Nazi-Deutschland und „Geheimdokumente zum deutschen Atomprogramm 1938 – 1945“

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Staatsgeheimnis – Geheimdokumente zum deutschen Atomprogramm 1938 – 1945 im Online-Archiv des Deutschen Museums. Auszug aus einem dort veröffentlichten Protokoll.

„Geheimdokumente zum deutschen Atomprogramm 1938 – 1945“, so lautet die Überschrift von Original-Dokumenten über die Atomforschung in Deutschland aus der Nazi-Zeit, die beim Deutschen Museum online verfügbar sind. Die Dokumente geben schlaglichtartig einen Eindruck, mit welchen Fragen die Atomforscher im deutschen Faschismus und unter den Bedingungen des Zweiten Weltkriegs arbeiteten und welche Probleme sie dabei hatten. Unter den Dokumenten befinden sich auch Protokolle über „Befragungen“ der ALSOS-Mission. Dieses Kommando der USA hatte noch vor Ende des Zweiten Weltkriegs die Aufgabe, die deutsche Atomforschung aufzudecken, u.a. um festzustellen, ob Nazi-Deutschland eine Atombombe entwickelte.

In dem Archiv finden sich Dokumente über die Forschungsarbeiten z.B. in Hamburg. Dort arbeitete eine Gruppe um den „Physikochemiker Paul Harteck – beteiligt waren Wilhelm Groth, Hans Suess, Friedrich Knauer und teilweise Johannes Jensen aus Hannover“. Diese Gruppe gehörte laut Angaben des Deutschen Museums zu den aktivsten im Uranverein. Zu den Forschungsschwerpunkten gehörten die Entwicklung einer Uranisotopentrennung und die Produktion von schwerem Wasser. Hier finden sich u.a. die folgenden Dokumente (Links verweisen auf den Server des Deutschen Museums):

Zur Urananreicherung und der militärischen Bedeutung siehe hier auf dieser Seite:

Auch über andere Atom-Forschungszentren im Nazi-Deutschland gibt es Dokumente, z.B. auch über das Forschungszentrum Gottow. Das Deutsche Museum schreibt darüber: „Nach der Berufung Heisenbergs zum Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts in Berlin 1942 musste der Kernphysiker beim Heereswaffenamt (HWA) Kurt Diebner das Institut verlassen. In Gottow, auf dem Gelände der Heeresversuchsstelle Kummersdorf gelegen, sammelte er im Auftrag des HWA junge Physiker um sich.“

Kurt Diebner war Mitglied der NSDAP und hatte bis dahin maßgeblich die Atomforschung in Nazi-Deutschland koordiniert und war bis 1942 beim Heereswaffenamt eine der treibenden Kräfte des „Deutschen Uranvereins“.  Neuere Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass die Gruppe um Kurt Diebner möglicherweise kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs in Ohrdruf/Stadtfilm thermo-nukleare Explosionen herbeiführte.

Kurt Diebner hatte 1956 eine Liste der „deutschen Geheimarbeiten zur Kernenergieverwertung während des zweiten Weltkrieges 1939 – 1945“ in der Zeitschrift „Atomkerntechnik“ veröffentlicht. Allerdings nicht unter seinem eigenen Namen, sondern unter dem Pseudonym Walter Tautorus. Erich Bagge, der mit Diebner im Heereswaffenamt arbeitete und mit ihm z.B. bereits im September 1939 einen vorbereitenden „Arbeitsplan zur Aufnahme von Versuchen für die Nutzbarmachung der Kernspaltung“ verfasste, berichtete laut dem Atomphysiker Döpel später, dass Diebner unter diesem Pseudonym schrieb, weil „er fürchtete, wegen dieser Liste (noch 1956!) ins Zuchthaus zu kommen“ (Kommentar überflüssig!).” (Quelle: Arnold, Heinrich: Zu einem autobiographischen Brief von Robert Döpel an Fritz Straßmann (PDF), ausführlich auch hier:

Unter dem Stichwort „Mangelwirtschaft“ findet sich beim Deutschen Museum auch dieses Dokument: Besprechungsprotokoll zwischen Vertretern der I.G. Farben und Diebner, Harteck und Suess, 04.01.1944 (2 Dokumente). Darin besprechen die Beteiligten die Probleme zur Beschaffung von „schwerem Wasser“, das als Moderator für die Atomversuche unbedingt erforderlich war. Mit den Lieferungen aus der einzigen bestehenden Anlage im besetzten Norwegen gab es aufgrund von Sabotageaktionen durch Partisanen und durch Luftangriffe der Alliierten erhebliche Probleme.

Weitere Dokumente finden sich beim Deutschen Museum über die Forschungszentren in Wien, Heidelberg, Straßburg, sowie in Leipzig und Berlin.

Zu den insgesamt veröffentlichten Dokumenten informiert das Deutsche Museum auf der Startseite des Archivs über den Kontext, wie die Dokumente in den Besitz des Museums gekommen sind und stellt außerdem fest: „Die hier wiedergegebenen 470 Dokumente sind nur ein kleiner Teil des gesamten Bestandes der geheimen Forschungsberichte, die an das Deutsche Museum übergeben wurden. Die hier vorgestellten Dokumente wurden für die Sonderausstellung vom 7. Mai 2001 bis 12. August 2001 ausgewählt.“

Vorweg steht zu lesen: „Am 29. November 1944 verhafteten Mitglieder der sogenannten „ALSOS-Mission“ in Strassburg erstmals deutsche Wissenschaftler, die im „Uranverein“ an einem geheimen Atomprogramm arbeiteten. Die amerikanische Gruppe mit dem Tarnnamen „ALSOS“ hatte die Aufgabe, den Stand der deutschen Kernforschung herauszufinden, die wichtigsten Forscher gefangen zu nehmen und entscheidende Dokumente und Apparaturen zu beschlagnahmen. Das militärische Kommando führte Oberst Boris Pash, als wissenschaftlicher Leiter fungierte der holländische Physiker Samuel Goudsmit.

Bis Ende Juli 1945 waren die Vorgaben im wesentlichen erfüllt. Obwohl deutsche Wissenschaftler umfangreiche Unterlagen vernichtet hatten, fielen der „ALSOS-Mission“ zentrale Berichte und Korrespondenzen in die Hände. Sie gaben Aufschluss über die deutschen Atomforschungen seit 1938. Die Dokumente waren meist als „geheim“ und „streng geheim“ eingestuft und hatten nur einen sehr kleinen Verteilerkreis.

Die erbeuteten Forschungsberichte wurden in die USA gebracht und ausgewertet. Erst 1970 erfolgte die Rückführung nach Deutschland. Seit 1998 sind die Geheimberichte zum deutschen Atomprogramm im Archiv des Deutschen Museums verwahrt…“

Spurensuche Atomenergie im Faschismus: Kurt Diebner, tote KZ-Häftlinge und die Angst vor dem Zuchthaus

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Kurt Diebner, einer der führenden Köpfe der Atom-Forschung in Nazi-Deutschland. Noch 1956 hatte er offenbar Angst vor dem „Zuchthaus“.

„Bei dem Versuch mit W. Tautorus in Verbindung zu treten, zeigte sich, daß Tautorus gar nicht auffindbar war, und daß es sich um einen ehemaligen kaufmännischen Angestellten handelte, der (nach E.B.) jene Arbeiten nie gesehen hatte. Tautorus wurde (nach E.B.) von Diebner nur als Pseudonym benutzt, da „er fürchtete, wegen dieser Liste (noch 1956!) ins Zuchthaus zu kommen“ (Kommentar überflüssig!).“ (Quelle: Arnold, Heinrich: Zu einem autobiographischen Brief von Robert Döpel an Fritz Straßmann (PDF), 2012, Technische Universität Ilmenau, S 14).

 

Kurt Diebner und die NS-Kernwaffe

Mitte der 2000er Jahre löste das von Rainer Karlsch verfasste Buch über „Hitlers Bombe“ eine umfassende Diskussion über die Atomforschung in Nazi-Deutschland zwischen 1938 und 1945 aus. Karlsch veröffentlichte nach umfangreichen Studien neue Dokumente und präsentierte Augenzeugenberichte. Waren bislang vor allem die Forschungen und (irreführenden) Darstellungen von Heisenberg, Weizsäcker (Die Zeit: Warum Hitler die Bombe nicht baute) etc. im Mittelpunkt, lenkte Karlsch die Aufmerksamkeit stärker auf die Tätigkeiten von Kurt Diebner.

Diebner war zunächst im Waffenheeresamt „Chefkoordinator“ des Uranvereins, forschte aber auch selbst an konkreten Zielsetzungen zur Atomenergie. Mit dem Begriff „Bombe“ meinte Karlsch nicht eine Atombombe, wie sie die USA 1945 über Hiroshima und Nagasaki zündeten. Zum Bau einer derartigen Atomwaffe waren die deutschen Forscher aufgrund der Kriegsumstände und mangelnder Ressourcen nicht in der Lage. Was Karlsch als Hitlers Bombe bezeichnet, ist eher im Bereich einer taktischen Atomwaffe anzusiedeln. Der Historiker Mark Walker („Die Uranmaschine“) stellte fest: „Es gab keine Atombombe, es war eine Kernwaffe“ (siehe Strahlentelex, 2005, PDF). Genauer müsste man vermutlich von Mini-Nukes sprechen. Siehe dazu hier Otfried Nassauer und hier Spiegel Online.

Im März 1945 sollen im Rahmen dieser Forschungen von Diebner im thüringischen Ohrdruf/Stadtfilm bis zu 700 Menschen ums Leben gekommen sein. In einem Briefwechsel mit dem Kernchemiker Fritz Straßmann berichtet der Atomphysiker Robert Döpel – beide ebenfalls aktiv in der NS-Atomforschung – davon, dass laut Erich Bagge Kurt Diebner das Pseudonym Walter Tautorus nutze, weil dieser noch 1956 das Zuchthaus fürchtete. (Erich Bagge gründete gemeinsam mit Kurt Diebner am 18. April 1956 die  Atomforschungsanlage „Gesellschaft für Kernenergieverwertung in Schiffbau und Schiffahrt GmbH“ (GKSS) östlich von Hamburg.)

In dem Beitrag „Spurensuche Hitlers Bombe“ auf diesem Blog war zu den Atom-Experimenten von Diebner zu lesen: „Sie brachten in Ohrdruf eine unterkritische Masse in einer Bombe nach dem Hohlladungsprinzip zur Explosion. Dabei wurde wohl eine Urankugel durch das synchrone Zünden vieler Sprengsätze zur Kritikalität verdichtet. Ströme an Neutronen schossen auf den Spaltstoff. Hier bleibt offen, wie genau die superkritische Anordnung erzielt wurde. Karlsch vergleicht es mit einer taktischen Kernwaffe. Ein nuklearer Ablauf, der neben Hitze und Druck radioaktive Strahlung freisetzt und Konventionelles übertrifft. Dieser Strahleneffekt gleiche dem der Neutronenwaffe. (zitiert nach: Wolfgang G. Schwanitz vom Deutschen Orient-Institut Hamburg in einer Rezension über das Buch von Karlsch.)

Zwei solcher Explosionen sollen am 3. oder 4. und am 12. März 1945 im thüringischen Ohrdruf stattgefunden haben. Zuvor habe es einen ersten Test auf der Halbinsel Bug auf Rügen am 12. Oktober 1944 gegeben. 500 – 700 Tote soll es bei dem Versuch Anfang März gegeben haben, fast alles KZ-Häftlinge.

Unter dem Stichwort/Ortsnamen „Stadtfilm“ heißt es auf Wikipedia: „Bereits im August 1943 richtete die Forschungsgruppe um Kurt Diebner ein Kernforschungslabor in den Kellergewölben der damaligen Mittelschule ein. Dort wurden Experimente zur Urankernspaltung und Brennversuche mit Uran und Deuteriumoxide durchgeführt. Dieses Labor bestand bis Anfang April 1945, als Diebner angesichts der nahenden Alliierten mit seinen Forschungsergebnissen Richtung Bayern flüchtete.“ (Stadtfilm liegt rund 26 km Luftlinie von Ohrdruf entfernt.)

Schwanitz nennt diese Explosions-Versuche einen „technologischen Nebenpfad“ und nennt die Verantwortlichen: „Ihn beschritt unter dem Reichsführer der SS Himmler und Rüstungsminister Speer eine Physiker-Gruppe um Kurt Diebner, Walther Gerlach und SS-General Hans Kammler. Während letzterer die Absicherung stellte, war Diebner seit 1939 ehrgeiziger Leiter des Referats Atomphysik im Heereswaffenamt und Organisator der deutschen Nuklearforschung. In der bisherigen Forschung galt er nur als Randfigur wie auch Gerlach, den Hermann Göring Ende 1943 mit der entsprechenden Forschung beauftragt hatte. Sie brachten in Ohrdruf eine unterkritische Masse in einer Bombe nach dem Hohlladungsprinzip zur Explosion.“

! Definitive Belege, dass es diese Explosionen gegeben hat, sind bis heute nicht erbracht. Karlsch führt dazu Augenzeugenberichte an. Versuche, mit technischen Mitteln über das Ausmessen von Bodenproben einen Nachweis über die Explosionen zu erhalten, sind bislang ohne wirkliches Ergebnis geblieben (siehe dazu ausführlich: „Spurensuche Hitlers Bombe“).

Bereits Anfang der 1990er Jahre wird Kurt Diebner in der Forschung zusehends als Kontrahent des Nobelpreisträgers Heisenberg dargestellt. 1991 macht z.B. Wolfgang Menge den Fernsehfilm „Ende der Unschuld“ und untersucht die Rolle deutscher Wissenschaftler bei der Erfindung der Atombombe. Die Zeit berichtet darüber unter der Überschrift: „Denn sie wußten, was sie tun„.

Dort heißt es: „Kurt Diebner dagegen, Kernphysiker und Regierungsrat im Heereswaffenamt, der bis Mitte 1942 offiziell leitete, was die Wehrmacht als „Atomkackerei“ verspottete, gesteht ohne Wenn und Aber, daß die Bombe gebaut werden sollte und daß alle im Verein – mit einer Ausnahme – Parteigenossen waren. Schon bald nach dem 1. September 1939, dem Überfall auf Polen, hatte er erklärt: „Ich habe vor, eine Uranbombe zu bauen, so schnell es geht.“ Und er wußte auch, die Kettenreaktion „wird die Welt verändern“. Der Zeit-Autor Michael Schwellen erwähnt, dass Menge mit „äußerster Akribie recherchiert“ habe.

Besonders wichtig ist der Hinweis: „Die Dialoge beruhen oft auf wörtlichen Zitaten aus Tagebüchern und Interviews. Professor Erich Dagge, ein von Diebner rekrutierter Assistent Heisenbergs und auch in Farmhall interniert, stand als wissenschaftlichen Berater dem Filmteam zur Verfügung.“

Dabei unterläuft der Zeit ein nicht unwichtiger Tippfehler: Nicht Dagge, sondern Bagge muss es heißen (zu Erich Bagge und Kurt Diebner siehe weiter unten).

Die bisherigen Ausführungen sollen darlegen, dass unter der Regie von Kurt Diebner trotz vieler Widrigkeiten intensiv und zielstrebig an der Entwicklung einer Kern-Waffe für Nazi-Deutschland gearbeitet wurde. Bei den Experimenten zur Entwicklung einer solchen thermo-nuklearen Bombe kamen nach heute vorliegenden Untersuchungen möglicherweise bis zu 700 Menschen ums Leben.

Zahlreichen Forschungsberichten ist zu entnehmen, dass Diebner ein gewisses „persönliches“ Problem hatte. Immer hatte der „Praktiker“ im Schatten des großen Heisenbergs gestanden, obwohl seine Forschungen in Nazi-Deutschland durchaus mit denen von Heisenberg mithalten konnten. Z.B. erzielten seine Experimente mit einer Würfelanordnung von Uran erheblich bessere Ergebnisse auf dem Weg zu einer sich selbst erhaltenden Kettenreaktion für einen Reaktor, als die Versuche von Heisenberg. Aber Diebners Engagement für eine „Nazi-Kernwaffe“ war spätestens nach 1945 nicht sonderlich opportun und es war besser, darüber nicht allzu laut zu sprechen. Darauf verweist Karlsch in Hitlers Bombe (S. 286 ff).

Tautorus und Bagges Hinweis auf Diebners Angst vor dem Zuchthaus

Aber Diebner wollte seine „Verdienste“ offenbar nicht völlig übersehen wissen. 1956 veröffentlichte er unter dem eingangs zitierten Pseudonym  „Werner Tautorus“ eine Liste der Geheimarbeiten des Uranvereins. In seinem Buch Hitlers Bombe schreibt Karlsch: „Gewissermaßen flankierend zur Bildung der GKSS, betätigte sich Diebner als Herausgeber der Zeitschriften »Atomkernenergie« und »Kerntechnik«. Außerdem publizierte er unter Verwendung des Namens seines Durag-Geschäftspartners, Werner Tautorus, eine Liste der Geheimarbeiten des Uranvereins sowie weitere Arbeiten zur Geschichte der Kernspaltung.(98)“ (Seite 285,  „Werner Tautorus (alias Kurt Diebner), Die deutschen Geheimarbeiten zur Kernenergieverwertung während des Zweiten Weltkrieges 1939-1945, in: Atomenergie, 1956.) (Gemeinsam mit Erich Bagge gehört Diebner zu den Herausgebern und Gründern dieser Zeitschrift. Die Durag ist eine Firma, die Diebner gründete.)

Diese Veröffentlichung von Werner Tautorus spielt bei dem Zitat am Anfang dieses Artikels eine wichtige Rolle. Das Zitat stammt aus einem Brief des Kernphysikers Döpel an den Kernchemiker Straßmann, „als jemanden, „der an der Herausarbeitung der Grundlagen des ganzen Unternehmens ausschlaggebend beteiligt“ war.“ (Arnold Heinrich: Zu einem autobiographischen Brief von Robert Döpel an Fritz Stratmann, PDF auf diesem Server, das Original steht hier als PDF online,  2012, S.1). Döpel hatte eng mit Heisenberg zusammen gearbeitet. Straßmann wiederum hatte mit Otto Hahn und Lise Meitner die Kernspaltung entdeckt (wofür Otto Hahn den Nobelpreis bekam).

Der Schriftverkehr fand zwischen 1979/80 statt.  Kurt Diebner war bereits im Juli 1964 gestorben. In der Zeitung „Atomkernenergie“ Bd. 29 hatte Erich Bagge 1977 einen Artikel  unter dem Titel „Kernenergie in Deutschland – eine historische Richtigstellung“ veröffentlicht, in dem er die Verdienste Kurt Diebners offenbar posthum herausstellen wollte (Der Artikel liegt mir leider noch nicht vor). Bagge berichtet dort offenbar über die von Diebner vorgenommenen Experimente, die Bagge zufolge erfolgreicher verlaufen wären, als die Forschungen von Heisenberg und Döpel. Döpel jedenfalls schreibt in dem Brief: „Herr Bagge behauptet dort, sein Freund Dr . K. Diebner habe im Jahre 1943 „als Erster die Realisierbarkeit einer [Uran] – Kettenreaktion überzeugend bewiesen.“ Döpel ist offenbar über diese Aussage von Bagge empört, vor allem, weil Bagge ein Experiment von Heisenberg und Döpel aus dem Mai 1942 nicht anführte. Ein Experiment, das laut Döpel erfolgreich gewesen sei und dessen Neutronen-Überschuss „über allem Zweifel lag, und die von allen Mitgliedern des „U-Vereins“ anerkannt wurde“.

Döpel nimmt offenbar Kontakt zu Erich Bagge auf und schreibt in dem Brief an Straßmann weiter: „Auf Anfrage behauptete Herr Bagge, diese Arbeit ebenso wenig zu kennen, wie Herr Diebner und verwies auf eine Liste der Deutschen Uran-Arbeiten während des Krieges von W. Tautorus. Dort fehlte unsere entscheidende Arbeit „LIV“ tatsächlich.“

Wie oben bereits beschrieben, versucht Döpel mit diesem Tautorus erfolglos Kontakt aufzunehmen. Erst dann – so steht zu vermuten – erklärt Bagge, dass es sich bei dem Namen um ein Pseudonym von Kurt Diebner handelt. Wichtig ist die Erklärung von Bagge, warum sich Diebner dazu noch 1956 veranlasst sah. Döpel schreibt, dass Diebner laut Bagge dieses Pseudonym benutzt hätte, „da „er fürchtete, wegen dieser Liste (noch 1956!) ins Zuchthaus zu kommen“ (Kommentar überflüssig!). Wenn „LIV“ in jenem Bericht nicht angeführt wäre, dann habe Diebner und auch er (E.B.) nichts davon gewußt.“ (Seite 14 in dem Bericht von Heinrich Arnold).

In der Folge stellt sich heraus, dass Bagge offenbar nicht so ganz die Wahrheit erzählt hat. Insgesamt zwei Jahre dauert die Korrespondenz mit Bagge offenbar. Am Schluss stellte sich für Döpel heraus, „daß E. Bagge und K. Diebner in ihrer im Mai 1957 plublizierten Broschüre „Von der Uranspaltung bis Calder Hall“ die Leipziger Arbeit von K. und R. Döpel und W. Heisenberg selbst (im positiven Sinne!) an vier Stellen zitiert haben ( S. 27; S. 40; S. 41 oben; S. 42 oben). Auf S. 41 schrieben die Herren Bagge und Diebner 1956/57: „Der in den Wintermonaten 1941/42 (in Wirklichkeit März-Mai 1942) durchgeführte Leipziger Versuch von Döpel ergab zum ersten Mal eine über die Meßfehlergrenze hinausgehende positive on1-Produktion“; aber etwa in der gleichen Zeit ließen sie die „Tautorus“-Liste erscheinen, in der sie LIV nicht mehr kannten!!“

Döpel war über diese Dinge hell empört und spricht abschließend davon, dass er einen „solchen Skandal“ in der „Deutschen Physik“ seit der „Rupp“-Affäre 1930-1935 bis heute nicht erlebt“ habe.  (Interessant dürfte sein, ob Döpel mit Erich Bagge schriftlich über diese Vorgänge im Kontakt standen und ob es diese Briefe noch gibt.)

Ich zitiere diese Passage aus dem Briefwechsel von Döpel mit Straßmann in dieser Ausführlichkeit, weil zumindest in dieser Darstellung der Eindruck entsteht, dass Erich Bagge sich gegenüber Diebner einerseits freundschaftlich verbunden, ja selbst nach dessen Tod noch „verpflichtet“ fühlte. Das wiederum ist von Bedeutung, wenn Bagge andererseits gegenüber Döpel auf die Ängste von Diebner verweist, der offenbar noch 1956 fürchtete, dass seine Forschungen im Faschismus zu „Zuchthaus“ hätten führen können. Bagge und Diebner müssen also durchaus enger befreundet gewesen sein, wenn Bagge über diese Dinge wusste. Unklar ist, ob Bagge über die Experimente in Ohrdruf informiert war.

Bagge spricht dabei davon, dass die „Liste“ der geheimen Uranarbeiten der Grund für diese Angst gewesen wäre. Zu vermuten ist, dass es nicht so sehr diese Liste selbst war, die Diebner Sorgen machte – wenn denn der Hinweis von Bagge zutreffend ist. Bereits in dem 2005 veröffentlichten Buch Hitlers Bombe schreibt auch Rainer Karlsch – wie dargelegt – zu dem von Diebner verwendeten Pseudonym Werner Tautorus. Karlsch kannte zu diesem Zeitpunkt die von Arnold 2012 veröffentlichten Briefe von Döpel an Straßmann vermutlich noch nicht.

Aber Karlsch schreibt mit Blick auf eine stattliche Anzahl von Patentanmeldungen, die von Diebner, Bagge, Winterberg(*) und anderen gehäuft ab 1955 angemeldet werden. Einige dieser Patentschriften stehen aus Sicht von Karlsch in Zusammenhang mit den Experimenten in Ohrdruf. (* Winterberg ist offenbar ein Mitarbeiter von Diebner bei der von ihm nach 1945 gegründeten Firma Durag.)

Riskante Patentanmeldungen und Gründe zum Schweigen

„Besonders interessant sind zwei zurückgezogene Patentanmeldungen von Diebner und Winterberg zu »Verfahren zur Zündung thermonuklearer Reaktionen mittels konvergenter Detonationsverdichtungsstöße« und zu einem »Verfahren zur elektromagnetischen Zündung thermonuklearer Kernbrennstoffe«. (102) Im Anspruch der ersten Patentschrift heißt es, das Verfahren eigne sich zur »Zündung von thermonuklearen Kernbrennstoffen«, die geeignet seien für Sprengungen und für »ballistische Ladungen, insbesondere kleine Wasserstoffbomben, sowie für industrielle Zwecke.« (103)  Offensichtlich waren Diebner und Winterberg mit diesen Patentanmeldungen zu weit vorgeprescht. Dies muss ihnen bald klar geworden sein, und so zogen sie die Patentschriften zurück. 1961 folgten weitere Patentanmeldungen auf dem Gebiet der  Kernfusion, nun aber mit eindeutig zivilem Nutzen. (104)“ (Karlsch, S. 286)

Karlsch stellt fest, dass von diesen „Hintergründen der Kernwaffentests“ in Deutschland und den „Geheimnissen der Konstruktion der Bombe“ nur ein kleiner Personenkreis Kenntnis hatte. Gute Voraussetzungen also auch für die späteren Patentanmeldungen.

Zu diesem Kreis zählt Karlsch „Gerlach, Haxel und Diebner sowie einige ihrer Mitarbeiter. Keiner von ihnen erwähnte später gegenüber Dritten die Tests in Thüringen.“

Weiter heißt es: „Für ihr Schweigen hatten die Wissenschaftler triftige Gründe. Beim Test am 3. März 1945 waren einige hundert Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge ums Leben gekommen. Wer dafür die Verantwortung trug, wissen wir nicht. Kammler ließ jedenfalls die Spuren beseitigen und die Toten verbrennen.

Gerlach und Diebner hatten offensichtlich Angst, dass man sie als Kriegsverbrecher anklagt. Ohrdruf – auch dieser Ortsname symbolisierte die Verbrechen des NS-Regimes.“ (S. 286, zu dem erwähnten Kammler: Hans Kammler war SS-General und für die Experimente in Ohrdruf zuständig, siehe dazu auch die Seiten des Bergbauvereins Ronneburg.)

Die Ausführungen von Karlsch sind an dieser Stelle sicherlich eher spekulativ, Belege für eine „offensichtliche Angst“ führt er selbst in diesem Zusammenhang nicht an. Allerdings könnte man die Hinweise von Bagge, von denen Döpel in dem Schriftverkehr mit Straßmann berichtet und die von Arnold 2012 veröffentlich wurden, als konkreten Hinweis verstehen, dass Karlsch richtig liegt. Die Sorge von Kurt Diebner, dass ihm mit den bis zu 700 getöteten Menschen in Folge seiner Kernwaffen-Experimente in Ohrdruf als Verantwortlicher „Zuchthaus“ drohen könnte, ist zumindest nachvollziehbar.

Kurt Diebner und Erich Bagge, Nazi-Atom-Forscher.

Erich Bagge und Kurt Diebner hatten bereits frühzeitig Kontakt. In dem Artikel „Eine Waffenschmiede? Kernwaffen- und Reaktorforschung am Kaiser Wilhelm Instititut (KWI) für Physik“ (PDF) schreibt Mark Walker (im Jahr 2005): 1939 war das KWI vom Heereswaffenamt (HWA) übernommen worden. Damit verbunden war die Absicht, das KWI „in den Dienst der Rüstungsforschung zu stellen“. Und: „Kurt Diebner, ein Physiker aus der Forschungsabteilung des HWA, wurde zum geschäftsführenden Direktor des KWI für Physik ernannt.“ (Walker, Eine Waffenschmiede?, S. 9)

Diebner wendet sich an „einen jungen Kernphysiker seiner Bekanntschaft“, um Unterstützung bei der Einstellung weiterer wissenschaftlicher Mitarbeiter für das KWI für Physik zu bekommen. Dieser junge Kernphysiker ist Erich Bagge (S. 10). Bagge empfiehlt Diebner Werner Heisenberg als führenden theoretischen Physiker in Deutschland, bei dem Bagge seine Doktorarbeit geschrieben hat. Ein Vorschlag, den Diebner aufgreift. Walker hält fest: …“aber zunächst war Diebner in erster Linie damit beschäftigt, die Kernspaltung für militärische Zwecke zu erschließen und dankbar, daß sich ein Physiker von Heisenbergs Format und Ansehen seinem Projekt angeschlossen hatte. (9)“ (S. 10)

Bagge befasst sich derweil nach Walker am KWI für Physik mit „einer neuen Trennungsmethode von Uran, der „Isotopenschleuse“ und verweist dabei auf eine Veröffentlichung aus 1942: „Erich Bagge, „Über die Möglichkeit einer Anreicherung der leichten Uranisotope mit der Isotopenschleuse“, 16. März 1942, ADM, G-124.“ (S. 13)

Wie auch viele andere Forscher ist sich Diebner frühzeitig (39/40)  der Möglichkeiten zur Nutzung der Atomenergie als Sprengstoff bzw. Waffe bewusst. Bereits im März 1939 hatte der französische Physiker Frédéric Joliot-Curie auf diese Möglichkeit hingewiesen. Spätestens im April 1939 ist das auch zahlreichen deutschen Wissenschaftlern bekannt. Die Gründung des „Uranvereins“ läuft an. Ausgehend vom Reichserziehungsministerium (!) wird die Physikalisch Technische Reichsanstalt einbezogen, die eine Expertenkonferenz organisiert. Auch das Oberkommando des Heeres wird aktiv, nachdem es von Paul Harteck (Hamburg) und seinem Assistenten Wilhelm Groth in einem Brief vom 24. April 1939 über die Möglichkeiten der Kernspaltung für die Entwicklung von Sprengstoffen informiert worden war, deren Wirkung die von konventionellen Sprengstoffen um ein Vielfaches übertreffen wird.

Bei Wikipedia ist unter dem Stichwort „Uranprojekt“ (18.05.2014) weiter zu lesen: „Dieser Brief landete letztendlich bei Kurt Diebner, dem Fachmann des Heeres für Sprengstoffe und Kernphysik. Dieser forderte umgehend Mittel beim Heer an, um in Kummersdorf südlich Berlins ein Versuchslabor einrichten zu können. Diebner wurde daraufhin zum Leiter einer neu eingerichteten Kernforschungsabteilung im Heereswaffenamt ernannt. Gleichzeitig befahl die Heeresleitung der Physikalisch-Technischen Reichsanstalt, ihre Uranforschungsversuche unverzüglich einzustellen. Fortan galten alle Äußerungen zu Uranreaktoren und Uranwaffen als geheim.[3]

Auch hier ist von der gemeinsamen Arbeit zwischen Diebner und Erich Bagge zu lesen: „Im September 1939, also gleich nach Kriegsbeginn, wurden Deutschlands führende Kernphysiker nach Berlin in das Kaiser-Wilhelm-Institut für Physik zitiert. Diebner entwarf zusammen mit dem Kernphysiker Erich Bagge am 20. September 1939 ein Programm mit Titel „Vorbereitender Arbeitsplan zur Aufnahme von Versuchen für die Nutzbarmachung der Kernspaltung“, das die Forschungsarbeiten koordinieren sollte.“ (Quelle siehe oben: Uranprojekt bei Wikipedia, Anmerkung zu dem Beitrag bei Wikipedia: Auffällig an dem Text ist, dass die von Karlsch und anderen vorgelegten Forschungsergebnisse sehr pauschal abgetan werden: „Es gibt keine Beweise dafür, dass gegen Kriegsende kleinere Kernwaffentests unternommen wurden, wie gelegentlich behauptet.“)

  • 1957 veröffentlichte der Rowohlt-Verlag ein Buch von Bagge, Diebner, Jay mit dem Titel „Von der Uranspaltung bis Calder Hall“. Auf dieses Buch wurde in den Briefen von Döpel an Straßmann weiter oben hingewiesen. Dort wird „Über die Verfasser“ Erich Bagge und Kurt Diebner berichtet, nachzulesen in diesem Auszug aus dem Buch als PDF.) In dem Buch schreiben Bagge und Diebner „Zur Entwicklung der Kernenergieverwertung in Deutschland“, darunter das Kapitel „Fortschritt und Hemmung im Zeichen des Krieges“. In diesem Aufsatz gibt es auch ein Kapitel 4. „Aus dem Internierungs-Tagebuch“. Darin wird aus dem Tagebuch von Erich Bagge berichtet. In dem Buch wird der Zeitraum von April 1945 bis März 1946 berichtet. Bagge ebenso wie Diebner waren mit acht weiteren am deutschen Atomprogramm beteiligten Wissenschaftlern von den Briten für rund ein Jahr in Farm Hall interniert worden.
  • In Farm Hall wurden die Wissenschaftler abgehört, einen Auszug der Abhörprotokolle über die Tage des 6./7. August 1945, dem Tag an dem die erste Atombombe der USA über Hiroshima, Japan, explodierte, ist hier unter dem Titel: Heimlich aufgezeichnete Unterhaltungen deutscher Kernphysiker auf Farm Hall (6./7. August 1945) als PDF nachzulesen.
  • 1958 führte Carlheinz Hollmann vom NDR ein Interview mit Erich Bagge, das hier online als AUDIO bereit steht.

Walker schreibt: „Im Februar 1942 erstellte Diebner mit Wissenschaftlerkollegen einen umfangreichen Übersichtsbericht über das Uranprojekt unter dem Titel „Energiegewinnung aus Uran“. (39) Das Bemerkenswerte an diesem Bericht ist seine detaillierte, doch gleichzeitig zurückhaltende Erörterung nuklearer Sprengstoffe.“ (S. 22)

Weiter zitiert er aus diesem Bericht von Diebner und anderen: „Wenn sie – wie man nach den Laboratoriumsversuchen erwarten muß – erfolgreich ist, sind der Weiterentwicklung drei Aufgaben gestellt:

1. Die Ausgestaltung der Maschine zu einem technisch brauchbaren Apparat.
2. Die technische, zumal wehrtechnische Verwendung der Maschine
[Schiffsantrieb; U-Bootsmaschine; Flugzeuge und Landfahrzeuge; feststehende
Energiequelle; Quelle durchdringender Strahlung und radioaktiver Substanzen
für die physikalischen und medizinisch-biologischen Gebiete].
3. Die Herstellung eines Uransprengstoffs. […] (40)“

Wenngleich das hier angeführte noch keine Realität war, sondern nur eine Auflistung der Möglichkeiten; bereits 1942 sind den deutschen Forschern die Anwendungsmöglichkeiten also völlig bewusst: Schiffsantriebe, Atomreaktoren als U-Boot-Antrieb, als Atomkraftwerk und die Atombombe.

Walker berichtet über die Waffen-Experimente von Kurt Diebner und Walther Gerlach:

„Mit Gerlachs Unterstützung setzte Diebners Team seine Arbeiten fort. In einem letzten Reaktorversuch, G-IV, wurde eine kugelsymmetrische Anordnung von Uranwürfeln verwendet. (73) Möglicherweise war dieser Versuch kurzfristig sogar erfolgreich, endete aber offenbar mit einem Unfall. Neuesten Erkenntnissen zufolge waren einige von Diebners Wissenschaftlern in den letzten verzweifelten Kriegsmonaten einen entscheidenden Schritt vorangekommen und es war ihnen gelungen, eine Kernwaffe zu bauen und zu testen. (74)

Diese Waffe war nicht mit den Atombomben zu vergleichen, die im folgenden August über Japan abgeworfen werden sollten. Vielmehr wurde hierbei versucht Sprengstoff in Form von Hohlladungen einzusetzen, um Kernspaltung in kleinen Proben entscheidend angereicherten Urans hervorzurufen und Kernfusion in einer kleinen Menge Lithiumdeuterid. Es ist nicht eindeutig erwiesen, ob diese Apparatur dergestalt funktionierte, daß sie es schaffte, Kernreaktionen zu produzieren. Zweifellos jedoch entwickelte und testete eine Gruppe deutscher Wissenschaftler nach eigenem Dafürhalten eine Kernwaffe. Diebner und Gerlach hielten diese Waffe und den damit verbundenen Test streng geheim. Keiner der anderen am Uranprojekt beteiligten Wissenschaftler, noch nicht einmal Heisenberg und Weizsäcker, erfuhren etwas davon.“ (S.  33, vergleiche die Fußnoten in der verlinkten PDF).

Nach dem Krieg – Patente und die Gründung der GKSS

Weiter schreibt Karlsch über Diebner und auch sein Verhältnis zu Erich Bagge: „Diebner war ein vielseitiger Mensch. Am erstaunlichsten war seine emsige Tätigkeit als Patentanmelder. Zumeist war er der Ideengeber, während Bagge die Möglichkeiten seines Universitätslabors zur Prüfung der Erfindungen nutzte. An einzelnen Erfindungen wirkte auch sein junger Mitarbeiter Friedwardt Winterberg mit. (99) Als Patentanmelder fungierten neben den Genannten auch Mitglieder der Familie Diebner, Mitarbeiter der Durag und andere Personen. Die Erlöse aus den Patenten wurden zu 90 Prozent zwischen Bagge und Diebner geteilt. Auch Ingenieur Schlottau, der in Diebners Team gearbeitet hatte, wurde mit zehn Prozent an den Erlösen beteiligt. Die Patentanmeldungen konzentrierten sich auf drei Gebiete: technische Apparate, Kernreaktoren und Kernfusionsprozesse. (100)“

Insgesamt 18 Patentschriften von Diebner und Bagge sind ab Mai 1955, als das alliierte Forschungsverbot augehoben wurde, im Umfang mehrerer hundert Seiten verfasst worden, darunter laut Karlsch auch solche zu Kernfussionsprozessen. „Man fragt sich unwillkürlich, wie es möglich war, dass zwei Wissenschaftler unmittelbar nach dem Fall des Forschungsverbotes derart viele Patentschriften einreichen konnten. Sie müssen daran schon seit längerer Zeit gearbeitet haben.“ (S.285). Diebner habe demnach auf seine Erfahrungen in Gottow zurück gegriffen. Dabei sei auch ein „zweistufiger Kernreaktor“ 1955 als Patent dabei gewesen, „der dem Brüten von Plutonium diente“.

1956 gründen Diebner und Bagge gemeinsam die bereits erwähnte Atomforschungseinrichtung GKSS in Geesthacht, östlich von Hamburg. Hier sollen offiziell nukleare Antriebe für Handelsschiffe entwickelt werden.

Im Jahr 2006 feierte die GKSS ihr 50 jähriges bestehen. In dem Jubiläums-Bericht auf der Homepage der 2010 zum Helmholtz-Zentrum Geesthacht umbenannten Atomforschungsanlage zu diesem Jubiläum ist über die Gründungsväter nichts mehr zu lesen. Lediglich in dem Link zu einer PDF (Broschüre) wird im Kapitel über die Gründung das Original eines Protokolls abgebildet. Mit Datum vom 29. Juli 1955 wird dort über die Bestellung eines Vorstands der „Studiengesellschaft für Kernenergieverwertung in Schiffahrt und Industrie“ berichtet. Lediglich in diesem Protokoll sind „Professor Dr. Bagge und  Dr. Kurt Diebner“ angeführt. Über ihre Geschichte oder sonstige Umstände der Gründung der Atomforschungsanlage wird mit keiner Silbe eingegangen.

1989 war eine Broschüre erschienen: GKSS – … Dort wird sich intensiv seitens der Herausgeber mit der Geschichte der Atomforschungsanlage auseinandergesetzt. Unter anderem auch in einem Kapitel „Geesthacht – Das braune Atomzentrum“. Die Broschüre lohnt bis heute der Lektüre und steht hier als PDF zum download bereit. Insbesondere wird sie auch im Lichte neuerer Studien zur bundesdeutschen Atom-Politik in den 50er und folgenden Jahren erneut interessant. In einem Übersichtsartikel wird die Broschüre auch in diesem Text vorgestellt: Atomforschungsanlage GKSS – Forschung an der Atombombe?

Weitere Texte zum Thema auf dieser Seite:

Bundesrepublik und Atomwaffen: „Finger am Abzug“ – Spurensuche zur Geschichte der Urananreicherung

Deutsche Politik, Atomenergie und Atomwaffen. Immer mehr Untersuchungen erscheinen in den letzten Jahren mit Blick auf die „Frühen Jahre“ zu diesem Thema. Das meint einerseits die Zeit im Faschismus, in die die Entdeckung der Kernspaltung durch Otto Hahn und Fritz Straßmann sowie Lise Meitner fällt. In der Folge gab es während des Zweiten Weltkriegs diverse Aktivitäten, eine deutsche Atombombe zu entwickeln. Anderseits erscheinen immer mehr Veröffentlichungen, die die frühe Bundesrepublik und ihre Atompolitik unter die Lupe nehmen. Dass die deutsche Politik unter Adenauer nach einem Zugriff auf die Atombombe strebte, ist heute unumstritten.

Stefan Wenzel, grüner Umweltminister in Niedersachsen, stellte jüngst in einer Rede im Bundesrat anlässlich der Endlagersuche fest: Als „die Bundesrepublik Deutschland vor über 50 Jahren die ersten Forschungsreaktoren in den USA einkaufte, hatte man insbesondere auch die militärischen Optionen im Blick. Das geht aus Kabinettsprotokollen der Ära Adenauer, die mittlerweile veröffentlicht worden sind, eindeutig hervor.“

Militärisch brisant: Urananreicherung bei der URENCO in Gronau

Das frühe bundesdeutsche Streben nach einer eigenen Atombewaffnung, ist heute nicht mehr zu ignorieren. Militärische Interessen dürften nach Helmut Schmidt und unter der Regierung Kohl bei der geplanten Wiederaufarbeitungsanlage in Wackersdorf eine Rolle gespielt haben, ermöglichte diese Anlage doch in nationaler Regie einen eigenen Zugriff auf Plutonium. Doch Ende der 80er Jahre wurde der Plan einer nationalen Wiederaufarbeitung in Wackersdorf – nach heftigen politischen Konflikten – aufgegeben. Auch die Plutoniumfabriken in Hanau, die inzwischen allesamt stillgelegt sind, spielten dabei eine Rolle.

Technisch gesehen bleibt heute als direkter Weg für die Herstellung von Atomwaffen die Urananreicherungsanlage in Gronau. Diese Anlage ist unter militärischen Gesichtspunkten mit Blick auf die Fähigkeit zur Herstellung von Atomwaffen sicherlich die brisanteste Atomanlage in der Bundesrepublik. Allerdings unterliegt die Anlage dem völkerrechtsverbindlichen „Vertrag von Almelo“ (siehe unten), der lediglich eine Anreicherung von Uran für den Einsatz in Atomkraftwerken (ca. fünf Prozent Uran 235) erlaubt, höhere Anreicherungen aber ausdrücklich verbietet (Für eine Uranwaffe wäre eine Anreicherung auf über 80 Prozent Uran 235 erforderlich).

„Finger am Abzug: Von Adenauer bis Schmidt“

Im letzten Jahr nun erschien das Buch „Schwellenmacht. Bonns heimliche Atomdiplomatie von Adenauer bis Schmidt“ von Stephan Geier. Unter dem Titel: „Finger am Abzug“ fasst Reinhard Mutz auf DeutschlandRadio Kultur das Buch in einem Satz zusammen: „Die Deutschen spielten schon an der historischen Wiege des nuklearen Zeitalters eine Schlüsselrolle, so der Historiker.“ Das Buch basiert auf der Dissertation von Geier (PDF, über 800 Seiten, oder hier downloaden) an der Philosophischen Fakultät und Fachbereich Theologie der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (2011). Das Inhaltsverzeichnis der Buch-Ausgabe ist hier beim Verlag als PDF einzusehen. Stephan Geier laut DL-K „resümiert: „Iran, Israel, Indien und andere: Die schleichende Verbreitung atomarer Waffen hält die Welt in Atem. Doch die Spielregeln, die diese gefährliche Entwicklung eigentlich verhindern sollten, wurden nicht von Staaten wie dem Iran oder Nordkorea gemacht. Es war die Bundesrepublik, die dabei seit den 1950er-Jahren eine wichtige, durchaus zweifelhafte Rolle spielte.“

In Mai 2012 veröffentlichte die FAZ unter dem Titel „Schwellenmacht Deutschland“ (PDF, siehe auch hier) und hier) einen Artikel von Professor Dr. Gregor Schöllgen und Dr. Stephan Geier: „Die Atompolitik der Bundesregierungen von Adenauer bis Schmidt oder die Geschichte einer Beihilfe zur Erosion des internationalen Nichtverbreitungsregimes.“

Die beiden Autoren zeigen auf, dass die Bundesrepublik seit Adenauer massiv daran gearbeitet hat, einen Zugriff auf Atomwaffen zu bekommen. Daher haben sie von Anfang an den Nichtverbreitungs-Vertrag bekämpft. „Von Konrad Adenauer bis Helmut Schmidt verhielten sich die Bundesregierungen nicht nur wie die Repräsentanten einer ambitionierten Schwellenmacht. Sie trugen auch entscheidend zur Formulierung und Interpretation jenes Nichtverbreitungsregimes bei, das die Arbeit der Atomwaffen-Kontrolleure heute so schwierig macht. Dafür hatten die Deutschen vor allem einen Grund: Der Zugang zur friedlichen Nutzung der Kernenergie und die Verfügung über die Atomwaffe waren zwei Seiten einer Medaille – jedenfalls aus Sicht derer, die sie einstweilen nicht besaßen.“

Für die Herstellung von Atomwaffen gibt es technisch im Grundsatz zwei Wege: Die Anreicherung von Uran 235 oder der Weg über die Bestrahlung von Natururan in Schwerwasserreaktoren. Dabei entsteht Plutonium, das dann abgetrennt und zur Atombombe verarbeitet werden kann.(In den heute verbreiteten Leichtwasserreaktoren muss mit rund 3-5 Prozent angereichertes Uran eingesetzt werden, um eine Kettenreaktion zu starten, in deren Folge Plutonium erzeugt wird, das dann abgetrennt werden kann).

An beiden Methoden wurde unmittelbar nach der Entdeckung der Kernspaltung in Nazi-Deutschland, den USA, England, etc. noch im Zweiten Weltkrieg gearbeitet. Mit dem Einsatz der Uranbombe in Hiroshima und der Plutoniumbombe in Nagasaki demonstrierten die USA im August 1945, dass sie beide Wege beherrschten. Im verbreiteten Verständnis von Atombomben haben sich diese Varianten festgesetzt. Doch es gibt auch kleinere Varianten, die so genannten taktischen Atomwaffen.

„Im Oktober 1956 brachte Bundeskanzler Adenauer erstmals eine atomare Bewaffnung der Bundesrepublik ins Spiel. Die strategischen Planungen der Vereinigten Staaten sahen nämlich vor, dass ein Angriff des Warschauer Paktes wenn irgend möglich durch Landstreitkräfte, also nicht zuletzt durch die Bundeswehr, aufgehalten werden sollte, ehe strategische Atomwaffen eingesetzt werden sollten. Diesen Plan hielten bundesdeutsche Politiker und Militärs nur für realistisch, falls die Bundeswehr über taktische Atomwaffen verfügte.“

Direkt weiter heißt es: „In diesem Sinne schloss die Bundesregierung im April 1958 mit Frankreich und Italien ein Abkommen über die „gemeinsame Entwicklung und Produktion von Atomsprengkörpern“.“ Ein legaler Schritt, wie die Autoren vermerken, weil sich die Selbstbeschränkung der Bundesrepublik im Rahmen des Vertrages über die Westeuropäisiche Union (WEU) „lediglich auf die Herstellung von Atomwaffen auf eigenem Territorium bezog.“ Erst de Gaulle stoppte diese Pläne. Doch für die Bundesregierung war die „Forderung nach atomarer Teilhabe auch auf dem militärischen Sektor war damit nicht erledigt“.

In dem Geheimprotokoll zu dem Abkommen wurden Rüstungsprojekte bei der Raketen- und Nukleartechnik vereinbart, außerdem gab es die Absicht, im französischen Pierrelatte eine Urananreicherungsanlage zu bauen.

„Schon während des Zweiten Weltkrieges hatten deutsche Wissenschaftler an der Entwicklung der Gasultrazentrifuge zur Anreicherung von Uran gearbeitet. Nach dem Krieg konnten sie diese Arbeit unabhängig voneinander und ungehindert fortsetzen – einer in der britischen Besatzungszone, drei andere in sowjetischer Kriegsgefangenschaft. Als zwei von ihnen 1956 in die Bundesrepublik heimkehrten – der dritte ließ sich in der DDR nieder -, brachten sie ihre Pläne mit.“

In einem Aufsatz von Bernd A. Rusinek heißt es dazu: „Während Steenbeck in die DDR ging, wählten Zippe und Scheffel die Bundesrepublik.“ (S. 6)

Bei Schöllgen/Geier in der FAZ heißt es weiter: „Die Vorarbeiten aus den vierziger und fünfziger Jahren sollten sich als Grundlage jener Gaszentrifuge erweisen, die seit den siebziger Jahren in einer gemeinsam von Niederländern, Deutschen und Briten betriebenen Anreicherungsanlage im niederländischen Almelo erprobt wurde. Dass sie der Prototyp der heute in Uran und andernorts verwendeten Zentrifugen werden könnte, ahnte niemand.

Warum die Briten, die anders als die Amerikaner schon während des Krieges die zivile Nutzung der Kernenergie ins Auge fassten, die Deutschen gewähren ließen, sei dahingestellt. Sicher ist, dass die amerikanische Regierung, die über die deutschen Absichten von Anfang an im Bilde gewesen sein dürfte, im Jahr 1960 die Geheimstellung dieser Technologie durch die Bundesregierung erwirkte.“

… „Auch das Veto der Briten gegen die Ausfuhr der gemeinsam mit der Bundesrepublik und den Niederlanden weiterentwickelten Gaszentrifuge nach Brasilien wurde von deutscher Seite umgangen. Anstelle des geheimen Gaszentrifugen- wird das sogenannte Trenndüsenverfahren zur Anreicherung von Uran in das Paket aufgenommen. Auch dieses Verfahren war in der Bundesrepublik entwickelt worden und fand mehr als nur einen Abnehmer. So beruhte die Anreicherungsanlage, die Südafrika in den achtziger Jahre in Betrieb nahm, auf einer Variante dieses Verfahrens. Vom Kernforschungszentrum Karlsruhe aus war es auf verschlungenen Wegen ans Kap gelangt. Mit dem angereicherten Uran wurden mehrere Atombomben bestückt. Dass Südafrika 1991 seine sechs Kernwaffen zerstörte und dem Nichtverbreitungsvertrag beitrat, gehört zu den wenigen guten Nachrichten in der Geschichte des Nichtverbreitungsregimes.“ (Zum Brasilien-Geschäft siehe auch weiter unten.)

In der Besprechung von Radkau ist außerdem folgendes zur Urananreicherung zu lesen: „Knoll, von der Konrad-Adenauer-Stiftung unterstützt, hat ausgiebig Nachlässe von CDU-Politikern ausgewertet, aber auch Bestände der Degussa, deren Uranzentrifuge in der nuklearen Frühzeit von bundesdeutscher Seite das größte Aufsehen erregte, sowie Bestände des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR (die jedoch, wie es scheint, hier kaum große Geheimnisse enthalten).“

In einem „Bewerbungsvortrag“ von Bernd A. Rusinek über die „Urananreicherung in Nordrhein-Westfalen“ (PDF) ist über die Rolle der DEGUSSA folgendes zu lesen: „Erfahrungen im Umgang mit größeren Mengen hatte allein eine Tochter der DEGUSSA. DEGUSSA stellte bis Kriegsende etwa 12 t Uranmetallpulver her. Hier entstanden die Verbindungen zwischen Akteuren und Unternehmen, die nach dem Kriege weitergeführt wurden.“ (S. 4)

Weiter schreibt Rusinek: „Im „Totalen Krieg“ wanderte die Groth´sche Zentrifuge von Hamburg nach Freiburg, Butzbach und Celle. Die amerikanische Spezialeinheit „ALSOS“, zu der sowohl der Zentrifugen-Pionier Jesse Beams wie der niederländische Emigrant Samuel Goudsmit gehörten, erreichten das Labor in Celle im April 1945. Groth wurde nach England gebracht, dort befragt, und durfte seine Zentrifugen-Studien in Hamburg weiterführen.“

Der Hamburger Dozent Dr. Wilhelm Groth ist einer der für die Urananreicherung wichtigen Wissenschaftler. Bereits 1939 hat er das Reichskriegsministerium „auf die Möglichkeit eines neuen Supersprengstoff auf Kernspaltungsbasis“ hingewiesen. „Groth nahm die Arbeiten an einer Anreicherungszentrifuge noch 1939 auf“.

In einem anderen Beitrag von Rusinek (PDF) schreibt der Autor: „Mit der Zentrifugenanreicherung befassten sich Physiker und Chemiker an den Universitäten Hamburg und Kiel. Der Hamburger Chemiker Groth konnte im Frühjahr 1941 einen hinreichenden Zentrifugen-Prototyp vorführen, der in Kooperation mit einer Rüstungsfirma weiter entwickelt wurde. Anfang 1943 gelang es, 100 Gramm auf 7 Prozent angereichertes Uran herzustellen.“ Dem Bericht zufolge arbeitete Groht nach 1945 im Ausland an der Zentrifugen-Technik weiter. „Aufgrund eines „alliierten „permit“ durfte Groth seine Zentrifugenstudien praktisch ohne Unterbrechung fortführen.“ (S. 6)

  • Es gab in Nazi-Deutschland – wie Rusinek andeutet – auch andere Wissenschaftler, die an Verfahren zur Urananreicherung gearbeitet haben. Dazu zählten z.B. auch Erich Bagge und Wilhelm Walcher sowie Kurt Diebner. Diese werden von Rusinek allerdings nicht namentlich erwähnt. Bagge und Diebner gründeten später die Atomforschungsanlage GKSS in Geesthacht. Diebner war 1957 für rund ein Jahr unter Strauß im Verteidigungsministerium (in Bonn) als Regierungsdirektor tätig. Bedeutsam waren auch die Arbeiten von Manfred von Ardenne, auf den Rusinek auch eingeht. Siehe dazu ausführlich am Schluss des bereits erwähnten Artikels Spurensuche…

Die oben erwähnten Zippe und Scheffel kamen (1955/56) mit ihren Forschungsergebnissen in die Bundesrepublik zurück. „Was hatten sie entwickelt? Eine Anreicherungszentrifuge, die leistungsfähiger und von wesentlich geringerem Energieverbrauch war als die us-amerikanische Gasdiffusion. Die Ultra-zentrifuge „SSZ“ („Selbststabilisierende Zentrifuge“ oder „Scheffel-Steenbeck-Zippe“) passte praktisch in eine Aktentasche. Was das bedeutete – auch militärisch bedeutete – brauche ich nicht zu erläutern. Scheffel und Zippe wandten sich an die Firma DEGUSSA, und zwar wandten sie sich an deren Forschungsleiter Alfred Boettcher. DEGUSSA nahm die Zentrifugen-Entwicklung auf Basis des sowjetischen Modells auf und schaltete sich in das Uran-Anreicherungsgeschäft ein.“

Im weiteren liefert Rusinek auch Hinweise, warum die Urananreicherung mit deutscher Beteiligung zunächst im niederländischen Almelo entstand. (Dabei berichtet der Autor auch von einem gescheiterten Atomprojekt zwischen den Niederlanden und der Bundesrepublik, das noch vor dem 5. Mai 1955 realisiert werden sollte.) Es gab eine weitere deutsch-niederländische Zusammenarbeit: „Die zweite Kooperation gelang. Es ging dabei um die Anreicherung von Uran auf Basis der Zentrifugen, wie sie in der Sowjetunion von Scheffel, Steenbeck und Zippe entwickelt worden waren.“ (S. 8).

Die Ausführungen dazu sind unter dem angegebenen Link bei Rusinek weiter zu lesen. Wichtig aber ist der Hinweis, dass 1960 die DEGUSSA aus der Zentrifugen-Entwicklung aussteigen musste und das Land NRW diese übernahm: „Die DEGUSSA-Aktie tat einen Sprung nach oben, aber das Unternehmen musste die Zentrifugen-Entwicklung aufgeben. Sie wurde vom Land Nordrhein-Westfalen übernommen. Es entstand die „Gesellschaft für Kernverfahrenstechnik“, später „URANIT“, dann „URENCO“, aus deren Archiv ich Teile der Materialien für diesen Vortrag bekommen habe.“ (S. 8/9)

Zur URENCO: Urananreicherung URENCO: “Die Dinge, die wir tun, könnten auch für nicht-friedliche Zwecke genutzt werden, wie z.B. Atombomben”

Bereits in den 50er Jahren war NRW in Sachen Uranzentrifugen aktiv. Rusinek berichtet, dass Groth bereits 1950 an die Universität Bonn berufen wurde. Er „brachte seine Uranzentrifugen mit.“ Finanziert wurde er vom Planungsausschuss des Bundeswirtschaftsministeriums, sodann von der in Düsseldorf gegründeten „Physikalischen Studiengesellschaft“. Auf Initiative der Landesregierung Nordrhein-Westfalen wurde Groth auch wieder mit seinem ehemaligen Mitarbeiter Beyerle zusammengeführt. Die Resonanz der ‚Politik’ auf die Arbeiten war sehr groß. In seiner Regierungserklärung vom 29.2.1956 führte Ministerpräsident Steinhoff (SPD) aus, das Land wolle die Errichtung einer Trenn-Anlage nach dem Verfahren Groth unterstützen, und in einem Brief aus dieser Zeit war von einer „energischen Förderung“ durch das Land die Rede. Ende der 1950er Jahre lieferte Groth drei Zentrifugen nach Brasilien.“ (S. 4, Urananreicherung in NRW)

Brasilien? Genau. Bereits Ende der 50er Jahre betrieb die Bundesrepublik offenbar atomare Beziehungen zu Brasilien, die bis heute anhalten. 1975 wurde der deutsch-brasilianische Atomvertrag abgeschlossen, der bis heute in Kraft ist. Siehe dazu auch aktuell die Kleine Anfrage der Grünen hier (PDF) und hier etwas zum Hintergrund bei der Böll-Stiftung.

1960 wurde – wie oben bereits erwähnt – die Uran-Zentrifugen-Technik auf Druck der USA unter „Geheimschutz“ gestellt. Rusinek: „„Geheimschutz“ hieß, dass die Arbeiten an der Zentrifuge nicht mehr publiziert und Zentrifugen schon gar nicht verkauft werden durften. Professor Groth, der im Mittelpunkt der Berichte stand, sah sich außerstande, die Arbeiten fortzuführen. Er musste seine ausländischen Mitarbeiter entlassen. Der Vorstand der DEGUSSA erklärte, man sei aufgrund von Beschlüssen des Aufsichtsrates und der Gesellschafterversammlung gebunden, nur friedliche Arbeiten zu betreiben, und werde die Arbeiten an der Zentrifuge einstellen. Die Erfinder mussten ihr Patent als Geheimpatent umwidmen lassen, wodurch ihnen erhebliche Einnahmen entgingen.“ (S. 7, Interessant sind auch seine Hinweise, wie in Deutschland auf den Druck der USA reagiert wurde.)

In der Folge des Geheimschutzes wird die Zentrifugen-Technik in NRW konzentriert: „Der Bund war 100-Prozent-Financier der Gesellschaft für Kernverfahrenstechnik, bis Ende der 1960er Jahre mit Industriebeteiligung eine Nachfolgegesellschaft gegründet wurde, die Gesellschaft „URANIT“.“

In den Niederlanden, so Rusinek, wird im Prinzip ähnlich verfahren. 1968 kommen schließlich die Briten ins Boot. Diese hatten zunächst auf die Diffusion zur Urananreicherung „zur Herstellung seiner Atombomben“ gesetzt. „Überraschend teilte die britische Regierung 1968 mit, dass sie diese Pläne aufgegeben habe und sich nun an der Entwicklung der Zentrifugen beteiligen wollte. Genau das war der entscheidende Schritt, der zum Vertrag von Almelo am 4. März 1970 führte.“

In dieser Phase Ende der 60er und Anfang der 70er gibt es Auseinandersetzungen innerhalb von Euratom um eine gemeinsame Urantrennanlage. Frankreich hatte Anfang der 60er Jahre in Pierrelatte für sein Atomwaffenprogramm eine Anlage nach dem Prinzip der Diffusion gebaut. Für eine zivile Anlage sollte dieses Verfahren ebenfalls zum Einsatz kommen. „An der 1973 gegründeten Urantrenngesellschaft „EURODIF“ beteiligten sich Frankreich, Spanien, Italien und Belgien, aber Großbritannien, die Niederlande und die Bundesrepublik hielten an ihren Projekten fest“ und gründeten schließlich die URENCO auf Basis der Ultra-Gaszentrifugen-Technik.

Interessant ist dabei der Hinweis von Rusinek: „Die Bundesregierung wollte „voreiligen Vorschlägen“ der Franzosen nicht kritiklos zustimmen. Zitat: „Deutschland ist gerade daran interessiert, Kernbrennstoffe geringer Anreicherung zu erhalten, während die Franzosen wegen der militärischen Anwendung starke Anreicherungsgrade brauchen.““ Die Quelle, aus der das Zitat stammt, ist leider nicht angegeben.

Die personellen Kontinuitäten von den Nazi-Forschern bis hinein in die Bundesrepublik sind bei Rusinek aufgezeigt. Er fasst dies am Schluss seines Vortrages nochmal zusammen und fügt hinzu: „die staatliche Förderung lief zwischen „Drittem Reich“ und Nachkriegszeit dergestalt ohne Stocken weiter, dass in den eingesehenen Unterlagen über die Förderung der Uran-Anreicherung die Zuschüsse von Heereswaffenamt und Reichsforschungsrat, später von Bundes- und Landesministerien einfach zusammengerechnet wurden.“ (S. 10)

Und mit Blick auf die Rolle von Nordrhein-Westfalen bei der Urananreicherung stellt Rusinek fest: „Ohne Zweifel können wir das nordrhein-westfälische Wunschprojekt Uran-Anreicherung nicht innerhalb der Landesgrenzen betrachten; geographisch nicht und politisch auch nicht. Vielmehr sehen wir, wie das Land in dem betrachteten Sektor ab Mitte der 1960er Jahre immer mehr an Einfluss verliert. Die Entscheidungen über den Fortgang der Anreicherungsarbeiten fassten andere.“

Zwischenergebnis

Wie brisant die Urananreicherungstechnik ist, zeigt ein Statement von Franz-Walter Steinmeier (SPD) als Außenminister im Jahr 2007: “Die Urananreicherung ist ein klassischer Weg, um nuklearen Brennstoff herzustellen. Diese aufwändige Technologie ist aber auch der Schlüssel zu Atomwaffen. Man muss also Wege finden, wie jeder Staat Kernenergie uneingeschränkt friedlich nutzen kann, ohne dass damit der Griff nach der Bombe möglich wird. Der Atomwaffensperrvertrag geht auf dieses Problem bislang nicht ein.” (Siehe hier Auswärtiges Amt). Allerdings sprach Steinmeier damals nicht von der URENCO und der deutschen Anlage in Gronau. Er bezog sich auf die international wachsenden atomaren Begehrlichkeiten des Irans und Nordkoreas und die Mängel des Atomwaffensperrvertrages.

Steinmeier damals weiter: “Die Anreicherung von Uran beherrschen im industriellen Maßstab nur wenige Staaten. Es ist nachvollziehbar, dass immer mehr Länder sich aus der Lieferabhängigkeit von angereichertem Brennstoff befreien und selbst Uran anreichern wollen. Damit steigt aber auch die Gefahr des Missbrauchs.”

Die Urananreicherungsanlagen der URENCO stehen derzeit zum Verkauf. Siehe dazu ausführlich: URENCO Gronau: Risiko Atomwaffen-Technik und die deutsche Atom-Politik

Spurensuche: „Hitlers Bombe“ – Nazi-Forschung und Entwicklung an einer militärischen Nutzung der Atomenergie und ein Ausblick auf die Debatte um die Atombewaffnung in der jungen Bundesrepublik Deutschland der 50er Jahre.

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Gab es eine atomare Nazi-Bombe. Ein Buch und viele Hinweise…

Hatte Hitler die Atombombe? Wie war der Stand der Forschung und Entwicklung in Sachen Atomenergie im Faschismus? Gab es eine „Explosion mit Kernenergiefreisetzung“? Und was wurde aus diesem Nazi-Wissen über die Atomspaltung in den frühen Jahren der Bundesrepublik Deutschland? Wie waren die politischen Interessen zu einer deutschen Atombombe im Nachkriegs-Deutschland?

Zu diesen Fragen hat es in den letzten Jahren neue Erkenntnisse gegeben, die zeigen, dass die Forschung und Entwicklung in Nazi-Deutschland offenbar weiter war, als früher angenommen. Und sie zeigen auch, dass in der Bundesrepublik Deutschland unter dem Bundeskanzler Adenauer und dem Atom- und Verteidigungsminister F.J. Strauß das Streben nach einer deutschen Atombombe vorhanden war. Dabei waren Atomforscher beteiligt, die schon unter Hitler an dem Projekt gearbeitet haben.

Waren früher die „großen“ Forscher um Heisenberg, von Weiszsäcker, Hahn und andere im Mittelpunkt des Interesses, zeigen neuere Arbeiten, dass die „zweite Garde“ um Kurt Diebner, Erich Bagge und andere möglicherweise „praktischere“ Ergebnisse erzielt haben, auf dem Weg zu einer Nazi-Bombe.

Im Folgenden soll ein (grober) Überblick über einige Erkenntnisse zum deutschen Griff nach der Atombombe zwischen Faschismus und früher BRD erfolgen.

UPDATE 7/1/2015 –  Mehr zum Thema:

„Hitlers Bombe“

Unter diesem Titel erschien 2005 das Buch von Rainer Karlsch mit der Unterzeile: Die geheime Geschichte der deutschen Kernwaffenversuche. In dem Kurztext heißt es: „Unter Aufsicht der SS testeten deutsche Wissenschaftler 1944/45 auf Rügen und in Thüringen nukleare Bomben. Dabei kamen mehrere hundert Kriegsgefangene und Häftlinge ums Leben. Nach jahrelanger Recherche entschlüsselte der Berliner Historiker Rainer Karlsch eines der größten Rätsel des Dritten Reiches. Neben Belegen für die Kernwaffenversuche fand er auch einen Entwurf für ein Plutoniumbombenpatent aus dem Jahr 1941 und entdeckte im Umland Berlins den ersten funktionierenden deutschen Atomreaktor.“

Karlsch veröffentlicht in seinem Buch eine Vielzahl neuer Daten und legt dar, dass Nazi-Deutschland in Sachen Atomforschung möglicherweise erheblich weiter war, als bislang angenommen. Kein Wunder, dass das Buch eine große (Medien)Reaktion auslöste:

Einen Überblick und einige Rezensionen und Texte – u.a. ein Interview mit Karlsch im Magazin Aspekte und ein Artikel von Sebastian Pflugbeil im Strahlentelex – sind hier zu finden.

Für eine scharfe Kontroverse sorgte die These, „deutsche Physiker und Militärs hätten noch vor Kriegsende gleich drei Nuklearwaffentests durchgeführt, einen auf Rügen im Herbst 1944 und zwei in Thüringen im März 1945. Bis zu 700 Tote seien zu beklagen gewesen.“ (Spiegel, zitiert nach Quelle).

Der Spiegel macht die Bedeutung dieser These klar: „Sollte diese These stimmen, müsste Geschichte neu geschrieben werden. Denn seit die Alliierten die Labors des „Dritten Reiches“ besetzten und die führenden Kernphysiker um das Jahrhundertgenie Werner Heisenberg und seinen Mitarbeiter Carl Friedrich von Weizsäcker verhörten, gilt als gesichert, dass Hitlers Forscher von einer Atomexplosion weit entfernt waren.“

Am Abend des 4. März 1945 soll auf dem Truppenübungsplatz bei Ohrdruf, südwestlich von Erfurt in Thüringen, ein Test stattgefunden haben, bei dem es zu einer thermonuklearen Explosion gekommen ist. Ein heller Blitz soll beobachtet worden sein: „Es war alles sehr kurz, und wir konnten dann alle nichts sehen, wir merkten nur, daß es eine mächtige Sturmbö gab, aber dann alles ruhig war. Ich wie auch viele Einwohner von Röhrensee, Holzhausen, Mühlberg, Wechmar und Bittstädt hatten am anderen Tag oft Nasenbluten, Kopfschmerzen und auch einen Druck auf den Ohren“, berichtet Cläre Werner 1962 vor Kultur- und SED-Funktionären.

Ein anderer Zeuge, Heinz Wachsmut, berichtete ebenfalls 1962, dass er als Häftling unter dem Sonderkommando der SS am 5. März zu einem Einsatz musste: „Die Fahrt ging nach Röhrensee, dort waren einige SS-Ärzte tätig, da eine große Anzahl von Bewohnern Kopfschmerzen hatte und Blut spuckte. Wir waren dort falsch und wurden sofort nach Gut Ringhofen bei Mühlberg gebracht. Dort wurde uns gesagt, wir müssen Holzhaufen am Waldrand errichten, ca. 12×12 m und nur höchstens 1 m hoch, dazu mußten wir Vollschutz tragen, auch unsere Häftlinge. Am Waldrand sahen wir schon einige Haufen von Menschenleichen, die wohl ehemalige Häftlinge waren. Die Menschen hatten alle absolut keine Haare mehr, teils fehlten Kleidungsteile, sie hatten aber auch zum Teil Hautblasen, Feuerblasen, nacktes rohes Fleisch, teilweise waren einige Teile nicht mehr vorhanden. SS und Häftlinge brachten die Leichen an. Als wir die ersten sechs Haufen fertig hatten, wurden die Leichen darauf gelegt, je Haufen ca. 50 Stück, und Feuer gelegt. Wir wurden zurückgefahren. Im Gut mußten wir den Schutz und unsere gesamte Kleidung ausziehen. Diese wurde ebenfalls sofort von der SS angezündet, wir mußten uns waschen und erhielten neue Kleidung und neuen Schutz, dazu jeder eine Flasche Schnaps, auch unsere Häftlinge. Ein hoher SS-Mann sagte mir, es habe da oben eine große Stichflamme gegeben gestern, man hat etwas neues gemacht, davon wird die ganze Welt sprechen, und wir Deutschen sind die ersten. Leider sei dabei einiges nicht so gelaufen wie geplant und einige Nichtsnutze habe man weniger.“ Beide Zitate finden sich hier in einem Text von Sebastian Pflugbeil auf der Seite Nuklear Free, sie sind offenbar Original-Zitate aus dem Buch: Edgar Mayer und Thomas Mehner: Die Atombombe und das Dritte Reich, Kopp-Verlag, Rottenburg a.N. 2002.)

Und in der Zeit (siehe unten mehr dazu) schreibt Helmut Meier: „Karlsch ist es jedoch gelungen, ein zeitnahes Schreiben der sowjetischen Militäraufklärung aufzutun. Generalleutnant Iljitshov informierte Stalin mit Datum vom 23. März 1945 über zwei große Explosionen in Thüringen: Vom Zentrum der Explosion wurden Bäume bis zu einer Entfernung von … 600 Metern gefällt. Von Kriegsgefangenen, die sich im Explosionszentrum befunden hätten, sei keine Spur geblieben. Und: Die Bombe enthält vermutlich U235 und hat ein Gewicht von zwei Tonnen.“ (Meier verweist an dieser Stelle auf Widersprüche: „Eine Atombombe von zwei Tonnen hätte eine wesentlich größere Zerstörung zur Folge haben müssen. Umgekehrt hätten zwei Tonnen konventionellen Sprengstoffs keine Auswirkungen von den Ausmaßen bewirken können, wie sie durch den Geheimdienst und die Augenzeugen verbrieft sind.“)

Sebastian Pflugbeil berichtet auf Nuclear-Free weiter: „Karlsch ist es sogar gelungen, in Moskau Berichte des russischen Geheimdienstes auszugraben, in denen über den 4. März 1945 berichtet wird. Der russische Vater der Atombombe, Kurtschatow, hat sich damit beschäftigt und Stalin informiert – die Berichte passen sehr gut zu den oben zitierten Augenzeugenberichten.“

Dazu schreibt auch Wolfgang G. Schwanitz vom Deutschen Orient-Institut Hamburg in einer Rezension über das Buch von Karlsch: „Rainer Karlsch gab seinem Buch sieben Dokumente bei, darunter Igor V. Kurchatovs Meinung zum Text „Über eine Deutsche Atombombe“. Parallel, das möchte ich durch die angefügte Meldung aus Washingtons Nationalarchiv ergänzen, erhielten die Amerikaner ähnliche Informationen.“ (Diese Meldung ist unter dem o.g. Link online nachzulesen) „Wie die von mir dort 1998 gefundene und hier unten abgebildete geheimdienstliche Erkenntnis zeigt, würde energisch zur „atomaren Explosion“ geforscht. Die SS, Orte nahe Berlins und in Böhmen sowie die Bayer und IG Farben AG werden darin genannt. Das mit Januar 1945 datierte Blatt trägt ein zweites Datum, der 20. März 1945. Zehn Tage später verfasste Kurchatov, Leiter des sowjetischen Atomprojektes, jene Stellungnahme für Stalin, die Karlsch fand. Kein Zufall, dass es sowohl sowjetische als auch amerikanische Berichte dazu im März 1945 gab. Nun gilt es nicht nur zu prüfen, inwieweit sie den Tatsachen entsprachen, sondern was noch überliefert ist, denn es gab wohl nicht nur diese Meldung.“

KurtDiebner
Kurt Diebner, Atomforscher seit Nazi-Tagen

Wichtig ist, dass es sich bei der Explosion nicht um eine Atombombe gehandelt haben kann, wie sie später von den USA über Hiroshima gezündet wurde. Schwanitz beschreibt das: „Doch, so Karlsch, sei dieser Test vom März nicht mit dem in Amerika im Juni 1945 zu vergleichen: den Deutschen fehlte es am spaltbaren Material. Sie gingen daher einen technologischen Nebenpfad. Ihn beschritt unter dem Reichsführer der SS Himmler und Rüstungsminister Speer eine Physiker-Gruppe um Kurt Diebner, Walther Gerlach und SS-General Hans Kammler. Während letzterer die Absicherung stellte, war Diebner seit 1939 ehrgeiziger Leiter des Referats Atomphysik im Heereswaffenamt und Organisator der deutschen Nuklearforschung. In der bisherigen Forschung galt er nur als Randfigur wie auch Gerlach, den Hermann Göring Ende 1943 mit der entsprechenden Forschung beauftragt hatte. Sie brachten in Ohrdruf eine unterkritische Masse in einer Bombe nach dem Hohlladungsprinzip zur Explosion. Dabei wurde wohl eine Urankugel durch das synchrone Zünden vieler Sprengsätze zur Kritikalität verdichtet. Ströme an Neutronen schossen auf den Spaltstoff. Hier bleibt offen, wie genau die superkritische Anordnung erzielt wurde. Karlsch vergleicht es mit einer taktischen Kernwaffe. Ein nuklearer Ablauf, der neben Hitze und Druck radioaktive Strahlung freisetzt und Konventionelles übertrifft. Dieser Strahleneffekt gleiche dem der Neutronenwaffe. Diebners Leute wussten, dass es keine kontinuierliche Kettenreaktion würde, sonst hätte ihre Ortswahl zur Katastrophe geführt. Sie kannten den Wirkungsradius aus einem früheren Nukleartest, der auch ans Licht gebracht wird. Er lief im Sperrgebiet der Halbinsel Bug auf Rügen am 12. Oktober 1944 ab. Für Mussolini ließ Hitler dort Luigi Romersa zu. Dem italienischen Journalisten, der heute noch befragt werden kann, sagte Joseph Goebbels zuvor, acht Monate dauere die Produktion dieser Bomben, die gegen Russland eingesetzt werden sollen. Romersa sah nach dem Lichtblitz Bäume zerbrochen, Versuchstiere verkohlt und Attrappen-Häuser verschwunden.“

Weiter ist bei Schwanitz zu den Quellen von Karlsch zu lesen: „Dies führte ihn über Akten der Arnstadter Stasi bis dicht an Atomtests in Ohrdruf heran. Heisenbergs erwähnte Rede, die als verschollen galt, fand er in einem Moskauer Archiv. Dort sah er Spionageberichte über geheime Tests der SS ein.“ Und er berichtet über einen weiteren Text: „Kurz nach dem zweiten Ohrdrufer Kerntest vom 12. März 1945 hieß es: Zwei Explosionen gab es dort. Innerhalb eines halben Kilometers wurde alles zerstört. Von Gefangenen im Zentrum war keine Spur mehr. Die Bombe, wohl mit Uran 235, sei eine 130-Zentimeter-Kugel. Mächtige Detonationswelle. Hohe Temperaturen, stark radioaktiver Effekt. Nazis könnten „unsere Offensive“ bremsen. Man weihte Stalin ein. Als ihm Harry S. Truman später in Potsdam vom US-Nukleartest erzählte, so Karlsch, wusste es der Kremlchef durch Spione besser als der Amerikaner selbst.“ (Wolfgang G. Schwanitz: Rezension zu: Karlsch, Rainer: Hitlers Bombe. Die geheime Geschichte der deutschen Kernwaffenversuche. München 2005, in: H-Soz-u-Kult, 20.05.2005.)

Nach Karlsch hatte eine Forschergruppe um den Physiker Kurt Diebner sich die bisherigen Arbeiten von Erich Schumann zunutze gemacht. Erich Schumann war bis 1944 Chef der Forschungsabteilung des Heereswaffenamts. „Im Nachlass Schumanns hat Karlsch Unterlagen aus der Nachkriegszeit gefunden. Der ehemalige Professor für Physik schrieb darin, dass er bereits 1944 einen Weg gefunden habe, mit konventionellem Sprengstoff ausreichend hohe Temperaturen von mehreren Millionen Grad Celsius und extreme Drücke zu erzeugen, um eine Kernfusion einzuleiten. Auf diesem Prinzip beruht die Wasserstoffbombe.“ (Spiegel 2005) Seine Forschungsergebnisse soll Schumann im Herbst 1944 auf einer Konferenz veröffentlicht haben. Praktische Versuche soll er allerdings nicht unternommen haben.

Eine im klassischen Sinn übliche Atombombe (Hiroschima, Nagasaki) ist dabei nicht gemeint. Dafür fehlte es im Faschismus an entsprechend großen Mengen von angereichertem Uran (bzw. Plutonium). Deswegen hatte sich die Atomforschung im Nazi-Deutschland auf eine andere Variante konzentriert: Mit konventionellem Sprengstoff sollte eine Kernverschmelzung erreicht werden. Dazu waren besondere Bedingungen erforderlich: „Während des Zweiten Weltkriegs hatten Sprengstoffexperten mit Hohlladungen experimentiert; ausgehöhlte Sprengkörper besitzen eine ungewöhnliche hohe Durchschlagskraft. Der Erfolg der Panzerfaust beruht auf diesem Effekt, den sich Schumann zunutze machen wollte. Er (Schumann) ging davon aus, dass ausreichend Energie für eine Kernverschmelzung frei würde, wenn man unter besonderen Bedingungen zwei Hohlladungen gegeneinander richtete.“ (Spiegel 2005)

Interessanterweise berichtet der Spiegel bereits im März 1957 (Ausgabe 12/57) über derartige Experimente. Auf einer internationalen Konferenz zum 10. Jahrestag des Abwurfs der Atombombe auf Nagasaki in Genf war bekannt geworden, dass sowjetische und us-amerikanische Forscher streng geheim an einer neuen Bombe arbeiteten: Der Wasserstoffbombe. Anders als bei der Uranbombe, bei der die Kerne gespalten werden, basiert die Wasserstoffbombe auf der Fusion.

Der Spiegel berichtet in dem Artikel, dass auch deutsche Forscher an der Lösung des Problems arbeiten würden: „Kürzlich erst sickerten Meldungen aus der Sowjet-Union durch, daß russische Forscher ein ähnliches Projekt vorantreiben, und Anfang des Monats gaben auch deutsche Atomforscher in Hamburg bekannt, daß sie an der Lösung des Problems arbeiten – eine Tatsache, die Deutschlands Tageszeitungen zu verfrühten Schlagzeilen verführte („Eine deutsche Atom-Sensation“ – „, Heiße Westentaschensonne Gegenstück zur russischen ,Kalten Sonne'“).“ (Spiegel 1957)

Bereits damals ist der Physiker Kurt Diebner im Zentrum der Meldungen. Der Spiegel berichtet im Jahr 1957 weiter: „Die Meldungen der deutschen Tageszeitungen vermittelten den Eindruck als habe der Hamburger Physiker Dr. Kurt Diebner das Problem, die Sonne auf Erden scheinen zu lassen, schon weitgehend gelöst. Aber der deutsche Atomforscher, der heute die Durag-Apparatebaufirma leitet, hat sich zunächst ein viel bescheideneres Ziel gesteckt: Er will kurzzeitig hohe Temperaturen erzeugen, wie sie auch im Sterninnern herrschen, also dort, wo sich die wärmespendenden Verschmelzungsprozesse abspielen.“ (Spiegel 1957)

Wichtig dabei ist: Für eine Fusionsbombe braucht es deutlich weniger Uran. Der Spiegel weiß damals zu berichten: “Anders dagegen verhält es sich bei der H-Bombe. In ihr entsteht Energie nicht durch Spaltung, sondern durch Verschmelzung von Atomen, so daß keine langlebigen radioaktiven Abfälle entstehen. Vor allem aber ist der Brennstoff der H-Bombe – schwerer Wasserstoff – in beinahe unerschöpflichen Mengen vorhanden, jede Tonne Meerwasser enthält etwa 30 Gramm. Von der amerikanischen Atomenergiekommission wird er je Gramm für. 1,30 Mark verkauft. Bei der Verschmelzung der Atome eines einzigen Grammes wird soviel Energie frei, wie durch das Verbrennen von zwei Tonnen Kohle.“ (Spiegel 1957)

Was dann der Spiegel 1957 schreibt, ist vor dem Hintergrund der neueren Forschung ein deutlicher Hinweis: „Schon während des letzten Krieges hatte er (Diebner) mit diesen Experimenten begonnen. 1939 hatte er dem Heereswaffenamt vorgeschlagen, die Uranspaltung, die Professor Otto Hahn damals gerade entdeckt hatte, für Kriegszwecke nutzbar zu machen.

Neben seiner Tätigkeit im deutschen „Uranverein“ – wie die Atomforschergruppe während des Krieges hieß – war Diebner als physikalischer Berater des OKH (Ober-Kommando-Heer) mit Sprengstofffragen beschäftigt gewesen und hatte an der Entwicklung der Panzerfaust Anteil. In ihr war das Prinzip der Hohlladung angewandt worden: In der Sprengladung war ein trichterförmiger Hohlraum ausgespart, so daß sich die Detonationswelle auf einen Punkt konzentrierte. In diesem Punkt wurden Temperaturen von enormer Höhe erreicht. Diebner überlegte: Konnte man diese Hitzegrade nicht zur Verschmelzung von schwerem Wasserstoff benutzen? „Ich kam auf den Trichter“, erinnert sich Diebner, „eine Hohlkugel aus Sprengstoff mit schwerem Wasser zu füllen.“

Erich Rudolf Bagge
Erich Rudolf Bagge

Aber der gewaltige Knall der Detonation der Kugel von etwa 40 cm Durchmesser brachte nicht das gewünschte Ergebnis. Zusammen mit dem Hamburger Atomforscher Professor Dr. Erich Bagge, möchte Diebner diese Forschungen jetzt wieder aufnehmen.

„Es gibt da einen Dreh“, meint Professor Bagge, „durch den wir die Temperatur noch erheblich erhöhen können.“ Er hofft durch diesen Kunstgriff, über den er sich nicht näher äußern will, so hohe Hitzegrade bei der Detonation eitler [einer] Hohlladung erzielen zu können, daß die Verschmelzung von schwerem Wasserstoff in Gang kommt. Die deutschen Babcock-Werke haben sich bereit gefunden, die geplanten Versuche der beiden Hamburger Atomforscher zu unterstützen. Die beiden Physiker nähren sogar die kühne Erwartung, daß man ihr geplantes Wasserstoffbombenbaby dereinst zur Erzeugung von nutzbarer Energie verwenden könne.“ (alles zitiert nach: Spiegel 1957)

Angaben, wann genau es zu dem „gewaltigen Knall“ kam und was genau dabei explodierte macht der Spiegel nicht.

Debatte: Was ist explodiert? Quellen, Zeugen, Indizien und Spuren.

Nach der Veröffentlichung des Buches von Karlsch kommt es zu einer heftigen Debatte, in der die Frage gestellt wird, was wirklich in Ohrdruf explodiert ist und in der die Quellenbasis angezweifelt wird. Der Debatte gibt die Wochenzeitung Die Zeit in Pro- und Contra-Beiträgen viel Platz. Allerdings bezweifelt das Blatt nicht, dass es in Ohrdruf zu einer Explosion gekommen ist: „Was explodierte im März 1945 im thüringischen Ohrdruf? Eine deutsche Kernwaffe, behauptet der Historiker Rainer Karlsch in seinem Buch »Hitlers Bombe«. Indizien stützen seine These. Reichen sie für einen Beweis?“

Zwei Debattenbeiträge sind online:

Pro: Helmut Maier, arbeitet im Forschungsprogramm »Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Nationalsozialismus« der Max-Planck-Gesellschaft. Als Wissenschaftshistoriker hat er sich dabei auf die Rüstungsforschung spezialisiert. Rainer Karlsch hat sich während seiner Buchrecherche mit ihm beraten: Kettenreaktion der Geschichte –Pro.

Contra: Gero von Randow ist Publizist, Autor und Redakteur der Hamburger Wochenzeitung Die Zeit: Kettenreaktion der Geschichte – Contra.

Auch die FAZ widmet sich ausführlich dem Thema. Zur Frage, ob bzw. was genau in Ohrdruf explodiert ist, schreibt Ulf von Rauchhaupt am 14. März 2005.  Zunächst schreibt er zu Karlsch: „Dabei ist der Titel irreführend. Karlsch behauptet an keiner Stelle, das Dritte Reich hätte das Rennen um die Nutzung der Kernspaltung doch gewonnen oder die Wehrmacht habe über eine Kernwaffe verfügt. Er sagt nicht, daß es „Hitlers Bombe“ gab. Er sagt nur, daß an ihr gebastelt wurde. Aber schon das ist starker Tobak.

Nun geht Karlsch noch ein Stück weiter, indem er behauptet, jene Bastelei sei erschreckend weit gediehen gewesen. Demnach wurde um die Jahreswende 1944/45 im Dorf Gottow bei Kummersdorf südlich von Berlin ein Kernreaktor zum Laufen gebracht.

Außerdem habe es Anstrengungen gegeben, Fusionsreaktionen – wie sie in Wasserstoffbombenexplosionen stattfinden und dort mit Atombomben gezündet werden – durch sogenannte Hohlladungen auszulösen. Das sind speziell geformte konventionelle Sprengladungen, wie sie etwa in einer Panzerfaust verwendet werden.

Schließlich seien im Oktober 1944 auf Rügen und im März 1945 auf dem Truppenübungsplatz Ohrdruf in Thüringen Explosionen gezündet worden, bei denen zumindest in einem Fall Kernenergie frei wurde. Dabei sollen Hunderte ums Leben gekommen sein.

All dies steht ziemlich quer zu dem, was man bis dato über die Kernforschung im Hitlerreich zu wissen glaubte.“

Rauchhaupt setzt sich mit weiteren Aspekten auseinander, wägt die Hinweise und Quellen ab, würdigt sie mit Blick auf andere Historiker. Die Frage, „die er (Karlsch) sich jetzt gefallen lassen muß, lautet: Haben seine neuen Indizien die Qualität außergewöhlicher Beweise für die vorgebrachten Thesen?

Im Moment kann das am ehesten Mark Walker beurteilen – auch, weil er einer der wenigen Historiker ist, die das Buch bisher ganz lesen konnten. Walker ist Professor am Union College in Schenectady, New York, und hat mit seiner Dissertation, die auf deutsch 1992 unter dem Titel „Die Uranmaschine“ herauskam, das maßgebliche Werk zum Thema vorgelegt.

Im Mittelpunkt stehen die Physiker um Werner Heisenberg, was viel mit der Datenlage zu tun hatte: Heisenberg war der prominenteste deutsche Physiker, der nicht vor den Nazis geflohen war, und einer der besten Theoretiker seiner Zeit. Für die Sieger war er der Kopf der deutschen Kernforschung, sein letztes Reaktorlabor im württembergischen Haigerloch fiel 1945 den Amerikanern in die Hände.

Bei Rainer Karlsch geht es aber nicht um Heisenberg, sondern um Aktivitäten, von denen dieser wohl kaum etwas wußte. Und was der Berliner da herausgefunden hat, beeindruckt Walker: „Karlsch hat eine neues Kapitel der Geschichte der Kernwaffenforschung im Dritten Reich geschrieben.“

So kann Karlsch klar belegen, daß auch andere, bisher als randständig angesehene Gruppen handfeste Kernforschung betrieben und daß eine davon deutlich weiter kam, als man bisher dachte: die Physiker der Heeresversuchsanstalt in Gottow unter der Leitung von Kurt Diebner.“

Gegen die Vorwürfe gegen Karlsch, stellt stellt der FAZ Autor fest: „Andererseits ist schon länger bekannt, daß Diebners Reaktoranordnung in Gottow besser lief als die Heisenbergs und daß dieser nur zögerlich auf Diebners Konzept umschwenkte. Ein Brief, den Karlsch in Moskau fand, zeigt, daß Diebner noch im November 1944 erfolgreich experimentierte und seine Versuche mitnichten schon im Frühjahr 1944 einstellte, wie man bisher dachte.“

Unterstützung bekommt Karlsch auch hier: „Die Frage, ob die Bemühungen Diebners, Gerlachs und anderer einer kerntechnischen Waffe galten, beantwortet Karlsch mit einem klaren „Ja“. Unter der Ägide der SS gab es im letzten Kriegsdrittel so etwas wie ein deutsches Kernwaffenprogramm. Das ist, wie gesagt, eine außergewöhnliche Behauptung.

Aber nicht nur Mark Walker akzeptiert das vorgebrachte Beweismaterial. „Es haben offenbar viele Leute an einer Atombombe gebastelt“, sagt auch Dieter Hoffmann vom Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin. Hoffmann hat die Abhörprotokolle herausgegeben, die entstanden, als die führenden Köpfe der deutschen Kernphysik, darunter Hahn, Heisenberg, von Weizsäcker, Diebner und Gerlach, 1945 auf dem englischen Landsitz Farm Hall interniert waren.“

Entscheidend bleibt aber die Frage, was eigentlich genau in Ohrdruf explodiert ist. So heißt es in der FAZ: „Besonders ärgerlich ist, daß Karlsch es grundsätzlich für möglich hält, mittels Hohlladungen Fusionsreaktionen zu zünden. Offenbar hat er einige seiner physikalischen Berater tatsächlich so verstanden, daß eine sogenannte „Trägheitsfusion“ allein mit konventionellem Sprengstoff nicht ausgeschlossen ist.

Zumindest einer dieser Berater aber, Ulrich Schmidt-Rohr aus Heidelberg, hat Karlsch nach eigener Aussage ausführlich erklärt, daß das schlicht und ergreifend nicht geht: „Mit einer Panzerfaust erreichen Sie Drücke von einer halben Million Bar, mit heutigen konventionellen Hohlladungen höchstens 10 Millionen Bar – doch für eine Fusion brauchen Sie eine Milliarde Bar, also noch einmal das Hundertfache.“

Auch Detlef Lohse von der Universität Twente in den Niederlanden, ein bekannter Theoretiker auf dem Gebiet der Implosionsphysik, ist sich sicher: „Das konnte und kann nicht funktionieren.“

Der Verdacht ist nicht völlig von der Hand zu weisen, daß Karlsch hier nur solche Kommentare wahrgenommen hat, die ihm in sein Bild paßten. Dabei war das völlig unnötig: Die Kernreaktionen, von denen er spricht, waren höchstens Spaltprozesse, niemals reine Fusionen. So muß bei der Testexplosion in Ohrdruf – die einzige, die reale Spuren in Dokumenten hinterlassen hat – Uran zum Einsatz gekommen sein.

Dafür spricht nicht nur die Erwähnung des spaltbaren Uranisotops U-235 in dem sowjetischen Geheimdienstbericht, sondern auch die zweite Indizien-Säule, auf die Karlsch sich stützt: Messungen radioaktiver Isotope in Bodenproben aus Gottow und Ohrdruf.“

Um was für eine Bombe es sich gehandelt haben könnte, schreibt die FAZ mit Blick auf die Bodenproben und die Messungen im März 2005 unter der Zwischenüberschrift: „„Geboostete“ Spaltbombe oder ein „fizzle“?: Sollten die Messungen das Datum bestätigen und damit ausgerechnet Karlschs außergewöhnlichste Behauptung beweisen, dann hätten die Physiker allerdings ein Problem.

Denn die wenigsten können sich vorstellen, daß Diebner und Co. mit dem damals vorhandenen Material, insbesondere dem bißchen niedrig angereicherten Uran, „deutliche Kernreaktionen mit Energiefreisetzung“ bewerkstelligen konnten.

Karlsch glaubt, daß es sich bei der Ohrdrufer Versuchsanordnung um eine Abart einer sogenannten „geboosteten“ Spaltbombe handelt, bei der gegeneinander gerichtete kegelförmige Hohlladungen das Material zweier Uranplatten zusammenschießen, zwischen denen Fusionsstoff plaziert ist, um die Neutronenproduktion zu steigern. Eine Atombombe im eigentlichen Sinn ist das nicht, auch keine taktische.

Allenfalls ist vorstellbar, daß man so mit viel Glück eine kurze Kettenreaktion auslösen kann, die aber gleich wieder abbricht – etwas, das amerikanische Kernwaffentechniker einen „fizzle“ nennen. Die Explosionsenergie der Hohlladungen könnte damit gesteigert werden, und es entstünde Neutronenstrahlung, die die Kobalt-60- Messungen in Ohrdruf erklären würde.“ (Zu den Bodenproben und Messungen siehe weiter unten, alle Zitate aus FAZ)).

Was ist eine Bombe?

Entscheidend für das Verständnis dessen, was in Ohrdruf explodiert ist, ist der Begriff Bombe. Darauf wies die FAZ bereits wie dargestellt hin. Karlsch selbst leistet zu diesem Missverständnis mit dem Buchtitel „Hitlers Bombe“ einen gewissen Beitrag. Der Titel legt natürlich sofort eine Assoziation mit den Atombomben der USA nahe, die 1945 über Hiroshima und Nagasaki abgeworfen wurden. Dabei  handelte es sich um Atomwaffen, die mit vergleichsweise großen Mengen Uran und Plutonium funktionierten und eben das Prinzip der Kernspaltung zur Grundlage hatten.

Mit dieser Art Atombombe hatten die Forschungen und späteren Explosionen in Nazi-Deutschland nichts zu tun. Stattdessen geht es – wie oben schon beschrieben – darum, mit großen Mengen konventionellem Sprengstoff in Verbindung mit hohen Temperaturen und hohen Beschleunigungen eine kleine Menge Kernbrennstoff derart zusammen zu pressen, dass es zu einer Fusion kommt. Doch selbst wenn der Titel zunächst etwas irreführend sein mag: Nach einer nur oberflächlichen Befassung mit der „Bombe“ müsste eigentlich auch Laien klar werden, dass es hier eben nicht um die „klassische Atombombe“ Marke Hiroshima geht, sondern um etwas, was heute vor allem unter dem Namen Mini-Nukes diskutiert wird (siehe dazu auch die Versuche der USA, diese Technik für sogenannte taktische Atomwaffen einzuführen. Der Clou: Die Atomwaffen sollen aufgrund einer vermeintlich geringeren Schadenswirkung für die Bevölkerung leichter „einsetzbar“ sein. So sollte nach Ansicht der ehemaligen Bush-Administration die atomare Abschreckung praktisch verbessert werden. Dazu siehe Spiegel April 2005).

Karlsch selbst nimmt im April 2006 ausführlich zu der Debatte unter der Überschrift:Die „Thüringer Protokolle“: Über den Wert oder Unwert von Zeitzeugenaussagen“ Stellung (das Papier stand hier auf der Homepage von Heiko Petermann ehemals als PDF zum download. Derzeit ist das Dokument  in der WayBackMachine zu finden oder hier direkt als PDF. Die Seite von Petermann ist seit langem nicht mehr online, die WayBackMachine (Heiko Petermann, April 2008) aber hat einiges gesichert und erhalten: Z.B. finden sich hier noch Links und Dokumente, die Petermann mit Blick auf „Hitlers Bombe“ und den Band „Pro und Contra“ veröffentlicht hatte. Auch hier ist einiges noch zu finden) und geht eingangs noch einmal auf diesen wichtigen Unterschied ein: „Zunächst einmal sei nochmals gesagt, worum es in unserer Untersuchung nicht geht: es geht nicht um den Nachweis des Tests einer reinen Kernspaltungsbombe (Uran- bzw. Plutoniumbombe). Auf dem Truppenübungsplatz in Ohrdruf wurde keine Kernspaltungsbombe getestet. Es gab dort keinen Kernwaffentest. Um dies nachzuweisen braucht es keine Analysen der PTB und schon gar nicht die Darlegungen irgendwelcher Amateure. Wer über gesunden Menschenverstand verfügt, kann unschwer die Argumente dafür zusammentragen, dass nahe Ohrdruf keine Kernspaltungsbombe nach amerikanischer Bauart getestet werden konnte. Diese Debatte ist überflüssig und wird nur von denjenigen geführt, die nicht verstanden haben, worum es in »Hitlers Bombe« eigentlich geht oder nur einzelne Seiten gelesen haben.

Mitunter muss man Zusammenhänge mehrfach erläutern und Begriffe präzisieren, damit klar wird, was eigentlich zur Diskussion steht. Wir gehen davon aus, dass die Forschungsgruppe um Gerlach/Diebner eine Hybridanordnung, bestehend aus viel Sprengstoff und einer kleinen Menge Spalt- und Fusionsstoff, entwickelt hatte und diese im März 1945 erfolgreich testete. »Erfolgreich« heißt in diesem Fall eine Explosion mit Kernenergiefreisetzung, ob sie im militärischen Sinne nutzbar war, ist hier erst einmal nicht die Frage.“ (Quelle siehe oben, Seite 1, siehe dazu auch die Ausführungen weiter oben in diesem Text.)

Zur Unterstützung seiner These ergänzt Karlsch: „Nach der Veröffentlichung von »Hitlers Bombe« konnten wir zu dieser Frage wichtige Unterlagen, darunter die Geheimpatente von Schumann/Trinks, einsehen und mit Kernwaffenentwicklern diese Möglichkeit diskutieren und prüfen. Die russischen Kernwaffenentwickler Prof. Wladimir Mineev und Prof. Alexander Funtikov, die von diesen Dingen nun wahrlich etwas verstehen, haben inzwischen schriftlich Diebners mögliche Konstruktion als plausibel bestätigt und auch eine Obergrenze für das TNT-Äquivalent berechnet.

Wie Diebners Versuch zu charakterisieren ist – ob als Versuchsanordnung, Versuchskörper, Bombe o. ä. – bleibt vorerst offen. Möglicherweise wurde auch nur das Zündsystem für eine noch zu entwickelnde größere Bombe getestet. So zumindest hat es Werner Grothmann, der Chefadjutant von Himmler erläutert.

Jedenfalls war es die Konzeption für eine völlig neue Technologie, die man später als Mininuke bezeichnen sollte.

Ein Nachweis einer solchen Miniexplosion ist natürlich ungleich schwieriger als der Nachweis einer reinen Kernexplosion. Hinzu kommt der Umstand, dass sich in den bisher gefundenen Dokumenten keine exakte Ortsangabe findet.“ (siehe oben)

Auch der Spiegel (11/2005) gehört zu den Kritikern: „Die von ihm ins Feld geführten Zeitzeugen sind unglaubwürdig oder kennen die Vorgänge nicht aus erster Hand; die angeblichen Schlüsseldokumente lassen sich auf verschiedene Weise deuten; und die gemessenen Werte der Bodenproben von den Detonationsorten geben bislang auch „keinen Hinweis auf die Explosion einer Atombombe“, so Gerald Kirchner vom Bundesamt für Strahlenschutz.“

Zwei Jahre nach der Veröffentlichung von „Hitlers Bombe“ erscheint ein weiteres Buch: Für und Wider „Hitlers Bombe“. Darin setzt sich Heiko Petermann – der engen Kontakt zu Karlsch hat – mit der besonderen Entwicklung der Gruppe um Diebner auseinander. Der Text ist als Word-Dokument online verfügbar unter dem Titel „Mininukes – Geheimpatente und Hintergründe in der Bundesrepublik Deutschland – Eine erste Bestandsaufnahme“.

Mit Blick auf die Debatten um Atomenergie in den 50er Jahren merkt Petermann einen überraschenden Tatbestand an:Interessanterweise scheint in den in Deutschland und anfangs auch Österreich geführten Diskussionen immer wieder ein Expertenwissen über thermonukleare Waffenkonstruktionen durch, das mehr oder weniger offen auf die Zeit vor 1945 rekurriert.“ Als Nicht-Physiker geht es ihm in dem Artikel nicht um „die Bewertung des damaligen Wissensstandes“, die Physikern, Sprengstoffspezialisten und Militärs vorbehalten bleiben müsse, „sondern nur um Fingerzeige auf Wissenszusammenhänge, die bisher nicht oder nur in engsten Fachkreisen beachtet werden.“ Petermann stellt den Wiener Physiker Hans Thirring vor, der bereits im Sommer 1946 ein Buch mit dem Titel „Die Geschichte der Atombombe“ veröffentlicht hatte!

Petermann listet diverse Forscher und ihre Arbeiten im Zusammenhang mit der Atomenergie auf. Zu dem mehrfach genannten Diebner schreibt er: „Nicht ganz soviel verrät Dr. Kurt Diebner. Der Indizienprozess um seinen Anteil am Bau einer wie auch immer konstruierten deutschen Atombombe ist zwangsläufig unvollständig, da nur wenige Dokumente erhalten geblieben sind. Seine Forschungsunterlagen und persönlichen Aufzeichnungen hat er gegen Ende des Zweiten Weltkrieges und dann Ende der vierziger Jahre vernichtet.“ (Quelle: Interview mit Prof. Bernd Jörg Diebner, Theologe an der Uni Heidelberg am 12.01.2005, aufgezeichnet von Heiko Petermann. Bernd Jörg Diebner ist der Sohn von Kurt Diebner.)

„Seit 1948/49 unterhielt er ein eigenes Sekretariat zur Ausarbeitung von Patenten, die er unmittelbar mit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland und der Aufhebung des Forschungsverbots in schneller Folge zur Anmeldung brachte. Nahezu besessen beschäftigte er sich mit kernphysikalischen Themen, gründete Zeitschriften wie ‚Atomwirtschaft’ und ‚Kernenergie’ und die ‚Gesellschaft für Kerntechnik’. Er wurde Mitinitiator des Kernforschungszentrums Geesthacht und der Entwicklung des Forschungsreaktor auf der ‚Otto Hahn’. Über den ganzen Zeitraum arbeitete er eng mit Prof. Erich Bagge zusammen, mit dem er auch den Großteil der Patente anmeldete. (Prof. Erich Bagge hatte an der Christian-Albrecht-Universität in Kiel den Lehrstuhl für Experimentalphysik und war außerdem Mitanmelder der Patente von Dr. Kurt Diebner). Ein enger Mitarbeiter Diebners und Patentanmelder war für einige Jahre auch Prof. Friedwardt Winterberg. Er ging Anfang der sechziger Jahre in die USA und befasst sich bis heute mit Fragen der Kernfusion. Von Winterberg stammen auch mehrere populär gehaltene Artikel und Bücher zur Geschichte der H-Bombe.“ (die Fußnoten sind hier nicht vollständig wiedergegeben, bitte im Original nachschlagen)

In Sachen Mini-Nukes schreibt Petermann über Diebner weiter: „Lange nach Diebners Tod fanden sich auf dem Dachboden seines Flensburger Hauses zwei Patentanmeldungen für thermonukleare Minibomben. Die Patentschriften wurden nach Aussage des Mitanmelders, seines damaligen Mitarbeiters Dr. Friedwart Winterberg, in Deutschland zurückgezogen.

Allerdings meldete Diebner wenig später allein ein Patent in Großbritannien an. Darin führt er u. a. aus, dass man eine große Wasserstoffbombe möglicherweise durch eine kleine thermonukleare Bombe zünden könne. Die Frage muss erlaubt sein, ob dies vielleicht das Ziel der 1944/45 begonnenen Versuche war?

Für erheblichen Pressewirbel sorgte im März 1957 Diebners Ankündigung, die Fusion von leichten Elementen geschafft zu haben. Gegenüber der Presse sprach er nur von einer friedliche Nutzung der Kernenergie.

Seine Experimente hatten jedoch auch einen militärischen Hintergrund. Mittels einer konvergenten Stoßwelle in einer Hohlladungsanordnung wollte Diebner eine explosive thermonukleare Reaktion erzeugen, also eine Bombe zünden.“ (Petermann, a.a.O., auch hier bitte die Anmerkungen einiger Fußnoten im Original nachprüfen).

Auf der Homepage von Heiko Petermann finden sich zahlreiche Dokumente zum Nachlesen, siehe hier. Außerdem auf dieser Seite eine Themen-Übersicht.

 Spurensuche mit Bodenproben

Um eine thermo-nukleare Explosion nachzuweisen, hatte Karlsch Bodenproben entnehmen und untersuchen lassen.

Maier (siehe oben) schreibt dazu: „Wenn tatsächlich ein nukleares Ereignis stattgefunden hat, müssen sich heute noch vor Ort Spaltprodukte ausfindig machen lassen. Karlsch ließ Bodenproben analysieren. Uwe Keyser (Physikalisch-Technische Bundesanstalt) bestätigte das Vorhandensein teilweise drastischer Isotopenanomalien, die zu keinem bekannten nuklearen Ereignis passen und für die Tschernobyl als Ursache ausgeschlossen werden kann. Insgesamt fünf Physikprofessoren meinen, dass in Ohrdruf Spuren eines nuklearen Ereignisses vorhanden seien.“

In der Faz vom 14. März 2005 heißt es dazu:Immerhin, auch dort fanden sich Uran, Plutonium und zudem das Spaltprodukt Cäsium-137. „Dabei können wir ausschließen, daß es sich um den Fallout des Reaktorunfalls von Tschernobyl handelt“, sagt Dirk Schalch von der Universität Gießen, der an den Messungen beteiligt war. „Das Bundesamt für Strahlenschutz hat Erhebungen über die Verteilung von Tschernobyl-Cäsium gemacht, und da liegen wir an einigen Stellen eben drüber – und zwar deutlich.“

Aber die Forscher stießen noch auf etwas anderes: Kobalt-60, das bei der Einwirkung von Neutronen aus Spaltreaktionen auf Eisen oder Stahl entsteht. Zusammen mit den Cäsium-Werten läßt das für den Kernchemiker Reinhard Brandt von der Universität Marburg nur einen Schluß zu: Es kann sich nicht einfach nur um eine „schmutzige Bombe“ gehandelt haben, also um einen Sprengsatz, der neben Splittern auch radioaktives Material durch die Gegend schleudert.

„Während der Explosion sind auch deutlich Kernreaktionen mit Energiefreisetzung abgelaufen“, wird Brandt von Karlsch zitiert – eine Einschätzung, die der Marburger Wissenschaftler auf Nachfrage bestätigt.“ Weiter heißt es dort: „Tatsächlich wurden die Gießener Ergebnisse durch separate Messungen der Gruppe um Uwe Keyser von der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt in Braunschweig bestätigt. Keyser verfügt über Meßgeräte zum Nachweis geringster Spuren gammastrahlender Isotope, die zu den besten der Welt zählen. „Es kann sich nicht um Unsinn handeln“, sagt Keyser, „da sprechen die Isotope eine klare Sprache. Wie und wann die dahingekommen sind, kann ich derzeit natürlich nicht sagen.“ So kann er nicht ausschließen, daß das radioaktive Material aus der Nachkriegszeit stammt.“

Über diese Analysen schreibt die PTB am 21. März 2005: „Zu einem vorläufigen Befund kommt der PTB-Physiker Prof. Dr. Uwe Keyser nach ersten Testmessungen, die er im Neutronenstrahl am Forschungsreaktor in Geesthacht durchgeführt hat: Die Bodenproben enthalten die chemischen Elemente (genauer: Isotope) Uran-235 und Lithium-6. Solche Isotope werden beispielsweise für den Bau von Kernwaffen (Spaltungs- oder Fusionsbomben) benötigt, kommen aber auch in geringen Konzentrationen in der Natur vor. Grund genug, diese Proben in den kommenden Monaten sehr genau unter die Lupe zu nehmen. Uwe Keyser legt jedoch Wert auf die Feststellung, dass die vorliegenden Informationen keine Aussagen über eine mögliche Kernexplosion am Fundort erlauben.“

Weiter erläutert die PTB: „Der bisherige Weg im Einzelnen: Anfang Februar 2005 wurden – mit Genehmigung und unter Aufsicht der Bundeswehr – in Ohrdruf offiziell Bodenproben entnommen. In versiegelten Gläsern kamen, auf Wunsch des ZDF, diese Proben und weitere, die bereits früher von der Bundeswehr aus größerer Bodentiefe entnommen worden waren, Anfang März in die PTB. Am Dienstag, 15. März, konnte Uwe Keyser dann in Geesthacht, wo kurzfristig ein Messplatz zur Verfügung stand, die erste Testmessung mit der Methode der Prompt-(n-Gamma)-Spektrometrie durchführen: Eine der Bodenproben wurde einem Neutronenstrahl ausgesetzt und die „Antwort der Probe“ in einem Gamma-Spektrometer aufgefangen. In diesem Gamma-Spektrum hinterlassen alle Bestandteile der Probe einen charakteristischen Fingerabdruck – eine oder mehrere Linien des Spektrums stehen eindeutig für ein spezifisches Isotop. Sieht man genauer hin, zoomt man also in einen Teil des Spektrums hinein, dann wird aus jeder Linie eine Berg- und Talfahrt – jede Linienspitze ein Berggipfel. Die dabei von jedem Berg umschlossene Fläche ist ein Maß für die Menge eines Isotops, das in der Probe enthaltenen ist. „Aber“, so Uwe Keyser, „quantitativ können wir noch keine Aussagen machen. Wir wollten nur erst einmal sehen, ob überhaupt etwas da ist.“ Und „etwas“ war da, nämlich – neben hunderter anderer Linien – die typischen Fingerabdrücke von Uran-235 und Lithium-6. Eine zweite Probe, der auf dieselbe Weise ihr Gamma-Fingerabdruck entlockt wurde, gab qualitativ das gleiche Resultat.

Diese ersten Testmessungen geben der PTB den Startschuss für das volle Messprogramm: von chemischen Analysen bis zu kernphysikalischen Untersuchungen hinsichtlich aller radioaktiver Stoffe. Vor allem kommt es jetzt auf quantitative Aussagen an. Erst diese werden klären, ob die Menge der in den Proben enthaltenen Isotope noch in der Bandbreite der natürlichen Variation liegen – oder eben nicht. Die Ergebnisse werden mit Spannung erwartet.“

Am 15. Juni 2006 – also über ein Jahr später – legte die Bundesanstalt schließlich ihren Abschluss-Bericht über die Proben aus Ohrdruf vor: „Bodenproben aus dem dortigen Gebiet – heute ein Truppenübungsplatz der Bundeswehr – wurden in den letzten Monaten von der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB) im Auftrag des Zweiten Deutschen Fernsehens (ZDF) untersucht. Die Ergebnisse der Radionuklidanalysen liegen jetzt vor. Die Messwerte geben keinen Hinweis, dass andere Quellen als der Fallout oberirdischer Atombomben-Tests in den 1950er/1960er Jahren und der Reaktorunfall in Tschernobyl im Jahr 1986 für die Bodenkontaminationen verantwortlich sind. Insgesamt zeigen die PTB-Messergebnisse für eine Kernexplosion „keinen Befund“. Die Thesen des Historikers Karlsch ließen im vergangenen Jahr auch das ZDF hellhörig werden. Bodenproben vom Truppenübungsplatz Ohrdruf wurden daher der PTB übergeben, um diese auf ihre Kontamination mit Radionukliden untersuchen zu lassen. Denn eine Kernexplosion, wann immer sie stattgefunden hat, könnte sich auch heute, angesichts der langen Halbwertszeiten gewisser Radionuklide, noch nachweisen lassen. Insgesamt acht Bodenproben wurden daher in den Laboratorien der PTB nach allen Regeln der Messkunst untersucht.“ Im weiteren beschreibt die PTB ihr Vorgehen bei den Meßungen, bevor sie zu dem abschließenden Satz kommt: „Ein wissenschaftlicher Gegenbeweis zum behaupteten Kernwaffentest am Ende des Zweiten Weltkriegs kann aber weder mit dieser noch irgendeiner anderen Stichproben-Analyse erbracht werden. Eine endgültige Bewertung der historischen Zusammenhänge ist damit weiterhin offen.“

Interessant ist: Von den anfänglichen „Verdachtsmomenten“, die Uwe Keyser im März 2005 darlegte, ist in der Pressemitteilung im Sommer 2006 nicht mal mehr die Rede. Uwe Keyser wird nicht einmal mehr erwähnt. Ebenso wenig ist von den Forschungsreaktoren in Geesthacht die Rede. Für „eine Kernexplosion“ gäbe es „keinen Befund“, so die PTB. Schon weiter oben ist darauf hingewiesen worden, dass es sich bei der Explosion in Ohrdruf nicht um eine Atombombe im heutigen Verständnis gehandelt hat und eher auf einer Fusion beruhte.

Rainer Karlsch und Heiko Petermann reagieren auf den Abschlussbericht  durch die PTB mit einer Stellungnahme. Sie verweisen auf den Unterschied zu den Atomwaffen, in dem sie die Explosion in Ohrdruf mit der heutigen Bezeichnung „Mini-Nukes“ charakterisieren. Weiter oben ist bereits dargelegt worden, dass im Zusammenhang mit den Atom-Forschungen in Nazi-Deutschland auch von „Baby-Bomben“ die Rede war. „Diese (Mini-Nukes) und nichts anderes wurden offensichtlich in Deutschland 1944/45 entwickelt und getestet. Ein Nachweis der für den Bau solcher Waffen notwendigen geringsten Mengen von ca. 100 g Spaltstoff dürfte sehr schwer sein. Trotzdem gab es auf dem Truppenübungsplatz Ohrdruf signifikante Messungen.“ Die beiden Autoren verweisen auf weitere Unterlassungen in der Erklärung der PTB, z.B. zu Vorort-Messungen im Beisein von Uwe Keyser, dem ZDF, der Bundeswehr (Hptm. König etc..). Ebenso wenig wurde darauf verwiesen, dass das eigentliche Testgebiet nicht begangen werden konnte und Proben eigentlich in größerer Tiefe hätten gezogen werden müssen, als zu dem Zeitpunkt möglich. Außerdem bleibt unerwähnt, dass „seit dem Februar 2005 keinerlei neue Proben entnommen wurden, wie dies ursprünglich geplant war“.

Adenauer, die Atombombe und Nazi-Forscher

Über die Absichten der Adenauer-Regierung und des Atom- und späteren Verteidigungsminister Franz-Josef Strauß, Zugriff auf die Atombombe zu bekommen, gibt es inzwischen immer mehr Belege.  So berichtet DIE ZEIT in einem Artikel unter der Überschrift „Adenauers Griff nach der Atombombe“ ausführlich über die Bemühungen der damaligen Bundesregierung und Adenauers: „Schon im September (1956) erklärte er in einer Sitzung des CDU-Bundesvorstandes, es sei „unerträglich, wenn zwei große Staaten in der Welt allein im Besitz von nuklearen Waffen sind und damit das Schicksal der Völker dieser Erde in der Hand haben“. Und es war ein deutliches Zeichen für das In- und Ausland, als er am 16. Oktober 1956 den bayerischen Politiker Franz Josef Strauß, bis dahin Atomminister, zum neuen Bundesminister der Verteidigung ernannte. Strauß wurde bald zum Inbegriff ungezügelten deutschen Dranges nach Atomwaffen, und mit markigen Sprüchen tat er wiederholt sein Bestes, um diesen Ruf zu festigen. Aber Strauß war zweitrangig. Motor des deutschen Griffes nach der Bombe war der immer so zivil und beherrscht auftretende Doktor Adenauer“.

In der Kabinettssitzung am 19. Dezember 1956 ließ Adenauer keinen Zweifel mehr an seinem Vorhaben. Mit Blick auf die Abhängigkeit von den USA gegenüber der Sowjetunion macht Adenauer laut Zeit klar:  „Es müsse also gefordert werden“, so wird der Kanzler im Protokoll zitiert, „die Aufstellung der Bundeswehr beschleunigt durchzuführen, eine Zusammenfassung Europas voranzutreiben und nukleare Waffen in der BRD herzustellen.““

Das waren nicht nur Reden, sondern es wurde konkret verhandelt. Die Zeit berichtet weiter: „Schon am 18. Januar 1957, also noch vor den Römischen Verträgen, konnten Verteidigungsminister Strauß und sein Kollege Jacques Chaban-Delmas eine Rahmenvereinbarung unterzeichnen. Zu diesem Zweck trafen sich die beiden diskreterweise in der Wüste, im algerischen Colomb-Béchar. Geplant wurden gemeinsame Rüstungsprojekte in der Raketen- und Nukleartechnik. Frankreich hatte sich zwar im Prinzip schon zum Bau einer eigenen Atombombe entschlossen, war damit aber noch nicht weit gekommen. Wenn man nicht, wie Großbritannien, Zugang zu den technischen Erkenntnissen der Amerikaner bekam, waren Atombomben nämlich sehr teuer, eigentlich zu teuer für Frankreich, aber da konnte eben die finanzstarke Bundesrepublik einspringen.“ Und weiter: „Eine Woche später unterzeichneten die Verteidigungsminister der Bundesrepublik, Frankreichs und Italiens ein erstes Geheimprotokoll, im Januar 1958 setzten sie ein gemeinsames Direktionskomitee ein, und im Februar einigten sie sich auf den Bau einer Isotopentrennanlage in Pierrelatte. Frankreich und die Bundesrepublik sollten je 45 Prozent bezahlen, Italien zehn Prozent beisteuern. Im März folgte noch ein Abkommen zur Gründung eines Instituts für Raketenforschung.“

Auch in dem Buch „Frankreich und die Nukleardebatte der Atlantischen Allianz 1956 – 1966“ von Burkard Schmitt wird über die Geheimgespräche und -Verträge berichtet. Mit Blick auf die bereits erwähnte Urananreicherungsanlage in Pierrelatte heißt es in der Fußnote 131 u.a.: „Nach Darstellung des damaligen deutschen Verteidigungsministers wiederum wäre das in Pierrelatte erzeugte Uran 235 entsprechend der finanziellen Kontribution zwischen den Partnern aufgeteilt worden, Vgl. Strauß, die Erinnerungen, S. 313. Nach Hans-Peter Schwarz wäre ein Teil der gemeinsam produzierten Sprengköpfe in den Besitz der Bundesrepublik übergegangen, aber zumindest in Friedenszeiten in Frankreich stationiert worden. Vgl. Schwarz, die Ära Adenauer, 1957-1963, S. 97“

An dem Bau der Anlage in Pierrelatte war Deutschland schließlich nicht beteiligt. Die Pläne scheiterten u.a. daran, dass in Frankreich Anfang 1959 De Gaulle zum neuen Präsidenten wurde, der in Sachen Atomwaffen auf eine rein französische Lösung setzte. (Zur Urananreicherung siehe unter dem Text noch einige Hinweise!)

Diese Darstellungen machen deutlich, dass in der jungen Bundesrepublik ein intensives Interesse an der Atomenergienutzung bestand, militärisch ebenso wie in Sachen der Energieerzeugung. Dabei spielten auch die Forschungen und Entwicklungsarbeiten aus Nazi-Deutschland eine wichtige Rolle.

In dem oben bereits erwähnten Beitrag von Heiko Petermann wird nun eine Verbindung zwischen Diebner und dem Verteidigungsministerium unter F.J. Strauß beschrieben:Ausgerechnet 1957 nahm er das Angebot des Verteidigungsministers Franz Josef Strauss an, als Regierungsdirektor im Verteidigungsministerium zu wirken. Diebner schied allerdings nach nur knapp einem Jahr wieder aus dem Verteidigungsministerium aus.

Es war die Zeit, während der in Deutschland eine erregte öffentliche Diskussion um die Aufrüstung der Bundeswehr mit Atomwaffen geführt wurde. Adenauer wunderte sich in einer Presseerklärung vom 5. April 1957 über die heftige öffentliche Kontroverse und versuchte seine Politik zu verteidigen: „Die taktischen Atomwaffen sind im Grunde nichts anderes als eine Weiterentwicklung der Artillerie“.“

Ein Jahr später verließ Diebner „das Verteidigungsministerium und meldete weitere Patente an, z.B. ein „Verfahren zur Herstellung hoher Temperaturen und hoher Drücke“. Zu seiner Ehrenrettung muss allerdings auch gesagt werden, dass für ihn die zivile Nutzung der Atomenergie vor der militärischen Nutzung stand.

Kurz vor seinem frühen Tod verfasste Diebner 1962 eine Art Resümee seiner Forschungsarbeit „Fusionsprozesse mit Hilfe konvergenter Stoßwellen – einige ältere und neuere Versuche und Überlegungen“. In dem Artikel bestätigt er sprengstoffgetriebene Fusionsversuch mit kleinen Kugelanordnungen in den Jahren 1943/44. Diese seien aber gescheitert.

Anschließend erwähnt er eine Anordnung mit mehreren sprengstoffgetriebenen Kugelschalen und kleinen Mengen Spaltstoffen. War dies das Konstruktionsprinzip der Bombe, die in dem sowjetischen Spionagebericht vom März 1945 beschrieben wurde und die Schumann nach dem Krieg erwähnte? Zumindest haben wir Parallelen zu den mehrfach berichteten Experimenten mit Kugelschalen.

Bemerkenswert ist in Diebners Artikel der erstmalige Hinweis auf die Überlegung, Spaltstoffe zu verwenden. Dieser Hinweis wird in allen anderen Publikationen ausgelassen und fehlt auch in den diversen Patentanmeldungen. Statt der Kugelanordnungen weist Diebner auf Versuche mit den besser geeigneten (zylindrischen) Hohlladungsanordnungen hin.“ ….Diebner gibt aber noch ein weiteres interessantes Detail preis „…hatten die ersten Versuche mit konzentrierten Gasentladungen unter Ausnutzung des Pinch-Effektes in kleinen Raumbereichen hochionisierte Plasmen mit Temperaturen von der Größenordnung Millionen Grad K geliefert.“ Dies sind aber genau jene Temperaturen, unter denen Fusionsreaktionen im Lithiumdeuterid stattfinden, von denen Schumann und Hajek schreiben, und ohne die ‚Baby-Bomben’ oder besser Mininukes nicht funktionieren würden. Diebner spricht auch von der magnetischen Kompression als Hilfsmittel u.a., doch dies würde zu sehr ins Detail von Kernwaffenkonstruktionen führen, für die es doch mehr als nur den einen Weg über die „kritische Masse“ gibt.“ (Petermann, die Fußnoten sind hier nicht wiedergegeben, bitte im Original nachschlagen).

Nach weiteren Darlegungen stellt Petermann fest: „Mit dem offiziellen Verzicht auf atomare Bewaffnung Deutschlands endete die Forschung zu Nuklearwaffen nicht gänzlich. Dies belegt ein Bericht des Bundesverteidigungsministeriums von 1972 „über die sprengstoffgetriebene Implosion gasgefüllter metallischer Hohlkörper“. Die Literaturliste verweist auf weitere deutsche Arbeiten aus jenen Jahren und nimmt insbesondere Bezug auf eine unveröffentlichte theoretische Arbeit von Walter Trinks aus dem Jahre 1943 „Über ein Verfahren zur Erzeugung höchster Drücke und Temperaturen“. Unter Bezug auf diese Arbeit kommt der Autor des Berichtes zu dem interessanten Schluss „dass mit einer Hohlkugel von 1 m Durchmesser eine Temperatur von ca. 4 Mio. Grad bei einem Druck von 250 Mio. atm erreichbar sein müsste. Nach Bild 24 wäre für diese Temperatur ein minimaler Innenradius von ca. 3,5 mm zu erreichen, ein durchaus realistischer Wert.“

Äußerst interessant in seiner abschließenden Einschätzung ist ein Untersuchungsbericht der Hauptabteilung XVIII der Staatssicherheit der DDR (Anmerk.: Absicherung der Volkswirtschaft, Sicherung der Einrichtungen der Rüstungsforschung und Rüstungsproduktion, …) aus dem Jahre 1987. Darin wird die militärische Forschung zu thermonuklearen Sprengkörpern in der Bundesrepublik zusammengefasst und insbesondere vor der Gefahr terroristischer Anwendung gewarnt,.“…steigt die Gefahr, dass terroristische Gruppen sich neuer, unauffälliger und mit großen Effekt anzuwendender Terrormittel bedienen wollen.“. (Petermann, Fußnoten bitte im Original nachschlagen).

Zahlreiche weitere Fakten und Berichte finden sich in dem Online verfügbaren Vorwort zu „Für und Wider „Hitlers Bombe““.

Bereits vor 1955 sind zahlreiche Atom-Fachleute mit dem Aufbau unterschiedlicher Forschungsanlagen beschäftigt. Nicht nur politisch, sondern auch konkret werden in vielen Regionen und unter maßgeblicher Beteiligung auch ehemaliger Forscher aus dem Dritten Reich, aktiv die Voraussetzungen geschaffen, um möglichst schnell wieder in der Atomforschung den Anschluss an die internationale Entwicklung zu schaffen. Ab 1955/56 entstehen die ersten Atomforschungszentren und nehmen die Arbeit auf. Offiziell um die zivile Nutzung der Atomenergie zur Energieerzeugung voranzutreiben. Aber zahlreiche Projekte sind kaum von militärischen Anwendungszwecken abzutrennen. Und das macht es auch möglich, hinter offiziellen Darstellungen ganz andere Dinge als behauptet zu betreiben. Darüber wird an dieser Stelle künftig weiter berichtet.

Vorläufiges Zwischenergebnis

Die Darlegungen und Ausführungen in diesem Text zeigen die heutige Fülle der Forschungen und Kenntnisse über die frühen Entwicklungen der Atomenergie mit Blick auf die militärische Nutzung in Nazi-Deutschland und danach. Dennoch werden viele Fragen erst beantwortet werden können, wenn die Archive in aller Welt geöffnet und Materialien einsehbar werden. In der Frage des Atomprogramms der Nazis dürften zahlreiche Kenntnisse noch in Archiven der USA, in Frankreich und der ehemaligen Sowjetunion lagern. Nur in Einzelfällen werden daraus Materialien veröffentlicht bzw. gefunden. Damit sind nicht nur Materialien gemeint, die die Alliierten bei der Befreiung vorfanden, beschlagnahmten und nach Hause schickten. Auch Berichte der jeweiligen Geheimdienste wären hier zu nennen.

Zahlreiche Aspekte und Zusammenhänge sind in diesem Text nicht dargestellt. Viele der hier genannten Links sollen nicht nur als Beleg dienen, sondern auch als Einladung, sich weitergehend mit der dargestellten Problematik auseinander zu setzen.

Die bisherigen Darstellungen zeigen die intensiven Arbeiten an der Atomenergie in Nazi-Deutschland auf, die unter erheblichen Problemen und vielen kriegsbedingten Ursachen zu „leiden“ hatten. Festzuhalten bleibt: Immer mehr verdichten sich die Hinweise, dass Deutschland im Dritten Reich enorme Kenntnisse nicht nur im Bereich der Grundlagenforschung erzielt hatte, sondern auch in vielfältiger Weise konkrete Schritte zur praktischen Umsetzung entwickelt hatte. Allerdings sind diese in vielen Fällen aufgrund der Mangelwirtschaft zum Ende des Zweiten Weltkriegs bis zur Kapitulation in den meisten Bereichen nicht erfolgreich abgeschlossen.

Das Buch von Karlsch hat nicht nur eine heftige und sinnvolle Debatte ausgelöst. Es gab viele Reaktionen, die das Buch und den Autor in den Sumpf von Verschwörungstheorien stecken wollten. Über 60 Jahre nach den von Karlsch untersuchten Ereignissen gab es teilweise eine mehr als nur wütende Reaktion (siehe dazu bei Petermann hier und hier). Die Frage muss gestellt werden dürfen: Was gibt es noch zu entdecken über die Nazi-Forschung an der Atombombe und den weiteren Entwicklungen in den folgenden Jahren?

Dirk Seifert, Mai 2013

Weitere Hinweise und Aspekte über die Arbeiten und Bedingungen in Nazi-Deutschland zum Thema Atombombe

In Nazi-Deutschland wurden diverse Verfahren zur Urananreicherung entwickelt und erforscht. Dokumente dazu finden sich z.B. auf der Homeapge des Deutschen Museums im Original unter dem Titel: „Trennung der Uranisotope“ (1942)   oder auch „Isotopentrennung Präparat 38“ (1941). In dem Bericht von 1942 wird bereits über die Vorzüge der Anreicherung per Zentrifuge geschrieben. Außerdem wird in dem Bericht von 1941 die Arbeit mit Uranhexafluorid beschrieben.

Der Spiegel berichtet in einem mehrteiligen Artikel unter der Überschrift „So groß wie eine Ananas“ über den „Wettlauf um die Atombombe im Zweiten Weltkrieg“: „Professor Paul Harteck und Dr. Wilhelm Groth zogen mit ihrer kostbaren Ausrüstung, einer Ultrazentrifuge, erst nach Freiburg und dann nach Celle, in eine Spinnerei für Fallschirmseide.“ (In dem Artikel wird auch auf Thorium hingewiesen: „Die Deutschen hatten Frankreichs Thorium-Vorräte requiriert — (Thorium ist ein uranähnliches, gleichfalls radioaktives Schwermetall).“) Und: „In Straßburg arretierten die Männer der „Alsos“-Mission auch den. Professor Rudolf Fleischmann, der an Verfahren zur Trennung des Uranisotops 235 gearbeitet hatte.“

Auch Erich Bagge, der zum Uranverein gehörte und mit Diebner zu tun hatte, hat sich mit der Urananreicherung befasst: „Zwischen 1941 und 1943 entwickelte er die Isotopenschleuse, ein Gerät zur Anreicherung von Uran. Diese meldete er im März 1942 zum Patent an (dabei half ihm Erich Habann)“, heißt es bei Wikipedia. Zur Anreicherung von Uran 235 ist dort außerdem zu lesen: „Arbeiten dazu wurden von Wilhelm Walcher in Kiel und der Gruppe Josef Mattauch am Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie durchgeführt. Einen Vorschlag zu einer effizienten Uran-Anreicherung hatte 1942 der Physiker Heinz Ewald vom Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie [5] unterbreitet. Er schlug eine „Atomumwandlungsanlage“ vor, eine Art Massenspektrometer, in dem ionisierte Uranatome in einem elektrischen Feld beschleunigt und anschließend in einem ringförmigen magnetischen Feld anhand der Unterschiede der Massenzahlen getrennt werden (siehe Abb. 97 in [6]). Manfred von Ardenne, der in Berlin-Lichterfelde das Forschungslaboratorium für Elektronenphysik leitete, griff die Idee auf und baute einen Prototypen [7]. Er wurde mit diesem Vorhaben von dem Leiter des Reichspostministeriums Wilhelm Ohnesorge unterstützt. Diese Trennanlage ähnelt dem Zyklotron, das mit den Mitteln der Reichspost schließlich 1943 bei Miersdorf fertiggestellt wurde. Auf dem Gelände eines Luftwaffenstützpunktes bei Bad Saarow wurde ein Ringbunker gefunden, der der Zyklotron-Halle in Miersdorf entspricht. Ob diese Anlage eine großtechnische Ausführung des Isotopenseparators enthielt, kann nur vermutet werden [8]. Es kam aber in Deutschland nie zur Isotropentrennung von Uran in größerem Stil wie die Hunderte von Calutrons im Rahmen des Manhattan-Projektes.[4]

1988 schreibt der Spiegel unter der Überschrift: „Übers Plutonium kann man was machen. Die Bemühungen deutscher Physiker im Zweiten Weltkrieg, eine Atombombe zu bauen: Am 26. Februar 1942 tritt Heisenberg vor den Reichsforschungsrat ans Podium. Das Referat, das er hält, bleibt moderat und stellt, sachlich korrekt, die Unwägbarkeiten der Meilerforschung in den Vordergrund. Noch sei man weit von einer selbsttätigen Kettenreaktion entfernt. Versuche mit kleinen Substanzmengen seien „von vornherein unzureichend“ für weitergehende Prognosen. …

Kühl doziert er über die Schwierigkeiten bei der Gewinnung atomaren Sprengstoffs und lenkt dabei die Aufmerksamkeit auf die für ihn abwegige Isotopentrennung: „Ein großer Teil der Arbeitsgemeinschaft des Heereswaffenamtes ist dem Problem der Anreicherung beziehungsweise der Reindarstellung des Isotops U 235 gewidmet. Auch die amerikanische Forschung scheint diese Arbeitsrichtung mit besonderem Nachdruck zu betreiben.“

Auch die Plutonium-Alternative spricht er an, doch scheint sie aufgrund der erwähnten Schwierigkeiten beim Auslösen einer Kettenreaktion in weite Ferne gerückt. Das Wort Bombe fällt an keiner Stelle. Statt dessen beschreibt Heisenberg mit plastischen Worten, wozu so ein kleiner Uranbrenner sonst noch alles taugen könnte: zum „Heizen von Dampfturbinen“, als Antriebsaggregat von Fahrzeugen und Schiffen, und weil ein Kernreaktor keinen Sauerstoff verbraucht, wäre das „bei der Verwendung in U-Booten ein besonderer Vorteil“.

… Diebners Zusammenfassung ist wesentlich zielstrebiger. Sein Forschungs-Dossier, das er den Tagungsteilnehmern vorlegt, fordert einen „bedeutenden Einsatz von Mitteln“. Auf 131 Seiten wird die „ungeheure Bedeutung“ der Kernforschung angemahnt und für beide Bereiche der Kernforschung ein Arbeitsprogramm skizziert:

–        Forcierung der Isotopentrennung, da sie „grundsätzlich durchführbar“ sei.

–        Beschaffung von knappen Materialien, vor allem von schwerem Wasser.

–        Bau einer Meiler-Versuchsanlage und Prüfung einer „wehrtechnischen Verwendung“ dieser Anlage, auch wenn diese Alternative nur „theoretisch“ zu einem Sprengstoff führe.“

Außerdem heißt es in dem Spiegel-Artikel: Durch den Überfall auf Belgien sind den Deutschen 3500 Tonnen Uranerze aus Minen in Belgisch-Kongo in die Hände gefallen – das größte Vorratslager der Welt. Die Schwerwassererzeugung ist zwar kostenintensiv, aber kein prinzipielles Problem. Die Meiler-Anordnung vom August 1941 weist eindeutig in Richtung Kettenreaktion. Die Theorie der Transurane ist in den Grundzügen erforscht und in ihrer Bedeutung erkannt.“

Für die Forschung und Entwicklung brauchte es Uran: Dazu gab es u.a. die Auer-Werke bei Berlin, die nach der Besetzung zum Beispiel Uranerz aus der Tschechoslowakei beschafften und verarbeiteten (siehe dazu auch Die Atombombe kam aus Deutschland – Ein Bericht von RBB) .

Ein großes Problem stellte die Erzeugung und Beschaffung von schwerem Wasser dar, das für viele Experimente unbedingt erforderlich war. Im Deutschen Reich gab es keine Möglichkeiten, dieses mit hohem Energieeinsatz unter Kriegsbedingungen herzustellen. Es wurde aus dem besetzten Norwegen beschafft. (Partisanen sprengten Transporte nach Deutschland und alliierte Flieger sprengten schließlich die Fabrik. (siehe hier Spiegel und auf Wikipedia)).

Auch zahlreiche andere Aspekte und Forschungsbereiche bleiben hier ungenannt. Zu nennen ist hier vor allem auch die Forschung und Entwicklung von Reaktoren, die sowohl die Energieerzeugung als auch die Gewinnung von Plutonium zum Ziel hatten (So ist erst vor wenigen Jahren bekannt geworden, dass der als „Bremser“ bekannte Carl Friedrich von Weizsäcker bereits 1941 einen – wie die Welt schreibt „Patentanspruch für Hitlers Plutoniumbombe“ verfasst hatte. Dabei handelte es sich um „ein „Verfahren zur explosiven Erzeugung von Energie und Neutronen aus der Spaltung des Elements 94“. „Dieser Sprengstoff“ – so heißt es – „würde an frei werdender Energie pro Gewichtseinheit jeden anderen rund zehn Millionen mal übertreffen“. Als Erfinder der Plutoniumbombe sollte gegenüber dem Münchner Reichspatentamt „Herr Dozent Dr. Carl Friedrich von Weizsäcker“ geltend gemacht werden.“ Siehe dazu hier).

Weitere spannende Fragen stellen sich bis heute: So hat der Parlamentarische Untersuchungsausschuss zum Atommüll-Desaster in der ASSE II auch Hinweise erhalten, dass der Nazi-Atommüll möglicherweise dort eingelagert worden ist. Siehe dazu hier auf umweltFAIRaendern.

Einen Überblick über die Forschung in Nazi-Deutschland findet sich auch hier: Entwicklung der Atombombe in Deutschland von  Prof. Jürgen Eichler, TFH Berlin. (Am Ende ist auch eine Bewertung des Buches von Karlsch, die man schon wegen der Kürze und fehlenden Belege für die dort eher „abfällige Behandlung“ als wissenschaftlich unseriös bezeichnen darf.)

Hinweis: Verzeichnis der Geheimberichte aus der Zeit von 1939-45 zur deutschen Kernforschung im Stadtarchiv Haigerloch: Das Stadtarchiv Haigerloch besitzt Kopien von Originalarbeiten zur deutschen Kernforschung in der Zeit von 1939 bis 1945. Diese wurden uns von Prof. Bagge überlassen. Dort ist ein Inhaltsverzeichnis einzusehen.

Siehe auch: Elisabeth Kraus, Von der Uranspaltung zur Göttinger Erklärung – Otto Hahn, Werner Heisenberg, Carl Friedrich von Weizsäcker und die Verantwortung des Wissenschaftlers, 2001.

Siehe auf umweltFAIRaendern auch: Atomforschungsanlage GKSS – Forschung an der Atombombe?

Atommülllager ASSE: Strahlenschrott aus der Nazizeit und militärisches Erbe?

Die Atombombe kam aus Deutschland – Ein Bericht von RBB

 

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