Dokumentation – 1999: Leukämie am AKW Krümmel – Fehler, Kritische Wissenschaft und Politik

DOKUMENTATION: Hier ein Artikel aus 1999, der sich kritisch mit der Ursachenforschung in Sachen Leukämie in der Elbmarsch rund um Geesthacht auseinander setzt. Der Text ist erschienen in: ak – analyse & kritik, Zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 426 / 14.05.1999

Leukämie am AKW Krümmel – Fehler, Kritische Wissenschaft und Politik

Im November 1998 veröffentlichte die BI gegen Leukämie in der Elbmarsch ein von der Bremer Wissenschaftlerin Inge Schmitz-Feuerhake verfaßtes Papier über Americiumfunde in der Umgebung des AKW Krümmel. Der Atommeiler östlich von Hamburg steht seit nunmehr fast 10 Jahren in dem Verdacht, die Leukämieerkrankungen bei Kindern in der direkten Nachbarschaft ausgelöst zu haben. Seitdem bemühen sich Kritische WissenschaftlerInnen den Beweis anzutreten, daß radioaktive Emissionen aus dem AKW die Ursache für diese Erkrankungen sind.

Immerhin ist das sogenannte Leukämiecluster weltweit herausragend. Nirgends sonst hat es in so kurzer Zeit derart viele Erkrankungen auf einem so kleinen Raum gegeben. Und für die Vermutung, daß diese mit dem seit Ende 1983 in Betrieb befindlichen AKW Krümmel in Zusammenhang stehen könnten, spricht, daß Leukämie um die fünf Jahre braucht, bis sie zum Ausbruch kommt. Tatsächlich traten die ersten Erkrankungen seit 1989 auf. Außerdem sind fast alle Erkrankungen in einem Umkreis von nur fünf Kilometern um das AKW herum erfolgt. Kein Wunder also, daß der Fall für die örtliche Bürgerinitiative klar ist.

Das Papier von Schmitz-Feuerhake über die Americiumfunde war für die BI der ultimative Beweis, daß Krümmel die Leukämien erzeugt hat. Doch die Veröffentlichung der Studie durch die BI löste in der Folge eine fast brutale Debatte aus. Nicht nur aus Kreisen der Atomwirtschaft wurde die Studie auseinandergenommen, auch die Bremer Universitätsleitung und das rot-grüne Energieministerium (MFE) in Schleswig-Holstein, zuständige Aufsichtsbehörde für das AKW Krümmel, zogen heftig gegen Schmitz-Feuerhake zu Felde. Dabei standen nicht nur die Inhalte des Papiers zur Debatte, sondern ganz schnell auch die Person Schmitz-Feuerhake.

Das war mißverständlich

Eine erste (politische) Bewertung der Veröffentlichung von Inge Schmitz-Feuerhake bzw. der BI Leukämie ist in ak – analyse und kritik Nr.421 (Unter Feuer) erschienen.

Gegen alle Kritik haben Schmitz-Feuerhake und die BI gegen Leukämie die in dem Bericht vorgetragenen Thesen, daß es sich bei den Americiumfunden ausschließlich um Reaktorplutonium handeln muß, verteidigt. Eindeutig war damit das AKW Krümmel gemeint. Die Möglichkeit, daß die Funde auch Reste der oberirdischen Atomwaffentests sein könnten, wurde ausdrücklich ausgeschlossen, praktisch sei seinerzeit kein Plutonium (von dem Americium ein Zerfallsprodukt ist) freigesetzt worden, heißt es in dem Papier. Auch Tschernobyl wurde als denkbare Quelle ausgeschlossen. Eben diese eindeutige Festlegung auf Krümmel löste die enorme Schärfe der folgenden Kontroverse aus.

Inzwischen hat Schmitz-Feuerhake der taz-Bremen (6.3.1999) ein Interview gegeben, das die gesamte Debatte noch unübersichtlicher oder absurder macht, – wie man will. Dort relativiert sie an wichtigen Stellen der vorhergehenden Auseinandersetzung ihre Position.

Auf die Frage, daß Schmitz-Feuerhake in ihrem Gutachten davon ausging, daß alles Plutonium aus dem AKW (Krümmel) stammt, sagt sie: „Das war mißverständlich. Es war ein vorläufiges Gutachten, das nicht zur Veröffentlichung gedacht war. Es ist daher unvollständig und teilweise auch unverständlich. Ich hätte sagen müssen, daß Reaktor-Plutonium in der Umgebung von Krümmel auftritt, das nicht aus Tschernobyl oder früheren Waffentests stammen kann. Dafür sprechen eine Menge von Fakten, die ich unvollständig in diesem Bericht dargestellt habe.“ (taz-Bremen, 6.3.99)

Zuvor hatte sie eingeräumt, daß entgegen den Äußerungen in der Studie die Americium-Funde nicht ausschließlich aus Krümmel stammen können: „Daß das alles aus dem Reaktor kommt, das kann nicht sein, da es noch andere Quellen für Plutonium gibt.“

Diese beiden Aussagen haben es in sich. Wenn diese Aussagen ernst gemeint sind, dann stellen sie den gesamten Verlauf der Kontroverse auf den Kopf.

Dazu drängen sich folgende Fragen auf: Wenn eine Veröffentlichung nicht vorgesehen war, warum ist dann doch veröffentlicht worden? Die Studie ist per Presseerklärung der BI Leukämie veröffentlicht worden. Stimmt die Aussage von Schmitz-Feuerhake, dann drängt sich der Verdacht auf, daß die BI diese Veröffentlichung ohne Wissen von Schmitz-Feuerhake vorgenommen hat.

Bereits in ak 421 ist darauf hingewiesen worden, daß es in der BI Leukämie durchaus Leute gibt, die ausreichend Fachkunde besitzen, um auch unter naturwissenschaftlichen Gesichtspunkten eine Bewertung vorzunehmen. Diese hätten dann die Mängel erkennen können. Mindestens aber hätte die BI vor einer Veröffentlichung der Studie mit Schmitz-Feuerhake über diese Absicht sprechen müssen. Dies ist entweder nicht geschehen oder aber Schmitz-Feuerhake hat sich nicht gegen eine Veröffentlichung ausgesprochen. Im ersten Fall hat die BI Leukämie die vollständige Verantwortung für die Veröffentlichung zu übernehmen. Im zweiten Fall würde die Aussage in der taz-Bremen mindestens als Irreführung anzusehen sein. Dies um so mehr, als das Schmitz-Feuerhake nach der Veröffentlichung durch die BI Leukämie sofort auf diesen Fehler hätte hinweisen müssen. Bis zu dem Interview ist die Studie jedoch weitgehend verteidigt worden, sowohl von der BI Leukämie als auch von Schmitz-Feuerhake, ohne daß erhebliche Defizite der Studie eingeräumt wurden.

Angesichts des enormen Echos auf die Veröffentlichung ist dies ein zumindest verblüffender Umgang, der auch innerhalb der atomkritischen Szene nicht hinzunehmen ist!

Politisch bedeutsam ist dies, weil es um die Glaubwürdigkeit der Argumente geht. Schon seit längerer Zeit ist zu beobachten, daß die Umgangsweise mit Vorwürfen gegen das AKW Krümmel einigermaßen leichtfertig stattfindet. Mir geht es nicht darum, daß man den Ruf von Krümmel nicht ruinieren dürfte. Aber der eigene Ruf bzw. die Glaubwürdigkeit der eigenen Politik sollte verdammt ernst genommen werden. Zentrales Problem ist dabei die Aussage, die immer wieder aus BI-Kreisen zu hören ist, daß das AKW eindeutig Verursacher der Leukämie ist.

Ich will mich nicht weiter in die naturwissenschaftliche Debatte einmischen, weil ich davon zu wenig verstehe. Nur ein Beispiel soll genannt werden (ein weiteres ist in ak421, S. 18 nachzulesen): Als in einigen Regenwassermeßstellen in der Umgebung von Krümmel erhöhte Cäsiumwerte festgestellt wurden, vertrat die BI öffentlich sofort die Auffassung, daß diese nur aus dem AKW Krümmel stammen können und daher der Verursacher für die Leukämien nun klar sei. Massiv wurden alle anderen Möglichkeiten zurückgewiesen. Die vom MFE beim (wissenschaftskritischen) Physikerbüro in Auftrag gegebene Überprüfung hat aber diesen Zusammenhang später nicht bestätigt.

Bis heute gibt es keine öffentliche Stellungnahme der BI Leukämie, in der die Überprüfung durch das Physikerbüro bewertet wurde bzw. die BI später feststellte, daß sie sich möglicherweise geirrt haben könnte. Mit anderen Worten: es wird ein eindeutiger Zusammenhang der Leukämiefälle mit Krümmel behauptet, der sich an den Cäsiumfunden festmacht. Dies wird in der Presseöffentlichkeit breit dargelegt. Das Ergebnis einer Überprüfung, das diesen Zusammenhang wissenschaftlich nicht belegen kann, wird jedoch nicht zur Kenntnis genommen bzw. öffentlich nicht kommentiert.

So wird die eigene Glaubwürdigkeit aufs Spiel gesetzt. Denn wer wird in Zukunft das Geschrei über irgendwelche neuen Funde von irgendwelchen radioaktiven Stoffen in der Umgebung von Krümmel noch ernst nehmen, wenn wiederholt eindeutige Aussagen zur Verantwortung von Krümmel gemacht wurden, wenn aber bei anschließenden Überprüfungen diese Eindeutigkeit nicht zu halten ist oder gar das Gegenteil herauskommt?

Die Politik und Vorgehensweise der BI ist vor diesem Hintergrund zumindest widersprüchlich. Da aber obendrein die BI Leukämie als Bestandteil der Anti-Atom-Bewegung angesehen wird, werfen diese Widersprüche auch die Frage nach der Glaubwürdigkeit der Anti-AKW-Bewegung auf.

Um es klipp und klar zu sagen: vor diesem Hintergrund ist weder die BI Leukämie noch Schmitz-Feuerhake glaubwürdig. Die Möglichkeit, daß ihnen lediglich plumpe politische Interessen gegen die Atomenergie unterstellt werden können, wird von ihnen (leichtfertig) selbst hergestellt. Noch schlimmer ist, daß kaum eine Auseinandersetzung über dieses gravierende Problem stattfindet.

Entscheidend ist doch, daß Krümmel der Verursacher sein kann. Wenn dies bewiesen werden kann, um so besser. Wenn nicht und wenn auch andere Ursachen nicht gefunden werden, dann bleibt Krümmel als möglicher Verursacher bestehen. Als politische Position reicht die Aussage, daß es Krümmel sein kann, vollkommen aus. Die Behauptung, Krümmel ist es, erfordert jedoch den zweifelsfreien wissenschaftlichen Nachweis.

MFE schießt gegen Schmitz-Feuerhake

Im Februar hat das Kieler Energieministerium per Presseerklärung mitgeteilt, daß sie sich von Schmitz-Feuerhake als Gutachterin trennen will. Nach der Veröffentlichung der Americium-Studie und der darin enthaltenen Mängel habe Kiel an der „wissenschaftlichen Seriösität“ erhebliche Zweifel und das „Vertrauen“ sei zerstört, hieß es. Die Folge: nach dem Willen auch des grünen Staatssekretärs im Energieministerium, Willi Voigt, soll Schmitz-Feuerhake nicht länger an einer strahlenbiologischen Studie im Auftrag des MFE beteiligt werden. Diese Studie soll die Risiken von Niedrigstrahlung für die Krebsentstehung neu bewerten. Ungeachtet dieser hammerharten Kritik verkündete das MFE außerdem, daß sie eigene Untersuchungen und Messungen vornehmen will und so der Sache weiter nachgehen werde. Zuvor hatte schon die Leitung der Bremer-Uni ein vernichtendes Urteil über die wissenschaftliche Sorgfaltspflicht von Schmitz-Feuerhake gesprochen. Ohne jede Fachkompetenz und ohne jede Anhörung der Beklagten, schloß sich die Leitung den Vorwürfen der Atomwirtschaft und anderer an.

Diese Vorgänge führen nun dazu, daß in kleinerem Kreis von kritischen Forschern an der These gestrickt wird, daß hinter dem brutalen Angriff auf die Person Schmitz-Feuerhake mehr stecken muß. Vor allem den Grünen (in der Regierung in Kiel, aber auch mit Blick auf Bonn / Berlin) wird dabei unterstellt, daß es ihnen um eine Neubestimmung Kritischer Wissenschaft geht. Diejenigen, die sich den Regierungserfordernissen anpassen, werden mit Großaufträgen versorgt, diejenigen, die sich auch unter grüner Regierungsbeteiligung in Bund und Ländern quer stellen und unbeirrt ihre fachliche Kompetenz zum Schutz der Menschen einsetzen, läßt man verhungern. Der Angriff gegen Schmitz-Feuerhake ist also nicht allein gegen eine Person gerichtet, die in der Tat seit mehreren Jahrzehnten intensiv und hartnäckig auf die erheblichen Mängel der bestehenden und den Interessen der Atomwirtschaft dienenden Strahlenschutzregelungen aufmerksam gemacht hat, sondern gegen eine Zunft von WissenschaftlerInnen, die ihre Fahne nicht in den Wind bestimmter Parteiinteressen oder ökonomischer Abhängigkeiten stellen wollen. Da mag eine Menge dran sein. Ganz sicher haben Einrichtungen wie das Öko-Institut, dessen führende Leute seit Jahreswechsel endlich auch den wichtigsten Beratungsgremien der Bundesregierung (Strahlenschutzkommission und Reaktorsicherheitskommission) angehören, deutliche realpolitische Wandlungen erlebt, für die sie auch mit gut bezahlten Aufträgen belohnt werden. An der These ist also ganz sicher was dran und nicht nur die Anti-AKW-Bewegung täte gut daran, endlich mal eine intensive Diskussion über ihre Politik und ihre Gutachter zu führen.

Dumm ist nur, daß diese These in Zusammenhang mit einem Vorgang gestellt wird, in dem es vor Fehlern und Mängeln nur so wimmelt. Es ist doch vollkommen klar, daß eine Studie, die veröffentlicht wird, dem AKW Krümmel die Schuld an den Leukämieerkrankungen gibt und die zuständigen Behörden zum Abschalten auffordert, Gegenreaktion bekommt. Wenn Schmitz-Feuerhake Monate nach der Veröffentlichung der Studie in der taz-Bremen einräumt, daß diese gar nicht zur Veröffentlichung vorgesehen war, daß sie unvollständig und mißverständlich gewesen sei, – ja hatten die Kritiker denn dann nicht Recht? Und wie anders soll sich ein Ministerium verhalten, das mit einer mangelhaften Studie zum Abschalten von Krümmel aufgefordert wird? Spätestens bei einer gerichtlichen Prüfung einer entsprechenden Stilllegungsverfügung auf Basis der Schmitz-Feuerhake-Studie wären ihm doch die Mängel von den Richtern (und der Atomwirtschaft) um die Ohren geknallt worden. Logisch, daß die Regierung deutlich macht, warum diese Studie nicht ausreicht.

Nicht wegen, sondern trotz der Veröffentlichung der Studie ist eine Debatte um die Rolle der Gutachter und eine veränderte Politik der Grünen gegenüber den vermeintlich Kritischen Wissenschaftlern nötig.

Hätte nur irgend jemand der direkt Beteiligten unmittelbar nach der unbeabsichtigten, irrtümlichen, versehentlichen oder wie auch immer Veröffentlichung dies klipp und klar, laut und deutlich festgestellt, dann wäre eine vollkommen andere Debatte dabei herausgekommen. Vor allem: Schmitz-Feuerhake hätte niemals derart scharf angegriffen werden können, wie es dann geschehen ist. Entscheidend ist also, daß niemand auf diesen jetzt behaupteten Umstand unmittelbar nach der Veröffentlichung hingewiesen hat.

Die Studie hätte tatsächlich so nicht veröffentlicht werden dürfen, sie hätte in dieser Form nicht einmal das Büro Schmitz-Feuerhake verlassen dürfen. Sie hätte weiter in einem engen Kreis von Mitarbeitern und Kollegen diskutiert und fundiert werden müssen.

Auf sehr diplomatische Weise hat wenige Tage nach der Veröffentlichung der Studie der Münchener Wissenschaftler und direkt an der Ursachenforschung beteiligte Roland Scholz die Mängel der Studie eingeräumt. Als Verteidigungslinie hat er darauf hingewiesen, welchen wissenschaftlichen Unsinn Mitglieder der Strahlenschutzkommission (SSK) etc. öffentlich behaupten, ohne daß dies Konsequenzen für diese hatte: „Was alles können sich die Apologeten der Atomenergie-Nutzung leisten, ohne daß ihre unsinnigen Behauptungen und intellektuellen Fehlleistungen von den Medien aufgespießt werden und ohne daß ein Minister sie flugs zum Rapport einbestellt?“ fragt Scholz (aaa, Nr. 97, S. 43)

Weiter hinten in der Stellungnahme räumt er ein: „Zugegeben, die bisherigen Befunde sind noch nicht beweiskräftig genug, um sicher sagen zu können, es handele sich um Emissionen aus dem nahen AKW und nicht um das Erbe aus den verbrecherischen Atomwaffenversuchen der 50er Jahre.“ Mit anderen Worten: Scholz baut eine Verteidigungslinie, in der er im Grunde einräumt, daß die Studie mangelhaft ist. Er beklagt im wesentlichen, daß eine Kritische Wissenschaftlerin für mangelhafte Studien zur Sau gemacht wird, Mitglieder der Atomlobby aber nicht.

Damit angesichts dieser massiven Kritik nicht ein falscher Eindruck aufkommt: Krümmel kommt als Verursacher der Leukämie weiter in Frage. Ob Krümmel verantwortlich ist, kann ich nicht sagen. Verschiedene Hinweise, wie z.B. die räumliche und zeitliche Verteilung der Leukämieerkrankungen deuten auf das AKW. Und daß radioaktive Strahlung Leukämie auslösen kann, ist in jedem Lehrbuch nachzulesen. Und klar ist auch: Solange nicht sicher auszuschließen ist, daß Krümmel und die GKSS verantwortlich sein können, gehören solche Anlagen abgeschaltet. Auf dieser Basis sollte die BI arbeiten und von hier aus eine politische Mobilisierung angehen. Nicht immer noch mehr Gutachter und Studien und das Warten auf deren Ergebnisse hilft weiter, sondern eine politische Mobilisierung, die von den politischen Entscheidungsträgern verlangt, im Zweifelsfall abzuschalten. Den Betroffenen und BürgerInnen vor Ort und in der Region muß deutlich gemacht werden, daß sich die Politik hinter der Wissenschaft versteckt, daß sie damit möglicherweise das Fortbestehen einer Strahlengefahr duldet, die möglicherweise auch weitere Erkrankungen auslösen könnte. Nicht wissenschaftliche Argumente führen zu einer Stilllegung von Krümmel oder anderen Atomanlagen, sondern politische Mobilisierung der Menschen. Hieran sollte vor Ort gearbeitet werden, das wäre ein echtes Betätigungsfeld, an dem die BI bislang viel zu wenig gearbeitet hat. Es müßte sich nur entschieden werden, endlich Politik zu machen!

DSe, (1999)

Dokumentation: 1998 Leukämieursachenforschung Geesthacht – Unter Feuer – Streit um Plutoniumfunde am AKW Krümmel

DOKUMENTATION: Hier ein Artikel aus 1998, der sich kritisch mit der Ursachenforschung in Sachen Leukämie in der Elbmarsch rund um Geesthacht auseinander setzt. Der Text ist erschienen in: ak – analyse & kritik – zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 421 / 17.12.1998

Unter Feuer – Streit um Plutoniumfunde am AKW Krümmel

Die Medien überschlugen sich: Plutoniumfunde in der Umgebung des AKW Krümmel. Bremer Professorin geht davon aus, daß nur das AKW Krümmel Verursacher der gehäuft auftretenden Leukämieerkrankungen in der Elbmarsch sein kann. Eindeutig seien die Plutoniumfunde auf den Reaktor zurückzuführen, so die zentrale und entscheidende Bewertung der Studie. Ein heftiger Streit wurde über die Medien ausgefochten und innerhalb weniger Tage wurde die Studie der Bremer Strahlenphysikerin Inge Schmitz-Feuerhake auseinander genommen. Die – nicht angezweifelten – Plutoniumfunde stammen nicht aus Krümmel, sondern sind Reste der Atombombenversuche der 50er Jahre, behauptet die rot-grüne Hamburger Umweltbehörde nur wenige Tage nach der Veröffentlichung der Studie. Und schließlich wurde auch die wissenschaftliche Integrität der Wissenschaftlerin heftig angezweifelt. Wenn sich Atomunternehmen wie die HEW daran beteiligen ist das nicht verwunderlich. Erstaunen muß jedoch, wenn der grüne Staatssekretär im schleswig-holsteinischen Energieministerium sich daran beteiligt. Was ist eigentlich los in Krümmel und Umgebung?

Von Ende 1989 bis 1996 erkrankten zehn Kinder in der Umgebung der Geesthachter Atomanlagen an Leukämie, einer sonst überaus seltenen Blutkrebskrankheit. Gleich zwei Atomanlagen stehen am Elbhang von Geesthacht. Neben dem AKW Krümmel, das eines der größten Siedewasserreaktoren der Welt ist und Ende 1984 in Betrieb ging, befindet sich die Atomforschungseinrichtung GKSS. Seit Ende der 50er Jahre wurden in der GKSS zwei Forschungsreaktoren betrieben, mit denen u.a. Experimente zur Materialforschung betrieben wurden. Einer dieser Reaktoren ist inzwischen stillgelegt.

Als eine Ursache für die Leukämieentstehung kommt radioaktive Strahlung in Frage, Hinweise auf andere Ursachen sind vor Ort derzeit nicht erkennbar. Und klar ist auch, das das sogenannte Leukämiecluster in der Elbmarsch ein überaus auffälliges Cluster ist und das ein Zufall auszuschließen ist. Kein Wunder, daß angesichts der Tatsache, daß alle erkrankten Kinder in einem Umkreis von nur fünf Kilometern Entfernung von den Geesthachter Atomanlagen leben, diese Anlagen in Verdacht gerieten. Seit 1990 werden nun – immer wieder durch die Forderungen der örtlichen Initiativen initiiert – umfangreiche gutachterliche Untersuchungen durchgeführt, um die Ursachen für die Leukämieerkrankungen aufzudecken. Einige Ergebnisse stehen noch aus.

Seit Jahren spielt Prof. Inge Schmitz-Feuerhake als quasi wissenschaftlicher Beistand der örtlichen BI eine entscheidende Rolle und ist Mitglied in den bestehenden Untersuchungskommissionen, die die Landesregierungen in Schleswig-Holstein und Niedersachsen eingerichtet haben. Immer wieder haben von ihr durchgeführte Untersuchungen den Verdacht erhärtet, daß radioaktive Emissionen aus dem Atommeiler für die Erkrankungen verantwortlich sind. Es würde hier den Rahmen sprengen, die einzelnen Untersuchungen, Ergebnisse und die folgenden erbitterten Auseinandersetzungen nachzuvollziehen. Als Fazit ließe sich jedoch festhalten, daß es eine Menge Hinweise auf radioaktive Spuren in der Umgebung des Atommeilers gibt. Ein direkter Beweis, also eine eindeutig auf den Reaktorbetrieb zurückführbare Emission jenseits üblicher Grenzwerte, konnte bislang nicht ermittelt werden.

Mit der jetzt von Schmitz-Feuerhake verfaßten und von der „BI gegen Leukämie“ veröffentlichten Studie zu den Plutoniumfunden schien zunächst der Nachweis erbracht, daß Krümmel die Ursache sei. Aber schnell wurden die Bewertungen der Studie massiv angezweifelt. Die Behauptung von Schmitz-Feuerhake, daß die gefundenen Isotopenverhältnisse eindeutig auf Reaktorplutonium zurückzuführen seien und die zweite Behauptung, daß in dem Fallout aus den Atombomben „praktisch“ kein Plutonium enthalten war, wurden massiv und teilweise glaubhaft widerlegt, mindestens aber stark in Zweifel gezogen. Zwar bedeutet das nicht, daß die ermittelten Plutoniumfunde nicht doch mit Krümmel in Zusammenhang stehen könnten, aber die Eindeutigkeit, mit der Schmitz-Feuerhake diesen Zusammenhang behauptete war widerlegt.

Allein dies hätte die Bewertung der Plutoniumfunde durch die Strahlenphysikerin in Zweifel ziehen müssen. Verschärft wurde die Kontroverse, die immer mehr das wissenschaftliche Vorgehen von Schmitz-Feuerhake ins Rampenlicht rückte, als der Leiter des Meßlabors, Gerald Kirchner, sich öffentlich von der Studie distanzierte (für die er gar nicht verantwortlich war) und darauf hinwies, daß ein Meßwert von Schmitz-Feuerhake unterschlagen wurde. Dabei störte ihn jedoch nicht, daß er selbst diesen Meßwert als nicht verwertbar bezeichnet haben soll, weil die Probe nicht den Anforderungen entsprach. Allerdings soll Kirchner von einer Veröffentlichung der Studie abgeraten haben, da er die Behauptung, daß es sich um Reaktorplutonium handele, als nicht belegt ansah. Er will Schmitz-Feuerhake darauf hingewiesen haben, daß auch der Atombombenfallout als Ursache in Frage komme.

Egal, wie die Auseinandersetzung weiter verläuft: Der politische Schaden, den die Studie angerichtet hat, ist enorm. Zwar ist es mehr als ekelhaft, wie nun auf die Person Schmitz-Feuerhake eingeschlagen wird. Aber sie hat – wie auch die „BI gegen Leukämie“ und andere Aktive im Umfeld – mit Festlegungen und Postulaten immer wieder (unnötigerweise) ausreichende Angriffsflächen geliefert. Wer eine Studie vorlegt, in dem ein eindeutiger Zusammenhang zwischen Reaktorbetrieb und Plutoniumfunden als Erklärung der Leukämieerkrankungen behautet wird, der muß wissen, daß es um einen Angriff auf eine Kapitalanlage in Höhe von ca. 4 Mrd. DM geht. Da sollte man sich so weit irgend möglich absichern. So naiv kann eigentlich niemand sein, anzunehmen, daß die Gegenseite nicht die gesamte Zunft aufwenden wird, um derartige Ergebnisse aus der Welt zu schaffen. Wenn sich aber herausstellt, daß trotz Widersprüchen aus dem eigenen Umfeld eine solche Studie nicht einer eingehenden Diskussion unterzogen wird, dann ist dies grob fahrlässig. Und zwar auch aus politischen Gründen. Damit keine Mißverständnisse entstehen: Zweifel an Bewertungen von Schmitz-Feuerhake sind kein Beweis, daß es Krümmel nicht war oder das das Plutonium tatsächlich aus dem Fallout der Atombombenversuche stammt.

Wer mit vermeintlich schwerem Geschütz gegen die Atomwirtschaft zu Felde rückt und sich dann sogar aus den eigenen Reihen sagen lassen muß, daß der Vorwurf so nicht haltbar ist, der leistet der Anti-AKW-Bewegung einen Bärendienst. Denn immerhin stellt es nicht nur die Glaubwürdigkeit einer einzelnen Forscherin in Frage, sondern letztlich auch des Anti-AKW-Widerstandes. Doch auch die BI gegen Leukämie, keine ausgewiesene Anti-AKW-Initiative, muß sich fragen lassen, wie sie ein Gutachten veröffentlichen kann, daß bereits intern kritisiert worden ist und warum sie selbst nicht zunächst eine „interne“ Debatte gesucht hat. Immerhin sitzen in dieser BI durchaus Fachleute, denen einige Ungereimtheiten hätten auffallen können. Man mag angesichts der Medienbereitschaft, den Leukämieverdacht gegen Krümmel egal unter welchen Umständen zu publizieren und immer wieder betroffene Kinder und ihre Eltern vorzuführen zu der Auffassung kommen, daß man den Krümmel-Reaktor immer nur in negative Schlagzeilen verwickeln muß. Da wird schon genug hängenbleiben. Aber nicht Medien prüfen letztlich die Stichhaltigkeit der vorgetragenen Argumente. Dies nützt weder den an Leukämie erkrankten Kindern, noch dem Ziel eines Ausstiegs aus der Atomenergie.

Und die Anti-AKW-Bewegung, die bei jeder passenden Gelegenheit auf Krümmel verweist, wenn es um gesundheitliche Risiken durch den Reaktorbetrieb geht, sollte sich tunlichst eine eigene Position erarbeiten. Wer das Feld nicht länger nur einigen WissenschaftlerInnen überlassen und sich mit geradezu religiöser Gläubigkeit für die eine oder andere Sicht der Dinge entscheiden will, der kommt nicht daran vorbei.

Nur um einen letzten Hinweis auf die Komplexität der Lage in Sachen Ursachenforschung zu geben. Das Öko-Institut Darmstadt hat das AKW Krümmel begutachtet. Dabei haben die Gutachter keinerlei Anhaltspunkte gefunden, daß eine radioaktive Wolke Krümmel unbemerkt hätte verlassen können. Bei der benachbarten Atomforschungsanlage der GKSS, die nach Krümmel mit gleichen Methoden untersucht wurde, stellten die Darmstädter jedoch fest, daß erstens ausreichend radioaktive Stoffe vorhanden gewesen sind, um Leukämien in der vorhandenen Zahl zu erzeugen und daß es für die GKSS keine ausreichende Überwachung gegeben hat (allerdings haben sie keine Beweise gefunden, daß es die Emission wirklich gegeben hat). Mit anderen Worten: aus der GKSS hätte die radioaktive Wolke kommen können. Doch dieses Ergebnis hat bis heute keineswegs dazu geführt, daß die BI und die umstehenden Experten mit aller Macht die Stilllegung der GKSS gefordert hat (außer natürlich in Presseerklärungen). Wieso?

Das alles soll nun keineswegs bedeuten, daß Krümmel nicht für die Leukämieerkrankungen verantwortlich sein kann. In vielen Einzelfragen steht derzeit lediglich Aussage gegen Aussage und auszuschließen ist nicht, daß das bis heute fehlende Bindeglied zu Krümmel noch aufgespürt werden kann – wenn es eins gibt.

Und verschiedene Untersuchungen legen den Verdacht, daß Krümmel tatsächlich ein Leukämiereaktor ist, nahe. Beispielsweise hat eine epidemiologische Untersuchung einen deutlichen Anstieg der Leukämierate innerhalb der fünf Kilometerzone von Krümmel nachgewiesen. Das ist sicher kein Zufall, zumal auch in der direkten Umgebung anderer AKW-Standorte erhöhte Leukämieraten bei Kleinkindern nachgewiesen werden konnten.

Aber wer Fehler und Irrtümer in Einzelpunkten (oder Studien) nicht eingesteht, wenn sie denn begangen worden sind, der/die wird es schwer haben, seine/ihre Interessen durchzusetzen. Das gilt auch für die Anti-AKW-Bewegung, und es hilft absolut gar nichts, abzutauchen, die auch öffentliche Kontroverse um das eigene Vorgehen zu tabuisieren (weil es angeblich nur der Gegenseite nützt) und sich als Opfer des Kapitals und der Regierenden selbst zu bemitleiden.

DSe

Zum weiterlesen: AKTE X – die unheimlichen Risiken des AKW Krümmel, Dirk Seifert, September 1998, Preis: 5 DM, Herausgeber: GAL Bergedorf

Atomtransporte: Hamburg bleibt radioaktive Drehscheibe

Atomtransport per LKW im Hamburger Hafenbereich.
Atomtransport per LKW im Hamburger Hafenbereich.

Die Bürgerschaftsfraktion Die Linke hat neue Daten über Atomtransporte durch Hamburg erfragt. Mit der Schriftlichen Kleinen Anfrage 20/9883 sind diese als Drucksache einsehbar. In einer Presseerklärung teilt die Fraktionsvorsitzende Heyenn zu den Atomtransporten durch die Millionenmetropole Hamburg unter der Überschrift „Hamburg bleibt Drehkreuz der deutschen Atomtransporte“ mit: „59 Kernbrennstofftransporte sind von Anfang Mai bis Anfang Oktober durch Hamburg und den Hafen gegangen, dazu – über das ganze Jahr verteilt – weitere rund 60 Transporte mit so genannten „sonstigen radioaktiven Stoffen.“ Oftmals sind die beiden Uranfabriken in Gronau (URENCO, Urananreicherung) und Lingen (AREVA, Brennelementeherstellung) Empfänger oder Absender der über den Hamburger Hafen durchgeführten Atomtransporte.

Weiter heißt es in der PM der Links-Fraktion: „Trotz der Stilllegung vieler deutscher Atomkraftwerke sind die Transporte atomarer Stoffe durch Hamburg auch 2013 nicht weniger geworden. Hamburg ist weiterhin Drehkreuz der deutschen Atomtransporte. Unsere Forderung aus dem Jahr 2011 bleibt weiter richtig: Die Atomtransporte über den Hamburger Hafen müssen aufhören!“. Sie verwies in diesem Zusammenhang auf einen Antrag der Links-Fraktion (Drs. 20/383), der ein Verbot von Atomtransporten durch den Hamburger Hafen erreichen will und der immer noch im Umwelt- und im Wirtschaftsausschuss liegt: „Eine Teilentwidmung des Hamburger Hafens für Kernbrennstoffe und deren Abfallprodukte ist genau der richtige Weg! Bremen hat uns das vorgemacht. Das geht auch in Hamburg – wenn es politisch gewollt ist!“

In Bremen hat der rot-grüne Senat vor einiger Zeit den Umschlag von Kernbrennstoffen – einer Teilmenge von Transporten radioaktiver Materialien – per Verordnung verboten.

Die in Hamburg derzeit allein regierende SPD will diesem Beispiel bislang nicht folgen (siehe dazu auch diese PM der Linksfraktion vom Juni 2013). Auch nach der Beinahe-Katastrophe im Mai 2013 hat sich die Haltung der SPD nicht geändert. Damals kam es zu einem Feuer auf einem Frachter, der radioaktive Stoffe an Bord hatte. Rund 15 Stunden dauerte der Feuerwehr-Einsatz. In unmittelbarer Nähe fand damals eine Großveranstaltung des Kirchentages mit tausenden von TeilnehmerInnen statt.

Vattenfall-Transporte

Auf eine Besonderheit macht Heyenn aufmerksam: „Neu ist in diesem Jahr aber, dass der Firma Vattenfall Europe Business Services GmbH eine Genehmigung zur Beförderung von radioaktiven Stoffen nach §16 der Strahlenschutzverordnung erteilt worden ist“, erläutert Dora Heyenn. „Davor hatte kein Transportunternehmen einen solchen Antrag gestellt. Ich frage mich, was Vattenfall jetzt transportieren will.“ Allerdings gibt der Senat „aus Sicherheitsgründen“ weiterhin im Voraus keine Auskunft zu Kernbrennstofftransporten.

Informationen über Atomtransporte in Hamburg gibt es auch hier bei SAND.

Siehe auch:

Umsetzung Volksentscheid Energienetze Hamburg: Rekommunalisierte Vattenfall-Atomkraftwerke?

Umsetzug Volksentscheid: Rekommunalisiertes AKW Krümmel? Foto: Dirk Seifert
Umsetzung Volksentscheid Energienetze Hamburg: Rekommunalisiertes AKW Krümmel? Foto: Dirk Seifert

Umsetzung des erfolgreichen Hamburger Volksentscheids zur Rekommunalisierung der Energienetze von Vattenfall und E.on: Vattenfalls Gesamtbetriebsrats-Vorsitzender Rainer Kruppa fordert jetzt im Abendblatt „alles oder nichts“: Einen Teil-Verkauf der Ernergienetze lehnt er ab. „Wenn schon, denn schon“ sollte eine vollständige Übernahme von Vattenfall-Hamburg durch die Stadt Hamburg erfolgen.

Nach dem erfolgreichen Volksentscheid vom 22. September bereiten Bürgerschaft und Senat derzeit die Umsetzung vor. Einer der Schritte: Gespräche mit Vattenfall und E.on, ob diese zum Verkauf bereit sind. Vattenfall hatte bereits direkt nach dem Volksentscheid erklärt, dass das Unternehmen die Mehrheitsentscheidung nicht akzeptieren wird und angekündigt, sich trotzdem für die Konzession um den Betrieb des Stromnetzes zu bewerben. Siehe: Volksentscheid Energienetze Hamburg: Vattenfall wird Votum ignorieren.

Zur Umsetzung: Volksentscheid Energienetze Hamburg: Mit mehr Demokratie auf dem Weg zur erfolgreichen Umsetzung? Die Debatte läuft…

Eine weitere Aufgabe, die es bei der Umsetzung des Volksentscheids zu lösen gilt: Die Sicherung der Arbeitsplätze der Beschäftigten in den betroffenen Unternehmen: Energiewende – Arbeitsplätze – Vattenfall: Nach dem Hamburger Volksentscheid – Beschäftigte fordern Sicherheit

Gesamtbetriebsratsvorsitzender Kruppa spricht sich jetzt im Abendblatt gegen einen solchen (Teil)-Verkauf der Netzsparten von Vattenfall an die Stadt Hamburg aus und fordert für die insgesamt 4.500 Beschäftigten in Hamburg eine Beschäftigungssicherung.

„Alles oder nichts“, so das Credo des Vattenfall-Betriebsratsvorsitzenden. Das Abendblatt schreibt: „Wir haben lange Zeit alles getan, um den Standort Hamburg mit seinen 4.500 Beschäftigten zu sichern“, sagte Rainer Kruppa, Vorsitzender des Konzernbetriebsrates, dem Abendblatt. „Aus Gründen der Beschäftigungssicherung sind wir gegen einen Verkauf.“ Kruppas Begründung: Im Falle eines Verkaufs würden komplexe Teile mit einer Vielzahl von Mitarbeitern aus funktionierenden Abläufen herausgelöst. Stattdessen schlägt er vor: „Dann sollte die Stadt Hamburg die gesamte alte HEW zurückkaufen.“

Kommunalisierung von Kohlekraftwerk Moorburg und den AKWs Brunsbüttel und Krümmel

Ein brisanter Vorschlag, den Kruppa da ins Spiel bringt: Der umfasst nicht nur die im weiteren Sinn die MitarbeiterInnen für den Netzbetrieb, die durch den Volksentscheid betroffen wären. Praktisch fordert Kruppa damit die Rekommunalisierung des verlustträchtigen neuen Kohlekraftwerk in Moorburg, dass im nächsten Jahr den Betrieb aufnehmen soll und für das Vattenfall schon jetzt eine Verlustabschreibung in Höhe von einer halben Milliarde Euro vornehmen musste.

Siehe: Vattenfall finanziell angeschlagen – Vier Milliarden Euro in den Sand gesetzt

Außerdem würde der Vorschlag von Kruppa bedeuten, dass die rund 800 Beschäftigten in den nach Fukushima endgültig abgeschalteten Atomkraftwerken Brunsbüttel und Krümmel künftig rekommunalisiert werden sollten. (siehe auch: Ohne Perspektive? Schlechte Stimmung bei Vattenfall-Beschäftigten)

Richtig: Da muss man erst einmal tief Luft holen, bei allem Verständnis und aller Berechtigung, dass es einen weitgehenden Schutz für die Beschäftigten in der Rekommunalisierung geben muss!

Rekommunalisierung der Vattenfall-Netze und die Beschäftigten

Bei der jetzt anstehenden Rekommunalisierung der Vattenfal-Netze für Strom und Wärme geht es um rund 1.500 bis vielleicht 2.000 Beschäftigte, die derzeit bei dem Unternehmen in unterschiedlichen Einzelgesellschaften direkt oder indirekt für die Netze arbeiten. Im Rahmen der Minderheitsbeteiligung von 25,1 Prozent, die der SPD-Senat im letzten Jahr mit Vattenfall vereinbart hatte (um so den Volksentscheid zu unterlaufen), waren rund 700 VattenfallerInnen direkt betroffen. Die für den Netzbetrieb unverzichtbaren Vattenfall-Gesellschaften – vor allem im Service – waren nicht betroffen. Hier sind insgesamt um die 800 MitarbeiterInnen beschäftigt.

Alles auf umweltfairaendern zum Thema Vattenfall und Arbeitsplätze

 

Energiewende – Arbeitsplätze – Vattenfall: Nach dem Hamburger Volksentscheid – Beschäftigte fordern Sicherheit

box_energiewendeNach dem erfolgreichen Hamburger Volksentscheid zur vollständigen Rekommunalisierung der bislang von Vattenfall betriebenen Netze für Strom und Fernwärme melden sich jetzt die Beschäftigten von Vattenfall mit einem offenen Brief an die Politik zu Wort: „Die Energiewende darf keine Arbeitsplätze kosten“, heißt es darin. Die Sorge ist: Nach einer Rekommunalisierung der Netze könnte Vattenfall denjenigen Teil der Beschäftigten, der nicht zur Stadt wechselt, möglicherweise auf die Straße setzen. Das – so die Beschäftigten – dürfe nicht passieren.

Update: Hier der offene Brief als PDF und hier die PM zum offenen Brief (PDF)

(Siehe: Krise Vattenfall – noch mehr Arbeitsplätze werden gestrichen) Unterzeichnet ist der Brief von den Betriebsräten von Vattenfall, nicht von der IG Metall, die bei Vattenfall als Gewerkschaft den Ton angibt. Darüber, dass bei Vattenfall – völlig unabhängig vom verlorenen Volksentscheid – ein massives Einsparprogramm läuft, nach dem derzeit rund 2.500 Arbeitsplätze konzernweit abgebaut werden, ist in dem Schreiben nicht die Rede. Etwa 500 Arbeitsplätze davon sind in Hamburg betroffen.

Problem Transformation eines privaten Konzerns zum öffentlichen Unternehmen – Die Ausgangslage

Bei der kommenden Rekommunalisierung geht es mit Blick auf die Arbeitsplätze zunächst um folgendes: Von Vattenfall muss die Stadt Hamburg nach dem Volksentscheid nun das Stromnetz und die Fernwärmeversorgung übernehmen. Vattenfall hat allerdings eine Unternehmensstruktur in Form von vielen GmbHs gebildet, die diese „Übernahme“ vor ein Problem stellt: Die eigentliche Stromnetz-Gesellschaft umfasst nur rund 150 MitarbeiterInnen. Der für den Netzbetrieb wichtige Bereich des Service und der Wartung – also das Herzstück für den Betrieb und den Ausbau der Netze – hat Vattenfall in eine abgetrennte GmbH verlegt. Hier sind rund 600 Leute beschäftigt.

Weniger problematisch bezogen auf den Transfer der MitarbeiterInnen ist der Bereich Fernwärme, bei dem es nicht nur um die Rohre, sondern auch um die dazugehörigen Kraftwerke geht, die die Wärme, aber zusätzlich auch den Strom, erzeugen. Hier sind rund 550 Leute beschäftigt. (Allerdings: Dieser Bereich unterliegt nicht der Regulierung und Vattenfall bestreitet die Rechtskraft alter Verträge der Stadt mit dem Vattenfall-Vorgänger HEW, nach denen im Falle des Konzessionsverlusts das Unternehmen an die Stadt zurückfällt. Hier stehen nun gerichtliche Auseinandersetzungen an.)

Hinzu kämen noch die KollegInnen im Bereich Metering (um die 100 Beschäftigte) und auch Personal aus unterschiedlichen Verwaltungbereichen bei Vattenfall, die ebenfalls in verschiedene GmbHs abgetrennt sind und in unterschiedlicher Weise mit dem Netzbereich zu tun haben. Als sich die Stadt Hamburg im letzten Jahr mit dem Minderheitsanteil von 25,1 Prozent an den Netzen von Vattenfall beteiligte, war dieser Geschäftsbereich komplett bei Vattenfall geblieben.

Bei der anstehenden Rekommunalisierung der Vattenfall-Netze geht es nun also zunächst um diesen Teil der Vattenfall-Beschäftigten. Rund 1.500 der insgesamt 4.500 Hamburger Vattenfall-MitarbeiterInnen sind also direkt von der anstehenden Rekommunalisierung betroffen.

Siehe auch: Vattenfall und die Arbeitsplätze: Wie geht es nach dem Hamburger Volksentscheid für die Beschäftigten weiter?

Die Linke-Fraktion in der Hamburger Bürgerschaft hatte sich zu dieser Problematik bereits vor dem Volksentscheid am 22. September mit einem Antrag (Drucksache 20/9115 (Neufassung) inhaltlich geäußert. Der Antrag wurde aber nach heftiger Debatte zu anderen Fragen im Zusammenhang mit dem Volksentscheid schließlich zurückgezogen.

Außerdem stellt sich ein weiteres Problem: Gelingt es bei der Rekommunalisierung, die oben genannten KollegInnen in einen städtischen Netzbetreiber zu überführen, stellt sich die Frage, was Vattenfall in Hamburg mit den verbleibenden Beschäftigten bzw. den verbleibenden Geschäftsfeldern macht.

Ohnehin plant der angeschlagene Konzern den Rückzug aus dem Deutschland-Geschäft. Nach Abzug der Netze-Sparte bleibt dem Konzern in Hamburg nicht mehr sonderlich viel: Das verlustträchtige Steinkohlekraftwerk Moorburg geht nächstes Jahr in Betrieb, das Heizkraftwerk Wedel, zwei abgeschaltete Atomkraftwerke in Brunsbüttel und Krümmel warten auf den Rückbau, Verkehrstechnik (Ampeln) und Straßenbeleuchtung, die Müllverbrennungsanlagen und noch diverse kleinere Bereiche und der Verwaltungs-Bereich (der auch für die Standorte Lausitz und Berlin Aufgaben verrichtet) verbleiben.

In jedem Fall gilt: Eine erfolgreiche Umsetzung des Volksentscheids – die Bürgerschaft und Senat jetzt zu organisieren haben – ist die vollständige Übernahme auch der Service-Gesellschaften und Co. Dazu muss die Stadt Hamburg, müssen sich Senat und Bürgerschaftsfraktionen, jetzt klar äußern.

PROBLEM: VATTENFALL ignoriert Ergebnis des Volksentscheids

Eines muss aber auch klar sein: Die Frage, wie es mit den Arbeitsplätzen bei Vattenfall – auch im Zusammenhang mit der Umsetzung des Volksentscheids – weiter geht, ist vor allem eine Entscheidung des Konzerns selbst. Vattenfall selbst kann für die Sicherheit der Arbeitsplätze den entscheidenden Beitrag leisten.

  1. Akzeptieren, dass  eine Mehrheit der HamburgerInnen sich gegen Vattenfall als Partner entschieden hat.
  2. Daher ein Verzicht auf eine erneute Bewerbung um die Konzession für das Stromnetz.
  3. Der Stadt Hamburg die Übernahme aller für den Netzbetrieb erforderlichen Geschäftsfelder und MitarbeiterInnen anbieten.

Das wird Vattenfall aber sicherlich nicht tun – und damit die Beschäftigten für seine wirtschaftlichen Interessen in Geiselhaft nehmen und weiterhin versuchen, mit einer Bewerbung um die Stromnetz-Konzession die demokratische Entscheidung der HamburgerInnen zu ignorieren. Verantwortlich dafür aber ist Vattenfall – und nicht der Volksentscheid!

Perspektive: Chancen der Energiewende

Es geht aber um mehr. Für die Energiewende in Hamburg und für die Beschäftigten. Nach dem erfolgreichen Volksentscheid besteht nun die Chance für Hamburg, die Energiewende in die eigene Hand zu nehmen und unabhängig von den wirtschaftlichen Interessen von Vattenfall und E.on neu zu definieren. Hamburg braucht jetzt einen Neustart – bei der Energiewende, bei der Wärmeversorgung, bei den Erneuerbaren Energien, bei Energieeinsparung, beim Klimaschutz… .

Dazu gehört zum Beispiel auch die Frage, ob und wie Hamburg über den Netzbetrieb hinaus mit dem bereits städtischen Unternehmen Hamburg Energie z.B. den Ausbau der Erneuerbaren Energien forcieren will – Kurs Stadtwerke in Zusammenarbeit mit Bürgern und unabhängigen Energiegenossenschaften. Hier liegen auch die Chancen für mehr Arbeitsplätze.

Mit dem Volksentscheid haben die HamburgerInnen einen klaren Auftrag formuliert: Senat und Bürgerschaft sollen nach der Rekommunalisierung der Netze eine „sozial gerechte, klimaverträgliche und demokratisch kontrollierte Energieversorgung aus erneuerbaren Energien“ herstellen.

Um das zu erreichen ist es nun erforderlich, die Debatte um die Perspektiven zu eröffnen. Das gilt nicht nur für Senat und Bürgerschaft. Das gilt auch und besonders für die Gewerkschaften, für Umwelt- und Sozialverbände, für die Branche der Erneuerbaren Energien und so weiter.

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