Spurensuche Atomenergie im Faschismus: Kurt Diebner, tote KZ-Häftlinge und die Angst vor dem Zuchthaus

KurtDiebner
Kurt Diebner, einer der führenden Köpfe der Atom-Forschung in Nazi-Deutschland. Noch 1956 hatte er offenbar Angst vor dem „Zuchthaus“.

„Bei dem Versuch mit W. Tautorus in Verbindung zu treten, zeigte sich, daß Tautorus gar nicht auffindbar war, und daß es sich um einen ehemaligen kaufmännischen Angestellten handelte, der (nach E.B.) jene Arbeiten nie gesehen hatte. Tautorus wurde (nach E.B.) von Diebner nur als Pseudonym benutzt, da „er fürchtete, wegen dieser Liste (noch 1956!) ins Zuchthaus zu kommen“ (Kommentar überflüssig!).“ (Quelle: Arnold, Heinrich: Zu einem autobiographischen Brief von Robert Döpel an Fritz Straßmann (PDF), 2012, Technische Universität Ilmenau, S 14).

 

Kurt Diebner und die NS-Kernwaffe

Mitte der 2000er Jahre löste das von Rainer Karlsch verfasste Buch über „Hitlers Bombe“ eine umfassende Diskussion über die Atomforschung in Nazi-Deutschland zwischen 1938 und 1945 aus. Karlsch veröffentlichte nach umfangreichen Studien neue Dokumente und präsentierte Augenzeugenberichte. Waren bislang vor allem die Forschungen und (irreführenden) Darstellungen von Heisenberg, Weizsäcker (Die Zeit: Warum Hitler die Bombe nicht baute) etc. im Mittelpunkt, lenkte Karlsch die Aufmerksamkeit stärker auf die Tätigkeiten von Kurt Diebner.

Diebner war zunächst im Waffenheeresamt „Chefkoordinator“ des Uranvereins, forschte aber auch selbst an konkreten Zielsetzungen zur Atomenergie. Mit dem Begriff „Bombe“ meinte Karlsch nicht eine Atombombe, wie sie die USA 1945 über Hiroshima und Nagasaki zündeten. Zum Bau einer derartigen Atomwaffe waren die deutschen Forscher aufgrund der Kriegsumstände und mangelnder Ressourcen nicht in der Lage. Was Karlsch als Hitlers Bombe bezeichnet, ist eher im Bereich einer taktischen Atomwaffe anzusiedeln. Der Historiker Mark Walker („Die Uranmaschine“) stellte fest: „Es gab keine Atombombe, es war eine Kernwaffe“ (siehe Strahlentelex, 2005, PDF). Genauer müsste man vermutlich von Mini-Nukes sprechen. Siehe dazu hier Otfried Nassauer und hier Spiegel Online.

Im März 1945 sollen im Rahmen dieser Forschungen von Diebner im thüringischen Ohrdruf/Stadtfilm bis zu 700 Menschen ums Leben gekommen sein. In einem Briefwechsel mit dem Kernchemiker Fritz Straßmann berichtet der Atomphysiker Robert Döpel – beide ebenfalls aktiv in der NS-Atomforschung – davon, dass laut Erich Bagge Kurt Diebner das Pseudonym Walter Tautorus nutze, weil dieser noch 1956 das Zuchthaus fürchtete. (Erich Bagge gründete gemeinsam mit Kurt Diebner am 18. April 1956 die  Atomforschungsanlage „Gesellschaft für Kernenergieverwertung in Schiffbau und Schiffahrt GmbH“ (GKSS) östlich von Hamburg.)

In dem Beitrag „Spurensuche Hitlers Bombe“ auf diesem Blog war zu den Atom-Experimenten von Diebner zu lesen: „Sie brachten in Ohrdruf eine unterkritische Masse in einer Bombe nach dem Hohlladungsprinzip zur Explosion. Dabei wurde wohl eine Urankugel durch das synchrone Zünden vieler Sprengsätze zur Kritikalität verdichtet. Ströme an Neutronen schossen auf den Spaltstoff. Hier bleibt offen, wie genau die superkritische Anordnung erzielt wurde. Karlsch vergleicht es mit einer taktischen Kernwaffe. Ein nuklearer Ablauf, der neben Hitze und Druck radioaktive Strahlung freisetzt und Konventionelles übertrifft. Dieser Strahleneffekt gleiche dem der Neutronenwaffe. (zitiert nach: Wolfgang G. Schwanitz vom Deutschen Orient-Institut Hamburg in einer Rezension über das Buch von Karlsch.)

Zwei solcher Explosionen sollen am 3. oder 4. und am 12. März 1945 im thüringischen Ohrdruf stattgefunden haben. Zuvor habe es einen ersten Test auf der Halbinsel Bug auf Rügen am 12. Oktober 1944 gegeben. 500 – 700 Tote soll es bei dem Versuch Anfang März gegeben haben, fast alles KZ-Häftlinge.

Unter dem Stichwort/Ortsnamen „Stadtfilm“ heißt es auf Wikipedia: „Bereits im August 1943 richtete die Forschungsgruppe um Kurt Diebner ein Kernforschungslabor in den Kellergewölben der damaligen Mittelschule ein. Dort wurden Experimente zur Urankernspaltung und Brennversuche mit Uran und Deuteriumoxide durchgeführt. Dieses Labor bestand bis Anfang April 1945, als Diebner angesichts der nahenden Alliierten mit seinen Forschungsergebnissen Richtung Bayern flüchtete.“ (Stadtfilm liegt rund 26 km Luftlinie von Ohrdruf entfernt.)

Schwanitz nennt diese Explosions-Versuche einen „technologischen Nebenpfad“ und nennt die Verantwortlichen: „Ihn beschritt unter dem Reichsführer der SS Himmler und Rüstungsminister Speer eine Physiker-Gruppe um Kurt Diebner, Walther Gerlach und SS-General Hans Kammler. Während letzterer die Absicherung stellte, war Diebner seit 1939 ehrgeiziger Leiter des Referats Atomphysik im Heereswaffenamt und Organisator der deutschen Nuklearforschung. In der bisherigen Forschung galt er nur als Randfigur wie auch Gerlach, den Hermann Göring Ende 1943 mit der entsprechenden Forschung beauftragt hatte. Sie brachten in Ohrdruf eine unterkritische Masse in einer Bombe nach dem Hohlladungsprinzip zur Explosion.“

! Definitive Belege, dass es diese Explosionen gegeben hat, sind bis heute nicht erbracht. Karlsch führt dazu Augenzeugenberichte an. Versuche, mit technischen Mitteln über das Ausmessen von Bodenproben einen Nachweis über die Explosionen zu erhalten, sind bislang ohne wirkliches Ergebnis geblieben (siehe dazu ausführlich: „Spurensuche Hitlers Bombe“).

Bereits Anfang der 1990er Jahre wird Kurt Diebner in der Forschung zusehends als Kontrahent des Nobelpreisträgers Heisenberg dargestellt. 1991 macht z.B. Wolfgang Menge den Fernsehfilm „Ende der Unschuld“ und untersucht die Rolle deutscher Wissenschaftler bei der Erfindung der Atombombe. Die Zeit berichtet darüber unter der Überschrift: „Denn sie wußten, was sie tun„.

Dort heißt es: „Kurt Diebner dagegen, Kernphysiker und Regierungsrat im Heereswaffenamt, der bis Mitte 1942 offiziell leitete, was die Wehrmacht als „Atomkackerei“ verspottete, gesteht ohne Wenn und Aber, daß die Bombe gebaut werden sollte und daß alle im Verein – mit einer Ausnahme – Parteigenossen waren. Schon bald nach dem 1. September 1939, dem Überfall auf Polen, hatte er erklärt: „Ich habe vor, eine Uranbombe zu bauen, so schnell es geht.“ Und er wußte auch, die Kettenreaktion „wird die Welt verändern“. Der Zeit-Autor Michael Schwellen erwähnt, dass Menge mit „äußerster Akribie recherchiert“ habe.

Besonders wichtig ist der Hinweis: „Die Dialoge beruhen oft auf wörtlichen Zitaten aus Tagebüchern und Interviews. Professor Erich Dagge, ein von Diebner rekrutierter Assistent Heisenbergs und auch in Farmhall interniert, stand als wissenschaftlichen Berater dem Filmteam zur Verfügung.“

Dabei unterläuft der Zeit ein nicht unwichtiger Tippfehler: Nicht Dagge, sondern Bagge muss es heißen (zu Erich Bagge und Kurt Diebner siehe weiter unten).

Die bisherigen Ausführungen sollen darlegen, dass unter der Regie von Kurt Diebner trotz vieler Widrigkeiten intensiv und zielstrebig an der Entwicklung einer Kern-Waffe für Nazi-Deutschland gearbeitet wurde. Bei den Experimenten zur Entwicklung einer solchen thermo-nuklearen Bombe kamen nach heute vorliegenden Untersuchungen möglicherweise bis zu 700 Menschen ums Leben.

Zahlreichen Forschungsberichten ist zu entnehmen, dass Diebner ein gewisses „persönliches“ Problem hatte. Immer hatte der „Praktiker“ im Schatten des großen Heisenbergs gestanden, obwohl seine Forschungen in Nazi-Deutschland durchaus mit denen von Heisenberg mithalten konnten. Z.B. erzielten seine Experimente mit einer Würfelanordnung von Uran erheblich bessere Ergebnisse auf dem Weg zu einer sich selbst erhaltenden Kettenreaktion für einen Reaktor, als die Versuche von Heisenberg. Aber Diebners Engagement für eine „Nazi-Kernwaffe“ war spätestens nach 1945 nicht sonderlich opportun und es war besser, darüber nicht allzu laut zu sprechen. Darauf verweist Karlsch in Hitlers Bombe (S. 286 ff).

Tautorus und Bagges Hinweis auf Diebners Angst vor dem Zuchthaus

Aber Diebner wollte seine „Verdienste“ offenbar nicht völlig übersehen wissen. 1956 veröffentlichte er unter dem eingangs zitierten Pseudonym  „Werner Tautorus“ eine Liste der Geheimarbeiten des Uranvereins. In seinem Buch Hitlers Bombe schreibt Karlsch: „Gewissermaßen flankierend zur Bildung der GKSS, betätigte sich Diebner als Herausgeber der Zeitschriften »Atomkernenergie« und »Kerntechnik«. Außerdem publizierte er unter Verwendung des Namens seines Durag-Geschäftspartners, Werner Tautorus, eine Liste der Geheimarbeiten des Uranvereins sowie weitere Arbeiten zur Geschichte der Kernspaltung.(98)“ (Seite 285,  „Werner Tautorus (alias Kurt Diebner), Die deutschen Geheimarbeiten zur Kernenergieverwertung während des Zweiten Weltkrieges 1939-1945, in: Atomenergie, 1956.) (Gemeinsam mit Erich Bagge gehört Diebner zu den Herausgebern und Gründern dieser Zeitschrift. Die Durag ist eine Firma, die Diebner gründete.)

Diese Veröffentlichung von Werner Tautorus spielt bei dem Zitat am Anfang dieses Artikels eine wichtige Rolle. Das Zitat stammt aus einem Brief des Kernphysikers Döpel an den Kernchemiker Straßmann, „als jemanden, „der an der Herausarbeitung der Grundlagen des ganzen Unternehmens ausschlaggebend beteiligt“ war.“ (Arnold Heinrich: Zu einem autobiographischen Brief von Robert Döpel an Fritz Stratmann, PDF auf diesem Server, das Original steht hier als PDF online,  2012, S.1). Döpel hatte eng mit Heisenberg zusammen gearbeitet. Straßmann wiederum hatte mit Otto Hahn und Lise Meitner die Kernspaltung entdeckt (wofür Otto Hahn den Nobelpreis bekam).

Der Schriftverkehr fand zwischen 1979/80 statt.  Kurt Diebner war bereits im Juli 1964 gestorben. In der Zeitung „Atomkernenergie“ Bd. 29 hatte Erich Bagge 1977 einen Artikel  unter dem Titel „Kernenergie in Deutschland – eine historische Richtigstellung“ veröffentlicht, in dem er die Verdienste Kurt Diebners offenbar posthum herausstellen wollte (Der Artikel liegt mir leider noch nicht vor). Bagge berichtet dort offenbar über die von Diebner vorgenommenen Experimente, die Bagge zufolge erfolgreicher verlaufen wären, als die Forschungen von Heisenberg und Döpel. Döpel jedenfalls schreibt in dem Brief: „Herr Bagge behauptet dort, sein Freund Dr . K. Diebner habe im Jahre 1943 „als Erster die Realisierbarkeit einer [Uran] – Kettenreaktion überzeugend bewiesen.“ Döpel ist offenbar über diese Aussage von Bagge empört, vor allem, weil Bagge ein Experiment von Heisenberg und Döpel aus dem Mai 1942 nicht anführte. Ein Experiment, das laut Döpel erfolgreich gewesen sei und dessen Neutronen-Überschuss „über allem Zweifel lag, und die von allen Mitgliedern des „U-Vereins“ anerkannt wurde“.

Döpel nimmt offenbar Kontakt zu Erich Bagge auf und schreibt in dem Brief an Straßmann weiter: „Auf Anfrage behauptete Herr Bagge, diese Arbeit ebenso wenig zu kennen, wie Herr Diebner und verwies auf eine Liste der Deutschen Uran-Arbeiten während des Krieges von W. Tautorus. Dort fehlte unsere entscheidende Arbeit „LIV“ tatsächlich.“

Wie oben bereits beschrieben, versucht Döpel mit diesem Tautorus erfolglos Kontakt aufzunehmen. Erst dann – so steht zu vermuten – erklärt Bagge, dass es sich bei dem Namen um ein Pseudonym von Kurt Diebner handelt. Wichtig ist die Erklärung von Bagge, warum sich Diebner dazu noch 1956 veranlasst sah. Döpel schreibt, dass Diebner laut Bagge dieses Pseudonym benutzt hätte, „da „er fürchtete, wegen dieser Liste (noch 1956!) ins Zuchthaus zu kommen“ (Kommentar überflüssig!). Wenn „LIV“ in jenem Bericht nicht angeführt wäre, dann habe Diebner und auch er (E.B.) nichts davon gewußt.“ (Seite 14 in dem Bericht von Heinrich Arnold).

In der Folge stellt sich heraus, dass Bagge offenbar nicht so ganz die Wahrheit erzählt hat. Insgesamt zwei Jahre dauert die Korrespondenz mit Bagge offenbar. Am Schluss stellte sich für Döpel heraus, „daß E. Bagge und K. Diebner in ihrer im Mai 1957 plublizierten Broschüre „Von der Uranspaltung bis Calder Hall“ die Leipziger Arbeit von K. und R. Döpel und W. Heisenberg selbst (im positiven Sinne!) an vier Stellen zitiert haben ( S. 27; S. 40; S. 41 oben; S. 42 oben). Auf S. 41 schrieben die Herren Bagge und Diebner 1956/57: „Der in den Wintermonaten 1941/42 (in Wirklichkeit März-Mai 1942) durchgeführte Leipziger Versuch von Döpel ergab zum ersten Mal eine über die Meßfehlergrenze hinausgehende positive on1-Produktion“; aber etwa in der gleichen Zeit ließen sie die „Tautorus“-Liste erscheinen, in der sie LIV nicht mehr kannten!!“

Döpel war über diese Dinge hell empört und spricht abschließend davon, dass er einen „solchen Skandal“ in der „Deutschen Physik“ seit der „Rupp“-Affäre 1930-1935 bis heute nicht erlebt“ habe.  (Interessant dürfte sein, ob Döpel mit Erich Bagge schriftlich über diese Vorgänge im Kontakt standen und ob es diese Briefe noch gibt.)

Ich zitiere diese Passage aus dem Briefwechsel von Döpel mit Straßmann in dieser Ausführlichkeit, weil zumindest in dieser Darstellung der Eindruck entsteht, dass Erich Bagge sich gegenüber Diebner einerseits freundschaftlich verbunden, ja selbst nach dessen Tod noch „verpflichtet“ fühlte. Das wiederum ist von Bedeutung, wenn Bagge andererseits gegenüber Döpel auf die Ängste von Diebner verweist, der offenbar noch 1956 fürchtete, dass seine Forschungen im Faschismus zu „Zuchthaus“ hätten führen können. Bagge und Diebner müssen also durchaus enger befreundet gewesen sein, wenn Bagge über diese Dinge wusste. Unklar ist, ob Bagge über die Experimente in Ohrdruf informiert war.

Bagge spricht dabei davon, dass die „Liste“ der geheimen Uranarbeiten der Grund für diese Angst gewesen wäre. Zu vermuten ist, dass es nicht so sehr diese Liste selbst war, die Diebner Sorgen machte – wenn denn der Hinweis von Bagge zutreffend ist. Bereits in dem 2005 veröffentlichten Buch Hitlers Bombe schreibt auch Rainer Karlsch – wie dargelegt – zu dem von Diebner verwendeten Pseudonym Werner Tautorus. Karlsch kannte zu diesem Zeitpunkt die von Arnold 2012 veröffentlichten Briefe von Döpel an Straßmann vermutlich noch nicht.

Aber Karlsch schreibt mit Blick auf eine stattliche Anzahl von Patentanmeldungen, die von Diebner, Bagge, Winterberg(*) und anderen gehäuft ab 1955 angemeldet werden. Einige dieser Patentschriften stehen aus Sicht von Karlsch in Zusammenhang mit den Experimenten in Ohrdruf. (* Winterberg ist offenbar ein Mitarbeiter von Diebner bei der von ihm nach 1945 gegründeten Firma Durag.)

Riskante Patentanmeldungen und Gründe zum Schweigen

„Besonders interessant sind zwei zurückgezogene Patentanmeldungen von Diebner und Winterberg zu »Verfahren zur Zündung thermonuklearer Reaktionen mittels konvergenter Detonationsverdichtungsstöße« und zu einem »Verfahren zur elektromagnetischen Zündung thermonuklearer Kernbrennstoffe«. (102) Im Anspruch der ersten Patentschrift heißt es, das Verfahren eigne sich zur »Zündung von thermonuklearen Kernbrennstoffen«, die geeignet seien für Sprengungen und für »ballistische Ladungen, insbesondere kleine Wasserstoffbomben, sowie für industrielle Zwecke.« (103)  Offensichtlich waren Diebner und Winterberg mit diesen Patentanmeldungen zu weit vorgeprescht. Dies muss ihnen bald klar geworden sein, und so zogen sie die Patentschriften zurück. 1961 folgten weitere Patentanmeldungen auf dem Gebiet der  Kernfusion, nun aber mit eindeutig zivilem Nutzen. (104)“ (Karlsch, S. 286)

Karlsch stellt fest, dass von diesen „Hintergründen der Kernwaffentests“ in Deutschland und den „Geheimnissen der Konstruktion der Bombe“ nur ein kleiner Personenkreis Kenntnis hatte. Gute Voraussetzungen also auch für die späteren Patentanmeldungen.

Zu diesem Kreis zählt Karlsch „Gerlach, Haxel und Diebner sowie einige ihrer Mitarbeiter. Keiner von ihnen erwähnte später gegenüber Dritten die Tests in Thüringen.“

Weiter heißt es: „Für ihr Schweigen hatten die Wissenschaftler triftige Gründe. Beim Test am 3. März 1945 waren einige hundert Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge ums Leben gekommen. Wer dafür die Verantwortung trug, wissen wir nicht. Kammler ließ jedenfalls die Spuren beseitigen und die Toten verbrennen.

Gerlach und Diebner hatten offensichtlich Angst, dass man sie als Kriegsverbrecher anklagt. Ohrdruf – auch dieser Ortsname symbolisierte die Verbrechen des NS-Regimes.“ (S. 286, zu dem erwähnten Kammler: Hans Kammler war SS-General und für die Experimente in Ohrdruf zuständig, siehe dazu auch die Seiten des Bergbauvereins Ronneburg.)

Die Ausführungen von Karlsch sind an dieser Stelle sicherlich eher spekulativ, Belege für eine „offensichtliche Angst“ führt er selbst in diesem Zusammenhang nicht an. Allerdings könnte man die Hinweise von Bagge, von denen Döpel in dem Schriftverkehr mit Straßmann berichtet und die von Arnold 2012 veröffentlich wurden, als konkreten Hinweis verstehen, dass Karlsch richtig liegt. Die Sorge von Kurt Diebner, dass ihm mit den bis zu 700 getöteten Menschen in Folge seiner Kernwaffen-Experimente in Ohrdruf als Verantwortlicher „Zuchthaus“ drohen könnte, ist zumindest nachvollziehbar.

Kurt Diebner und Erich Bagge, Nazi-Atom-Forscher.

Erich Bagge und Kurt Diebner hatten bereits frühzeitig Kontakt. In dem Artikel „Eine Waffenschmiede? Kernwaffen- und Reaktorforschung am Kaiser Wilhelm Instititut (KWI) für Physik“ (PDF) schreibt Mark Walker (im Jahr 2005): 1939 war das KWI vom Heereswaffenamt (HWA) übernommen worden. Damit verbunden war die Absicht, das KWI „in den Dienst der Rüstungsforschung zu stellen“. Und: „Kurt Diebner, ein Physiker aus der Forschungsabteilung des HWA, wurde zum geschäftsführenden Direktor des KWI für Physik ernannt.“ (Walker, Eine Waffenschmiede?, S. 9)

Diebner wendet sich an „einen jungen Kernphysiker seiner Bekanntschaft“, um Unterstützung bei der Einstellung weiterer wissenschaftlicher Mitarbeiter für das KWI für Physik zu bekommen. Dieser junge Kernphysiker ist Erich Bagge (S. 10). Bagge empfiehlt Diebner Werner Heisenberg als führenden theoretischen Physiker in Deutschland, bei dem Bagge seine Doktorarbeit geschrieben hat. Ein Vorschlag, den Diebner aufgreift. Walker hält fest: …“aber zunächst war Diebner in erster Linie damit beschäftigt, die Kernspaltung für militärische Zwecke zu erschließen und dankbar, daß sich ein Physiker von Heisenbergs Format und Ansehen seinem Projekt angeschlossen hatte. (9)“ (S. 10)

Bagge befasst sich derweil nach Walker am KWI für Physik mit „einer neuen Trennungsmethode von Uran, der „Isotopenschleuse“ und verweist dabei auf eine Veröffentlichung aus 1942: „Erich Bagge, „Über die Möglichkeit einer Anreicherung der leichten Uranisotope mit der Isotopenschleuse“, 16. März 1942, ADM, G-124.“ (S. 13)

Wie auch viele andere Forscher ist sich Diebner frühzeitig (39/40)  der Möglichkeiten zur Nutzung der Atomenergie als Sprengstoff bzw. Waffe bewusst. Bereits im März 1939 hatte der französische Physiker Frédéric Joliot-Curie auf diese Möglichkeit hingewiesen. Spätestens im April 1939 ist das auch zahlreichen deutschen Wissenschaftlern bekannt. Die Gründung des „Uranvereins“ läuft an. Ausgehend vom Reichserziehungsministerium (!) wird die Physikalisch Technische Reichsanstalt einbezogen, die eine Expertenkonferenz organisiert. Auch das Oberkommando des Heeres wird aktiv, nachdem es von Paul Harteck (Hamburg) und seinem Assistenten Wilhelm Groth in einem Brief vom 24. April 1939 über die Möglichkeiten der Kernspaltung für die Entwicklung von Sprengstoffen informiert worden war, deren Wirkung die von konventionellen Sprengstoffen um ein Vielfaches übertreffen wird.

Bei Wikipedia ist unter dem Stichwort „Uranprojekt“ (18.05.2014) weiter zu lesen: „Dieser Brief landete letztendlich bei Kurt Diebner, dem Fachmann des Heeres für Sprengstoffe und Kernphysik. Dieser forderte umgehend Mittel beim Heer an, um in Kummersdorf südlich Berlins ein Versuchslabor einrichten zu können. Diebner wurde daraufhin zum Leiter einer neu eingerichteten Kernforschungsabteilung im Heereswaffenamt ernannt. Gleichzeitig befahl die Heeresleitung der Physikalisch-Technischen Reichsanstalt, ihre Uranforschungsversuche unverzüglich einzustellen. Fortan galten alle Äußerungen zu Uranreaktoren und Uranwaffen als geheim.[3]

Auch hier ist von der gemeinsamen Arbeit zwischen Diebner und Erich Bagge zu lesen: „Im September 1939, also gleich nach Kriegsbeginn, wurden Deutschlands führende Kernphysiker nach Berlin in das Kaiser-Wilhelm-Institut für Physik zitiert. Diebner entwarf zusammen mit dem Kernphysiker Erich Bagge am 20. September 1939 ein Programm mit Titel „Vorbereitender Arbeitsplan zur Aufnahme von Versuchen für die Nutzbarmachung der Kernspaltung“, das die Forschungsarbeiten koordinieren sollte.“ (Quelle siehe oben: Uranprojekt bei Wikipedia, Anmerkung zu dem Beitrag bei Wikipedia: Auffällig an dem Text ist, dass die von Karlsch und anderen vorgelegten Forschungsergebnisse sehr pauschal abgetan werden: „Es gibt keine Beweise dafür, dass gegen Kriegsende kleinere Kernwaffentests unternommen wurden, wie gelegentlich behauptet.“)

  • 1957 veröffentlichte der Rowohlt-Verlag ein Buch von Bagge, Diebner, Jay mit dem Titel „Von der Uranspaltung bis Calder Hall“. Auf dieses Buch wurde in den Briefen von Döpel an Straßmann weiter oben hingewiesen. Dort wird „Über die Verfasser“ Erich Bagge und Kurt Diebner berichtet, nachzulesen in diesem Auszug aus dem Buch als PDF.) In dem Buch schreiben Bagge und Diebner „Zur Entwicklung der Kernenergieverwertung in Deutschland“, darunter das Kapitel „Fortschritt und Hemmung im Zeichen des Krieges“. In diesem Aufsatz gibt es auch ein Kapitel 4. „Aus dem Internierungs-Tagebuch“. Darin wird aus dem Tagebuch von Erich Bagge berichtet. In dem Buch wird der Zeitraum von April 1945 bis März 1946 berichtet. Bagge ebenso wie Diebner waren mit acht weiteren am deutschen Atomprogramm beteiligten Wissenschaftlern von den Briten für rund ein Jahr in Farm Hall interniert worden.
  • In Farm Hall wurden die Wissenschaftler abgehört, einen Auszug der Abhörprotokolle über die Tage des 6./7. August 1945, dem Tag an dem die erste Atombombe der USA über Hiroshima, Japan, explodierte, ist hier unter dem Titel: Heimlich aufgezeichnete Unterhaltungen deutscher Kernphysiker auf Farm Hall (6./7. August 1945) als PDF nachzulesen.
  • 1958 führte Carlheinz Hollmann vom NDR ein Interview mit Erich Bagge, das hier online als AUDIO bereit steht.

Walker schreibt: „Im Februar 1942 erstellte Diebner mit Wissenschaftlerkollegen einen umfangreichen Übersichtsbericht über das Uranprojekt unter dem Titel „Energiegewinnung aus Uran“. (39) Das Bemerkenswerte an diesem Bericht ist seine detaillierte, doch gleichzeitig zurückhaltende Erörterung nuklearer Sprengstoffe.“ (S. 22)

Weiter zitiert er aus diesem Bericht von Diebner und anderen: „Wenn sie – wie man nach den Laboratoriumsversuchen erwarten muß – erfolgreich ist, sind der Weiterentwicklung drei Aufgaben gestellt:

1. Die Ausgestaltung der Maschine zu einem technisch brauchbaren Apparat.
2. Die technische, zumal wehrtechnische Verwendung der Maschine
[Schiffsantrieb; U-Bootsmaschine; Flugzeuge und Landfahrzeuge; feststehende
Energiequelle; Quelle durchdringender Strahlung und radioaktiver Substanzen
für die physikalischen und medizinisch-biologischen Gebiete].
3. Die Herstellung eines Uransprengstoffs. […] (40)“

Wenngleich das hier angeführte noch keine Realität war, sondern nur eine Auflistung der Möglichkeiten; bereits 1942 sind den deutschen Forschern die Anwendungsmöglichkeiten also völlig bewusst: Schiffsantriebe, Atomreaktoren als U-Boot-Antrieb, als Atomkraftwerk und die Atombombe.

Walker berichtet über die Waffen-Experimente von Kurt Diebner und Walther Gerlach:

„Mit Gerlachs Unterstützung setzte Diebners Team seine Arbeiten fort. In einem letzten Reaktorversuch, G-IV, wurde eine kugelsymmetrische Anordnung von Uranwürfeln verwendet. (73) Möglicherweise war dieser Versuch kurzfristig sogar erfolgreich, endete aber offenbar mit einem Unfall. Neuesten Erkenntnissen zufolge waren einige von Diebners Wissenschaftlern in den letzten verzweifelten Kriegsmonaten einen entscheidenden Schritt vorangekommen und es war ihnen gelungen, eine Kernwaffe zu bauen und zu testen. (74)

Diese Waffe war nicht mit den Atombomben zu vergleichen, die im folgenden August über Japan abgeworfen werden sollten. Vielmehr wurde hierbei versucht Sprengstoff in Form von Hohlladungen einzusetzen, um Kernspaltung in kleinen Proben entscheidend angereicherten Urans hervorzurufen und Kernfusion in einer kleinen Menge Lithiumdeuterid. Es ist nicht eindeutig erwiesen, ob diese Apparatur dergestalt funktionierte, daß sie es schaffte, Kernreaktionen zu produzieren. Zweifellos jedoch entwickelte und testete eine Gruppe deutscher Wissenschaftler nach eigenem Dafürhalten eine Kernwaffe. Diebner und Gerlach hielten diese Waffe und den damit verbundenen Test streng geheim. Keiner der anderen am Uranprojekt beteiligten Wissenschaftler, noch nicht einmal Heisenberg und Weizsäcker, erfuhren etwas davon.“ (S.  33, vergleiche die Fußnoten in der verlinkten PDF).

Nach dem Krieg – Patente und die Gründung der GKSS

Weiter schreibt Karlsch über Diebner und auch sein Verhältnis zu Erich Bagge: „Diebner war ein vielseitiger Mensch. Am erstaunlichsten war seine emsige Tätigkeit als Patentanmelder. Zumeist war er der Ideengeber, während Bagge die Möglichkeiten seines Universitätslabors zur Prüfung der Erfindungen nutzte. An einzelnen Erfindungen wirkte auch sein junger Mitarbeiter Friedwardt Winterberg mit. (99) Als Patentanmelder fungierten neben den Genannten auch Mitglieder der Familie Diebner, Mitarbeiter der Durag und andere Personen. Die Erlöse aus den Patenten wurden zu 90 Prozent zwischen Bagge und Diebner geteilt. Auch Ingenieur Schlottau, der in Diebners Team gearbeitet hatte, wurde mit zehn Prozent an den Erlösen beteiligt. Die Patentanmeldungen konzentrierten sich auf drei Gebiete: technische Apparate, Kernreaktoren und Kernfusionsprozesse. (100)“

Insgesamt 18 Patentschriften von Diebner und Bagge sind ab Mai 1955, als das alliierte Forschungsverbot augehoben wurde, im Umfang mehrerer hundert Seiten verfasst worden, darunter laut Karlsch auch solche zu Kernfussionsprozessen. „Man fragt sich unwillkürlich, wie es möglich war, dass zwei Wissenschaftler unmittelbar nach dem Fall des Forschungsverbotes derart viele Patentschriften einreichen konnten. Sie müssen daran schon seit längerer Zeit gearbeitet haben.“ (S.285). Diebner habe demnach auf seine Erfahrungen in Gottow zurück gegriffen. Dabei sei auch ein „zweistufiger Kernreaktor“ 1955 als Patent dabei gewesen, „der dem Brüten von Plutonium diente“.

1956 gründen Diebner und Bagge gemeinsam die bereits erwähnte Atomforschungseinrichtung GKSS in Geesthacht, östlich von Hamburg. Hier sollen offiziell nukleare Antriebe für Handelsschiffe entwickelt werden.

Im Jahr 2006 feierte die GKSS ihr 50 jähriges bestehen. In dem Jubiläums-Bericht auf der Homepage der 2010 zum Helmholtz-Zentrum Geesthacht umbenannten Atomforschungsanlage zu diesem Jubiläum ist über die Gründungsväter nichts mehr zu lesen. Lediglich in dem Link zu einer PDF (Broschüre) wird im Kapitel über die Gründung das Original eines Protokolls abgebildet. Mit Datum vom 29. Juli 1955 wird dort über die Bestellung eines Vorstands der „Studiengesellschaft für Kernenergieverwertung in Schiffahrt und Industrie“ berichtet. Lediglich in diesem Protokoll sind „Professor Dr. Bagge und  Dr. Kurt Diebner“ angeführt. Über ihre Geschichte oder sonstige Umstände der Gründung der Atomforschungsanlage wird mit keiner Silbe eingegangen.

1989 war eine Broschüre erschienen: GKSS – … Dort wird sich intensiv seitens der Herausgeber mit der Geschichte der Atomforschungsanlage auseinandergesetzt. Unter anderem auch in einem Kapitel „Geesthacht – Das braune Atomzentrum“. Die Broschüre lohnt bis heute der Lektüre und steht hier als PDF zum download bereit. Insbesondere wird sie auch im Lichte neuerer Studien zur bundesdeutschen Atom-Politik in den 50er und folgenden Jahren erneut interessant. In einem Übersichtsartikel wird die Broschüre auch in diesem Text vorgestellt: Atomforschungsanlage GKSS – Forschung an der Atombombe?

Weitere Texte zum Thema auf dieser Seite:

Bundesrepublik und Atomwaffen: „Finger am Abzug“ – Spurensuche zur Geschichte der Urananreicherung

Deutsche Politik, Atomenergie und Atomwaffen. Immer mehr Untersuchungen erscheinen in den letzten Jahren mit Blick auf die „Frühen Jahre“ zu diesem Thema. Das meint einerseits die Zeit im Faschismus, in die die Entdeckung der Kernspaltung durch Otto Hahn und Fritz Straßmann sowie Lise Meitner fällt. In der Folge gab es während des Zweiten Weltkriegs diverse Aktivitäten, eine deutsche Atombombe zu entwickeln. Anderseits erscheinen immer mehr Veröffentlichungen, die die frühe Bundesrepublik und ihre Atompolitik unter die Lupe nehmen. Dass die deutsche Politik unter Adenauer nach einem Zugriff auf die Atombombe strebte, ist heute unumstritten.

Stefan Wenzel, grüner Umweltminister in Niedersachsen, stellte jüngst in einer Rede im Bundesrat anlässlich der Endlagersuche fest: Als „die Bundesrepublik Deutschland vor über 50 Jahren die ersten Forschungsreaktoren in den USA einkaufte, hatte man insbesondere auch die militärischen Optionen im Blick. Das geht aus Kabinettsprotokollen der Ära Adenauer, die mittlerweile veröffentlicht worden sind, eindeutig hervor.“

Militärisch brisant: Urananreicherung bei der URENCO in Gronau

Das frühe bundesdeutsche Streben nach einer eigenen Atombewaffnung, ist heute nicht mehr zu ignorieren. Militärische Interessen dürften nach Helmut Schmidt und unter der Regierung Kohl bei der geplanten Wiederaufarbeitungsanlage in Wackersdorf eine Rolle gespielt haben, ermöglichte diese Anlage doch in nationaler Regie einen eigenen Zugriff auf Plutonium. Doch Ende der 80er Jahre wurde der Plan einer nationalen Wiederaufarbeitung in Wackersdorf – nach heftigen politischen Konflikten – aufgegeben. Auch die Plutoniumfabriken in Hanau, die inzwischen allesamt stillgelegt sind, spielten dabei eine Rolle.

Technisch gesehen bleibt heute als direkter Weg für die Herstellung von Atomwaffen die Urananreicherungsanlage in Gronau. Diese Anlage ist unter militärischen Gesichtspunkten mit Blick auf die Fähigkeit zur Herstellung von Atomwaffen sicherlich die brisanteste Atomanlage in der Bundesrepublik. Allerdings unterliegt die Anlage dem völkerrechtsverbindlichen „Vertrag von Almelo“ (siehe unten), der lediglich eine Anreicherung von Uran für den Einsatz in Atomkraftwerken (ca. fünf Prozent Uran 235) erlaubt, höhere Anreicherungen aber ausdrücklich verbietet (Für eine Uranwaffe wäre eine Anreicherung auf über 80 Prozent Uran 235 erforderlich).

„Finger am Abzug: Von Adenauer bis Schmidt“

Im letzten Jahr nun erschien das Buch „Schwellenmacht. Bonns heimliche Atomdiplomatie von Adenauer bis Schmidt“ von Stephan Geier. Unter dem Titel: „Finger am Abzug“ fasst Reinhard Mutz auf DeutschlandRadio Kultur das Buch in einem Satz zusammen: „Die Deutschen spielten schon an der historischen Wiege des nuklearen Zeitalters eine Schlüsselrolle, so der Historiker.“ Das Buch basiert auf der Dissertation von Geier (PDF, über 800 Seiten, oder hier downloaden) an der Philosophischen Fakultät und Fachbereich Theologie der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (2011). Das Inhaltsverzeichnis der Buch-Ausgabe ist hier beim Verlag als PDF einzusehen. Stephan Geier laut DL-K „resümiert: „Iran, Israel, Indien und andere: Die schleichende Verbreitung atomarer Waffen hält die Welt in Atem. Doch die Spielregeln, die diese gefährliche Entwicklung eigentlich verhindern sollten, wurden nicht von Staaten wie dem Iran oder Nordkorea gemacht. Es war die Bundesrepublik, die dabei seit den 1950er-Jahren eine wichtige, durchaus zweifelhafte Rolle spielte.“

In Mai 2012 veröffentlichte die FAZ unter dem Titel „Schwellenmacht Deutschland“ (PDF, siehe auch hier) und hier) einen Artikel von Professor Dr. Gregor Schöllgen und Dr. Stephan Geier: „Die Atompolitik der Bundesregierungen von Adenauer bis Schmidt oder die Geschichte einer Beihilfe zur Erosion des internationalen Nichtverbreitungsregimes.“

Die beiden Autoren zeigen auf, dass die Bundesrepublik seit Adenauer massiv daran gearbeitet hat, einen Zugriff auf Atomwaffen zu bekommen. Daher haben sie von Anfang an den Nichtverbreitungs-Vertrag bekämpft. „Von Konrad Adenauer bis Helmut Schmidt verhielten sich die Bundesregierungen nicht nur wie die Repräsentanten einer ambitionierten Schwellenmacht. Sie trugen auch entscheidend zur Formulierung und Interpretation jenes Nichtverbreitungsregimes bei, das die Arbeit der Atomwaffen-Kontrolleure heute so schwierig macht. Dafür hatten die Deutschen vor allem einen Grund: Der Zugang zur friedlichen Nutzung der Kernenergie und die Verfügung über die Atomwaffe waren zwei Seiten einer Medaille – jedenfalls aus Sicht derer, die sie einstweilen nicht besaßen.“

Für die Herstellung von Atomwaffen gibt es technisch im Grundsatz zwei Wege: Die Anreicherung von Uran 235 oder der Weg über die Bestrahlung von Natururan in Schwerwasserreaktoren. Dabei entsteht Plutonium, das dann abgetrennt und zur Atombombe verarbeitet werden kann.(In den heute verbreiteten Leichtwasserreaktoren muss mit rund 3-5 Prozent angereichertes Uran eingesetzt werden, um eine Kettenreaktion zu starten, in deren Folge Plutonium erzeugt wird, das dann abgetrennt werden kann).

An beiden Methoden wurde unmittelbar nach der Entdeckung der Kernspaltung in Nazi-Deutschland, den USA, England, etc. noch im Zweiten Weltkrieg gearbeitet. Mit dem Einsatz der Uranbombe in Hiroshima und der Plutoniumbombe in Nagasaki demonstrierten die USA im August 1945, dass sie beide Wege beherrschten. Im verbreiteten Verständnis von Atombomben haben sich diese Varianten festgesetzt. Doch es gibt auch kleinere Varianten, die so genannten taktischen Atomwaffen.

„Im Oktober 1956 brachte Bundeskanzler Adenauer erstmals eine atomare Bewaffnung der Bundesrepublik ins Spiel. Die strategischen Planungen der Vereinigten Staaten sahen nämlich vor, dass ein Angriff des Warschauer Paktes wenn irgend möglich durch Landstreitkräfte, also nicht zuletzt durch die Bundeswehr, aufgehalten werden sollte, ehe strategische Atomwaffen eingesetzt werden sollten. Diesen Plan hielten bundesdeutsche Politiker und Militärs nur für realistisch, falls die Bundeswehr über taktische Atomwaffen verfügte.“

Direkt weiter heißt es: „In diesem Sinne schloss die Bundesregierung im April 1958 mit Frankreich und Italien ein Abkommen über die „gemeinsame Entwicklung und Produktion von Atomsprengkörpern“.“ Ein legaler Schritt, wie die Autoren vermerken, weil sich die Selbstbeschränkung der Bundesrepublik im Rahmen des Vertrages über die Westeuropäisiche Union (WEU) „lediglich auf die Herstellung von Atomwaffen auf eigenem Territorium bezog.“ Erst de Gaulle stoppte diese Pläne. Doch für die Bundesregierung war die „Forderung nach atomarer Teilhabe auch auf dem militärischen Sektor war damit nicht erledigt“.

In dem Geheimprotokoll zu dem Abkommen wurden Rüstungsprojekte bei der Raketen- und Nukleartechnik vereinbart, außerdem gab es die Absicht, im französischen Pierrelatte eine Urananreicherungsanlage zu bauen.

„Schon während des Zweiten Weltkrieges hatten deutsche Wissenschaftler an der Entwicklung der Gasultrazentrifuge zur Anreicherung von Uran gearbeitet. Nach dem Krieg konnten sie diese Arbeit unabhängig voneinander und ungehindert fortsetzen – einer in der britischen Besatzungszone, drei andere in sowjetischer Kriegsgefangenschaft. Als zwei von ihnen 1956 in die Bundesrepublik heimkehrten – der dritte ließ sich in der DDR nieder -, brachten sie ihre Pläne mit.“

In einem Aufsatz von Bernd A. Rusinek heißt es dazu: „Während Steenbeck in die DDR ging, wählten Zippe und Scheffel die Bundesrepublik.“ (S. 6)

Bei Schöllgen/Geier in der FAZ heißt es weiter: „Die Vorarbeiten aus den vierziger und fünfziger Jahren sollten sich als Grundlage jener Gaszentrifuge erweisen, die seit den siebziger Jahren in einer gemeinsam von Niederländern, Deutschen und Briten betriebenen Anreicherungsanlage im niederländischen Almelo erprobt wurde. Dass sie der Prototyp der heute in Uran und andernorts verwendeten Zentrifugen werden könnte, ahnte niemand.

Warum die Briten, die anders als die Amerikaner schon während des Krieges die zivile Nutzung der Kernenergie ins Auge fassten, die Deutschen gewähren ließen, sei dahingestellt. Sicher ist, dass die amerikanische Regierung, die über die deutschen Absichten von Anfang an im Bilde gewesen sein dürfte, im Jahr 1960 die Geheimstellung dieser Technologie durch die Bundesregierung erwirkte.“

… „Auch das Veto der Briten gegen die Ausfuhr der gemeinsam mit der Bundesrepublik und den Niederlanden weiterentwickelten Gaszentrifuge nach Brasilien wurde von deutscher Seite umgangen. Anstelle des geheimen Gaszentrifugen- wird das sogenannte Trenndüsenverfahren zur Anreicherung von Uran in das Paket aufgenommen. Auch dieses Verfahren war in der Bundesrepublik entwickelt worden und fand mehr als nur einen Abnehmer. So beruhte die Anreicherungsanlage, die Südafrika in den achtziger Jahre in Betrieb nahm, auf einer Variante dieses Verfahrens. Vom Kernforschungszentrum Karlsruhe aus war es auf verschlungenen Wegen ans Kap gelangt. Mit dem angereicherten Uran wurden mehrere Atombomben bestückt. Dass Südafrika 1991 seine sechs Kernwaffen zerstörte und dem Nichtverbreitungsvertrag beitrat, gehört zu den wenigen guten Nachrichten in der Geschichte des Nichtverbreitungsregimes.“ (Zum Brasilien-Geschäft siehe auch weiter unten.)

In der Besprechung von Radkau ist außerdem folgendes zur Urananreicherung zu lesen: „Knoll, von der Konrad-Adenauer-Stiftung unterstützt, hat ausgiebig Nachlässe von CDU-Politikern ausgewertet, aber auch Bestände der Degussa, deren Uranzentrifuge in der nuklearen Frühzeit von bundesdeutscher Seite das größte Aufsehen erregte, sowie Bestände des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR (die jedoch, wie es scheint, hier kaum große Geheimnisse enthalten).“

In einem „Bewerbungsvortrag“ von Bernd A. Rusinek über die „Urananreicherung in Nordrhein-Westfalen“ (PDF) ist über die Rolle der DEGUSSA folgendes zu lesen: „Erfahrungen im Umgang mit größeren Mengen hatte allein eine Tochter der DEGUSSA. DEGUSSA stellte bis Kriegsende etwa 12 t Uranmetallpulver her. Hier entstanden die Verbindungen zwischen Akteuren und Unternehmen, die nach dem Kriege weitergeführt wurden.“ (S. 4)

Weiter schreibt Rusinek: „Im „Totalen Krieg“ wanderte die Groth´sche Zentrifuge von Hamburg nach Freiburg, Butzbach und Celle. Die amerikanische Spezialeinheit „ALSOS“, zu der sowohl der Zentrifugen-Pionier Jesse Beams wie der niederländische Emigrant Samuel Goudsmit gehörten, erreichten das Labor in Celle im April 1945. Groth wurde nach England gebracht, dort befragt, und durfte seine Zentrifugen-Studien in Hamburg weiterführen.“

Der Hamburger Dozent Dr. Wilhelm Groth ist einer der für die Urananreicherung wichtigen Wissenschaftler. Bereits 1939 hat er das Reichskriegsministerium „auf die Möglichkeit eines neuen Supersprengstoff auf Kernspaltungsbasis“ hingewiesen. „Groth nahm die Arbeiten an einer Anreicherungszentrifuge noch 1939 auf“.

In einem anderen Beitrag von Rusinek (PDF) schreibt der Autor: „Mit der Zentrifugenanreicherung befassten sich Physiker und Chemiker an den Universitäten Hamburg und Kiel. Der Hamburger Chemiker Groth konnte im Frühjahr 1941 einen hinreichenden Zentrifugen-Prototyp vorführen, der in Kooperation mit einer Rüstungsfirma weiter entwickelt wurde. Anfang 1943 gelang es, 100 Gramm auf 7 Prozent angereichertes Uran herzustellen.“ Dem Bericht zufolge arbeitete Groht nach 1945 im Ausland an der Zentrifugen-Technik weiter. „Aufgrund eines „alliierten „permit“ durfte Groth seine Zentrifugenstudien praktisch ohne Unterbrechung fortführen.“ (S. 6)

  • Es gab in Nazi-Deutschland – wie Rusinek andeutet – auch andere Wissenschaftler, die an Verfahren zur Urananreicherung gearbeitet haben. Dazu zählten z.B. auch Erich Bagge und Wilhelm Walcher sowie Kurt Diebner. Diese werden von Rusinek allerdings nicht namentlich erwähnt. Bagge und Diebner gründeten später die Atomforschungsanlage GKSS in Geesthacht. Diebner war 1957 für rund ein Jahr unter Strauß im Verteidigungsministerium (in Bonn) als Regierungsdirektor tätig. Bedeutsam waren auch die Arbeiten von Manfred von Ardenne, auf den Rusinek auch eingeht. Siehe dazu ausführlich am Schluss des bereits erwähnten Artikels Spurensuche…

Die oben erwähnten Zippe und Scheffel kamen (1955/56) mit ihren Forschungsergebnissen in die Bundesrepublik zurück. „Was hatten sie entwickelt? Eine Anreicherungszentrifuge, die leistungsfähiger und von wesentlich geringerem Energieverbrauch war als die us-amerikanische Gasdiffusion. Die Ultra-zentrifuge „SSZ“ („Selbststabilisierende Zentrifuge“ oder „Scheffel-Steenbeck-Zippe“) passte praktisch in eine Aktentasche. Was das bedeutete – auch militärisch bedeutete – brauche ich nicht zu erläutern. Scheffel und Zippe wandten sich an die Firma DEGUSSA, und zwar wandten sie sich an deren Forschungsleiter Alfred Boettcher. DEGUSSA nahm die Zentrifugen-Entwicklung auf Basis des sowjetischen Modells auf und schaltete sich in das Uran-Anreicherungsgeschäft ein.“

Im weiteren liefert Rusinek auch Hinweise, warum die Urananreicherung mit deutscher Beteiligung zunächst im niederländischen Almelo entstand. (Dabei berichtet der Autor auch von einem gescheiterten Atomprojekt zwischen den Niederlanden und der Bundesrepublik, das noch vor dem 5. Mai 1955 realisiert werden sollte.) Es gab eine weitere deutsch-niederländische Zusammenarbeit: „Die zweite Kooperation gelang. Es ging dabei um die Anreicherung von Uran auf Basis der Zentrifugen, wie sie in der Sowjetunion von Scheffel, Steenbeck und Zippe entwickelt worden waren.“ (S. 8).

Die Ausführungen dazu sind unter dem angegebenen Link bei Rusinek weiter zu lesen. Wichtig aber ist der Hinweis, dass 1960 die DEGUSSA aus der Zentrifugen-Entwicklung aussteigen musste und das Land NRW diese übernahm: „Die DEGUSSA-Aktie tat einen Sprung nach oben, aber das Unternehmen musste die Zentrifugen-Entwicklung aufgeben. Sie wurde vom Land Nordrhein-Westfalen übernommen. Es entstand die „Gesellschaft für Kernverfahrenstechnik“, später „URANIT“, dann „URENCO“, aus deren Archiv ich Teile der Materialien für diesen Vortrag bekommen habe.“ (S. 8/9)

Zur URENCO: Urananreicherung URENCO: “Die Dinge, die wir tun, könnten auch für nicht-friedliche Zwecke genutzt werden, wie z.B. Atombomben”

Bereits in den 50er Jahren war NRW in Sachen Uranzentrifugen aktiv. Rusinek berichtet, dass Groth bereits 1950 an die Universität Bonn berufen wurde. Er „brachte seine Uranzentrifugen mit.“ Finanziert wurde er vom Planungsausschuss des Bundeswirtschaftsministeriums, sodann von der in Düsseldorf gegründeten „Physikalischen Studiengesellschaft“. Auf Initiative der Landesregierung Nordrhein-Westfalen wurde Groth auch wieder mit seinem ehemaligen Mitarbeiter Beyerle zusammengeführt. Die Resonanz der ‚Politik’ auf die Arbeiten war sehr groß. In seiner Regierungserklärung vom 29.2.1956 führte Ministerpräsident Steinhoff (SPD) aus, das Land wolle die Errichtung einer Trenn-Anlage nach dem Verfahren Groth unterstützen, und in einem Brief aus dieser Zeit war von einer „energischen Förderung“ durch das Land die Rede. Ende der 1950er Jahre lieferte Groth drei Zentrifugen nach Brasilien.“ (S. 4, Urananreicherung in NRW)

Brasilien? Genau. Bereits Ende der 50er Jahre betrieb die Bundesrepublik offenbar atomare Beziehungen zu Brasilien, die bis heute anhalten. 1975 wurde der deutsch-brasilianische Atomvertrag abgeschlossen, der bis heute in Kraft ist. Siehe dazu auch aktuell die Kleine Anfrage der Grünen hier (PDF) und hier etwas zum Hintergrund bei der Böll-Stiftung.

1960 wurde – wie oben bereits erwähnt – die Uran-Zentrifugen-Technik auf Druck der USA unter „Geheimschutz“ gestellt. Rusinek: „„Geheimschutz“ hieß, dass die Arbeiten an der Zentrifuge nicht mehr publiziert und Zentrifugen schon gar nicht verkauft werden durften. Professor Groth, der im Mittelpunkt der Berichte stand, sah sich außerstande, die Arbeiten fortzuführen. Er musste seine ausländischen Mitarbeiter entlassen. Der Vorstand der DEGUSSA erklärte, man sei aufgrund von Beschlüssen des Aufsichtsrates und der Gesellschafterversammlung gebunden, nur friedliche Arbeiten zu betreiben, und werde die Arbeiten an der Zentrifuge einstellen. Die Erfinder mussten ihr Patent als Geheimpatent umwidmen lassen, wodurch ihnen erhebliche Einnahmen entgingen.“ (S. 7, Interessant sind auch seine Hinweise, wie in Deutschland auf den Druck der USA reagiert wurde.)

In der Folge des Geheimschutzes wird die Zentrifugen-Technik in NRW konzentriert: „Der Bund war 100-Prozent-Financier der Gesellschaft für Kernverfahrenstechnik, bis Ende der 1960er Jahre mit Industriebeteiligung eine Nachfolgegesellschaft gegründet wurde, die Gesellschaft „URANIT“.“

In den Niederlanden, so Rusinek, wird im Prinzip ähnlich verfahren. 1968 kommen schließlich die Briten ins Boot. Diese hatten zunächst auf die Diffusion zur Urananreicherung „zur Herstellung seiner Atombomben“ gesetzt. „Überraschend teilte die britische Regierung 1968 mit, dass sie diese Pläne aufgegeben habe und sich nun an der Entwicklung der Zentrifugen beteiligen wollte. Genau das war der entscheidende Schritt, der zum Vertrag von Almelo am 4. März 1970 führte.“

In dieser Phase Ende der 60er und Anfang der 70er gibt es Auseinandersetzungen innerhalb von Euratom um eine gemeinsame Urantrennanlage. Frankreich hatte Anfang der 60er Jahre in Pierrelatte für sein Atomwaffenprogramm eine Anlage nach dem Prinzip der Diffusion gebaut. Für eine zivile Anlage sollte dieses Verfahren ebenfalls zum Einsatz kommen. „An der 1973 gegründeten Urantrenngesellschaft „EURODIF“ beteiligten sich Frankreich, Spanien, Italien und Belgien, aber Großbritannien, die Niederlande und die Bundesrepublik hielten an ihren Projekten fest“ und gründeten schließlich die URENCO auf Basis der Ultra-Gaszentrifugen-Technik.

Interessant ist dabei der Hinweis von Rusinek: „Die Bundesregierung wollte „voreiligen Vorschlägen“ der Franzosen nicht kritiklos zustimmen. Zitat: „Deutschland ist gerade daran interessiert, Kernbrennstoffe geringer Anreicherung zu erhalten, während die Franzosen wegen der militärischen Anwendung starke Anreicherungsgrade brauchen.““ Die Quelle, aus der das Zitat stammt, ist leider nicht angegeben.

Die personellen Kontinuitäten von den Nazi-Forschern bis hinein in die Bundesrepublik sind bei Rusinek aufgezeigt. Er fasst dies am Schluss seines Vortrages nochmal zusammen und fügt hinzu: „die staatliche Förderung lief zwischen „Drittem Reich“ und Nachkriegszeit dergestalt ohne Stocken weiter, dass in den eingesehenen Unterlagen über die Förderung der Uran-Anreicherung die Zuschüsse von Heereswaffenamt und Reichsforschungsrat, später von Bundes- und Landesministerien einfach zusammengerechnet wurden.“ (S. 10)

Und mit Blick auf die Rolle von Nordrhein-Westfalen bei der Urananreicherung stellt Rusinek fest: „Ohne Zweifel können wir das nordrhein-westfälische Wunschprojekt Uran-Anreicherung nicht innerhalb der Landesgrenzen betrachten; geographisch nicht und politisch auch nicht. Vielmehr sehen wir, wie das Land in dem betrachteten Sektor ab Mitte der 1960er Jahre immer mehr an Einfluss verliert. Die Entscheidungen über den Fortgang der Anreicherungsarbeiten fassten andere.“

Zwischenergebnis

Wie brisant die Urananreicherungstechnik ist, zeigt ein Statement von Franz-Walter Steinmeier (SPD) als Außenminister im Jahr 2007: “Die Urananreicherung ist ein klassischer Weg, um nuklearen Brennstoff herzustellen. Diese aufwändige Technologie ist aber auch der Schlüssel zu Atomwaffen. Man muss also Wege finden, wie jeder Staat Kernenergie uneingeschränkt friedlich nutzen kann, ohne dass damit der Griff nach der Bombe möglich wird. Der Atomwaffensperrvertrag geht auf dieses Problem bislang nicht ein.” (Siehe hier Auswärtiges Amt). Allerdings sprach Steinmeier damals nicht von der URENCO und der deutschen Anlage in Gronau. Er bezog sich auf die international wachsenden atomaren Begehrlichkeiten des Irans und Nordkoreas und die Mängel des Atomwaffensperrvertrages.

Steinmeier damals weiter: “Die Anreicherung von Uran beherrschen im industriellen Maßstab nur wenige Staaten. Es ist nachvollziehbar, dass immer mehr Länder sich aus der Lieferabhängigkeit von angereichertem Brennstoff befreien und selbst Uran anreichern wollen. Damit steigt aber auch die Gefahr des Missbrauchs.”

Die Urananreicherungsanlagen der URENCO stehen derzeit zum Verkauf. Siehe dazu ausführlich: URENCO Gronau: Risiko Atomwaffen-Technik und die deutsche Atom-Politik

„Schmutzige Atomwaffen“ – Risiken der Atomenergie wachsen – Urananreicherung in Gronau steht zum Verkauf

atomwaffenfrei-jetzt„2000 Tonnen waffenfähiges radioaktives Material sind im Umlauf – die Sorge, dass Terroristen davon etwas in die Hände fällt, ist groß“, berichtet der Spiegel anlässlich der Konferenz von Staats- und Regierungschefs aus mehr als 50 Ländern in Den Haag, die vor wenigen Tagen stattfand (siehe auch hier die Welt). Weiter zitiert das Online-Magazin den niederländischen Ministerpräsidenten und Gastgeber Mark Rutte, der vor den Gefahren durch sogenannte schmutzige Bomben warnte: „“Skrupellose Terroristen werden sich nicht scheuen, jede Waffe zu nutzen, die sie in die Hände bekommen“, sagte er am Montag zu der möglichen Beimischung von radioaktivem Material zu herkömmlichen Sprengsätzen. In den vergangenen Jahren habe es echte Fortschritte bei der Sicherung von Strahlenquellen gegeben. 2000 Tonnen waffenfähiges Material seien aber noch immer im Umlauf.“ 

Mit den Risiken der Weiter-Verbreitung von Atomwaffen-Technik hat die niederländische Regierung derzeit auch höchstselbst zu tun. Beteiligt dran ist auch die Bundesrepublik sowie die Atomkonzerne E.on und RWE: Die Uranfabriken der URENCO in Almelo (NL), Gronau (D), Capenhurst (GB) sowie eine weitere in den USA sollen auf Druck der britischen Regierung und der deutschen Konzerne E.on und RWE verkauft werden. In diesen Anlagen wird Uran für den Einsatz in Atomkraftwerken angereichert. Technisch sind diese Anlagen aber auch in der Lage, waffenfähiges Uran herzustellen. Deshalb gelten die URENCO-Anlagen als Hochsicherheits-Bereich und unterliegen strengster Geheimhaltung. Die Niederländer stehen den Verkaufsplänen skeptisch gegenüber, weil sie befürchten, dass die Kontrolle über diese atomwaffentaugliche Technik deutlich erschwert werde, wenn künftig private Konzerne Eigentümer werden.

Die niederländischen Christdemokraten sprachen jüngst bei einer Anhörung im Parlament davon, dass der Verkauf ein „Spiel mit dem Feuer“ wäre. „Die Urananreicherung ist der einfachste Weg zur Atombombe“, stellte Michael Sailer, Mitglied der Reaktor-Sicherheitskommission und Vorsitzender der Entsorgungskommission, im April 2013 fest.

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Die Ärzteorganisationen IPPNW verweist in einer PM zurecht darauf, dass die Debatte um Diebstahl und „schmutzige Bomben“ aber nicht vergessen machen sollte, dass es enorme Gefahren durch die in den Bunkern zahlreicher Staaten lagernden Atomwaffen gäbe: „Das Risiko für die Menschheit, das die 17.000 Atomwaffen weltweit darstellen (ca. 2.000 befinden sich auf höchster Alarmstufe) wurde in der Erklärung aus Den Haag nicht erwähnt.“

Weiter kommentiert die international tätige Organisation: „Die Ärzteorganisation IPPNW kritisiert die Ergebnisse des nuklearen Sicherheitsgipfels in Den Haag als Ablenkung von der eigentlichen Aufgabe, Atomwaffen weltweit zu beseitigen. Auch wenn die nukleare Sicherheit wichtig ist: Die humanitären Folgen eines Einsatzes bleiben aus medizinischer Sicht das zentrale Thema. Zwei Staatskonferenzen zum Thema humanitäre Folgen von Atomwaffen in Norwegen 2013 und Mexiko 2014 haben diese Ansicht bestätigt. Noch in diesem Jahr treffen sich wieder Staaten in Wien, um darüber zu sprechen wie ein Atomwaffeneinsatz und seine katastrophalen Folgen für die Menschheit verhindert werden können.“

Und schließlich verweist die IPPNW darauf, dass man nicht vor Atomgefahren warnen könne, ohne gleichzeitig auch die Atomkraftwerke zum Thema zu machen: „Nukleare Sicherheit wurde auf dem Gipfel in Den Haag weitgehend auf das Thema Diebstahl von Materialien für den Bau von Atomwaffen begrenzt. Damit erkennen die nuklearen Lieferländer und Atomwaffenstaaten zwar an, dass ihre massiven Vorräte an spaltbaren Materialien ein Sicherheitsrisiko darstellen. Gleichzeitig halten sie trotz der Lehren aus Tschernobyl und Fukushima weiterhin  an der zivilen Atomenergie fest. Die Gefahr, denen die Menschen aufgrund aller Atomkraftwerke weltweit ausgesetzt sind, wird verschwiegen.“

Atomwaffen, Bundesrepublik und NATO: „Totgesagte leben länger“

atomwaffenfrei-jetzt„Solange Kernwaffen als Instrument der Abschreckung im strategischen Konzept der NATO eine Rolle spielen, hat Deutschland ein Interesse daran, an den strategischen Diskussionen und Planungsprozessen teilzuhaben.“ So steht es im Vertrag der großen Koalition von SPD, CDU/CSU. Otfried Nassauer vom BITS hat sich eingehend mit diesem Satz und der Realität dahinter befasst. In „Totgesagte leben länger – Nukes for ever?“ beleuchtet er die Aussagen der bundesdeutschen Regierung und bezieht diese auch auf die laufende Modernisierung der US-amerikanischen Atomwaffen.

Darüber berichtete der Spiegel im November 2013: „Mit Milliardenaufwand modernisiert die US-Regierung derzeit ihre Atomwaffen. Das Programm ist nach SPIEGEL-Informationen noch umfangreicher als bisher bekannt und umfasst auch in Deutschland stationierte Sprengköpfe. Kritiker sehen in den renovierten Bomben getarnte Neuentwicklungen.“

Doch was die USA beim Umbau ihrer Atomwaffen als „Lebensdauerverlängerung“ bezeichnen, ist eher die Neuentwicklung nuklearer Waffensysteme.

Thema wird das alles auf dem nächsten Treffen der „Gewaltfreien Aktion Atomwaffen Abschaffen“. Am 15. und 16. Februar wollen die Friedens-AktivistInnen in der Alten Feuerwache in Köln über Sommeraktion(en) am bundesdeutschen Atomwaffenstützpunkt in Büchel beratschlagen. Bereits 2013 waren zahlreiche Gruppen mit dem Trägerkreis atomwaffenfrei.jetzt und hunderten AktivistInnen mit Blockaden an allen Toren des „Fliegerhorstes Büchel“ für das „Verbot und die Vernichtung aller Atomwaffen – weltweit“ aktiv.

Erst vor wenigen Tagen ist ein Tornado-Kampfflugzeug in der Nähe des Atomwaffenstützpunkts in Büchel abgestürzt. Die Piloten konnten sich retten. Siehe dazu auch die Pressemeldung von atomwaffenfrei.jetzt.

 

Atomprogramm des Iran: Mit oder ohne Bombe?

Die Weltmächte feiern ein Abkommen mit dem Iran, mit dem ein erster wichtiger Schritt unternommen worden sein soll, dass das Land keine Atombomben herstellen kann. Der Iran baut derzeit das Potential auf, mit dem grundsätzlich der Zugriff auf eine Atombombe möglich wird. Der Iran behauptet, dass er an einer militärischen Nutzung der Atomanlagen nicht interessiert sei, sondern diese Anlagen lediglich zu Forschungszwecken und zur Stromproduktion bauen und betreiben will. Zweifel daran sind aus einer Vielzahl von Argumenten mehr als berechtigt.

Auf das Verhandlungsergebnis hat es bereits unmittelbar heftige Kritik gegeben und Zweifel, ob das Abkommen wirklich dazu führt, den Iran an der Entwicklung einer Bombe wirksam zu hindern.

Technisch sind zivile und militärische Nutzung nicht zu trennen. Für viele Anlagen besteht grundsätzlich der „Dual-Use“. Auch Deutschland verfügt über derartige Anlagen, wie z.B. die Urananreicherungsanlage der URENCO im westfälischen Gronau. Mit dem internationalen Vertrag von Almelo und unter diesem Regime durch IAEO und Euratom durchgeführte Kontrollen soll verhindert werden, dass in derartigen Anlagen Uran zur Herstellung von Waffen angereichert werden kann.

Klar ist eins: Der Betrieb von Forschungsreaktoren (in Verbindung mit einer Wiederaufarbeitungstechnik) ebenso wie die Verfügung über Urananreicherungs-Technik bedeutet im Klartext, dass ein Land damit über die Fähigkeit zum Bau von Atomwaffen verfügt.

Zwei Wege gibt es, um Atomwaffen herzustellen. Einen guten Überblick über die technischen Möglichkeiten und die Situation im Iran gibt das Hamburger Abendblatt in diesem Artikel von Hans Rühle, Wehrexperte und von 1982 bis 1988 Leiter des Planungsstabes im Bundesverteidigungsministerium.

Die Uranbombe über die Anreicherung in Zentrifugen

Einmal durch den Bau und Betrieb von Gas-Zentrifugen, in denen natürliches Uran angereichert werden kann, bis es auch für den Bau einer Uran-Atombombe nutzbar wäre. Um Uran in Atomkraftwerken als Brennstoff verwenden zu können, muss das spaltbare Uran235 auf einen Anteil von um die fünf Prozent gebracht werden. Offenbar hat der Iran aber bereits auch Uran235 auf rund 20 Prozent angereichert, um es – was international nicht unüblich wäre – für den Einsatz in Forschungsreaktoren verwenden zu können. Für den Bau einer „guten“ Uranbombe wäre eine Anreicherung von 80 und mehr Prozent anzustreben. Die Technik ist im Iran grundsätzlich vorhanden.

Die Plutoniumbombe über die Wiederaufarbeitung

Der zweite Weg zur Atombombe geht über Plutonium. Dieses muss in Reaktoren erbrütet werden. Dazu soll im Iran offenbar der im Bau befindliche, allerdings wohl weit fortgeschrittene, Reaktor in Arak dienen. Im Reaktor wird durch die Spaltung der Uran-Brennelemente vermehrt Plutonium erzeugt. Dieses muss nach dem Reaktoreinsatz dann allerdings noch per Wiederaufarbeitung aus den Brennelementen in einem sicherheitstechnisch aufwändigen (und gefährlichen) Verfahren chemisch heraus gelöst werden. Erst danach wäre das für den Bombenbau erforderliche Plutonium239 „einsatzbereit“.

Der jetzt vereinbarte Vertrag mit dem Iran hat eine Laufzeit von sechs Monaten. In dieser Zeit soll ein weiteres, grundsätzliches Abkommen erarbeitet werden, das dem Iran den Bau und Betrieb von Atomkraftwerken zur Stromproduktion erlaubt, ihn aber am Bau von Atomwaffen hindern soll.

Das Dokument ist hier bei der US-Regierung online: Das Atom-Abkommen mit dem Iran – whitehouse.gov

Laut Tagesschau.de umfasst das jetzige Abkommen folgende Punkte (dort ist auch eine Karte mit den Standorten der Anlagen zu sehen):

Urananreicherung: Der Iran darf weiter Uran bis zu fünf Prozent anreichern, aber nicht darüber hinaus. Der gesamte existierende Vorrat an stärker – bis zu 20 Prozent- angereichertem Uran muss unter eine Schwelle von fünf Prozent abgeschwächt, vernichtet oder so verändert werden, dass er nicht mehr angereichert werden kann. Auch die Bestände an gering (bis zu 3,5 Prozent) angereichertem Uran dürfen nicht erhöht werden.

Zentrifugen: Es dürfen keine zusätzlichen Zentrifugen jeglicher Art oder Zentrifugen der nächsten Generation zur Urananreicherung installiert werden. Rund die Hälfte der Zentrifugen in der Atomanlage von Natans und drei Viertel der Zentrifugen in der unterirdischen Anlage Fordo werden stillgelegt. Die Erweiterung existierender oder der Bau neuer Urananreicherungsanlagen sind verboten.

Reaktoren: Der Schwerwasserreaktor Arak darf nicht in Betrieb genommen werden. Arbeiten an Brennstoffen für den Reaktor sind einzustellen. In Arak könnte Plutonium hergestellt werden, das für Bomben nutzbar wäre.

Inspektionen: Inspektoren der Internationalen Atomenergie-Behörde IAEA sollen täglichen Zutritt zu den Urananreicherungsanlagen Natans und Fordo erhalten. Der Iran gewährt ihnen außerdem Zugang zu Zentrifugen-Fabriken sowie einer Reihe anderer Anlagen und stellt ihnen Bauunterlagen für den Reaktor Arak zur Verfügung.“

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