Muss das AKW Brokdorf vom Netz? Sicherheitsleute drohen mit Streik.

AKW Brokdorf: Ohne Sicherheitspersonal wird abgeschaltet? Foto: Gabriele Planthaber / pixelio.de

Manchmal kommt es zu Konflikten bei der Atomenergie, die man gar nicht so recht auf dem Schirm hat. Ein solcher Konflikt bahnt sich gerade beim AKW Brokdorf an und könnte – glaubt man den Darstellungen des Schleswig-Holsteinischen-Zeitungsverlages – zur (vermutlich vorübergehenden) Stilllegung des Atommeilers führen.

Der SHZ schreibt: „Sicherheitsleute fordern eine soziale Lösung für die Zeit nach dem Abschalten der Kernkraftwerke. Für Verdi ist ein Ausstand wahrscheinlich. Notfalls so lange, bis der Meiler vom Netz muss.“ Dabei geht es um die Sicherheitsleute, die für das AKW Brokdorf zuständig sind. Betroffen sind aber dem Bericht zu Folge auch das Sicherheitspersonal der stillgelegten AKWs in Brunsbüttel und Krümmel. Vattenfall hat offenbar damit begonnen, Personal abzubauen. Mehr zu dem Konflikt siehe unter dem angegebenen Link.

Atomtransporte: Hafen gesperrt – Bremer Verbot von Atomtransporten rechtmäßig

Über Bremens Häfen geht es nicht mehr. MOX-Transporte (hier bei der Einfahrt zum AKW Brokdorf) rollen demnächst über Nordenham zum AKW Grohnde. Foto: Dirk Seifert

Der Bremer Senat hat ein neues Gutachten vorgelegt, nachdem das erlassene gesetzliche Verbot für den Umschlag von Atomtransporten mit Kernbrennstoffen über bremische Häfen rechtsmäßig ist. Das berichtet Radio Bremen. Weil die Bremer Häfen nicht mehr für den Umschlag in Frage kommen und auch Cuxhaven und Wilhelmshaven sich weigern, radioaktive Stoffe über ihre Häfen transportieren zu lassen, muss E.on für den bevorstehenden Transport von plutoniumhaltigen MOX-Brennelementen aus Sellafield auf den Hafen Nordenham ausweichen. (Zu den Plutoniumfabriken in Sellafield siehe auch hier).

Bremen hat als erstes Bundesland seine Häfen für den Umschlag von kernbrennstoffhaltigen Atomtransporten im Frühjahr 2012 gesperrt. Dagegen hatte die CDU im Mai 2012 geklagt, weil sie der Auffassung ist, dass dieses Verbot nicht im Rahmen des Landesrecht, sondern nur vom Bundesgesetzgeber zulässig wäre. Außerdem würde das Verbot von Atomtransporten gegen EU-Recht verstoßen, meint die Bremer CDU. Seit August 2012 prüft daher laut Mitteilung von Radio Bremen auch die EU-Kommission, ob es bei dem Verbot bleiben kann.

Das Rechtsgutachten im Auftrag des Bremer Senats hingegen soll bestätigen, dass das Verbot im Rahmen des Landesrechts zulässig ist und weder gegen Bundes- noch EU-Recht verstößt.

Von dem Gesetz sind jedoch nur die vom Bundesamt für Strahlenschutz zu genehmigenden Transporte mit Kernbrennstoffen betroffen. Dies sind vor allem Materialien, deren Anreicherung mit dem spaltbaren Uran 235 (oder anderen spaltbaren Stoffen) einen bestimmten Wert überschreiten. Atommüll – wie z.B. abgereichertes Uranhexafluroid und ähnliche – sind nicht von dem Verbot betroffen. Daher hat sich in Bremen eine Initiative gebildet, die mit einer Volksinitiative erreichen will, dass auch diese Atomtransporte künftig vom Umschlag über die Bremer Häfen ausgeschlossen werden.

Auf Initiative der Linken-Bürgerschaftsfraktion wird auch in Hamburg über ein Verbot von Atomtransporten diskutiert.

 

AKW Grohnde – Proteste gegen Plutonium-Transporte

Gleich zwei Touren mit Plutonium-Brennelementen sollen von England aus demnächst am AKW Grohnde eintreffen. Die genauen Transporttermine werden geheim gehalten, klar ist aber bislang, dass ein erster Transporte noch im September, der zweite wohl im November stattfinden wird. Die Plutonium-Transporte werden von Sellafield in England mit Spezialtransportern per Schiff nach Nordenham gebracht und sollen von dort auf der Straße zum AKW Grohnde geliefert werden. (Foto: Spezialfahrzeug für MOX-Transporte. Hier ein MOX-Transport aus den USA. Die Zugmaschine ist besonders gepanzert. Foto: US-DOE)

Bürgerinitiativen und Umweltorganisationen rufen zum Protest gegen diese gefährlichen Transporte auf. Am Sonntag, den 9.9.2012 – soll es einen Auto-Korso geben, der um 14.30 Uhr am Bahnhof in Hameln beginnen wird. Von dort geht es dann zum AKW Grohnde, wo um 16 Uhr eine Kundgebung stattfinden wird. Mehr dazu auf dieser Seite.

Auch am geplanten Umschlagsort von Schiff auf Straße – in Nordenham – soll es am 9. September zu Protesten kommen: Dort wird es eine Fahrradtour zu den beiden möglichen Anlegestellen der Rhenus Midgard GmbH geben. Einmal auf Höhe Innenstadt, Hafenstraße und auf Höhe Nordenham-Blexen, Höhe Neptunstraße, Treffpunkt ist um 12 Uhr der Bahnhof Nordenham.

Die Plutonium-Brennelemente, die jetzt zum AKW Grohnde rollen sollen, sind vermutlich die letzten, die aus England kommen werden. Die dortige Brennelemente-Fabrk in Sellafield (zum Atomstandort Sellafiel siehe hier) soll nach Angaben der Betreiber so schnell wie möglich geschlossen werden. Das wurde bereits im August 2011 angekündigt und von der Bundesregierung in der Antwort auf eine Kleine Anfrage der Grünen bestätigt.

Die Gründe, warum die Anlage Sellafield MOX Plant (SMP) geschlossen wird, sind vielschichtig: Von Anfang an waren die Kosten umstritten. Die damalige Regierung unter Tony Blair setzte die Fabrik dennoch durch. Ende der 90er Jahre ging sie in Betrieb, aber es gab permanent Störfälle, so dass die Produktion nur schleppend in Gang kam. Unter dem enormen Druck wurden dann sogar Manipulationen durchgeführt. Obwohl die MOX-Brennelemente, die in Sellafield mit großen Verzögerungen hergestellt wurden, nicht den von den AKW-Betreibern geforderten Spezifikationen entsprachen, wurden sie mit gefälschten Papieren (PDF) ausgeliefert. Immer wieder kam es zu Störfällen und die Anlage musste immer wieder auch für längere Zeit abgeschaltet werden. Dadurch stiegen die Kosten immer weiter an.

Künftig sollen die MOX-Brennelemente für deutsche Atomreaktoren in Belgien/Frankreich hergestellt werden.

Plutonium – besonders Riskant

Um das Wort Plutonium zu vermeiden, nennen die AKW-Betreiber diese speziellen Brennelemente gern Mischoxid-Brennelemente oder kurz MOX. Sie bestehen aus Uran und Plutonium. Das hochgefährliche radioaktive Material stammt aus der Wiederaufarbeitung (WAA) von abgebrannten Uran-Brennelementen. Bei diesen Brennelementen entsteht während des Einsatzes im Reaktor zu knapp einem Prozent das spaltbare Plutonium. In der WAA werden die hochradioaktiven Uran-Brennelemente chemisch gelöst und dann in mehreren Schritten das neu enstandene Plutonium separiert.

Ehemals sollte mit diesem Material in Deutschland eine komplette Industrie zur Stromerzeugung aufgebaut werden. Doch aufgrund der besonderen Gefährlichkeit und der damit verbundenen enormen Kosten, wurde die Plutonium-Wirtschaft in Deutschland frühzeitig beendet. Die geplante deutsche Wiederaufarbeitungsanlage in Wackersdorf wurde Ende der 80er Jahre nach heftigem Widerstand aufgegeben. Der geplante „Schnelle Brüter“ in Kalkar, weitgehend fertiggestellt und dazu gedacht, Plutonium im großindustriellen Standard zu erzeugen, wurde eingemottet und ist heute ein Freizeitpark.

In Hanau wurden die Fabriken zur Herstellung von Plutonium-Brennelementen geschlossen. Im Jahr 2005 wurde in Deutschland schließlich auch die Wiederaufarbeitung im Ausland per Gesetz verboten. Bis dahin sind die hochradioaktiven Brennelemente aus deutschen AKWs allesamt per Castor zu den WAAs in Frankreich und England transportiert worden. Der Atommüll wurde von der Bundesregierung mangels Entsorungsmöglichkeiten jahrzehntelang als Wertstoff deklariert. Nur so konnten die Atommeiler am Netz bleiben.

Im französischen La Hague und im britischen Sellafield wurde aus den abgebrannten Uranbrennelementen Plutonium separiert. Dieses Plutonium ist dann in den entsprechenden Fabriken zu dem MOX-Brennstoff verarbeitet worden, der nun erneut im AKW Grohnde (und anderen Reaktoren) eingesetzt werden soll.

Plutonium gilt als einer der gefährlichsten Stoffe überhaupt. Daher braucht seine Verarbeitung gegenüber Uran auch besonders hohe und daher teure Schutzmaßnahmen. Bereits wenige Milligramm dieses Stoffes können tödlich sein, wenn man es einatmet. Das könnte geschehen, wenn es nach einem Transport-Unfall mit Feuer zur Freisetzung kommt und Plutonium eingeatmet wird. Auch im Reaktoreinsatz ist Plutoniumbrennstoff riskanter, macht die Anlagen schwerer steuerbar. Hinzu kommt, dass im Falle einer Reaktorkatastrophe dann zusätzlich großen Mengen Plutonium freigesetzt werden, was die Auswirkungen der Katastrophe noch einmal verstärkt.

 

Nicht nur Kino – DAS DING AM DEICH startet – der Widerstand geht weiter

Trotz Demo-Verbot: 120.000 Menschen demonstrieren 1981 gegen den Weiterbau des AKW Brokdorf – Der Polizeistaat zeigt Flagge.

Heute startet der Film über den Widerstand gegen das Atomkraftwerk in Brokdorf in den Kinos. Doch es geht nicht nur um Geschichte. Bürgerinitiativen rund um Brokdorf und andere Organisationen rufen zum weiteren Widerstand auf. Anfang November soll es eine Aktionswoche geben. Auch in Brokdorf ist und bleibt ein Super-Gau jederzeit möglich.

Wie kaum ein anderer Konflikt bestimmte der Widerstand gegen das AKW Brokdorf und die Atomenergie die politischen Auseinandersetzungen in der zweiten Hälfte der 70er Jahre (mit Ausnahme der RAF und der Bewegung 2. Juni). Bis heute prägen diese Auseinandersetzungen nicht nur die politische Kultur, sondern auch eine ganze politische Generation. Was in Whyl seinen Anfang nahm, setzte sich in Brokdorf fort: Immer mehr Menschen begehrten gegen einen Obrigkeits-Staat auf, wehrten sich gegen großindustrielle und staatliche Allmacht – und gegen einen Forschrittswahn, der selbst vor dem atomaren Holocaust nicht halt machen wollte!

Wo Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht! (Zum politischen Begriff des Widerstands siehe hier) Das war eine der entscheidenden Parolen des Widerstands gegen den Atomstaat, wie Robert Jungk ihn 1977 titulierte. Die Nutzung der Atomenergie und die ihr innewohnenden Gefahren (Atombombe, Unfallrisiken, Terrorangriffe etc.)  führen automatisch zum Überwachungsstaat, zum Abbau demokratischer Grundrechte und stellt eine offene, demokratische Gesellschaft grundsätzlich in Frage – das ist der Atomstaat.

Auf nach Brokdorf – Die lange Geschichte des Widerstands gegen das AKW Brokdorf

Die lange Geschichte vom Brokdorf-Widerstand von seinen Anfängen bis zur Entscheidung der Bundesregierung für die Laufzeitverlängerung Ende 2010 finden Sie hier auch zum Nachlesen. Und hier gibt es einen lesenswerten historischen Überblick über die Ursprünge der Anti-Atom-Bewegung.

In dem Film „Das Ding am Deich“ kommen vor allem diejenigen zu Wort, die in der Region rund um Brokdorf – in der Wilster Marsch – die Kämpfe um den Bau des AKW Brokdorf miterlebt haben und noch heute dort leben. Das Neue Deutschland schreibt dazu hier.  Wo der Film überall zu sehen sein wird, erfahren Sie hier.

In der Pressemitteilung zum Film heißt es:

„Anfang der 1970er Jahre versetzten die Pläne zum Bau eines Atomkraftwerks die Bewohner der kleinen Elbgemeinde Brokdorf in Aufruhr. Es folgten große Proteste, die den Ort spalteten und die Republik 13 Jahre lang in Atem hielten. 1986, kurz nach dem Super-GAU von Tschernobyl, ging das AKW ans Netz. Es wurde ruhig in der Marsch, und nur noch wenige Dorfbewohner hielten an ihrem Widerspruch fest.

Mit Neugier auf diese Menschen und ihren Alltag mit einem AKW vor der Haustür macht sich der Film auf in den abgelegenen Landstrich. Ein Jahr lang umkreist er das „Ding“ und taucht mit den Erinnerungen der widerständigen Anwohner und altem Filmmaterial ein in eine bewegende Vergangenheit. Doch dann wird die Geschichte von der Gegenwart auf eine Weise eingeholt, die niemand erwartet hätte: Zuerst beschließt die Bundesregierung längere Laufzeiten für alle AKW, und nur wenig später bebt in Japan die Erde …

„Die Regisseurin begleitet die engagierten, liebenswerten Protagonisten in ihren Erinnerungen und aktuellen Protestaktionen. Damit zeichnet sie sensibel und hoch emotional ein Stück Lebensweg, der durch den beharrlichen Kampf um Demokratie und Mitbestimmung geprägt ist.

Die kontinuierliche Dokumentation über diesen langen Zeitraum sowie die Fülle an Archivmaterial und Zeitzeugengesprächen machen den Film zu einem in dieser Art einmaligem Zeitzeugendokument der jüngeren deutschen Geschichte.“ (Jury Begründung, Förderpreis der DEFA-Stiftung beim Filmfestival Max Ophüls Preis 2012)“

 

Hilflose Helfer – Kein Schutz bei nuklearer Katastrophe

Wohin wenn es im AKW kracht? Die Katastrophenschützer können nicht helfen. Foto: Gerd Altmann/pixelio.de

„Sollte es in Krümmel zur Katastrophe kommen, gäbe es in Hamburg «nichts mehr zu schützen», sagte Hamburgs oberster Katastrophenschützer Werner Hackmann dem Spiegel – im Jahr 1986.“ (Zitiert nach Hamburgs Horrorszenario, AKW Krümmel, 2009)

An diesem Eingeständnis hat sich bis heute nicht wirklich was verändert. Bis heute ist der Katastrophenschutz rund um die deutschen Atommeiler auf einen wirklichen Störfall in keinster Weise eingerichtet. Nicht erst der Unfall von Fukushima hat gezeigt, welche riesigen Gebiete von einer radioaktiven Katastrophe betroffen wären, die dauerhaft unbewohnbar blieben. Noch heute sind zahlreiche Gebiete rund um den 1986 explodierten Reaktor von Tschernobyl großräumig für Menschen gesperrt.

Auch wenn inzwischen das Bundesamt für Strahlenschutz nach einer Untersuchung auf Basis der Ausbreitung der radioaktiven Wolken von Fukushima feststellt, dass es Handlungsbedarf beim Katastrophenschutz gibt. Großstädte wie Hamburg (AKW Brokdorf), Hannover oder Bielefeld (AKW Grohnde) oder München (Isar, Gundremmingen) sind nicht zu evakuieren, wenn es zum Fall der Fälle käme.

Im April 2011 – direkt nach der Katastrophe in Fukushima – hat der Spiegel detailliert über den Zustand des nuklearen Katastrophenschutzes berichtet und kommt zu einer fatalen Einschätzung: „Der deutsche Katastrophenschutz ist auf ein nukleares Unglück wie in Japan nicht vorbereitet. Ein durchdachter Notfallplan existiert ebenso wenig wie genügend Ausrüstung für den Fall einer atomaren Verseuchung. Eine Evakuierung größerer Städte halten Experten für nicht machbar.“ Spiegel, Größter unmöglicher Unfall, April 2011.

Während die AKW-Betreiber und politisch Verantwortlichen bis heute so tun, als würden sie im Krisenfall den atomaren Wahnsinn kontrollieren können, kommen von den in der Praxis verantwortlichen Akteuren erschreckende Wahrheiten. Der Spiegel zitiert Heribert Koob, den obersten Katastrophenschützer des Kreises Bergstraße (Biblis): „Doch seit er die Bilder von den explodierenden Reaktoren in Fukushima gesehen hat, ist Koob das Scherzen vergangen: „In einem solchen Katastrophenfall könnte man hier nicht mehr viel regeln.“

Doch noch immer laufen Atomkraftwerke, gegen die es keinen Schutz gibt. Der Bevölkerung wird von Betreibern und Genehmigungsbehörde immer noch erzählt, dass sie das nukleare Chaos kontrollieren könnten: Mit einem Ratgeber (!) muss jedes AKW die Bevölkerung in der direkten Nähe der Atommeiler über die behördlichen Katastrophenpläne informieren. Der Ratgeber Katastrophenschutz für das AKW Brokdorf (PDF) und der  Ratgeber Katastrophenschutz für das AKW Grohnde (PDF) stammen jeweils aus dem Jahr 2008.

Wie wenig realitätstüchtig das alles ist, was in diesen hübschen Broschüren beschrieben wird, machen die Behörden rund um das AKW Grohnde derzeit deutlich. Derzeit liegen neue Entwürfe zum nuklearen Katastrophenschutz aus und BürgerInnen können diese einsehen und Einwände erheben. Wie absurd das ist wird klar, wenn man weiß: Diese neuen Pläne basieren nicht etwa auf den Ereignissen von Fukushima, ignorieren auch weiter die Hinweise der im April veröffentlichen Studie des Bundesamtes für Strahlenschutz und sehen immer noch Evakuierungszonen von nur zehn Kilometern rund um das AKW vor. Auf viel Papier werden viele Maßnahmen beschrieben, die nur eines verhindern: Das Eingeständnis, dass es im Falle einer Nuklearkatastrophe keine Hilfe geben wird.

Der Spiegel zitiert im April 2011 Peer Rechenbach, Hamburgs obersten Katastrophenschützer: „“Wir müssen alles, was wir bislang angenommen, durchgerechnet und simuliert haben, noch einmal auf den Kopf stellen“, fordert etwa Peer Rechenbach, oberster Katastrophenschützer Hamburgs.

Horst Schnadt, der SSK-Experte für Notfallplanung, fordert laut Spiegel: „“Dazu zählt auch, die Größe der Evakuierungszonen in Deutschland zu überdenken“, berichtet der ehemalige Sachverständige des TÜV.“

Für den Strahlenschutzexperten Schnadt ist klar, dass ohne ausreichenden Schutz Atomkraftwerke abgeschaltet werden müssen. Der Spiegel schreibt: „Aus seiner Sicht, so Schnadt, stehe schon jetzt fest: „Wenn wir einen Unfall wie in Fukushima bei uns nicht mehr ausschließen können, dann bedeutet dies das Ende der Kernenergie in Deutschland.““

Die Katastrophenschützer aus Politik, Behörden und Unternehmen gehen in ihren Vorstellungen im Grunde davon aus, dass eine radioaktive Wolke zeitlich begrenzt aus einem Reaktor austritt. Das ist nicht erst seit der Katastrophe von Fukushima völlig unrealistisch.

Der Spiegel berichtet denn auch über die letzte Katastrophenschutzübung am AKW Brokdorf, bei der eine abgerissene Hauptkühlmittelleitung als Unfallursache unterstellt worden ist: „Eine längere Evakuierung atomar verseuchter Gebiete im Umkreis von 30 Kilometern wie in Fukushima ist in Deutschland nicht vorgesehen. Pläne gibt es allenfalls für einen Evakuierungsradius von zehn Kilometern.“

Gegenüber dem Spiegel beschreibt der  Hamburger Katastrophenschützer Rechenbach auf der Basis der Ereignisse von Fukushima den Verlauf einer Reaktorkatastrophe: „Die Linie (der Strahlung) steigt stark an und bleibt konstant auf hohem Niveau. „Das ist der Alptraum für uns“, gesteht er: „Ein so lang anhaltendes Großschadensereignis frisst unsere Ressourcen in Windeseile auf.““

Praktisch sieht auch Hamburgs derzeitiger Katastrophenschützer – wie einst Werner Hackmann – keine Chance, im Ernstfall wirklich eine Millionenmetropole wie Hamburg zu evakuieren. Der Spiegel fasst seine Einschätzung mit den Worten zusammen:  „Müsste etwa ein Radius von 30 Kilometern um das AKW Krümmel geräumt werden, wären auch die südlichen und östlichen Teile der Millionenstadt Hamburg betroffen. Einige zehntausend Menschen wären vielleicht gerade noch zu bewältigen. Aber wenn die Zahl in die Hunderttausende ginge? Keine Chance.“

Zwar ist das AKW Krümmel inzwischen stillgelegt, aber bereits 1992 hatte eine Studie im Auftrag der Hansestadt deutlich aufgezeigt, dass die Dimension eines Super-GAUs und die erforderlichen Katastrophenschutzmaßnahmen noch weit über das von Rechenbach gedachte Szenario hinausgeht. Nicht von hunderttausend ist in dieser Studie die Rede: Sollte es nach einem Unfall zu einer schnellen Freisetzung einer massiven radioaktiven Wolke kommen, müssten rund eine Million Menschen allein aus Hamburg evakuiert werden, so eine der zentralen Aussagen der damaligen Studie.

Auszüge aus dem Gutachten finden Sie hier: Katastrophenschutz – Krümmel – Gutachten 1992 (PDF)

Altenheime, Krankenhäuser, Schulen und Kindergärten, Betriebe… überall müsste eine Evakuierung in wenigen Stunden organisiert werden. Dabei ist völlig offen, wohin mehrere hunderttausend Menschen dann sollen. Rechenbach zum Spiegel: „Ich müsste eigentlich heute schon mit einem Tourismusverband im Süden Verträge abschließen, damit die Pensionen dort im Krisenfall Hamburger Atomflüchtlinge aufnehmen“, sagt Rechenbach. „Doch die Kosten für ein solches Abkommen würde mir keiner zahlen.“

Der Spiegel führt im April 2011 zahlreiche weitere Beispiele an und zitiert eine Serie von ratlosen Helfern. Hier weiterlesen.

Weitere Informationen:

Krümmel: Hamburg bei Reaktorunfall bedroht – Greenpeace-Berechnungen: Flugzeugabsturz würde Katastrophe auslösen

Katastrophenmedizin – Leitfaden für die ärztliche Versorgung im Katastrophenfall (PDF)

 

 

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