Enormes Risiko: Plutonium aus Sellafield. Foto: Betreiber
Wegen des massiven Wintereinbruchs sind die Plutonium-Fabriken im englischen Sellafield vorübergehend geschlossen worden. Das teilen Medien mit. Spiegel online schreibt: „Wegen Sturmböen und Schnee ist am Freitag der Betrieb der Atomanlage Sellafield im Nordwesten Englands vorübergehend ausgesetzt worden, teilte die Betreiberfirma Sellafield Ltd mit. „Angesichts der derzeitigen und vorhergesagten ungünstigen Wetterbedingungen in und um die Anlage Sellafield“ sei diese „als Vorsichtsmaßnahme sicher in einen kontrollierten Abschaltungszustand versetzt worden“, hieß es.“ „Plutoniumfabriken in Sellafield wegen Winter geschlossen“ weiterlesen
Verstrahlt: Abtransport von zwei Castor-Behältern aus dem heute stillgelegten AKW Brunsbüttel Foto: Dirk Seifert
Für das Verständnis des Konflikts um die Atomenergienutzung, aber auch, um in aktuellen Debatten Zusammenhänge nicht aus den Augen zu verlieren, ist es immer wieder lohnend, sich an Skandale oder schöner gesagt „Vorkommnisse“ zu erinnern, in denen die Atomwirtschaft gezeigt hat, wie riskant ihr Geschäft ist und wie skrupellos sie für die Durchsetzung ihrer wirtschaftlichen Ziele sein kann. Ein solches Vorkommnis war der im Mai 1998 bekannt gewordene CASTOR-SKANDAL. Damals wurde bekannt, dass bestrahlte Brennelemente jahrelang von den Atomkraftwerken zu den Wiederaufarbeitungsanlagen nach Frankreich und England unterwegs waren, obwohl an der Oberfläche der Castor-Behälter die zulässigen Grenzwerte in zahllosen Fällen überschritten wurden.
„Der Castor Skandal“ (PDF) ist eine Broschüre vom Juni 1998, herausgegeben wurde sie von „Tolstefanz-Wendländisches Verlagsprojekt“. Sie gibt einen Überblick über den Beginn des Skandals und liefert neben detaillierten Übersichten und Bewertungen auch eine umfangreiche Medien-Dokumentation.
Nach ersten Vertuschungs- und Verharmlosungsversuchen musste die Atomindustrie einräumen, dass diese Grenzwertüberschreitungen systematisch seit ca. 10 Jahren stattfanden und sie nicht erklären konnte, wie diese entstanden, noch wie sie kurzfristig zu beseitigen wären. Die Rede war von „weinenden Castoren“, weil man zunächst annahm, dass auf unerfindliche Weise die Castoren die Kontamination „ausschwitzten“.
Die Empörung (siehe das Video von Spiegel TV) war enorm. Nicht nur Medien und Anti-Atom-Bewegung waren entsetzt. Vor allem Polizisten und Bahnarbeiter, die oft in direkter Nähe der Castor-Transporte im Einsatz waren, sahen sich von der Atomwirtschaft belogen und befürchteten gesundheitliche Folgen. Der damaligen Umweltministerin Angela Merkel blieb keine Wahl: Sie musste sämtliche Castortransporte in Deutschland verbieten. Über ein Jahr dauerte es, bis Landes- und Bundesbehörden den Skandal aufgearbeitet hatten, Ausschüsse in Landtagen mühselig von Betreibern Daten verlangten und das Ausmaß des Skandals bilanzieren konnten. Zahllose Gutachter wurden beauftragt, Ursachen zu erkunden und Wege zu finden, wie die Außen-Kontamination an den Castorbehältern verhindert werden könnte.
Inwieweit die Bundesregierung vor dem öffentlichen Bekanntwerden der Kontaminationen informiert war, ist zweifelsfrei nie geklärt worden. Mindestens im April, also einige Wochen vor den ersten Zeitungsmeldungen aus Frankreich, hatte das Umweltministerium Kenntnis, informierte aber nicht die Öffentlichkeit. Laut Wikipedia soll Gerald Hennenhöfer informiert gewesen sein. Hennenhöfer war damals unter Merkel auch für Strahlenschutz zuständig. Heute ist er beim BMU der oberste Beamte für Atomfragen. Hennenhöfer gilt als Vertreter der Atomlobby, hat während der rot-grünen Bundesregierung Ende 1999 für Atomkonzerne gearbeitet, war als Anwalt für den damaligen Betreiber der ASSE II zuständig und verhandelte auf Seiten der Atomkonzerne den sogenannten Atomkonsens mit der Bundesregierung (2000/2002). Nach dem Ende der großen Koalition holte Norbert Röttgen den Atomlobbyisten Hennenhöfer wieder ins BMU.
Erneut steht ein Transport von Plutonium-Brennelementen aus Sellafield/UK über den Hafen von Nordenham zum AKW Grohnde an. Am Wochenende 17/18. November werden die acht MOX-Brennelemente zunächst im Hafen von Nordenham und dann am AKW Grohnde erwartet. Zahlreiche Proteste sind angekündigt. Bereits am 3. November hatten Bürgerinitiativen und Umweltorganisationen in Grohnde und Nordenham protestiert. Informationen zu den Aktionen rund um das AKW Grohnde hier. Zu Aktionen in Nordenham hier mehr Infos und hier bei ContrAtom.
Das hat selbst E.on vor kurzem eingeräumt, allerdings nicht in der deutschen Öffentlichkeit, sondern bei einem Hearing in den USA: In dem Vortrag nennt E.on beim MOX-Einsatz nur Nachteile gegenüber herkömmlichen Uranbrennelementen. In den USA gibt es noch kein einziges AKW, dass MOX einsetzen mag.
Der Kreistag Wesermarsch und die Stadt Nordenham haben jüngst auf einer gemeinsamen Sondersitzung aus Anlass der Plutonium-Transporte eine Resolution verabschiedet. Darin stellen sie fest: “Nordenham darf keine Drehscheibe für internationale Atomtransporte, für den Umschlag brisanter, hochgefährlicher strahlender Güter sein und werden!” und fordern “die Genehmigung für den Umschlag der MOX-Elemente in Nordenham zu widerrufen und keine weiteren Genehmigungen für den Umschlag von Kernbrennstoffen in Nordenham mehr zu erteilen”.
Auch die Grünen und die Linken im niedersächischen Landtag hatten sich mehrfach gegen die Plutoniumtransporte ausgesprochen. Der umweltpolitische Sprecher der Fraktion Die Linke im niedersächsischen Landtag, Kurt Herzog, fordert eine umgehende Sicherheitsüberprüfung der Atlantic Osprey. Herzog sagte: „Uns ist das Protokoll einer Sicherheitsüberprüfung des Frachters bekannt geworden, welche die französische Atomaufsicht ASN am 6. September 2006 im Hafen von Dünkirchen durchgeführt hat. Der Bericht zeigt, dass es auf dem Schiff erhebliche Mängel gibt – beim Strahlenschutz für die Mannschaft, bei der Lagerung des radioaktiven Materials und bei der Handhabung von Beförderung und Entladung.“
Laut ASN hätten sich die Verantwortlichen auf der „Atlantic Osprey“ nicht einmal um die täglichen Strahlenmessungen gekümmert, kritisierte Kurt Herzog: „Auf dem Schiff wird mit hochradioaktivem Material offenbar ähnlich sorglos hantiert wie seinerzeit in der Schachtanlage Asse. Das niedersächsische Umweltministerium und das Gewerbeaufsichtsamt müssen das unbedingt kontrollieren, bevor die Entladung freigegeben wird.“
Auch die Grünen-Fraktion im Landtag von Niedersachen protestierte und forderte bereits vor einigen Wochen die Rücknahme der Transportgenehmigung durch das Bundesamt für Strahlenschutz. Die Grünen-Abgeordnete Ina Korter aus der Wesermarsch und der Fraktionsvorsitzende Stefan Wenzel befürchten, dass die vom Transport betroffenen Landkreise aufgrund der mangelnden Informationspolitik des Umweltministeriums über keinerlei Katastrophenschutzpläne verfügten. Korter: “Nicht einmal der Landrat des Landkreises Wesermarsch ist von der Landesregierung informiert worden”.
Wenzel kritisierte, dass Umweltminister Birkner zunächst versucht habe, dem Bundesamt für Strahlenschutz den “schwarzen Peter zuzuschieben”, obwohl eindeutig das Land Niedersachsen für die Gewährleistung der Transportsicherung zuständig sei.
Die Grünen-Politiker forderten die Landesregierung auf, die Transporte wegen mangelhafter Katastrophenschutzpläne sofort auszusetzen. Nach Fukushima müsse eine Neubewertung des Einsatzes von MOX-Elementen erfolgen.”
Plutoniumfabriken in Sellafield. Atommüll ohne Ende. Foto Simon Ledingham
Die Kosten für Stilllegung der britischen Plutoniumfabriken in Sellafield explodieren und „untragbare Risiken“ gehen von Atommüll aus, der in heruntergekommenen Gebäuden gelagert wird . So berichtet die BBC auf ihrer Homepage mit Bezug auf einen Bericht des National Audit Office (NAO).
Darauf hat der BUND Cuxhaven in einer Pressemitteilung hingewiesen. In Sellafield haben auch deutsche AKW-Betreiber jahrelang hochradioaktive Brennelemente aufarbeiten lassen, um das darin befindliche Plutonium herauszutrennen und so genannte MOX-Brennelemente für den erneuten Reaktoreinsatz herzustellen. Ein solcher MOX-Transport soll in den nächsten Tagen z.B. das AKW Grohnde erreichen.
Nach Angaben der BBC lagert in Sellafield, der größten und gefährlichsten Atomanlage in Großbritanien, soviel hoch- und mittelaktiver Atommüll, dass damit 27 Swimming-Poole der Olympia-Klasse gefüllt werden könnten. „The plant is the UK’s largest and most hazardous nuclear site, storing enough high and intermediate level radioactive waste to fill 27 Olympic-sized swimming pools.“
Die BBC schreibt, dass ein „untragbares Risiko“ von den gefährlichen Abfällen ausgeht, die in heruntergekommenen Gebäuden in Sellafield gelagert werden. „An „intolerable risk“ is being posed by hazardous waste stored in run-down buildings at Sellafield nuclear plant, a watchdog has found.“
Bereits jetzt sind die Strände rund um die Plutoniumfabriken von Sellafield stark radioaktiv verseucht. Regelmäßig werden dort radiaktive Hot-Spots gefunden und müssen von Spezialteams geborgen werden. Siehe dazu: Plutoniumfabriken Sellafield – radioaktive Hotspots am Strand
Die NAO ist eine Kontrolleinrichtung, etwa vergleichbar mit dem deutschen Rechnungshof und überwacht staatliche Programme und Maßnahmen. Der Bericht kritisiert scharf, dass die Stilllegungs- und Rückbaumaßnahmen bei den zahlreichen Atomanlagen auf dem Sellafield-Gelände zu langsam laufen und außerdem viel zu teuer sind. Die NAO warnt davor, dass die Stilllegungskosten außer Kontrolle geraten können. In den fünf Jahrzehnten des Betriebs in Sellafield hätten die Betreiber es versäumt, langfristige Konzepte für den Umgang mit dem Atommüll zu entwickeln.
„The National Audit Office (NAO) also said that for 50 years, the operators of the Cumbria installation failed to develop a long-term plan for waste. Costs of plant-decommissioning has also spiralled out of control, it said.“
Inzwischen haben die Betreiber einen neuen Stilllegungsplan erarbeitet, nach dem der erste Plan wegen erheblicher Unzulänglichkeiten keinen Bestand hatte. In einer Pressemitteilung der NAO heißt es: „The Authority achieved an important milestone in May 2011 when it approved a more robust lifetime plan for the clean-up of Sellafield site by 2120, replacing a previous unrealistic plan.“
Doch Amyas Morse, Vorstand des National Audit Office, sieht auch im neuen Plan erhebliche Probleme. Sie begrüßt zwar, dass die Betreiber jetzt einen etwas genaueren Zeitplan vorgestellt haben. Aber auch dieser Plan könne nur ungefähr angeben, wie lange es dauern wird, die radioaktiven Abfälle unter Kontrolle zu bringen und was das am Ende kosten wird. So könnte nicht gesagt werden bis wann und mit welchen Kosten Anlagen fertigestellt sein werden, um den hochradioaktiven Atommüll aus alten Teichen und Silos zu sichern: „For example, there is considerable uncertainty over the time required and cost of completing facilities to treat and store highly radioactive material held in deteriorating legacy ponds and silos.“
Dass die Stilllegungskosten enorme Dimensionen haben und völlig außer Kontrolle geraten könnten, zeigen die Pläne: Waren von den Betreibern zunächst Kosten in Höhe von rund 47 Milliarden Pfund geplant, sind in dem neuen Plan insgesamt 67 Milliarden Pfund veranschlagt. „The improved lifetime plan contributed to an increase in the Authority’s provision for decommissioning the site to £67 billion (undiscounted) as at March 2012, up from £47 billion as at March 2009.“
Angesichts dieser Kostenexplosion wächst die Sorge, dass der Strahlen- und Umweltschutz reduziert wird, um Kosten sparen zu können. Für die Umweltorganisation Friends of the Earth ist der katastrophale Umgang mit dem Atommüll laut BBC ein „nationaler Skandal“ mit erheblichen Risiken für die Menschen und die Umwelt rund um Sellafield.
Dr Ruth Balogh, von West Cumbria and North Lakes Friends of the Earth, sagte: „The UK’s failure to deal with highly hazardous nuclear waste at Sellafield is a national scandal that poses a significant risk to local people and the environment.“
Weil die Regierung die Risiken im Umgang mit dem anfallenden Atommüll komplett ignoriert habe, fordert die Umweltorganisation, dass neue Atomkraftwerke nicht gebaut werden dürften, solange man mit dem bereits angefallen Atommüll nicht umgehen kann. „The government has completely ignored the urgent need for interim measures to deal with this radioactive waste. We shouldn’t build any new nuclear reactors if we can’t deal with the radioactive mess that’s already been created.“
Plutoniumfabriken in Sellafield/UK, Foto Simon Ledingham
Im Deutschlandradio ist ein Feature über Plutonium gesendet worden. Anlass sind die bevorstehenden Transporte zum AKW Grohnde, die über den Hafen von Nordenham aus Sellafield kommen sollen. Dagegen gibt es zahlreiche Proteste.
Hier ist der Audio-Link zu dem Feature „Energie für eine Ewigkeit– Das Plutonium-Desaster“ von Andrea Rehmsmeier. Auf Deutschland-Radio wird das Feature so angekündigt: „Plutonium ist der Traum des Physikers, aber der Albtraum des Ingenieurs, heißt es. Sechs Kilogramm des Schwermetalls löschten 1945 Nagasaki aus. Aber bis heute ist es nicht gelungen, die gewaltige Energie der Atomkerne sinnvoll für zivile Zwecke einzusetzen.
Kein anderer Stoff ist je so teuer produziert worden. Kein anderer Energieträger wird heute in ähnlich großem Stil zur Stromerzeugung eingesetzt, obwohl er nur Kosten und Sicherheitsprobleme, aber keinerlei Vorteil mit sich bringt. Kein Stoff, der in so kleinen Dosen tödlich wirkt, wurde je in so großen Mengen hergestellt. In der Frühzeit der Nuklearära verkörperte Plutonium die Physikervision vom geschlossenen Brennstoffkreislauf, eine Art nukleares Perpetuum Mobile mit schnellen Brütern und Wiederaufbereitungsanlagen.
Heute weckt es Schreckensvisionen von Atombomben in Terroristenhänden. Die radioaktive Spur, der die Sendung folgt, führt von der Wüste des US-Staates Idaho in das Atomtestgebiet von Nevada, vom deutschen Atommüll in Sellafield bis in die Kernforschungslaboratorien in Russland. DLF 2012″