Plutoniumfabrik Dounreay: Strahlende Strände und deutscher Atommüll.

dounreay Beach © Plattbridger
Verstrahlter Strand: Radioaktive Hotspots und deutscher Atommüll im schottischen Dounreay. © Plattbridger

Dounreay im äußersten Norden von Schottland. Einer der dreckigsten Atomstandorte der Welt. Die Strände sind verstrahlt, seit Mitte der 90er Jahre werden radioaktive Hotspots gefunden. Kleine Teilchen, die hochgradig strahlen. Teilchen, die möglicherweise auch aus der Aufarbeitung von hochradioaktiven Brennelementen aus deutschen Atomforschungsreaktoren stammen. Zwischen 1992 und 1996 wurde in der Plutoniumfabrik in Dounreay der Strahlenmüll aus diesen Reaktoren wiederaufgearbeitet. Der gesamte Atommüll aus dieser Aufarbeitung lagert noch dort,  muss aber von Deutschland zurück genommen werden. Dass soll bald passieren, aber ganz anders als gedacht. Der Müll wird „geswapt“, verwandelt sich von viel leichtaktiv zu weniger hochradioaktiv und wird nicht aus Dounreay sondern aus Sellafield kommen. Eine komplizierte Geschichte aus der unendlichen Serie ungelöster Atommüllprobleme.

Immer wieder tauchen diese radioaktiven Hotspots an der Küste von Dounreay auf, auch unter Wasser in der Nähe der Küste. Von den Unmengen radioaktiver Ableitungen in die Nordsee ist hier gar nicht die Rede. Warnschilder entlang des Küstenvorlandes weisen auf radioaktive metallische Partikel hin, erklären, dass man diese nicht mit den Augen erkennen könne und dass man besser weder Sand noch Steine einsammeln sollte. Atomare Hinterlassenschaften der besonderen Art – verstrahlt mit deutscher Unterstützung.

Vor allem der hochgiftige Bombenstoff Plutonium war jahrzehntelang das Hauptgeschäft der Atomanlagen in Dounreay. Jahrelang wurden hier schnelle Brüter getestet und eine Wiederaufarbeitungsanlage betrieben. Dounreay gehört zum militär-zivilen Kernbereich des britischen Atomprogramms zwischen Atomwaffen, Stromerzeugung und atomar angetriebenen U-Booten. Jahrzehntelang wurde der Umgang mit den radioaktiven Abfällen nicht sonderlich ernst genommen (Spiegel 1997). Anfang der 2000er sind die Anlagen schließlich aus „wirtschaftlichen“ Gründen stillgelegt worden (Die Zeit). Nicht nur in Dounreay, auch in Windscale/Sellafield zeigt sich, wie leichtfertig die britische Regierung mit dem Atommüll hantierte.

Return to sender: Deutscher Atommüll aus Schottland

In dieser Plutoniumfabrik ließen die deutschen Forschungsreaktoren jahrelang ihre hochradioaktiven Brennelemente aufarbeiten (siehe dazu unten). Dazu mussten sie sich verpflichten, auch die radioaktiven Abfälle die dabei entstehen, zurück zu nehmen. In einem Bericht (PDF) aus dem Jahr 2012 teilt das Bundesamt für Strahlenschutz mit: „Bestrahlte Brennelemente aus deutschen Forschungsreaktoren (PTB Braunschweig, TU München, GKSS Geesthacht, HMI Berlin, FZJ und FZK) mit einer Gesamtmenge von ca. 1810 Mg wurden zur Wiederaufarbeitung in die britische Anlage in Dounreay, Schottland, verbracht und zwischen 1992 und 1996 aufgearbeitet. Die nach Auflösung in Salpetersäure entstandenen flüssigen Abfälle werden in Dounreay durch UKAEA mittels Zementierung konditioniert. Diese zementierten Abfälle müssen nach Deutschland zurücktransportiert werden.“

Klingt einfach, ist es aber nicht. Wie das ganze mit den Rücktransporten laufen sollte, hatten Marion Tholen und Wilhelm Bollingerfehr von der DBE in einer „Vorstudie über die Rückführung der Wiederaufarbeitungsabfälle von Brennelementen deutscher Forschungsreaktoren aus der WA in Dounreay, Schottland (RETURN)“ (PDF) aufgeschrieben. Die Studie stammt vermutlich aus dem Jahr 2007, eine Datumsangabe fehlt allerdings. Dort berichteten die AutorInnen, dass der flüssige Atommüll in unterirdischen Tanks lagere, aber im Jahr 2008 fertig verpackt sein würde. Zwischen 2018 und 2022 müssten dann die Rücktransporte stattfinden.

Diese strahlenden Abfälle aus Dounreay sollten im Schacht Konrad eingelagert werden. Doch das geplante Atommülllager steht wegen immer neuer Probleme beim Ausbau nicht zur Verfügung. Vor 2024 rechnet auch niemand mehr mit einer Inbetriebnahme. Abgesehen von diesem „kleinen Problem“ war sich das BfS aber offenbar nicht ganz sicher, ob die geplanten Verpackungsmaßnahmen und die zur Abschirmung eingesetzten Behälter auch wirklich ausreichend für eine Lagerung im Schacht Konrad wäre. In der RETURN-Studie hieß es daher: „Das BfS weist im Zusammenhang mit der Freigabe des Ablaufplans u. a. darauf hin, dass die Beurteilung des Verfahrens auf Basis der vorläufigen Endlagerungsbedingungen Konrad erfolgte und dass vor dem Hintergrund einer zukünftigen Einlagerung in ein Bundesendlager weitere Anforderungen an endzulagernde radioaktive Abfälle nicht auszuschließen sind, beispielsweise zusätzliche Deklarationspflichten für langzeitrelevante Radionuklide oder andere wasserrechtlich relevante Stoffe.“

Die Studie zeigt eigentlich, dass es noch jede Menge Probleme mit dem Atommüll aus den deutschen Forschungsreaktoren in Dounreay gibt, bzw. gegeben hat. Die Wissenschaftler waren optimistisch: „In der Vorstudie wurde gezeigt, dass die Rückführung der Abfallgebinde mit zementierten WA-Abfällen aus dem schottischen Dounreay aus technischer und genehmigungstechnischer Sicht prinzipiell machbar ist.“ Gott sei Dank! Dann aber heißt es weiter: „Mit Blick auf die von UKAEA (Berteiber, Anm. UFAE) angekündigte Bereitstellung der Abfallgebinde zum Rücktransport ab dem Jahr 2008 und der erforderlichen Dauer für Entwicklung und Fertigung von Behältern sowie Einholung zugehöriger Genehmigungen wird empfohlen, zügig die notwendigen Entscheidungen hinsichtlich des Standortes für die Zwischenlagerung der Abfallgebinde bis zur Ablieferung an das Endlager Konrad zu treffen. Es sind die Voraussetzungen zur Einholung der erforderlichen Genehmigungen für Beförderung und Lagerung abzuklären. Im nächsten Schritt sollten die technischen Planungen (Konzept- und Entwurfsplanung) für Transport- und Endlagerbehälter begonnen werden. Weiterhin sind konkrete technische und logistische Beförderungsmöglichkeiten zu erarbeiten und die wirtschaftlichste Transportroute zu ermitteln.“

Theoretisch alles lösbar, nur praktisch hat man einfach über ein Jahrzehnt eigentlich nichts vorwärts gebracht. So könnte man das obige auch zusammen fassen.

Alte Pläne – neue Pläne – Atommüll verwandelt sich

Wie gesagt, das – wenn man das so nennen kann – war der Plan! Inzwischen soll es aber alles anders kommen. Seit 2012 wurde der „Plan“ entwickelt, den Atommüll aus Dounreay gegen Atommüll aus Sellafield zu tauschen. Statt einer großen Anzahl von Atommüllbehältern mit mittelradioaktiven Abfällen soll nun lediglich eine hochradioaktive Glaskokille aus Sellafield nach Deutschland gebracht werden. In der Summe hat dieser „Swap“ das gleiche Aktivitäts-Inventar, vermeidet aber zahlreiche Atomtransporte.

Offiziell heißt es, dass die Briten mit diesem Angebot auf die Bundesregierung zu gekommen seien. Dass dieser Vorschlag eine Menge technische und logistische Probleme und vor allem auch weitere Kosten vermeiden dürfte, dürfte der Bundesregierung dabei wunderbar in den Kram passen.

Im Mai 2012 reagiert das Forschungszentrum Jülich auf eine Meldung der Aachener Zeitung mit dem folgenden Statement: „Die zementierten Fässer der deutschen Forschungsreaktoren sollen gegen eine volumenmäßig erheblich kleinere Glaskokille mit entsprechender Aktivität aus der Wiederaufarbeitungsanlage Sellafield (England/UK) getauscht und mit anderen Abfällen eines deutschen Energieversorgers in ein entsprechend genehmigtes Zwischenlager transportiert werden. Es ist nicht vorgesehen, diese Glaskokille in das Forschungszentrum Jülich zu verbringen, da hier keine entsprechenden Lagermöglichkeiten existieren.

Die Verhandlungen über einen „Waste-Tausch“ werden in den kommenden Monaten beginnen, nachdem ein öffentliches Beteiligungsverfahren zum Thema „Waste-Tausch“ in Schottland im Frühjahr positiv ausgefallen ist.“

Atommüll und die Forschungsanlage Jülich:

Online verfügbare Informationen über die Verhandlungen und das Ergebnis gibt es offenbar nicht (??). Aber ein Ergebnis scheint vorzuliegen: Aus den insgesamt rund 86 m3 leicht-radioaktiver Abfälle aus Dounreay ist nun eine Kokille hochradioaktiven Mülls aus Sellafield geworden.

Diese Kokille ist Bestandteil der geplanten Rücktransporte aus Sellafield, die ehemals in das oberirdische Zwischenlager nach Gorleben sollten. Insgesamt 21 Castorbehälter, darunter eben die eine „Austausch-Kokille“ aus dem Deal zwischen den Forschungsreaktoren und der Plutoniumfabrik Dounreay.

Diese „Dounreay-Austausch-Kokille“ soll nun mit den insgesamt 21 ausstehenden Castor-Transporten aus Sellafield nach Deutschland zurückkommen. Wohin genau ist offen. Ein Endlager gibt es nicht und das ehemals vorgesehene oberirdische Zwischenlager in Gorleben soll nicht mehr genutzt werden, um mit der vermeintlich „ergebnisoffenen“ Endlagersuche voran zu kommen.

Entsorgungs-Notstand führte nach Schottland

Dieser ganze Atommüll-Wahnsinn samt verstrahlter Strände ist aus deutscher Sicht zustande gekommen, weil die deutschen Forschungsreaktoren Anfang der 90er Jahre vor dem Aus standen. In den USA, die bislang die bestrahlten Brennelemente aus den deutschen Forschungsanlagen zurück genommen hatten, waren neue Umweltgesetze in Kraft getreten, die zu erheblichen Nachrüstungen führten. Die USA waren einstweilen nicht in der Lage, den Atommüll aus diesen Anlagen anzunehmen. Damit drohte die Abschaltung der Forschungsreaktoren, denn ohne Entsorgungsnachweis kein Betrieb einer Atomanlage, so heißt es klar im Atomgesetz. Vor diesem Hintergrund wurden schließlich die Wiederaufarbeitungs-Verträge mit der Anlage in Dounreay geschlossen.

Die Notlage bestätigt das heutige Forschungszentrum Jülich auch in der erwähnten PM aus dem Jahr 2012: „Wegen fehlender Entsorgungsmöglichkeiten musste das Forschungszentrum Jülich zur Erfüllung der atomgesetzlichen Vorgaben 1992/93 176 abgebrannte Brennstäbe aus den beiden Forschungsreaktoren (DIDO und Merlin) zur Wiederaufarbeitung nach Dounreay (Schottland/UK) bringen. Neben dem Forschungszentrum Jülich haben auch die meisten anderen Betreiber deutscher Forschungsreaktoren ihre abgebrannten Brennstäbe nach Dounreay abgegeben.“

Über den Atommüll-Anteil aus Dounreay für die Jülicher heißt es dort: „Entsprechend der Verträge zwischen der Wiederaufarbeitungsanlage und den Betreibern müssen die in 560l-Fässer einzementierten Wiederaufbereitungsabfälle der deutschen Forschungsreaktoren von Deutschland zurückgenommen werden. Der Anteil der Jülicher Forschungsreaktoren beläuft sich voraussichtlich auf 55 Fässer. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung koordiniert die Aktivitäten zur Rückholung der entsprechenden Abfälle.“

Konflikte um Entsorgungswege

Als die US-Amerikaner schließlich 1996 erklären, künftig den verbrauchten Brennstoff wieder anzunehmen, kommt es offenbar zu Auseinandersetzungen unter den Forschungseinrichtungen. Mit dem neuen Forschungsreaktor in Garching kommt es nach einem Spiegel-Bericht (Mitte 1996) zu Versorgungsproblemen mit hochangereichertem Uran, das in Garching eingesetzt werden soll. Aus Dounreay könnte durch die Wiederaufarbeitung solches Uran aber beschafft werden.

Während andere Forschungsreaktoren entweder bereits auf hochangereichertes Uran verzichten bzw. die Umstellung gerade planen, soll Garching trotz massiver Proteste mit waffenfähigem Uran betrieben werden.

Im Spiegel heißt es: „In einer Entscheidungsvorlage für Forschungsstaatssekretär Gebhard Ziller von Anfang April votiert das zuständige Referat 415 („Reaktorsicherheit und Entsorgung“) folgerichtig dafür, die angehäuften Brennelemente aus deutschen Wissenschaftsreaktoren in der schottischen Wiederaufarbeitungsanlage Dounreay zu recyceln. Ausdrückliche Begründung: Flaute auf dem Brennstoffmarkt.“
Um die Versorgung mit Brennstoff sicher zu stellen, plädiert die Bundesregierung offenbar für die Fortsetzung der Verträge mit Dounreay und zeigt sich wenig interessiert für das Angebot der USA.

Der Spiegel: „Damit ist offener Zwist innerhalb der Forschergemeinde ausgebrochen. Die Reaktorplaner von Garching geraten in Gegensatz zu ihren Kollegen von den bereits bestehenden Forschungsreaktoren. „Wir sehen die US-Option als erste Priorität“, versichert etwa Gerd Thamm vom Forschungszentrum Jülich.

Gründe dafür gibt es genug: Die Reaktoren in Berlin, Jülich und Geesthacht sind schon oder werden demnächst auf nicht waffentaugliches Uran umgestellt. Aus Dounreay käme HEU-Uran zurück, für das dort keine Verwendung mehr besteht.

Außerdem fürchten sie die Lieferungen des Strahlenmülls, der beim Recycling anfällt und dann in Zementfässern oder Glaskokillen eingeschweißt wird. Für die Entsorgung müßten die deutschen Forschungszentren geradestehen. Der Akzeptanz an den Standorten, fürchtet Thomas Robertson vom Hahn-Meitner-Institut in Berlin, täte eine derart „unklare Entsorgungsoption“ nicht gut.“

Doch auch die hohen Kosten für die Wiederaufarbeitung in Dounreay werden laut Spiegel kritisiert: „Zudem ist die Wiederaufarbeitung teuer: „20 Kilogramm hochangereichertes Uran aus Dounreay“, schimpft Wilfried Krull, Leiter des Forschungsreaktors im GKSS-Forschungszentrum in Geesthacht, „verursachen gegenüber der US-Option Zusatzkosten in einer Größenordnung von zehn Millionen Mark.“ 20 Kilo reichen gerade mal für einen etwa halbjährigen Betrieb des FRM II.“

Trotz der Widerstände der Forschungszentren gegen eine Fortsetzung der Verträge mit Dounreay setzt sich das Forschungsministerium zunächst darüber hinweg. Erst später muss das Ministerium sich dem auch internationalen Druck beugen. Die Verträge mit Dounreay wurden schließlich beendet, die hochradioaktiven Brennelemente aus den Forschungsreaktoren wieder in die USA geliefert.

Politische Mediation – konsensorientierter Dialog und Mitbestimmung: Rückbau des Forschungsreaktors in Geesthacht

Die alte Reaktorhalle der GKSS, heute HZG. Foto: Dirk Seifert
Die alte Reaktorhalle der GKSS, heute HZG. Foto: Dirk Seifert

Buchvorstellung/Vorab: Im Februar erscheint von Christopf Besemer (PDF) das Buch „Politische Mediation. Prinzipien und Bedingungen gelingender Vermittlung in öffentlichen Konflikten“  beim Verlag Stiftung Mitarbeit. Das Thema ist angesagt: Dialog hier – Dialog da. Wirkliche Mitbestimmung ist dabei eher die Ausnahme, meist geht es den Initiatoren nur um ein wenig Information von oben nach unten. Die Anti-Atom-Bewegung hat mit derartigen Dialogen extrem viele – schlechte – Erfahrungen. Dass es und wie es anders gehen kann, zeigt unter anderem der Aufsatz über den konsensorientierten Dialog um die Stilllegung der ehemaligen Atomforschungsanlage GKSS, die heute von der HZG betrieben wird. Dort hat der Betreiber im Herbst 2013 einen „konsensorientierten Dialog“ angeboten.  Erst vor kurzem haben Betreiber und Begleitgruppe „Grundzüge für die Zusammenarbeit“ und das jeweilige Selbstverständnis im Rahmen dieses Prozesses veröffentlicht.

Über den bisherigen Stand der Dinge in diesem Prozess schreibt jetzt Silke Freitag, Moderatorin der Dialogs, in dem Buch von Christoph Besemer et. al.. Mit freundlicher Erlaubnis des Verlags, des Herausgebers und der Autorin ist der Artikel hier vorab zum Nachlesen: Christopf Besemer, „Politische Mediation. Prinzipien und Bedingungen gelingender Vermittlung in öffentlichen Konflikten“, Arbeitshilfen Nr. 47, Verlag Stiftung Mitarbeit, Bonn 2014, ISBN 978-3-941143-17-3 (erscheint im Februar 2014):

Rückbau eines Forschungsreaktors – Voraussetzungen für Bürgerbeteiligung am Beispiel des Dialogs um den Rückbau des Forschungsreaktors in Geesthacht –  Silke Freitag

Bürgerdialoge sind en vogue. Bei weitem nicht alle jedoch gelingen: Da verweigern Initiativen von Anbeginn einen angebotenen Dialog, weil sie ihn als „Beteiligungs-Farce“ ansehen, oder verlassen ein Dialog-Forum im Verlauf des Prozesses. Von Behörden und Unternehmen angebotene „Bürgerdialoge“ sind leider in der Praxis zum Teil schlicht ein anderes Wort für einseitige „Bürgerinformation“.

In Geesthacht ist es dagegen gelungen, dass ein Betreiber im Rahmen eines freiwilligen Dialogs einvernehmlich mit AnwohnerInnen sowie regionalen und überregionalen Anti-Atom-Initiativen einen Stilllegungsantrag gestellt hat und eine Übereinkunft über eine Zusammenarbeit mit einer kontinuierlichen Begleitgruppe geschlossen hat. Über Jahre sollen nun der Rückbau der Atomanlagen sowie der weitere Umgang mit dem Atommüll im Konsens vonstatten gehen. Wie kann so etwas gelingen?

1. Das freiwillige Angebot des Betreibers
Nachdem der Forschungsreaktor der ehemaligen GKSS (Gesellschaft für Kernenergieverwertung in Schiffbau und Schifffahrt) und heutigem Helmholtz-Zentrum Geesthacht (HZG) 2010 abgeschaltet wurde, begannen die Vorbereitungen, um einen Stilllegungsantrag zu stellen. In diesem Zusammenhang wollte der Betreiber vor dem formalen Verfahren der Öffentlichkeitsbeteiligung eine öffentliche Informationsveranstaltung durchführen, in der einerseits über das geplante Vorgehen informiert und andererseits Fragen der BürgerInnen und der Bürgerinitiativen beantwortet werden sollten. Im Mai 2012 fragte das HZG mich aus diesem Grund als Moderatorin der Veranstaltung an.

Wie kam das HZG ausgerechnet auf mich? Drei MitarbeiterInnen des HZG hatten zwei Jahre lang an der Universität Hamburg bei mir eine Ausbildung in „innerbetrieblicher Konfliktberatung und Mediation“ absolviert. Dabei hatten sie im Rahmen dieser Ausbildung erlebt, dass ich ein Ausbildungsmodul kurzfristig an eine Kollegin abgegeben hatte, weil ich stattdessen die SprecherInnen-Räte von AktivistInnen von X-tausendmal quer in der Blockade des AKW Brokdorfs moderierte.

Die VertreterInnen des HZG schrieben mir nun: „Wir möchten hiermit unsere offene Informationspolitik fortsetzen.“- Ich habe diese Anfrage damals abgelehnt, weil ich einer Bürgerbeteiligung, die sich ausschließlich auf Information beschränkt, prinzipiell ablehnend gegenüber stehe.

Daraufhin äußerten die InitiatorInnen ihr Bedauern und erläuterten genauer, was sie sich vorstellten: Sie hätten im Rahmen der Ausbildung bei mir und anderen AusbilderInnen sehr viel gelernt und das habe ihnen „die Augen ein wenig geöffnet für die Welt, in der wir uns bewegen“. „Verstehen“ sei für sie zu einem zentralen Begriff geworden, dem in der Vergangenheit nicht immer genug Bedeutung beigemessen wurde. „Aber nun haben wir verstanden, dass unsere Veranstaltung im Herbst sich nicht auf das reine Informieren beschränken darf, sondern wir möchten verstehen, was die Menschen in unserer Region in Bezug auf unseren Forschungsreaktor und seinen Abbau in den kommenden Jahren interessiert/beängstigt/wütend macht und wir möchten gerne verstanden werden, in dem was wir für die kommenden Jahre planen, um aus unserer kerntechnischen Anlage eine ’grüne Wiese’ zu machen.“ Auf dieser Basis kam es zu einem Gespräch zwischen mir und dem HZG, indem ich erläuterte, dass ich mir lediglich vorstellen könne, einen Dialog zwischen AnwohnerInnen und Initiativen einerseits und dem HZG andererseits zu moderieren, der das Ziel hätte, im Rahmen der gesetzlichen Vorgaben zu einem einvernehmlichen Konsens zu gelangen. Außerdem müssten beide Seiten sich diesen Dialog wünschen. Die Geschäftsführung des HZG bat um Bedenkzeit – und sagte dann, dass sowohl die Geschäftsführung als auch der Reaktorleiter mit dem Ziel der einvernehmlichen Lösungssuche mit den BürgerInnen einverstanden seien und mich bitten würden, die Bereitschaft der Initiativen vor Ort zu klären.

(Gelingensbedingung 0: Klärung der generellen Dialogbereitschaft, konsequente doppelte Richtung der Auftragsklärung von Anbeginn).
Bei einem Treffen mit VertreterInnen der örtlichen Initiativen wurde zweierlei deutlich: Zum einen große Skepsis und zum anderen der Wunsch, in einen Dialog auch über die„Altlasten“ der langen Forschungsreaktortätigkeit zu sprechen, nämlich eine mögliche (Mit-)Verur-sachung des Kinderleukämie-Clusters rund um Geesthacht durch die Forschungsreaktoren der ehemaligen GKSS. Im Rahmen dieses Treffens wurde mir als Aktivistin der Anti-Atom-Bewegung das Vertrauen ausgesprochen, trotz einer 100%-Finanzierung meiner Tätigkeit durch das HZG ebenso parteilich für die AnwohnerInnen und Initiativen zu agieren und mich nicht vom Betreiber zu manipulativen Zwecken „kaufen“ zu lassen.

(Gelingensbedingung 1: Wahrnehmung der Moderation als allparteilich, Zustimmung beider Seiten zur Person)

In Gesprächen mit einigen überregionalen Umweltverbänden wurde ebenfalls großes Misstrauen deutlich, aber es wurde auch geäußert, dass der Wunsch bestünde zu schauen, ob denn tatsächliche Bürgerbeteiligung beim Thema „Atommüll“ überhaupt möglich sei. Dazu müssten aber Veranstaltungen gemeinsam geplant und nicht vom HZG vorgegeben werden, und es müsste sich erweisen, ob denn das HZG die Suche nach einem einvernehmlichen Konsens überhaupt ernst meine.

Ich hatte somit als Moderatorin einen – wenn auch den Umständen entsprechend sehr fragilen – Auftrag beider Seiten vom Helmholtz-Zentrum Geesthacht und von den Bürgerinitiativen.

Das HZG bekundete die Bereitschaft, die „sachorientierten Diskussionen zum Leukämie-Cluster in der Elbmarsch wie bisher in vollem Maße“ zu unterstützen, und versteht den Dialogprozess als weitere Chance, „unbegründete Vorwürfe aus dem Raum zu schaffen“.

Darüber hinaus wurde das Konzept der ersten öffentlichen Veranstaltung radikal verändert: Zum einen wurden sämtliche vom HZG angedachte Referate wieder verworfen und ausschließlich ein Sachstandbericht des Reaktorleiters eingeplant, zum anderen wurde viel Zeit eingeplant, um die BürgerInnen folgende Fragen beantworten zu lassen:

„Was brauche ich, um Vertrauen in den Prozess zu entwickeln?“
„Wo haben wir Informationsbedarf?“
„Worüber wünschen wir uns Transparenz?“
„Welche Probleme sehen wir?“
„Zu welchen Themen sollten Dialogveranstaltungen durchgeführt werden?“
„Was ist zur Vorbereitung kommender Veranstaltungen wichtig?“

In Anlehnung an die Begleitgruppe Asse II (Informationen unter www.asse-2-begleitgruppe.de) schlug ich vor, perspektivisch eine Begleitgruppe zu initiieren, der jedoch statt einer „kritischen Begleitung“ des Abbaus der Anlagen die Rolle der „aktiven Mitgestaltung“ des Prozesses zukommen solle.

Im Rahmen der ersten Öffentlichen Veranstaltung am 1.Oktober 2012 wurde am Ende gefragt, welche Personen sich vorstellen könnten, erst einmal in eine Vorbereitungsgruppe für eine nächste öffentliche Veranstaltung zu gehen. Diese sich freiwillig zusammengefundene Vorbereitungsgruppe bestand anfangs aus acht Personen:

Mitgliedern der Geesthachter Ratsversammlung und ParteivertreterInnen von CDU, Grünen und der SPD, dem Vorsitzenden eines örtlichen Sportvereins, der Elterninitiative Geesthacht, AtomkraftgegnerInnen (u.a. Lüneburger Aktionsbündnis gegen Atom) sowie VertreterInnen von überregionalen Umweltorganisationen (BUND sowie Robin Wood). (Gelingensbedingung 2: Heterogene Zusammensetzung von Dialoggruppen, in denen die vielfältigen, teils gegensätzlichen Interessen, Bedürfnisse und Werte der Betroffenen repräsentiert sind.)

Einige Personen und Initiativen (Bürgerinitiative gegen Leukämie in der Elbmarsch, AKW nee Bergedorf, Vertreter des Umweltbeirats) nahmen zwar an der öffentlichen Veranstaltung teil und bekundeten mir als Moderatorin gegenüber ihr prinzipielles Interesse, aber auch ihr Misstrauen. Sie wollten zwar informiert bleiben, aber erst einmal nicht in einer Vorbereitungsgruppe mitarbeiten, insbesondere, weil sie es überstürzt fanden, dass das HZG den Stilllegungsantrag im November bereits stellen wolle, und hierin keine echte Bürgerbeteiligung sahen, weil zu der grundlegenden Frage „sofortiger Abbau oder temporärer (‚sicherer’) Einschluss“ somit kein öffentlicher Diskurs stattfinden könne.

2. Alternativenvergleich statt umgehender Antragsstellung

Das HZG war von dem Wunsch einiger Initiativen, den sofortigen Abbau gegenüber dem temporären Einschluss vor Antragstellung sorgfältig abzuwägen und zu prüfen, überrascht und hatte an dieser Stelle nicht mit einem Dissens gerechnet, sondern den Wunsch nach direktem Abbau in der Bevölkerung als selbstverständlich vorausgesetzt.

Was nun?

In der ersten Sitzung der Dialoggruppe (VertreterInnen des HZG und der Vorbereitungsgruppe) wurde gemeinsam vereinbart, dass die Antragsstellung verschoben werden solle. Beide Seiten einigten sich auf eine Antragstellung im Februar 2013 mit einer vorangegangenen weiteren öffentlichen Veranstaltung unter Beteiligung eines kritischen Gutachters im Januar. (Gelingensbedingung 3: Ausreichend Zeit für Diskurse einplanen und ggf. geplante Zeitabläufe gemeinsam verändern.)

In diesem Zusammenhang wurde deutlich, dass das HZG zwar geglaubt hatte, dass die Bürgerbeteiligung frühzeitig begonnen wurde (nämlich deutlich vor der gesetzlich vorgeschriebenen), dass jedoch eigentlich erst Vereinbarungen zur Zusammenarbeit getroffen werden müssten und dann inhaltlich der Diskurs begonnen werden könne. Auf beiden Seiten war jedoch eine gewisse Pionierstimmung wahrzunehmen, sodass auf der Basis des Selbstverständnisses des HZG, das im Dialog zu einvernehmlichen Lösungen gelangen wollte, vereinbart wurde, den zweiten Schritt vor dem ersten zu tun: nämlich den Diskurs über Abbau versus Einschluss zuerst zu führen und dann in einem zweiten Schritt über die Konstituierung einer Begleitgruppe zu sprechen, wobei wiederum das Selbstverständnis einer Begleitgruppe und die Grundzüge der Zusammenarbeit formuliert werden sollten.

In der zweiten sowie dritten Sitzung stießen dann VertreterInnen der Gruppen hinzu, die anfangs aus Skepsis fern geblieben waren. Auf Nachfrage äußerten sie, dass die Verschiebung des Termins für die Antragstellung und die damit verbundene Bereitschaft des HZG zusätzliche Kosten in Kauf zu nehmen, sie überzeugt hätten, dass das HZG es ernst meine und tatsächlich an einem Dialog und einvernehmlicher Lösungsfindung interessiert sei. (Gelingensbedingung 4: Zeitnahe gemeinsam errungene Konsense, bei denen die „Machthabenden(1)“ von ihrer ursprünglichen Position abrücken und sichtbar Nachteile in Kauf nehmen.)

(1) Zwischen HZG und Vorbereitungsgruppe, späterer Begleitgruppe besteht ein Machtgefälle: Das HZG und vor allem die Person des Reaktorleiters haben das Recht, allein zu entscheiden. Sie geben in diesem Dialogverfahren freiwillig Macht ab und suchen gemeinsam nach einvernehmlichen Lösungen.

Die VertreterInnen des HZG und der Vorbereitungsgruppe (Dialoggruppe) einigten sich in einer ihrer ersten Sitzungen darauf, dass diese Treffen nicht presseöffentlich stattfinden sollten, während zu den öffentlichen Veranstaltungen die regionale sowie überregionale Presse explizit eingeladen wurde. (Gelingensbedingung 5: Geschützter Rahmen durch den Ausschluss der Medien)

Ebenso wurde vereinbart, dass Ergebnisse und Vereinbarungen der Dialoggruppe in gemeinsamen Erklärungen veröffentlicht werden sollten und die Öffentlichkeit immer wieder zu Rückmeldungen aufgefordert werden sollte – über eine dafür eingerichtete E-Mail-Adresse.

(Gelingensbedingung 6: Gemeinsame Öffentlichkeitsarbeit)

Weitere Gruppen, die sich nicht an der Vorbereitungsgruppe beteiligten, wurden explizit von Mitgliedern der Vorbereitungsgruppe gefragt und eingeladen, hier insbesondere VertreterInnen der Kirchengemeinden, die für die Angestellten des HZGs zuständige Gewerkschaft sowie Anti-Atom-Initiativen und Schülervertretungen. Hierbei wurde deutlich, dass diese Gruppen nicht aus Skepsis dem Prozess gegenüber fernblieben, sondern in der Regel aus Gründen der Knappheit zeitlicher Ressourcen.

Entscheidungen wurden in der Dialoggruppe ausschließlich im Konsens getroffen. Ein einziges Mal wurde bislang aus Zeitknappheit bei einem aus Sicht aller Beteiligten nicht so relevanten Punkt im Konsens entschieden, nach dem Mehrheitsprinzip abzustimmen.

An dieser Stelle sei angemerkt, dass sich unterschiedliche Sichtweisen nicht ausschließlich zwischen den VertreterInnen des HZG und der Vorbereitungsgruppe abbildete, sondern auch innerhalb dieser heterogen zusammengesetzten Begleitgruppe selbst.

Marion Lewandowski (Vertreterin der Initiative AKW nee Bergedorf) machte mich dankenswerter Weise darauf aufmerksam, dass ich in meiner ersten Textversion eine Gelingensbedingung vergessen hatte: Die Begleitgruppe benötigt unabhängig vom Dialog mit dem Betreiber Zeit für einen Austausch untereinander und damit verbunden bedürfe es zusätzlicher, unabhängiger Treffen.

(Gelingensbedingung 7: Moderierte Treffen der Begleitgruppe)

Im Januar 2013 wurden im Rahmen der nächsten öffentlichen Veranstaltung im HZG Details des Stilllegungsantrags im Hinblick auf technische und rechtliche Rahmenbedingungen, gutachterliche Verfahren sowie die Alternativenabwägung erörtert: einerseits vom Reaktorleiter und andererseits von einem gemeinsam von den Dialogpartnern benannten, vom HZG finanzierten Experten, Wolfgang Neumann.

(Gelingensbedingung 8: Einvernehmliches Hinzuziehen von ExpertInnen)

Über die Homepage des HZG konnte auch die nichtanwesende Öffentlichkeit hinterher die Folien zu den Vorträgen herunterladen.

Im Anschluss an die öffentliche Veranstaltung verfasste Wolfgang Neumann ein Gutachten zur Frage „Abbau versus Einschluss“ sowie zu anderen Fragen, die den Abbau betreffen. Hierzu fand ein Treffen zwischen der Dialog-Gruppe und dem Experten statt, um die Fragen zu stellen, und anschließend zwei Treffen zur Erläuterung des Gutachtens. Auch dieses wurde wiederum zum Download öffentlich zur Verfügung gestellt.

(Gelingensbedingung 9: Transparenz der Bewertungsgrundlagen: Vorträge, Gutachten etc. zum Download zur Verfügung stellen)

Auf der Basis dieses Austauschs wurde im März 2013 im Konsens beschlossen, den Stilllegungsantrag zum sofortigen Abbau zu stellen und die Option eines Teileinschlusses des Reaktorbeckens weiterhin mittels Gutachten durch einen Statiker prüfen zu lassen. Außerdem wurden relevante Themen für die Zukunft benannt: z.B. Lagerung der Abfälle, Konditionierung, Emission während des Abbaus, Freigabe der Abfälle.

Im Kontext des Dialogs ging es jedoch auch immer wieder um das wechselseitige Verständnis vom Symbolcharakter von Worten. In einer Presseerklärung heißt es deshalb beispielsweise: „Als ein weiteres Ergebnis des gemeinsamen Dialogs verzichtet das HZG künftig auf den Begriff Rückbau zur ‚Grünen Wiese’. Diese Formulierung erweckt den falschen Eindruck, dass der Betrieb und Rückbau der Anlage keine Spuren hinterlasse. Es bleiben aber radioaktive Abfälle, die für lange Zeit Risiken darstellen und einen sicheren und verantwortungsvollen Umgang erfordern.“

3. Vereinbarungen über die Zusammenarbeit

Im Frühjahr und Sommer 2013 beschäftigte sich die Dialoggruppe dann mit dem, was am Anfang eines jeden Dialog-Prozesses stehen sollte: Der Formulierung der Leitlinien ihrer Zusammenarbeit. Das HZG formulierte nochmals das eigene Selbstverständnis ebenso wie die Begleitgruppe ihr Selbstverständnis formulierte und gemeinsam formulierte die Dialoggruppe „Grundzüge der Zusammenarbeit“.

(Gelingensbedingung 10: Klare schriftlich fixierte Vereinbarungen über die Zusammenarbeit)

In diesen Grundzügen der Zusammenarbeit steht beispielsweise:

„Mitgestaltung und Konsens
Der Dialogprozess strebt an, im Konsens zwischen Begleitgruppe und HZG unter Beachtung der gesetzlichen Rahmenbedingungen einvernehmliche Lösungen zu entstehenden Anforderungen und Maßnahmen zur Stilllegung des FRG1 sowie dem Abbau der kerntechnischen Anlagen des ehemaligen GKSS-Forschungszentrums zu finden.“

Bedeutend an dieser Passage ist zweierlei: Einerseits der erklärte Wille aller Beteiligter, konsensual zu arbeiten (Gelingensbedingung 11: Vereinbarung über Entscheidungsfindung im Konsens), andererseits die Anerkennung der Rahmenbedingungen dieses Dialogverfahrens: das Atomrecht. Immer wieder wurde im Rahmen des Dialogs geklärt, wer denn das Konfliktgegenüber ist: Wo ist das HZG das Konfliktgegenüber? Wo ist es die Atomaufsicht Schleswig-Holsteins oder die Bundesregierung als gesetzgebende Instanz?

Der Dialog bewegt sich in einem gesellschaftlichen Kontext und einige der Probleme können nicht in Geesthacht, sondern nur gesamtgesellschaftlich geklärt werden.

(Gelingensbedingung 12: Bewusstsein aller Beteiligten über den Handlungsspielraum mit seinen Beschränkungen durch Gesetzgebung oder andere Rahmenbedingungen)

So schreibt die Begleitgruppe in ihrem Selbstverständnis:
„Die Begleitgruppe ist sich bewusst, dass sie in dem Dialog mit dem HZG über die Stilllegung der Atomanlagen und den Umgang des dabei anfallenden Atommülls eine hohe gesellschaftliche Verantwortung übernimmt. Nicht nur mit Blick auf die Region rund um Geesthacht, sondern auch für den verantwortungsvollen Umgang mit den Folgen der Atomenergie insgesamt. Insofern begreift sich die Begleitgruppe auch als Teil der gesellschaftlichen Debatte über einen verantwortungsvollen und einvernehmlichen Umgang mit den Folgen der Atomenergie. Denn die Frage, wo und wie der beim Rückbau der Atomanlagen der ehemaligen GKSS anfallenden radioaktiven Abfälle dauerhaft sicher gelagert werden kann, kann nicht allein in Geesthacht beantwortet werden. Dazu braucht es einen gesellschaftlichen Konsens!“

Diese gesellschaftliche Verantwortung haben jedoch nicht nur die Mitglieder der Begleitgruppe: Diese haben alle Beteiligten – die initiierenden „Machthabenden“ ebenso wie nicht zuletzt auch wir ModeratorInnen!

4. Zwischenfazit der Beteiligten

Während ich den Dialog beschrieben habe und versucht habe, übertragbare Gelingensbedingungen aus dem Prozess abzuleiten, möchte ich die Bewertung dieses Dialogs den Beteiligten abschließend selbst überlassen:

Dr. Bernd Redecker (Lüneburger Aktionsbündnis gegen Atom) zieht folgendes Zwischenfazit: „Nach einem Jahr HZG-Dialog sehe ich den größten Erfolg darin, dass ein Atomanlagen-Betreiber ein Dialog-Angebot macht und auch kritische Anti-Atom-Initiativen, wie wir vom LAgA, dieses als echte Möglichkeit der Beteiligung interpretieren und auf das Angebot eingehen können. Bei aller gebotenen Skepsis erlebe ich die Arbeit in der Begleitgruppe als einen spannenden Versuch vorzumachen, wie BürgerInnenbeteilgung beim Reaktorrückbau laufen sollte. Inhaltlich geht es aus meiner Sicht dabei auf der einen Seite um die größte mögliche Sicherheit beim „Aufräumen“ im gegenständlichen Sinne und auf der anderen Seite um den Versuch auch mit historischen Annahmen aufzuräumen, um Klarheit über mögliche militärische Forschung, Störfälle oder Mitverursachung des Leukämie-Clusters zu bekommen.“

„Ich bin froh, dass mit diesem Dialogprozess ein Weg eröffnet worden ist, die Vergangenheit der auch umstrittenen Forschungstätigkeiten der ehemaligen GKSS zu erhellen. Ich hoffe, dass das gemeinsame Ringen um den bestmöglichen und sichersten Umgang mit den prekären Hinterlassenschaften gelingt“, sagt Bettina Boll, grüne Ratsfrau aus Geesthacht.

Dr. Iris Ulrich, Leiterin der Abteilung „Programmplanung und Controlling“ am Helmholtz-Zentrum Geesthacht sagt: „Für uns steht bei diesem Dialog das gegenseitige Verstehen ganz vorne. Durch die Gespräche mit der Begleitgruppe haben wir verstanden, wo Klärungsbedarf besteht, und wo die Sorgen der umliegenden Anwohner und mögliche Konflikte des Stilllegungsprozesses sind oder sein können. Ich finde es großartig, dass dieses Verstehen nicht nur ein einseitiger Prozess ist, sondern dass durch den transparenten Dialog viele Klarheiten geschaffen werden konnten, was unsere kerntechnische Anlage und den bevorstehenden Abbau angeht.“

Karl-Hermann Rosell, CDU-Ratsherr in Geesthacht, benennt die Herausforderungen des Dialogs: „In den Sitzungen fühle ich mich schon manchmal als Konfliktpartei: Da sind jahrelang geschulte Gegner, Redner, die schon öfters mal die Grenzen des Umgangs hart strapazieren und auch überschreiten. Die Ansprüche an die Moderation erfordern eher eine Mediatorin. Den Konsens zu erreichen, dazu braucht es viel Geduld, Ausdauer und Geschick – ich würde sagen, zwischen drei Fronten: den Betreibern, den harten Gegnern und den Bewohnern, die den Rückbau im Auge haben und begleiten wollen, ohne große Emotionen.“

„Ich finde es faszinierend, wie trotz unterschiedlicher politischer und fachlicher Hintergründe innerhalb der Begleitgruppe und im Dialog mit dem HZG im Laufe des Prozesses immer mehr Verständnis für die Positionen des Anderen entstanden ist. Oftmals sind es sprachliche Feinheiten, die eine intensive Auseinandersetzung erfordern. Ein ausreichender Zeitrahmen in Verbindung mit dem starken überwiegend ehrenamtlichen Engagement der Begleitgruppe war deshalb aus meiner Sicht wichtig für den bisherigen erfolgreichen Prozess. Im Laufe des Dialoges ist dabei mehrmals deutlich geworden, dass im Rahmen der gesetzlichen Bedingungen alle Beteiligten an einem Strang ziehen: Sicherheit steht dabei stets an oberster Stelle“, so Dr. Torsten Fischer, Leiter der Abteilung „Presse- und Öffentlichkeitsarbeit“ am Helmholtz-Zentrum Geesthacht.

Michael Behrendt aus dem Umweltbeirat der Stadt Geesthacht sagt: „Ich habe meine Skepsis gegenüber den Betreibern von Atomanlagen nicht aufgegeben und durch blindes Vertrauen ersetzt, sehe jedoch mit dem HZG die Chance, eine offene Diskussion auf Augenhöhe zu führen, da der Gesprächspartner als staatliche Forschungseinrichtung zum einen selbst Interesse an einem gesellschaftlichen Konsens hat und zum anderen nicht kommerzielle Interessen im Vordergrund stehen. Zudem habe ich durch die bisherige Arbeit Vertrauen in die Personen der Dialoggruppe (HZG, wir (= die Begleitgruppe, S.F.), Moderation) gefasst und gehe von einem aufrichtigen und ehrlichen Miteinander aus.“
„Am meisten hat mich bis jetzt beeindruckt, wie Menschen mit so verschiedenen Grundeinstellungen partnerschaftlich ein solches Projekt begleiten“, resümiert Jörg Kunert aus der Begleitgruppe das erste Jahr des gemeinsamen Wegs.

Der Dialog-Prozess befindet sich nach einem Jahr also noch am Anfang. Angelegt ist er für die gesamte Dauer des Abbaus der Anlagen: also für mindestens zwölf Jahre.

Silke Freitag
Dipl.-Sozialpädagogin, Dipl.-Psychologin, MediatorinBM und AusbilderinBM
seit 1995 freiberufliche Tätigkeit als Organisationsberaterin und Mediatorin für Unternehmen, Non-Profit-Organisationen sowie in öffentlichen Beteiligungsverfahren; Dozentin in den Bereichen Konfliktmanagement, Kommunikation und Mediation; Leitung von Mediationsausbildungen am Institut für Konfliktaustragung und Mediation (ikm) sowie an der Universität Hamburg.

Mit Leidenschaft unterstütze ich Menschen in hocheskalierten Situationen, ihre vermeintlichen Gegner zu verstehen, ohne mit ihnen einverstanden zu sein und auf dieser Basis gemeinsam den bestmöglichen Weg für die Zukunft zu finden.
Kontakt: mail@scfreitag.de

„Konsensorientierte Stilllegung“ der Atomanlagen in Geesthacht: Gemeinsamer Newsletter von Betreiber und Begleitgruppe

Jüngst zu Besuch im Schacht Konrad: Begleitgruppe und Betreiber HZG, die im "konsensorientierten Dialog" die Stilllegung der Atomforschungsanlagen in Geesthacht diskutieren. Foto: Dirk Seifert
Jüngst zu Besuch im Schacht Konrad: Begleitgruppe und Betreiber HZG, die im „konsensorientierten Dialog“ die Stilllegung der Atomforschungsanlagen in Geesthacht diskutieren. Foto: Dirk Seifert

Vor etwas über einem Jahr haben die Betreiber der Atomforschungsanlage in Geesthacht, das heutige Helmholtz-Zentrum (HZG) ein überraschendes Angebot gemacht. Den geplanten Rückbau der 2010 stillgelegten Forschungsreaktoren sowie der “Heißen Zelle” wollte der Betreiber in einem “konsensorientierten Dialog” mit der Bevölkerung und Initiativen durchführen. Um zu unterstreichen, dass dies Angebot ernst gemeint war, hatte der Betreiber mit Silke Freitag eine Anti-Atom-Aktivistin gewonnen, die die Moderation für diesen Prozeß übernehmen sollte. Ausdrücklich wird auch in ihrem Auftrag ein “konsensorientierter Dialog” festgeschrieben.

Seitdem hat sich eine Begleitgruppe gebildet, die viele Diskussionen zur Stilllegung, aber auch viele Debatten über die Rahmenbedingungen für den konsensorientierten Dialog-Prozess geführt hat.  Heute haben die Begleitgruppe und der Betreiber HZG einen “gemeinsamen Newsletter” verschickt, in dem der bisherige Verlauf “konsensorientiert” dargestellt wird. Dieser Text ist hier nun im Blog von ROBIN WOOD nachzulesen.

Stilllegung von Atomanlagen – Betreiber und Begleitgrupppe in Geesthacht im „konsensorientierten Dialog“

Die alte Reaktorhalle der GKSS. Foto: Dirk Seifert
Wie geht Stilllegung von Atomanlagen? In Geesthacht sollen die Anlagen der ehemaligen Forschungsreaktoren per konsensorientiertem Dialog zurück gebaut werden. Foto: Dirk Seifert

Vor etwas über einem Jahr haben die Betreiber der Atomanlagen der ehemaligen GKSS, heute das Helmholtz-Zentrum Geesthacht (HZG), einen überraschenden Vorschlag veröffentlicht: Sie wollten die Stilllegung der Atomanlagen am Standort in einem konsensorientierten Dialog-Prozess auf den Weg bringen. Inzwischen ist dieser Prozess ein Jahr alt. Eine erste – positive – Bilanz und wichtige Arbeitsergebnisse legten das HZG und die inzwischen etablierte Begleitgruppe, in der AnwohnerInnen ebenso wie Anti-Atom-Gruppen aus der Region beteiligt sind, vor wenigen Tagen vor.

Über den Auftakt, die ersten Probleme und die Lösungen, wurde auf umweltfairaendern.de in mehreren Beiträgen informiert.

Grundzüge der Zusammenarbeit

Bislang haben HZG und Begleitgruppe einen Alternativenvergleich durchgeführt, welches der sicherheitstechnisch bessere Weg für die Stilllegung des Forschungsreaktors und der heißen Zelle in Geesthacht wäre und dazu mit Wolfgang Neumann von der Intac einen unabhängigen Experten einbezogen. (Siehe dazu: Dialog für die Stilllegung: Antrag für den Rückbau der Atomforschungsreaktoren der GKSS ist gestellt!).

Außerdem war es wichtig, dass HZG und Begleitgruppe intensiv die weitere Zusammenarbeit und die jeweiligen Erwartungen und Probleme intensiv miteinander besprochen haben. Denn rechtliche Vorgaben, wie ein solcher konsensorientierter Dialog eigentlich funktionieren kann, gibt es nicht. Daher haben beide Seiten ein Papier erarbeitet, das die „Grundzüge der Zusammenarbeit“ im Dialog-Prozess in Eckpunkten beschreibt und außerdem ihr jeweiliges Selbstverständnis in diesem Prozess definiert.

Diese Papiere sind jetzt auf der Homepage des HZG online unter diesem Link: www.hzg.de/dialog oder direkt hier als PDF herunterzuladen:

Über das Pressegespräch berichtet die Bergedorfer Zeitung – Lauenburgische Landeszeitung in – sehr verkürzter Weise – in diesem Artikel.

Siehe auch hier den Artikel von der LAGA Lüneburg.

Außerdem wurde vereinbart, dass auch Ereignisse aus der Geschichte der Atomforschungsanlage aufgearbeitet und öffentlich zur Diskussion gestellt werden sollen. Dazu gehört die Frage nach den Gründen für die weltweit einzigartige Erhöhung von Leukämieerkrankungen von Kindern und Jugendlichen in der Elbmarsch rund um die Atomanlagen der GKSS und des Vattenfall-Atomreaktors Krümmel. Ebenso soll die Frage diskutiert werden, welche Motive zur Gründung der GKSS in den 50er Jahren führten.

Dialog für die Stilllegung: Antrag für den Rückbau der Atomforschungsreaktoren der GKSS ist gestellt!

HZG_GKSS_Stilllegung_01_10_2012_19Nach intensiven Gesprächen mit BürgerInnen und Initiativen ist jetzt vom Helmholtz-Zentrum Geesthacht (HZG) der Antrag für die Stilllegung der ehemaligen Atomforschungsreaktoren der GKSS (PDF) bei der Atomaufsicht in Schleswig-Holstein gestellt worden. Die Antragstellung erfolgt jetzt mit einer Verzögerung von rund vier Monaten gegenüber den ehemaligen Planungen der HZG: Dies war notwendig, damit die Initiativen sich über die Vorgehensweise und die damit verbundenen Sicherheitsfragen bei der Stilllegung ein eigenständiges Bild machen und damit zusammenhängende Fragen zwischen Betreiber und Initiativen geklärt werden konnten. „Dialog für die Stilllegung: Antrag für den Rückbau der Atomforschungsreaktoren der GKSS ist gestellt!“ weiterlesen

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