Anti-Atom-Initiativen zu ein Jahr Rot-Grün in Niedersachsen: Nix verändert!

Das Wappen-Pferd nach dem Super-GAU-L. AntiAtomProtest in Hannover
Das Wappen-Pferd nach dem Super-GAU-L. Anti-Atom-Protest in Hannover

Anti-Atom-Initiativen haben gestern in Hannover nach einem Jahr rot-grüner Landesregierung in Niedersachsen eine Zwischenbilanz über die Atompolitik gezogen: „Das bittere Resümee ist, dass sich nichts Substanzielles verändert hat“, sagte gestern Peter Dickel von der Arbeitsgemeinschaft Schacht Konrad. Gorleben sei als mögliches Atommülllager nicht vom Tisch, die Aufsicht an den Kraftwerken nicht verschärft worden. Zudem stünden weitere Castor-Transporte im Raum.” Deshalb müsse es weiter Druck auf die Landesregierung geben, berichtet der Weser-Kurier über die Aktion vor dem Umweltministerium.

Dort nahm der grüne Umweltminister Stefan Wenzel ein Zeugnis von den Anti-Atom-Gruppen (hier als PDF) in Empfang. Extra für die Aktion hatten die Initiativen das niedersächische Wappen-Tier – ein Pferd – umgewandelt (siehe Foto). Der GAU-L nach einer Atomkatastrophe. Die taz berichtet hier über die Aktion.

“Wenzel hat – im Unterschied zu seinen Amtsvorgängern Hans-Heinrich Sander und Stefan Birkner (beide FDP) – eine profunde Kenntnis der Probleme, er sucht das Gespräch, am Ende aber ist entscheidend, wie gehandelt wird, da sind wir enttäuscht”, sagte Wolfgang Ehmke für die Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg e.V. (BI). Er kritisierte, dass Gorleben immer noch als Standort für ein Atommülllager im Rennen ist und sprach auch die Probleme mit weiteren Atomanlagen in Gorleben an. Kritisiert wird auch, dass es in Sachen Sicherheitsnachrüstungen an den noch in Betrieb befindlichen Atomkraftwerken in Grohnde und Lingen bis heute keine Maßnahmen gäbe, obwohl diese nicht gegen Flugzeugabstürze gesichert wären.

GAU-L-Niedersachsen-AtompferdStefan Wenzel “kündigte an, dass zur Sicherheit rund um die Kraftwerke konkrete Schritte noch folgen. „Mir ist bewusst, dass wir eine höchstmögliche Sicherheit gewährleisten müssen.“ In der Endlagerfrage stehe Niedersachsen in einer Auseinandersetzung bei der es darum gehe, Kriterien zu entwickeln, die im Interesse des Landes seien. Weitere Castor-Transporte wolle das Land verhindern.” (Weser Kurier). In einer Presserklärung bezeichnete Wenzel “die “Bürgerinitiativen gegen Atomkraft als „wichtigen Bündnispartner in der weiteren Abwicklung des Ausstiegs aus der Atomenergie und der Gewährleistung einer größtmöglichen Sicherheit bis zum letzten Betriebstag der Anlagen”“ und stellte fest: “Wir ziehen an einem Strang”. Das mit dem Strang mag sein; das mit dem “ziehen” muss aber ganz einwandfrei noch deutlich verbessert werden.

Energiewende gedeckelt: Ausbau der Erneuerbaren soll gebremst werden

Erneuerbare Energien sollen gedeckelt werden, klimaschädlicher Braunkohlestrom erreicht Höchstwerte. Braunkohletagebau bei Cottbus. Foto: Dirk Seifert
Erneuerbare Energien sollen gedeckelt werden, klimaschädlicher Braunkohlestrom erreicht Höchstwerte. Braunkohletagebau bei Cottbus. Foto: Dirk Seifert

Schon die Aussagen im Koalitionsvertrag zwischen SPD, CDU und CSU ließen nichts Gutes ahnen. Jetzt legt Energieminister Sigmar Gabriel (SPD) ein erstes Eckpunkte-Papier zur angekündigten Novellierung des Gesetzes zur Förderung der Erneuerbaren Energien vor. Während die besonders klima- und umweltschädlichen Braunkohlekraftwerke Rekordergebnisse bei der Stromerzeugung erzielen (siehe dazu z.B. hier), soll der Ausbau von Wind- und Solarenergie künftig gedeckelt und die Förderung massiv eingeschränkt werden. Bei den Klimarettern ist das Papier als PDF online zum Nachlesen.

Die Süddeutsche berichtet über die geplanten Beschränkungen: “Gabriels Reformpläne setzen hier an, mit “atmenden Deckeln”. Beim Solarstrom gibt es das schon: Wird innerhalb eines Jahres eine Leistung von mehr als 3500 Megawatt installiert, dann sinkt automatisch die garantierte Vergütung. Und das um so stärker, je mehr dieser Wert überschritten wird. Dies soll künftig auch beim Wind an Land gelten. Von 2500 Megawatt an will Gabriel drosseln. Wie genau, lassen die Eckpunkte offen. Auf diese Grenze soll auch die Solarförderung heruntergesetzt werden. Bei der Biomasse, etwa aus Mais, “wird wegen der hohen Kosten ein jährlicher Zubau von höchstens 100 Megawatt angestrebt”, heißt es in dem Papier.” Ziel der Maßnahmen, die auch im Koalitionsvertrag beschrieben sind, ist eine Begrenzung des Anteils der Erneuerbaren Energie auf nur 40 bis 45 Prozent im Jahr 2025. Bereits heute beträgt der Anteil 25 Prozent. Siehe auch: Koalitionsvertrag – Energiewende bremsen und alte Stromkonzerne sichern

Proteste gegen diese drastischen Maßnahmen hagelt es – zurecht – von allen Seiten, auch aus den Reihen der SPD. Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Torsten Albig bezeichnete die Vorschläge von Gabriel als “volkswirtschaftlich unsinnig”. Albig schlug außerdem vor, einen Masterplan zu entwickeln, in dem geregelt werden solle, wie zunächst Braun- und dann Steinkohlekapazitäten bis 2030 zurückgefahren werden. Anfangen könnte man damit schon gleich mal in der Lausitz. Dort will Vattenfall für den weiteren Betrieb seiner Braunkohlekraftwerke neue Tagebaue erschließen: Dafür müssen Menschen vertrieben und Dörfer abgebaggert werden (siehe hier: Sternmarsch gegen neue Tagebaue).

Umweltverbände – darunter ROBIN WOOD – haben bereits für den 22. März 2014 weitere Aktionen angekündigt. Unter dem Motto “Die Energiewende retten” sollen in den Landeshauptstädten Demonstrationen stattfinden. Bereits in sieben Städten stehen die Demos fest. Zuletzt hatten im November rund 16.000 Menschen gegen das Ausbremsen der Energiewende in Berlin demonstriert (Infos hier). Eine weitere Großdemonstration soll es am 10. Mai 2014 in Berlin gegeben.

Bürgerentscheid Wedel und Gaskraftwerk: Anwälte kreuzen Paragraphen

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Logo der Bürgerentscheids-Initiative in Wedel gegen den Bebauungsplan für das neue Kraftwerk Wedel: Verwaltung und Initiative sind im Streit.

In Wedel eskalieren die Auseinandersetzungen um die Durchführung eines Bürgerentscheids über den Bebauungsplan für ein bislang von Vattenfall geplantes Gaskraftwerk. Das Kraftwerk soll das alte Kohlekraftwerk am gleichen Standort ersetzen und die Hamburger Fernwärme versorgen. Seit Monaten gibt es um diese Pläne und das Kraftwerk Streit. Jetzt, so teilt das Abendblatt mit, „sprechen nur noch Anwälte“ über den Bürgerentscheid.

„Die Fronten zwischen den Initiatoren des Bürgerentscheids über den Bebauungsplan des Kraftwerksareals und der Stadtverwaltung sind verhärtet. So sehr, dass der neue Termin für den geplanten Bürgerentscheid in den Sternen steht. Kerstin Lueckow, als Sprecherin der Bürgerntscheid-Initiatoren, forderte am Montag im Abendblatt-Gespräch sogar die Aussetzung. „Das Gesetz ist unklar. Wir wissen nicht mehr, was erwartet wird, und es fehlt eine dritte unabhängige Stelle. Es muss eine Schlichterstelle her“, so Lueckow.“

Umstritten ist das Kraftwerk auch in Hamburg. Die Initiativen des Volksentscheids „Unser Hamburg – Unser Netz“ haben den Neubau kritisiert und verlangen eine Alternativenprüfung auf Basis eines Wärmekonzepts. Erst dann könne man entscheiden, wie die klimaverträglich beste Lösung für die Hamburger Fernwärmeversorung erreicht werden könne. Siehe auch: Nach dem Netz-Kauf: Hamburg braucht Wärme-Konzept und Dialog

Eine Bürgerinitiative in Wedel hatte den ersten Bürgerentscheid vor wenigen Wochen durchgesetzt. Mit dem Bürgerentscheid soll das Verfahren für den Bebauungsplan noch einmal aufgerollt werden, damit die BürgerInnen mehr Mitsprache-Rechte erhalten. Da verbindliche Vorgaben fehlen, wie die Wahlunterlagen verfasst sein müssen, hatte sich die Bürgerinitiative „Du bist Wedel“ bei der Erarbeitung der eigenen Vorlage am Hamburger Volksentscheid „Unser Hamburg – Unser Netz“ orientiert. Das aber passte der Stadt Wedel nicht, die sich beim Innenministerium in Kiel beschwerte. Das Innenministerium teilte die Kritik der Stadt Wedel – der bereits festgelegte Termin für den Bürgerentscheid musste vertagt werden.

Die Lage ist nach der Reaktion des Innenministeriums verfahren: „Seitdem jagt eine Frist die nächste, folgt ein Anwaltschreiben dem anderen. Nur voran geht es nicht. „Ich bin über die Situation sehr unglücklich“, sagt Wedels Bürgermeister Niels Schmidt. Auch er sieht gesetzlichen Nachbesserungsbedarf. Klar ist: Ohne Einigung gibt es kein Infoschreiben, ohne das vorerst auch keinen Bürgerentscheid, wie es aus dem Innenministerium heißt. Notfalls müsse das Verwaltungsgericht Wedels Problem klären.“

Siehe auch: Hamburgs Fernwärme-Kraftwerk Wedel: Bürgerentscheid vertagt

Die Initiative teilte auf ihrer Homepage mit: „Das Innenministeriums von Schleswig-Holstein hat vorgetragen, dass der „Grundsatz der Waffengleichheit“ nicht gegeben sei. Unsere Unterlagen für den Entscheid wären wegen des „Zusammenwirkens von „sehr pointierter“ Wortwahl, optischer Gestaltung (Bilder/Textkästen/Zitate etc.), Verwendung von Wahlslogans und einer – auch durch optische Merkmale verstärkten – Abstimmungsaufforderung eindeutig als Wahlkampf-Flyer zu bewerten“.“

Alles zum Kraftwerk Wedel auf dieser Seite.

Energie-Netze ohne Vattenfall: Bürgerbeirat für die kommunale Stromgesellschaft?

Für Bürgerbeirat bei der kommunalen Netzgesellschaft offen. Fraktionsvorsitzender der SPD Hamburg: Andreas Dressel.
Für Bürgerbeirat bei der kommunalen Netzgesellschaft offen. Fraktionsvorsitzender der SPD Hamburg: Andreas Dressel.

Umsetzung Rekommunalisierung der Energienetze in Hamburg: Es war eher am Rande der letzten Sitzung  der Bürgerschaftsausschüsse, die für die Umsetzung des Volksentscheids „Unser Hamburg – Unser Netz“ zuständig sind, als der SPD-Fraktionsvorsitzende Andreas Dressel in Aussicht stellte, dass die SPD nach der Netz-Übernahme offen sei, über mehr Bürgerbeteiligung bei der neuen Netzgesellschaft zu sprechen. Darüber war hier schon berichtet worden: Hamburg: SPD für mehr Bürgerbeteiligung bei den neuen Netzgesellschaften offen.

Jetzt liegt das Wortprotokoll der gemeinsamen Sitzung von Umwelt- und Haushaltsausschuss (PDF) vor, in der Andreas Dressel einen solchen Bürgerbeirat in Aussicht gestellt bzw. erklärt hat, dass die SPD für ein derartiges Mehr bei der Bürgerbeteiligung offen sei. Hier ist nun der Auszug aus dem Prototkoll in voller Länge:

Abg. Dr. Andreas Dressel: „Ich will das auch noch einmal insofern ergänzen, dass wirklich wir vom Ende her denken müssen, dass wir den Volksentscheid erfolgreich umsetzen und zwar in einem Weg, der nachher auch vor einer gerichtlichen Überprüfung standhält, weil das alles nichts nützt, wenn nachher … und dass es Beispiele gibt für Gerichtsentscheidungen oder auch Kartellamtsentscheidungen, wo dann nachher alles null und nichtig ist, davon haben, glaube ich, die Bürger, die da mit knapper Mehrheit so entschieden haben, wie sie entschieden haben, auch nichts.

Und deswegen ist es ganz wichtig, dass wir da einfach jetzt kein Risiko eingehen.

Aber natürlich, der Anspruch an Bürgerbeteiligung, den erfüllen wir ein bisschen auch mit diesem sehr breiten Forum, was da jetzt ja auch nicht eine einmalige Veranstaltung ist, sondern das wir, je nach den Verfahrenssteps, wo wir stehen, natürlich auch weiterführen.

Aber natürlich nachher auch, wenn wir auf dem einen oder dem anderen Weg die Netze haben, dass natürlich auch das darum geht, diesen Anspruch weiter zu erfüllen.
Es gab auch einmal Ideen von der Behörde, diesen Beirat zu schaffen, auch das ist sicherlich etwas, was man dann noch einmal überlegen muss, wie man das nachher auf die neue Struktur, wenn man im Besitz eines Netzunternehmens ist, wie man das dann nachher organisiert.

Ob es dann diesen energiewirtschaftlichen Beirat gibt oder einen Beirat der Netzgesellschaft, der sozusagen da auch hinzugezogen werden kann, das, finde ich, da sind wir auch als SPD-Fraktion absolut offen für. Nur, der erste Schritt ist erst einmal, es zu bekommen und dann guckt man sich die konkrete Ausgestaltung an. Wenn man da den zweiten Schritt vor dem ersten macht, dann stolpert man leicht. Und wir haben die Verpflichtung und die Verantwortung, es nicht zum Stolpern kommen zu lassen.“

Aus Wortprotokoll, Haushaltsausschuss Nr. 20/63, Umweltausschuss Nr. 20/35, S. 37

Die Wortprotokolle früherer Sitzungen stehen hier: Umsetzung Hamburger Volksentscheid: Rekommunalisierung Energienetze zum Nachlesen

SPD interne Verschwörungsphantasien: Schnelsen – Kleiner Stadtteil ganz groß

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Unterirdisches aus der SPD … Foto: Dirk Seifert

Kämpfen Vattenfall-Manager Hauke Wagner und Bürgermeister Olaf Scholz im kleinen Hamburger Stadtteil Schnelsen um die Macht? Die taz-nord berichtet heute von einem Konflikt innerhalb der SPD um die Vorstandswahlen in Schnelsen. Da geht es nicht nur um Konkurrenz, vermeintliche Absprachen oder nicht und Plätze für die Bürgerschaftswahlen. Darüber hatte umweltFAIRaendern.de bereits berichtet:

Aber offenbar wurde hier das Problem total unterschätzt, denn die taz-nord weiß jetzt zu berichten: „Andere denken in noch größeren Maßstäben“. Die Machtkämpfe zwischen den Seilschaften in der SPD reichen viel höher hinauf, als Ahnungslose bislang glaubten: Nicht nur Nils Annen, der vermeintlich linke Bundestagsabgeordnete aus Eimsbüttel und der rechte Danial Ilkhanipour kämpfen mit ihren Seilschaften um Macht und Einfluss.

Nochmal zur Erinnerung: In Schnelsen hat sich um den SPD-Energie-Aktivisten Matthias Ederhof ein Kreis gebildet, dem die ganzen Kämpfe auf die Nerven gehen und die – wie sie selbst sagen – endlich wieder mit Spaß inhaltlich orientierte SPD-Politik im District machen wollen (wenn das überhaupt möglich ist). Und daher haben die sich vorgenommen, bei der anstehenden Wahl zum Vorstand im SPD-Distrikt Schnelsen Anfang Februar als Kollektiv anzutreten. Das wars, was jetzt die SPD-Welt im Norden erschüttert und von dem Milan Pein, Kreisvorsitzender in Eimsbüttel, beteuert, dass es nur eine interne Sache von Schnelsen sei. Die taz ordnet Ederhof dann auch schon mal in die SPD-Linke ein. Demokrat für die Energiewende wäre zutreffender.

Aber es geht um viel mehr. Denn dieser Ederhof wird nicht nur zum „Annen-Lager“ hinzugetextet, sondern ist vor allem Chef bei der EnergieNetz-Hamburg-Genossenschaft und will in Hamburg das Stromnetz übernehmen. Also ist er gegen Vattenfall und in irgendeiner komischen Weltanschauung damit ein Beauftragter von Bürgermeister Olaf Scholz – schreibt die taz! Und jetzt der Hammer: Der „wichtigste Verbündete von Ilkhanipour“ wiederum ist Hauke Wagner, der „Sohn des langjährigen Bausenators Eugen Wagner sitzt als Juso-Vertreter im SPD-Landesvorstand und ist beruflich Projektmanager für das Hamburger Energiekonzept bei Vattenfall – und somit ein Gegenspieler des Energie-Genossenschaftlers Ederhof.“ Unglaublich. Was für ein Total-Krimi, der sich da in Schnelsen abspielt. Hätte ich jetzt irgendwie nicht gedacht.

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