DOKUMENTATION: Hier ein Artikel aus 1999, der sich kritisch mit der Ursachenforschung in Sachen Leukämie in der Elbmarsch rund um Geesthacht auseinander setzt. Der Text ist erschienen in: ak – analyse & kritik, Zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 426 / 14.05.1999
Leukämie am AKW Krümmel – Fehler, Kritische Wissenschaft und Politik
Im November 1998 veröffentlichte die BI gegen Leukämie in der Elbmarsch ein von der Bremer Wissenschaftlerin Inge Schmitz-Feuerhake verfaßtes Papier über Americiumfunde in der Umgebung des AKW Krümmel. Der Atommeiler östlich von Hamburg steht seit nunmehr fast 10 Jahren in dem Verdacht, die Leukämieerkrankungen bei Kindern in der direkten Nachbarschaft ausgelöst zu haben. Seitdem bemühen sich Kritische WissenschaftlerInnen den Beweis anzutreten, daß radioaktive Emissionen aus dem AKW die Ursache für diese Erkrankungen sind.
Immerhin ist das sogenannte Leukämiecluster weltweit herausragend. Nirgends sonst hat es in so kurzer Zeit derart viele Erkrankungen auf einem so kleinen Raum gegeben. Und für die Vermutung, daß diese mit dem seit Ende 1983 in Betrieb befindlichen AKW Krümmel in Zusammenhang stehen könnten, spricht, daß Leukämie um die fünf Jahre braucht, bis sie zum Ausbruch kommt. Tatsächlich traten die ersten Erkrankungen seit 1989 auf. Außerdem sind fast alle Erkrankungen in einem Umkreis von nur fünf Kilometern um das AKW herum erfolgt. Kein Wunder also, daß der Fall für die örtliche Bürgerinitiative klar ist.
Das Papier von Schmitz-Feuerhake über die Americiumfunde war für die BI der ultimative Beweis, daß Krümmel die Leukämien erzeugt hat. Doch die Veröffentlichung der Studie durch die BI löste in der Folge eine fast brutale Debatte aus. Nicht nur aus Kreisen der Atomwirtschaft wurde die Studie auseinandergenommen, auch die Bremer Universitätsleitung und das rot-grüne Energieministerium (MFE) in Schleswig-Holstein, zuständige Aufsichtsbehörde für das AKW Krümmel, zogen heftig gegen Schmitz-Feuerhake zu Felde. Dabei standen nicht nur die Inhalte des Papiers zur Debatte, sondern ganz schnell auch die Person Schmitz-Feuerhake.
Das war mißverständlich
Eine erste (politische) Bewertung der Veröffentlichung von Inge Schmitz-Feuerhake bzw. der BI Leukämie ist in ak – analyse und kritik Nr.421 (Unter Feuer) erschienen.
Gegen alle Kritik haben Schmitz-Feuerhake und die BI gegen Leukämie die in dem Bericht vorgetragenen Thesen, daß es sich bei den Americiumfunden ausschließlich um Reaktorplutonium handeln muß, verteidigt. Eindeutig war damit das AKW Krümmel gemeint. Die Möglichkeit, daß die Funde auch Reste der oberirdischen Atomwaffentests sein könnten, wurde ausdrücklich ausgeschlossen, praktisch sei seinerzeit kein Plutonium (von dem Americium ein Zerfallsprodukt ist) freigesetzt worden, heißt es in dem Papier. Auch Tschernobyl wurde als denkbare Quelle ausgeschlossen. Eben diese eindeutige Festlegung auf Krümmel löste die enorme Schärfe der folgenden Kontroverse aus.
Inzwischen hat Schmitz-Feuerhake der taz-Bremen (6.3.1999) ein Interview gegeben, das die gesamte Debatte noch unübersichtlicher oder absurder macht, – wie man will. Dort relativiert sie an wichtigen Stellen der vorhergehenden Auseinandersetzung ihre Position.
Auf die Frage, daß Schmitz-Feuerhake in ihrem Gutachten davon ausging, daß alles Plutonium aus dem AKW (Krümmel) stammt, sagt sie: „Das war mißverständlich. Es war ein vorläufiges Gutachten, das nicht zur Veröffentlichung gedacht war. Es ist daher unvollständig und teilweise auch unverständlich. Ich hätte sagen müssen, daß Reaktor-Plutonium in der Umgebung von Krümmel auftritt, das nicht aus Tschernobyl oder früheren Waffentests stammen kann. Dafür sprechen eine Menge von Fakten, die ich unvollständig in diesem Bericht dargestellt habe.“ (taz-Bremen, 6.3.99)
Zuvor hatte sie eingeräumt, daß entgegen den Äußerungen in der Studie die Americium-Funde nicht ausschließlich aus Krümmel stammen können: „Daß das alles aus dem Reaktor kommt, das kann nicht sein, da es noch andere Quellen für Plutonium gibt.“
Diese beiden Aussagen haben es in sich. Wenn diese Aussagen ernst gemeint sind, dann stellen sie den gesamten Verlauf der Kontroverse auf den Kopf.
Dazu drängen sich folgende Fragen auf: Wenn eine Veröffentlichung nicht vorgesehen war, warum ist dann doch veröffentlicht worden? Die Studie ist per Presseerklärung der BI Leukämie veröffentlicht worden. Stimmt die Aussage von Schmitz-Feuerhake, dann drängt sich der Verdacht auf, daß die BI diese Veröffentlichung ohne Wissen von Schmitz-Feuerhake vorgenommen hat.
Bereits in ak 421 ist darauf hingewiesen worden, daß es in der BI Leukämie durchaus Leute gibt, die ausreichend Fachkunde besitzen, um auch unter naturwissenschaftlichen Gesichtspunkten eine Bewertung vorzunehmen. Diese hätten dann die Mängel erkennen können. Mindestens aber hätte die BI vor einer Veröffentlichung der Studie mit Schmitz-Feuerhake über diese Absicht sprechen müssen. Dies ist entweder nicht geschehen oder aber Schmitz-Feuerhake hat sich nicht gegen eine Veröffentlichung ausgesprochen. Im ersten Fall hat die BI Leukämie die vollständige Verantwortung für die Veröffentlichung zu übernehmen. Im zweiten Fall würde die Aussage in der taz-Bremen mindestens als Irreführung anzusehen sein. Dies um so mehr, als das Schmitz-Feuerhake nach der Veröffentlichung durch die BI Leukämie sofort auf diesen Fehler hätte hinweisen müssen. Bis zu dem Interview ist die Studie jedoch weitgehend verteidigt worden, sowohl von der BI Leukämie als auch von Schmitz-Feuerhake, ohne daß erhebliche Defizite der Studie eingeräumt wurden.
Angesichts des enormen Echos auf die Veröffentlichung ist dies ein zumindest verblüffender Umgang, der auch innerhalb der atomkritischen Szene nicht hinzunehmen ist!
Politisch bedeutsam ist dies, weil es um die Glaubwürdigkeit der Argumente geht. Schon seit längerer Zeit ist zu beobachten, daß die Umgangsweise mit Vorwürfen gegen das AKW Krümmel einigermaßen leichtfertig stattfindet. Mir geht es nicht darum, daß man den Ruf von Krümmel nicht ruinieren dürfte. Aber der eigene Ruf bzw. die Glaubwürdigkeit der eigenen Politik sollte verdammt ernst genommen werden. Zentrales Problem ist dabei die Aussage, die immer wieder aus BI-Kreisen zu hören ist, daß das AKW eindeutig Verursacher der Leukämie ist.
Ich will mich nicht weiter in die naturwissenschaftliche Debatte einmischen, weil ich davon zu wenig verstehe. Nur ein Beispiel soll genannt werden (ein weiteres ist in ak421, S. 18 nachzulesen): Als in einigen Regenwassermeßstellen in der Umgebung von Krümmel erhöhte Cäsiumwerte festgestellt wurden, vertrat die BI öffentlich sofort die Auffassung, daß diese nur aus dem AKW Krümmel stammen können und daher der Verursacher für die Leukämien nun klar sei. Massiv wurden alle anderen Möglichkeiten zurückgewiesen. Die vom MFE beim (wissenschaftskritischen) Physikerbüro in Auftrag gegebene Überprüfung hat aber diesen Zusammenhang später nicht bestätigt.
Bis heute gibt es keine öffentliche Stellungnahme der BI Leukämie, in der die Überprüfung durch das Physikerbüro bewertet wurde bzw. die BI später feststellte, daß sie sich möglicherweise geirrt haben könnte. Mit anderen Worten: es wird ein eindeutiger Zusammenhang der Leukämiefälle mit Krümmel behauptet, der sich an den Cäsiumfunden festmacht. Dies wird in der Presseöffentlichkeit breit dargelegt. Das Ergebnis einer Überprüfung, das diesen Zusammenhang wissenschaftlich nicht belegen kann, wird jedoch nicht zur Kenntnis genommen bzw. öffentlich nicht kommentiert.
So wird die eigene Glaubwürdigkeit aufs Spiel gesetzt. Denn wer wird in Zukunft das Geschrei über irgendwelche neuen Funde von irgendwelchen radioaktiven Stoffen in der Umgebung von Krümmel noch ernst nehmen, wenn wiederholt eindeutige Aussagen zur Verantwortung von Krümmel gemacht wurden, wenn aber bei anschließenden Überprüfungen diese Eindeutigkeit nicht zu halten ist oder gar das Gegenteil herauskommt?
Die Politik und Vorgehensweise der BI ist vor diesem Hintergrund zumindest widersprüchlich. Da aber obendrein die BI Leukämie als Bestandteil der Anti-Atom-Bewegung angesehen wird, werfen diese Widersprüche auch die Frage nach der Glaubwürdigkeit der Anti-AKW-Bewegung auf.
Um es klipp und klar zu sagen: vor diesem Hintergrund ist weder die BI Leukämie noch Schmitz-Feuerhake glaubwürdig. Die Möglichkeit, daß ihnen lediglich plumpe politische Interessen gegen die Atomenergie unterstellt werden können, wird von ihnen (leichtfertig) selbst hergestellt. Noch schlimmer ist, daß kaum eine Auseinandersetzung über dieses gravierende Problem stattfindet.
Entscheidend ist doch, daß Krümmel der Verursacher sein kann. Wenn dies bewiesen werden kann, um so besser. Wenn nicht und wenn auch andere Ursachen nicht gefunden werden, dann bleibt Krümmel als möglicher Verursacher bestehen. Als politische Position reicht die Aussage, daß es Krümmel sein kann, vollkommen aus. Die Behauptung, Krümmel ist es, erfordert jedoch den zweifelsfreien wissenschaftlichen Nachweis.
MFE schießt gegen Schmitz-Feuerhake
Im Februar hat das Kieler Energieministerium per Presseerklärung mitgeteilt, daß sie sich von Schmitz-Feuerhake als Gutachterin trennen will. Nach der Veröffentlichung der Americium-Studie und der darin enthaltenen Mängel habe Kiel an der „wissenschaftlichen Seriösität“ erhebliche Zweifel und das „Vertrauen“ sei zerstört, hieß es. Die Folge: nach dem Willen auch des grünen Staatssekretärs im Energieministerium, Willi Voigt, soll Schmitz-Feuerhake nicht länger an einer strahlenbiologischen Studie im Auftrag des MFE beteiligt werden. Diese Studie soll die Risiken von Niedrigstrahlung für die Krebsentstehung neu bewerten. Ungeachtet dieser hammerharten Kritik verkündete das MFE außerdem, daß sie eigene Untersuchungen und Messungen vornehmen will und so der Sache weiter nachgehen werde. Zuvor hatte schon die Leitung der Bremer-Uni ein vernichtendes Urteil über die wissenschaftliche Sorgfaltspflicht von Schmitz-Feuerhake gesprochen. Ohne jede Fachkompetenz und ohne jede Anhörung der Beklagten, schloß sich die Leitung den Vorwürfen der Atomwirtschaft und anderer an.
Diese Vorgänge führen nun dazu, daß in kleinerem Kreis von kritischen Forschern an der These gestrickt wird, daß hinter dem brutalen Angriff auf die Person Schmitz-Feuerhake mehr stecken muß. Vor allem den Grünen (in der Regierung in Kiel, aber auch mit Blick auf Bonn / Berlin) wird dabei unterstellt, daß es ihnen um eine Neubestimmung Kritischer Wissenschaft geht. Diejenigen, die sich den Regierungserfordernissen anpassen, werden mit Großaufträgen versorgt, diejenigen, die sich auch unter grüner Regierungsbeteiligung in Bund und Ländern quer stellen und unbeirrt ihre fachliche Kompetenz zum Schutz der Menschen einsetzen, läßt man verhungern. Der Angriff gegen Schmitz-Feuerhake ist also nicht allein gegen eine Person gerichtet, die in der Tat seit mehreren Jahrzehnten intensiv und hartnäckig auf die erheblichen Mängel der bestehenden und den Interessen der Atomwirtschaft dienenden Strahlenschutzregelungen aufmerksam gemacht hat, sondern gegen eine Zunft von WissenschaftlerInnen, die ihre Fahne nicht in den Wind bestimmter Parteiinteressen oder ökonomischer Abhängigkeiten stellen wollen. Da mag eine Menge dran sein. Ganz sicher haben Einrichtungen wie das Öko-Institut, dessen führende Leute seit Jahreswechsel endlich auch den wichtigsten Beratungsgremien der Bundesregierung (Strahlenschutzkommission und Reaktorsicherheitskommission) angehören, deutliche realpolitische Wandlungen erlebt, für die sie auch mit gut bezahlten Aufträgen belohnt werden. An der These ist also ganz sicher was dran und nicht nur die Anti-AKW-Bewegung täte gut daran, endlich mal eine intensive Diskussion über ihre Politik und ihre Gutachter zu führen.
Dumm ist nur, daß diese These in Zusammenhang mit einem Vorgang gestellt wird, in dem es vor Fehlern und Mängeln nur so wimmelt. Es ist doch vollkommen klar, daß eine Studie, die veröffentlicht wird, dem AKW Krümmel die Schuld an den Leukämieerkrankungen gibt und die zuständigen Behörden zum Abschalten auffordert, Gegenreaktion bekommt. Wenn Schmitz-Feuerhake Monate nach der Veröffentlichung der Studie in der taz-Bremen einräumt, daß diese gar nicht zur Veröffentlichung vorgesehen war, daß sie unvollständig und mißverständlich gewesen sei, – ja hatten die Kritiker denn dann nicht Recht? Und wie anders soll sich ein Ministerium verhalten, das mit einer mangelhaften Studie zum Abschalten von Krümmel aufgefordert wird? Spätestens bei einer gerichtlichen Prüfung einer entsprechenden Stilllegungsverfügung auf Basis der Schmitz-Feuerhake-Studie wären ihm doch die Mängel von den Richtern (und der Atomwirtschaft) um die Ohren geknallt worden. Logisch, daß die Regierung deutlich macht, warum diese Studie nicht ausreicht.
Nicht wegen, sondern trotz der Veröffentlichung der Studie ist eine Debatte um die Rolle der Gutachter und eine veränderte Politik der Grünen gegenüber den vermeintlich Kritischen Wissenschaftlern nötig.
Hätte nur irgend jemand der direkt Beteiligten unmittelbar nach der unbeabsichtigten, irrtümlichen, versehentlichen oder wie auch immer Veröffentlichung dies klipp und klar, laut und deutlich festgestellt, dann wäre eine vollkommen andere Debatte dabei herausgekommen. Vor allem: Schmitz-Feuerhake hätte niemals derart scharf angegriffen werden können, wie es dann geschehen ist. Entscheidend ist also, daß niemand auf diesen jetzt behaupteten Umstand unmittelbar nach der Veröffentlichung hingewiesen hat.
Die Studie hätte tatsächlich so nicht veröffentlicht werden dürfen, sie hätte in dieser Form nicht einmal das Büro Schmitz-Feuerhake verlassen dürfen. Sie hätte weiter in einem engen Kreis von Mitarbeitern und Kollegen diskutiert und fundiert werden müssen.
Auf sehr diplomatische Weise hat wenige Tage nach der Veröffentlichung der Studie der Münchener Wissenschaftler und direkt an der Ursachenforschung beteiligte Roland Scholz die Mängel der Studie eingeräumt. Als Verteidigungslinie hat er darauf hingewiesen, welchen wissenschaftlichen Unsinn Mitglieder der Strahlenschutzkommission (SSK) etc. öffentlich behaupten, ohne daß dies Konsequenzen für diese hatte: „Was alles können sich die Apologeten der Atomenergie-Nutzung leisten, ohne daß ihre unsinnigen Behauptungen und intellektuellen Fehlleistungen von den Medien aufgespießt werden und ohne daß ein Minister sie flugs zum Rapport einbestellt?“ fragt Scholz (aaa, Nr. 97, S. 43)
Weiter hinten in der Stellungnahme räumt er ein: „Zugegeben, die bisherigen Befunde sind noch nicht beweiskräftig genug, um sicher sagen zu können, es handele sich um Emissionen aus dem nahen AKW und nicht um das Erbe aus den verbrecherischen Atomwaffenversuchen der 50er Jahre.“ Mit anderen Worten: Scholz baut eine Verteidigungslinie, in der er im Grunde einräumt, daß die Studie mangelhaft ist. Er beklagt im wesentlichen, daß eine Kritische Wissenschaftlerin für mangelhafte Studien zur Sau gemacht wird, Mitglieder der Atomlobby aber nicht.
Damit angesichts dieser massiven Kritik nicht ein falscher Eindruck aufkommt: Krümmel kommt als Verursacher der Leukämie weiter in Frage. Ob Krümmel verantwortlich ist, kann ich nicht sagen. Verschiedene Hinweise, wie z.B. die räumliche und zeitliche Verteilung der Leukämieerkrankungen deuten auf das AKW. Und daß radioaktive Strahlung Leukämie auslösen kann, ist in jedem Lehrbuch nachzulesen. Und klar ist auch: Solange nicht sicher auszuschließen ist, daß Krümmel und die GKSS verantwortlich sein können, gehören solche Anlagen abgeschaltet. Auf dieser Basis sollte die BI arbeiten und von hier aus eine politische Mobilisierung angehen. Nicht immer noch mehr Gutachter und Studien und das Warten auf deren Ergebnisse hilft weiter, sondern eine politische Mobilisierung, die von den politischen Entscheidungsträgern verlangt, im Zweifelsfall abzuschalten. Den Betroffenen und BürgerInnen vor Ort und in der Region muß deutlich gemacht werden, daß sich die Politik hinter der Wissenschaft versteckt, daß sie damit möglicherweise das Fortbestehen einer Strahlengefahr duldet, die möglicherweise auch weitere Erkrankungen auslösen könnte. Nicht wissenschaftliche Argumente führen zu einer Stilllegung von Krümmel oder anderen Atomanlagen, sondern politische Mobilisierung der Menschen. Hieran sollte vor Ort gearbeitet werden, das wäre ein echtes Betätigungsfeld, an dem die BI bislang viel zu wenig gearbeitet hat. Es müßte sich nur entschieden werden, endlich Politik zu machen!
DOKUMENTATION: Hier ein Artikel aus 1998, der sich kritisch mit der Ursachenforschung in Sachen Leukämie in der Elbmarsch rund um Geesthacht auseinander setzt. Der Text ist erschienen in: ak – analyse & kritik – zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 421 / 17.12.1998
Unter Feuer – Streit um Plutoniumfunde am AKW Krümmel
Die Medien überschlugen sich: Plutoniumfunde in der Umgebung des AKW Krümmel. Bremer Professorin geht davon aus, daß nur das AKW Krümmel Verursacher der gehäuft auftretenden Leukämieerkrankungen in der Elbmarsch sein kann. Eindeutig seien die Plutoniumfunde auf den Reaktor zurückzuführen, so die zentrale und entscheidende Bewertung der Studie. Ein heftiger Streit wurde über die Medien ausgefochten und innerhalb weniger Tage wurde die Studie der Bremer Strahlenphysikerin Inge Schmitz-Feuerhake auseinander genommen. Die – nicht angezweifelten – Plutoniumfunde stammen nicht aus Krümmel, sondern sind Reste der Atombombenversuche der 50er Jahre, behauptet die rot-grüne Hamburger Umweltbehörde nur wenige Tage nach der Veröffentlichung der Studie. Und schließlich wurde auch die wissenschaftliche Integrität der Wissenschaftlerin heftig angezweifelt. Wenn sich Atomunternehmen wie die HEW daran beteiligen ist das nicht verwunderlich. Erstaunen muß jedoch, wenn der grüne Staatssekretär im schleswig-holsteinischen Energieministerium sich daran beteiligt. Was ist eigentlich los in Krümmel und Umgebung?
Von Ende 1989 bis 1996 erkrankten zehn Kinder in der Umgebung der Geesthachter Atomanlagen an Leukämie, einer sonst überaus seltenen Blutkrebskrankheit. Gleich zwei Atomanlagen stehen am Elbhang von Geesthacht. Neben dem AKW Krümmel, das eines der größten Siedewasserreaktoren der Welt ist und Ende 1984 in Betrieb ging, befindet sich die Atomforschungseinrichtung GKSS. Seit Ende der 50er Jahre wurden in der GKSS zwei Forschungsreaktoren betrieben, mit denen u.a. Experimente zur Materialforschung betrieben wurden. Einer dieser Reaktoren ist inzwischen stillgelegt.
Als eine Ursache für die Leukämieentstehung kommt radioaktive Strahlung in Frage, Hinweise auf andere Ursachen sind vor Ort derzeit nicht erkennbar. Und klar ist auch, das das sogenannte Leukämiecluster in der Elbmarsch ein überaus auffälliges Cluster ist und das ein Zufall auszuschließen ist. Kein Wunder, daß angesichts der Tatsache, daß alle erkrankten Kinder in einem Umkreis von nur fünf Kilometern Entfernung von den Geesthachter Atomanlagen leben, diese Anlagen in Verdacht gerieten. Seit 1990 werden nun – immer wieder durch die Forderungen der örtlichen Initiativen initiiert – umfangreiche gutachterliche Untersuchungen durchgeführt, um die Ursachen für die Leukämieerkrankungen aufzudecken. Einige Ergebnisse stehen noch aus.
Seit Jahren spielt Prof. Inge Schmitz-Feuerhake als quasi wissenschaftlicher Beistand der örtlichen BI eine entscheidende Rolle und ist Mitglied in den bestehenden Untersuchungskommissionen, die die Landesregierungen in Schleswig-Holstein und Niedersachsen eingerichtet haben. Immer wieder haben von ihr durchgeführte Untersuchungen den Verdacht erhärtet, daß radioaktive Emissionen aus dem Atommeiler für die Erkrankungen verantwortlich sind. Es würde hier den Rahmen sprengen, die einzelnen Untersuchungen, Ergebnisse und die folgenden erbitterten Auseinandersetzungen nachzuvollziehen. Als Fazit ließe sich jedoch festhalten, daß es eine Menge Hinweise auf radioaktive Spuren in der Umgebung des Atommeilers gibt. Ein direkter Beweis, also eine eindeutig auf den Reaktorbetrieb zurückführbare Emission jenseits üblicher Grenzwerte, konnte bislang nicht ermittelt werden.
Mit der jetzt von Schmitz-Feuerhake verfaßten und von der „BI gegen Leukämie“ veröffentlichten Studie zu den Plutoniumfunden schien zunächst der Nachweis erbracht, daß Krümmel die Ursache sei. Aber schnell wurden die Bewertungen der Studie massiv angezweifelt. Die Behauptung von Schmitz-Feuerhake, daß die gefundenen Isotopenverhältnisse eindeutig auf Reaktorplutonium zurückzuführen seien und die zweite Behauptung, daß in dem Fallout aus den Atombomben „praktisch“ kein Plutonium enthalten war, wurden massiv und teilweise glaubhaft widerlegt, mindestens aber stark in Zweifel gezogen. Zwar bedeutet das nicht, daß die ermittelten Plutoniumfunde nicht doch mit Krümmel in Zusammenhang stehen könnten, aber die Eindeutigkeit, mit der Schmitz-Feuerhake diesen Zusammenhang behauptete war widerlegt.
Allein dies hätte die Bewertung der Plutoniumfunde durch die Strahlenphysikerin in Zweifel ziehen müssen. Verschärft wurde die Kontroverse, die immer mehr das wissenschaftliche Vorgehen von Schmitz-Feuerhake ins Rampenlicht rückte, als der Leiter des Meßlabors, Gerald Kirchner, sich öffentlich von der Studie distanzierte (für die er gar nicht verantwortlich war) und darauf hinwies, daß ein Meßwert von Schmitz-Feuerhake unterschlagen wurde. Dabei störte ihn jedoch nicht, daß er selbst diesen Meßwert als nicht verwertbar bezeichnet haben soll, weil die Probe nicht den Anforderungen entsprach. Allerdings soll Kirchner von einer Veröffentlichung der Studie abgeraten haben, da er die Behauptung, daß es sich um Reaktorplutonium handele, als nicht belegt ansah. Er will Schmitz-Feuerhake darauf hingewiesen haben, daß auch der Atombombenfallout als Ursache in Frage komme.
Egal, wie die Auseinandersetzung weiter verläuft: Der politische Schaden, den die Studie angerichtet hat, ist enorm. Zwar ist es mehr als ekelhaft, wie nun auf die Person Schmitz-Feuerhake eingeschlagen wird. Aber sie hat – wie auch die „BI gegen Leukämie“ und andere Aktive im Umfeld – mit Festlegungen und Postulaten immer wieder (unnötigerweise) ausreichende Angriffsflächen geliefert. Wer eine Studie vorlegt, in dem ein eindeutiger Zusammenhang zwischen Reaktorbetrieb und Plutoniumfunden als Erklärung der Leukämieerkrankungen behautet wird, der muß wissen, daß es um einen Angriff auf eine Kapitalanlage in Höhe von ca. 4 Mrd. DM geht. Da sollte man sich so weit irgend möglich absichern. So naiv kann eigentlich niemand sein, anzunehmen, daß die Gegenseite nicht die gesamte Zunft aufwenden wird, um derartige Ergebnisse aus der Welt zu schaffen. Wenn sich aber herausstellt, daß trotz Widersprüchen aus dem eigenen Umfeld eine solche Studie nicht einer eingehenden Diskussion unterzogen wird, dann ist dies grob fahrlässig. Und zwar auch aus politischen Gründen. Damit keine Mißverständnisse entstehen: Zweifel an Bewertungen von Schmitz-Feuerhake sind kein Beweis, daß es Krümmel nicht war oder das das Plutonium tatsächlich aus dem Fallout der Atombombenversuche stammt.
Wer mit vermeintlich schwerem Geschütz gegen die Atomwirtschaft zu Felde rückt und sich dann sogar aus den eigenen Reihen sagen lassen muß, daß der Vorwurf so nicht haltbar ist, der leistet der Anti-AKW-Bewegung einen Bärendienst. Denn immerhin stellt es nicht nur die Glaubwürdigkeit einer einzelnen Forscherin in Frage, sondern letztlich auch des Anti-AKW-Widerstandes. Doch auch die BI gegen Leukämie, keine ausgewiesene Anti-AKW-Initiative, muß sich fragen lassen, wie sie ein Gutachten veröffentlichen kann, daß bereits intern kritisiert worden ist und warum sie selbst nicht zunächst eine „interne“ Debatte gesucht hat. Immerhin sitzen in dieser BI durchaus Fachleute, denen einige Ungereimtheiten hätten auffallen können. Man mag angesichts der Medienbereitschaft, den Leukämieverdacht gegen Krümmel egal unter welchen Umständen zu publizieren und immer wieder betroffene Kinder und ihre Eltern vorzuführen zu der Auffassung kommen, daß man den Krümmel-Reaktor immer nur in negative Schlagzeilen verwickeln muß. Da wird schon genug hängenbleiben. Aber nicht Medien prüfen letztlich die Stichhaltigkeit der vorgetragenen Argumente. Dies nützt weder den an Leukämie erkrankten Kindern, noch dem Ziel eines Ausstiegs aus der Atomenergie.
Und die Anti-AKW-Bewegung, die bei jeder passenden Gelegenheit auf Krümmel verweist, wenn es um gesundheitliche Risiken durch den Reaktorbetrieb geht, sollte sich tunlichst eine eigene Position erarbeiten. Wer das Feld nicht länger nur einigen WissenschaftlerInnen überlassen und sich mit geradezu religiöser Gläubigkeit für die eine oder andere Sicht der Dinge entscheiden will, der kommt nicht daran vorbei.
Nur um einen letzten Hinweis auf die Komplexität der Lage in Sachen Ursachenforschung zu geben. Das Öko-Institut Darmstadt hat das AKW Krümmel begutachtet. Dabei haben die Gutachter keinerlei Anhaltspunkte gefunden, daß eine radioaktive Wolke Krümmel unbemerkt hätte verlassen können. Bei der benachbarten Atomforschungsanlage der GKSS, die nach Krümmel mit gleichen Methoden untersucht wurde, stellten die Darmstädter jedoch fest, daß erstens ausreichend radioaktive Stoffe vorhanden gewesen sind, um Leukämien in der vorhandenen Zahl zu erzeugen und daß es für die GKSS keine ausreichende Überwachung gegeben hat (allerdings haben sie keine Beweise gefunden, daß es die Emission wirklich gegeben hat). Mit anderen Worten: aus der GKSS hätte die radioaktive Wolke kommen können. Doch dieses Ergebnis hat bis heute keineswegs dazu geführt, daß die BI und die umstehenden Experten mit aller Macht die Stilllegung der GKSS gefordert hat (außer natürlich in Presseerklärungen). Wieso?
Das alles soll nun keineswegs bedeuten, daß Krümmel nicht für die Leukämieerkrankungen verantwortlich sein kann. In vielen Einzelfragen steht derzeit lediglich Aussage gegen Aussage und auszuschließen ist nicht, daß das bis heute fehlende Bindeglied zu Krümmel noch aufgespürt werden kann – wenn es eins gibt.
Und verschiedene Untersuchungen legen den Verdacht, daß Krümmel tatsächlich ein Leukämiereaktor ist, nahe. Beispielsweise hat eine epidemiologische Untersuchung einen deutlichen Anstieg der Leukämierate innerhalb der fünf Kilometerzone von Krümmel nachgewiesen. Das ist sicher kein Zufall, zumal auch in der direkten Umgebung anderer AKW-Standorte erhöhte Leukämieraten bei Kleinkindern nachgewiesen werden konnten.
Aber wer Fehler und Irrtümer in Einzelpunkten (oder Studien) nicht eingesteht, wenn sie denn begangen worden sind, der/die wird es schwer haben, seine/ihre Interessen durchzusetzen. Das gilt auch für die Anti-AKW-Bewegung, und es hilft absolut gar nichts, abzutauchen, die auch öffentliche Kontroverse um das eigene Vorgehen zu tabuisieren (weil es angeblich nur der Gegenseite nützt) und sich als Opfer des Kapitals und der Regierenden selbst zu bemitleiden.
Jüngst zu Besuch im Schacht Konrad: Begleitgruppe und Betreiber HZG, die im „konsensorientierten Dialog“ die Stilllegung der Atomforschungsanlagen in Geesthacht diskutieren. Foto: Dirk Seifert
Vor etwas über einem Jahr haben die Betreiber der Atomforschungsanlage in Geesthacht, das heutige Helmholtz-Zentrum (HZG) ein überraschendes Angebot gemacht. Den geplanten Rückbau der 2010 stillgelegten Forschungsreaktoren sowie der “Heißen Zelle” wollte der Betreiber in einem “konsensorientierten Dialog” mit der Bevölkerung und Initiativen durchführen. Um zu unterstreichen, dass dies Angebot ernst gemeint war, hatte der Betreiber mit Silke Freitag eine Anti-Atom-Aktivistin gewonnen, die die Moderation für diesen Prozeß übernehmen sollte. Ausdrücklich wird auch in ihrem Auftrag ein “konsensorientierter Dialog” festgeschrieben.
Seitdem hat sich eine Begleitgruppe gebildet, die viele Diskussionen zur Stilllegung, aber auch viele Debatten über die Rahmenbedingungen für den konsensorientierten Dialog-Prozess geführt hat. Heute haben die Begleitgruppe und der Betreiber HZG einen “gemeinsamen Newsletter” verschickt, in dem der bisherige Verlauf “konsensorientiert” dargestellt wird. Dieser Text ist hier nun im Blog von ROBIN WOOD nachzulesen.
Wie geht Stilllegung von Atomanlagen? In Geesthacht sollen die Anlagen der ehemaligen Forschungsreaktoren per konsensorientiertem Dialog zurück gebaut werden. Foto: Dirk Seifert
Vor etwas über einem Jahr haben die Betreiber der Atomanlagen der ehemaligen GKSS, heute das Helmholtz-Zentrum Geesthacht (HZG), einen überraschenden Vorschlag veröffentlicht: Sie wollten die Stilllegung der Atomanlagen am Standort in einem konsensorientierten Dialog-Prozess auf den Weg bringen. Inzwischen ist dieser Prozess ein Jahr alt. Eine erste – positive – Bilanz und wichtige Arbeitsergebnisse legten das HZG und die inzwischen etablierte Begleitgruppe, in der AnwohnerInnen ebenso wie Anti-Atom-Gruppen aus der Region beteiligt sind, vor wenigen Tagen vor.
Bislang haben HZG und Begleitgruppe einen Alternativenvergleich durchgeführt, welches der sicherheitstechnisch bessere Weg für die Stilllegung des Forschungsreaktors und der heißen Zelle in Geesthacht wäre und dazu mit Wolfgang Neumann von der Intac einen unabhängigen Experten einbezogen. (Siehe dazu: Dialog für die Stilllegung: Antrag für den Rückbau der Atomforschungsreaktoren der GKSS ist gestellt!).
Außerdem war es wichtig, dass HZG und Begleitgruppe intensiv die weitere Zusammenarbeit und die jeweiligen Erwartungen und Probleme intensiv miteinander besprochen haben. Denn rechtliche Vorgaben, wie ein solcher konsensorientierter Dialog eigentlich funktionieren kann, gibt es nicht. Daher haben beide Seiten ein Papier erarbeitet, das die „Grundzüge der Zusammenarbeit“ im Dialog-Prozess in Eckpunkten beschreibt und außerdem ihr jeweiliges Selbstverständnis in diesem Prozess definiert.
Diese Papiere sind jetzt auf der Homepage des HZG online unter diesem Link: www.hzg.de/dialog oder direkt hier als PDF herunterzuladen:
Außerdem wurde vereinbart, dass auch Ereignisse aus der Geschichte der Atomforschungsanlage aufgearbeitet und öffentlich zur Diskussion gestellt werden sollen. Dazu gehört die Frage nach den Gründen für die weltweit einzigartige Erhöhung von Leukämieerkrankungen von Kindern und Jugendlichen in der Elbmarsch rund um die Atomanlagen der GKSS und des Vattenfall-Atomreaktors Krümmel. Ebenso soll die Frage diskutiert werden, welche Motive zur Gründung der GKSS in den 50er Jahren führten.
Gab es eine atomare Nazi-Bombe. Ein Buch und viele Hinweise…
Hatte Hitler die Atombombe? Wie war der Stand der Forschung und Entwicklung in Sachen Atomenergie im Faschismus? Gab es eine „Explosion mit Kernenergiefreisetzung“? Und was wurde aus diesem Nazi-Wissen über die Atomspaltung in den frühen Jahren der Bundesrepublik Deutschland? Wie waren die politischen Interessen zu einer deutschen Atombombe im Nachkriegs-Deutschland?
Zu diesen Fragen hat es in den letzten Jahren neue Erkenntnisse gegeben, die zeigen, dass die Forschung und Entwicklung in Nazi-Deutschland offenbar weiter war, als früher angenommen. Und sie zeigen auch, dass in der Bundesrepublik Deutschland unter dem Bundeskanzler Adenauer und dem Atom- und Verteidigungsminister F.J. Strauß das Streben nach einer deutschen Atombombe vorhanden war. Dabei waren Atomforscher beteiligt, die schon unter Hitler an dem Projekt gearbeitet haben.
Waren früher die „großen“ Forscher um Heisenberg, von Weiszsäcker, Hahn und andere im Mittelpunkt des Interesses, zeigen neuere Arbeiten, dass die „zweite Garde“ um Kurt Diebner, Erich Bagge und andere möglicherweise „praktischere“ Ergebnisse erzielt haben, auf dem Weg zu einer Nazi-Bombe.
Im Folgenden soll ein (grober) Überblick über einige Erkenntnisse zum deutschen Griff nach der Atombombe zwischen Faschismus und früher BRD erfolgen.
Unter diesem Titel erschien 2005 das Buch von Rainer Karlsch mit der Unterzeile: Die geheime Geschichte der deutschen Kernwaffenversuche. In dem Kurztext heißt es: „Unter Aufsicht der SS testeten deutsche Wissenschaftler 1944/45 auf Rügen und in Thüringen nukleare Bomben. Dabei kamen mehrere hundert Kriegsgefangene und Häftlinge ums Leben. Nach jahrelanger Recherche entschlüsselte der Berliner Historiker Rainer Karlsch eines der größten Rätsel des Dritten Reiches. Neben Belegen für die Kernwaffenversuche fand er auch einen Entwurf für ein Plutoniumbombenpatent aus dem Jahr 1941 und entdeckte im Umland Berlins den ersten funktionierenden deutschen Atomreaktor.“
Karlsch veröffentlicht in seinem Buch eine Vielzahl neuer Daten und legt dar, dass Nazi-Deutschland in Sachen Atomforschung möglicherweise erheblich weiter war, als bislang angenommen. Kein Wunder, dass das Buch eine große (Medien)Reaktion auslöste:
Einen Überblick und einige Rezensionen und Texte – u.a. ein Interview mit Karlsch im Magazin Aspekte und ein Artikel von Sebastian Pflugbeil im Strahlentelex – sind hier zu finden.
Für eine scharfe Kontroverse sorgte die These, „deutsche Physiker und Militärs hätten noch vor Kriegsende gleich drei Nuklearwaffentests durchgeführt, einen auf Rügen im Herbst 1944 und zwei in Thüringen im März 1945. Bis zu 700 Tote seien zu beklagen gewesen.“ (Spiegel, zitiert nach Quelle).
Der Spiegel macht die Bedeutung dieser These klar: „Sollte diese These stimmen, müsste Geschichte neu geschrieben werden. Denn seit die Alliierten die Labors des „Dritten Reiches“ besetzten und die führenden Kernphysiker um das Jahrhundertgenie Werner Heisenberg und seinen Mitarbeiter Carl Friedrich von Weizsäcker verhörten, gilt als gesichert, dass Hitlers Forscher von einer Atomexplosion weit entfernt waren.“
Am Abend des 4. März 1945 soll auf dem Truppenübungsplatz bei Ohrdruf, südwestlich von Erfurt in Thüringen, ein Test stattgefunden haben, bei dem es zu einer thermonuklearen Explosion gekommen ist. Ein heller Blitz soll beobachtet worden sein: „Es war alles sehr kurz, und wir konnten dann alle nichts sehen, wir merkten nur, daß es eine mächtige Sturmbö gab, aber dann alles ruhig war. Ich wie auch viele Einwohner von Röhrensee, Holzhausen, Mühlberg, Wechmar und Bittstädt hatten am anderen Tag oft Nasenbluten, Kopfschmerzen und auch einen Druck auf den Ohren“, berichtet Cläre Werner 1962 vor Kultur- und SED-Funktionären.
Ein anderer Zeuge, Heinz Wachsmut, berichtete ebenfalls 1962, dass er als Häftling unter dem Sonderkommando der SS am 5. März zu einem Einsatz musste: „Die Fahrt ging nach Röhrensee, dort waren einige SS-Ärzte tätig, da eine große Anzahl von Bewohnern Kopfschmerzen hatte und Blut spuckte. Wir waren dort falsch und wurden sofort nach Gut Ringhofen bei Mühlberg gebracht. Dort wurde uns gesagt, wir müssen Holzhaufen am Waldrand errichten, ca. 12×12 m und nur höchstens 1 m hoch, dazu mußten wir Vollschutz tragen, auch unsere Häftlinge. Am Waldrand sahen wir schon einige Haufen von Menschenleichen, die wohl ehemalige Häftlinge waren. Die Menschen hatten alle absolut keine Haare mehr, teils fehlten Kleidungsteile, sie hatten aber auch zum Teil Hautblasen, Feuerblasen, nacktes rohes Fleisch, teilweise waren einige Teile nicht mehr vorhanden. SS und Häftlinge brachten die Leichen an. Als wir die ersten sechs Haufen fertig hatten, wurden die Leichen darauf gelegt, je Haufen ca. 50 Stück, und Feuer gelegt. Wir wurden zurückgefahren. Im Gut mußten wir den Schutz und unsere gesamte Kleidung ausziehen. Diese wurde ebenfalls sofort von der SS angezündet, wir mußten uns waschen und erhielten neue Kleidung und neuen Schutz, dazu jeder eine Flasche Schnaps, auch unsere Häftlinge. Ein hoher SS-Mann sagte mir, es habe da oben eine große Stichflamme gegeben gestern, man hat etwas neues gemacht, davon wird die ganze Welt sprechen, und wir Deutschen sind die ersten. Leider sei dabei einiges nicht so gelaufen wie geplant und einige Nichtsnutze habe man weniger.“ Beide Zitate finden sich hier in einem Text von Sebastian Pflugbeil auf der Seite Nuklear Free, sie sind offenbar Original-Zitate aus dem Buch: Edgar Mayer und Thomas Mehner: Die Atombombe und das Dritte Reich, Kopp-Verlag, Rottenburg a.N. 2002.)
Und in der Zeit (siehe unten mehr dazu) schreibt Helmut Meier: „Karlsch ist es jedoch gelungen, ein zeitnahes Schreiben der sowjetischen Militäraufklärung aufzutun. Generalleutnant Iljitshov informierte Stalin mit Datum vom 23. März 1945 über zwei große Explosionen in Thüringen: Vom Zentrum der Explosion wurden Bäume bis zu einer Entfernung von … 600 Metern gefällt. Von Kriegsgefangenen, die sich im Explosionszentrum befunden hätten, sei keine Spur geblieben. Und: Die Bombe enthält vermutlich U235 und hat ein Gewicht von zwei Tonnen.“ (Meier verweist an dieser Stelle auf Widersprüche: „Eine Atombombe von zwei Tonnen hätte eine wesentlich größere Zerstörung zur Folge haben müssen. Umgekehrt hätten zwei Tonnen konventionellen Sprengstoffs keine Auswirkungen von den Ausmaßen bewirken können, wie sie durch den Geheimdienst und die Augenzeugen verbrieft sind.“)
Sebastian Pflugbeil berichtet auf Nuclear-Free weiter: „Karlsch ist es sogar gelungen, in Moskau Berichte des russischen Geheimdienstes auszugraben, in denen über den 4. März 1945 berichtet wird. Der russische Vater der Atombombe, Kurtschatow, hat sich damit beschäftigt und Stalin informiert – die Berichte passen sehr gut zu den oben zitierten Augenzeugenberichten.“
Dazu schreibt auch Wolfgang G. Schwanitz vom Deutschen Orient-Institut Hamburg in einer Rezension über das Buch von Karlsch: „Rainer Karlsch gab seinem Buch sieben Dokumente bei, darunter Igor V. Kurchatovs Meinung zum Text „Über eine Deutsche Atombombe“. Parallel, das möchte ich durch die angefügte Meldung aus Washingtons Nationalarchiv ergänzen, erhielten die Amerikaner ähnliche Informationen.“ (Diese Meldung ist unter dem o.g. Link online nachzulesen) „Wie die von mir dort 1998 gefundene und hier unten abgebildete geheimdienstliche Erkenntnis zeigt, würde energisch zur „atomaren Explosion“ geforscht. Die SS, Orte nahe Berlins und in Böhmen sowie die Bayer und IG Farben AG werden darin genannt. Das mit Januar 1945 datierte Blatt trägt ein zweites Datum, der 20. März 1945. Zehn Tage später verfasste Kurchatov, Leiter des sowjetischen Atomprojektes, jene Stellungnahme für Stalin, die Karlsch fand. Kein Zufall, dass es sowohl sowjetische als auch amerikanische Berichte dazu im März 1945 gab. Nun gilt es nicht nur zu prüfen, inwieweit sie den Tatsachen entsprachen, sondern was noch überliefert ist, denn es gab wohl nicht nur diese Meldung.“
Kurt Diebner, Atomforscher seit Nazi-Tagen
Wichtig ist, dass es sich bei der Explosion nicht um eine Atombombe gehandelt haben kann, wie sie später von den USA über Hiroshima gezündet wurde. Schwanitz beschreibt das: „Doch, so Karlsch, sei dieser Test vom März nicht mit dem in Amerika im Juni 1945 zu vergleichen: den Deutschen fehlte es am spaltbaren Material. Sie gingen daher einen technologischen Nebenpfad. Ihn beschritt unter dem Reichsführer der SS Himmler und Rüstungsminister Speer eine Physiker-Gruppe um Kurt Diebner, Walther Gerlach und SS-General Hans Kammler. Während letzterer die Absicherung stellte, war Diebner seit 1939 ehrgeiziger Leiter des Referats Atomphysik im Heereswaffenamt und Organisator der deutschen Nuklearforschung. In der bisherigen Forschung galt er nur als Randfigur wie auch Gerlach, den Hermann Göring Ende 1943 mit der entsprechenden Forschung beauftragt hatte. Sie brachten in Ohrdruf eine unterkritische Masse in einer Bombe nach dem Hohlladungsprinzip zur Explosion. Dabei wurde wohl eine Urankugel durch das synchrone Zünden vieler Sprengsätze zur Kritikalität verdichtet. Ströme an Neutronen schossen auf den Spaltstoff. Hier bleibt offen, wie genau die superkritische Anordnung erzielt wurde. Karlsch vergleicht es mit einer taktischen Kernwaffe. Ein nuklearer Ablauf, der neben Hitze und Druck radioaktive Strahlung freisetzt und Konventionelles übertrifft. Dieser Strahleneffekt gleiche dem der Neutronenwaffe. Diebners Leute wussten, dass es keine kontinuierliche Kettenreaktion würde, sonst hätte ihre Ortswahl zur Katastrophe geführt. Sie kannten den Wirkungsradius aus einem früheren Nukleartest, der auch ans Licht gebracht wird. Er lief im Sperrgebiet der Halbinsel Bug auf Rügen am 12. Oktober 1944 ab. Für Mussolini ließ Hitler dort Luigi Romersa zu. Dem italienischen Journalisten, der heute noch befragt werden kann, sagte Joseph Goebbels zuvor, acht Monate dauere die Produktion dieser Bomben, die gegen Russland eingesetzt werden sollen. Romersa sah nach dem Lichtblitz Bäume zerbrochen, Versuchstiere verkohlt und Attrappen-Häuser verschwunden.“
Weiter ist bei Schwanitz zu den Quellen von Karlsch zu lesen: „Dies führte ihn über Akten der Arnstadter Stasi bis dicht an Atomtests in Ohrdruf heran. Heisenbergs erwähnte Rede, die als verschollen galt, fand er in einem Moskauer Archiv. Dort sah er Spionageberichte über geheime Tests der SS ein.“ Und er berichtet über einen weiteren Text: „Kurz nach dem zweiten Ohrdrufer Kerntest vom 12. März 1945 hieß es: Zwei Explosionen gab es dort. Innerhalb eines halben Kilometers wurde alles zerstört. Von Gefangenen im Zentrum war keine Spur mehr. Die Bombe, wohl mit Uran 235, sei eine 130-Zentimeter-Kugel. Mächtige Detonationswelle. Hohe Temperaturen, stark radioaktiver Effekt. Nazis könnten „unsere Offensive“ bremsen. Man weihte Stalin ein. Als ihm Harry S. Truman später in Potsdam vom US-Nukleartest erzählte, so Karlsch, wusste es der Kremlchef durch Spione besser als der Amerikaner selbst.“ (Wolfgang G. Schwanitz: Rezension zu: Karlsch, Rainer: Hitlers Bombe. Die geheime Geschichte der deutschen Kernwaffenversuche. München 2005, in: H-Soz-u-Kult, 20.05.2005.)
Nach Karlsch hatte eine Forschergruppe um den Physiker Kurt Diebner sich die bisherigen Arbeiten von Erich Schumann zunutze gemacht. Erich Schumann war bis 1944 Chef der Forschungsabteilung des Heereswaffenamts. „Im Nachlass Schumanns hat Karlsch Unterlagen aus der Nachkriegszeit gefunden. Der ehemalige Professor für Physik schrieb darin, dass er bereits 1944 einen Weg gefunden habe, mit konventionellem Sprengstoff ausreichend hohe Temperaturen von mehreren Millionen Grad Celsius und extreme Drücke zu erzeugen, um eine Kernfusion einzuleiten. Auf diesem Prinzip beruht die Wasserstoffbombe.“ (Spiegel 2005) Seine Forschungsergebnisse soll Schumann im Herbst 1944 auf einer Konferenz veröffentlicht haben. Praktische Versuche soll er allerdings nicht unternommen haben.
Eine im klassischen Sinn übliche Atombombe (Hiroschima, Nagasaki) ist dabei nicht gemeint. Dafür fehlte es im Faschismus an entsprechend großen Mengen von angereichertem Uran (bzw. Plutonium). Deswegen hatte sich die Atomforschung im Nazi-Deutschland auf eine andere Variante konzentriert: Mit konventionellem Sprengstoff sollte eine Kernverschmelzung erreicht werden. Dazu waren besondere Bedingungen erforderlich: „Während des Zweiten Weltkriegs hatten Sprengstoffexperten mit Hohlladungen experimentiert; ausgehöhlte Sprengkörper besitzen eine ungewöhnliche hohe Durchschlagskraft. Der Erfolg der Panzerfaust beruht auf diesem Effekt, den sich Schumann zunutze machen wollte. Er (Schumann) ging davon aus, dass ausreichend Energie für eine Kernverschmelzung frei würde, wenn man unter besonderen Bedingungen zwei Hohlladungen gegeneinander richtete.“ (Spiegel 2005)
Interessanterweise berichtet der Spiegel bereits im März 1957 (Ausgabe 12/57) über derartige Experimente. Auf einer internationalen Konferenz zum 10. Jahrestag des Abwurfs der Atombombe auf Nagasaki in Genf war bekannt geworden, dass sowjetische und us-amerikanische Forscher streng geheim an einer neuen Bombe arbeiteten: Der Wasserstoffbombe. Anders als bei der Uranbombe, bei der die Kerne gespalten werden, basiert die Wasserstoffbombe auf der Fusion.
Der Spiegel berichtet in dem Artikel, dass auch deutsche Forscher an der Lösung des Problems arbeiten würden: „Kürzlich erst sickerten Meldungen aus der Sowjet-Union durch, daß russische Forscher ein ähnliches Projekt vorantreiben, und Anfang des Monats gaben auch deutsche Atomforscher in Hamburg bekannt, daß sie an der Lösung des Problems arbeiten – eine Tatsache, die Deutschlands Tageszeitungen zu verfrühten Schlagzeilen verführte („Eine deutsche Atom-Sensation“ – „, Heiße Westentaschensonne Gegenstück zur russischen ,Kalten Sonne'“).“ (Spiegel 1957)
Bereits damals ist der Physiker Kurt Diebner im Zentrum der Meldungen. Der Spiegel berichtet im Jahr 1957 weiter: „Die Meldungen der deutschen Tageszeitungen vermittelten den Eindruck als habe der Hamburger Physiker Dr. Kurt Diebner das Problem, die Sonne auf Erden scheinen zu lassen, schon weitgehend gelöst. Aber der deutsche Atomforscher, der heute die Durag-Apparatebaufirma leitet, hat sich zunächst ein viel bescheideneres Ziel gesteckt: Er will kurzzeitig hohe Temperaturen erzeugen, wie sie auch im Sterninnern herrschen, also dort, wo sich die wärmespendenden Verschmelzungsprozesse abspielen.“ (Spiegel 1957)
Wichtig dabei ist: Für eine Fusionsbombe braucht es deutlich weniger Uran. Der Spiegel weiß damals zu berichten: “Anders dagegen verhält es sich bei der H-Bombe. In ihr entsteht Energie nicht durch Spaltung, sondern durch Verschmelzung von Atomen, so daß keine langlebigen radioaktiven Abfälle entstehen. Vor allem aber ist der Brennstoff der H-Bombe – schwerer Wasserstoff – in beinahe unerschöpflichen Mengen vorhanden, jede Tonne Meerwasser enthält etwa 30 Gramm. Von der amerikanischen Atomenergiekommission wird er je Gramm für. 1,30 Mark verkauft. Bei der Verschmelzung der Atome eines einzigen Grammes wird soviel Energie frei, wie durch das Verbrennen von zwei Tonnen Kohle.“ (Spiegel 1957)
Was dann der Spiegel 1957 schreibt, ist vor dem Hintergrund der neueren Forschung ein deutlicher Hinweis: „Schon während des letzten Krieges hatte er (Diebner) mit diesen Experimenten begonnen. 1939 hatte er dem Heereswaffenamt vorgeschlagen, die Uranspaltung, die Professor Otto Hahn damals gerade entdeckt hatte, für Kriegszwecke nutzbar zu machen.
Neben seiner Tätigkeit im deutschen „Uranverein“ – wie die Atomforschergruppe während des Krieges hieß – war Diebner als physikalischer Berater des OKH (Ober-Kommando-Heer) mit Sprengstofffragen beschäftigt gewesen und hatte an der Entwicklung der Panzerfaust Anteil. In ihr war das Prinzip der Hohlladung angewandt worden: In der Sprengladung war ein trichterförmiger Hohlraum ausgespart, so daß sich die Detonationswelle auf einen Punkt konzentrierte. In diesem Punkt wurden Temperaturen von enormer Höhe erreicht. Diebner überlegte: Konnte man diese Hitzegrade nicht zur Verschmelzung von schwerem Wasserstoff benutzen? „Ich kam auf den Trichter“, erinnert sich Diebner, „eine Hohlkugel aus Sprengstoff mit schwerem Wasser zu füllen.“
Erich Rudolf Bagge
Aber der gewaltige Knall der Detonation der Kugel von etwa 40 cm Durchmesser brachte nicht das gewünschte Ergebnis. Zusammen mit dem Hamburger Atomforscher Professor Dr. Erich Bagge, möchte Diebner diese Forschungen jetzt wieder aufnehmen.
„Es gibt da einen Dreh“, meint Professor Bagge, „durch den wir die Temperatur noch erheblich erhöhen können.“ Er hofft durch diesen Kunstgriff, über den er sich nicht näher äußern will, so hohe Hitzegrade bei der Detonation eitler [einer] Hohlladung erzielen zu können, daß die Verschmelzung von schwerem Wasserstoff in Gang kommt. Die deutschen Babcock-Werke haben sich bereit gefunden, die geplanten Versuche der beiden Hamburger Atomforscher zu unterstützen. Die beiden Physiker nähren sogar die kühne Erwartung, daß man ihr geplantes Wasserstoffbombenbaby dereinst zur Erzeugung von nutzbarer Energie verwenden könne.“ (alles zitiert nach: Spiegel 1957)
Angaben, wann genau es zu dem „gewaltigen Knall“ kam und was genau dabei explodierte macht der Spiegel nicht.
Debatte: Was ist explodiert? Quellen, Zeugen, Indizien und Spuren.
Nach der Veröffentlichung des Buches von Karlsch kommt es zu einer heftigen Debatte, in der die Frage gestellt wird, was wirklich in Ohrdruf explodiert ist und in der die Quellenbasis angezweifelt wird. Der Debatte gibt die Wochenzeitung Die Zeit in Pro- und Contra-Beiträgen viel Platz. Allerdings bezweifelt das Blatt nicht, dass es in Ohrdruf zu einer Explosion gekommen ist: „Was explodierte im März 1945 im thüringischen Ohrdruf? Eine deutsche Kernwaffe, behauptet der Historiker Rainer Karlsch in seinem Buch »Hitlers Bombe«. Indizien stützen seine These. Reichen sie für einen Beweis?“
Zwei Debattenbeiträge sind online:
Pro: Helmut Maier, arbeitet im Forschungsprogramm »Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Nationalsozialismus« der Max-Planck-Gesellschaft. Als Wissenschaftshistoriker hat er sich dabei auf die Rüstungsforschung spezialisiert. Rainer Karlsch hat sich während seiner Buchrecherche mit ihm beraten: Kettenreaktion der Geschichte –Pro.
Auch die FAZ widmet sich ausführlich dem Thema. Zur Frage, ob bzw. was genau in Ohrdruf explodiert ist, schreibt Ulf von Rauchhaupt am 14. März 2005. Zunächst schreibt er zu Karlsch: „Dabei ist der Titel irreführend. Karlsch behauptet an keiner Stelle, das Dritte Reich hätte das Rennen um die Nutzung der Kernspaltung doch gewonnen oder die Wehrmacht habe über eine Kernwaffe verfügt. Er sagt nicht, daß es „Hitlers Bombe“ gab. Er sagt nur, daß an ihr gebastelt wurde. Aber schon das ist starker Tobak.
Nun geht Karlsch noch ein Stück weiter, indem er behauptet, jene Bastelei sei erschreckend weit gediehen gewesen. Demnach wurde um die Jahreswende 1944/45 im Dorf Gottow bei Kummersdorf südlich von Berlin ein Kernreaktor zum Laufen gebracht.
Außerdem habe es Anstrengungen gegeben, Fusionsreaktionen – wie sie in Wasserstoffbombenexplosionen stattfinden und dort mit Atombomben gezündet werden – durch sogenannte Hohlladungen auszulösen. Das sind speziell geformte konventionelle Sprengladungen, wie sie etwa in einer Panzerfaust verwendet werden.
Schließlich seien im Oktober 1944 auf Rügen und im März 1945 auf dem Truppenübungsplatz Ohrdruf in Thüringen Explosionen gezündet worden, bei denen zumindest in einem Fall Kernenergie frei wurde. Dabei sollen Hunderte ums Leben gekommen sein.
All dies steht ziemlich quer zu dem, was man bis dato über die Kernforschung im Hitlerreich zu wissen glaubte.“
Rauchhaupt setzt sich mit weiteren Aspekten auseinander, wägt die Hinweise und Quellen ab, würdigt sie mit Blick auf andere Historiker. Die Frage, „die er (Karlsch) sich jetzt gefallen lassen muß, lautet: Haben seine neuen Indizien die Qualität außergewöhlicher Beweise für die vorgebrachten Thesen?
Im Moment kann das am ehesten Mark Walker beurteilen – auch, weil er einer der wenigen Historiker ist, die das Buch bisher ganz lesen konnten. Walker ist Professor am Union College in Schenectady, New York, und hat mit seiner Dissertation, die auf deutsch 1992 unter dem Titel „Die Uranmaschine“ herauskam, das maßgebliche Werk zum Thema vorgelegt.
Im Mittelpunkt stehen die Physiker um Werner Heisenberg, was viel mit der Datenlage zu tun hatte: Heisenberg war der prominenteste deutsche Physiker, der nicht vor den Nazis geflohen war, und einer der besten Theoretiker seiner Zeit. Für die Sieger war er der Kopf der deutschen Kernforschung, sein letztes Reaktorlabor im württembergischen Haigerloch fiel 1945 den Amerikanern in die Hände.
Bei Rainer Karlsch geht es aber nicht um Heisenberg, sondern um Aktivitäten, von denen dieser wohl kaum etwas wußte. Und was der Berliner da herausgefunden hat, beeindruckt Walker: „Karlsch hat eine neues Kapitel der Geschichte der Kernwaffenforschung im Dritten Reich geschrieben.“
So kann Karlsch klar belegen, daß auch andere, bisher als randständig angesehene Gruppen handfeste Kernforschung betrieben und daß eine davon deutlich weiter kam, als man bisher dachte: die Physiker der Heeresversuchsanstalt in Gottow unter der Leitung von Kurt Diebner.“
Gegen die Vorwürfe gegen Karlsch, stellt stellt der FAZ Autor fest: „Andererseits ist schon länger bekannt, daß Diebners Reaktoranordnung in Gottow besser lief als die Heisenbergs und daß dieser nur zögerlich auf Diebners Konzept umschwenkte. Ein Brief, den Karlsch in Moskau fand, zeigt, daß Diebner noch im November 1944 erfolgreich experimentierte und seine Versuche mitnichten schon im Frühjahr 1944 einstellte, wie man bisher dachte.“
Unterstützung bekommt Karlsch auch hier: „Die Frage, ob die Bemühungen Diebners, Gerlachs und anderer einer kerntechnischen Waffe galten, beantwortet Karlsch mit einem klaren „Ja“. Unter der Ägide der SS gab es im letzten Kriegsdrittel so etwas wie ein deutsches Kernwaffenprogramm. Das ist, wie gesagt, eine außergewöhnliche Behauptung.
Aber nicht nur Mark Walker akzeptiert das vorgebrachte Beweismaterial. „Es haben offenbar viele Leute an einer Atombombe gebastelt“, sagt auch Dieter Hoffmann vom Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin. Hoffmann hat die Abhörprotokolle herausgegeben, die entstanden, als die führenden Köpfe der deutschen Kernphysik, darunter Hahn, Heisenberg, von Weizsäcker, Diebner und Gerlach, 1945 auf dem englischen Landsitz Farm Hall interniert waren.“
Entscheidend bleibt aber die Frage, was eigentlich genau in Ohrdruf explodiert ist. So heißt es in der FAZ: „Besonders ärgerlich ist, daß Karlsch es grundsätzlich für möglich hält, mittels Hohlladungen Fusionsreaktionen zu zünden. Offenbar hat er einige seiner physikalischen Berater tatsächlich so verstanden, daß eine sogenannte „Trägheitsfusion“ allein mit konventionellem Sprengstoff nicht ausgeschlossen ist.
Zumindest einer dieser Berater aber, Ulrich Schmidt-Rohr aus Heidelberg, hat Karlsch nach eigener Aussage ausführlich erklärt, daß das schlicht und ergreifend nicht geht: „Mit einer Panzerfaust erreichen Sie Drücke von einer halben Million Bar, mit heutigen konventionellen Hohlladungen höchstens 10 Millionen Bar – doch für eine Fusion brauchen Sie eine Milliarde Bar, also noch einmal das Hundertfache.“
Auch Detlef Lohse von der Universität Twente in den Niederlanden, ein bekannter Theoretiker auf dem Gebiet der Implosionsphysik, ist sich sicher: „Das konnte und kann nicht funktionieren.“
Der Verdacht ist nicht völlig von der Hand zu weisen, daß Karlsch hier nur solche Kommentare wahrgenommen hat, die ihm in sein Bild paßten. Dabei war das völlig unnötig: Die Kernreaktionen, von denen er spricht, waren höchstens Spaltprozesse, niemals reine Fusionen. So muß bei der Testexplosion in Ohrdruf – die einzige, die reale Spuren in Dokumenten hinterlassen hat – Uran zum Einsatz gekommen sein.
Dafür spricht nicht nur die Erwähnung des spaltbaren Uranisotops U-235 in dem sowjetischen Geheimdienstbericht, sondern auch die zweite Indizien-Säule, auf die Karlsch sich stützt: Messungen radioaktiver Isotope in Bodenproben aus Gottow und Ohrdruf.“
Um was für eine Bombe es sich gehandelt haben könnte, schreibt die FAZ mit Blick auf die Bodenproben und die Messungen im März 2005 unter der Zwischenüberschrift: „„Geboostete“ Spaltbombe oder ein „fizzle“?: Sollten die Messungen das Datum bestätigen und damit ausgerechnet Karlschs außergewöhnlichste Behauptung beweisen, dann hätten die Physiker allerdings ein Problem.
Denn die wenigsten können sich vorstellen, daß Diebner und Co. mit dem damals vorhandenen Material, insbesondere dem bißchen niedrig angereicherten Uran, „deutliche Kernreaktionen mit Energiefreisetzung“ bewerkstelligen konnten.
Karlsch glaubt, daß es sich bei der Ohrdrufer Versuchsanordnung um eine Abart einer sogenannten „geboosteten“ Spaltbombe handelt, bei der gegeneinander gerichtete kegelförmige Hohlladungen das Material zweier Uranplatten zusammenschießen, zwischen denen Fusionsstoff plaziert ist, um die Neutronenproduktion zu steigern. Eine Atombombe im eigentlichen Sinn ist das nicht, auch keine taktische.
Allenfalls ist vorstellbar, daß man so mit viel Glück eine kurze Kettenreaktion auslösen kann, die aber gleich wieder abbricht – etwas, das amerikanische Kernwaffentechniker einen „fizzle“ nennen. Die Explosionsenergie der Hohlladungen könnte damit gesteigert werden, und es entstünde Neutronenstrahlung, die die Kobalt-60- Messungen in Ohrdruf erklären würde.“ (Zu den Bodenproben und Messungen siehe weiter unten, alle Zitate aus FAZ)).
Was ist eine Bombe?
Entscheidend für das Verständnis dessen, was in Ohrdruf explodiert ist, ist der Begriff Bombe. Darauf wies die FAZ bereits wie dargestellt hin. Karlsch selbst leistet zu diesem Missverständnis mit dem Buchtitel „Hitlers Bombe“ einen gewissen Beitrag. Der Titel legt natürlich sofort eine Assoziation mit den Atombomben der USA nahe, die 1945 über Hiroshima und Nagasaki abgeworfen wurden. Dabei handelte es sich um Atomwaffen, die mit vergleichsweise großen Mengen Uran und Plutonium funktionierten und eben das Prinzip der Kernspaltung zur Grundlage hatten.
Mit dieser Art Atombombe hatten die Forschungen und späteren Explosionen in Nazi-Deutschland nichts zu tun. Stattdessen geht es – wie oben schon beschrieben – darum, mit großen Mengen konventionellem Sprengstoff in Verbindung mit hohen Temperaturen und hohen Beschleunigungen eine kleine Menge Kernbrennstoff derart zusammen zu pressen, dass es zu einer Fusion kommt. Doch selbst wenn der Titel zunächst etwas irreführend sein mag: Nach einer nur oberflächlichen Befassung mit der „Bombe“ müsste eigentlich auch Laien klar werden, dass es hier eben nicht um die „klassische Atombombe“ Marke Hiroshima geht, sondern um etwas, was heute vor allem unter dem Namen Mini-Nukes diskutiert wird (siehe dazu auch die Versuche der USA, diese Technik für sogenannte taktische Atomwaffen einzuführen. Der Clou: Die Atomwaffen sollen aufgrund einer vermeintlich geringeren Schadenswirkung für die Bevölkerung leichter „einsetzbar“ sein. So sollte nach Ansicht der ehemaligen Bush-Administration die atomare Abschreckung praktisch verbessert werden. Dazu siehe Spiegel April 2005).
Karlsch selbst nimmt im April 2006 ausführlich zu der Debatte unter der Überschrift: „Die „Thüringer Protokolle“: Über den Wert oder Unwert von Zeitzeugenaussagen“ Stellung (das Papier stand hier auf der Homepage von Heiko Petermann ehemals als PDF zum download. Derzeit ist das Dokument in der WayBackMachine zu finden oder hier direkt als PDF. Die Seite von Petermann ist seit langem nicht mehr online, die WayBackMachine (Heiko Petermann, April 2008) aber hat einiges gesichert und erhalten: Z.B. finden sich hier noch Links und Dokumente, die Petermann mit Blick auf „Hitlers Bombe“ und den Band „Pro und Contra“ veröffentlicht hatte. Auch hier ist einiges noch zu finden) und geht eingangs noch einmal auf diesen wichtigen Unterschied ein: „Zunächst einmal sei nochmals gesagt, worum es in unserer Untersuchung nicht geht: es geht nicht um den Nachweis des Tests einer reinen Kernspaltungsbombe (Uran- bzw. Plutoniumbombe). Auf dem Truppenübungsplatz in Ohrdruf wurde keine Kernspaltungsbombe getestet. Es gab dort keinen Kernwaffentest. Um dies nachzuweisen braucht es keine Analysen der PTB und schon gar nicht die Darlegungen irgendwelcher Amateure. Wer über gesunden Menschenverstand verfügt, kann unschwer die Argumente dafür zusammentragen, dass nahe Ohrdruf keine Kernspaltungsbombe nach amerikanischer Bauart getestet werden konnte. Diese Debatte ist überflüssig und wird nur von denjenigen geführt, die nicht verstanden haben, worum es in »Hitlers Bombe« eigentlich geht oder nur einzelne Seiten gelesen haben.
Mitunter muss man Zusammenhänge mehrfach erläutern und Begriffe präzisieren, damit klar wird, was eigentlich zur Diskussion steht. Wir gehen davon aus, dass die Forschungsgruppe um Gerlach/Diebner eine Hybridanordnung, bestehend aus viel Sprengstoff und einer kleinen Menge Spalt- und Fusionsstoff, entwickelt hatte und diese im März 1945 erfolgreich testete. »Erfolgreich« heißt in diesem Fall eine Explosion mit Kernenergiefreisetzung, ob sie im militärischen Sinne nutzbar war, ist hier erst einmal nicht die Frage.“ (Quelle siehe oben, Seite 1, siehe dazu auch die Ausführungen weiter oben in diesem Text.)
Zur Unterstützung seiner These ergänzt Karlsch: „Nach der Veröffentlichung von »Hitlers Bombe« konnten wir zu dieser Frage wichtige Unterlagen, darunter die Geheimpatente von Schumann/Trinks, einsehen und mit Kernwaffenentwicklern diese Möglichkeit diskutieren und prüfen. Die russischen Kernwaffenentwickler Prof. Wladimir Mineev und Prof. Alexander Funtikov, die von diesen Dingen nun wahrlich etwas verstehen, haben inzwischen schriftlich Diebners mögliche Konstruktion als plausibel bestätigt und auch eine Obergrenze für das TNT-Äquivalent berechnet.
Wie Diebners Versuch zu charakterisieren ist – ob als Versuchsanordnung, Versuchskörper, Bombe o. ä. – bleibt vorerst offen. Möglicherweise wurde auch nur das Zündsystem für eine noch zu entwickelnde größere Bombe getestet. So zumindest hat es Werner Grothmann, der Chefadjutant von Himmler erläutert.
Jedenfalls war es die Konzeption für eine völlig neue Technologie, die man später als Mininuke bezeichnen sollte.
Ein Nachweis einer solchen Miniexplosion ist natürlich ungleich schwieriger als der Nachweis einer reinen Kernexplosion. Hinzu kommt der Umstand, dass sich in den bisher gefundenen Dokumenten keine exakte Ortsangabe findet.“ (siehe oben)
Auch der Spiegel (11/2005) gehört zu den Kritikern: „Die von ihm ins Feld geführten Zeitzeugen sind unglaubwürdig oder kennen die Vorgänge nicht aus erster Hand; die angeblichen Schlüsseldokumente lassen sich auf verschiedene Weise deuten; und die gemessenen Werte der Bodenproben von den Detonationsorten geben bislang auch „keinen Hinweis auf die Explosion einer Atombombe“, so Gerald Kirchner vom Bundesamt für Strahlenschutz.“
Zwei Jahre nach der Veröffentlichung von „Hitlers Bombe“ erscheint ein weiteres Buch: Für und Wider „Hitlers Bombe“. Darin setzt sich Heiko Petermann – der engen Kontakt zu Karlsch hat – mit der besonderen Entwicklung der Gruppe um Diebner auseinander. Der Text ist als Word-Dokument online verfügbar unter dem Titel „Mininukes – Geheimpatente und Hintergründe in der Bundesrepublik Deutschland – Eine erste Bestandsaufnahme“.
Mit Blick auf die Debatten um Atomenergie in den 50er Jahren merkt Petermann einen überraschenden Tatbestand an: „Interessanterweise scheint in den in Deutschland und anfangs auch Österreich geführten Diskussionen immer wieder ein Expertenwissen über thermonukleare Waffenkonstruktionen durch, das mehr oder weniger offen auf die Zeit vor 1945 rekurriert.“ Als Nicht-Physiker geht es ihm in dem Artikel nicht um „die Bewertung des damaligen Wissensstandes“, die Physikern, Sprengstoffspezialisten und Militärs vorbehalten bleiben müsse, „sondern nur um Fingerzeige auf Wissenszusammenhänge, die bisher nicht oder nur in engsten Fachkreisen beachtet werden.“ Petermann stellt den Wiener Physiker Hans Thirring vor, der bereits im Sommer 1946 ein Buch mit dem Titel „Die Geschichte der Atombombe“ veröffentlicht hatte!
Petermann listet diverse Forscher und ihre Arbeiten im Zusammenhang mit der Atomenergie auf. Zu dem mehrfach genannten Diebner schreibt er: „Nicht ganz soviel verrät Dr. Kurt Diebner. Der Indizienprozess um seinen Anteil am Bau einer wie auch immer konstruierten deutschen Atombombe ist zwangsläufig unvollständig, da nur wenige Dokumente erhalten geblieben sind. Seine Forschungsunterlagen und persönlichen Aufzeichnungen hat er gegen Ende des Zweiten Weltkrieges und dann Ende der vierziger Jahre vernichtet.“ (Quelle: Interview mit Prof. Bernd Jörg Diebner, Theologe an der Uni Heidelberg am 12.01.2005, aufgezeichnet von Heiko Petermann. Bernd Jörg Diebner ist der Sohn von Kurt Diebner.)
„Seit 1948/49 unterhielt er ein eigenes Sekretariat zur Ausarbeitung von Patenten, die er unmittelbar mit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland und der Aufhebung des Forschungsverbots in schneller Folge zur Anmeldung brachte. Nahezu besessen beschäftigte er sich mit kernphysikalischen Themen, gründete Zeitschriften wie ‚Atomwirtschaft’ und ‚Kernenergie’ und die ‚Gesellschaft für Kerntechnik’. Er wurde Mitinitiator des Kernforschungszentrums Geesthacht und der Entwicklung des Forschungsreaktor auf der ‚Otto Hahn’. Über den ganzen Zeitraum arbeitete er eng mit Prof. Erich Bagge zusammen, mit dem er auch den Großteil der Patente anmeldete. (Prof. Erich Bagge hatte an der Christian-Albrecht-Universität in Kiel den Lehrstuhl für Experimentalphysik und war außerdem Mitanmelder der Patente von Dr. Kurt Diebner). Ein enger Mitarbeiter Diebners und Patentanmelder war für einige Jahre auch Prof. Friedwardt Winterberg. Er ging Anfang der sechziger Jahre in die USA und befasst sich bis heute mit Fragen der Kernfusion. Von Winterberg stammen auch mehrere populär gehaltene Artikel und Bücher zur Geschichte der H-Bombe.“ (die Fußnoten sind hier nicht vollständig wiedergegeben, bitte im Original nachschlagen)
In Sachen Mini-Nukes schreibt Petermann über Diebner weiter: „Lange nach Diebners Tod fanden sich auf dem Dachboden seines Flensburger Hauses zwei Patentanmeldungen für thermonukleare Minibomben. Die Patentschriften wurden nach Aussage des Mitanmelders, seines damaligen Mitarbeiters Dr. Friedwart Winterberg, in Deutschland zurückgezogen.
Allerdings meldete Diebner wenig später allein ein Patent in Großbritannien an. Darin führt er u. a. aus, dass man eine große Wasserstoffbombe möglicherweise durch eine kleine thermonukleare Bombe zünden könne. Die Frage muss erlaubt sein, ob dies vielleicht das Ziel der 1944/45 begonnenen Versuche war?
Für erheblichen Pressewirbel sorgte im März 1957 Diebners Ankündigung, die Fusion von leichten Elementen geschafft zu haben. Gegenüber der Presse sprach er nur von einer friedliche Nutzung der Kernenergie.
Seine Experimente hatten jedoch auch einen militärischen Hintergrund. Mittels einer konvergenten Stoßwelle in einer Hohlladungsanordnung wollte Diebner eine explosive thermonukleare Reaktion erzeugen, also eine Bombe zünden.“ (Petermann, a.a.O., auch hier bitte die Anmerkungen einiger Fußnoten im Original nachprüfen).
Auf der Homepage von Heiko Petermann finden sich zahlreiche Dokumente zum Nachlesen, siehe hier. Außerdem auf dieser Seite eine Themen-Übersicht.
Spurensuche mit Bodenproben
Um eine thermo-nukleare Explosion nachzuweisen, hatte Karlsch Bodenproben entnehmen und untersuchen lassen.
Maier (siehe oben) schreibt dazu: „Wenn tatsächlich ein nukleares Ereignis stattgefunden hat, müssen sich heute noch vor Ort Spaltprodukte ausfindig machen lassen. Karlsch ließ Bodenproben analysieren. Uwe Keyser (Physikalisch-Technische Bundesanstalt) bestätigte das Vorhandensein teilweise drastischer Isotopenanomalien, die zu keinem bekannten nuklearen Ereignis passen und für die Tschernobyl als Ursache ausgeschlossen werden kann. Insgesamt fünf Physikprofessoren meinen, dass in Ohrdruf Spuren eines nuklearen Ereignisses vorhanden seien.“
In der Faz vom 14. März 2005 heißt es dazu: „Immerhin, auch dort fanden sich Uran, Plutonium und zudem das Spaltprodukt Cäsium-137. „Dabei können wir ausschließen, daß es sich um den Fallout des Reaktorunfalls von Tschernobyl handelt“, sagt Dirk Schalch von der Universität Gießen, der an den Messungen beteiligt war. „Das Bundesamt für Strahlenschutz hat Erhebungen über die Verteilung von Tschernobyl-Cäsium gemacht, und da liegen wir an einigen Stellen eben drüber – und zwar deutlich.“
Aber die Forscher stießen noch auf etwas anderes: Kobalt-60, das bei der Einwirkung von Neutronen aus Spaltreaktionen auf Eisen oder Stahl entsteht. Zusammen mit den Cäsium-Werten läßt das für den Kernchemiker Reinhard Brandt von der Universität Marburg nur einen Schluß zu: Es kann sich nicht einfach nur um eine „schmutzige Bombe“ gehandelt haben, also um einen Sprengsatz, der neben Splittern auch radioaktives Material durch die Gegend schleudert.
„Während der Explosion sind auch deutlich Kernreaktionen mit Energiefreisetzung abgelaufen“, wird Brandt von Karlsch zitiert – eine Einschätzung, die der Marburger Wissenschaftler auf Nachfrage bestätigt.“ Weiter heißt es dort: „Tatsächlich wurden die Gießener Ergebnisse durch separate Messungen der Gruppe um Uwe Keyser von der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt in Braunschweig bestätigt. Keyser verfügt über Meßgeräte zum Nachweis geringster Spuren gammastrahlender Isotope, die zu den besten der Welt zählen. „Es kann sich nicht um Unsinn handeln“, sagt Keyser, „da sprechen die Isotope eine klare Sprache. Wie und wann die dahingekommen sind, kann ich derzeit natürlich nicht sagen.“ So kann er nicht ausschließen, daß das radioaktive Material aus der Nachkriegszeit stammt.“
Über diese Analysen schreibt die PTB am 21. März 2005: „Zu einem vorläufigen Befund kommt der PTB-Physiker Prof. Dr. Uwe Keyser nach ersten Testmessungen, die er im Neutronenstrahl am Forschungsreaktor in Geesthacht durchgeführt hat: Die Bodenproben enthalten die chemischen Elemente (genauer: Isotope) Uran-235 und Lithium-6. Solche Isotope werden beispielsweise für den Bau von Kernwaffen (Spaltungs- oder Fusionsbomben) benötigt, kommen aber auch in geringen Konzentrationen in der Natur vor. Grund genug, diese Proben in den kommenden Monaten sehr genau unter die Lupe zu nehmen. Uwe Keyser legt jedoch Wert auf die Feststellung, dass die vorliegenden Informationen keine Aussagen über eine mögliche Kernexplosion am Fundort erlauben.“
Weiter erläutert die PTB: „Der bisherige Weg im Einzelnen: Anfang Februar 2005 wurden – mit Genehmigung und unter Aufsicht der Bundeswehr – in Ohrdruf offiziell Bodenproben entnommen. In versiegelten Gläsern kamen, auf Wunsch des ZDF, diese Proben und weitere, die bereits früher von der Bundeswehr aus größerer Bodentiefe entnommen worden waren, Anfang März in die PTB. Am Dienstag, 15. März, konnte Uwe Keyser dann in Geesthacht, wo kurzfristig ein Messplatz zur Verfügung stand, die erste Testmessung mit der Methode der Prompt-(n-Gamma)-Spektrometrie durchführen: Eine der Bodenproben wurde einem Neutronenstrahl ausgesetzt und die „Antwort der Probe“ in einem Gamma-Spektrometer aufgefangen. In diesem Gamma-Spektrum hinterlassen alle Bestandteile der Probe einen charakteristischen Fingerabdruck – eine oder mehrere Linien des Spektrums stehen eindeutig für ein spezifisches Isotop. Sieht man genauer hin, zoomt man also in einen Teil des Spektrums hinein, dann wird aus jeder Linie eine Berg- und Talfahrt – jede Linienspitze ein Berggipfel. Die dabei von jedem Berg umschlossene Fläche ist ein Maß für die Menge eines Isotops, das in der Probe enthaltenen ist. „Aber“, so Uwe Keyser, „quantitativ können wir noch keine Aussagen machen. Wir wollten nur erst einmal sehen, ob überhaupt etwas da ist.“ Und „etwas“ war da, nämlich – neben hunderter anderer Linien – die typischen Fingerabdrücke von Uran-235 und Lithium-6. Eine zweite Probe, der auf dieselbe Weise ihr Gamma-Fingerabdruck entlockt wurde, gab qualitativ das gleiche Resultat.
Diese ersten Testmessungen geben der PTB den Startschuss für das volle Messprogramm: von chemischen Analysen bis zu kernphysikalischen Untersuchungen hinsichtlich aller radioaktiver Stoffe. Vor allem kommt es jetzt auf quantitative Aussagen an. Erst diese werden klären, ob die Menge der in den Proben enthaltenen Isotope noch in der Bandbreite der natürlichen Variation liegen – oder eben nicht. Die Ergebnisse werden mit Spannung erwartet.“
Am 15. Juni 2006 – also über ein Jahr später – legte die Bundesanstalt schließlich ihren Abschluss-Bericht über die Proben aus Ohrdruf vor: „Bodenproben aus dem dortigen Gebiet – heute ein Truppenübungsplatz der Bundeswehr – wurden in den letzten Monaten von der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB) im Auftrag des Zweiten Deutschen Fernsehens (ZDF) untersucht. Die Ergebnisse der Radionuklidanalysen liegen jetzt vor. Die Messwerte geben keinen Hinweis, dass andere Quellen als der Fallout oberirdischer Atombomben-Tests in den 1950er/1960er Jahren und der Reaktorunfall in Tschernobyl im Jahr 1986 für die Bodenkontaminationen verantwortlich sind. Insgesamt zeigen die PTB-Messergebnisse für eine Kernexplosion „keinen Befund“. Die Thesen des Historikers Karlsch ließen im vergangenen Jahr auch das ZDF hellhörig werden. Bodenproben vom Truppenübungsplatz Ohrdruf wurden daher der PTB übergeben, um diese auf ihre Kontamination mit Radionukliden untersuchen zu lassen. Denn eine Kernexplosion, wann immer sie stattgefunden hat, könnte sich auch heute, angesichts der langen Halbwertszeiten gewisser Radionuklide, noch nachweisen lassen. Insgesamt acht Bodenproben wurden daher in den Laboratorien der PTB nach allen Regeln der Messkunst untersucht.“ Im weiteren beschreibt die PTB ihr Vorgehen bei den Meßungen, bevor sie zu dem abschließenden Satz kommt: „Ein wissenschaftlicher Gegenbeweis zum behaupteten Kernwaffentest am Ende des Zweiten Weltkriegs kann aber weder mit dieser noch irgendeiner anderen Stichproben-Analyse erbracht werden. Eine endgültige Bewertung der historischen Zusammenhänge ist damit weiterhin offen.“
Interessant ist: Von den anfänglichen „Verdachtsmomenten“, die Uwe Keyser im März 2005 darlegte, ist in der Pressemitteilung im Sommer 2006 nicht mal mehr die Rede. Uwe Keyser wird nicht einmal mehr erwähnt. Ebenso wenig ist von den Forschungsreaktoren in Geesthacht die Rede. Für „eine Kernexplosion“ gäbe es „keinen Befund“, so die PTB. Schon weiter oben ist darauf hingewiesen worden, dass es sich bei der Explosion in Ohrdruf nicht um eine Atombombe im heutigen Verständnis gehandelt hat und eher auf einer Fusion beruhte.
Rainer Karlsch und Heiko Petermann reagieren auf den Abschlussbericht durch die PTB mit einer Stellungnahme. Sie verweisen auf den Unterschied zu den Atomwaffen, in dem sie die Explosion in Ohrdruf mit der heutigen Bezeichnung „Mini-Nukes“ charakterisieren. Weiter oben ist bereits dargelegt worden, dass im Zusammenhang mit den Atom-Forschungen in Nazi-Deutschland auch von „Baby-Bomben“ die Rede war. „Diese (Mini-Nukes) und nichts anderes wurden offensichtlich in Deutschland 1944/45 entwickelt und getestet. Ein Nachweis der für den Bau solcher Waffen notwendigen geringsten Mengen von ca. 100 g Spaltstoff dürfte sehr schwer sein. Trotzdem gab es auf dem Truppenübungsplatz Ohrdruf signifikante Messungen.“ Die beiden Autoren verweisen auf weitere Unterlassungen in der Erklärung der PTB, z.B. zu Vorort-Messungen im Beisein von Uwe Keyser, dem ZDF, der Bundeswehr (Hptm. König etc..). Ebenso wenig wurde darauf verwiesen, dass das eigentliche Testgebiet nicht begangen werden konnte und Proben eigentlich in größerer Tiefe hätten gezogen werden müssen, als zu dem Zeitpunkt möglich. Außerdem bleibt unerwähnt, dass „seit dem Februar 2005 keinerlei neue Proben entnommen wurden, wie dies ursprünglich geplant war“.
Adenauer, die Atombombe und Nazi-Forscher
Über die Absichten der Adenauer-Regierung und des Atom- und späteren Verteidigungsminister Franz-Josef Strauß, Zugriff auf die Atombombe zu bekommen, gibt es inzwischen immer mehr Belege. So berichtet DIE ZEIT in einem Artikel unter der Überschrift „Adenauers Griff nach der Atombombe“ ausführlich über die Bemühungen der damaligen Bundesregierung und Adenauers: „Schon im September (1956) erklärte er in einer Sitzung des CDU-Bundesvorstandes, es sei „unerträglich, wenn zwei große Staaten in der Welt allein im Besitz von nuklearen Waffen sind und damit das Schicksal der Völker dieser Erde in der Hand haben“. Und es war ein deutliches Zeichen für das In- und Ausland, als er am 16. Oktober 1956 den bayerischen Politiker Franz Josef Strauß, bis dahin Atomminister, zum neuen Bundesminister der Verteidigung ernannte. Strauß wurde bald zum Inbegriff ungezügelten deutschen Dranges nach Atomwaffen, und mit markigen Sprüchen tat er wiederholt sein Bestes, um diesen Ruf zu festigen. Aber Strauß war zweitrangig. Motor des deutschen Griffes nach der Bombe war der immer so zivil und beherrscht auftretende Doktor Adenauer“.
In der Kabinettssitzung am 19. Dezember 1956 ließ Adenauer keinen Zweifel mehr an seinem Vorhaben. Mit Blick auf die Abhängigkeit von den USA gegenüber der Sowjetunion macht Adenauer laut Zeit klar: „Es müsse also gefordert werden“, so wird der Kanzler im Protokoll zitiert, „die Aufstellung der Bundeswehr beschleunigt durchzuführen, eine Zusammenfassung Europas voranzutreiben und nukleare Waffen in der BRD herzustellen.““
Das waren nicht nur Reden, sondern es wurde konkret verhandelt. Die Zeit berichtet weiter: „Schon am 18. Januar 1957, also noch vor den Römischen Verträgen, konnten Verteidigungsminister Strauß und sein Kollege Jacques Chaban-Delmas eine Rahmenvereinbarung unterzeichnen. Zu diesem Zweck trafen sich die beiden diskreterweise in der Wüste, im algerischen Colomb-Béchar. Geplant wurden gemeinsame Rüstungsprojekte in der Raketen- und Nukleartechnik. Frankreich hatte sich zwar im Prinzip schon zum Bau einer eigenen Atombombe entschlossen, war damit aber noch nicht weit gekommen. Wenn man nicht, wie Großbritannien, Zugang zu den technischen Erkenntnissen der Amerikaner bekam, waren Atombomben nämlich sehr teuer, eigentlich zu teuer für Frankreich, aber da konnte eben die finanzstarke Bundesrepublik einspringen.“ Und weiter: „Eine Woche später unterzeichneten die Verteidigungsminister der Bundesrepublik, Frankreichs und Italiens ein erstes Geheimprotokoll, im Januar 1958 setzten sie ein gemeinsames Direktionskomitee ein, und im Februar einigten sie sich auf den Bau einer Isotopentrennanlage in Pierrelatte. Frankreich und die Bundesrepublik sollten je 45 Prozent bezahlen, Italien zehn Prozent beisteuern. Im März folgte noch ein Abkommen zur Gründung eines Instituts für Raketenforschung.“
Auch in dem Buch „Frankreich und die Nukleardebatte der Atlantischen Allianz 1956 – 1966“ von Burkard Schmitt wird über die Geheimgespräche und -Verträge berichtet. Mit Blick auf die bereits erwähnte Urananreicherungsanlage in Pierrelatte heißt es in der Fußnote 131 u.a.: „Nach Darstellung des damaligen deutschen Verteidigungsministers wiederum wäre das in Pierrelatte erzeugte Uran 235 entsprechend der finanziellen Kontribution zwischen den Partnern aufgeteilt worden, Vgl. Strauß, die Erinnerungen, S. 313. Nach Hans-Peter Schwarz wäre ein Teil der gemeinsam produzierten Sprengköpfe in den Besitz der Bundesrepublik übergegangen, aber zumindest in Friedenszeiten in Frankreich stationiert worden. Vgl. Schwarz, die Ära Adenauer, 1957-1963, S. 97“
An dem Bau der Anlage in Pierrelatte war Deutschland schließlich nicht beteiligt. Die Pläne scheiterten u.a. daran, dass in Frankreich Anfang 1959 De Gaulle zum neuen Präsidenten wurde, der in Sachen Atomwaffen auf eine rein französische Lösung setzte. (Zur Urananreicherung siehe unter dem Text noch einige Hinweise!)
Diese Darstellungen machen deutlich, dass in der jungen Bundesrepublik ein intensives Interesse an der Atomenergienutzung bestand, militärisch ebenso wie in Sachen der Energieerzeugung. Dabei spielten auch die Forschungen und Entwicklungsarbeiten aus Nazi-Deutschland eine wichtige Rolle.
In dem oben bereits erwähnten Beitrag von Heiko Petermann wird nun eine Verbindung zwischen Diebner und dem Verteidigungsministerium unter F.J. Strauß beschrieben: „Ausgerechnet 1957 nahm er das Angebot des Verteidigungsministers Franz Josef Strauss an, als Regierungsdirektor im Verteidigungsministerium zu wirken. Diebner schied allerdings nach nur knapp einem Jahr wieder aus dem Verteidigungsministerium aus.
Es war die Zeit, während der in Deutschland eine erregte öffentliche Diskussion um die Aufrüstung der Bundeswehr mit Atomwaffen geführt wurde. Adenauer wunderte sich in einer Presseerklärung vom 5. April 1957 über die heftige öffentliche Kontroverse und versuchte seine Politik zu verteidigen: „Die taktischen Atomwaffen sind im Grunde nichts anderes als eine Weiterentwicklung der Artillerie“.“
Ein Jahr später verließ Diebner „das Verteidigungsministerium und meldete weitere Patente an, z.B. ein „Verfahren zur Herstellung hoher Temperaturen und hoher Drücke“. Zu seiner Ehrenrettung muss allerdings auch gesagt werden, dass für ihn die zivile Nutzung der Atomenergie vor der militärischen Nutzung stand.
Kurz vor seinem frühen Tod verfasste Diebner 1962 eine Art Resümee seiner Forschungsarbeit „Fusionsprozesse mit Hilfe konvergenter Stoßwellen – einige ältere und neuere Versuche und Überlegungen“. In dem Artikel bestätigt er sprengstoffgetriebene Fusionsversuch mit kleinen Kugelanordnungen in den Jahren 1943/44. Diese seien aber gescheitert.
Anschließend erwähnt er eine Anordnung mit mehreren sprengstoffgetriebenen Kugelschalen und kleinen Mengen Spaltstoffen. War dies das Konstruktionsprinzip der Bombe, die in dem sowjetischen Spionagebericht vom März 1945 beschrieben wurde und die Schumann nach dem Krieg erwähnte? Zumindest haben wir Parallelen zu den mehrfach berichteten Experimenten mit Kugelschalen.
Bemerkenswert ist in Diebners Artikel der erstmalige Hinweis auf die Überlegung, Spaltstoffe zu verwenden. Dieser Hinweis wird in allen anderen Publikationen ausgelassen und fehlt auch in den diversen Patentanmeldungen. Statt der Kugelanordnungen weist Diebner auf Versuche mit den besser geeigneten (zylindrischen) Hohlladungsanordnungen hin.“ …. „Diebner gibt aber noch ein weiteres interessantes Detail preis „…hatten die ersten Versuche mit konzentrierten Gasentladungen unter Ausnutzung des Pinch-Effektes in kleinen Raumbereichen hochionisierte Plasmen mit Temperaturen von der Größenordnung Millionen Grad K geliefert.“ Dies sind aber genau jene Temperaturen, unter denen Fusionsreaktionen im Lithiumdeuterid stattfinden, von denen Schumann und Hajek schreiben, und ohne die ‚Baby-Bomben’ oder besser Mininukes nicht funktionieren würden. Diebner spricht auch von der magnetischen Kompression als Hilfsmittel u.a., doch dies würde zu sehr ins Detail von Kernwaffenkonstruktionen führen, für die es doch mehr als nur den einen Weg über die „kritische Masse“ gibt.“ (Petermann, die Fußnoten sind hier nicht wiedergegeben, bitte im Original nachschlagen).
Nach weiteren Darlegungen stellt Petermann fest: „Mit dem offiziellen Verzicht auf atomare Bewaffnung Deutschlands endete die Forschung zu Nuklearwaffen nicht gänzlich. Dies belegt ein Bericht des Bundesverteidigungsministeriums von 1972 „über die sprengstoffgetriebene Implosion gasgefüllter metallischer Hohlkörper“. Die Literaturliste verweist auf weitere deutsche Arbeiten aus jenen Jahren und nimmt insbesondere Bezug auf eine unveröffentlichte theoretische Arbeit von Walter Trinks aus dem Jahre 1943 „Über ein Verfahren zur Erzeugung höchster Drücke und Temperaturen“. Unter Bezug auf diese Arbeit kommt der Autor des Berichtes zu dem interessanten Schluss „dass mit einer Hohlkugel von 1 m Durchmesser eine Temperatur von ca. 4 Mio. Grad bei einem Druck von 250 Mio. atm erreichbar sein müsste. Nach Bild 24 wäre für diese Temperatur ein minimaler Innenradius von ca. 3,5 mm zu erreichen, ein durchaus realistischer Wert.“
Äußerst interessant in seiner abschließenden Einschätzung ist ein Untersuchungsbericht der Hauptabteilung XVIII der Staatssicherheit der DDR (Anmerk.: Absicherung der Volkswirtschaft, Sicherung der Einrichtungen der Rüstungsforschung und Rüstungsproduktion, …) aus dem Jahre 1987. Darin wird die militärische Forschung zu thermonuklearen Sprengkörpern in der Bundesrepublik zusammengefasst und insbesondere vor der Gefahr terroristischer Anwendung gewarnt,.“…steigt die Gefahr, dass terroristische Gruppen sich neuer, unauffälliger und mit großen Effekt anzuwendender Terrormittel bedienen wollen.“. (Petermann, Fußnoten bitte im Original nachschlagen).
Bereits vor 1955 sind zahlreiche Atom-Fachleute mit dem Aufbau unterschiedlicher Forschungsanlagen beschäftigt. Nicht nur politisch, sondern auch konkret werden in vielen Regionen und unter maßgeblicher Beteiligung auch ehemaliger Forscher aus dem Dritten Reich, aktiv die Voraussetzungen geschaffen, um möglichst schnell wieder in der Atomforschung den Anschluss an die internationale Entwicklung zu schaffen. Ab 1955/56 entstehen die ersten Atomforschungszentren und nehmen die Arbeit auf. Offiziell um die zivile Nutzung der Atomenergie zur Energieerzeugung voranzutreiben. Aber zahlreiche Projekte sind kaum von militärischen Anwendungszwecken abzutrennen. Und das macht es auch möglich, hinter offiziellen Darstellungen ganz andere Dinge als behauptet zu betreiben. Darüber wird an dieser Stelle künftig weiter berichtet.
Vorläufiges Zwischenergebnis
Die Darlegungen und Ausführungen in diesem Text zeigen die heutige Fülle der Forschungen und Kenntnisse über die frühen Entwicklungen der Atomenergie mit Blick auf die militärische Nutzung in Nazi-Deutschland und danach. Dennoch werden viele Fragen erst beantwortet werden können, wenn die Archive in aller Welt geöffnet und Materialien einsehbar werden. In der Frage des Atomprogramms der Nazis dürften zahlreiche Kenntnisse noch in Archiven der USA, in Frankreich und der ehemaligen Sowjetunion lagern. Nur in Einzelfällen werden daraus Materialien veröffentlicht bzw. gefunden. Damit sind nicht nur Materialien gemeint, die die Alliierten bei der Befreiung vorfanden, beschlagnahmten und nach Hause schickten. Auch Berichte der jeweiligen Geheimdienste wären hier zu nennen.
Zahlreiche Aspekte und Zusammenhänge sind in diesem Text nicht dargestellt. Viele der hier genannten Links sollen nicht nur als Beleg dienen, sondern auch als Einladung, sich weitergehend mit der dargestellten Problematik auseinander zu setzen.
Die bisherigen Darstellungen zeigen die intensiven Arbeiten an der Atomenergie in Nazi-Deutschland auf, die unter erheblichen Problemen und vielen kriegsbedingten Ursachen zu „leiden“ hatten. Festzuhalten bleibt: Immer mehr verdichten sich die Hinweise, dass Deutschland im Dritten Reich enorme Kenntnisse nicht nur im Bereich der Grundlagenforschung erzielt hatte, sondern auch in vielfältiger Weise konkrete Schritte zur praktischen Umsetzung entwickelt hatte. Allerdings sind diese in vielen Fällen aufgrund der Mangelwirtschaft zum Ende des Zweiten Weltkriegs bis zur Kapitulation in den meisten Bereichen nicht erfolgreich abgeschlossen.
Das Buch von Karlsch hat nicht nur eine heftige und sinnvolle Debatte ausgelöst. Es gab viele Reaktionen, die das Buch und den Autor in den Sumpf von Verschwörungstheorien stecken wollten. Über 60 Jahre nach den von Karlsch untersuchten Ereignissen gab es teilweise eine mehr als nur wütende Reaktion (siehe dazu bei Petermann hier und hier). Die Frage muss gestellt werden dürfen: Was gibt es noch zu entdecken über die Nazi-Forschung an der Atombombe und den weiteren Entwicklungen in den folgenden Jahren?
Dirk Seifert, Mai 2013
Weitere Hinweise und Aspekte über die Arbeiten und Bedingungen in Nazi-Deutschland zum Thema Atombombe
In Nazi-Deutschland wurden diverse Verfahren zur Urananreicherung entwickelt und erforscht. Dokumente dazu finden sich z.B. auf der Homeapge des Deutschen Museums im Original unter dem Titel: „Trennung der Uranisotope“ (1942) oder auch „Isotopentrennung Präparat 38“ (1941). In dem Bericht von 1942 wird bereits über die Vorzüge der Anreicherung per Zentrifuge geschrieben. Außerdem wird in dem Bericht von 1941 die Arbeit mit Uranhexafluorid beschrieben.
Der Spiegel berichtet in einem mehrteiligen Artikel unter der Überschrift „So groß wie eine Ananas“ über den „Wettlauf um die Atombombe im Zweiten Weltkrieg“: „Professor Paul Harteck und Dr. Wilhelm Groth zogen mit ihrer kostbaren Ausrüstung, einer Ultrazentrifuge, erst nach Freiburg und dann nach Celle, in eine Spinnerei für Fallschirmseide.“ (In dem Artikel wird auch auf Thorium hingewiesen: „Die Deutschen hatten Frankreichs Thorium-Vorräte requiriert — (Thorium ist ein uranähnliches, gleichfalls radioaktives Schwermetall).“) Und: „In Straßburg arretierten die Männer der „Alsos“-Mission auch den. Professor Rudolf Fleischmann, der an Verfahren zur Trennung des Uranisotops 235 gearbeitet hatte.“
Auch Erich Bagge, der zum Uranverein gehörte und mit Diebner zu tun hatte, hat sich mit der Urananreicherung befasst: „Zwischen 1941 und 1943 entwickelte er die Isotopenschleuse, ein Gerät zur Anreicherung von Uran. Diese meldete er im März 1942 zum Patent an (dabei half ihm Erich Habann)“, heißt es bei Wikipedia. Zur Anreicherung von Uran 235 ist dort außerdem zu lesen: „Arbeiten dazu wurden von Wilhelm Walcher in Kiel und der Gruppe Josef Mattauch am Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie durchgeführt. Einen Vorschlag zu einer effizienten Uran-Anreicherung hatte 1942 der Physiker Heinz Ewald vom Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie [5] unterbreitet. Er schlug eine „Atomumwandlungsanlage“ vor, eine Art Massenspektrometer, in dem ionisierte Uranatome in einem elektrischen Feld beschleunigt und anschließend in einem ringförmigen magnetischen Feld anhand der Unterschiede der Massenzahlen getrennt werden (siehe Abb. 97 in [6]). Manfred von Ardenne, der in Berlin-Lichterfelde das Forschungslaboratorium für Elektronenphysik leitete, griff die Idee auf und baute einen Prototypen [7]. Er wurde mit diesem Vorhaben von dem Leiter des ReichspostministeriumsWilhelm Ohnesorge unterstützt. Diese Trennanlage ähnelt dem Zyklotron, das mit den Mitteln der Reichspost schließlich 1943 bei Miersdorf fertiggestellt wurde. Auf dem Gelände eines Luftwaffenstützpunktes bei Bad Saarow wurde ein Ringbunker gefunden, der der Zyklotron-Halle in Miersdorf entspricht. Ob diese Anlage eine großtechnische Ausführung des Isotopenseparators enthielt, kann nur vermutet werden [8]. Es kam aber in Deutschland nie zur Isotropentrennung von Uran in größerem Stil wie die Hunderte von Calutrons im Rahmen des Manhattan-Projektes.[4]“
1988 schreibt der Spiegel unter der Überschrift: „Übers Plutonium kann man was machen. Die Bemühungen deutscher Physiker im Zweiten Weltkrieg, eine Atombombe zu bauen: Am 26. Februar 1942 tritt Heisenberg vor den Reichsforschungsrat ans Podium. Das Referat, das er hält, bleibt moderat und stellt, sachlich korrekt, die Unwägbarkeiten der Meilerforschung in den Vordergrund. Noch sei man weit von einer selbsttätigen Kettenreaktion entfernt. Versuche mit kleinen Substanzmengen seien „von vornherein unzureichend“ für weitergehende Prognosen. …
Kühl doziert er über die Schwierigkeiten bei der Gewinnung atomaren Sprengstoffs und lenkt dabei die Aufmerksamkeit auf die für ihn abwegige Isotopentrennung: „Ein großer Teil der Arbeitsgemeinschaft des Heereswaffenamtes ist dem Problem der Anreicherung beziehungsweise der Reindarstellung des Isotops U 235 gewidmet. Auch die amerikanische Forschung scheint diese Arbeitsrichtung mit besonderem Nachdruck zu betreiben.“
Auch die Plutonium-Alternative spricht er an, doch scheint sie aufgrund der erwähnten Schwierigkeiten beim Auslösen einer Kettenreaktion in weite Ferne gerückt. Das Wort Bombe fällt an keiner Stelle. Statt dessen beschreibt Heisenberg mit plastischen Worten, wozu so ein kleiner Uranbrenner sonst noch alles taugen könnte: zum „Heizen von Dampfturbinen“, als Antriebsaggregat von Fahrzeugen und Schiffen, und weil ein Kernreaktor keinen Sauerstoff verbraucht, wäre das „bei der Verwendung in U-Booten ein besonderer Vorteil“.
… Diebners Zusammenfassung ist wesentlich zielstrebiger. Sein Forschungs-Dossier, das er den Tagungsteilnehmern vorlegt, fordert einen „bedeutenden Einsatz von Mitteln“. Auf 131 Seiten wird die „ungeheure Bedeutung“ der Kernforschung angemahnt und für beide Bereiche der Kernforschung ein Arbeitsprogramm skizziert:
– Forcierung der Isotopentrennung, da sie „grundsätzlich durchführbar“ sei.
– Beschaffung von knappen Materialien, vor allem von schwerem Wasser.
– Bau einer Meiler-Versuchsanlage und Prüfung einer „wehrtechnischen Verwendung“ dieser Anlage, auch wenn diese Alternative nur „theoretisch“ zu einem Sprengstoff führe.“
Außerdem heißt es in dem Spiegel-Artikel: „ Durch den Überfall auf Belgien sind den Deutschen 3500 Tonnen Uranerze aus Minen in Belgisch-Kongo in die Hände gefallen – das größte Vorratslager der Welt. Die Schwerwassererzeugung ist zwar kostenintensiv, aber kein prinzipielles Problem. Die Meiler-Anordnung vom August 1941 weist eindeutig in Richtung Kettenreaktion. Die Theorie der Transurane ist in den Grundzügen erforscht und in ihrer Bedeutung erkannt.“
Für die Forschung und Entwicklung brauchte es Uran: Dazu gab es u.a. die Auer-Werke bei Berlin, die nach der Besetzung zum Beispiel Uranerz aus der Tschechoslowakei beschafften und verarbeiteten (siehe dazu auch Die Atombombe kam aus Deutschland – Ein Bericht von RBB) .
Ein großes Problem stellte die Erzeugung und Beschaffung von schwerem Wasser dar, das für viele Experimente unbedingt erforderlich war. Im Deutschen Reich gab es keine Möglichkeiten, dieses mit hohem Energieeinsatz unter Kriegsbedingungen herzustellen. Es wurde aus dem besetzten Norwegen beschafft. (Partisanen sprengten Transporte nach Deutschland und alliierte Flieger sprengten schließlich die Fabrik. (siehe hier Spiegel und auf Wikipedia)).
Auch zahlreiche andere Aspekte und Forschungsbereiche bleiben hier ungenannt. Zu nennen ist hier vor allem auch die Forschung und Entwicklung von Reaktoren, die sowohl die Energieerzeugung als auch die Gewinnung von Plutonium zum Ziel hatten (So ist erst vor wenigen Jahren bekannt geworden, dass der als „Bremser“ bekannte Carl Friedrich von Weizsäcker bereits 1941 einen – wie die Welt schreibt „Patentanspruch für Hitlers Plutoniumbombe“ verfasst hatte. Dabei handelte es sich um „ein „Verfahren zur explosiven Erzeugung von Energie und Neutronen aus der Spaltung des Elements 94“. „Dieser Sprengstoff“ – so heißt es – „würde an frei werdender Energie pro Gewichtseinheit jeden anderen rund zehn Millionen mal übertreffen“. Als Erfinder der Plutoniumbombe sollte gegenüber dem Münchner Reichspatentamt „Herr Dozent Dr. Carl Friedrich von Weizsäcker“ geltend gemacht werden.“ Siehe dazu hier).
Weitere spannende Fragen stellen sich bis heute: So hat der Parlamentarische Untersuchungsausschuss zum Atommüll-Desaster in der ASSE II auch Hinweise erhalten, dass der Nazi-Atommüll möglicherweise dort eingelagert worden ist. Siehe dazu hier auf umweltFAIRaendern.
Einen Überblick über die Forschung in Nazi-Deutschland findet sich auch hier: Entwicklung der Atombombe in Deutschland von Prof. Jürgen Eichler, TFH Berlin. (Am Ende ist auch eine Bewertung des Buches von Karlsch, die man schon wegen der Kürze und fehlenden Belege für die dort eher „abfällige Behandlung“ als wissenschaftlich unseriös bezeichnen darf.)
Hinweis: Verzeichnis der Geheimberichte aus der Zeit von 1939-45 zur deutschen Kernforschung im Stadtarchiv Haigerloch: Das Stadtarchiv Haigerloch besitzt Kopien von Originalarbeiten zur deutschen Kernforschung in der Zeit von 1939 bis 1945. Diese wurden uns von Prof. Bagge überlassen. Dort ist ein Inhaltsverzeichnis einzusehen.
Siehe auch: Elisabeth Kraus, Von der Uranspaltung zur Göttinger Erklärung – Otto Hahn, Werner Heisenberg, Carl Friedrich von Weizsäcker und die Verantwortung des Wissenschaftlers, 2001.