Ärzteorganisation fordert „Atomminister“ Robert Habeck auf, Plutonium-Einsatz in Brokdorf zu stoppen

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Noch mehr Risiken: Plutonium-Einsatz im AKW Brokdorf. Foto: Dirk Seifert

Die internationale Ärzteorganisation IPPNW hat den schleswig-holsteinischen Energieminister Robert Habeck (Grüne) heute aufgefordert, den Einsatz von Plutonium im AKW Brokdorf zu stoppen. Dieser Tage sollen weitere solcher so genannter MOX-Brennelemente per LKW-Transport aus dem belgischen Dessel über Niedersachsen und Hamburg zu dem Atommeiler an der Unterelbe rollen.

Siehe auch: Nicht nur neuer Atommüll für Schleswig-Holstein: Jetzt rollt auch noch Plutonium in das AKW Brokdorf und: Nix gelernt und falsch: Hamburger Umweltbehörde erklärt Plutoniumtransporte für harmlos

Die IPPNW schreibt:
„E.On-Experte warnt vor Sicherheitsrisiken / Neue beunruhigende MOX-Probleme

Nach dem Brand auf dem mit radioaktiven Stoffen beladenen Containerschiff „Alantic Cartier“ in Hamburg und dem geplanten Transport von plutoniumhaltigen MOX-Brennelementen durch Hamburg warnt die atomkritische Ärzteorganisation IPPNW den schleswig-holsteinischen Umweltminister Robert Habeck vor dem weiteren MOX-Einsatz im Atomkraftwerk Brokdorf. Hintergrund ist die Kritik des MOX-Spezialisten Wolfgang Faber, der bei der E.On Kernkraft GmbH als Leiter für den Einsatz von Brennelementen verantwortlich ist. Das eindeutige Votum des Brennelement-Spezialisten wird allerdings vom Vorstandsvorsitzenden der E.On AG, Johannes Teyssen, ignoriert. Auf der E.On-Hauptversammlung am 3. Mai 2013 in Essen sagte Teyssen der ehemaligen IPPNW-Vorsitzenden Angelika Claußen auf Nachfrage wörtlich: „Die Meinung von Herrn Faber ist eine Einzelmeinung. Das ist nicht die Unternehmensmeinung. Wir sehen keine Gefahrenerhöhung durch MOX-Brennelemente.” Nach Auffassung der IPPNW ist jetzt der zuständige Atomminister Robert Habeck gefragt, den MOX-Einsatz in Brokdorf endlich zu unterbinden und verweist hierbei auf aktuelle Sicherheitsprobleme.

Faber hatte am 14. September 2011 auf einem Treffen des US Nuclear Waste Technical Review Board aus finanziellen Gründen, wegen der Dosisbelastung für das Personal und aufgrund erheblicher Schwierigkeiten und Risiken beim Einsatz sowie bei der Entsorgung von der Verwendung von MOX-Brennelementen abgeraten. Der Spezialist weist darauf hin, dass die Wärmeleitfähigkeit geringer und die Kernbrennstofftemperatur, die Reaktivität sowie der Spaltgasdruck höher sind als bei herkömmlichen Uranbrennelementen. Bei einem Leck-Störfall ist laut Faber mit einer stärkeren Beschädigung von Brennstäben zu rechnen („core failure rates … higher in mixed cores“).

Das Thema MOX beschäftigt die Aufsichtsbehörden und Gutachterorganisationen derzeit sehr stark. Es gibt mehrere beunruhigende Befunde, so IPPNW-Atomexperte Henrik Paulitz. So wird in zahlreichen deutschen und europäischen Atomkraftwerken ein Ansteigen des Neutronenflussrauschens beobachtet, ohne dass die Ursache dafür wirklich klar wäre. Fest steht aber offenbar, dass der MOX-Einsatz dabei eine Rolle spielt. In einem Fall führte das sogar schon zu einer Reaktorschnellabschaltung. Neu ist den Atomtechnikern offenbar auch, dass MOX-Brennelemente bei Leck-Störfällen innenseitig oxidieren können, so dass ein Zerbröseln der Hüllrohre droht und die Kühlung somit beeinträchtigt werden könnte. Nicht bedacht hatte man ferner, dass bei einem Aufblähen der MOX-Brennstäbe durch den höheren Spaltgasdruck der Kernbrennstoff absacken und auch deswegen die kühlfähige Geometrie im Kern beeinträchtigt werden kann.

Auch in der Schweiz werden die öffentlich kaum bekannten Probleme und Unsicherheiten im Bereich des Reaktorkerns generell und beim Einsatz von MOX-Brennelementen im Besonderen kritisch diskutiert. In einem Gutachten für die Eidgenössische Kommission für die Sicherheit von Kernanlagen vom 27. September 2006 schreibt der Spezialist Hans-Urs Zwicky zu den Gefahren bei einem Reaktivitätsstörfall (RIA): “Dabei wurde berücksichtigt, dass MOX-Brennstoff inhomogen ist und in den plutoniumreichen Agglomeraten lokal ein sehr hoher Abbrand mit einer entsprechend porösen Mikrostruktur erreicht werden kann. Übersteigt der Spaltgasdruck in den Poren des Brennstoffs einen kritischen Wert, so wird die Brennstoffstruktur instabil und die freigesetzten Spaltgase tragen wesentlich zur Hüllrohrbelastung während des RIA bei.“

Ferner betont Zwicky: „Erste Erfahrungen bei der Kernauslegung für die Betriebszyklen 2005/06 zeigten, dass die Kriterien für Uranbrennstoff auch bei hohem Abbrand ohne Einschränkungen erfüllbar sind. Dagegen können die relativ tiefen Werte für Hochabbrand-MOX zu einem gewissen Flexibilitätsverlust bei der Kernauslegung führen.“

Vor diesem Hintergrund fordert die IPPNW die sofortige Außerbetriebnahme von Atomkraftwerken wie Brokdorf, in denen MOX-Brennelemente eingesetzt werden.“

Kontakt: Deutsche Sektion der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges, Ärzte in sozialer Verantwortung (IPPNW), Körtestr. 10, 10967 Berlin, www.ippnw.de, Email: ippnw@ippnw.de

Nix gelernt und falsch: Hamburger Umweltbehörde erklärt Plutoniumtransporte für harmlos

MOX-Transport zum AKW Brokdorf (1991), Spezialfahrzeuge sind für den Plutoniumtransport erforderlich. Foto: Dirk Seifert
MOX-Transport zum AKW Brokdorf (1991), Spezialfahrzeuge sind für den Plutoniumtransport erforderlich. Foto: Dirk Seifert

Die SPD-geführte Umweltbehörde hat auch nach dem Kommunikations-Desaster aus dem Feuer im Hamburger Hafen an Bord der „Atlantic Cartier“ nichts dazugelernt. Noch in dieser Woche sollen Plutonium-Transporte durch Hamburg rollen. Auch deren Risiken werden von einem Sprecher der Hamburger Umweltbehörde verharmlost, teilweise sind die Informationen auch einfach falsch!

An Bord des Atomfrachters, der am 1. Mai im Hamburger Hafen in Brand geriet und mit einem Großeinsatz der Feuerwehr gelöscht werden musste, hatte sich auch radioaktives Material befunden, darunter das hochgefährliche Uranhexafluorid. Die Umweltbehörde verschwieg dieses brisante Detail. Erst durch eine Anfrage der Hamburger Grünen wurde dies bekannt. (Siehe auch Hamburger Abendblatt)

Jetzt stehen Atomtransporte mit brisanten Plutonium-Brennelementen für das AKW Brokdorf an. Betrieben wird das AKW Brokdorf von E.on und Vattenfall. Der Transport muss auf seinem Weg durch die Hansestadt Hamburg. Laut NDR handelt es sich für Volker Dumann, Sprecher der Umweltbehörde, „um vergleichsweise harmloses Material. „Es sollen frische Brennelemente transportiert werden, die noch in keinem Atomkraftwerk eingesetzt wurden“, sagte Dumann. Von diesen Brennelementen ginge nur eine minimale Strahlung aus.“

Laut dem TV-Bericht des NDR sagt der Sprecher der Behörde  ab Minute 1.12 (.ausgestrahlt hat das in einer Pressemitteilung mitgeteilt): „Der Sprecher der Hamburger Umweltbehörde Volker Dumann erklärte gegenüber dem NDR zum Thema Plutonium-Transporte durch Hamburg: „Man braucht dazu noch nicht einmal besondere Transportbehälter, weil es eben relativ ungefährliches Material ist.“

Falsch! Das Plutonium in diesen Brennelementen stammt aus dem Reaktoreinsatz im AKW Brokdorf. Dort ist es beim Einsatz von herkömmlichen Uranbrennelementen entstanden. Nach dem Reaktoreinsatz sind diese hochradioaktiven Brennelemente zur Wiederaufarbeitung nach Frankreich oder England transportiert worden. Dort wurden die Brennelemente chemisch aufgelöst und das Plutonium herausgetrennt. Danach wird das Plutonium mit Uran vermischt und zu neuen Brennelementen zusammengebaut. Genau um diese Mischoxid-(Plutonium und Uran)-MOX-Brennelemente handelt es sich jetzt. Es sind also Brennelemente bzw. wesentliche Bestandteile davon, deren Ursprung der Reaktoreinsatz ist!
(Über den Atommüll, der bei dieser Wiederaufarbeitung entstanden ist, wird derzeit auch intensiv diskutiert: Der soll nämlich künftig möglicherweise in das AKW Brunsbüttel rollen. Dazu hier mehr Informationen: Castor und Atommüll in Schleswig-Holstein: Landesregierung will mit dem Kopf durch die Wand!)

Zwar ist richtig, dass die Strahlung der MOX-Brennelemente im Vergleich zu abgebrannten Brennelementen deutlich niedriger ist. Das aber macht sie nicht harmlos. Vor allem lässt der Sprecher der Umweltbehörde das Wesentliche außer acht: Sollte es zu einem Unfall mit MOX-Brennelementen kommen, bei dem das Plutonium frei gesetzt wird, wäre bereits das Einatmen tödlich, mindestens aber eine Garantie für eine Krebserkrankung. Plutonium gehört sowohl radiologisch als auch chemisch zu den schlimmsten Giften, die die Menschheit kennt!

Um dieses Risko zu begrenzen, werden die MOX-Brennelemte in Spezialcontainern verpackt, die höhere Anforderungen als für normale Güter erfüllen. Die Bundesregierung teilt in Anfragen zu diesem Thema regelmäßig mit: „So gehören beispielsweise die für den Transport von MOX-Brennelementen verwendeten Behälter zu den Typ B-Versandstücken, den sogenannten „unfallsicheren Verpackungen“. Diese Behälter müssen den Auswirkungen selbst schwerster Unfälle standhalten können…“. Siehe dazu hier die Antwort auf eine Kleine Anfrage der Linken im Bundestag (PDF; dort sind auch weitere Sicherheitsanforderungen an diese Behälter genannt).

Allerdings hat diese „Sicherheit“ Grenzen: Die Behälter, in denen das Plutonium transportiert wird, müssen z.B. lediglich für eine halbe Stunde ein Feuer von 800 Grad aushalten. Danach wird das Plutonium an die Umwelt abgegeben. Dass das Risiko für derartige Unfälle besteht, hat eben der Brand auf dem Atomfrachter am 1. Mai gerade vor Augen geführt.

Davon will die Umweltbehörde offenbar nichts wissen. Statt über die Risiken aufzuklären, wiegelt sie ab. Allerdings: Von der zuständigen Aufsichtsbehörde in Schlesiwg-Holstein, dem Energieministerium unter der Leitung des grünen Ministers Robert Habeck, ist bislang zum MOX-Einsatz und den Transporten gar nichts zu hören. In Niedersachsen hat der neue Grüne Umweltminister Stefan Wentzel bereits nach wenigen Wochen seiner Amtszeit eine umfassende Sicherheitsprüfung für den MOX-Einsatz angekündigt.

Aus gutem Grund: Denn Plutonium-Brennelemente haben zusätzliche Risiken beim Einsatz im Atomkraftwerk zur Folge. Weil Plutonium sich im Reaktor anders verhält als Uran, müssen viele zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen erfolgen, die die Auslegungsgrenzen im Reaktor verringern. Selbst der Chef der Brennelemente-Abteilung bei E.on hat bei Vorträgen in den USA auf diese Risiken hingewiesen. Siehe dazu hier: Nicht nur neuer Atommüll für Schleswig-Holstein: Jetzt rollt auch noch Plutonium in das AKW Brokdorf und E.on räumt ein – Plutonium-Brennelemente machen nur Probleme.

Im Falle eines schweren Unfalls, bei dem Plutonium durch den MOX-Einsatz vermehrt freigesetzt werden würde, wären die Folgen für die Menschen in der Umgebung deutlich schlimmer, also ohne MOX-Einsatz (Fukushima).

Der Transport mit dem Plutonium wird im belgischen Dessel starten und dann vermutlich über NRW und Bremen über Hamburg nach Brokdorf rollen. Anti-Atom-Initiativen entlang der Strecke haben Protestaktionen angekündigt.

Plutonium auch im AKW Emsland – Niedersachen prüft!

Das Hamburger Abendblatt berichtet mit Datum 19. Mai 2013, dass das AKW Emsland/Lingen „an diesem Sonntag für etwa drei Wochen vom Netz genommen“ wurde. „In dieser Zeit werden nach Angaben einer Sprecherin des Umweltministeriums die Brennelemente inspiziert. 44 der 193 Brennelemente werden ausgetauscht. Zwölf davon sind sogenannte MOX-Brennelemente.“

Das grüne Umweltministerium in Hannover hat eine umfassende Prüfung für den weiteren MOX-Einsatz angekündigt: „Im Laufe des Jahres solle grundsätzlich geklärt werden, ob diese Mischoxid-Brennelemente in niedersächsischen Atomkraftwerken weiterhin eingesetzt werden. MOX-Brennelemente enthalten auch Plutonium. Bürgerinitiativen kritisieren, dass Plutonium wesentlich giftiger als Uran ist. Das von dem Energieunternehmen RWE betriebene Atomkraftwerk bei Lingen wurde 1988 in Betrieb genommen.“

Nicht nur neuer Atommüll für Schleswig-Holstein: Jetzt rollt auch noch Plutonium in das AKW Brokdorf

Dirk Seifert - MOX-Transport zum AKW Brokdorf
Plutonium auf dem Weg zum AKW Brokdorf. Spezialtransporter sind dabei im Einsatz, wenn der Atombombenstoff über die Straßen von Niedersachsen und Hamburg nach Schleswig-Holstein rollt. Foto: Dirk Seifert

Während im Rahmen der Endlagersuche derzeit Schleswig-Holstein und das AKW Brunsbüttel als Anwärter für neuen Atommüll per Castortransporten auf der ToDo-Liste stehen, soll nun auch noch Plutonium als Brennstoff zum AKW Brokdorf rollen. Das Plutonium stammt aus der so genannten Wiederaufarbeitung, sprich: Der Abtrennung des Bombenstoffs in Frankreich (und England). Dieses Plutonium wird unter extremsten Sicherheitsvorkehrungen in sogenannte Mischoxid-Brennelemente (MOX) eingebaut. Es ist hochgiftig und tödlich. Und es erhöht die Sicherheitsprobleme in Atomkraftwerken. Siehe dazu: E.on räumt ein – Plutonium-Brennelemente machen nur Probleme.

Die Plutoniumtransporte werden u.a. durch die Bundesländer Niedersachsen und Hamburg rollen. In Hamburg hat es jüngst einen Brand auf einem Atomfrachter gegeben. Nur dem Einsatz der Feuerwehr ist es zu verdanken, dass es nicht zu einer atomaren Katastrophe in Hamburg kam. Die Behörden verschwiegen wochenlang, dass radioaktives Material an Bord des brennenden Schiffs gewesen ist. Erst Nachfragen der Grünen Bürgerschaftsfraktion machten das öffentlich. Siehe: Brennender Atomfrachter in Hamburg – wollte die Umweltbehörde vertuschen?

Nach Informationen von .ausgestrahlt steht „bis spätestens nächsten Freitag (24.5.) ein MOX-Straßentransport aus dem belgischen Dessel nach Brokdorf an. Der MOX-Brennstoff stammt aus Frankreich“. Insgesamt sollen mehr als 200 kg Plutonium in den Brennelementen stecken. Das wäre eine Menge, die für rund zwei Dutzend Atombomben ausreichen würde!

Das AKW Brokdorf wird von E.on betrieben. E.on-Mitarbeiter Wolfgang Faber, Leiter für Brennelementeinsatz und Entsorgung bei der E.ON Kernkraft GmbH, hatte in Vorträgen in den USA, wo derzeit eine neue Plutoniumfabrik gebaut wird, in der MOX für die dortigen Atomkraftwerke hergestellt werden sollen, vor erheblichen Risiken gewarnt (siehe oben). Nicht ganz erfolglos, denn in den USA haben die AKW-Betreiber bislang wenig Interesse am Einsatz dieses gefährlichen Brennstoffs gezeigt. Noch im September 2012 hatte sich kein Abnehmer gefunden: Plutonium-Brennelemente – Keine Abnehmer in den USA

Johannes-Teyssen-Eon-15032013tutzing12.jpgAuf der jüngsten Hauptversammlung von E.on am 3. Mai 2013 fragte die Ärzteorganisation IPPNW nach und wollte wissen, wie der Konzern zu den Sicherheits-Bedenken seines Brennelemente-Expertern Wolfgang Faber stehe. Der Vorstandsvorsitzende Teyssen brauchte nur drei Sätze: „Die Meinung von Herrn Faber ist eine Einzelmeinung. Das ist nicht die Unternehmensmeinung. Wir sehen keine Gefahrenerhöhung durch MOX-Brennelemente.“ (Zitiert nach einer Mail der Fragestellerin Dr. Angelika Claußen).

Stellungnahmen der Landesregierung Schleswig-Holstein und des dortigen grünen Energie(wende)ministers Robert Habeck liegen bislang nicht vor.

Siehe auch: Castoren für Brunsbüttel – Einlagerung ist möglich?

Weitere Informationen zu Plutonium-Brennelementen:

Plutonium-Brennelemente – Alternativen zum Einsatz im Atomreaktor

Plutonium – fast 5.000 Kilogramm warten auf AKW-Einsatz

Waffen-Uran und Plutonium in Atommeilern – Alternativen wurden nicht verfolgt!

E.on räumt ein – Plutonium-Brennelemente machen nur Probleme

MOX-Transporte – Plutonium auf Reisen

 

Atommülllager AKW Brunsbüttel – Genehmigung auf dem rechtlichen Prüfstand

atommüllfassDas Oberverwaltungsgericht in Schleswig wird sich ab Montag, 17. Juni, mit der Genehmigung für das Atommüll-Standortlager am AKW Brunsbüttel befassen. Während einige im Rahmen der Verhandlungen über das Endlagersuchgesetz schon damit beschäftigt sind, neuen Atommüll für Brunsbüttel zu ordern, ist das dortige Lager noch nicht einmal rechtskräftig genehmigt. Gegen die im November 2003 vom Bundesamt für Strahlenschutz erteilte Genehmigung steht bis heute eine Klage an. Trotz der laufenden Klage wurde das Atommülllager 2006 in Betrieb genommen. Derzeit stehen neun Castoren im Lager. Das Gericht steht unter enormen Druck: Das Urteil könnte erhebliche Auswirkungen auf die Entsorgungspraxis in Deutschland haben.

Sicherheitsmängel bei der Genehmigung

Dabei geht es zunächst um die Sicherheit für die AnwohnerInnen. Immerhin dürfen nach bisheriger Genehmigungslage bis zum Jahr 2043 bis zu 80 Castor-Behälter mit hochradioaktiven Brennelementen am AKW Brunsbüttel gelagert werden. Gegenstand der Klage sind Zweifel an der Langzeitsicherheit, vor allem auch Sicherheitsmängel beim Schutz gegen terroristische Angriffe. Dazu zählen der absichtliche Flugzeugabsturz oder auch ein Beschuss mit modernen Panzerfäusten. So ist z.B. der (gezielte) Absturz des A380 bei der Genehmigung nicht berücksichtigt worden.

Das OVG Schleswig hatte in erster Instanz die Klage nicht angenommen. Das Gericht wollte dem Kläger, der von dem Anwalt Dr. Ulrich Wollenteit vertreten wird, keinen Drittschutz einräumen. In der Revision vor dem Bundesverwaltungsgericht in Leipzig hoben die dortigen Richter diese Entscheidung des OVG im Jahr 2008 schließlich auf: „Der Schutz gegen terroristische Anschläge auf ein Standortzwischenlager unterfällt dem Anwendungsbereich des Atomgesetzes. Die Vorsorge gegen solche Risiken dient auch dem Schutz individueller Rechtsgüter der in der Nähe des Zwischenlagers wohnenden Nachbarn. Die staatliche Terrorbekämpfung entbindet den Anlagenbetreiber nicht von der Pflicht zu Maßnahmen zum Schutz der Anlage und ihres Betriebs, die in seinen Verantwortungsbereich fallen“, heißt es in der Pressemitteilung zur Begründung des Urteils durch das BVerwG. Damit stärkte das Gericht den „Schutzanspruch Drittbetroffener gegen Anschläge auf ein atomrechtliches Zwischenlager“.

Entsorgungskonzept am Ende? Hoher Druck für das Gericht.

Aufgrund dieses Urteils muss sich nun das OVG Schleswig erneut mit der Sache befassen. Dabei steht das Gericht unter enormen Druck. Denn: Kommt es zu dem Ergebnis, dass die Sicherheitsrisiken nicht ausreichend berücksichtigt wurden, müsste es die Genehmigung aufheben. Das hätte fatale Folgen für die gesamte Entsorgungspraxis – nicht nur für Brunsbüttel selbst. Denn auch andere Atommülllager an den norddeutschen AKWs sind auf der gleichen Grundlage genehmigt und entsprechen baulich dem Zwischenlager in Brunsbüttel. Die Genehmigungen der Standortlager in Brokdorf, Krümmel und Grohnde sind zwar rechtskräftig – wären dann aber nach gerichtlichen Maßstäben nicht sicher! Baugleich ist auch das Lager in Unterweser/Esenshamm, aber auch hier steht noch eine Klage an!

Derweil läuft der Streit über die Aufnahme von Atommüll aus der Wiederaufarbeitung in Brunsbüttel weiter. Um das Endlagersuchgesetz auf den Weg bringen zu können, soll künftig kein Atommüll mehr nach Gorleben. Eine Lösung, wohin der Müll stattdessen kann, ist noch nicht gefunden. Denn ungeachtet politischer Auseinandersetzungen haben die AKW-Betreiber als Eigentümer der Standort-Lager das letzte Wort. Sie müssten die entsprechenden Genehmigungen beantragen und die Kosten übernehmen. Siehe dazu: Atomkonzerne und kein Konsens: “Wir zahlen nicht”.

Einzig das Atommülllager im ostdeutschen Lubmin gehört dem Bund und würde eine Zustimmung der AKW-Betreiber nicht erfordern. Aber im Osten will niemand den Westmüll – auch die Landesregierung nicht: Ostsee-Zeitung: Castoren ins Atommülllager Lubmin statt nach Gorleben oder Brunsbüttel?

Der Teufel steckt in vielen Details: Das Hamburger Abendblatt berichtet heute ausführlich über die Situation rund um das AKW Brunsbüttel: Das dortige Lager ist genehmigt für 80 Castoren, derzeit stehen dort neun, elf weitere Castoren kommen noch hinzu, wenn die radioaktiven Brennelemente endlich aus dem Reaktor geholt werden.

„Betreiber Vattenfall beantragte vor etwa einem Jahr, einige Lüftungsschächte zu schließen, auch zur besseren Sicherheit. Doch nun eignet sich das Lager noch maximal für 34 Castoren, sonst wird die Wärme zu groß. Und davon sind 20 für das AKW reserviert. Um die 26 Behälter aus dem Ausland aufzunehmen, fehlt nun auch in Brunsbüttel der Platz. Es ist eine der ungeklärten Fragen, die auch Stefan Mohrdieck hat, Bürgermeister von Brunsbüttel. „Falls der Platz hier nicht ausreicht, schaffen wir dann neue Räumlichkeiten für ein Zwischenlager?“ Aus seiner Sicht würde das ein langwieriges Genehmigungsverfahren nach sich ziehen. „Ich zweifele daran, dass bis 2016 ein solches Projekt realisierbar ist.“ Vor gut einer Woche haben sie in der Ratsversammlung eine Resolution verabschiedet. Die große Mehrheit spricht sich gegen fremden Atommüll in Brunsbüttel und den Transport über die dortigen Häfen aus. Die Forderung: „Die Zwischenlagerung hat jeweils an den Kernkraftwerken der einzelnen Bundesländer zu erfolgen.““

Siehe auch: Mehr Konsens bei Atommülllager in Schleswig-Holstein: CDU, ein paar Piraten, Grüne, SPD und SSW kommen sich näher

 

Total historische Konsenstage: Grüne Schleswig-Holstein beraten Castorannahme – CDU/FDP für Gorleben

RobertHabeck-April2013
Energieminister Robert Habeck streitet
RebeccaHarms-April2014
gemeinsam mit der Europaabgeordneten Rebecca Harms, Fotos: Dirk Seifert

Während die Grünen in Schleswig-Holstein am Abend über die Bedingungen diskutieren, unter denen Castortransporte aus der Wiederaufarbeitung in das nördlichste Bundesland rollen dürfen, halten CDU und FDP voll dagegen – und zeigen, wie wenig tragbar der vermeintliche Konsens bei der Endlagersuche ist. „Total historische Konsenstage: Grüne Schleswig-Holstein beraten Castorannahme – CDU/FDP für Gorleben“ weiterlesen

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