Kleine Kugeln ganz groß: Hochradioaktive Probleme mit der Sicherheit der Castorbehälter in Jülich. Foto: Betreiber
Sicherheitsbedenken hat es schon lange gegeben. Seit Anfang Juli hat das nun auch endlich die zuständige Landesregierung in NRW zur Kenntnis genommen: In Jülich lagern 152 Castor-Behälter mit fast 300.000 hochradiaktiven Brennelemente-Kugel aus dem ehemaligen Hochtemperatur-Reaktor AVR. Nach wiederholten Notgenehmigungen hat die zuständige Atomaufsicht nun den Betreiber aufgefordert, ein Räumungskonzept vorzulegen. Das Lager ist weder gegen Flugzeugabstürze noch gegen Erdbeben ausreichend ausgelegt. Geplant wird offenbar, den Atommüll in die USA abzuschieben. Seit 2012 laufen entsprechende Verhandlungen. Auch wenn das Zwischenlager in Ahaus derzeit nicht als Option genannt wird. AtomkraftgegnerInnen befürchten, dass diese Variante demnächst ins Spiel kommen könnte.
Doch genau diese Transporte nach Ahaus hatte die rot-grüne Landesregierung per Koalitionsvertrag als „unsinnig“ erklärt. Nach einem Ratschlag in Düsseldorf haben Anti-Atom-Initiativen aus NRW und dem Bundesgebiet heute per Pressemeldung klar gemacht: Wenn der Castor rollt, stellen sie sich quer!
Die PM als Dokumentation: Massive Proteste im Falle von Jülicher Castor-Transporten angekündigt!
„Umwelt- und Anti-Atom-Organisationen aus dem gesamten Bundesgebiet kündigen für den Fall von Castortransporten vom AVR-Zwischenlager aus Jülich massive Proteste entlang der gesamten Strecke an.
In Jülich lagern 152 Castoren mit hochradioaktivem Müll aus Brennelementen. Offensichtlich ist das Forschungszentrum Jülich (FZJ) bisher weder in der Lage, eine rechtssichere Genehmigung für das Zwischenlager noch eine Transportgenehmigung für die Castoren zu erwirken. Ob dieser Zustand durch das FZJ bewusst herbeigeführt wurde oder auf Inkompetenz zurückzuführen ist, kann nur vermutet werden.
Aktuell versucht das FZJ in Zusammenarbeit mit dem Land und dem Bund, den Atommüll zur Wiederaufarbeitung in die USA zu verschieben. Juristisch ist ein Export von Atommüll aber nur für Forschungsreaktoren zulässig. Der AVR ist jedoch ein Versuchsreaktor zur kommerziellen Stromerzeugung (1967 – 1988). Somit ist der Export illegal. Um das geltende Atomgesetz zu umgehen, soll nun die dreiste Umdeklaration des AVR (Arbeitsgemeinschaft VersuchsReaktor) in einen Forschungsreaktor erfolgen. Gleiches gilt für die 305 Castoren aus dem stillgelegten Kugelhaufenreaktor Hamm-Uentrop, die derzeit in Ahaus lagern. Diese sollen laut öffentlicher Bekanntmachung des US-Energieministeriums gleich mit in die USA geschickt werden – auch dies ist illegal! Scheitern die USA-Pläne, droht weiterhin eine Verschiebung der „Westcastoren“ in das Zwischenlager Ahaus. Schon 2013 mussten diese Pläne aufgrund von Protesten aufgegeben werden. Die Lagerhalle in Ahaus ist nicht wesentlich sicherer als die in Jülich, hat nur eine längere Genehmigung bis 2036. Der Müll muss zu einem späteren Zeitpunkt für eine Endlagerung konditioniert werden, dies ist in Ahaus nicht möglich, wohl aber in Jülich. Grundlage jeder Planung muss die Vermeidung von Atomtransporten sein und damit eine unnötige Gefährdung der Bevölkerung.
Das Motto „Nichts rein! Nichts raus!“ ist Konsens bei den Unterzeichnern. Jeglicher Atommüll-Transport wird grundsätzlich abgelehnt, solange kein bundesweites Atommülllager existiert. Stattdessen wird der Verbleib des Atommülls in einem erdbebensicheren und zugelassenen Zwischenlager am Standort Jülich gefordert. Bei einem bundesweiten Treffen der Anti-Atom- und Umwelt-Organisationen wurde beschlossen, im Falle der Castortransporte den gesamten bundesdeutschen AKW-Widerstand auf die Transportstrecken zu verlagern. Schwerpunkte werden dabei Jülich und das Ziel Ahaus (bzw. Nordenham beim USA-Export) sein. Aber auch auf den möglichen Transportrouten werden lokale Initiativen die gesamte Bandbreite des Widerstandes auf die Straße bringen – nach dem Vorbild der erfolgreichen Aktionen in Gorleben.
Der gescheiterte hochkontaminierte AVR-Behälter soll in Kürze um 90 Grad gekippt und anschließend um ca. 200 Meter in ein eher behelfsmäßiges Zwischenlager verschoben werden. Alternativen zu diesem weltweit einmaligen und hochgefährlichen Vorhaben wurden nicht ausreichend untersucht! Auch auf Grund des neuen Erdbebengutachtens ist eine Verschiebung des Reaktors abzulehnen. Warum der verseuchte Reaktor in Jülich bleiben soll, die Castoren wegen angeblicher Erdbebengefahr aber unbedingt weg müssen, bleibt schleierhaft.“
Atommüll aus Jülich in die USA? Die ersten zehn Millionen Forschungsgelder für US-Forscher sollen zugesagt sein. Foto: Betreiber
Die Bundesregierung hat einem Artikel von „The State“ zufolge seine Bereitschaft erklärt, 10 Millionen Dollar für die Atommüll-Forschung in den USA zu bezahlen. In Jülich lagern derzeit 152 Castor-Behälter mit fast 300.000 hochradioaktiven Kugel-Brennelementen. Angesichts von Sicherheitsdefiziten, hat die Landesregierung die Räumung des Lagers verlangt und den Betreiber aufgefordert, ein Konzept vorzulegen. Eine der Optionen, die seit einiger Zeit verfolgt wird, ist der Abtransport des Atommülls in die USA. Ziel ist die Savannah River Site, eine Atomschmiede aus dem Kalten-Krieg. Dort sollen die aus einem Gemisch von Uran und Graphit bestehenden Kugeln aufgearbeitet werden, heißt es.
Das Problem: Ein großtechnisches Verfahren dafür gibt es gar nicht und muß erst teuer entwickelt werden. Die genannten 10 Mio. Euro wären dafür nur ein kleiner Anschub. Der Spiegel hatte vor einiger Zeit von geschätzten Gesamtkosten in Höhe von fasst 500 Mio. Euro gesprochen.
Ein solcher Atommüll-Export stößt auf massiven Widerstand. Nicht nur, weil mit den Transporten extreme zusätzliche Risiken eingegangen werden und auch in den USA letztlich keine Lösung für die Atommülllagerung vorhanden wäre. Würde die rot-grüne Landesregierung diesen Weg gehen, würden möglicherweise auch andere künftig auf den Gedanken kommen, Atommüll einfach ins Ausland zu verschieben. Russland – wo bereits abgereichertes Uran aus der ebenfalls in NRW befindlichen URENCO-Anlage in Gronau lagert – wird dazu immer wieder ins Gespräch gebracht.
Die rot-grüne Landesregierung in NRW verweigert die weitere Genehmigung zur Lagerung von 152 Castor-Behältern mit hochradioaktiven Brennelemente-Kugeln am ehemaligen Atomforschungszentrum in Jülich. Darüber berichten u.a. die Westfälischen Nachrichten. Auch nach einer zweimaligen Notverordnung konnte der Betreiber die erheblichen Sicherheitsmängel bis heute nicht beseitigen. Wegen der weiterhin fehlenden Erdbebensicherheit hat jetzt das zuständige Wirtschaftsministerium die weitere Lagerung in Jülich untersagt. Nur: Was mit dem Atommüll jetzt passieren soll, hat sie vergessen zu erwähnen. Den es gibt eigentlich auch sonst keinen wirklich sicheren Ort, wo das atomare Erbe aus dem Versuchsreaktor gelagert werden könnte. Immer mehr steht die atomare Entsorgung vor dem Kollaps.
Denn nach einem Urteil des Oberverwaltungsgerichts Schleswig ist auch die Sicherheit der Castor-Lager an den AKW-Standorten nicht gewährleistet. Im Sommer 2013 hatte das Gericht die Genehmigung für das Castor-Lager am Vattenfall-AKW Brunsbüttel aufgehoben und erklärt, dass Sicherheitsnachweise entweder falsch oder mangelhaft erbracht worden sein. Das Urteil ist zwar noch nicht rechtskräftig, weil Betreiber und die Genehmigungsbehörde, das Bundesamt für Strahlenschutz auf eine Revision vor dem Bundesverwaltungsgericht klagen. Doch allzu groß sind die Hoffnungen nicht, dass diese Klage Erfolg haben wird. Bestätigt das BVerwG das Schleswiger Urteil, dann befindet sich die gesamte Atommülllagerung von hochradioaktiven Abfällen quasi im „rechtsfreien Katastrophenzustand“. Auch für die Castor-Halle in Esenshamm steht noch ein Urteil im Verfahren um Sicherheitsmängel aus, das am OVG in Lüneburg anhängig ist.
Wie umfangreich und gravierend die aktuellen Atommüllprobleme sind, zeigt auch ein interner Bericht aus Baden-Württemberg. Dort wird zusätzlich zu den wachsenden Mängeln bei den hochradioaktiven Abfällen auch das Desaster bei dem leicht- und mittelaktiven Atommüll ausführlich dargestellt (Die Anti-Atom-Initiativen haben eine Atommüllbilanz als Sorgenbericht vorgelegt, siehe dazu unten.).
Auch das Zwischenlager in Ahaus, unweit von Jülich und ebenfalls in NRW gelegen, dürfte diese Sicherheitsmängel haben. Dennoch dürfte die Landesregierung nun die Einlagerung der Jülich-Castoren in Ahaus auf die Tagesordnung setzen . 152 Transporte mit hochradioaktiven Brennelementen müssen dann auf den Autobahnen von Jülich nach Ahaus transportiert werden – von einem unsicheren Zwischenlager zum nächsten unsicheren Zwischenlager.
Vor allem diese Transporte hatte die rot-grüne Landesregierung im Koalitionsvertrag ausgeschlossen. Der Atommüll in Jülich sollte nur noch einmal transportiert werden – nämlich in ein Endlager. Das gibt es bis heute nicht und der Jülich-Betreiber hat die erforderlichen Sicherheits-Nachrüstungen bis heute nicht auf die Reihe bekommen. NRW ist auch die zuständige Atomaufsichtsbehörde und muss sich daher auch fragen lassen, wie das eigentlich passieren konnte.
Weil es für die Entsorgung dieses Atommülls keinerlei Konzepte und schon gar kein Endlager gibt, hatte die rot-grüne Landesregierung in den letzten Jahren verstärkt an einer weiteren Lösung gearbeitet, die die beteiligten Parteien sonst immer ausgeschlossen hatten. Der Atommüll soll möglichweise zur vermeintlichen „Wiederaufarbeitung“ in die USA abgeschoben werden.
Während von Atommüll-Standort zu Atommüll-Standort die offiziell als Zwischenlagerung deklarierte Aufbewahrung hochradioaktiver Abfälle angesichts bestehender Sicherheitsmängel oder falscher Nachweise zusammenbricht, sitzt in Berlin eine Kommission, die sich um ein künftiges Endlager Gedanken machen soll. Ob man sich in dieser Kommission auch über die heutigen Probleme mit den radioaktiven Abfällen Gedanken machen wird, steht noch in den Sternen. Umweltverbände haben das als dringend erforderlich verlangt, konnten sich damit aber gegen einen Parteien-Konsens von Grünen, SPD, CDU/CSU und FDP nicht durchsetzen. Rechtlich soll sich die mit dem Standort-Auswahl-Gesetz eingesetzte Such-Kommission nur um Endlager-Möglichkeiten kümmern, nicht aber um die heute akuten Probleme. Dabei gäbe es wahrlich genug zu tun. Auf der letzten und zweiten Sitzung diskutierte der Kreis erstmal in aller Ausführlichkeit eine Geschäftsordnung.
AVR Reaktorgebäude 2007. Der Atommeiler war eine Versuchsanlage, aber kein Forschungsreaktor: 20 Jahre liefert es im kommerziellen Betrieb Strom. Foto: Betreiber EWN
In den USA laufen die Vorbereitungen, um deutschen Atommüll aus der ehemaligen Kernforschungsanlage in Jülich (NRW) aufnehmen zu können. In der Nähe der Savannah River Site fand jetzt eine Anhörung im Rahmen einer Umweltprüfung über die geplanten Atommüll-Transporte statt. Darüber berichtet Telepolis hier online. Insgesamt 152 Castor-Behälter mit fast 300.000 hochradioaktiven Brennelemente-Kugeln aus dem Versuchsreaktor AVR sollen nach dem Willen der rot-grünen Landesregierung in die USA verschifft werden. In Jülich lagert das Zeugs derzeit nur noch unter Ausnahmegenehmigungen. Die Lagerhalle ist nach dem Atomgesetz nicht ausreichend sicher, der Betreiber hat es verschlampt, rechtzeitig Nachrüstmaßnahmen zu planen und eine neue Genehmigung zu beantragen.
Doch nicht dieses Sicherheits-Desaster und die auch sonst fehlenden Lagermöglichkeiten werden als Grund für den Export des Atommülls genannt. Vielmehr gehe es angeblich nun darum, die Risiken einer Verbreitung von atomwaffenfähigem Uran zu minimieren. Denn die hochradioaktiven Brennelemente-Kugeln enthalten hochangereichertes Uran. Dies könne – so die neue Sorge – in falsche Hände gelangen und – mit hohem sicherheitstechnischen Aufwand – illegal wieder aufgearbeitet werden. Rund 900 Kilogramm von diesem Uran sollen in den Kugeln stecken, ausreichend für eine Menge Uran-Bomben. Die USA behaupten, dieses hochangereicherte Uran separieren zu können und es anschließend in abgereicherter Form zu Brennstoff für die dortigen Atomkraftwerke verwenden zu wollen.
Von derartigen Sorgen war in der Vergangenheit nichts zu hören. Im Zusammenhang mit dem Desaster im Atommülllager ASSE wurde vor einigen Jahren bekannt, dass dort auch Atommüll des AVR Jülich eingelagert wurde. (Siehe dazu ausführlich hier auf Wikipedia).
Weil andere Lagermöglichkeiten nicht zur Verfügung standen, hatte der Betreiber eine Genehmigung für die Einlagerung in den 70er Jahren beantragt und auch durchgesetzt. Erst durch massiven Widerstand in der Region um die ASSE konnte verhindert werden, dass die Betreiber hunderttausende dieser hochradioaktiven Brennelemente in der maroden ASSE einlagern konnten. Später war dann vorgesehen, die AVR-Brennelemente-Kugel im Zwischenlager in Ahaus zu deponieren, bis irgendwann mal ein Endlager zur Verfügung stünde. Doch auch dieser Plan wurde aufgrund massiver Proteste gegen die sinnlosen Transporte von 152 Castoren von einem Zwischenlager zu einem anderen Zwischenlager aufgeben. Die rot-grüne Landesregierung in NRW verständigte sich darauf, das strahlende Zeug in Jülich zu belassen. Zwischenzeitlich hatten die Betreiber aber dringend notwendige Nachrüstungen unterlassen, so dass nun eine Lagerung nur noch per Notverordnung mit massiven Sicherheitsmängeln stattfindet.
Klein, aber oho: Hochradioaktive Brennelemente aus Jülich sollen in die USA abgeschoben werden. Foto: Forschungszentrum Jülich
„Wir GRÜNEN wollen, dass der Atommüll bis zum Transport in ein Endlager in Jülich verbleibt und damit überflüssige Atommüllfahrten verhindert werden.“ Das sagten die NRW-Grünen 2011 und schrieben das auch in den Koalitionsvertrag (S. 41, „Wir wollen, dass die Castoren, vor allem die in Jülich lagernden, nur noch einmal transportiert werden – nämlich zu einem Endlager, wenn hierfür ein Standort gefunden ist“.) mit der SPD. Doch in der Realität ist die rot-grüne Regierung derzeit damit beschäftigt, eben diesen Atommüll für den Abtransport in die USA vorzubereiten. Weil dort das gesuchte Endlager ist? 152 Castoren mit hochradioaktiven Brennelement-Kugeln aus dem Versuchsreaktor Jülich lagern derzeit am Rande der Legalität in der alten Atomforschungs-Schmiede. Für eine reguläre atomrechtliche Genehmigung hat das dortige Lager zu viele Sicherheitsmängel.
Für die Aufsicht in Jülich zuständig: Das rot-grüne Bundesland NRW! Außerdem ist das Land NRW als Eigentümer neben dem Bund Betreiber in Jülich. Bereits zwei mal wurde eine Art Notverordnung für weitere Lagerung der Brennelemente in Jülich vom Land erlassen, damit zumindest der Eindruck von Rechtsstaatlichkeit aufrechterhalten werden kann. (Die Genehmigungsbehörde für die Lagerhalle, das Bundesamt für Strahlenschutz, berichtet hier über die Lage im Atommüll-Zentrum Jülich.) Ende Juli 2014 wird diese Regelung erneut verlängert werden müssen, weil der Betreiber es mit der überfälligen Nachrüstung von Sicherheitsmaßnahmen nicht sonderlich eilig hat. Stattdessen sondieren rot-grüne Landesregierung und Bundesministerien eine Verschiffung der strahlenden Fracht in die USA. Bis zum Juni 2016 – so berichtet die Aachener Zeitung – sollen die Atomtransporte per Schiff in die USA erfolgen.
Was haben die Grünen für einen (berechtigten) Alarm gemacht, als Ende 2012/Anfang 2013 bekannt wurde, dass die Bundesregierung in Folge der Umsetzung einer EU-Richtlinie den Export von Atommüll im Atomgesetz verankern wollte. Die aus NRW stammende Bärbel Höhn z. B. in diesem Interview beim Deutschlandfunk. Glasklar stellte sie im Januar 2013 fest: „Das halte ich überhaupt nicht für eine gute Idee. Und interessanterweise ist es ja so, dass alle Fraktionen bisher in Deutschland gemeinsam klar hatten: Wir haben hier die Verantwortung für den Atommüll, wir müssen auch für eine sichere Endlagerung sorgen, und das kann hier nur in Deutschland passieren.“
Und während die NRW-Grüne das sagte, waren VertreterInnen der rot-grünen Landesregierung von NRW gemeinsam mit dem Bundesministerium unterwegs, um mit den USA über einen eben solchen Atommüll-Export aus Jülich zu verhandeln. Inzwischen liegen erste Absprachen vor, die in einem „Statement of Intent (PDF)“ im April 2014 in den USA veröffentlicht wurden. (Der Link verweist auf die Seite von SRS-Watch, einer atomkritischen Initiative in der Gegend der Savannah River Site, wo der Atommüll aus Jülich für den Fall einer Einigung hin soll. Auf deutscher Seite haben das Forschungsministerium in NRW und das des Bundes unterzeichnet. Eine Veröffentlichung durch die Ministerien in Deutschland ist mir nicht bekannt.)
AtomkraftgegnerInnen in den USA und Deutschland sorgten dafür, dass nun einige Einzelheiten über die Verhandlungen ans Tageslicht gekommen sind. In den Aachener Nachrichten heißt es: „Ein Transport der hoch radioaktiven Brennelemente aus dem 1988 stillgelegten AVR-Versuchsreaktor in die USA wird immer wahrscheinlicher; gewiss ist er aber längst nicht.“ Und das Blatt berichtet: „Wie das NRW-Wissenschaftsministerium unserer Zeitung sagt, ist beabsichtigt, die Brennelemente in das Atommülllager Savannah River Site in South Carolina im Osten der USA zu bringen. Allerdings „unter der Voraussetzung, dass ein Vertrag zur Rückgabe der Brennelemente geschlossen wird“. Auch am FZJ wird noch vorsichtig formuliert: Die Absichtserklärung sei „lediglich ein erster Schritt hin zu einem möglichen Rücktransport des Kernbrennstoffs in die USA“. Ein endgültiger Vertrag könne erst erfolgen, wenn an der Savannah River Site „die notwendigen Voraussetzungen für eine Annahme geschaffen worden sind“.“
Noch müssen eine Menge Probleme aus dem Weg geräumt werden. Denn eine Anlage, die im größeren Maßstab den äußerst kompliziert zu handhabenden Graphit-Atommüll verarbeiten kann, gibt es bislang noch nicht. Dennoch teilt die Aachener Zeitung mit, dass Behörden wie auch Betreiber davon sprechen, dass die Atomtransporte bis Ende Juni 2016 durchgeführt sein sollen. Statt Zwischenlagerung in Jülich wird dann bestenfalls nach hochriskanten Transporten eine weitere Zwischenlagerung in den USA erfolgen. Bis dahin ist zu befürchten: Der Atommüll wird noch einige Jahre per Ausnahmeverordnung in Jülich herumstehen. Proteste der Regierungs-Grünen in NRW gegen diese Planungen sind nicht bekannt.
Trotz der öffentlich dargebrachten Schimpferein der Grünen gegen Atommüll-Exporte ins Ausland: Als im Sommer 2013 das Endlager-Suchgesetz unter dem Jubel von SPD, CDU/CSU, FDP und Grünen mit massiver Kritik der Umweltverbände den Bundestag passiert, meldet der Spiegel: „Ein juristischer Trick könnte Export von Atommüll ins Ausland ermöglichen“ und schreibt: „Mit einem juristischen Trick ist es der Bundesregierung gelungen, den Export von Atommüll aus dem Forschungszentrum Jülich in die USA zu ermöglichen. In letzter Minute wurde eine entsprechende Passage in den Entwurf zum Endlagersuchgesetz aufgenommen. Darin wird die Ausfuhr von radioaktivem Abfall zwar verboten. Doch zugleich wurde mit Verweis auf eine EU-Richtlinie Atommüll aus Forschungseinrichtungen davon ausgenommen. Das Forschungsministerium als Haupteigentümer des ehemaligen Komplexes in Jülich verhandelt derzeit mit US-Behörden über den Export von abgebrannten Elementen. Passiert das Gesetz in der neuen Fassung am Freitag den Bundesrat, würde ein Tabu gebrochen. Vor zweieinhalb Jahren hatte der damalige Umweltminister Norbert Röttgen verhindert, dass Nuklearmüll aus dem stillgelegten Forschungsreaktor im sächsischen Rossendorf nach Russland transportiert wurde.“
(Siehe Paragraph 1 im StandAG der Hinweis auf die Richtlinie 2011/70/EURATOM des Rates vom 19. Juli 2011 über einen Gemeinschaftsrahmen für die verantwortungsvolle und sichere Entsorgung abgebrannter Brennelemente und radioaktiver Abfälle (ABl. L 199 vom 2.8.2011, S. 48). Die Richtlinie ist hier online).
Oliver Krischer, Bundestagsabgeordner der Grünen aus NRW nahm im September 2013 einen weiteren Spiegel-Artikel zum Anlass für eine schriftliche Anfrage (hier gehts zur Drucksache (PDF), siehe Seite 66). Der Spiegel hatte in der Ausgabe (36/2013) berichtet, dass die Kosten für den geplanten Deal bei rund 450 Millionen Euro liegen würden. Der Abgeordnete wollte wissen, wie sich diese Kosten zusammensetzen und „welche eigenen Erkenntnisse hat die Bundesregierung über die Gesamtkosten eines Transports und Abgabe der Jülicher AVR-Castoren an die USA?“ Die Antwort des Parlamentarischen Staatssekretärs Thomas Rachel vom 9. September 2013 lautet: „Der Bundesregierung liegt bisher kein Angebot der amerikanischen Seite zum Transport der AVR-Brennelemente in die USA vor. Mit einem entsprechenden Angebot ist auch nicht in nächster Zukunft zu rechnen, da zahlreiche Fachfragen, die Voraussetzungen für entsprechende Kalkulationen wären, noch nicht abschließend geklärt sind.“ Aha!
Bombentauglicher hochradioaktiver Brennstoff
Die Argumentation, warum die AVR-Brennelemente aus Jülich nun in die USA abgeschoben werden sollen, ist eine fast friedens- und abrüstungspolitische: Die Brennelemente-Kugeln, deren Uran-Anteil ehemals von den USA geliefert wurden, enthalten nämlich bereits im Neuzustand teilweise Anreicherungen von über 90 Prozent des spaltbaren Uran 235 und wären in diesem Zustand tauglich, um daraus eine Atombombe zu bauen. Durch den Reaktoreinsatz hat sich der Anteil an Uran 235 zwar etwas verringert, aber zusätzlich sind u.a. Plutonium 239 und außerdem Uran 233 enstanden („erbrütet“ worden). Das Zeug ist also in der Tat atomwaffentauglich. Voraussetzung für eine militärische Nutzung aber wäre, dass der Brennstoff aufgearbeitet wird, also die „waffenfähigen Spaltstoffe“ aus der hochradioaktiven Matrix abgetrennt werden.
Aufgrund der Besonderheit der AVR-Brennelemente, etwa Tennisball-große Kugeln aus Graphit mit einem Gewicht von rund 200 Gramm, in denen der Brennstoff wiederum als kleinste Kügelchen eingebunden ist, stellen sie in gewisser Weise ein militärisches Sicherheitsrisiko dar. Mit entsprechendem Aufwand könnte der Spaltstoff aus seiner hochradioaktiven Matrix chemisch herausgetrennt werden. Genau das soll „kontrolliert“ in den USA erfolgen. Allerdings ist das sehr mühselig, angesichts der jeweils kleinen Mengen an waffenfähigem Material je Kugel – aber bei 300.000 Kugeln …
Ziel der geplanten atomaren Geisterfahrt ist die Sawanna River Site (SRS), eine gigantische Atomanlage aus den 50er Jahren mit zahlreichen Reaktoren und Atommülltanks. Hier wurden die Atombomben der USA gebaut. Hier sollen die Brennelement-Kugel aus Jülich aufgearbeitet werden. Das Ganze erfolgt im Rahmen eines US-Programms, hochangereicherte Brennstoffe im Rahmen ihrer Nicht-Verbreitungspolitik („Non-Proliferation“) zurückzunehmen.
Widerstand auch in den USA
Nicht nur hiesige Anti-Atom-Initiativen kritisieren die Pläne der rot-grünen Landesregierung für derartige Atomtransporte, die offenkundig erst als „Lösung“ ins Spiel kamen, als die Sicherheitsprobleme für die Zwischenlagerung in Jülich immer offensichtlicher wurden.
Die Aachener Zeitung berichtet: „Offenbar regt sich in den Vereinigten Staaten jedoch heftiger Widerstand gegen die Pläne. „The Greenville News“, eine der größten Tageszeitungen in South Carolina, berichtete gestern über Kritik von Umweltschützern, die sich generell gegen eine weitere Aufnahme von Atommüll in der SRS wehren.
Tom Clements, Leiter der Gruppe „SRS Watch“ wird von der Zeitung mit dem Satz zitiert: „Der Vorschlag, hoch radioaktive, abgebrannte Brennelemente aus Deutschland in die SRS zu bringen, ist nichts anderes als das Verklappen von Atommüll unter dem Deckmäntelchen der Nicht-Verbreitungspolitik.“ Clements stellt augenscheinlich auch einen Zusammenhang zum deutschen Atomausstieg her: „Die wachsende Verlegenheit Deutschlands über den Umgang mit dem eigenen Atommüll darf nicht zu einem Müllbeseitigungsproblem der Savannah River Site werden“, sagte er.“
Die Brennelemente des AVR Jülich – Einige Fakten
BFS über das AVR-BE-Lager in Jülich. Dort findet sich auch als „Überblick zum Vorhaben der Aufbewahrung bestrahlter Brennelemente am Standort Jülich“ eine „Kurzbeschreibung (PDF, ca. 900 kB, Datei ist nicht barrierefrei), die im Oktober 1988 im Rahmen des damaligen Verfahrens zur Beteiligung der Öffentlichkeit (Erörterungstermin) erstellt wurde.“. Daraus stammt der folgende Auszug über die Art der Castor-Behälter und deren Inhalt: „Im Behälter befinden sich die Brennelementkugeln in zwei übereinanderstehenden Edelstahlkannen (AVR-TL-Kanne). Jede Kanne enthält max. 950 Kugeln. Die Brennelementkugeln des AVR-Reaktors haben einen Durchmesser von 6 cm und ein Gewicht von ca. 200 Gramm (Abbildung 7). Sie bestehen im wesentlichen aus Graphit, in dem der Kernbrennstoff in Form von kleinen, mehrfach beschichteten Partikeln gleichmäßig verteilt vorliegt. Die Abbildung 7 zeigt, daß die äußere Schale der Brennelementkugel, mit einer Stärke von etwa 0,5 cm, frei von Kernbrennstoff ist. Das frische Brennelement enthält etwa 1 Gramm an spaltbarem Uran-235 und 5 bis 10 Gramm Thorium oder Uran-238.
Nach der Entnahme aus dem Reaktor enthält eine Brennelementkugel noch max. 0,75 g an spaltbarem Uran. Allerdings enthält das bestrahlte Brennelement eine höhere Radioaktivität als im frischen Zustand (im Durchschnitt ca. 2,2 TBq (60 Ci)), die im wesentlichen durch die Spaltung des Uran-235-Isotops entstanden ist. Zusätzlich werden durch die Aktivierung von Uran-238 und Thorium neue spaltbare Stoffe, nämlich Uran-233, Plutonium-239 und Plutonium-241, erzeugt. Die Gesamtmenge an Spaltstoffen, d.h. U-235 + U-233 + Pu-239 + Pu-241, liegt in jedem Fall unter 0,75 g pro Brennelement.“
Auch die ehemalige Atomforschungs-Schmiede in Jülich beschreibt den AVR-Atommüll. Dort heißt es zur Frage „Woraus besteht ihr Inhalt?“ im weiteren: „Im AVR-Reaktor wurden während der 20jährigen Betriebszeit unterschiedliche Brennelemente getestet, die auch unterschiedliche Anreicherungen hatten. In den ersten Jahren wurden ausschließlich Brennelemente mit hoch angereichertem Uran, so genannte HEU-BE, eingesetzt, später dann auch Brennelemente mit niedrigeren Anreicherungen, so genannte LEU-BE. Der Anreicherungsgrad bei den HEU-BE lag über 90%, bei den LEU-BE schwankte er zwischen 15% und 25%. Die HEU-BE wurden im Reaktor relativ hoch abgebrannt, der Abbrand der LEU-BE schwankt relativ stark, was auf unterschiedliche Betriebs- und Einsatzzeiten im Core zurückzuführen ist.
Die Brennstoffpartikel bestehen aus spaltbarem Uran (U-235) sowie dem nicht spaltbaren U-238. Ein Teil der Partikel enthält Thorium (Th-232) statt U-238. Im Laufe der Jahre waren in dem Reaktor zur Brennelemententwicklung unterschiedliche Brennelemente getestet worden. Die Partikel sind mit Siliziumcarbid beschichtet („coated particles“), um die Spaltprodukte zurückzuhalten. Da alle Brennelementkugeln (unterschiedlich lange) im Reaktor waren, enthalten sie – neben unverbrauchtem Kernbrennstoff – u.a. Plutonium (Pu-239, entstanden aus U-238) und Uran-233 (entstanden aus Th-232) sowie die Spaltprodukte.“