit der Atomanlagen auf den Plan. Der Richterspruch sorgt bei den beteiligten Behörden für totale Ratlosigkeit. Der Rechtsstaat scheint bei der Atomenergie am Rande des Abgrunds zu stehen. Für die Anti-Atom-Initiativen ist die Sache soweit klar: Jetzt hat das „Schweinfurter Aktionsbündnis gegen Atomkraft“ gefordert, auch dem Zwischenlager am Atomkraftwerk Grafenrheinfeld die Betriebsgenehmigung zu entziehen, heißt es in einer Meldung des BR. Das AKW selbst wird nach den Plänen von E.on im Sommer endgültig abgeschaltet. Was mit dem Atommüll geschehen soll, ist ein totales Rätsel.

Der BR teilt mit: „Laut E.ON sind im Atommüll-Zwischenlager am KKW Grafenrheinfeld derzeit 21 Castorbehälter eingelagert. Das Lager bietet Platz für 88 Castoren und hat eine Betriebsgenehmigung bis 2046. E.ON will das KKW Grafenrheinfeld am 31.5.2015 endgültig abschalten.“

Der Plan: Nach der Abschaltung werden nach und nach die hochradioaktiven Brennelemente aus dem Reaktor und dem Abklingbecken in Castoren verpackt und dann in das benachbarte Zwischenlager gestellt. Dieses Zwischenlager ist zwar genehmigt. Aber es ist sogar mit noch geringeren Sicherheitsstandards als das Lager in Brunsbüttel gebaut und genehmigt worden. Faktisch heißt das: Die Mängel, die zur Aufhebung der Genehmigung für das Castor-Lager in Brunsbüttel geführt haben, bestehen bei allen anderen Lagern auch, also auch in Grafenrheinfeld. Konsequenterweise muss dies also dazu führen, dass die bayerische Staatsregierung als Atomaufsicht, die Betriebsgenehmigung aufhebt.

Das sieht laut BR auch Babs Günther, Sprecherin des „Schweinfurter Aktionsbündnis gegen Atomkraft„, so. Demnach „biete keines der anderen Lager mehr Sicherheit, als das in Brunsbüttel. Im Gegenteil: Die Atommüll-Standort-Lager an den süddeutschen Atomkraftwerken hätten geringere Wand- und Deckenstärken, seien also noch unsicherer. Dadurch habe sich die radioaktive Gefährdung der Bevölkerung massiv erhöht, so Günther weiter. Die Atomkraftgegner fordern, dass allen Atommüll-Zwischenlagern in Deutschland die Betriebsgenehmigungen entzogen werden.“

Genau das hatte vor wenigen Tagen auch der energiepolitische Sprecher der grünen Regierungsfraktion in Schleswig-Holstein gefordert. Da alle Zwischenlager nach den gleichen Grundsätzen gebaut und genehmigt wurden, müssen nun alle Genehmigungen „von Amtswegen“ zurückgenommen werden.

Sein Energieminister, Robert Habeck, schweigt bislang zu diesem Ansinnen. Für Brunsbüttel hat er eine Art Notverordnung erlassen, die die weitere Lagerung des Atommülls in Brunsbüttel anordnet und auf drei Jahre befristet. Neuer Atommüll allerdings, darf dort nun nicht mehr eingelagert werden. Nur knapp 20 km entfernt steht am AKW Brokdorf ein baugleiches Castorlager mit den gleichen Mängeln wie in Brunsbüttel. Ohne die Betriebserlaubnis für das Castor-Lager droht wegen dem dann fehlenden Entsorgungsnachweis die umgehende Abschaltung des Atommeilers.

In der Endlagerkommission am Montag in Berlin sagte Habeck laut BUND: „Der schleswig-holsteinische Umweltminister sagte dagegen ein Ergebnis des Urteils sei die klare Aussage: „Es gibt ein Risiko!“ In den nächsten Wochen wird es vor allem darum gehen, welche Auswirkungen das Urteil auf die anderen zwölf deutschen Zwischenlager hat. Es stellt sich die Frage, ob auch deren Betriebsgenehmigungen eventuell nicht gerichtsfest sind.“

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