Krieg um Uran? Französische Truppen schützen Uran-Minen im Niger

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Erneuerbare Energien? Im Niger schützen französische Truppen Uranbergwerke von AREVA. In Deutschland wirbt AREVA mit Windenergie…. Foto: Dirk Seifert

„Spezialeinheiten der französischen Armee sollen die Uran-Minen des staatseigenen Energiekonzerns Areva in Niger bewachen. Französische Militärkreise bestätigten am Donnerstag einen Bericht des Magazins «Le Point», wonach Spezialkräfte zu den Minen in Imouraren und Arlit verlegt würden.“ Diese Meldung stammt von Reuters und ist heute in der NZZ veröffentlicht. Begründet wird diese „Schutz-Maßnahme“ mit dem Angriff von islamistischen Kämpfern auf eine Gasanlage der BP in Algerien.

Im Niger ist der französische Atomkonzern AREVA seit langen Jahren im Uranabbau aktiv und betreibt mehrere Minen. Ausführlich hat umweltFAIRaendern in diesem Artikel über die Hintergründe berichtet: Krieg um Uran? Mali, Niger und der Uranabbau für Atomkraftwerke.

In Mali selbst soll es große Uranvorkommen geben, aber auch Gold und Öl. Diese sind zwar kaum erschlossen, gelten aber als zukunftsträchtige Ressourcen.

Mit dem Einsatz von französischen Truppen bei den AREVA-Uranminen im Norden des Niger wird erkennbar, dass es in der Sahel-Region durchaus auch sehr materielle Gründe für Frankreich gibt, gegen die islamistischen Kräfte vorzugehen. Immerhin stammt aus dieser Region ein großer Teil des Urans für die französischen Atomkraftwerke (aber auch für die URENCO, die im deutschen Gronau das Uran der AREVA zu Brennstoff verarbeitet – siehe unten). Zwar – so scheint es zunächst – reagiert Frankreich nun mit dieser Maßnahme auf den Terror-Angriff auf die Gasanlage in Algerien. Doch genau diese Ausweitung des Konfliktes in Mali war zu erwarten und dürfte in den Kriegsplanungen Frankreichs eine Rolle gespielt haben.

Denn klar ist, dass diese islamistischen Kräfte nicht nationalstaatlich organisiert sind, sondern sich über Grenzen hinweg organisieren. Das zeigte sich auch bei der Gruppe von Islamisten, bei dem Terrorangriff in Algerien: „Die Täter stammen aus Algerien, Tunesien, Ägypten, Mauretanien, Mali und Kanada. Alle Täter gehörten den Angaben zufolge zu der Gruppierung Al-Kaida im Islamischen Maghreb (AQMI)“, schreibt die Tagesschau.

Bekannt ist das aber auch schon aus Afghanistan und vielen anderen Kriegen bzw. Terroraktionen. Der Kriegseinsatz von Frankreich erfolgte offiziell mit der Begründung, dass es nicht zugelassen werden könne, in Mali einen Rückzugsraum für islamistische bzw. Al-Kaida-Terroristen entstehen zu lassen, von dem aus diese in der gesamten Region agieren könnten. Gleichzeitig wurde die Sorge formuliert, dass der Militäreinsatz Frankreichs in Mali sich auf die Nachbarstaaten ausweiten könnte. Konkret: Es wurde von Anfang an befürchtet, dass es zu Terroranschlägen, Entführungen, Geiselnahmen etc. in der Region bzw. den Nachbarstaaten und nicht nur in Mali selbst kommen würde.

Frankreich hat seit Jahren konkrete Erfahrungen mit Terror-Aktionen in der Region, denn wiederholt ist es in den letzten Jahren z.B. im Niger zu Entführungen von AREVA-Mitarbeitern gekommen.

UPDATE: DPA meldet zu den Entführungen: In Arlit hatten islamistische Extremisten bereits 2010 mehrere Franzosen verschleppt. Vier Männer, die für Areva arbeiteten, sind noch immer in Geiselhaft. Das Verteidigungsministerium in Paris wollte sich zunächst nicht zu Details der geplanten Schutzaktion äußern. Als Hintergrund gelten der Militäreinsatz gegen Terroristen in Nigers Nachbarland Mali sowie die jüngste Geiselnahme auf einem Gasfeld in Algerien mit Dutzenden Toten.

Nicht erst seit dem Ende des Gaddafi-Regimes in Libyen gibt es in der Sahelregion Konflikte. Die Sahelzone, altes französisches Kolonialgebiet, leidet seit Jahrzehnten unter Dürre und Armut. Auch im Norden des Nigers, hat es wiederholt militärische Konflikte gegeben. Siehe dazu ausführlich auch hier: Uranlieferant Niger – Hunger und Krieg.

Diese ohnehin schon vorhandenen Konflikte haben sich im letzten Jahr weiter verschärft, weil unterschiedliche Kräfte teilweise hochbewaffnet und teilweise islamistisch geprägt von Libyen aus in die südlichen Nachbarstaaten gezogen sind.

Weiterführende Informationen:

Uran von AREVA wird in Deutschland in Gronau bei der URENCO verarbeitet:

Uran(waffen)technik im Angebot – URENCO steht zum Verkauf

Atomausstieg 2012 – Urananreicherung per Staatsauftrag

 

Atomausstieg 2012 – Urananreicherung per Staatsauftrag

Urananreicherung – Zentrifungentechnik für die ganze Welt – powerd by Deutschland und URENCO. FOTO: Quelle unbekannt, vermutlich Betreiberfoto Sellafield

Per Staatsvertrag fördert Deutschland bis heute die Urananreicherung unter dem Dach der URENCO. Rechtlich ist das – trotz Fukushima – in den Staatsverträgen von Almelo und Cardiff festgeschrieben. Gemeinsam mit England und den Niederlanden versorgt die URENCO über 30 Prozent der Atomkraftwerke in aller Welt mit dem erforderlichen Uranbrennstoff. Damit nicht genug: Gemeinsam mit dem französischen Atomkonzern AREVA will die URENCO groß in das weltweite Geschäft mit dem Export von Urananreicherungsanlagen einsteigen. Dazu gibt es seit 2006 das gemeinsame Unternehmen ETC, die Enrichment Technologie Company.

  • Hinweis: Das Original dieses Text ist im ROBIN WOOD Magazin 3/2012 erschienen, dort auch ein Text über die Untätigkeit der Atomaufsichtsbehörde in NRW, beide Texte hier als PDF . Dieser Artikel ist eine leicht veränderte und ergänzte Fassung.

Die URENCO ist ein Unternehmen, das zu je einem Drittel der britischen und niederländischen Regierung gehört sowie den deutschen Atomkonzernen E.on und RWE (je 16,5 Prozent). Derzeit gibt es immer mehr Hinweise, dass Teile oder auch die gesamte Urenco verkauft werden könnte (siehe auch hier).

Internationaler Uranhandel mit der URENCO

In drei Fabriken an den Standorten Almelo (NL), Caphurst (GB) und Gronau (D) wird Uran angereichert, damit es später in Atomreaktoren eingesetzt werden kann. Seit Jahren expandiert die URENCO. In Almelo und Gronau wird die Produktionskapazität immer noch schrittweise erweitert. Und in den USA ist eine weitere Urananreicherungsanlage im Bau. In Eunice, New Mexico, entsteht eine URENCO-Anlage, die von derzeit rund 400 Tonnen in den nächsten Jahren auf 5.700 Tonnen Urantrennleistung hochgeschraubt werden soll. Von besonderer Brisanz ist der Betrieb von Urananreicherungsanlagen vor dem Hintergrund, dass in diesen Anlagen nicht nur Brennstoff für den Betrieb von Atomkraftwerken hergestellt werden kann, sondern grundsätzlich auch die Möglichkeit besteht, hochangereichertes Uran für die Verwendung in Atomwaffen zu erzeugen. Wie brisant solche Anlagen sind, zeigt sich an dem seit Jahren andauernden internationalen Konflikt um das iranische Atomprogramm.

Staatsvertrag zur Förderung der Urananreicherung

Um den Betrieb einer Urananreicherungsanlage in Deutschland durchzusetzen, brauchte es viel Diplomatie und eines Staatsvertrags. In den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts sind die Grundzüge der Atomenergienutzung in Deutschland politisch auf den Weg gebracht worden. Deutschland wollte aber nicht nur Atomkraftwerke bauen, sondern auch alle dazu erforderlichen technischen Komponenten.

Das heikelste Projekt war dabei die Urananreicherung, da die Trennung von ziviler und militärischer Nutzung der Atomenergie hier am geringsten ist. Nach dem Faschismus und dem zweiten Weltkrieg war das Misstrauen gegen Deutschland groß. Atomwaffen spielten im Kalten Krieg zwischen den Weltmächten USA und Sowjetunion eine herausragende Rolle. Und obwohl unter der Führung der USA Deutschland inzwischen aufgerüstet und zum Mitglied im mächtigen Militärbündnis NATO geworden war: Die Vorstellung, dass Deutschland Technologien zur Herstellung von Atomwaffen betreiben könnte, löste in den USA und vielen westeuropäischen Staaten blankes Entsetzen aus.

Für das geplante (west)deutsche Atomprogramm war daher nicht nur der Beitritt zum Atomwaffensperrvertrag zwingend. Um die Urananreicherung in Deutschland zu ermöglichen, war ein internationaler Staatsvertrag erforderlich, dessen Regelungen auch zum Bestandteil des Atomwaffensperrvertrags gemacht wurden.

Mit dem Vertrag von Almelo wurde 1970 die internationale Zusammenarbeit bei der Urananreicherung zwischen dem Atomwaffenstaat Großbritannien sowie Deutschland und den Niederlanden staatsrechtlich geregelt. Der Deutsche Bundestag ratifizierte diesen Vertrag am 15. Juli 1971. Sowohl die Forschung und Entwicklung, als auch der Bau und Betrieb von Urananreicherungstechnik sollte künftig zwischen den drei Staaten gemeinsam betrieben werden. Auf der Basis dieses bis heute gültigen Übereinkommens wurde die URENCO gegründet. Während die Anlagen in Capenhurst und Almelo unmittelbar nach dem Vertragsabschluss in Bau gingen und bereits 1976 ihren Betrieb aufnahmen, folgte die Inbetriebnahme in Gronau erst 1985.

Im Artikel 1 Absatz 2 des Vertrags von Almelo wird der Charakter der Zusammenarbeit festgelegt: „Die Vertragsparteien fördern (!) die Errichtung und den Betrieb gemeinsamer Industrieunternehmen zum Bau von Anlagen für die Anreicherung von Uran im Gaszentrifugenverfahren und zum Betrieb dieser Anlagen sowie zur sonstigen Nutzung dieses Verfahrens auf kommerzieller Grundlage.“

Dies entsprach dem damaligen Grundsatz auch des deutschen Atomgesetzes, das ja ausdrücklich zur Förderung des Ausbaus der Atomenergie gedacht war. Doch im Atomgesetz ist dieser Förderungscharakter seit der rot-grünen Bundesregierung und dem sogenannten „Atomausstiegs-Konsens“ in den Jahren 2000/2002 gestrichen worden.

Der Vertrag von Almelo und damit die Förderung des Bau und Betrieb von Urananreicherungsanlagen ist jedoch bis heute gültig. Von großer Bedeutung ist auch der Absatz 2 des Paragraphen VI. Darin heißt es: „Die Vertragsparteien verpflichten sich ferner, zu gewährleisten, dass die in Artikel 1 bezeichneten gemeinsamen Industrieunternehmen kein Uran mit dem für Waffen erforderlichen Anreicherungsgrad zur Herstellung von Kernwaffen oder sonstigen Kernsprengkörpern erzeugen.“

Hier wird also geregelt, dass in den gemeinsam betriebenen Anlagen keine Urananreicherung stattfinden darf, in denen waffenfähiges Uran hergestellt wird. Diese Regelung bedeutet nicht nur, dass damit Deutschland und den Niederlanden verboten wird, dies zu tun.

Auch der Atomwaffenstaat Großbritannien verpflichtet sich damit, keine der gemeinsam betriebenen Anlagen zu diesem Zweck zu nutzen! Keine andere Atomanlage in Deutschland gründet sich auf einem solchen internationalen Staatsvertrag.

Der Vertrag von Cardiff: Ausbau der europäischen Atom-Allianz

Seit Anfang der 2000er Jahre hat sich aufgrund der Globalisierungsprozesse und Umbrüche in der internationalen Energiewirtschaft in der europäischen Atomwirtschaft vieles verändert und zahlreiche Unternehmen haben ihre Aktivitäten in der Atombranche zusammengelegt, auch im Bereich der Urananreicherung. Frankreich hatte seine Urananreicherung bislang auf Basis des sogenannten Gasdiffusionsprinzips betrieben. Gegenüber dem von der URENCO genutzten Verfahren der Gaszentrifugen zeichnete sich diese Technik vor allem durch ihren extrem hohen Energieverbrauch aus. Während bei der Gaszentrifuge rund 50 kWh pro kg UTA (Urabtrennarbeit) benötigt werden, braucht es bei der Diffusionstrennung bis zu 2500 kWh pro kg UTA.

Hinzu kam, dass Frankreich jahrelang viel Geld in die Entwicklung einer Urananreicherungstechnologie auf Laserbasis gesteckt hat. Eine Entwicklung, die bis heute nicht wirtschaftlich betreibbar ist. Beides stellte für Frankreich also ein erhebliches wirtschaftliches Problem dar, wollte man weiterhin auch auf dem Weltmarkt bestehen.

Aus diesen Gründen strebte Frankreich eine Zusammenarbeit mit den URENCO-Staaten an, um so an die erheblich kostengünstigere Gaszentrifugentechnik zu kommen. Im Jahr 2005 führten diese Verhandlungen zum Vertrag von Cardiff, der schließlich von der Großen Koalition am 1. Juli 2006 im Bundestag angenommen wurde. Er regelt die Rahmenbedingungen, in dem nun die URENCO-Staaten-Gruppe mit Frankreich und dem dort inzwischen neu entstandenen staatlichen Atomkonzern AREVA im Bereich der Urananreicherung zusammenarbeiten.

In diesem Vertrag vereinbaren die nunmehr vier Staaten die Gründung und die Aufgaben für ein neues Gemeinschaftsunternehmen, für die Enrichment Technology Company (ETC).

AREVA und URENCO – Anreicherungstechnik für den Weltmarkt

Wie schon im Vertrag von Almelo enthält auch der Vertrag von Cardiff die oben genannten Regelungen, also einmal die explizite Verabredung, dass die Vertragsstaaten die Forschung und Entwicklung für Anlagen zur Urananreicherung fördern und außerdem untereinander verabreden, dass in diesen Anlagen keine Anreicherung erfolgen darf, die für den Bau von Atomwaffen geeignet ist.

Im Sommer 2006 beteiligte sich auf Basis dieses Staats-Vertrags die AREVA an der bereits 2003 von der URENCO gegründeten ETC mit 50 Prozent. Heute arbeiten rund 2000 Mitarbeiter an sieben Standorten in England, den Niederlanden, Deutschland, den USA und Frankreich für die ETC. In Deutschland hat die ETC Niederlassungen in Gronau und in Jülich. Am Sitz in Jülich – direkt neben dem ehemaligen Atomforschungszentrum – arbeiten rund 540 Beschäftigte, die neben Forschung und Entwicklung für die „gesamte Unternehmensgruppe die Fertigung von Zentrifugenkomponenten“ betreibt. In Gronau sind derzeit rund 170 MitarbeiterInnen mit dem „Bau von Kaskadenverrohrungen beschäftigt“. Von Gronau aus betreibt die ETC auch „die Kapazitätserweiterung der Anreicherungsanlage unseres Kunden URENCO“. (Homepage ETC)

Auch für die URENCO lohnt sich diese Zusammenarbeit mit der AREVA. Kaum ist das gemeinsame Unternehmen gegründet, erteilte AREVA der ETC den Auftrag zum Bau einer neuen Urananreicherungsanlage. Für rund drei Milliarden Euro entsteht diese neue Anlage in Frankreich an einem der weltweit größten Atomstandorte in Tricastin, kurz vor Avignon an der Rhone gelegen. Die neue Anlage soll die veraltete, noch auf Basis der Gasdiffussion arbeitende Anlage Georges-Bresse-I ersetzen. Die George-Bresse-II lieferte erstmals 2011 angereichertes Uran und soll bis 2016 schrittweise weiter ausgebaut werden. Sie besteht aus zwei Komplexen, dem Nord- und Südteil.

Zivil-Militärische Trennarbeit

Die Verträge von Almelo und Cardiff regeln, dass in Anlagen der gemeinsamen Unternehmungen kein atomwaffenfähiges Uran erzeugt werden darf. Unklar ist aber, inwieweit z.B. die AREVA Erkenntnisse aus der gemeinsamen Forschung und Entwicklung bei der Urananreicherungstechnik unter dem Dach der ETC weiter nutzen kann, z.B. im Rahmen des französischen Atomwaffenprogramms. Gleiches gilt natürlich auch für Großbritannien. Informationen zu diesem Bereich gibt es bislang nicht. Auf der Hauptversammlung 2012 von E.on haben kritische Aktionäre den Vorstand zu dieser Problematik befragt. Der konnte oder wollte dazu nichts sagen.

Urananreicherung geht nicht ohne Uranabbau. Über das besonders dreckige Urangeschäft lesen Sie hier mehr.

Kritische Kerne in Reaktion – Atomexplosion im japanischen Tokaimura

Hamburg, 1999: Dümmer hätte es für die 570 WissenschaftlerInnen wohl nicht kommen können. Da beschwören die ElfenbeinturmbewohnerInnen mit starkem Drang zur Drittmittelforschung und dem Nimbus der unabhängigen und daher unantastbaren Vernunft die unerläßliche Zukunft der Atomenergie, -und da knallt ihnen eine verdammte Urananlage im High-Tech Wunderland Japan um die Ohren. Dumm gelaufen: Der nach Tschernobyl und Harrisburg schwerste Störfall in einer Atomanlage macht jedoch nicht nur deutlich, daß diese Technologie auf den Schrotthaufen der Geschichte gehört. Es ist schier unvorstellbar, welche Schlampereien in einer mit waffenfähigen Uran hantierenden Atomanlage möglich sind und das Aufsichts- und Genehmigungsbehörden davon erst etwas mitbekommen, wenn es zu spät.

Es war gegen 10.35 Uhr am 30. September, als in der Urankonversionsanlage der JCO in Tokai die Arbeiter damit begonnen, 16 Kilogramm des auf rund 19 Prozent angereicherten Uran in einen Tank einzufüllen. Dies geschieht nicht, wie es in den Handbüchern gefordert wird, mit Hilfe einer Pumpvorrichtung, die zusätzlich die Konzentration des spaltbaren Uran 235 überprüft. Statt dessen schleppen die Arbeiter des Unternehmens das Zeug in Eimern an und beginnen es per Hand in den mit Salpetersäure gefüllten Tank zu schütten. Schon diese Vorgehensweise ist atemberaubend. Doch der nächste Fehler folgt sofort: Offenbar übersehen die Arbeiter, daß sie nicht mit der Herstellung von Brennstoff für herkömmliche Leichtwasserbrennelemente befaßt sind. Diese Brennelemente, die in herkömmlichen Atomreaktoren zum Einsatz kommen, werden nur zwischen drei und fünf Prozent mit dem spaltbaren Uran 235 angereichert. Doch in den Tanks sollte zu diesem Zeitpunkt hochangereichertes Urandioxid für den Einsatz in einem Schnellen Brüter hergestellt werden. Nach Auffassung des WISE Paris, einem unabhängigen Gutachterinstitut, könnte die Menge von 16 Kilogramm Uran normalerweise für die Herstellung herkömmlichen Brennstoffes benutzt werden. Doch bei hochangereicherten Uran ist diese Menge um ein vielfaches zu hoch, lediglich rund 2,4 Kilogramm angereichertes Uran hätten in den Tank gedurft. Die Herstellung dieser besonderen Charge hatte erst am 22. September begonnen. Erstmals seit drei Jahren wurde derartiges Material in der Anlage hergestellt.

Die Folge dieses gravierenden Fehlers: Aufgrund der viel zu hohen Menge an spaltbarem Material kommt es zu einer unkontrollierten Kettenreaktion. Unterstützt durch das Kühlwasser in den Tanks „zündet“ das Uran und baut in Sekundenschnelle eine enorm hohe radioaktive Gamma- und Neutronenstrahlung auf.

Mindestens drei Arbeiter werden von dieser Strahlung getroffen. Laut WISE Paris bekommt ein 35jähriger Arbeiter eine Dosis von 17 Sievert ab, ein 39jähriger wird mit 10 Sievert und ein 54jähriger mit 3 Sievert verstrahlt. Werte, die bei den Atombombenabwürfen über Hiroshima und Nagasaki gemessen wurden. Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) gibt an, daß gesundheitliche Auswirkungen schon bei Strahlenwerten ab 500 mSv zu erwarten sind. Bei Werten von 1,5 bis 2 Sievert tritt der Tod aufgrund von Knochenmarksschädigungen nach 30 bis 60 Tagen ein. Dosen über 15 Sievert wirken unmittelbar und führen nach nur einem bis zu fünf Tagen zum Tod. Laut Bundesumweltministerium wird bei einer Strahlenbelastung von 0,2 mSv/h Katastrophenvoralarm gegeben und ab 2,0 mSv/h Katastrophenalarm ausgelöst.

Um die Kettenreaktion zu stoppen, versuchen die Arbeiter, das Wasser aus den Tanks zu bekommen, da dieses als Moderator und damit als Unterstützung der Kettenreaktion dient. Der erste Versuch scheitert jedoch. Im zweiten Anlauf zerstören die Arbeiter schließlich die Wasserleitungen und schaffen es so, die Zufuhr zu stoppen. Borsäure wird eingefüllt. Bor absorbiert die Neutronen und hilft so, die Kettenreaktion zu unterbinden. Wegen der hohen Strahlung können die Arbeiter lediglich für drei Minuten in die Anlage. Dennoch bekommen sie Strahlenwerte zwischen 20 und 103 mSv ab. Der Normalwert für Angestellte in Atomanlagen liegt in Japan bei einer Dosis von 50 mSv pro Jahr. Im Katastrophenfall kann der Wert 100 mSv betragen. Insgesamt 18 Arbeiter sind an diesen Maßnahmen beteiligt. Insgesamt werden mindestens 55 Arbeiter, Feuerwehrleute und Sanitäter einer erhöhten Strahlenbelastung ausgesetzt.

Das BfS gibt später an, daß bei den ersten Messungen eine Stunde nach Unfallbeginn eine Gammadosis von 0,84 Millisievert pro Stunde am Zaun der Anlage ermittelt wurden. Der Normalwert liegt bei 0,1 Mikrosievert je Stunde.

Über die Neutronenstrahlung können stundenlang keine Angaben gemacht werden. In der betroffenen Halle gibt es dafür keine Messeinrichtung. Es dauert fast acht Stunden, bis eine entsprechende Messeinrichtung vor Ort ist. Laut BfS wird zu diesem Zeitpunkt am Zaun der Anlage eine Neutronenstrahlung von 4,5 mSv/h gemessen. Die Gammaleistung war zu diesem Zeitpunkt auf 0,5 mSv/h abgesunken. Aus diesen Werten schlußfolgert das BfS, daß bei Unfallbeginn die Werte doppelt so hoch gewesen sein müssen: die Neutronenstrahlung also bei 9 mSv/h und die Gammastrahlung bei 1,0 mSv/h. Wohlgemerkt: dies sind die Stundenwerte. Bei dieser Strahlung entspricht der Aufenthalt von nur einer Stunde etwa dem, was ein Mensch normalerweise innerhalb von vier Jahren aufgrund der natürlichen Strahlenexposition aufnimmt, so das BfS.

Um 7 Uhr morgens Ortszeit, am 1. Oktober, erklären die Verantwortlichen, daß die Kettenreaktion gestoppt wurde, – 20 Stunden nach Unfallbeginn.

Interne Ursachen

Soweit es derzeit erkennbar ist, sind mehrere Umstände für diese Katastrophe verantwortlich. Zum einen berichten die Arbeiter über einen enormen Arbeitsstreß, der seitens des Management von JCO erzeugt wird. Neben der scheinbar mangelhaften Ausbildung der Arbeiter, hat die Unternehmensleitung ausdrücklich die Umgehung von Sicherheitsmaßnahmen gebilligt. Dazu gehört beispielsweise das Einfüllen von Uran per Hand und Eimer in die Tanks. Eine Überwachung der Neutronenstrahlung in diesem Teil der Anlage war nicht installiert.

Überwachungskameras, die eine externe Kontrolle der Vorgänge ermöglichen sollen, waren schlicht abgeschaltet. Kritikalitätsstörfälle scheinen bei der Genehmigung der Anlage keine Rolle gespielt zu haben. Außerdem wurde kurze Zeit nach Unfallbeginn von der Firmenleitung eingeräumt, daß technische Veränderungen in der Anlage an der Genehmigungsbehörde vorbei durchgeführt worden sind. Vor diesem Hintergrund mag man kaum noch den Kopf schütteln, wenn am 12. Oktober den Zeitungen zu entnehmen ist, daß Lüftungsklappen seit Unfallbeginn offenstanden und die Ventilatoren munter radioaktive Strahlung aus dem Inneren der Anlage in die Umgebung pusteten.

Nach Angaben des Pariser Institut für Nuklearsicherheit hat es seit 1945 insgesamt 59 „ernsthafte“ Kritikalitätsunfälle in Nuklearanlagen gegeben, 33 davon in den USA und 19 in der ehemaligen Sowjetunion.

Auswirkungen des Unfalls

Erst nach zwei Stunden, also gegen 12.30 Uhr Ortszeit verhängt die Polizei Schutzmaßnahmen für die Bevölkerung in der Umgebung der Anlage. Im Umkreis von 200 Metern wird der gesamte Verkehr unterbunden. Erst gegen 15 Uhr entscheiden die örtlichen Verantwortlichen, die Bevölkerung im Umkreis von 350 Metern zu evakuieren. 150 Menschen aus 50 Haushalten sind von dieser Maßnahme betroffen. Sie werden per Bus in eine nur eineinhalb Kilometer entfernte Unterkunft gebracht. Während die Strahlendosis am Zaun der Anlage zwischen 4 und 4,5 mSv/h liegt, werden gegen 22.30 Uhr die AnwohnerInnen in einem Umkreis von 10 Kilometern aufgefordert, Fenster und Türen geschlossen zu halten und sich nicht im Freien aufzuhalten. Insgesamt 310.000 Menschen sind betroffen. Inzwischen räumt die Regierung ein, daß sie den Störfall unterschätzt habe und nicht ausreichend vorbereitet gewesen sei. Die Regierung bittet das US-Militär um Unterstützung. Um zu verhindern, daß die BewohnerInnen kontaminiertes Trinkwasser benutzen, wird die Versorgung mit Wasser umgestellt. Die Behörden bereiten die Ausgabe von Jod-Tabletten vor. In den frühen Morgenstunden, kurz vor sechs Uhr werden auf dem JCO-Gelände Werte in Höhe von 18 mSv/h Neutronen und 20 mSv/h Gammastrahlung gemessen. Damit liegen die Werte um das rund Fünffache über den Werten, die 12 Stunden zuvor gemessen wurden.

Am 1. Oktober bleiben alle 224 Schulen innerhalb des 10 km-Radius geschlossen, die Kinder bleiben zu Hause. Alle Straßen innerhalb eines Umkreises von 1 Kilometer werden geschlossen, nur noch Rettungsfahrzeuge dürfen verkehren. Die Japanische Eisenbahn stellt den Verkehr auf einigen Strecken ein, Linienbusse verkehren innerhalb der 10 km-Zone nicht. Die Bauern in der Umgebung werden aufgefordert, vorerst nicht weiter die Feldfrüchte zu ernten und weitere Mitteilungen abzuwarten. Alle Postämter bleiben geschlossen. In den Fabriken von Hitachi wird nicht gearbeitet. 8.700 Arbeiter und Angestellte bleiben zu hause. Die Marine warnt alle Schiffe, die die Bucht von Tokai anlaufen, über den Unfall. Den Fischern wird untersagt, vor der Küste ihre Netze auszuwerfen. Das Außenministerium bittet die USA und Rußland, Expertenteams zur Unterstützung zu schicken.

Im Laufe des Tages, die Kettenreaktion war am frühen Morgen gestoppt worden, beginnen die Behörden, nach und nach die Einschränkungen aufzuheben.

Greenpeace hat in den folgenden Tagen eigene Messungen in der Nähe der Anlage durchgeführt. Die Umweltschutzorganisation geht davon aus, daß mehr Menschen von dem Unfall betroffen sind, als die Regierung bislang einräumt. Bis zur Evakuierung müssen nach den Messungen von Greenpeace die AnwohnerInnen der Anlage etwa eine Dosis von fünf mSv/h an Neutronenstrahlung abbekommen haben. Wolfgang Köhnlein, atomkritischer Wissenschaftler und seit knapp einem Jahr Mitglied der Strahlenschutzkommission der Bundesregierung: „Fünf Millisievert ist eine erheblich Dosis. Dabei ist noch zu berücksichtigen, daß nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen besonders die biologische Wirkung der Neutronenstrahlung bisher unterschätzt wurde und die tatsächlich wirksame Neutronendosis in Tokaimura zweifellos noch höher lag. Es ist daher zu befürchten, daß der Unfall bei den Menschen Langzeitschäden zur Folge hat.“

JCO wird dichtgemacht

In den folgenden Tagen gerät die Betreiberfirma JCO immer mehr in die Schußlinie. JCO (ein Eigenname, der etwa soviel bedeutet wie Japan Atomic Fuel Conversion Company) ist eine hundertprozentige Tochter der Sumitomo Metalich Mining Company, einer der großen Wirtschaftsgiganten Japans. Diese haben inzwischen erklärt, diesen Geschäftszweig endgültig aufzugeben. Für einige Atomanlagen in Japan dürfte das erhebliche Probleme zur Folge haben. Neben der Mitsubishi Nuclear Fuel Company ist JCO die einzige Fabrik zur Urankonversion und hat sich seit Anfang der 80er Jahre auf die Herstellung von Brennstoff für Leichtwasserreaktoren und Schnelle-Brüter spezialisiert. 715 Tonnen herkömmlichen Uranbrennstoff und drei Tonnen hochangereichertes Uran können bei JCO jährlich hergestellt werden. Der Unfall geschah bei der Herstellung von hochangereicherten Brennstoff für den Versuchs-Brüter Joyo. 154 Mitarbeiter sind bei JCO beschäftigt.

Am 6. Oktober durchsuchen 200 Polizisten die Geschäftsräume der JCO. Als ein erstes Ermittlungsergebnis teilt das Ministerium für Wissenschaft und Technik mit, daß JCO die amtlichen Sicherheitsvorschriften eigenmächtig geändert habe. Demnach sollen JCO-Manager zugegeben haben, daß den Arbeitern ausdrücklich erlaubt worden ist, die Uranlösung für neue Brennelemente in Eimern abzumessen. Dem Unternehmen wird die Lizenz zum Betrieb der Anlage in Tokai entzogen. Die japanische Regierung, die trotz des Unfalls immer wieder betont, weiter am Ausbau der Atomenergienutzung festhalten zu wollen, ordnet die Überprüfung sämtlicher Atomanlagen inklusive der 51 Atomkraftwerke an. Bis zum Jahr 2010 plant die Regierung 20 neue Reaktoren zu errichten.

Was folgt?

Der schwere Unfall in Japan macht abermals deutlich, welch enormes Risikopotential in der Atomtechnologie steckt. Dabei kann die hiesige Atomwirtschaft nicht wie seinerzeit in Tschernobyl auf marode Reaktortechnik verweisen, die mit westlichen Sicherheitsstandards so gar nicht vergleichbar sei. Das in dem High-Tech-Land Japan derartige Produktionsbedingungen möglich sind, spricht nicht gegen Japan, sondern dafür, daß derartige Unfälle überall auf der Welt stattfinden können, – in Frankreich, in Deutschland, der Schweiz …

In Deutschland betreibt die zum Siemenskonzern gehörende Advanced Nuklear Fuels (ANF) in Lingen die Brennelementeherstellung. Allerdings nur für herkömmliche Reaktoren, also mit einer Anreicherung von bis zu fünf Prozent Uran 235. Gleich um die Ecke liegt die Konversionsanlage der Urenco in Gronau. Hier wird aus dem gasförmigen Uranhexafluorid die Anreicherung in Zentrifugen betrieben. Grundsätzlich ist diese Anlage in der Lage, jede gewünschte Anreicherung, also bis hin zur Atombombentauglichkeit, herzustellen. Risiken bestehen dabei nicht nur mit Blick auf Kritikalitätsstörfälle. Das Uranhexafluorid reagiert extrem stark auf Wasser. Entweicht das Urangas aus einem undichten Behälter könnte schon der Kontakt mit der Luftfeuchtigkeit zu schweren Explosionen und zu großräumigen Vergiftungen in der Umgebung der Anlage führen.

Der Unfall von Tokai ist von der Internationalen Atomenergiebehörde inzwischen in die Stufe fünf der bis zu Stufe sieben reichenden Skala eingeordnet worden. Damit wird er mit dem Unfall von Harrisburg auf eine Stufe gestellt. Anders jedoch als vor 20 Jahren regiert in Berlin inzwischen ein Regierung, die den Atomausstieg auf ihre Fahnen geschrieben hat. Was braucht diese Regierung eigentlich noch, um endlich das zu tun, wofür sie gewählt wurde: Abschalten! Sofort!

DSe

aus: ak – analyse & kritik – zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 431 / 21.10.1999

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