MOX-Transporte – Plutonium auf Reisen

Dirk Seifert, September 2009: Zur Herstellung von Uran-Brennelementen muß das Uran in den Minen verladen und zur Herstellung von Urandioxid transportiert werden. Anschließend wird es zu Herstellung von Uranhexafluorid auf die Weiterreise gebracht. Von hier aus geht es zur Uran-Brennelement-Herstellung (in Deutschland ist das die ANF in Lingen). Anschließend erfolgt der Transport in das jeweilige AKW. Die dann bestrahlten hochradioaktiven Brennelemente werden nach einer Zeit im Abklingbecken des AKW in Castorbehälter verpackt und auf dem Betriebsgelände in ein so genanntes dezentrales Zwischenlager gebracht. Bis zum Jahr 2005 wurden die bestrahlten Brennelemente in die Wiederaufarbeitung nach Frankreich und Endland transportiert. Nach der Abtrennung des beim Reaktoreinsatz neu entstanden Plutoniums wird dieses später zu so genannten Mischoxid-Brennelementen verarbeitet, die dann wieder in den Atomreaktoren zum Einsatz kommen.

Kontrolle von UF6-Behältern im Hamburger HafenZur Ver- und Entsorgung der Atomkraftwerke sind eine Vielzahl von Atomtransporten erforderlich. Die gefährliche Fracht geht über Autobahnen, Bundes- und Kreisstraßen, per Schiff und Bahn auf die Reise und dabei auch immer wieder durch dichtbesiedelte Wohngebiete.Von Atomtransporte mit Plutoniumbrennstoff und Uranhexafluorid gehen erhebliche Gefahren für die Bevölkerung aus, sollte es zu Unfällen kommen. Evakuierungen und Todesfälle wären die Folge. Auch wegen dieser Gefahrenpotentiale beim Transport radioaktiver Stoffe setzt sich ROBIN WOOD für den Ausstieg aus der Atomenergie ein.

Zur Herstellung von Uran-Brennelementen muß das Uran in den Minen verladen und zur Herstellung von Urandioxid transportiert werden. Anschließend wird es zu Herstellung von Uranhexafluorid auf die Weiterreise gebracht. Von hier aus geht es zur Uran-Brennelement-Herstellung (in Deutschland ist das die ANF in Lingen). Anschließend erfolgt der Transport in das jeweilige AKW. Die dann bestrahlten hochradioaktiven Brennelemente werden nach einer Zeit im Abklingbecken des AKW in Castorbehälter verpackt und auf dem Betriebsgelände in ein so genanntes dezentrales Zwischenlager gebracht. Bis zum Jahr 2005 wurden die bestrahlten Brennelemente in die Wiederaufarbeitung nach Frankreich und Endland transportiert. Nach der Abtrennung des beim Reaktoreinsatz neu entstanden Plutoniums wird dieses später zu so genannten Mischoxid-Brennelementen verarbeitet, die dann wieder in den Atomreaktoren zum Einsatz kommen.

Der größte Teil, der bei der Wiederaufarbeitung abgebrannter Brennelemente entsteht ist hochradioaktiver Atommüll- für den es bis heute keine dauerhaft sichere Lagermöglichkeit gibt. Regelmäßig kommt dieser Atommüll in Castorbehältern verpackt in das Zwischenlager nach Gorleben. Der nächste dieser höcht gefährlichen Transporte nach Gorleben soll im Herbst 2010 stattfinden.

MOX – Plutoniumtransporte Stoppen!

Aus dem britischen Atomzentrum Sellafield sollen demnächst plutoniumhaltige MOX-Brennelemte (MOX: Mischoxid, Mischung aus Uran- und Plutoniumoxid) zum Atomkraftwerk Grohnde geliefert werden. Die Anlieferung soll per Spezial-LKW und Schiff von England nach Deutschland erfolgen. Nachdem Cuxhaven und Bremen/Bremerhaven einen Umschlag dieser gefährlichen Fracht in ihren Häfen abgesagt haben, suchen die Betreiber laut einer Mitteilung des Bundesamtes für Strahlenschutz nun „Alternativrouten“ für den Plutoniumtransport. Die Transportstrecken gelten als geheim. Es ist nicht auszuschließen, dass die Betreiber auch einen Umschlag in Hamburg erwägen. Eine Genehmigung für den Transport der vorerst acht MOX-Brennelemente liegt bislang nicht vor.

Herkunft des Plutoniums

Üblicherweise werden in Atomreaktoren Brennelemente aus Uran eingesetzt. Die MOX-Brennelemente enthalten demgegenüber eine Mischung aus Uran und Plutonium. Dieses Plutonium ist bei der so genannten Wiederaufarbeitung von abgebrannten Brennelementen entstanden. Angesichts einer bis heute fehlenden Möglichkeit zur dauerhaften sicheren Lagerung des beim Betrieb von Atomkraftwerken anfallenden Atommülls, wurde in Deutschland bis zum Jahr 2005 die Wiederaufarbeitung als so genannter Entsorgungsnachweis anerkannt. Die hochradioaktiven Brennelemente wurden in Castortransporten in die Wiederaufarbeitungsanlagen (WAA) ins französische La Hague und ins britische Sellafield transportiert. Beide Anlagen wären nach deutschem Atomrecht nicht genehmigungsfähig. In der Umgebung dieser Anlagen sind hohe Konzentrationen von radioaktiven Abgaben, darunter auch das hochgefährliche Plutonium, festgestellt worden. Bei der Wiederaufarbeitung der Brennelemente aus den deutschen Atomreaktoren entsteht neben dem Plutonium (und Uran) eine große Menge hochradioaktiver Atommüll. Dieser wird seit Jahren in Glas verschmolzen und per Castortransporten zur Zwischenlagerung nach Gorleben transportiert. Das anfallende Plutonium wird nach der Abtrennung zu MOX-Brennelementen verarbeitet. Rund die Hälfte der derzeit noch 17 in Betrieb befindlichen AKWs verfügt über eine Genehmigung zum Einsatz solcher Brennelemente.

Deutschland hat Plutoniumwirtschaft beendet

In Deutschland sind Pläne für eine Plutoniumwirtschaft in den 80er und 90er Jahren vollständig eingestellt worden. Die in Wackersdorf geplante WAA ist nach heftigen Auseinandersetzungen um die ökologischen Risiken schließlich aus wirtschaftlichen Gründen aufgegeben worden. Eine in Hanau von Siemens im Bau befindliche MOX-Brennelemente-Fabrik wurde nicht fertiggestellt. Der Schnelle Brüter in Kalkar, der zur Plutoniumherstellung vorgesehen war, ist nach jahrelangen heftigen Auseinandersetzungen nicht fertiggestellt worden. Der Transport der Brennelemente aus deutschen Reaktoren in die Wiederaufarbeitung ist im Jahr 2005 beendet worden. An den Atomkraftwerken sind so genannte dezentrale Zwischenlager eingerichtet worden, in denen die abgebrannten Brennelemente angesichts einer fehlenden Endlagerung in Castorbehältern lagern.

Transport-Risiken bei MOX

Der Transport von MOX-Brennelementen birgt gegenüber herkömmlichen Brennelement-Transporten zusätzliche Risiken. MOX-Brennelemente werden daher in gepanzerten Spezial-LKWs transportiert. Die Brennelemente selbst befinden sich einem Spezialbehälter.

Das Bundesamt für Strahlenschutz stellt in einer Broschüre aus dem Jahr 2000 zu den Risiken von MOX-Transporten fest: „Im Vergleich zu abgebrannten Brennelementen geben sie nur eine vergleichsweise geringe Strahlung ab. Das gilt auch für Uran-Plutonium-Mischoxid (MOX)-Brennelemente. Das darin enthaltene Plutonium aber darf keinesfalls in die Umwelt gelangen, da das Einatmen schon kleinster Mengen Lungenkrebs hervorrufen kann. (S. 8) Eine Freisetzung kann z.B. über ein länger anhaltendes Feuer mit hohen Temperaturen erfolgen.

Risiken bei der Herstellung

Die Wiederaufarbeitung von abgebrannten Brennelementen ist ein äußerst „dreckiger“ Verfahrensschritt auf dem Weg zur Herstellung von MOX-Brennelementen. Die radioaktiven Ableitungen über die Luft und über das Wasser sind um ein vielfaches höher als bei Atomkraftwerken und haben zu einer deutlichen Belastung des Ärmelkanals (La Hague) und der Irischen See (Sellafield) geführt. In der Umgebung beider Anlagen werden erhöhte Plutonium-Werte gemessen.

Das Plutonium wird in einem sehr komplexen chemischen Verfahren aus den hochradioaktiven Brennelementen abgetrennt. Gegenüber der Herstellung von Brennelementen aus Natur-Uran ist die Verarbeitung von Plutonium besonders gefährlich.  Aufgrund der besonders intensiven Alpha-Strahlung des Plutoniums muss die Verarbeitung unter extrem hohen Sicherheitsanforderungen und Abschirmungen erfolgen.

Vor allem in der britischen WAA Sellafield (THORP) hat es immer wieder schwere Störfälle gegeben, die zum Jahrelangen Stillstand der Anlage führten. So wurde im Mai 2005 bekannt, dass es in einer Rohrleitung zu einer Leckage gekommen war, die monatelang nicht bemerkt worden ist und erst Wochen nachdem diese entdeckt wurde, der Öffentlichkeit mitteilt wurde. Monatelang waren insgesamt über 80.000 Liter einer hochradioaktiven, aus Salpetersäure, Uran und Plutonium bestehenden Flüssigkeit in einem Teil der Anlage gelaufen und führten zu einer erheblichen Kontamination. Mindestens 200 Kilogramm Plutonium haben sich laut Presseberichten in dieser Lösung befunden. Die Anlage musste drauf hin stillgelegt werden und ist erst vor kurzem wieder angefahren worden. Doch die Probleme gehen weiter. Britische Zeitungen berichteten im Mai 2009, dass es möglicherweise erneut zu einer mehrjährigen Abschaltung kommen könnte, weil es immer wieder zu neuen technischen Schwierigkeiten, vor allem an drei Verdampferanlagen, kommt.

Aber auch die Herstellung von MOX-Brennelementen selbst ist technisch überaus komplex und störanfällig. Eine Vielzahl technischer Probleme haben dazu geführt, dass die MOX-Anlage in Sellafield weit unter den geplanten Kapazitäten arbeitet: Im April 2009 veröffentliche die britische Zeitung Independent, dass in der MOX-Anlage Sellafield in den sieben Jahren seit Inbetriebnahme insgesamt nur 6,3 Tonnen Brennstoff hergestellt wurden. Die Anlage war im Oktober 2001 in Betrieb gegangen.

Nach bislang vorliegenden Informationen sind seit der Inbetriebnahme lediglich 12 MOX-Brennelemente für das Schweizer Kraftwerk in Beznau hergestellt und ausgeliefert worden. 2007 wurde mit der Brennelementherstellung für das AKW Grohnde begonnen. Bis zum August 2008 sollen allerdings lediglich drei MOX-Brennelemente fertiggestellt worden sein.

Laut Presseberichten sollten noch in diesem Herbst 2009 zunächst acht MOX-Brennelemente, offenbar in zwei Spezial-LKWs per Schiff über Cuxhaven nach Grohnde gehen.  Denkbar ist aber auch, dass – sofern noch ein viertes MOX-Brennelement in Sellafield fertig gestellt wird, zunächst nur vier MOX-BEs ausgeliefert werden.

Die taz berichtete am 12.8.2009, das nach Angaben der britischen Anti-Atom-Organisation CORE der so genannte Grohnde-Vertrag die Herstellung von insgesamt 64 MOX-Brennelementen und deren Lieferung an das niedersächsische AKW regelt. Weitere 44 MOX-Elemente seien in Sellafield für das AKW Brokdorf an der Unterelbe bestellt worden.

Erhöhte Risiken beim MOX-Einsatz im Reaktor

Der Einsatz von MOX-Brennelementen in Atomkraftwerken ist im Vergleich zu herkömmlichen Uran-Brennelementen riskanter. Abgebrannte MOX-Brennelemente strahlen wesentlich stärker als abgebrannte Uran-Brennelemente. Somit sind die bestrahlten MOX-Brennelemente komplizierter zu handhaben und die Strahlenbelastung für die Beschäftigten ist größer.

Aus physikalischen Gründen reduziert der Einsatz von MOX-Brennstoff die Wirksamkeit der Steuerstäbe, macht den Reaktor instabiler und erhöht das Risiko, dass ein Unfall zur Katastrophe wird. Für den Betrieb eines AKW ist die Steuerung und Moderation des Neutronenflusses von entscheidender Bedeutung, um sowohl eine unkontrollierte Kettenreaktion oder auch eine unbeabsichtigte Unterbindung der Kettenreaktion zu verhindern. MOX-Brennelemente erschweren aber aufgrund ihrer neutronenabsorbierenden Eigenschaften die Steuerung und reduzieren die Wirksamkeit der Neutronenabsorber gegenüber Uran. Da die Wirkung der Neutronenabsorberstäbe, die den Neutronenfluss im Reaktor regeln, nachlässt, wird beispielsweise in Frankreich die Anzahl dieser Stäbe erhöht. Außerdem wird der Einsatz von Borsäure erhöht, mit dessen Hilfe ebenfalls der Neutronenfluss reguliert wird.

Anlagen zur MOX-Fertigung

Die wichtigsten Anlagen zur Herstellung von MOX-Brennelementen befinden sich in Frankreich (Anlage Melox, Marcoule) und Großbritannien (Anlage SMP, Sellafield). Die Fertigung in Hanau wurde 1991 durch das Hessische Umweltministerium verboten, der Neubau einer größeren Anlage 1995 durch Siemens eingestellt.


Schwere Atomunfälle International

Pannen und Störfälle, die häufig auch zu Notabschaltungen des gesamten Reaktors führen, sind in den deutschen Atomkraftwerken an der Tagesordnung. Allein in den Monaten Juli – September 2008 hatten die deutschen Atommeiler 21 Störfälle zu melden. im Jahr 2007 waren es insgesamt 118 Störfälle. Insgesamt 20 weitere Störfälle ereigneten sich in Anlagen zur Ver- und Entsorgung von radioaktiven Materialien. Das Bundesamt für Strahlenschutz führt eine Statistik über die Unfälle und Pannen, die Sie hier einsehen können.

Automatische Notabschaltungen sind eine schwere Belastung und Herausforderung für die Technik und Materialien in einem Atomreaktor. Innerhalb kürzester Zeit muß ein AKW bei einer solchen Notabschaltung von Volllastbetrieb auf Null runter gefahren und die Kettenreaktion zuverlässig unterbrochen werden. Zahlreiche Sicherheitseinrichtungen müssen automatisch angefahren, die Wärme im Reaktor abgeführt und die Kühlung aufrecht erhalten werden. Ein Vorgang, der mit einem voll beladenen LKW verglichen werden kann, der mit einer Vollbremsung auf der Autobahn zum stehen gebracht werden muß.

Doch immer wieder kommt es auch zu außerordentlich schweren Störfällen, die deutlich machen, dass das Risiko der Atomenergie nicht zu beherrschen ist und die gravierende Auswirkungen für Mensch und Umwelt haben.

Einige der herausragenden Beispiele führen wir im Folgenden auf:

Super-GAU in Tschernobyl

Am 26. April 1986 um 1 Uhr 23 explodierte der Atomreaktor des Block 4 in Tschernobyl und löste damit den bisher schwersten Super-GAU in der Geschichte der Atomenergienutzung aus. Eine radioaktive Wolke zog über weite Teile der ehemaligen Sowjetunion und über Europa.

Im Jahre 2006 ist noch eine Fläche von 150.000 Quadratkilometern radioaktiv verseucht, die sich über die heutige Ukraine, Weißrussland und Russland erstreckt. Obwohl das ganze Ausmaß der gesundheitlichen Folgen dieser Katastrophe nie ganz geklärt werden kann, schätzen WissenschaftlerInnen die Zahl der zu erwartenden Todesopfer auf 66.000 bis 150.000. Hunderttausende von der Strahlung betroffene Menschen leiden an zum Teil schweren Krankheiten. Auch in Westeuropa kam es in der Folge des Tschernobyl-Unfalls zu einem signifikanten Anstieg von Fehlbildungen und frühem Versterben bei Neugeborenen.

Trotz dieser Erkenntnisse rechnen internationale Organisationen wie die IAEA die Zahlen bewusst klein und verharmlosen die Gefahren der Atomenergie.

Bricht der damals in alle Eile errichtete Betonmantel – der so genannten Sarkophag, kann der noch immer hochradiaktive Inhalt des Reaktors für eine weitere Katastrophe sorgen. Tschernobyl macht klar, dass die Risiken der Atomenergie unverantwortlich sind und alle Atomkraftwerke stillgelegt werden müssen!

Laut Meldungen der Nachrichtenagentur AFP vom 23. April 2008 soll nun zunächst ein Atommüll-Lager und eine Wiederaufbereitungsanlage am Unglücksort errichtet werden.

Atomkatastrophe – Harrisburg war nur der Anfang

Am 27. März jährt sich zum 30. Mal die Atomkatastrophe in dem AKW Three Mile Island in Harrisburg. Nach einem Störfall kommt es zu einer teilweisen Kernschmelze. Um haaresbreite gelingt es den Techniker, den Super-Gau zu verhindern. Die Reaktorkatastrophe von Harrisburg war der Anfang vom Ausstieg aus der Atomenergie. In den USA bracht das Atomprogramm zusammen, Schweden beschloss den Ausstieg… Was passierte damals in Harrisburg? Und wie ist die aktuelle Situation heute? Lesen Sie mehr…

Atomexplosion im japanischen Tokaimura

Am 30. September 1999 kommt es in der japanischen Urananlage in Tokaimura zu einem überaus schweren Unfall, den die Internationale Atomenergiebehörde inzwischen in die Stufe fünf der bis zu Stufe sieben reichenden Skala eingeordnet hat. Aufgrund von zahlreichen Handhabungsfehler kommt es in der Anlage zu einer unkontrollierten Kettenreaktion. Zahlreichen ArbeiterInnen und Menschen in der Umgebung der Anlage werden radiaktiv belastet.

Mehr über den Unfallverlauf in Tokaimura aus der Monatszeitung ak – analyse und kritik

Forsmark, Schweden: Atomarer Blindflug

Am 25. Juli 2006 schrammt Nordeuropa nur knapp an einer atomaren Katastrophe vorbei. In dem von Vattenfall betriebenen Atommeiler Forsmark springt nach einem Kurzschluß die gesamte Notstromversorgung nicht an. Die Reaktormannschaft betreibt das Atomkraftwerk für fast eine halbe Stunde im Blindflug – ohne jede Information über die tatsächliche Lage im Reaktor.

Mehr bei Telepolis und aus Süddeutsche Rundschau

Brunsbüttel 2001: Wasserstoff-Explosion im Reaktor

Den vorläufigen Höhepunkt seiner Störfallserie erreichte das AKW Brunsbüttel am 14. Dezember 2001 mit dem wohl schwersten Störfall, der sich in den letzten 20 Jahren in einem deutschen Atomkraftwerk ereignete. Eine Knallgasexplosion zerfetzte ein 10 cm dickes Stahlrohr in unmittelbarer Nähe des Reaktordruckbehälters. Bruchstücke des Rohres flogen wie Geschosse umher und richteten auch in der Umgebung Schäden an. Glücklicherweise wurden keine sicherheitsrelevanten Einrichtungen getroffen. Nur ein einfaches Rückschlagventil, das bei der Explosion zudem beschädigt wurde, verhinderte das Ausströmen des unter hohem Druck stehenden radioaktiven Dampfes. Das Ausströmen hätte den Verlust von Kühlmittel bedeutet, was zu einer Kernschmelze, also dem Super-GAU, führen kann. Ein „Tschernobyl in klein“ – dieselbe Explosion zwei Meter weiter, und man hätte für nichts mehr garantieren können.

Der Betreiber legte im Umgang mit dem Störfall ein Besorgnis erregendes Sicherheitsverständnis an den Tag. Obwohl Signale in der Leitwarte den Störfall anzeigten und sie auch die Erschütterung durch die Explosion registrierten, wurde eine vergleichsweise harmlose Leckage angenommen – ein Ventil abgesperrt – und der Reaktor weiter betrieben. Ein klarer Fall von „Profit vor Sicherheit“. Erst zwei Monate später, als die Aufsichtsbehörde Bedenken hatte und auf eine Inspektion drängte, wurde entdeckt, was wirklich passiert war, und der Reaktor endlich abgeschaltet. Die Aufsichtsbehörde leitete daraufhin eine umfangreiche Untersuchung ein – wegen der offensichtlichen technischen Defizite und auch wegen Zweifeln an der Zuverlässigkeit des Betreibers und der Fachkunde der zuständigen Personen. Eigentlich Gründe genug, die Anlage endgültig stillzulegen – trotzdem wurden nur einige technische und organisatorische Änderungen vorgenommen, einige verantwortliche Personen entlassen und der Reaktor am 26.3.2003, nach 13 Monaten Stillstandszeit, wieder in Betrieb genommen.

Im Zuge der Untersuchungen wurde auch entdeckt, dass dies nicht die erste Explosion im Reaktor war: Irgendwann vor 1992 war es in der gleichen Leitung, in dem Bereich, der nicht durch das Rückschlagventil abgesperrt ist, unbemerkt schon einmal zu einer etwas kleineren Knallgasexplosion (im Jargon der Betreiber harmlos klingend „Radiolysegasreaktion“) gekommen, die das Rohr jedoch glücklicherweise „nur“ verformt hatte.

Bericht der Landesregierung Schleswig-Holstein (PDF) zu diesem Störfall.

Brunsbüttel 1978: Stundenlang dringt radioaktiver Dampf in die Umwelt

18. Juni 1978: Zwei Jahre nach der Inbetriebnahme des AKW Brunsbüttel kommt es zum Abriss eines Blindstutzen. Über mehrere Stunden gelangen 100 Tonnen leicht radioaktiven Dampfes zunächst ins Maschinenhaus des Kernkraftwerks, dann über Druckentlastungskappen und den Abluftkamin ins Freie. Der Störfall wird tagelang vertuscht und erst ein anonymer Anrufer sorgt dafür, dass die Öffentlichkeit von diesem schweren Störfall erfährt. Der Betriebsführer muß später seinen Hut nehmen, als bekannt  wurde, dass die Reaktormannschaft versucht hatte, die automatische Notabschaltung des Reaktors durch Manipulationen zu verhindern.Zwei Jahre bleibt der Reaktor abgeschaltet.

Das Hamburger Abendblatt schrieb 1980 dies

Biblis: Ahnungslos auf dem Weg zum Super-Gau

Am 16.-17. Dezember 1987 schrammte das AKW Biblis-A bei einem Kühlmittelverlust-Störfall nur knapp an einem Super-GAU vorbei – einer der schwersten Störfälle in der Geschichte der Atomkraft in Deutschland. Ein Ventil, das das unter hohem Druck stehende radioaktive Kühlwasser des Primärkreislaufes vom Notkühlsystem trennt, versagte beim Anfahren des Reaktors und schloss nicht, was von der Betriebsmannschaft aber über 16 Stunden lang nicht bemerkt wurde. Eine leuchtende Warnlampe auf der Leitwarte wurde von zwei aufeinander folgenden Schichten die ganze Zeit entweder übersehen oder für einen Defekt der Anzeige gehalten. Erst die dritte Schicht bemerkte den Fehler.

Statt den Reaktor sofort herunterzufahren, versucht die Betriebsmannschaft mit einem Trick, das Ventil zu schließen. Ein Kontrollventil, dass den Primärkreislauf von einer Messleitung trennt, die für den hohen Druck nicht ausgelegt ist, wird absichtlich geöffnet, um das defekte Ventil „durchzuspülen“, was aber misslang. In der Folge strömten 107 Liter radioaktives Kühlwasser aus, gelangten über die Messleitung in den Ringraum außerhalb des Sicherheitsbehälters und von dort in die Atmosphäre. Nur durch Glück gelang es, das Kontrollventil gegen den hohen Druck wieder zu schließen. Wäre das nicht gelungen, hätte die Messleitung wegen des hohen Druckes platzen können, und ein Verlust großer Mengen Kühlmittel wäre unvermeidlich gewesen. Ein solcher Kühlmittelverlust kann zu einer Kernschmelze und damit zum Super-GAU führen.

Skandalös an diesem schweren Störfall war auch, dass der Betreiber RWE die Öffentlichkeit nicht unterrichtete. Erst ein Jahr später, im Dezember 1988 wurde dieser Vorfall durch eine us-amerikanische Zeitung bekannt.

Windscale / Sellafield – Reaktor in Flammen

Am 7.-10. Oktober 1957 – Bei Wartungsarbeiten in dem auch zur Atomwaffenproduktion (Plutonium) genutzten Atommeiler im britischen Windscale – heute als Sellafield bekannt – gerät der Reaktor in Brand. 10 Tonnen Uran und 2.000 Tonnen Graphit stehen in Flammen, eine radioaktive Wolke steigt aus den Abluftkaminen und verbreitet sich über Teile Nordeuropas. Alle Versuche der Betreiber, den Brand unter Kontrolle zu bekommen, scheitern. Schließlich riskiert die Betreibermannschaft alles auf eine Karte zu setzen, in dem sie es mit Wasser als Löschmittel probiert. Völlig unklar ist in diesem Moment, ob das funktionieren kann oder ob dadurch nicht Wasserstoff erzeugt wird, der möglicherweise in Kontakt mit Sauerstoff explodiert. Aber die Rettungsleute haben Glück, das Feuer kann im letzten Moment gelöscht werden.

Von all dem erfährt die Öffentlichkeit nichts. Die britische Regierung vertuscht den Störfall und dessen Ausmaß über 30 Jahre lang. Der Plutonium-Reaktor wird abgeschaltet, noch heute ist die strahlende Ruine nicht abgebaut.

Kritische Kerne in Reaktion – Atomexplosion im japanischen Tokaimura

Hamburg, 1999: Dümmer hätte es für die 570 WissenschaftlerInnen wohl nicht kommen können. Da beschwören die ElfenbeinturmbewohnerInnen mit starkem Drang zur Drittmittelforschung und dem Nimbus der unabhängigen und daher unantastbaren Vernunft die unerläßliche Zukunft der Atomenergie, -und da knallt ihnen eine verdammte Urananlage im High-Tech Wunderland Japan um die Ohren. Dumm gelaufen: Der nach Tschernobyl und Harrisburg schwerste Störfall in einer Atomanlage macht jedoch nicht nur deutlich, daß diese Technologie auf den Schrotthaufen der Geschichte gehört. Es ist schier unvorstellbar, welche Schlampereien in einer mit waffenfähigen Uran hantierenden Atomanlage möglich sind und das Aufsichts- und Genehmigungsbehörden davon erst etwas mitbekommen, wenn es zu spät.

Es war gegen 10.35 Uhr am 30. September, als in der Urankonversionsanlage der JCO in Tokai die Arbeiter damit begonnen, 16 Kilogramm des auf rund 19 Prozent angereicherten Uran in einen Tank einzufüllen. Dies geschieht nicht, wie es in den Handbüchern gefordert wird, mit Hilfe einer Pumpvorrichtung, die zusätzlich die Konzentration des spaltbaren Uran 235 überprüft. Statt dessen schleppen die Arbeiter des Unternehmens das Zeug in Eimern an und beginnen es per Hand in den mit Salpetersäure gefüllten Tank zu schütten. Schon diese Vorgehensweise ist atemberaubend. Doch der nächste Fehler folgt sofort: Offenbar übersehen die Arbeiter, daß sie nicht mit der Herstellung von Brennstoff für herkömmliche Leichtwasserbrennelemente befaßt sind. Diese Brennelemente, die in herkömmlichen Atomreaktoren zum Einsatz kommen, werden nur zwischen drei und fünf Prozent mit dem spaltbaren Uran 235 angereichert. Doch in den Tanks sollte zu diesem Zeitpunkt hochangereichertes Urandioxid für den Einsatz in einem Schnellen Brüter hergestellt werden. Nach Auffassung des WISE Paris, einem unabhängigen Gutachterinstitut, könnte die Menge von 16 Kilogramm Uran normalerweise für die Herstellung herkömmlichen Brennstoffes benutzt werden. Doch bei hochangereicherten Uran ist diese Menge um ein vielfaches zu hoch, lediglich rund 2,4 Kilogramm angereichertes Uran hätten in den Tank gedurft. Die Herstellung dieser besonderen Charge hatte erst am 22. September begonnen. Erstmals seit drei Jahren wurde derartiges Material in der Anlage hergestellt.

Die Folge dieses gravierenden Fehlers: Aufgrund der viel zu hohen Menge an spaltbarem Material kommt es zu einer unkontrollierten Kettenreaktion. Unterstützt durch das Kühlwasser in den Tanks „zündet“ das Uran und baut in Sekundenschnelle eine enorm hohe radioaktive Gamma- und Neutronenstrahlung auf.

Mindestens drei Arbeiter werden von dieser Strahlung getroffen. Laut WISE Paris bekommt ein 35jähriger Arbeiter eine Dosis von 17 Sievert ab, ein 39jähriger wird mit 10 Sievert und ein 54jähriger mit 3 Sievert verstrahlt. Werte, die bei den Atombombenabwürfen über Hiroshima und Nagasaki gemessen wurden. Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) gibt an, daß gesundheitliche Auswirkungen schon bei Strahlenwerten ab 500 mSv zu erwarten sind. Bei Werten von 1,5 bis 2 Sievert tritt der Tod aufgrund von Knochenmarksschädigungen nach 30 bis 60 Tagen ein. Dosen über 15 Sievert wirken unmittelbar und führen nach nur einem bis zu fünf Tagen zum Tod. Laut Bundesumweltministerium wird bei einer Strahlenbelastung von 0,2 mSv/h Katastrophenvoralarm gegeben und ab 2,0 mSv/h Katastrophenalarm ausgelöst.

Um die Kettenreaktion zu stoppen, versuchen die Arbeiter, das Wasser aus den Tanks zu bekommen, da dieses als Moderator und damit als Unterstützung der Kettenreaktion dient. Der erste Versuch scheitert jedoch. Im zweiten Anlauf zerstören die Arbeiter schließlich die Wasserleitungen und schaffen es so, die Zufuhr zu stoppen. Borsäure wird eingefüllt. Bor absorbiert die Neutronen und hilft so, die Kettenreaktion zu unterbinden. Wegen der hohen Strahlung können die Arbeiter lediglich für drei Minuten in die Anlage. Dennoch bekommen sie Strahlenwerte zwischen 20 und 103 mSv ab. Der Normalwert für Angestellte in Atomanlagen liegt in Japan bei einer Dosis von 50 mSv pro Jahr. Im Katastrophenfall kann der Wert 100 mSv betragen. Insgesamt 18 Arbeiter sind an diesen Maßnahmen beteiligt. Insgesamt werden mindestens 55 Arbeiter, Feuerwehrleute und Sanitäter einer erhöhten Strahlenbelastung ausgesetzt.

Das BfS gibt später an, daß bei den ersten Messungen eine Stunde nach Unfallbeginn eine Gammadosis von 0,84 Millisievert pro Stunde am Zaun der Anlage ermittelt wurden. Der Normalwert liegt bei 0,1 Mikrosievert je Stunde.

Über die Neutronenstrahlung können stundenlang keine Angaben gemacht werden. In der betroffenen Halle gibt es dafür keine Messeinrichtung. Es dauert fast acht Stunden, bis eine entsprechende Messeinrichtung vor Ort ist. Laut BfS wird zu diesem Zeitpunkt am Zaun der Anlage eine Neutronenstrahlung von 4,5 mSv/h gemessen. Die Gammaleistung war zu diesem Zeitpunkt auf 0,5 mSv/h abgesunken. Aus diesen Werten schlußfolgert das BfS, daß bei Unfallbeginn die Werte doppelt so hoch gewesen sein müssen: die Neutronenstrahlung also bei 9 mSv/h und die Gammastrahlung bei 1,0 mSv/h. Wohlgemerkt: dies sind die Stundenwerte. Bei dieser Strahlung entspricht der Aufenthalt von nur einer Stunde etwa dem, was ein Mensch normalerweise innerhalb von vier Jahren aufgrund der natürlichen Strahlenexposition aufnimmt, so das BfS.

Um 7 Uhr morgens Ortszeit, am 1. Oktober, erklären die Verantwortlichen, daß die Kettenreaktion gestoppt wurde, – 20 Stunden nach Unfallbeginn.

Interne Ursachen

Soweit es derzeit erkennbar ist, sind mehrere Umstände für diese Katastrophe verantwortlich. Zum einen berichten die Arbeiter über einen enormen Arbeitsstreß, der seitens des Management von JCO erzeugt wird. Neben der scheinbar mangelhaften Ausbildung der Arbeiter, hat die Unternehmensleitung ausdrücklich die Umgehung von Sicherheitsmaßnahmen gebilligt. Dazu gehört beispielsweise das Einfüllen von Uran per Hand und Eimer in die Tanks. Eine Überwachung der Neutronenstrahlung in diesem Teil der Anlage war nicht installiert.

Überwachungskameras, die eine externe Kontrolle der Vorgänge ermöglichen sollen, waren schlicht abgeschaltet. Kritikalitätsstörfälle scheinen bei der Genehmigung der Anlage keine Rolle gespielt zu haben. Außerdem wurde kurze Zeit nach Unfallbeginn von der Firmenleitung eingeräumt, daß technische Veränderungen in der Anlage an der Genehmigungsbehörde vorbei durchgeführt worden sind. Vor diesem Hintergrund mag man kaum noch den Kopf schütteln, wenn am 12. Oktober den Zeitungen zu entnehmen ist, daß Lüftungsklappen seit Unfallbeginn offenstanden und die Ventilatoren munter radioaktive Strahlung aus dem Inneren der Anlage in die Umgebung pusteten.

Nach Angaben des Pariser Institut für Nuklearsicherheit hat es seit 1945 insgesamt 59 „ernsthafte“ Kritikalitätsunfälle in Nuklearanlagen gegeben, 33 davon in den USA und 19 in der ehemaligen Sowjetunion.

Auswirkungen des Unfalls

Erst nach zwei Stunden, also gegen 12.30 Uhr Ortszeit verhängt die Polizei Schutzmaßnahmen für die Bevölkerung in der Umgebung der Anlage. Im Umkreis von 200 Metern wird der gesamte Verkehr unterbunden. Erst gegen 15 Uhr entscheiden die örtlichen Verantwortlichen, die Bevölkerung im Umkreis von 350 Metern zu evakuieren. 150 Menschen aus 50 Haushalten sind von dieser Maßnahme betroffen. Sie werden per Bus in eine nur eineinhalb Kilometer entfernte Unterkunft gebracht. Während die Strahlendosis am Zaun der Anlage zwischen 4 und 4,5 mSv/h liegt, werden gegen 22.30 Uhr die AnwohnerInnen in einem Umkreis von 10 Kilometern aufgefordert, Fenster und Türen geschlossen zu halten und sich nicht im Freien aufzuhalten. Insgesamt 310.000 Menschen sind betroffen. Inzwischen räumt die Regierung ein, daß sie den Störfall unterschätzt habe und nicht ausreichend vorbereitet gewesen sei. Die Regierung bittet das US-Militär um Unterstützung. Um zu verhindern, daß die BewohnerInnen kontaminiertes Trinkwasser benutzen, wird die Versorgung mit Wasser umgestellt. Die Behörden bereiten die Ausgabe von Jod-Tabletten vor. In den frühen Morgenstunden, kurz vor sechs Uhr werden auf dem JCO-Gelände Werte in Höhe von 18 mSv/h Neutronen und 20 mSv/h Gammastrahlung gemessen. Damit liegen die Werte um das rund Fünffache über den Werten, die 12 Stunden zuvor gemessen wurden.

Am 1. Oktober bleiben alle 224 Schulen innerhalb des 10 km-Radius geschlossen, die Kinder bleiben zu Hause. Alle Straßen innerhalb eines Umkreises von 1 Kilometer werden geschlossen, nur noch Rettungsfahrzeuge dürfen verkehren. Die Japanische Eisenbahn stellt den Verkehr auf einigen Strecken ein, Linienbusse verkehren innerhalb der 10 km-Zone nicht. Die Bauern in der Umgebung werden aufgefordert, vorerst nicht weiter die Feldfrüchte zu ernten und weitere Mitteilungen abzuwarten. Alle Postämter bleiben geschlossen. In den Fabriken von Hitachi wird nicht gearbeitet. 8.700 Arbeiter und Angestellte bleiben zu hause. Die Marine warnt alle Schiffe, die die Bucht von Tokai anlaufen, über den Unfall. Den Fischern wird untersagt, vor der Küste ihre Netze auszuwerfen. Das Außenministerium bittet die USA und Rußland, Expertenteams zur Unterstützung zu schicken.

Im Laufe des Tages, die Kettenreaktion war am frühen Morgen gestoppt worden, beginnen die Behörden, nach und nach die Einschränkungen aufzuheben.

Greenpeace hat in den folgenden Tagen eigene Messungen in der Nähe der Anlage durchgeführt. Die Umweltschutzorganisation geht davon aus, daß mehr Menschen von dem Unfall betroffen sind, als die Regierung bislang einräumt. Bis zur Evakuierung müssen nach den Messungen von Greenpeace die AnwohnerInnen der Anlage etwa eine Dosis von fünf mSv/h an Neutronenstrahlung abbekommen haben. Wolfgang Köhnlein, atomkritischer Wissenschaftler und seit knapp einem Jahr Mitglied der Strahlenschutzkommission der Bundesregierung: „Fünf Millisievert ist eine erheblich Dosis. Dabei ist noch zu berücksichtigen, daß nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen besonders die biologische Wirkung der Neutronenstrahlung bisher unterschätzt wurde und die tatsächlich wirksame Neutronendosis in Tokaimura zweifellos noch höher lag. Es ist daher zu befürchten, daß der Unfall bei den Menschen Langzeitschäden zur Folge hat.“

JCO wird dichtgemacht

In den folgenden Tagen gerät die Betreiberfirma JCO immer mehr in die Schußlinie. JCO (ein Eigenname, der etwa soviel bedeutet wie Japan Atomic Fuel Conversion Company) ist eine hundertprozentige Tochter der Sumitomo Metalich Mining Company, einer der großen Wirtschaftsgiganten Japans. Diese haben inzwischen erklärt, diesen Geschäftszweig endgültig aufzugeben. Für einige Atomanlagen in Japan dürfte das erhebliche Probleme zur Folge haben. Neben der Mitsubishi Nuclear Fuel Company ist JCO die einzige Fabrik zur Urankonversion und hat sich seit Anfang der 80er Jahre auf die Herstellung von Brennstoff für Leichtwasserreaktoren und Schnelle-Brüter spezialisiert. 715 Tonnen herkömmlichen Uranbrennstoff und drei Tonnen hochangereichertes Uran können bei JCO jährlich hergestellt werden. Der Unfall geschah bei der Herstellung von hochangereicherten Brennstoff für den Versuchs-Brüter Joyo. 154 Mitarbeiter sind bei JCO beschäftigt.

Am 6. Oktober durchsuchen 200 Polizisten die Geschäftsräume der JCO. Als ein erstes Ermittlungsergebnis teilt das Ministerium für Wissenschaft und Technik mit, daß JCO die amtlichen Sicherheitsvorschriften eigenmächtig geändert habe. Demnach sollen JCO-Manager zugegeben haben, daß den Arbeitern ausdrücklich erlaubt worden ist, die Uranlösung für neue Brennelemente in Eimern abzumessen. Dem Unternehmen wird die Lizenz zum Betrieb der Anlage in Tokai entzogen. Die japanische Regierung, die trotz des Unfalls immer wieder betont, weiter am Ausbau der Atomenergienutzung festhalten zu wollen, ordnet die Überprüfung sämtlicher Atomanlagen inklusive der 51 Atomkraftwerke an. Bis zum Jahr 2010 plant die Regierung 20 neue Reaktoren zu errichten.

Was folgt?

Der schwere Unfall in Japan macht abermals deutlich, welch enormes Risikopotential in der Atomtechnologie steckt. Dabei kann die hiesige Atomwirtschaft nicht wie seinerzeit in Tschernobyl auf marode Reaktortechnik verweisen, die mit westlichen Sicherheitsstandards so gar nicht vergleichbar sei. Das in dem High-Tech-Land Japan derartige Produktionsbedingungen möglich sind, spricht nicht gegen Japan, sondern dafür, daß derartige Unfälle überall auf der Welt stattfinden können, – in Frankreich, in Deutschland, der Schweiz …

In Deutschland betreibt die zum Siemenskonzern gehörende Advanced Nuklear Fuels (ANF) in Lingen die Brennelementeherstellung. Allerdings nur für herkömmliche Reaktoren, also mit einer Anreicherung von bis zu fünf Prozent Uran 235. Gleich um die Ecke liegt die Konversionsanlage der Urenco in Gronau. Hier wird aus dem gasförmigen Uranhexafluorid die Anreicherung in Zentrifugen betrieben. Grundsätzlich ist diese Anlage in der Lage, jede gewünschte Anreicherung, also bis hin zur Atombombentauglichkeit, herzustellen. Risiken bestehen dabei nicht nur mit Blick auf Kritikalitätsstörfälle. Das Uranhexafluorid reagiert extrem stark auf Wasser. Entweicht das Urangas aus einem undichten Behälter könnte schon der Kontakt mit der Luftfeuchtigkeit zu schweren Explosionen und zu großräumigen Vergiftungen in der Umgebung der Anlage führen.

Der Unfall von Tokai ist von der Internationalen Atomenergiebehörde inzwischen in die Stufe fünf der bis zu Stufe sieben reichenden Skala eingeordnet worden. Damit wird er mit dem Unfall von Harrisburg auf eine Stufe gestellt. Anders jedoch als vor 20 Jahren regiert in Berlin inzwischen ein Regierung, die den Atomausstieg auf ihre Fahnen geschrieben hat. Was braucht diese Regierung eigentlich noch, um endlich das zu tun, wofür sie gewählt wurde: Abschalten! Sofort!

DSe

aus: ak – analyse & kritik – zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 431 / 21.10.1999

Harrisburg war nur der Anfang – Geschichte einer Katastrophe

In den Morgenstunden des 27. März 1979 kam es in USA zu dem bis dahin größten Unfall in der Geschichte der sogenannten zivilen Atomenergienutzung. Im Block 2 des Atomkraftwerks Three Mile Island, in der Nähe von Harrisburg, Pennsylvania, geschah das, was die gesamte Atomzunft bislang für ausgeschlossen hielt: Aufgrund zahlreicher Pannen und Defekte in den Sicherheitssystemen der Anlagen versagte die Kühlung des Reaktors, die hochradioaktiven Brennelemente wurden freigelegt und schmolzen. Tagelang drohte der Reaktor zu explodieren. Jochen Schramm von der Hamburger Umweltschutzgruppe Physik / Geowissenschaften erinnert an die Katastrophe, deren Auswirkungen noch nicht abgeschlossen sind. (Foto: DOE)

In der Mitternachtsschicht sind zwei Arbeiter an einem der acht Kondensatreiniger des AKWs beschäftigt. Es sind riesige Tanks mit Reinigungsharzen, die das Speisewasser von Verschmutzungen freihalten sollen. Immer wieder setzten sich in den Kondensatreinigern Klumpen von Dreck ab, verstopften die Ausflüsse und mußten regelmäßig aus dem System genommen werden. Mit Preßluftschüben wurden die Klumpen gelockert, bis die Anlage wieder arbeitete.

Preßluft ist im Kraftwerk überall von Nöten und schafft oft Abhilfe bei technischen Störungen. Mehrere Querverbindungen im Preßluftsystem des Atomkraftwerkes Three Mile Island waren im Laufe der Zeit entstanden, aber nie dokumentiert worden. Es gab sogar Verbindungsleitungen zwischen der technischen Luftversorgung und dem hydropneumatischen Steuerungssystem mehrerer Sicherheitsventile.

Die Arbeiter beseitigten das Verstopfungsproblem. Allerdings übersahen sie, daß dabei eine kleine Undichtigkeit im Preßluftventil entstanden war. Als der Kondensator wieder ans Netz ging und der Druck stieg, drückte Wasser beständig in die Preßluftleitung.

Am 27. März 1979 um 3.57 Uhr erreichte das Wasser mehrere Sicherheitsventile: Fast alle Ventile im Speisewassersystem sperrten gleichzeitig. Die Speisewasserpumpen, so groß wie Betonmisch-LKWs, wurden vom Wasserschlag getroffen, rissen teilweise aus ihren riesigen Halterungen.

Wenige Sekunden später schaltete das automatische Kontrollsystem die Turbine ab, die Kontrollstäbe schossen in den Reaktor. Bis jetzt verlief alles planmäßig: Spezielle Notkühlpumpen starteten unverzüglich, um die auftretenden Wärmespitzen abzubauen. Doch bei Wartungsarbeiten wenige Tage zuvor war vergessen worden, die Sperrventile wieder zu öffnen. Zwar zeigte eine Lampe im Kontrollraum an, daß die Ventile geschlossen waren. Doch die wurde von einen Zettel an einem benachbarten Schalter, der auf andere Störungen hinwies, verdeckt. So blieb unbemerkt, daß das Notkühlwasser den Reaktor gar nicht erreichte.

Während die Temperatur im Reaktor nun schnell anstieg, erhöhte sich der Druck. Ein spezieller Tank, der sog. Druckhalter innerhalb des Sicherheitsbereichs (Containment), öffnete nun ein Ventil, das Dampf an einen Speichertank abgeben und danach wieder schließen sollte. Das Ventil öffnete, schloß aber nicht mehr: Im Kontrollraum aber wurde gemeldet: „Ventil geschlossen.“

Die Situation spitzte sich zu: Bei fallender Temperatur und fallendem Druck droht das Kühlmittel an den Brennelementen aufzukochen. Dampf kühlt jedoch wesentlich schlechter als Wasser und fehlende Kühlung überhitzt die Brennelemente, die dann zu platzen drohen. Ein komplett gefüllter Druckhalter, so wie es die Instrumente vorgaukelten, war unbedingt zu vermeiden, denn bereits leichte Vibrationen im Kühlsystem könnten das gesamte System zum Bersten bringen. Die Operateure entschieden daher, Wasser abzulassen.

Nun gab es zwei Lecks für das Wasser, das defekte Druckhalterventil und die Ablaßpumpen. Der Druck fiel jetzt noch schneller.

Endlich entdeckte ein Operateur die Lampe der geschlossenen Notkühlung und riß die Ventile auf. Kaltes Kühlmittel ergoß sich auf die überhitzten Pumpen und Leitungen. Ein Wärmetauscher zwischen den Kühlkreisläufen platzte, radioaktives Wasser verseuchte sofort den Turbinenkreislauf. Doch wegen des geringen Drucks begann das Wasser zu kochen und die ersten großen Dampfblasen schossen durch die Kühlleitungen. Nun traten starke Vibrationen in den Kühlpumpen auf: die Kontrollmannschaft schaltete sie ab. Schließlich platzte der Speichertank, in den das Ventil des Druckhalters pausenlos hineinblies. Radioaktives Wasser strömte in das Containment. Von hier wurde das Wasser in einen außerhalb des Gebäudes befindlichen Tank gepumpt. Aber auch diese Pumpe funktionierte nicht fehlerfrei und leckte stark. Das radioaktive Leckwasser konnte jetzt ungehindert in den Susquehanna-Fluß abfließen. Gleichzeitig drangen die freigesetzten Spaltgase durch die Dachlüftung in die Umwelt. Insgesamt wurden ca. 1,5 Mio. Liter Wasser und eine nicht bezifferbare Menge Gas abgelassen.

Wie es zu diesem Zeitpunkt im Inneren des Reaktors aussah, war für die Kontrollmannschaft nicht mehr klar. Die Drucker des Meldecomputers waren angesichts der gigantischen Menge an Störungsmeldungen um Stunden hinter der Zeit zurück. Mit einem von Hand verdrahteten Multimeter erfuhr man lediglich, daß die Reaktortemperatur 1000°C statt der üblichen 350°C erreicht hatte. Die Operateure verwarfen diese Messungen als Falschwerte.

Im Reaktor begann nun die Kernschmelze. Die hohen Temperaturen zerstörten die meisten der inneren Brennelemente und das Spaltmaterial bröselte zum Reaktorboden. Ein Arbeiter, verpackt in schwere Strahlenschutzkleidung, zog noch eine letzte Wasserprobe aus dem Kühlkreislauf: schwarz, sprudelnd, schaumig.

Erst nach zwei Stunden, als die Frühschicht zur Arbeit kam, wurde der tatsächliche Zustand des Abblaseventils erkannt. Ein vorgeschaltetes Ventil wurde geschlossen, – der Druck begann unverzüglich wieder zu steigen. Um Haaresbreite schrammte TMI an der Katastrophe vorbei: Nur wenige Minuten später und der Bröselhaufen hätte sich in eine glühende Soße verwandelt, hätte sich zuerst durch den Boden des Reaktors geschmolzen, dann durch das Gebäudefundament und schließlich beim Kontakt mit dem Grundwasser Wolken radioaktiver Spaltprodukte rund um den Globus geschickt.

Immerhin konnte jetzt eine der Hauptkühlpumpen in Betrieb genommen und der stark demolierte Reaktorkern mit Kühlung versorgt werden.

Erst 1982 gelang es den Technikern, mit Kameraaufnahmen eingeschränkte Blicke in das Reaktorinnere zu erhalten. Aus dem zerbröselten Brennelementschrott am Grund des Reaktors konnte man Rückschlüsse auf Temperaturen während der Katastrophe ziehen: Die Reaktortemperatur war nur knapp 100°C unter der Schmelztemperatur für Uran zum Stehen gekommen. Bis in die 90er Jahre benötigten Techniker mit ferngesteuerten Greifarmen einen Teil des Uranschrotts herauszuholen.

Evakuierung

Die Katastrophe begann mitten in der Nacht. Um 7.20 Uhr wurden innerhalb des Containments extreme Strahlungswerte von 800 Rem gemessen – unmittelbar tödlich für jedermann. Hilfskräfte wurden deshalb mit Meßgeräten in die Umgebung und in die Städte Goldsboro, Middletown und Harrisburg geschickt. Noch waren die Werte um 0,1 Millirem normal, noch hielt die Gebäudeabschirmung scheinbar stand.

Um 12.45 wurde in den Hilfsgebäuden der Anlage eine Strahlungsdosis bis zu 1000 Rem festgestellt, Hubschrauber begannen regelmäßig die Strahlungswerte über dem Reaktorgebäude zu messen. Am nächsten Morgen lagen die Meßwerte zwischen einem und zehn Millirem am Susquehanna-Fluß – mit steigender Tendenz.

Der Katastrophenstab stand unter massivem Druck: Evakuierung ja oder nein? Wenn ja, wann? In welchem Umkreis? Nur in Windrichtung? Eventuell nur schwangere Frauen und Kleinkinder? Je nach Befinden des tollwütigen Reaktors wurden Evakuierungspläne besprochen und wieder verworfen. Erst fünf Meilen um das AKW, dann 10 Meilen. Was tun mit den Krankenhäusern? Plötzlich stand die Evakuierung von 650.000 Menschen, dreizehn Krankenhäusern und einem Gefängnis bevor. Dann doch nur fünf Meilen, da gab es keine Krankenhäuser. Schließlich einigte man sich auf eine 5-Meilen-Empfehlung für schwangere Frauen und Kinder. Innerhalb von zehn Meilen solle man Fenster und Türen geschlossen halten und Jodtabletten einnehmen. Aber Jodtabletten waren nirgends zu bekommen. Erst nach sechs Tagen hatte man eine Pharmafirma gefunden und konnte die Jodtabletten austeilen. Die letzten Ortschaften erhielten die Jodtabletten weitere fünf Tage später.

Im Landkreis Goldsboro hatten schon drei Tage nach dem Unfall 90 Prozent aller Einwohner fluchtartig die Gegend verlassen.

Es knallt

Zehn Stunden nach Beginn der Katastrophe wurde das gesamte AKW-Gebäude durch eine heftige Explosion erschüttert. Sie war vergleichbar mit der Stärke einer 500-Kilo-Bombe. Ausgelöst wurde sie durch eine Wasserstoff-Sauerstoff Reaktion innerhalb des Containments. Immerhin hielten die Betonstrukturen dieser Explosion stand, sie war auf die doppelte Stärke ausgelegt. Verniedlichend sprach man später nur noch von einem „Bump“, einem Bums.

Das Phänomen war neu und gehörte nicht zu den Sicherheitsszenarien der AKW-Betreiber. Hilflos stand man dem Fakt nun gegenüber.

In den Rohren der Brennelemente ist Uran in Tablettenform aufgereiht. Die Wandung besteht aus einer Legierung des Metalls Zirkonium. Bei sehr hohen Temperaturen findet zwischen Wasser und Zirkonium eine chemische Reaktion statt, bei der Wasserstoffgas entsteht. Im Laufe der Katastrophe hatte sich eine große Wasserstoffblase im oberen Teil des Reaktorbehälters gesammelt, ein anderer Teil gelangte über das defekte Druckhalterventil in das Containment. Wasserstoff reagiert sehr heftig, wenn es auf Sauerstoff trifft: der „Knallgas-Effekt“. Im Reaktor existierte (noch) kein Sauerstoff, aber im Containment konnte sich die Mischung selbst entzünden. Wäre nur wenig mehr in das Gebäudeinnere entwichen, wären die Auswirkungen der Katastrophe mit der von Tschernobyl vergleichbar gewesen.

Eine sofort eingesetzte Spezialistengruppe schaffte es, in den folgenden Tagen Wasserstoff-Rekombinationsgeräte zu installieren, die die Blase langsam abbauen sollten. Ungewiß blieb, ob sich nicht auch innerhalb des Reaktors Sauerstoff bilden könnte und der Knall unmittelbar bevorstand. Die Blase verschwand jedoch so mysteriös wie sie entstanden war. Zunächst hatte sie sich in mehrere kleinere Blasen zerteilt, dann war alles weg. Der Grund konnte nicht analysiert werden.

Die späteren Folgen

Der Zustand des Reaktors ist seit 1979 nahezu unverändert. Ferngesteuerte Geräte und Roboter führen Aufräumarbeiten durch, und an eine Rückkehr zur „Normalität“ ist auch in den nächsten Jahrzehnten nicht zu denken. Der Reaktor befindet sich im „Monitor-Status“ und muß weiterhin technisch versorgt werden. Ein Rest des Brennstoffs befindet sich noch immer im Reaktor.

Bereits während des Desasters begannen Betreiber und öffentliche Stellen, die „Leistungsexkursion“ von TMI-2 zu zerreden. Schließlich sei der Reaktor auch noch intakt und eine größere Katastrophe nicht eingetreten. Die Radioaktivitätsmessungen der Hubschrauber über dem AKW mit Werten über 3.000 Millirem wurden entweder verworfen oder blieben als nicht repräsentative Einzelwerte unbeachtet.

Auch in Deutschland begannen die Freunde des Urans unverzüglich mit beschwichtigenden Erklärungen: In einem deutschen AKW sei ein solcher Störfall nicht möglich, was insofern stimmte, als es damals in Deutschland ein solches Kraftwerk der Firma Brown Boverie gar nicht gab. Was allerdings verschwiegen wurde, eine direkte Kopie von Three Mile Island 2, das AKW Mühlheim-Kährlich, war seit 1975 im Bau.

Eine Belastung der Umgebung, sprich Menschen, Tiere, Pflanzen, hat es entsprechend öffentlicher Verlautbarungen natürlich nicht gegeben. Kurz nach der Katastrophe, im Mai 1979, bildete das Landwirtschaftsministerium (DOA) von Pennsylvania eine Ermittlungsgruppe aus 10 Personen, zwei davon Tierärzte. Innerhalb von zwei Tagen wurden 100 Farmen besucht. Der Bericht sprach von fünf Landwirten, die Probleme beklagten. Einer beispielsweise berichtete, daß zwei Tage nach dem Unfall Hühner wie wild herumflatterten und Schweine nicht mehr aus dem Stall wollten. Zwei Monate später waren 27 Hühner und 11 Schweine gestorben. Diese Berichte wurden als unerklärliche Einzelfälle bewertet – Auswirkungen des Reaktorstörfalls wurden von offizieller Seite für nicht existent erklärt. Drei Monate später war jedoch die Reporterin Laura Hammel von „The News-American“ aus Baltimore der Sache nachgegangen und berichtete, daß der DOA-Report „ungeheuer untertrieben“ hätte. Ihren Nachprüfungen zufolge hatten nicht 5 sondern 40 Bauern über Probleme seit dem Durchbrennen des Reaktors geklagt. Viele der Beschwerden waren als irrational oder nicht nachprüfbare Horrorstories verworfen worden. Manche Farmen wurden trotz mehrerer Meldungen nie besucht.

Im Frühjahr 1980 wiederholte die Nukleare Regulierungs-Kommission (NRC) eine Schadensbilanz – wiederum mit dem Ergebnis: „keine erkennbaren Zusammenhänge“. Von den aufgezählten 35 Krankheitsfällen auf den Höfen wurden diesmal mehr als die Hälfte mangels Daten oder „unbekannter Ursache“ nicht dem Reaktorunfall zugerechnet.

Ende 1979 veröffentlichte der Mediziner Ernest Sternglass einen Bericht über das überdurchschnittliche Ansteigen der Säuglingssterblichkeit in Pennsylvania, besonders in der Nähe von TMI. Das Gesundheitsamt dementierte prompt und begann eine Kontroverse um Zahlen und Statistik. 1980 ergänzte Dr. MacLeod, ein früherer Mitarbeiter des Gesundheitsamtes, daß auch Schilddrüsenerkrankungen im Abluftbereich des AKWs erhöhte Raten aufwiesen.

Im August 1996, 17 Jahre nach dem Unfall, erschien eine neue Studie des Medizinprofessors Steve Wing (University of North Carolina). Er hatte die Krebssterbefälle in der Umgebung von Three Mile Island untersucht und kam zu dem Urteil, daß Lungenkrebs und Leukämie in der Hauptwindrichtung des AKWs zwei bis zehnfach häufiger auftraten als in der Gegenrichtung.

Trotz aller Fakten waren in der Vergangenheit über 2000 Schadensersatzklagen wegen nicht ausreichender Beweise abgelehnt worden.

Nicht kontrollierbar

Seit dem Kernschmelzen in Three Mile Island ist in den USA kein neues AKW in Betrieb gegangen. Die Diskussion um die Sicherheitskonzepte endete bislang in der Feststellung von Shirley Jackson, Vorsitzender der Nuklearen Regulierungs-Kommission NRC am 1. April 1997: „Die NRC glaubt, daß die Glaubwürdigkeit an die freiwilligen Leistungen über konstruktionsabhängige Informationen, die die Industrie in der Vergangenheit erbracht hat, nicht ausreichen, eine sichere Kontrolle einer Reihe von Anlagen zu gewährleisten.“

Aus Mangel an Kenntnissen über die technischen Details der AKWs kann jederzeit erneut ein Three Mile Island Desaster entstehen. In einem hochkomplexen Technikmoloch können überdies Dinge geschehen, an die zum ersten Mal erst gedacht wird, wenn sie passieren, wie das Beispiel Wasserstoff zeigt. Menschliche Fehlleistungen können überall geschehen, wie Spickzettel über Warnlampen gezeigt haben. Unfähige Behörden wird es immer wieder geben, wie das Chaos der Katastrophenplanung zeigte. Und unkooperative und vertuschende Firmen wird es überall geben, wo viel Geld im Spiel ist – und AKWs kosten viel.

All dies ist nicht sehr beruhigend, wenn an die vielen hundert Reaktoren gedacht wird, die derzeit weltweit an einem ersten Auftritt im Three Mile Island Tschernobyl Theater proben.

Jochen Schramm

Weitere Infos im Internet unter: www.enviroweb.org/tmia/croom.htm

Quelle: aus: ak – analyse & kritik, Zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 424 / 18.03.1999

Brennelemente-Zwischenlager Ahaus geht an GNS

Der Focus berichtet, dass der Energiekonzern Steag seine bisherige Beteiligung an dem Brennelemente-Zwischenlager Ahaus (BZA) an die GNS verkauft hat. Demnach trenne sich Steag zum 1. Juli von seiner 45-Prozent-BZA-Beteiligung, teilte die Steag Energy Services am Montag in Essen mit. Über den Kaufpreis – so der Focus – sei Stillschweigen vereinbart worden.

Die GNS gehört den Atomkonzernen Eon, RWE, EnBW und Vattenfall Europe. Sie hält bereits die anderen Anteile. Mit seinen Beteiligungen am Atommülllager Ahaus und weiteren Atommüllstandorten verdienen die Atomkonzerne nicht nur durch den Betrieb der AKWs, sondern auch noch mit dem dabei anfallenden Atommüll! Das Zwischenlager für radioaktiven Abfall im westfälischen Ahaus wurde 1992 in Betrieb genommen.

Informationen über das Atommülllager in Ahaus auf der Homepage der BI Ahaus.

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