Atomforschungsanlage GKSS – Forschung an der Atombombe?

Das Reaktorgebäude der GKSS. Gab es hier geheime Forschung an einer deutschen Atombombe? Foto: Dirk Seifert

Mit dem geplanten Rückbau der Atomforschungsreaktoren der GKSS in Geesthacht kommt vor Ort auch die Frage auf, ob möglicherweise „Spuren verwischt“ werden könnten, die eine Erklärung für das weltweit größte Leumämiecluster bei Kindern und Jugendlichen liefern könnten. Gab es geheime Forschungen, bei denen es 1986 zu einer Explosion kam, bei der Radioaktivität freigesetzt wurde und die später zu den zahlreichen Erkrankungen geführt haben? Experimente, die möglicherweise für Atomwaffen von Bedeutung gewesen sein könnten? Offiziell wird das bis heute bestritten, aber der Verdacht ist immer noch in der Welt.

Broschüre von 1989: GKSS – Schleichwege zur Atombombe?  

Im September 1989 wurde eine Broschüre unter dem Titel „Atomforschung in  Geesthacht – Schleichwege zur Atombombe?“ veröffentlicht. Die Autoren stammten auf dem Umfeld einer Kampagne, die sich dafür einsetzte, dass der Verzicht auf eine deutsche Atombombe in das Grundgesetz der Bundesrepublik kommen sollte. Die Broschüre untersuchte konkret, ob in der Atomforschungsanlage GKSS (Gesellschaft für Kernenergieverwertung in Schiffbau und Schiffahrt mbH) bei Geesthacht, östlich von Hamburg gelegen, das Know-How für eine deutsche Atombombe erforscht wurde. Die Broschüre steht hier zum download bereit (PDF)

Sorgen um einen deutschen Griff zur Bombe 

Die beiden Atomforschungsreaktoren der ehemaligen GKSS sind inzwischen abgeschaltet und der heutige Betreiber, das Helmholtz -Zentrum Geesthacht (HZG) will in den nächsten Monaten den Rückbau beginnen. Es mutet daher möglicherweise kurios an, heute über die Frage zu spekulieren, was vor vielen Jahrzehnten bei der GKSS getrieben wurde.

Aber die Sorge um einen „deutschen Griff zur Bombe“ war in den 50er und 60er Jahren des letzten Jahrhunderts noch von großer Bedeutung. 1956, mit dem CSU-Politiker Franz Josef Strauß hatte die junge Bundesrepublik ihren ersten Atomminister, machte man sich in den USA (und nicht nur dort) massive Sorgen. So schrieb der Spiegel damals: „Noch vor wenigen Wochen forderte der amerikanische McKinney-Ausschuß – ein Gremium von Politikern, Wirtschaftlern und Wissenschaftlern, das sich laufend mit Atomfragen beschäftigt – die Regierung in Washington zu verschärfter Wachsamkeit gegenüber den deutschen Atombestrebungen auf. Das Problem, wie man die deutsche Entwicklung auf dem Gebiet der Atomenergie in die „rechte Bahn“ lenken könne – so hieß es in einem Expertenbericht – gehöre zu den wichtigsten internationalen Atomproblemen überhaupt.“

Zu dieser Zeit wurde in Geesthacht bereits gebaut: 1958 ging der Reaktor Geesthacht-1 (FRG-1) mit einer Nennleistung von fünf Megawatt (MW) in Betrieb. 1963 folgte der FRG-2 mit einer Leistung von 15 MW. Als dritter Reaktor kam 1964 die Anlage für Nullleistungsexperimente hinzu, in der Brennstabanordnungen getestet wurden. (Quelle)

In der GKSS wurde vor allem an einem Atomenergieantrieb für das Forschungsschiff Otto Hahn gearbeitet: Am 13. Juni 1964 lief dieser atombetriebene Frachter vom Stapel und absoliverte am 11. Oktober 1968 seine erste Probefahrt. Noch heute lagert der radioaktive Reaktordruckbehälter der Otto Hahn auf dem Gelände der GKSS/HZG in Geesthacht.

Geheime Atomforschung und die Leukämieerkrankungen in der Elbmarsch? 

Wichtig ist das nicht nur mit Blick darauf, ob die Bundesrepublik im geheimen Knowhow für eine Atombombe entwickelte. Wichtig ist das möglicherweise auch im Zusammenhang mit dem weltweit größten Cluster von Leukämieerkrankungen bei Kindern und Jugendlichen in der Elbmarsch, der direkten Umgebung der GKSS und des von Vattenfall betriebenen Atomkraftwerk Krümmel. Dieses Cluster entstand ab Anfang der 90er Jahre und löste eine Vielzahl von Untersuchungen über die möglichen Ursachen aus. (Siehe auch hier)

Eine These, wodurch diese zahlreichen Leukämieerkrankungen ausgelöst worden sein könnten, ist (zitiert nach Wikipedia):  „Am 12. September 1986 soll bei einem Brand auf dem Gelände des GKSS-Forschungszentrums, der von mehreren Augenzeugen beobachtet wurde, radioaktive Strahlung freigesetzt worden sein. Die genaueren Umstände des Brandes sind unbekannt. Die Einsatzprotokolle der örtlichen Feuerwehr, die genauere Informationen über einen Brandvorfall enthalten hätten können, wurden durch ein Feuer im September 1991 in deren Archiv zerstört.[9]

Eine aus neun Wissenschaftlern bestehende Kommission, die im Auftrag der schleswig-holsteinischen Landesregierung zwischen 1992 und 2004 die Leukämiefälle untersuchte, fand in der Umgebung der beiden kerntechnischen Anlagen millimetergroße Keramikkügelchen, die Uran, Plutonium, Americium und Curium enthielten (sogenannte Pac-Kügelchen). Solche Kügelchen wurden unter anderem als Kugelbrennelemente im Kernkraftwerk THTR-300 in Hamm-Uentrop als Neutronenquellen verwendet. Es wurde vermutet, dass die Pac-Kügelchen bei dem Brand 1986 freigesetzt wurden, was aber vom GKSS-Forschungszentrum und der Landesregierung umgehend bestritten wurde.[10] Bislang fehlen Belege, dass die Pac-Kügelchen aus einer der beiden Anlagen stammen, beziehungsweise dass es sich überhaupt um Kernbrennstoffpartikel handelt.[11]

Der atompolitische Sprecher von Bündnis 90/Die Grünen des niedersächsischen Landtags Andreas Meihsies und der Physiker Wolfgang Neumann nahmen im September 2007 Einblick in das Archiv des GKSS-Forschungszentrums. Dabei konnten sie keinen Hinweis auf einen Zusammenhang zwischen einem angeblichen Störfall bei der GKSS und den Leukämiefällen feststellen.[12]“

Die Experten, die die PACs gefunden haben, halten bis heute an ihren Forschungsergebnissen fest und vermuten bis heute geheim gehaltenen Forschungen in der GKSS als Ursache der Explosion.

Atomforschung – Reaktoren der GKSS sollen abgebaut werden

Eingangsbereich zu den Forschungsreaktoren auf dem Gelände der GKSS/HZG. Foto: Dirk Seifert

Die früher als GKSS bekannte Atomforschungsanlage in Geesthacht, direkt neben dem Atomkraftwerk Krümmel, soll zur „Grünen Wiese“ gemacht werden. Bereits seit längerer Zeit sind die beiden Forschungsreaktoren stillgelegt. Der heutige Betreiber, das Helmholtz-Zentrum Geesthacht, hat jetzt die Bevölkerung eingeladen, um über den geplanten Rückbau zu informieren.

Wohin mit dem Atommüll?

Klar ist, dass bei dem geplanten Rückbau vor allem schwach- und mittelaktiver, aber auch hochradioaktiver Atommüll anfallen wird. Deren dauerhafte Lagerung ist immer noch umstritten oder sogar ungelöst. Der leicht- und mittelaktive Strahlenmüll aus der GKSS soll vermutlich im Schacht Konrad eingelagert werden. Der ist zwar genehmigt, aber seit Jahren verzögert sich der Ausbau immer wieder. Wichtiger aber ist: Nach wie vor bestehen erhebliche Sicherheitsbedenken gegen den Schacht Konrad als dauerhaftes Atommülllager. Einerseits haben kritische Experten auf Mängel beim Nachweis der Langzeitsicherheit hingewiesen, andererseits wird befürchtet, dass es zu Wassereinbrüchen kommen könnte. Aber auch die zahlreichen Atomtransporte zum Schacht Konrad stehen immer wieder in der Kritik. Zuletzt hatte die Nachbar-Stadt Salzgitter, die gegen das Atommülllager geklagt hatte, eine Studie veröffentlicht, in der über die massiven Unfallrisiken berichtet wurde (siehe auch hier).

Die GKSS und die Leukämien in der Elbmarsch

Die Frage es Rückbaus berührt aber auch noch eine andere Frage, nämlich die der Ursachen nach dem weltweit größten Leukämie-Cluster bei Kindern und Jugendlichen in der benachbarten Elbmarsch. Seit Anfang der 90er Jahre sind dort zahlreiche Kinder an der überaus seltenen Leukämie erkrankt. Über zehn Jahre haben staatliche Stellen und unabhängige Kommissionen nach den Ursachen geforscht. Bis heute ist umstritten, ob es in der GKSS Mitte der 80er Jahre im Rahmen geheimer Atom-Forschungen zu einer Explosion gekommen ist, bei der radioaktive Kugeln in die Umwelt gelangten und deren Strahlung für die Erkrankungen ursächlich ist.

Im Zusammenhang mit dem Rückbau werden diese Fragen sicherlich neu zu stellen sein. Siehe auch maus e.V. Bremen.

Dazu hat das ZDF die folgende Dokumentation Und keiner weiß warum: Leukämietod in der Elbmarsch gezeigt:

GKSS/HZG: Transparent und offen?

Am 1. Oktober 2012 ab 18:30 Uhr will das HZG mit einer Veranstaltungsreihe „im Dialog“ im Hörsaal auf dem Forschungsgelände in Geesthacht über die Stilllegung des 2010 abgeschalteten Forschungsreaktors des ehemaligen GKSS-Forschungszentrums Geesthacht und der bevorstehende Abbau informieren und diskutieren.

Dazu soll es – durchaus neu – „moderierte Diskussionen in kleinen Gruppen und eine enge Abstimmung mit einer zukünftigen Begleitgruppe aus Vertreterinnen und Vertretern der regionalen Bürgerinitiativen, der lokalen Politik und weiteren kommunalen Akteuren“ geben, weil das HZG „größtmögliche Offenheit und Transparenz herstellen“ will.

Nicht ganz so Transparent verlief vor wenigen Wochen der Abtransport von hochradioaktivem Atommüll, – den Brennelementen aus den Forschungsreaktoren. Mitten in der Nacht ist der Atomtransport Richtung Nordenham geschickt worden. Von dort wurden sie per Schiff in die USA transportiert. AtomkraftgegnerInnen hatten von den bevorstehenden Transporten Wind bekommen und den Transport begleitet und fotografiert.

Für den Auftakt zur Rückbau-Veranstaltung hat das HZG Silke Freitag beauftragt, eine Mediatorin – so das HZG in ihrer Pressemittelung, „die sich selbst seit Jahrzehnten für einen sofortigen Ausstieg aus der Atomenergie sowie einen achtsamen Umgang mit dem entstandenen Atommüll engagiert.“ Silke Freitag ist in der Tat seit langem bei X-Tausend-mal-querr aktiv.

Informationen zu den Planungen bei der ehemaligen GKSS gibt es von:  Dr. Torsten Fischer, Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit,  Telefon: 04152-87-1677

 

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