Hiroshima-Nagasaki: Eine Mahnung für Atomausstieg und Abrüstung

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Hubertus Zdebel, Bundestagsabgeordneter der Linken, vor Ort in Gronau vor der dortigen Uranfabrik beim diesjährigen Ostermarsch – gemeinsam mit einem Aktivisten aus Tanzania. Foto: Dirk Seifert

In der nächsten Woche jähren sich die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki zum 69. Mal. Anlass für die Anti-Atom- und Friedensinitiativen rund um die Urananreicherungsanlage im westfälischen Gronau, am kommenden Sonntag, den 3. August, eine Kundgebung unter dem Motto „Hiroshima und Fukushima mahnen – für eine Welt ohne Atomwaffen und Atomenergie“ durchzuführen. Auf der Kundgebung gibt es u. a. Redebeiträge der japanisch-deutschen Gruppen Sayonara Genpatsu Düsseldorf und Antiatom-fuku sowie von der DFG-VK. Vor Ort wird auch der Bundestagsabgeordnete Hubertus Zdebel von der Links-Fraktion sein, der heute mit einer Presseerklärung zur Teilnahme aufrief (siehe gleich unten).

Die Anti-Atom- und Friedensgruppen wollen mit „der Kundgebung …  ein klares Zeichen für das Verbot aller Atomwaffen und der Urananreicherung sowie für den Ausstieg aus der Atomenergie setzen. Hiroshima hat der Welt schlagartig klargemacht, welche Zerstörungskraft Atombomben besitzen. Genau 100 Jahre nach dem Beginn des 1. Weltkriegs und 75 Jahre nach dem Beginn des 2. Weltkriegs ist eine weltweite Ächtung von Atomwaffen aber noch immer in weiter Ferne.“ (Aufruf)

Hubertus Zdebel, Bundestagsabgeordneter, Fraktion Die Linke, Münster:  Die Opfer von Hiroshima mahnen uns: Nein zur Atomindustrie

„Am 6. August jährt sich zum 69. Mal der Jahrestag des Atombombenabwurfs über Hiroshima. Aus diesem Anlass wird der Münsteraner Bundestagsabgeordnete Hubertus Zdebel (DIE LINKE) am kommenden Sonntag an einer Gedenkkundgebung an Deutschlands einziger Urananreicherungsanlage in Gronau teilnehmen. In Hiroshima explodierte eine Atombombe mit angereichertem Uran.

Hierzu erklärt Hubertus Zdebel: „Es gibt in Deutschland kaum einen besseren Ort als Gronau und die Urananreicherungsanlage der URENCO, um die Mahnung und Verpflichtung zur atomaren Abrüstung zu unterstreichen. In Gronau kann grundsätzlich jederzeit nicht nur der Brennstoff für Atomkraftwerke in aller Welt hergestellt werden, sondern auch das angereicherte Uran, das für eine Atombombe geeignet ist.
Die Urananreicherung sei der einfachste Weg zur Atombombe, stellte Michael Sailer, Mitglied der Reaktor-Sicherheitskommission der Bundesregierung, im April 2013 fest.
Wer will, dass sich Ereignisse wie Hiroshima und auch Nagasaki nie wiederholen, muss die Atomenergienutzung auch zu vermeintlich friedlichen Zwecken endgültig beenden. Gerade die Urananreicherungsanlagen machen klar, dass sich militärische und vermeintlich zivile Nutzung nicht trennen lassen.

Die Uranfabrik in Gronau ist vom Atomausstieg nicht erfasst. In Gronau darf die URENCO weiterhin ohne jede zeitliche Befristung Brennstoff für Atomkraftwerke in aller Welt herstellen. Fast jedes zehnte AKW erhält von hier das Uran. Deutschland exportiert damit auch in Zukunft das Risiko von Atomkatastrophen wie in Tschernobyl und Fukushima. Das muss aufhören, die Uranfabrik Gronau muss endlich auf die Liste der stillzulegenden Atomanlagen, am besten sofort!

Doch statt Stilllegung dieser Anlage ist geplant, die URENCO-Anlagen zu verkaufen. Damit, so ist zu befürchten, wachsen die Risiken einer Weiterverbreitung dieser auch militärisch äußerst gefährlichen Technologie. Die Minderung der militärischen Risiken der Atomenergie erreicht man nicht durch einen Verkauf von solchen Anlagen, sondern nur wenn man sie endlich stilllegt!““

Hinweis: der Münsteraner Bundestagsabgeordnete Hubertus Zdebel wird an der Mahnwache in Gronau vor der URENCO-Anlage (Röntgenstraße) teilnehmen. Beginn ist am kommenden Sonntag, den 3. August um 13:30 Uhr, direkt vor der UUA in der Röntgenstraße in Gronau.

Die Nazis, die Uranmaschine und die deutsche Atombombe

Plakat zum Film: Geheimsache Nazi-Uran, Quelle: RBB
Plakat zum Film: Geheimsache Nazi-Uran, Quelle: RBB

Über die Entwicklung der Atomenergie im deutschen Faschismus werden in den letzten Jahren vermehrt Forschungsergebnisse veröffentlicht. Unter dem Titel „Geheimsache Nazi-Uran: Atomjagd in Brandenburg“ haben jetzt Thomas Claus und Maren Schibilsky einen Film gemacht, in dessen Zentrum die zum Degussa-Konzern (Karl-Heinz Roth, PDF) gehörenden Auer-Werke in Oranienburg stehen. Dort hat der Physiker Dr. Nikolaus Riehl daran gearbeitet, für die Atom-Forschung in Nazi-Deutschland ausreichende Mengen Uran herzustellen. Dr. Nikolaus Riehl war Uranmetallspezialist und Forschungsleiter der Auergesellschaft. Nach dem Zweiten Weltkrieg war er laut der beim RBB ausgestrahlten Dokumentation eine der Schlüsselfiguren für die Herstellung der ersten sowjetischen Atombombe.

UPDATE: 28.11.2013. Der gesendete Beitrag ist hier auf Youtube zu sehen.

Die Uranproduktion in Oranienburg löste einen der heftigsten Luftangriffe zum Ende des Zweiten Weltkriegs aus, weil die Streitkräfte der USA verhindern wollten, dass Nazi-Deutschland eine Atombombe entwickelt.

Riehl hatte in seiner Funktion mit allen Größen der deutschen Atomforschung zu tun. Darunter sowohl die Gruppe von Forschern rund um Heisenberg als auch die Gruppe um Kurt Diebner.

Siehe dazu ausführlich hier: Spurensuche: „Hitlers Bombe“ – Nazi-Forschung und Entwicklung an einer militärischen Nutzung der Atomenergie und ein Ausblick auf die Debatte um die Atombewaffnung in der jungen Bundesrepublik Deutschland der 50er Jahre.

Bereits vor einiger Zeit hatte der öffentlich-rechtliche Sender RBB über die Bedeutung der Auer-Werke unter diesem Titel berichtet: Die Atombombe kam aus Deutschland – Ein Bericht von RBB.

Die NZZ zu Uranmaschine oder Bombe? aus dem Jahr 2001.

Schwierige Spurensuche

Die Spurensuche über die Nazi-Geschichte zur Atomforschung ist äußerst schwierig. Einerseits weil alle beteiligten deutschen Forscher natürlich nach dem Zweiten Weltkrieg daran interessiert waren, in einem möglichst unverdächtigen Bild zu erscheinen. Zwar wird von niemanden bestritten, dass es ein massives Interesse Nazi-Deutschlands an der neuen Super-Waffe, also der Atombombe, gegeben hat. Allerdings gibt es keinen beteiligten Forscher, der einräumt, daran gearbeitet zu haben. Aber es liegt auch auf der Hand, dass im Nachkriegs-Deutschland keiner der Forscher bereit war, derartiges einzuräumen.

Sicher: Es gab Atomforscher, denen eine Nazi-Atombombe eine Horror-Vorstellung war und die deshalb Probleme in den Vordergrund stellten und möglicherweise die Entwicklungsarbeiten damit erheblich behinderten. Auch waren die Kriegsverhältnisse derart, dass die Forschung und Entwicklung durch den Mangel an Ressourcen, durch Bombenangriffe, durch Sabotage und anderer Gründe, den Bau einer Bombe erheblich erschwerten. Klar dürfte aber auch sein: Niemand von denen, die im deutschen Faschismus als überzeugte Nazis an der Bombe geforscht haben, hätten dies nach 1945 öffentlich eingestanden.

Hinzu kommt ein weiteres großes Problem für die Forschung zu diesem Thema: Sowohl amerikanische als auch sowjetische Interessen an der Entwicklung der Atombombe (und die Angst vor einer deutschen Atombombe) sorgten schon während der letzten Kriegsmonate dafür, dass Spezial-Kommandos gezielt Einrichtungen zur Atomforschung aufspürten, die beteiligten WissenschaftlerInnen festsetzten bzw. verhörten, ihre Unterlagen beschlagnahmt wurden und auch Uranerz und Thorium soweit möglich abtransportiert wurden. Das zeigt die neue Dokumentation auf. Dabei versuchten die Amerikaner auch zu verhindern, dass deutschen Knowhow und Material in die Hände der Sowjetunion fiel (- und umgekehrt).

Diese beiden Umstände sorgen mit dafür, dass die Rekonstruktion der deutschen Atomforschung und die Frage, wie weit die Forschung an einer Atombombe wirklich war, äußerst schwierig ist.

Rainer Karlsch hatte 2005 in dem o.g. Buch „Hitlers Bombe“ eine Vielzahl von neuen Quellen und Hinweisen veröffentlicht. Gestützt auf Quellen aus alten Stasi-Unterlagen und russischen Quellen hatte er dabei versucht aufzuzeigen, dass die deutsche Forschung möglicherweise weiter war, als bislang angenommen. Dabei hatte er auf Experimente der Forschergruppe um Kurt Diebner verwiesen. Das Buch löste heftige, oft ablehnende Reaktionen aus. Die Diskussion um das Buch sowie eine Vielzahl von Quellen und Verweisen sind in dem oben genannten Artikel zu finden. Siehe auch hier: Entwicklung der Atombombe in Deutschland (PDF)

Das Buch „Hitlers Bombe“ ist im Handel heute nicht mehr erhältlich und kann nur über Antiquariate oder Bibliotheken bezogen werden. Als PDF ist es auf einem offenbar russischen Server hier zu lesen.

 

Atomprogramm des Iran: Mit oder ohne Bombe?

Die Weltmächte feiern ein Abkommen mit dem Iran, mit dem ein erster wichtiger Schritt unternommen worden sein soll, dass das Land keine Atombomben herstellen kann. Der Iran baut derzeit das Potential auf, mit dem grundsätzlich der Zugriff auf eine Atombombe möglich wird. Der Iran behauptet, dass er an einer militärischen Nutzung der Atomanlagen nicht interessiert sei, sondern diese Anlagen lediglich zu Forschungszwecken und zur Stromproduktion bauen und betreiben will. Zweifel daran sind aus einer Vielzahl von Argumenten mehr als berechtigt.

Auf das Verhandlungsergebnis hat es bereits unmittelbar heftige Kritik gegeben und Zweifel, ob das Abkommen wirklich dazu führt, den Iran an der Entwicklung einer Bombe wirksam zu hindern.

Technisch sind zivile und militärische Nutzung nicht zu trennen. Für viele Anlagen besteht grundsätzlich der „Dual-Use“. Auch Deutschland verfügt über derartige Anlagen, wie z.B. die Urananreicherungsanlage der URENCO im westfälischen Gronau. Mit dem internationalen Vertrag von Almelo und unter diesem Regime durch IAEO und Euratom durchgeführte Kontrollen soll verhindert werden, dass in derartigen Anlagen Uran zur Herstellung von Waffen angereichert werden kann.

Klar ist eins: Der Betrieb von Forschungsreaktoren (in Verbindung mit einer Wiederaufarbeitungstechnik) ebenso wie die Verfügung über Urananreicherungs-Technik bedeutet im Klartext, dass ein Land damit über die Fähigkeit zum Bau von Atomwaffen verfügt.

Zwei Wege gibt es, um Atomwaffen herzustellen. Einen guten Überblick über die technischen Möglichkeiten und die Situation im Iran gibt das Hamburger Abendblatt in diesem Artikel von Hans Rühle, Wehrexperte und von 1982 bis 1988 Leiter des Planungsstabes im Bundesverteidigungsministerium.

Die Uranbombe über die Anreicherung in Zentrifugen

Einmal durch den Bau und Betrieb von Gas-Zentrifugen, in denen natürliches Uran angereichert werden kann, bis es auch für den Bau einer Uran-Atombombe nutzbar wäre. Um Uran in Atomkraftwerken als Brennstoff verwenden zu können, muss das spaltbare Uran235 auf einen Anteil von um die fünf Prozent gebracht werden. Offenbar hat der Iran aber bereits auch Uran235 auf rund 20 Prozent angereichert, um es – was international nicht unüblich wäre – für den Einsatz in Forschungsreaktoren verwenden zu können. Für den Bau einer „guten“ Uranbombe wäre eine Anreicherung von 80 und mehr Prozent anzustreben. Die Technik ist im Iran grundsätzlich vorhanden.

Die Plutoniumbombe über die Wiederaufarbeitung

Der zweite Weg zur Atombombe geht über Plutonium. Dieses muss in Reaktoren erbrütet werden. Dazu soll im Iran offenbar der im Bau befindliche, allerdings wohl weit fortgeschrittene, Reaktor in Arak dienen. Im Reaktor wird durch die Spaltung der Uran-Brennelemente vermehrt Plutonium erzeugt. Dieses muss nach dem Reaktoreinsatz dann allerdings noch per Wiederaufarbeitung aus den Brennelementen in einem sicherheitstechnisch aufwändigen (und gefährlichen) Verfahren chemisch heraus gelöst werden. Erst danach wäre das für den Bombenbau erforderliche Plutonium239 „einsatzbereit“.

Der jetzt vereinbarte Vertrag mit dem Iran hat eine Laufzeit von sechs Monaten. In dieser Zeit soll ein weiteres, grundsätzliches Abkommen erarbeitet werden, das dem Iran den Bau und Betrieb von Atomkraftwerken zur Stromproduktion erlaubt, ihn aber am Bau von Atomwaffen hindern soll.

Das Dokument ist hier bei der US-Regierung online: Das Atom-Abkommen mit dem Iran – whitehouse.gov

Laut Tagesschau.de umfasst das jetzige Abkommen folgende Punkte (dort ist auch eine Karte mit den Standorten der Anlagen zu sehen):

Urananreicherung: Der Iran darf weiter Uran bis zu fünf Prozent anreichern, aber nicht darüber hinaus. Der gesamte existierende Vorrat an stärker – bis zu 20 Prozent- angereichertem Uran muss unter eine Schwelle von fünf Prozent abgeschwächt, vernichtet oder so verändert werden, dass er nicht mehr angereichert werden kann. Auch die Bestände an gering (bis zu 3,5 Prozent) angereichertem Uran dürfen nicht erhöht werden.

Zentrifugen: Es dürfen keine zusätzlichen Zentrifugen jeglicher Art oder Zentrifugen der nächsten Generation zur Urananreicherung installiert werden. Rund die Hälfte der Zentrifugen in der Atomanlage von Natans und drei Viertel der Zentrifugen in der unterirdischen Anlage Fordo werden stillgelegt. Die Erweiterung existierender oder der Bau neuer Urananreicherungsanlagen sind verboten.

Reaktoren: Der Schwerwasserreaktor Arak darf nicht in Betrieb genommen werden. Arbeiten an Brennstoffen für den Reaktor sind einzustellen. In Arak könnte Plutonium hergestellt werden, das für Bomben nutzbar wäre.

Inspektionen: Inspektoren der Internationalen Atomenergie-Behörde IAEA sollen täglichen Zutritt zu den Urananreicherungsanlagen Natans und Fordo erhalten. Der Iran gewährt ihnen außerdem Zugang zu Zentrifugen-Fabriken sowie einer Reihe anderer Anlagen und stellt ihnen Bauunterlagen für den Reaktor Arak zur Verfügung.“

Spurensuche: „Hitlers Bombe“ – Nazi-Forschung und Entwicklung an einer militärischen Nutzung der Atomenergie und ein Ausblick auf die Debatte um die Atombewaffnung in der jungen Bundesrepublik Deutschland der 50er Jahre.

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Gab es eine atomare Nazi-Bombe. Ein Buch und viele Hinweise…

Hatte Hitler die Atombombe? Wie war der Stand der Forschung und Entwicklung in Sachen Atomenergie im Faschismus? Gab es eine „Explosion mit Kernenergiefreisetzung“? Und was wurde aus diesem Nazi-Wissen über die Atomspaltung in den frühen Jahren der Bundesrepublik Deutschland? Wie waren die politischen Interessen zu einer deutschen Atombombe im Nachkriegs-Deutschland?

Zu diesen Fragen hat es in den letzten Jahren neue Erkenntnisse gegeben, die zeigen, dass die Forschung und Entwicklung in Nazi-Deutschland offenbar weiter war, als früher angenommen. Und sie zeigen auch, dass in der Bundesrepublik Deutschland unter dem Bundeskanzler Adenauer und dem Atom- und Verteidigungsminister F.J. Strauß das Streben nach einer deutschen Atombombe vorhanden war. Dabei waren Atomforscher beteiligt, die schon unter Hitler an dem Projekt gearbeitet haben.

Waren früher die „großen“ Forscher um Heisenberg, von Weiszsäcker, Hahn und andere im Mittelpunkt des Interesses, zeigen neuere Arbeiten, dass die „zweite Garde“ um Kurt Diebner, Erich Bagge und andere möglicherweise „praktischere“ Ergebnisse erzielt haben, auf dem Weg zu einer Nazi-Bombe.

Im Folgenden soll ein (grober) Überblick über einige Erkenntnisse zum deutschen Griff nach der Atombombe zwischen Faschismus und früher BRD erfolgen.

UPDATE 7/1/2015 –  Mehr zum Thema:

„Hitlers Bombe“

Unter diesem Titel erschien 2005 das Buch von Rainer Karlsch mit der Unterzeile: Die geheime Geschichte der deutschen Kernwaffenversuche. In dem Kurztext heißt es: „Unter Aufsicht der SS testeten deutsche Wissenschaftler 1944/45 auf Rügen und in Thüringen nukleare Bomben. Dabei kamen mehrere hundert Kriegsgefangene und Häftlinge ums Leben. Nach jahrelanger Recherche entschlüsselte der Berliner Historiker Rainer Karlsch eines der größten Rätsel des Dritten Reiches. Neben Belegen für die Kernwaffenversuche fand er auch einen Entwurf für ein Plutoniumbombenpatent aus dem Jahr 1941 und entdeckte im Umland Berlins den ersten funktionierenden deutschen Atomreaktor.“

Karlsch veröffentlicht in seinem Buch eine Vielzahl neuer Daten und legt dar, dass Nazi-Deutschland in Sachen Atomforschung möglicherweise erheblich weiter war, als bislang angenommen. Kein Wunder, dass das Buch eine große (Medien)Reaktion auslöste:

Einen Überblick und einige Rezensionen und Texte – u.a. ein Interview mit Karlsch im Magazin Aspekte und ein Artikel von Sebastian Pflugbeil im Strahlentelex – sind hier zu finden.

Für eine scharfe Kontroverse sorgte die These, „deutsche Physiker und Militärs hätten noch vor Kriegsende gleich drei Nuklearwaffentests durchgeführt, einen auf Rügen im Herbst 1944 und zwei in Thüringen im März 1945. Bis zu 700 Tote seien zu beklagen gewesen.“ (Spiegel, zitiert nach Quelle).

Der Spiegel macht die Bedeutung dieser These klar: „Sollte diese These stimmen, müsste Geschichte neu geschrieben werden. Denn seit die Alliierten die Labors des „Dritten Reiches“ besetzten und die führenden Kernphysiker um das Jahrhundertgenie Werner Heisenberg und seinen Mitarbeiter Carl Friedrich von Weizsäcker verhörten, gilt als gesichert, dass Hitlers Forscher von einer Atomexplosion weit entfernt waren.“

Am Abend des 4. März 1945 soll auf dem Truppenübungsplatz bei Ohrdruf, südwestlich von Erfurt in Thüringen, ein Test stattgefunden haben, bei dem es zu einer thermonuklearen Explosion gekommen ist. Ein heller Blitz soll beobachtet worden sein: „Es war alles sehr kurz, und wir konnten dann alle nichts sehen, wir merkten nur, daß es eine mächtige Sturmbö gab, aber dann alles ruhig war. Ich wie auch viele Einwohner von Röhrensee, Holzhausen, Mühlberg, Wechmar und Bittstädt hatten am anderen Tag oft Nasenbluten, Kopfschmerzen und auch einen Druck auf den Ohren“, berichtet Cläre Werner 1962 vor Kultur- und SED-Funktionären.

Ein anderer Zeuge, Heinz Wachsmut, berichtete ebenfalls 1962, dass er als Häftling unter dem Sonderkommando der SS am 5. März zu einem Einsatz musste: „Die Fahrt ging nach Röhrensee, dort waren einige SS-Ärzte tätig, da eine große Anzahl von Bewohnern Kopfschmerzen hatte und Blut spuckte. Wir waren dort falsch und wurden sofort nach Gut Ringhofen bei Mühlberg gebracht. Dort wurde uns gesagt, wir müssen Holzhaufen am Waldrand errichten, ca. 12×12 m und nur höchstens 1 m hoch, dazu mußten wir Vollschutz tragen, auch unsere Häftlinge. Am Waldrand sahen wir schon einige Haufen von Menschenleichen, die wohl ehemalige Häftlinge waren. Die Menschen hatten alle absolut keine Haare mehr, teils fehlten Kleidungsteile, sie hatten aber auch zum Teil Hautblasen, Feuerblasen, nacktes rohes Fleisch, teilweise waren einige Teile nicht mehr vorhanden. SS und Häftlinge brachten die Leichen an. Als wir die ersten sechs Haufen fertig hatten, wurden die Leichen darauf gelegt, je Haufen ca. 50 Stück, und Feuer gelegt. Wir wurden zurückgefahren. Im Gut mußten wir den Schutz und unsere gesamte Kleidung ausziehen. Diese wurde ebenfalls sofort von der SS angezündet, wir mußten uns waschen und erhielten neue Kleidung und neuen Schutz, dazu jeder eine Flasche Schnaps, auch unsere Häftlinge. Ein hoher SS-Mann sagte mir, es habe da oben eine große Stichflamme gegeben gestern, man hat etwas neues gemacht, davon wird die ganze Welt sprechen, und wir Deutschen sind die ersten. Leider sei dabei einiges nicht so gelaufen wie geplant und einige Nichtsnutze habe man weniger.“ Beide Zitate finden sich hier in einem Text von Sebastian Pflugbeil auf der Seite Nuklear Free, sie sind offenbar Original-Zitate aus dem Buch: Edgar Mayer und Thomas Mehner: Die Atombombe und das Dritte Reich, Kopp-Verlag, Rottenburg a.N. 2002.)

Und in der Zeit (siehe unten mehr dazu) schreibt Helmut Meier: „Karlsch ist es jedoch gelungen, ein zeitnahes Schreiben der sowjetischen Militäraufklärung aufzutun. Generalleutnant Iljitshov informierte Stalin mit Datum vom 23. März 1945 über zwei große Explosionen in Thüringen: Vom Zentrum der Explosion wurden Bäume bis zu einer Entfernung von … 600 Metern gefällt. Von Kriegsgefangenen, die sich im Explosionszentrum befunden hätten, sei keine Spur geblieben. Und: Die Bombe enthält vermutlich U235 und hat ein Gewicht von zwei Tonnen.“ (Meier verweist an dieser Stelle auf Widersprüche: „Eine Atombombe von zwei Tonnen hätte eine wesentlich größere Zerstörung zur Folge haben müssen. Umgekehrt hätten zwei Tonnen konventionellen Sprengstoffs keine Auswirkungen von den Ausmaßen bewirken können, wie sie durch den Geheimdienst und die Augenzeugen verbrieft sind.“)

Sebastian Pflugbeil berichtet auf Nuclear-Free weiter: „Karlsch ist es sogar gelungen, in Moskau Berichte des russischen Geheimdienstes auszugraben, in denen über den 4. März 1945 berichtet wird. Der russische Vater der Atombombe, Kurtschatow, hat sich damit beschäftigt und Stalin informiert – die Berichte passen sehr gut zu den oben zitierten Augenzeugenberichten.“

Dazu schreibt auch Wolfgang G. Schwanitz vom Deutschen Orient-Institut Hamburg in einer Rezension über das Buch von Karlsch: „Rainer Karlsch gab seinem Buch sieben Dokumente bei, darunter Igor V. Kurchatovs Meinung zum Text „Über eine Deutsche Atombombe“. Parallel, das möchte ich durch die angefügte Meldung aus Washingtons Nationalarchiv ergänzen, erhielten die Amerikaner ähnliche Informationen.“ (Diese Meldung ist unter dem o.g. Link online nachzulesen) „Wie die von mir dort 1998 gefundene und hier unten abgebildete geheimdienstliche Erkenntnis zeigt, würde energisch zur „atomaren Explosion“ geforscht. Die SS, Orte nahe Berlins und in Böhmen sowie die Bayer und IG Farben AG werden darin genannt. Das mit Januar 1945 datierte Blatt trägt ein zweites Datum, der 20. März 1945. Zehn Tage später verfasste Kurchatov, Leiter des sowjetischen Atomprojektes, jene Stellungnahme für Stalin, die Karlsch fand. Kein Zufall, dass es sowohl sowjetische als auch amerikanische Berichte dazu im März 1945 gab. Nun gilt es nicht nur zu prüfen, inwieweit sie den Tatsachen entsprachen, sondern was noch überliefert ist, denn es gab wohl nicht nur diese Meldung.“

KurtDiebner
Kurt Diebner, Atomforscher seit Nazi-Tagen

Wichtig ist, dass es sich bei der Explosion nicht um eine Atombombe gehandelt haben kann, wie sie später von den USA über Hiroshima gezündet wurde. Schwanitz beschreibt das: „Doch, so Karlsch, sei dieser Test vom März nicht mit dem in Amerika im Juni 1945 zu vergleichen: den Deutschen fehlte es am spaltbaren Material. Sie gingen daher einen technologischen Nebenpfad. Ihn beschritt unter dem Reichsführer der SS Himmler und Rüstungsminister Speer eine Physiker-Gruppe um Kurt Diebner, Walther Gerlach und SS-General Hans Kammler. Während letzterer die Absicherung stellte, war Diebner seit 1939 ehrgeiziger Leiter des Referats Atomphysik im Heereswaffenamt und Organisator der deutschen Nuklearforschung. In der bisherigen Forschung galt er nur als Randfigur wie auch Gerlach, den Hermann Göring Ende 1943 mit der entsprechenden Forschung beauftragt hatte. Sie brachten in Ohrdruf eine unterkritische Masse in einer Bombe nach dem Hohlladungsprinzip zur Explosion. Dabei wurde wohl eine Urankugel durch das synchrone Zünden vieler Sprengsätze zur Kritikalität verdichtet. Ströme an Neutronen schossen auf den Spaltstoff. Hier bleibt offen, wie genau die superkritische Anordnung erzielt wurde. Karlsch vergleicht es mit einer taktischen Kernwaffe. Ein nuklearer Ablauf, der neben Hitze und Druck radioaktive Strahlung freisetzt und Konventionelles übertrifft. Dieser Strahleneffekt gleiche dem der Neutronenwaffe. Diebners Leute wussten, dass es keine kontinuierliche Kettenreaktion würde, sonst hätte ihre Ortswahl zur Katastrophe geführt. Sie kannten den Wirkungsradius aus einem früheren Nukleartest, der auch ans Licht gebracht wird. Er lief im Sperrgebiet der Halbinsel Bug auf Rügen am 12. Oktober 1944 ab. Für Mussolini ließ Hitler dort Luigi Romersa zu. Dem italienischen Journalisten, der heute noch befragt werden kann, sagte Joseph Goebbels zuvor, acht Monate dauere die Produktion dieser Bomben, die gegen Russland eingesetzt werden sollen. Romersa sah nach dem Lichtblitz Bäume zerbrochen, Versuchstiere verkohlt und Attrappen-Häuser verschwunden.“

Weiter ist bei Schwanitz zu den Quellen von Karlsch zu lesen: „Dies führte ihn über Akten der Arnstadter Stasi bis dicht an Atomtests in Ohrdruf heran. Heisenbergs erwähnte Rede, die als verschollen galt, fand er in einem Moskauer Archiv. Dort sah er Spionageberichte über geheime Tests der SS ein.“ Und er berichtet über einen weiteren Text: „Kurz nach dem zweiten Ohrdrufer Kerntest vom 12. März 1945 hieß es: Zwei Explosionen gab es dort. Innerhalb eines halben Kilometers wurde alles zerstört. Von Gefangenen im Zentrum war keine Spur mehr. Die Bombe, wohl mit Uran 235, sei eine 130-Zentimeter-Kugel. Mächtige Detonationswelle. Hohe Temperaturen, stark radioaktiver Effekt. Nazis könnten „unsere Offensive“ bremsen. Man weihte Stalin ein. Als ihm Harry S. Truman später in Potsdam vom US-Nukleartest erzählte, so Karlsch, wusste es der Kremlchef durch Spione besser als der Amerikaner selbst.“ (Wolfgang G. Schwanitz: Rezension zu: Karlsch, Rainer: Hitlers Bombe. Die geheime Geschichte der deutschen Kernwaffenversuche. München 2005, in: H-Soz-u-Kult, 20.05.2005.)

Nach Karlsch hatte eine Forschergruppe um den Physiker Kurt Diebner sich die bisherigen Arbeiten von Erich Schumann zunutze gemacht. Erich Schumann war bis 1944 Chef der Forschungsabteilung des Heereswaffenamts. „Im Nachlass Schumanns hat Karlsch Unterlagen aus der Nachkriegszeit gefunden. Der ehemalige Professor für Physik schrieb darin, dass er bereits 1944 einen Weg gefunden habe, mit konventionellem Sprengstoff ausreichend hohe Temperaturen von mehreren Millionen Grad Celsius und extreme Drücke zu erzeugen, um eine Kernfusion einzuleiten. Auf diesem Prinzip beruht die Wasserstoffbombe.“ (Spiegel 2005) Seine Forschungsergebnisse soll Schumann im Herbst 1944 auf einer Konferenz veröffentlicht haben. Praktische Versuche soll er allerdings nicht unternommen haben.

Eine im klassischen Sinn übliche Atombombe (Hiroschima, Nagasaki) ist dabei nicht gemeint. Dafür fehlte es im Faschismus an entsprechend großen Mengen von angereichertem Uran (bzw. Plutonium). Deswegen hatte sich die Atomforschung im Nazi-Deutschland auf eine andere Variante konzentriert: Mit konventionellem Sprengstoff sollte eine Kernverschmelzung erreicht werden. Dazu waren besondere Bedingungen erforderlich: „Während des Zweiten Weltkriegs hatten Sprengstoffexperten mit Hohlladungen experimentiert; ausgehöhlte Sprengkörper besitzen eine ungewöhnliche hohe Durchschlagskraft. Der Erfolg der Panzerfaust beruht auf diesem Effekt, den sich Schumann zunutze machen wollte. Er (Schumann) ging davon aus, dass ausreichend Energie für eine Kernverschmelzung frei würde, wenn man unter besonderen Bedingungen zwei Hohlladungen gegeneinander richtete.“ (Spiegel 2005)

Interessanterweise berichtet der Spiegel bereits im März 1957 (Ausgabe 12/57) über derartige Experimente. Auf einer internationalen Konferenz zum 10. Jahrestag des Abwurfs der Atombombe auf Nagasaki in Genf war bekannt geworden, dass sowjetische und us-amerikanische Forscher streng geheim an einer neuen Bombe arbeiteten: Der Wasserstoffbombe. Anders als bei der Uranbombe, bei der die Kerne gespalten werden, basiert die Wasserstoffbombe auf der Fusion.

Der Spiegel berichtet in dem Artikel, dass auch deutsche Forscher an der Lösung des Problems arbeiten würden: „Kürzlich erst sickerten Meldungen aus der Sowjet-Union durch, daß russische Forscher ein ähnliches Projekt vorantreiben, und Anfang des Monats gaben auch deutsche Atomforscher in Hamburg bekannt, daß sie an der Lösung des Problems arbeiten – eine Tatsache, die Deutschlands Tageszeitungen zu verfrühten Schlagzeilen verführte („Eine deutsche Atom-Sensation“ – „, Heiße Westentaschensonne Gegenstück zur russischen ,Kalten Sonne'“).“ (Spiegel 1957)

Bereits damals ist der Physiker Kurt Diebner im Zentrum der Meldungen. Der Spiegel berichtet im Jahr 1957 weiter: „Die Meldungen der deutschen Tageszeitungen vermittelten den Eindruck als habe der Hamburger Physiker Dr. Kurt Diebner das Problem, die Sonne auf Erden scheinen zu lassen, schon weitgehend gelöst. Aber der deutsche Atomforscher, der heute die Durag-Apparatebaufirma leitet, hat sich zunächst ein viel bescheideneres Ziel gesteckt: Er will kurzzeitig hohe Temperaturen erzeugen, wie sie auch im Sterninnern herrschen, also dort, wo sich die wärmespendenden Verschmelzungsprozesse abspielen.“ (Spiegel 1957)

Wichtig dabei ist: Für eine Fusionsbombe braucht es deutlich weniger Uran. Der Spiegel weiß damals zu berichten: “Anders dagegen verhält es sich bei der H-Bombe. In ihr entsteht Energie nicht durch Spaltung, sondern durch Verschmelzung von Atomen, so daß keine langlebigen radioaktiven Abfälle entstehen. Vor allem aber ist der Brennstoff der H-Bombe – schwerer Wasserstoff – in beinahe unerschöpflichen Mengen vorhanden, jede Tonne Meerwasser enthält etwa 30 Gramm. Von der amerikanischen Atomenergiekommission wird er je Gramm für. 1,30 Mark verkauft. Bei der Verschmelzung der Atome eines einzigen Grammes wird soviel Energie frei, wie durch das Verbrennen von zwei Tonnen Kohle.“ (Spiegel 1957)

Was dann der Spiegel 1957 schreibt, ist vor dem Hintergrund der neueren Forschung ein deutlicher Hinweis: „Schon während des letzten Krieges hatte er (Diebner) mit diesen Experimenten begonnen. 1939 hatte er dem Heereswaffenamt vorgeschlagen, die Uranspaltung, die Professor Otto Hahn damals gerade entdeckt hatte, für Kriegszwecke nutzbar zu machen.

Neben seiner Tätigkeit im deutschen „Uranverein“ – wie die Atomforschergruppe während des Krieges hieß – war Diebner als physikalischer Berater des OKH (Ober-Kommando-Heer) mit Sprengstofffragen beschäftigt gewesen und hatte an der Entwicklung der Panzerfaust Anteil. In ihr war das Prinzip der Hohlladung angewandt worden: In der Sprengladung war ein trichterförmiger Hohlraum ausgespart, so daß sich die Detonationswelle auf einen Punkt konzentrierte. In diesem Punkt wurden Temperaturen von enormer Höhe erreicht. Diebner überlegte: Konnte man diese Hitzegrade nicht zur Verschmelzung von schwerem Wasserstoff benutzen? „Ich kam auf den Trichter“, erinnert sich Diebner, „eine Hohlkugel aus Sprengstoff mit schwerem Wasser zu füllen.“

Erich Rudolf Bagge
Erich Rudolf Bagge

Aber der gewaltige Knall der Detonation der Kugel von etwa 40 cm Durchmesser brachte nicht das gewünschte Ergebnis. Zusammen mit dem Hamburger Atomforscher Professor Dr. Erich Bagge, möchte Diebner diese Forschungen jetzt wieder aufnehmen.

„Es gibt da einen Dreh“, meint Professor Bagge, „durch den wir die Temperatur noch erheblich erhöhen können.“ Er hofft durch diesen Kunstgriff, über den er sich nicht näher äußern will, so hohe Hitzegrade bei der Detonation eitler [einer] Hohlladung erzielen zu können, daß die Verschmelzung von schwerem Wasserstoff in Gang kommt. Die deutschen Babcock-Werke haben sich bereit gefunden, die geplanten Versuche der beiden Hamburger Atomforscher zu unterstützen. Die beiden Physiker nähren sogar die kühne Erwartung, daß man ihr geplantes Wasserstoffbombenbaby dereinst zur Erzeugung von nutzbarer Energie verwenden könne.“ (alles zitiert nach: Spiegel 1957)

Angaben, wann genau es zu dem „gewaltigen Knall“ kam und was genau dabei explodierte macht der Spiegel nicht.

Debatte: Was ist explodiert? Quellen, Zeugen, Indizien und Spuren.

Nach der Veröffentlichung des Buches von Karlsch kommt es zu einer heftigen Debatte, in der die Frage gestellt wird, was wirklich in Ohrdruf explodiert ist und in der die Quellenbasis angezweifelt wird. Der Debatte gibt die Wochenzeitung Die Zeit in Pro- und Contra-Beiträgen viel Platz. Allerdings bezweifelt das Blatt nicht, dass es in Ohrdruf zu einer Explosion gekommen ist: „Was explodierte im März 1945 im thüringischen Ohrdruf? Eine deutsche Kernwaffe, behauptet der Historiker Rainer Karlsch in seinem Buch »Hitlers Bombe«. Indizien stützen seine These. Reichen sie für einen Beweis?“

Zwei Debattenbeiträge sind online:

Pro: Helmut Maier, arbeitet im Forschungsprogramm »Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Nationalsozialismus« der Max-Planck-Gesellschaft. Als Wissenschaftshistoriker hat er sich dabei auf die Rüstungsforschung spezialisiert. Rainer Karlsch hat sich während seiner Buchrecherche mit ihm beraten: Kettenreaktion der Geschichte –Pro.

Contra: Gero von Randow ist Publizist, Autor und Redakteur der Hamburger Wochenzeitung Die Zeit: Kettenreaktion der Geschichte – Contra.

Auch die FAZ widmet sich ausführlich dem Thema. Zur Frage, ob bzw. was genau in Ohrdruf explodiert ist, schreibt Ulf von Rauchhaupt am 14. März 2005.  Zunächst schreibt er zu Karlsch: „Dabei ist der Titel irreführend. Karlsch behauptet an keiner Stelle, das Dritte Reich hätte das Rennen um die Nutzung der Kernspaltung doch gewonnen oder die Wehrmacht habe über eine Kernwaffe verfügt. Er sagt nicht, daß es „Hitlers Bombe“ gab. Er sagt nur, daß an ihr gebastelt wurde. Aber schon das ist starker Tobak.

Nun geht Karlsch noch ein Stück weiter, indem er behauptet, jene Bastelei sei erschreckend weit gediehen gewesen. Demnach wurde um die Jahreswende 1944/45 im Dorf Gottow bei Kummersdorf südlich von Berlin ein Kernreaktor zum Laufen gebracht.

Außerdem habe es Anstrengungen gegeben, Fusionsreaktionen – wie sie in Wasserstoffbombenexplosionen stattfinden und dort mit Atombomben gezündet werden – durch sogenannte Hohlladungen auszulösen. Das sind speziell geformte konventionelle Sprengladungen, wie sie etwa in einer Panzerfaust verwendet werden.

Schließlich seien im Oktober 1944 auf Rügen und im März 1945 auf dem Truppenübungsplatz Ohrdruf in Thüringen Explosionen gezündet worden, bei denen zumindest in einem Fall Kernenergie frei wurde. Dabei sollen Hunderte ums Leben gekommen sein.

All dies steht ziemlich quer zu dem, was man bis dato über die Kernforschung im Hitlerreich zu wissen glaubte.“

Rauchhaupt setzt sich mit weiteren Aspekten auseinander, wägt die Hinweise und Quellen ab, würdigt sie mit Blick auf andere Historiker. Die Frage, „die er (Karlsch) sich jetzt gefallen lassen muß, lautet: Haben seine neuen Indizien die Qualität außergewöhlicher Beweise für die vorgebrachten Thesen?

Im Moment kann das am ehesten Mark Walker beurteilen – auch, weil er einer der wenigen Historiker ist, die das Buch bisher ganz lesen konnten. Walker ist Professor am Union College in Schenectady, New York, und hat mit seiner Dissertation, die auf deutsch 1992 unter dem Titel „Die Uranmaschine“ herauskam, das maßgebliche Werk zum Thema vorgelegt.

Im Mittelpunkt stehen die Physiker um Werner Heisenberg, was viel mit der Datenlage zu tun hatte: Heisenberg war der prominenteste deutsche Physiker, der nicht vor den Nazis geflohen war, und einer der besten Theoretiker seiner Zeit. Für die Sieger war er der Kopf der deutschen Kernforschung, sein letztes Reaktorlabor im württembergischen Haigerloch fiel 1945 den Amerikanern in die Hände.

Bei Rainer Karlsch geht es aber nicht um Heisenberg, sondern um Aktivitäten, von denen dieser wohl kaum etwas wußte. Und was der Berliner da herausgefunden hat, beeindruckt Walker: „Karlsch hat eine neues Kapitel der Geschichte der Kernwaffenforschung im Dritten Reich geschrieben.“

So kann Karlsch klar belegen, daß auch andere, bisher als randständig angesehene Gruppen handfeste Kernforschung betrieben und daß eine davon deutlich weiter kam, als man bisher dachte: die Physiker der Heeresversuchsanstalt in Gottow unter der Leitung von Kurt Diebner.“

Gegen die Vorwürfe gegen Karlsch, stellt stellt der FAZ Autor fest: „Andererseits ist schon länger bekannt, daß Diebners Reaktoranordnung in Gottow besser lief als die Heisenbergs und daß dieser nur zögerlich auf Diebners Konzept umschwenkte. Ein Brief, den Karlsch in Moskau fand, zeigt, daß Diebner noch im November 1944 erfolgreich experimentierte und seine Versuche mitnichten schon im Frühjahr 1944 einstellte, wie man bisher dachte.“

Unterstützung bekommt Karlsch auch hier: „Die Frage, ob die Bemühungen Diebners, Gerlachs und anderer einer kerntechnischen Waffe galten, beantwortet Karlsch mit einem klaren „Ja“. Unter der Ägide der SS gab es im letzten Kriegsdrittel so etwas wie ein deutsches Kernwaffenprogramm. Das ist, wie gesagt, eine außergewöhnliche Behauptung.

Aber nicht nur Mark Walker akzeptiert das vorgebrachte Beweismaterial. „Es haben offenbar viele Leute an einer Atombombe gebastelt“, sagt auch Dieter Hoffmann vom Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin. Hoffmann hat die Abhörprotokolle herausgegeben, die entstanden, als die führenden Köpfe der deutschen Kernphysik, darunter Hahn, Heisenberg, von Weizsäcker, Diebner und Gerlach, 1945 auf dem englischen Landsitz Farm Hall interniert waren.“

Entscheidend bleibt aber die Frage, was eigentlich genau in Ohrdruf explodiert ist. So heißt es in der FAZ: „Besonders ärgerlich ist, daß Karlsch es grundsätzlich für möglich hält, mittels Hohlladungen Fusionsreaktionen zu zünden. Offenbar hat er einige seiner physikalischen Berater tatsächlich so verstanden, daß eine sogenannte „Trägheitsfusion“ allein mit konventionellem Sprengstoff nicht ausgeschlossen ist.

Zumindest einer dieser Berater aber, Ulrich Schmidt-Rohr aus Heidelberg, hat Karlsch nach eigener Aussage ausführlich erklärt, daß das schlicht und ergreifend nicht geht: „Mit einer Panzerfaust erreichen Sie Drücke von einer halben Million Bar, mit heutigen konventionellen Hohlladungen höchstens 10 Millionen Bar – doch für eine Fusion brauchen Sie eine Milliarde Bar, also noch einmal das Hundertfache.“

Auch Detlef Lohse von der Universität Twente in den Niederlanden, ein bekannter Theoretiker auf dem Gebiet der Implosionsphysik, ist sich sicher: „Das konnte und kann nicht funktionieren.“

Der Verdacht ist nicht völlig von der Hand zu weisen, daß Karlsch hier nur solche Kommentare wahrgenommen hat, die ihm in sein Bild paßten. Dabei war das völlig unnötig: Die Kernreaktionen, von denen er spricht, waren höchstens Spaltprozesse, niemals reine Fusionen. So muß bei der Testexplosion in Ohrdruf – die einzige, die reale Spuren in Dokumenten hinterlassen hat – Uran zum Einsatz gekommen sein.

Dafür spricht nicht nur die Erwähnung des spaltbaren Uranisotops U-235 in dem sowjetischen Geheimdienstbericht, sondern auch die zweite Indizien-Säule, auf die Karlsch sich stützt: Messungen radioaktiver Isotope in Bodenproben aus Gottow und Ohrdruf.“

Um was für eine Bombe es sich gehandelt haben könnte, schreibt die FAZ mit Blick auf die Bodenproben und die Messungen im März 2005 unter der Zwischenüberschrift: „„Geboostete“ Spaltbombe oder ein „fizzle“?: Sollten die Messungen das Datum bestätigen und damit ausgerechnet Karlschs außergewöhnlichste Behauptung beweisen, dann hätten die Physiker allerdings ein Problem.

Denn die wenigsten können sich vorstellen, daß Diebner und Co. mit dem damals vorhandenen Material, insbesondere dem bißchen niedrig angereicherten Uran, „deutliche Kernreaktionen mit Energiefreisetzung“ bewerkstelligen konnten.

Karlsch glaubt, daß es sich bei der Ohrdrufer Versuchsanordnung um eine Abart einer sogenannten „geboosteten“ Spaltbombe handelt, bei der gegeneinander gerichtete kegelförmige Hohlladungen das Material zweier Uranplatten zusammenschießen, zwischen denen Fusionsstoff plaziert ist, um die Neutronenproduktion zu steigern. Eine Atombombe im eigentlichen Sinn ist das nicht, auch keine taktische.

Allenfalls ist vorstellbar, daß man so mit viel Glück eine kurze Kettenreaktion auslösen kann, die aber gleich wieder abbricht – etwas, das amerikanische Kernwaffentechniker einen „fizzle“ nennen. Die Explosionsenergie der Hohlladungen könnte damit gesteigert werden, und es entstünde Neutronenstrahlung, die die Kobalt-60- Messungen in Ohrdruf erklären würde.“ (Zu den Bodenproben und Messungen siehe weiter unten, alle Zitate aus FAZ)).

Was ist eine Bombe?

Entscheidend für das Verständnis dessen, was in Ohrdruf explodiert ist, ist der Begriff Bombe. Darauf wies die FAZ bereits wie dargestellt hin. Karlsch selbst leistet zu diesem Missverständnis mit dem Buchtitel „Hitlers Bombe“ einen gewissen Beitrag. Der Titel legt natürlich sofort eine Assoziation mit den Atombomben der USA nahe, die 1945 über Hiroshima und Nagasaki abgeworfen wurden. Dabei  handelte es sich um Atomwaffen, die mit vergleichsweise großen Mengen Uran und Plutonium funktionierten und eben das Prinzip der Kernspaltung zur Grundlage hatten.

Mit dieser Art Atombombe hatten die Forschungen und späteren Explosionen in Nazi-Deutschland nichts zu tun. Stattdessen geht es – wie oben schon beschrieben – darum, mit großen Mengen konventionellem Sprengstoff in Verbindung mit hohen Temperaturen und hohen Beschleunigungen eine kleine Menge Kernbrennstoff derart zusammen zu pressen, dass es zu einer Fusion kommt. Doch selbst wenn der Titel zunächst etwas irreführend sein mag: Nach einer nur oberflächlichen Befassung mit der „Bombe“ müsste eigentlich auch Laien klar werden, dass es hier eben nicht um die „klassische Atombombe“ Marke Hiroshima geht, sondern um etwas, was heute vor allem unter dem Namen Mini-Nukes diskutiert wird (siehe dazu auch die Versuche der USA, diese Technik für sogenannte taktische Atomwaffen einzuführen. Der Clou: Die Atomwaffen sollen aufgrund einer vermeintlich geringeren Schadenswirkung für die Bevölkerung leichter „einsetzbar“ sein. So sollte nach Ansicht der ehemaligen Bush-Administration die atomare Abschreckung praktisch verbessert werden. Dazu siehe Spiegel April 2005).

Karlsch selbst nimmt im April 2006 ausführlich zu der Debatte unter der Überschrift:Die „Thüringer Protokolle“: Über den Wert oder Unwert von Zeitzeugenaussagen“ Stellung (das Papier stand hier auf der Homepage von Heiko Petermann ehemals als PDF zum download. Derzeit ist das Dokument  in der WayBackMachine zu finden oder hier direkt als PDF. Die Seite von Petermann ist seit langem nicht mehr online, die WayBackMachine (Heiko Petermann, April 2008) aber hat einiges gesichert und erhalten: Z.B. finden sich hier noch Links und Dokumente, die Petermann mit Blick auf „Hitlers Bombe“ und den Band „Pro und Contra“ veröffentlicht hatte. Auch hier ist einiges noch zu finden) und geht eingangs noch einmal auf diesen wichtigen Unterschied ein: „Zunächst einmal sei nochmals gesagt, worum es in unserer Untersuchung nicht geht: es geht nicht um den Nachweis des Tests einer reinen Kernspaltungsbombe (Uran- bzw. Plutoniumbombe). Auf dem Truppenübungsplatz in Ohrdruf wurde keine Kernspaltungsbombe getestet. Es gab dort keinen Kernwaffentest. Um dies nachzuweisen braucht es keine Analysen der PTB und schon gar nicht die Darlegungen irgendwelcher Amateure. Wer über gesunden Menschenverstand verfügt, kann unschwer die Argumente dafür zusammentragen, dass nahe Ohrdruf keine Kernspaltungsbombe nach amerikanischer Bauart getestet werden konnte. Diese Debatte ist überflüssig und wird nur von denjenigen geführt, die nicht verstanden haben, worum es in »Hitlers Bombe« eigentlich geht oder nur einzelne Seiten gelesen haben.

Mitunter muss man Zusammenhänge mehrfach erläutern und Begriffe präzisieren, damit klar wird, was eigentlich zur Diskussion steht. Wir gehen davon aus, dass die Forschungsgruppe um Gerlach/Diebner eine Hybridanordnung, bestehend aus viel Sprengstoff und einer kleinen Menge Spalt- und Fusionsstoff, entwickelt hatte und diese im März 1945 erfolgreich testete. »Erfolgreich« heißt in diesem Fall eine Explosion mit Kernenergiefreisetzung, ob sie im militärischen Sinne nutzbar war, ist hier erst einmal nicht die Frage.“ (Quelle siehe oben, Seite 1, siehe dazu auch die Ausführungen weiter oben in diesem Text.)

Zur Unterstützung seiner These ergänzt Karlsch: „Nach der Veröffentlichung von »Hitlers Bombe« konnten wir zu dieser Frage wichtige Unterlagen, darunter die Geheimpatente von Schumann/Trinks, einsehen und mit Kernwaffenentwicklern diese Möglichkeit diskutieren und prüfen. Die russischen Kernwaffenentwickler Prof. Wladimir Mineev und Prof. Alexander Funtikov, die von diesen Dingen nun wahrlich etwas verstehen, haben inzwischen schriftlich Diebners mögliche Konstruktion als plausibel bestätigt und auch eine Obergrenze für das TNT-Äquivalent berechnet.

Wie Diebners Versuch zu charakterisieren ist – ob als Versuchsanordnung, Versuchskörper, Bombe o. ä. – bleibt vorerst offen. Möglicherweise wurde auch nur das Zündsystem für eine noch zu entwickelnde größere Bombe getestet. So zumindest hat es Werner Grothmann, der Chefadjutant von Himmler erläutert.

Jedenfalls war es die Konzeption für eine völlig neue Technologie, die man später als Mininuke bezeichnen sollte.

Ein Nachweis einer solchen Miniexplosion ist natürlich ungleich schwieriger als der Nachweis einer reinen Kernexplosion. Hinzu kommt der Umstand, dass sich in den bisher gefundenen Dokumenten keine exakte Ortsangabe findet.“ (siehe oben)

Auch der Spiegel (11/2005) gehört zu den Kritikern: „Die von ihm ins Feld geführten Zeitzeugen sind unglaubwürdig oder kennen die Vorgänge nicht aus erster Hand; die angeblichen Schlüsseldokumente lassen sich auf verschiedene Weise deuten; und die gemessenen Werte der Bodenproben von den Detonationsorten geben bislang auch „keinen Hinweis auf die Explosion einer Atombombe“, so Gerald Kirchner vom Bundesamt für Strahlenschutz.“

Zwei Jahre nach der Veröffentlichung von „Hitlers Bombe“ erscheint ein weiteres Buch: Für und Wider „Hitlers Bombe“. Darin setzt sich Heiko Petermann – der engen Kontakt zu Karlsch hat – mit der besonderen Entwicklung der Gruppe um Diebner auseinander. Der Text ist als Word-Dokument online verfügbar unter dem Titel „Mininukes – Geheimpatente und Hintergründe in der Bundesrepublik Deutschland – Eine erste Bestandsaufnahme“.

Mit Blick auf die Debatten um Atomenergie in den 50er Jahren merkt Petermann einen überraschenden Tatbestand an:Interessanterweise scheint in den in Deutschland und anfangs auch Österreich geführten Diskussionen immer wieder ein Expertenwissen über thermonukleare Waffenkonstruktionen durch, das mehr oder weniger offen auf die Zeit vor 1945 rekurriert.“ Als Nicht-Physiker geht es ihm in dem Artikel nicht um „die Bewertung des damaligen Wissensstandes“, die Physikern, Sprengstoffspezialisten und Militärs vorbehalten bleiben müsse, „sondern nur um Fingerzeige auf Wissenszusammenhänge, die bisher nicht oder nur in engsten Fachkreisen beachtet werden.“ Petermann stellt den Wiener Physiker Hans Thirring vor, der bereits im Sommer 1946 ein Buch mit dem Titel „Die Geschichte der Atombombe“ veröffentlicht hatte!

Petermann listet diverse Forscher und ihre Arbeiten im Zusammenhang mit der Atomenergie auf. Zu dem mehrfach genannten Diebner schreibt er: „Nicht ganz soviel verrät Dr. Kurt Diebner. Der Indizienprozess um seinen Anteil am Bau einer wie auch immer konstruierten deutschen Atombombe ist zwangsläufig unvollständig, da nur wenige Dokumente erhalten geblieben sind. Seine Forschungsunterlagen und persönlichen Aufzeichnungen hat er gegen Ende des Zweiten Weltkrieges und dann Ende der vierziger Jahre vernichtet.“ (Quelle: Interview mit Prof. Bernd Jörg Diebner, Theologe an der Uni Heidelberg am 12.01.2005, aufgezeichnet von Heiko Petermann. Bernd Jörg Diebner ist der Sohn von Kurt Diebner.)

„Seit 1948/49 unterhielt er ein eigenes Sekretariat zur Ausarbeitung von Patenten, die er unmittelbar mit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland und der Aufhebung des Forschungsverbots in schneller Folge zur Anmeldung brachte. Nahezu besessen beschäftigte er sich mit kernphysikalischen Themen, gründete Zeitschriften wie ‚Atomwirtschaft’ und ‚Kernenergie’ und die ‚Gesellschaft für Kerntechnik’. Er wurde Mitinitiator des Kernforschungszentrums Geesthacht und der Entwicklung des Forschungsreaktor auf der ‚Otto Hahn’. Über den ganzen Zeitraum arbeitete er eng mit Prof. Erich Bagge zusammen, mit dem er auch den Großteil der Patente anmeldete. (Prof. Erich Bagge hatte an der Christian-Albrecht-Universität in Kiel den Lehrstuhl für Experimentalphysik und war außerdem Mitanmelder der Patente von Dr. Kurt Diebner). Ein enger Mitarbeiter Diebners und Patentanmelder war für einige Jahre auch Prof. Friedwardt Winterberg. Er ging Anfang der sechziger Jahre in die USA und befasst sich bis heute mit Fragen der Kernfusion. Von Winterberg stammen auch mehrere populär gehaltene Artikel und Bücher zur Geschichte der H-Bombe.“ (die Fußnoten sind hier nicht vollständig wiedergegeben, bitte im Original nachschlagen)

In Sachen Mini-Nukes schreibt Petermann über Diebner weiter: „Lange nach Diebners Tod fanden sich auf dem Dachboden seines Flensburger Hauses zwei Patentanmeldungen für thermonukleare Minibomben. Die Patentschriften wurden nach Aussage des Mitanmelders, seines damaligen Mitarbeiters Dr. Friedwart Winterberg, in Deutschland zurückgezogen.

Allerdings meldete Diebner wenig später allein ein Patent in Großbritannien an. Darin führt er u. a. aus, dass man eine große Wasserstoffbombe möglicherweise durch eine kleine thermonukleare Bombe zünden könne. Die Frage muss erlaubt sein, ob dies vielleicht das Ziel der 1944/45 begonnenen Versuche war?

Für erheblichen Pressewirbel sorgte im März 1957 Diebners Ankündigung, die Fusion von leichten Elementen geschafft zu haben. Gegenüber der Presse sprach er nur von einer friedliche Nutzung der Kernenergie.

Seine Experimente hatten jedoch auch einen militärischen Hintergrund. Mittels einer konvergenten Stoßwelle in einer Hohlladungsanordnung wollte Diebner eine explosive thermonukleare Reaktion erzeugen, also eine Bombe zünden.“ (Petermann, a.a.O., auch hier bitte die Anmerkungen einiger Fußnoten im Original nachprüfen).

Auf der Homepage von Heiko Petermann finden sich zahlreiche Dokumente zum Nachlesen, siehe hier. Außerdem auf dieser Seite eine Themen-Übersicht.

 Spurensuche mit Bodenproben

Um eine thermo-nukleare Explosion nachzuweisen, hatte Karlsch Bodenproben entnehmen und untersuchen lassen.

Maier (siehe oben) schreibt dazu: „Wenn tatsächlich ein nukleares Ereignis stattgefunden hat, müssen sich heute noch vor Ort Spaltprodukte ausfindig machen lassen. Karlsch ließ Bodenproben analysieren. Uwe Keyser (Physikalisch-Technische Bundesanstalt) bestätigte das Vorhandensein teilweise drastischer Isotopenanomalien, die zu keinem bekannten nuklearen Ereignis passen und für die Tschernobyl als Ursache ausgeschlossen werden kann. Insgesamt fünf Physikprofessoren meinen, dass in Ohrdruf Spuren eines nuklearen Ereignisses vorhanden seien.“

In der Faz vom 14. März 2005 heißt es dazu:Immerhin, auch dort fanden sich Uran, Plutonium und zudem das Spaltprodukt Cäsium-137. „Dabei können wir ausschließen, daß es sich um den Fallout des Reaktorunfalls von Tschernobyl handelt“, sagt Dirk Schalch von der Universität Gießen, der an den Messungen beteiligt war. „Das Bundesamt für Strahlenschutz hat Erhebungen über die Verteilung von Tschernobyl-Cäsium gemacht, und da liegen wir an einigen Stellen eben drüber – und zwar deutlich.“

Aber die Forscher stießen noch auf etwas anderes: Kobalt-60, das bei der Einwirkung von Neutronen aus Spaltreaktionen auf Eisen oder Stahl entsteht. Zusammen mit den Cäsium-Werten läßt das für den Kernchemiker Reinhard Brandt von der Universität Marburg nur einen Schluß zu: Es kann sich nicht einfach nur um eine „schmutzige Bombe“ gehandelt haben, also um einen Sprengsatz, der neben Splittern auch radioaktives Material durch die Gegend schleudert.

„Während der Explosion sind auch deutlich Kernreaktionen mit Energiefreisetzung abgelaufen“, wird Brandt von Karlsch zitiert – eine Einschätzung, die der Marburger Wissenschaftler auf Nachfrage bestätigt.“ Weiter heißt es dort: „Tatsächlich wurden die Gießener Ergebnisse durch separate Messungen der Gruppe um Uwe Keyser von der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt in Braunschweig bestätigt. Keyser verfügt über Meßgeräte zum Nachweis geringster Spuren gammastrahlender Isotope, die zu den besten der Welt zählen. „Es kann sich nicht um Unsinn handeln“, sagt Keyser, „da sprechen die Isotope eine klare Sprache. Wie und wann die dahingekommen sind, kann ich derzeit natürlich nicht sagen.“ So kann er nicht ausschließen, daß das radioaktive Material aus der Nachkriegszeit stammt.“

Über diese Analysen schreibt die PTB am 21. März 2005: „Zu einem vorläufigen Befund kommt der PTB-Physiker Prof. Dr. Uwe Keyser nach ersten Testmessungen, die er im Neutronenstrahl am Forschungsreaktor in Geesthacht durchgeführt hat: Die Bodenproben enthalten die chemischen Elemente (genauer: Isotope) Uran-235 und Lithium-6. Solche Isotope werden beispielsweise für den Bau von Kernwaffen (Spaltungs- oder Fusionsbomben) benötigt, kommen aber auch in geringen Konzentrationen in der Natur vor. Grund genug, diese Proben in den kommenden Monaten sehr genau unter die Lupe zu nehmen. Uwe Keyser legt jedoch Wert auf die Feststellung, dass die vorliegenden Informationen keine Aussagen über eine mögliche Kernexplosion am Fundort erlauben.“

Weiter erläutert die PTB: „Der bisherige Weg im Einzelnen: Anfang Februar 2005 wurden – mit Genehmigung und unter Aufsicht der Bundeswehr – in Ohrdruf offiziell Bodenproben entnommen. In versiegelten Gläsern kamen, auf Wunsch des ZDF, diese Proben und weitere, die bereits früher von der Bundeswehr aus größerer Bodentiefe entnommen worden waren, Anfang März in die PTB. Am Dienstag, 15. März, konnte Uwe Keyser dann in Geesthacht, wo kurzfristig ein Messplatz zur Verfügung stand, die erste Testmessung mit der Methode der Prompt-(n-Gamma)-Spektrometrie durchführen: Eine der Bodenproben wurde einem Neutronenstrahl ausgesetzt und die „Antwort der Probe“ in einem Gamma-Spektrometer aufgefangen. In diesem Gamma-Spektrum hinterlassen alle Bestandteile der Probe einen charakteristischen Fingerabdruck – eine oder mehrere Linien des Spektrums stehen eindeutig für ein spezifisches Isotop. Sieht man genauer hin, zoomt man also in einen Teil des Spektrums hinein, dann wird aus jeder Linie eine Berg- und Talfahrt – jede Linienspitze ein Berggipfel. Die dabei von jedem Berg umschlossene Fläche ist ein Maß für die Menge eines Isotops, das in der Probe enthaltenen ist. „Aber“, so Uwe Keyser, „quantitativ können wir noch keine Aussagen machen. Wir wollten nur erst einmal sehen, ob überhaupt etwas da ist.“ Und „etwas“ war da, nämlich – neben hunderter anderer Linien – die typischen Fingerabdrücke von Uran-235 und Lithium-6. Eine zweite Probe, der auf dieselbe Weise ihr Gamma-Fingerabdruck entlockt wurde, gab qualitativ das gleiche Resultat.

Diese ersten Testmessungen geben der PTB den Startschuss für das volle Messprogramm: von chemischen Analysen bis zu kernphysikalischen Untersuchungen hinsichtlich aller radioaktiver Stoffe. Vor allem kommt es jetzt auf quantitative Aussagen an. Erst diese werden klären, ob die Menge der in den Proben enthaltenen Isotope noch in der Bandbreite der natürlichen Variation liegen – oder eben nicht. Die Ergebnisse werden mit Spannung erwartet.“

Am 15. Juni 2006 – also über ein Jahr später – legte die Bundesanstalt schließlich ihren Abschluss-Bericht über die Proben aus Ohrdruf vor: „Bodenproben aus dem dortigen Gebiet – heute ein Truppenübungsplatz der Bundeswehr – wurden in den letzten Monaten von der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB) im Auftrag des Zweiten Deutschen Fernsehens (ZDF) untersucht. Die Ergebnisse der Radionuklidanalysen liegen jetzt vor. Die Messwerte geben keinen Hinweis, dass andere Quellen als der Fallout oberirdischer Atombomben-Tests in den 1950er/1960er Jahren und der Reaktorunfall in Tschernobyl im Jahr 1986 für die Bodenkontaminationen verantwortlich sind. Insgesamt zeigen die PTB-Messergebnisse für eine Kernexplosion „keinen Befund“. Die Thesen des Historikers Karlsch ließen im vergangenen Jahr auch das ZDF hellhörig werden. Bodenproben vom Truppenübungsplatz Ohrdruf wurden daher der PTB übergeben, um diese auf ihre Kontamination mit Radionukliden untersuchen zu lassen. Denn eine Kernexplosion, wann immer sie stattgefunden hat, könnte sich auch heute, angesichts der langen Halbwertszeiten gewisser Radionuklide, noch nachweisen lassen. Insgesamt acht Bodenproben wurden daher in den Laboratorien der PTB nach allen Regeln der Messkunst untersucht.“ Im weiteren beschreibt die PTB ihr Vorgehen bei den Meßungen, bevor sie zu dem abschließenden Satz kommt: „Ein wissenschaftlicher Gegenbeweis zum behaupteten Kernwaffentest am Ende des Zweiten Weltkriegs kann aber weder mit dieser noch irgendeiner anderen Stichproben-Analyse erbracht werden. Eine endgültige Bewertung der historischen Zusammenhänge ist damit weiterhin offen.“

Interessant ist: Von den anfänglichen „Verdachtsmomenten“, die Uwe Keyser im März 2005 darlegte, ist in der Pressemitteilung im Sommer 2006 nicht mal mehr die Rede. Uwe Keyser wird nicht einmal mehr erwähnt. Ebenso wenig ist von den Forschungsreaktoren in Geesthacht die Rede. Für „eine Kernexplosion“ gäbe es „keinen Befund“, so die PTB. Schon weiter oben ist darauf hingewiesen worden, dass es sich bei der Explosion in Ohrdruf nicht um eine Atombombe im heutigen Verständnis gehandelt hat und eher auf einer Fusion beruhte.

Rainer Karlsch und Heiko Petermann reagieren auf den Abschlussbericht  durch die PTB mit einer Stellungnahme. Sie verweisen auf den Unterschied zu den Atomwaffen, in dem sie die Explosion in Ohrdruf mit der heutigen Bezeichnung „Mini-Nukes“ charakterisieren. Weiter oben ist bereits dargelegt worden, dass im Zusammenhang mit den Atom-Forschungen in Nazi-Deutschland auch von „Baby-Bomben“ die Rede war. „Diese (Mini-Nukes) und nichts anderes wurden offensichtlich in Deutschland 1944/45 entwickelt und getestet. Ein Nachweis der für den Bau solcher Waffen notwendigen geringsten Mengen von ca. 100 g Spaltstoff dürfte sehr schwer sein. Trotzdem gab es auf dem Truppenübungsplatz Ohrdruf signifikante Messungen.“ Die beiden Autoren verweisen auf weitere Unterlassungen in der Erklärung der PTB, z.B. zu Vorort-Messungen im Beisein von Uwe Keyser, dem ZDF, der Bundeswehr (Hptm. König etc..). Ebenso wenig wurde darauf verwiesen, dass das eigentliche Testgebiet nicht begangen werden konnte und Proben eigentlich in größerer Tiefe hätten gezogen werden müssen, als zu dem Zeitpunkt möglich. Außerdem bleibt unerwähnt, dass „seit dem Februar 2005 keinerlei neue Proben entnommen wurden, wie dies ursprünglich geplant war“.

Adenauer, die Atombombe und Nazi-Forscher

Über die Absichten der Adenauer-Regierung und des Atom- und späteren Verteidigungsminister Franz-Josef Strauß, Zugriff auf die Atombombe zu bekommen, gibt es inzwischen immer mehr Belege.  So berichtet DIE ZEIT in einem Artikel unter der Überschrift „Adenauers Griff nach der Atombombe“ ausführlich über die Bemühungen der damaligen Bundesregierung und Adenauers: „Schon im September (1956) erklärte er in einer Sitzung des CDU-Bundesvorstandes, es sei „unerträglich, wenn zwei große Staaten in der Welt allein im Besitz von nuklearen Waffen sind und damit das Schicksal der Völker dieser Erde in der Hand haben“. Und es war ein deutliches Zeichen für das In- und Ausland, als er am 16. Oktober 1956 den bayerischen Politiker Franz Josef Strauß, bis dahin Atomminister, zum neuen Bundesminister der Verteidigung ernannte. Strauß wurde bald zum Inbegriff ungezügelten deutschen Dranges nach Atomwaffen, und mit markigen Sprüchen tat er wiederholt sein Bestes, um diesen Ruf zu festigen. Aber Strauß war zweitrangig. Motor des deutschen Griffes nach der Bombe war der immer so zivil und beherrscht auftretende Doktor Adenauer“.

In der Kabinettssitzung am 19. Dezember 1956 ließ Adenauer keinen Zweifel mehr an seinem Vorhaben. Mit Blick auf die Abhängigkeit von den USA gegenüber der Sowjetunion macht Adenauer laut Zeit klar:  „Es müsse also gefordert werden“, so wird der Kanzler im Protokoll zitiert, „die Aufstellung der Bundeswehr beschleunigt durchzuführen, eine Zusammenfassung Europas voranzutreiben und nukleare Waffen in der BRD herzustellen.““

Das waren nicht nur Reden, sondern es wurde konkret verhandelt. Die Zeit berichtet weiter: „Schon am 18. Januar 1957, also noch vor den Römischen Verträgen, konnten Verteidigungsminister Strauß und sein Kollege Jacques Chaban-Delmas eine Rahmenvereinbarung unterzeichnen. Zu diesem Zweck trafen sich die beiden diskreterweise in der Wüste, im algerischen Colomb-Béchar. Geplant wurden gemeinsame Rüstungsprojekte in der Raketen- und Nukleartechnik. Frankreich hatte sich zwar im Prinzip schon zum Bau einer eigenen Atombombe entschlossen, war damit aber noch nicht weit gekommen. Wenn man nicht, wie Großbritannien, Zugang zu den technischen Erkenntnissen der Amerikaner bekam, waren Atombomben nämlich sehr teuer, eigentlich zu teuer für Frankreich, aber da konnte eben die finanzstarke Bundesrepublik einspringen.“ Und weiter: „Eine Woche später unterzeichneten die Verteidigungsminister der Bundesrepublik, Frankreichs und Italiens ein erstes Geheimprotokoll, im Januar 1958 setzten sie ein gemeinsames Direktionskomitee ein, und im Februar einigten sie sich auf den Bau einer Isotopentrennanlage in Pierrelatte. Frankreich und die Bundesrepublik sollten je 45 Prozent bezahlen, Italien zehn Prozent beisteuern. Im März folgte noch ein Abkommen zur Gründung eines Instituts für Raketenforschung.“

Auch in dem Buch „Frankreich und die Nukleardebatte der Atlantischen Allianz 1956 – 1966“ von Burkard Schmitt wird über die Geheimgespräche und -Verträge berichtet. Mit Blick auf die bereits erwähnte Urananreicherungsanlage in Pierrelatte heißt es in der Fußnote 131 u.a.: „Nach Darstellung des damaligen deutschen Verteidigungsministers wiederum wäre das in Pierrelatte erzeugte Uran 235 entsprechend der finanziellen Kontribution zwischen den Partnern aufgeteilt worden, Vgl. Strauß, die Erinnerungen, S. 313. Nach Hans-Peter Schwarz wäre ein Teil der gemeinsam produzierten Sprengköpfe in den Besitz der Bundesrepublik übergegangen, aber zumindest in Friedenszeiten in Frankreich stationiert worden. Vgl. Schwarz, die Ära Adenauer, 1957-1963, S. 97“

An dem Bau der Anlage in Pierrelatte war Deutschland schließlich nicht beteiligt. Die Pläne scheiterten u.a. daran, dass in Frankreich Anfang 1959 De Gaulle zum neuen Präsidenten wurde, der in Sachen Atomwaffen auf eine rein französische Lösung setzte. (Zur Urananreicherung siehe unter dem Text noch einige Hinweise!)

Diese Darstellungen machen deutlich, dass in der jungen Bundesrepublik ein intensives Interesse an der Atomenergienutzung bestand, militärisch ebenso wie in Sachen der Energieerzeugung. Dabei spielten auch die Forschungen und Entwicklungsarbeiten aus Nazi-Deutschland eine wichtige Rolle.

In dem oben bereits erwähnten Beitrag von Heiko Petermann wird nun eine Verbindung zwischen Diebner und dem Verteidigungsministerium unter F.J. Strauß beschrieben:Ausgerechnet 1957 nahm er das Angebot des Verteidigungsministers Franz Josef Strauss an, als Regierungsdirektor im Verteidigungsministerium zu wirken. Diebner schied allerdings nach nur knapp einem Jahr wieder aus dem Verteidigungsministerium aus.

Es war die Zeit, während der in Deutschland eine erregte öffentliche Diskussion um die Aufrüstung der Bundeswehr mit Atomwaffen geführt wurde. Adenauer wunderte sich in einer Presseerklärung vom 5. April 1957 über die heftige öffentliche Kontroverse und versuchte seine Politik zu verteidigen: „Die taktischen Atomwaffen sind im Grunde nichts anderes als eine Weiterentwicklung der Artillerie“.“

Ein Jahr später verließ Diebner „das Verteidigungsministerium und meldete weitere Patente an, z.B. ein „Verfahren zur Herstellung hoher Temperaturen und hoher Drücke“. Zu seiner Ehrenrettung muss allerdings auch gesagt werden, dass für ihn die zivile Nutzung der Atomenergie vor der militärischen Nutzung stand.

Kurz vor seinem frühen Tod verfasste Diebner 1962 eine Art Resümee seiner Forschungsarbeit „Fusionsprozesse mit Hilfe konvergenter Stoßwellen – einige ältere und neuere Versuche und Überlegungen“. In dem Artikel bestätigt er sprengstoffgetriebene Fusionsversuch mit kleinen Kugelanordnungen in den Jahren 1943/44. Diese seien aber gescheitert.

Anschließend erwähnt er eine Anordnung mit mehreren sprengstoffgetriebenen Kugelschalen und kleinen Mengen Spaltstoffen. War dies das Konstruktionsprinzip der Bombe, die in dem sowjetischen Spionagebericht vom März 1945 beschrieben wurde und die Schumann nach dem Krieg erwähnte? Zumindest haben wir Parallelen zu den mehrfach berichteten Experimenten mit Kugelschalen.

Bemerkenswert ist in Diebners Artikel der erstmalige Hinweis auf die Überlegung, Spaltstoffe zu verwenden. Dieser Hinweis wird in allen anderen Publikationen ausgelassen und fehlt auch in den diversen Patentanmeldungen. Statt der Kugelanordnungen weist Diebner auf Versuche mit den besser geeigneten (zylindrischen) Hohlladungsanordnungen hin.“ ….Diebner gibt aber noch ein weiteres interessantes Detail preis „…hatten die ersten Versuche mit konzentrierten Gasentladungen unter Ausnutzung des Pinch-Effektes in kleinen Raumbereichen hochionisierte Plasmen mit Temperaturen von der Größenordnung Millionen Grad K geliefert.“ Dies sind aber genau jene Temperaturen, unter denen Fusionsreaktionen im Lithiumdeuterid stattfinden, von denen Schumann und Hajek schreiben, und ohne die ‚Baby-Bomben’ oder besser Mininukes nicht funktionieren würden. Diebner spricht auch von der magnetischen Kompression als Hilfsmittel u.a., doch dies würde zu sehr ins Detail von Kernwaffenkonstruktionen führen, für die es doch mehr als nur den einen Weg über die „kritische Masse“ gibt.“ (Petermann, die Fußnoten sind hier nicht wiedergegeben, bitte im Original nachschlagen).

Nach weiteren Darlegungen stellt Petermann fest: „Mit dem offiziellen Verzicht auf atomare Bewaffnung Deutschlands endete die Forschung zu Nuklearwaffen nicht gänzlich. Dies belegt ein Bericht des Bundesverteidigungsministeriums von 1972 „über die sprengstoffgetriebene Implosion gasgefüllter metallischer Hohlkörper“. Die Literaturliste verweist auf weitere deutsche Arbeiten aus jenen Jahren und nimmt insbesondere Bezug auf eine unveröffentlichte theoretische Arbeit von Walter Trinks aus dem Jahre 1943 „Über ein Verfahren zur Erzeugung höchster Drücke und Temperaturen“. Unter Bezug auf diese Arbeit kommt der Autor des Berichtes zu dem interessanten Schluss „dass mit einer Hohlkugel von 1 m Durchmesser eine Temperatur von ca. 4 Mio. Grad bei einem Druck von 250 Mio. atm erreichbar sein müsste. Nach Bild 24 wäre für diese Temperatur ein minimaler Innenradius von ca. 3,5 mm zu erreichen, ein durchaus realistischer Wert.“

Äußerst interessant in seiner abschließenden Einschätzung ist ein Untersuchungsbericht der Hauptabteilung XVIII der Staatssicherheit der DDR (Anmerk.: Absicherung der Volkswirtschaft, Sicherung der Einrichtungen der Rüstungsforschung und Rüstungsproduktion, …) aus dem Jahre 1987. Darin wird die militärische Forschung zu thermonuklearen Sprengkörpern in der Bundesrepublik zusammengefasst und insbesondere vor der Gefahr terroristischer Anwendung gewarnt,.“…steigt die Gefahr, dass terroristische Gruppen sich neuer, unauffälliger und mit großen Effekt anzuwendender Terrormittel bedienen wollen.“. (Petermann, Fußnoten bitte im Original nachschlagen).

Zahlreiche weitere Fakten und Berichte finden sich in dem Online verfügbaren Vorwort zu „Für und Wider „Hitlers Bombe““.

Bereits vor 1955 sind zahlreiche Atom-Fachleute mit dem Aufbau unterschiedlicher Forschungsanlagen beschäftigt. Nicht nur politisch, sondern auch konkret werden in vielen Regionen und unter maßgeblicher Beteiligung auch ehemaliger Forscher aus dem Dritten Reich, aktiv die Voraussetzungen geschaffen, um möglichst schnell wieder in der Atomforschung den Anschluss an die internationale Entwicklung zu schaffen. Ab 1955/56 entstehen die ersten Atomforschungszentren und nehmen die Arbeit auf. Offiziell um die zivile Nutzung der Atomenergie zur Energieerzeugung voranzutreiben. Aber zahlreiche Projekte sind kaum von militärischen Anwendungszwecken abzutrennen. Und das macht es auch möglich, hinter offiziellen Darstellungen ganz andere Dinge als behauptet zu betreiben. Darüber wird an dieser Stelle künftig weiter berichtet.

Vorläufiges Zwischenergebnis

Die Darlegungen und Ausführungen in diesem Text zeigen die heutige Fülle der Forschungen und Kenntnisse über die frühen Entwicklungen der Atomenergie mit Blick auf die militärische Nutzung in Nazi-Deutschland und danach. Dennoch werden viele Fragen erst beantwortet werden können, wenn die Archive in aller Welt geöffnet und Materialien einsehbar werden. In der Frage des Atomprogramms der Nazis dürften zahlreiche Kenntnisse noch in Archiven der USA, in Frankreich und der ehemaligen Sowjetunion lagern. Nur in Einzelfällen werden daraus Materialien veröffentlicht bzw. gefunden. Damit sind nicht nur Materialien gemeint, die die Alliierten bei der Befreiung vorfanden, beschlagnahmten und nach Hause schickten. Auch Berichte der jeweiligen Geheimdienste wären hier zu nennen.

Zahlreiche Aspekte und Zusammenhänge sind in diesem Text nicht dargestellt. Viele der hier genannten Links sollen nicht nur als Beleg dienen, sondern auch als Einladung, sich weitergehend mit der dargestellten Problematik auseinander zu setzen.

Die bisherigen Darstellungen zeigen die intensiven Arbeiten an der Atomenergie in Nazi-Deutschland auf, die unter erheblichen Problemen und vielen kriegsbedingten Ursachen zu „leiden“ hatten. Festzuhalten bleibt: Immer mehr verdichten sich die Hinweise, dass Deutschland im Dritten Reich enorme Kenntnisse nicht nur im Bereich der Grundlagenforschung erzielt hatte, sondern auch in vielfältiger Weise konkrete Schritte zur praktischen Umsetzung entwickelt hatte. Allerdings sind diese in vielen Fällen aufgrund der Mangelwirtschaft zum Ende des Zweiten Weltkriegs bis zur Kapitulation in den meisten Bereichen nicht erfolgreich abgeschlossen.

Das Buch von Karlsch hat nicht nur eine heftige und sinnvolle Debatte ausgelöst. Es gab viele Reaktionen, die das Buch und den Autor in den Sumpf von Verschwörungstheorien stecken wollten. Über 60 Jahre nach den von Karlsch untersuchten Ereignissen gab es teilweise eine mehr als nur wütende Reaktion (siehe dazu bei Petermann hier und hier). Die Frage muss gestellt werden dürfen: Was gibt es noch zu entdecken über die Nazi-Forschung an der Atombombe und den weiteren Entwicklungen in den folgenden Jahren?

Dirk Seifert, Mai 2013

Weitere Hinweise und Aspekte über die Arbeiten und Bedingungen in Nazi-Deutschland zum Thema Atombombe

In Nazi-Deutschland wurden diverse Verfahren zur Urananreicherung entwickelt und erforscht. Dokumente dazu finden sich z.B. auf der Homeapge des Deutschen Museums im Original unter dem Titel: „Trennung der Uranisotope“ (1942)   oder auch „Isotopentrennung Präparat 38“ (1941). In dem Bericht von 1942 wird bereits über die Vorzüge der Anreicherung per Zentrifuge geschrieben. Außerdem wird in dem Bericht von 1941 die Arbeit mit Uranhexafluorid beschrieben.

Der Spiegel berichtet in einem mehrteiligen Artikel unter der Überschrift „So groß wie eine Ananas“ über den „Wettlauf um die Atombombe im Zweiten Weltkrieg“: „Professor Paul Harteck und Dr. Wilhelm Groth zogen mit ihrer kostbaren Ausrüstung, einer Ultrazentrifuge, erst nach Freiburg und dann nach Celle, in eine Spinnerei für Fallschirmseide.“ (In dem Artikel wird auch auf Thorium hingewiesen: „Die Deutschen hatten Frankreichs Thorium-Vorräte requiriert — (Thorium ist ein uranähnliches, gleichfalls radioaktives Schwermetall).“) Und: „In Straßburg arretierten die Männer der „Alsos“-Mission auch den. Professor Rudolf Fleischmann, der an Verfahren zur Trennung des Uranisotops 235 gearbeitet hatte.“

Auch Erich Bagge, der zum Uranverein gehörte und mit Diebner zu tun hatte, hat sich mit der Urananreicherung befasst: „Zwischen 1941 und 1943 entwickelte er die Isotopenschleuse, ein Gerät zur Anreicherung von Uran. Diese meldete er im März 1942 zum Patent an (dabei half ihm Erich Habann)“, heißt es bei Wikipedia. Zur Anreicherung von Uran 235 ist dort außerdem zu lesen: „Arbeiten dazu wurden von Wilhelm Walcher in Kiel und der Gruppe Josef Mattauch am Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie durchgeführt. Einen Vorschlag zu einer effizienten Uran-Anreicherung hatte 1942 der Physiker Heinz Ewald vom Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie [5] unterbreitet. Er schlug eine „Atomumwandlungsanlage“ vor, eine Art Massenspektrometer, in dem ionisierte Uranatome in einem elektrischen Feld beschleunigt und anschließend in einem ringförmigen magnetischen Feld anhand der Unterschiede der Massenzahlen getrennt werden (siehe Abb. 97 in [6]). Manfred von Ardenne, der in Berlin-Lichterfelde das Forschungslaboratorium für Elektronenphysik leitete, griff die Idee auf und baute einen Prototypen [7]. Er wurde mit diesem Vorhaben von dem Leiter des Reichspostministeriums Wilhelm Ohnesorge unterstützt. Diese Trennanlage ähnelt dem Zyklotron, das mit den Mitteln der Reichspost schließlich 1943 bei Miersdorf fertiggestellt wurde. Auf dem Gelände eines Luftwaffenstützpunktes bei Bad Saarow wurde ein Ringbunker gefunden, der der Zyklotron-Halle in Miersdorf entspricht. Ob diese Anlage eine großtechnische Ausführung des Isotopenseparators enthielt, kann nur vermutet werden [8]. Es kam aber in Deutschland nie zur Isotropentrennung von Uran in größerem Stil wie die Hunderte von Calutrons im Rahmen des Manhattan-Projektes.[4]

1988 schreibt der Spiegel unter der Überschrift: „Übers Plutonium kann man was machen. Die Bemühungen deutscher Physiker im Zweiten Weltkrieg, eine Atombombe zu bauen: Am 26. Februar 1942 tritt Heisenberg vor den Reichsforschungsrat ans Podium. Das Referat, das er hält, bleibt moderat und stellt, sachlich korrekt, die Unwägbarkeiten der Meilerforschung in den Vordergrund. Noch sei man weit von einer selbsttätigen Kettenreaktion entfernt. Versuche mit kleinen Substanzmengen seien „von vornherein unzureichend“ für weitergehende Prognosen. …

Kühl doziert er über die Schwierigkeiten bei der Gewinnung atomaren Sprengstoffs und lenkt dabei die Aufmerksamkeit auf die für ihn abwegige Isotopentrennung: „Ein großer Teil der Arbeitsgemeinschaft des Heereswaffenamtes ist dem Problem der Anreicherung beziehungsweise der Reindarstellung des Isotops U 235 gewidmet. Auch die amerikanische Forschung scheint diese Arbeitsrichtung mit besonderem Nachdruck zu betreiben.“

Auch die Plutonium-Alternative spricht er an, doch scheint sie aufgrund der erwähnten Schwierigkeiten beim Auslösen einer Kettenreaktion in weite Ferne gerückt. Das Wort Bombe fällt an keiner Stelle. Statt dessen beschreibt Heisenberg mit plastischen Worten, wozu so ein kleiner Uranbrenner sonst noch alles taugen könnte: zum „Heizen von Dampfturbinen“, als Antriebsaggregat von Fahrzeugen und Schiffen, und weil ein Kernreaktor keinen Sauerstoff verbraucht, wäre das „bei der Verwendung in U-Booten ein besonderer Vorteil“.

… Diebners Zusammenfassung ist wesentlich zielstrebiger. Sein Forschungs-Dossier, das er den Tagungsteilnehmern vorlegt, fordert einen „bedeutenden Einsatz von Mitteln“. Auf 131 Seiten wird die „ungeheure Bedeutung“ der Kernforschung angemahnt und für beide Bereiche der Kernforschung ein Arbeitsprogramm skizziert:

–        Forcierung der Isotopentrennung, da sie „grundsätzlich durchführbar“ sei.

–        Beschaffung von knappen Materialien, vor allem von schwerem Wasser.

–        Bau einer Meiler-Versuchsanlage und Prüfung einer „wehrtechnischen Verwendung“ dieser Anlage, auch wenn diese Alternative nur „theoretisch“ zu einem Sprengstoff führe.“

Außerdem heißt es in dem Spiegel-Artikel: Durch den Überfall auf Belgien sind den Deutschen 3500 Tonnen Uranerze aus Minen in Belgisch-Kongo in die Hände gefallen – das größte Vorratslager der Welt. Die Schwerwassererzeugung ist zwar kostenintensiv, aber kein prinzipielles Problem. Die Meiler-Anordnung vom August 1941 weist eindeutig in Richtung Kettenreaktion. Die Theorie der Transurane ist in den Grundzügen erforscht und in ihrer Bedeutung erkannt.“

Für die Forschung und Entwicklung brauchte es Uran: Dazu gab es u.a. die Auer-Werke bei Berlin, die nach der Besetzung zum Beispiel Uranerz aus der Tschechoslowakei beschafften und verarbeiteten (siehe dazu auch Die Atombombe kam aus Deutschland – Ein Bericht von RBB) .

Ein großes Problem stellte die Erzeugung und Beschaffung von schwerem Wasser dar, das für viele Experimente unbedingt erforderlich war. Im Deutschen Reich gab es keine Möglichkeiten, dieses mit hohem Energieeinsatz unter Kriegsbedingungen herzustellen. Es wurde aus dem besetzten Norwegen beschafft. (Partisanen sprengten Transporte nach Deutschland und alliierte Flieger sprengten schließlich die Fabrik. (siehe hier Spiegel und auf Wikipedia)).

Auch zahlreiche andere Aspekte und Forschungsbereiche bleiben hier ungenannt. Zu nennen ist hier vor allem auch die Forschung und Entwicklung von Reaktoren, die sowohl die Energieerzeugung als auch die Gewinnung von Plutonium zum Ziel hatten (So ist erst vor wenigen Jahren bekannt geworden, dass der als „Bremser“ bekannte Carl Friedrich von Weizsäcker bereits 1941 einen – wie die Welt schreibt „Patentanspruch für Hitlers Plutoniumbombe“ verfasst hatte. Dabei handelte es sich um „ein „Verfahren zur explosiven Erzeugung von Energie und Neutronen aus der Spaltung des Elements 94“. „Dieser Sprengstoff“ – so heißt es – „würde an frei werdender Energie pro Gewichtseinheit jeden anderen rund zehn Millionen mal übertreffen“. Als Erfinder der Plutoniumbombe sollte gegenüber dem Münchner Reichspatentamt „Herr Dozent Dr. Carl Friedrich von Weizsäcker“ geltend gemacht werden.“ Siehe dazu hier).

Weitere spannende Fragen stellen sich bis heute: So hat der Parlamentarische Untersuchungsausschuss zum Atommüll-Desaster in der ASSE II auch Hinweise erhalten, dass der Nazi-Atommüll möglicherweise dort eingelagert worden ist. Siehe dazu hier auf umweltFAIRaendern.

Einen Überblick über die Forschung in Nazi-Deutschland findet sich auch hier: Entwicklung der Atombombe in Deutschland von  Prof. Jürgen Eichler, TFH Berlin. (Am Ende ist auch eine Bewertung des Buches von Karlsch, die man schon wegen der Kürze und fehlenden Belege für die dort eher „abfällige Behandlung“ als wissenschaftlich unseriös bezeichnen darf.)

Hinweis: Verzeichnis der Geheimberichte aus der Zeit von 1939-45 zur deutschen Kernforschung im Stadtarchiv Haigerloch: Das Stadtarchiv Haigerloch besitzt Kopien von Originalarbeiten zur deutschen Kernforschung in der Zeit von 1939 bis 1945. Diese wurden uns von Prof. Bagge überlassen. Dort ist ein Inhaltsverzeichnis einzusehen.

Siehe auch: Elisabeth Kraus, Von der Uranspaltung zur Göttinger Erklärung – Otto Hahn, Werner Heisenberg, Carl Friedrich von Weizsäcker und die Verantwortung des Wissenschaftlers, 2001.

Siehe auf umweltFAIRaendern auch: Atomforschungsanlage GKSS – Forschung an der Atombombe?

Atommülllager ASSE: Strahlenschrott aus der Nazizeit und militärisches Erbe?

Die Atombombe kam aus Deutschland – Ein Bericht von RBB

 

Atommülllager ASSE: Strahlenschrott aus der Nazizeit und militärisches Erbe?

ASSE-RoWoAktion-Sylverster2011-001Liegt im absaufenden Atomlager ASSE auch das radioaktive Erbe aus der Nazizeit? Im Juli 2011 berichteten zahlreiche Medien: „Die „Hannoversche Allgemeine Zeitung“ vom 29. Juli 1974 zitiert den damaligen stellvertretenden Asse-Betriebsleiter Alwin Urff mit den Worten: „Als wir 1967 mit der Einlagerung begannen, hat unsere Gesellschaft als erstes radioaktive Abfälle aus dem letzten Krieg versenkt, jene Uranabfälle, die bei der Vorbereitung der deutschen Atombomben anfielen“, sagte Urff. „Die mussten wir nämlich aus Betonbunkern in der Nähe von München herausholen, wo sie seinerzeit deponiert worden waren, weil man damals ja nicht wusste, wo in drei Teufels Namen man das Zeug denn lassen sollte.““ (zitiert nach Verivox, dpad)

Ob das zutreffend ist, ist bis heute unklar. Auch im Abschlussbericht des Parlamentarischen Untersuchungsberichts zur ASSE gibt es keine weitere Aufklärung. Die Euratom habe jede Zusammenarbeit zur Aufklärung verweigert, teilen die Grünen im niedersächsichsen Landtag dazu mit (siehe unten).

Doch der Verdacht, dass der Nazi-Atommüll in der ASSE gelandet sein könnte, führt dazu, dass die Grünen im Abschlussbericht zur ASSE auf die „Kernspaltung in Nazideutschland“ und die militärischen Ambitionen der Nachkriegsregierungen in der Bundesrepublik sowie die in Deutschland im Einsatz befindlichen atomaren Sprengköpfe der USA eingehen.

Dabei werfen sie auch die Frage auf, ob die ASSE möglicherweise zur Lagerung und Wartung von atomaren Sprengköpfen mit kurzer Reichweite genutzt wurde? In dem Bericht heißt es: Im Jahr 1967 verfügte das US-Militär über 31.255 atomare Sprengköpfe. (322) Nur für einen kleineren Teil gab es weit reichende Trägerwaffen. Ein Teil dieser Sprengköpfe dürfte in der Nähe des „eisernen Vorhangs“ zum Einsatz mit Kurzstreckenraketen, Geschützen, Minen und kleineren “taktischen” Raketenwerfern vorgehalten, gelagert bzw. gewartet worden sein. (323)

Ob bei der Auswahl des Bergwerks die Lage der Asse in der Nähe der deutsch-deutschen Grenze eine Rolle gespielt hat, ist unbekannt. Dass militärische Forschung in der Asse betrieben worden wäre, „ist keinem ehemaligen IfT-Mitarbeiter bekannt“, heißt es von Seiten des Bundesforschungsministeriums. Ein eindeutiges Dementi klingt anders.

Der Historiker Detlef Möller dokumentiert ein Schreiben des ehemaligen Leiters der Asse an das Bundesschatzamt, heute Bundesfinanzministerium, wo es heißt: „Wir wissen, dass es Bedenken gibt die Asse zu nutzen, aber Sie wissen auch, das es höchst gewichtige Gründe gibt, sie trotzdem zu nutzen.“ (324)

Von welchen „höchstgewichtigen Gründen“ die Rede war ergibt sich aus den vorliegenden Quellen nicht. Einen weiteren Hinweis auf bislang nicht bekannte Funktionen der Asse birgt ein Artikel von Prof. Gerhard Richter-Bernburg, Präsident der BfB (Bundesanstalt für Bodenforschung), der 1977 in Bezug auf die Asse von Endlagerung radioaktiver Abfälle und von der „Zwischenlagerung von zeitweilig aus dem Produktionsgang genommenem Material hoher Aktivität“ (325) sprach.“ (Quelle siehe unten)

Es bleiben Fragen.

Der Focus berichtete bereits im Sommer 2011: „Die dem BfS vorliegenden Unterlagen schließen eine Einlagerung von Atommüll aus der NS-Zeit zumindest nicht aus. Aus der Dokumentation, die der bis Ende 2008 verantwortliche Asse-Betreiber „Helmholtz Zentrum München“ dem BfS übergeben habe, gehe in der Regel nicht hervor, wo und warum eingelagerte Abfälle entstanden seien. „Fakt ist, dass in der Asse auch Uran eingelagert wurde“, sagte BfS-Sprecher Nording weiter.“

Nazi-Atommüll im Meer versenkt?

Eine bemerkenswerte Interpretation der Äußerungen von Urff liefert laut Verivox,dpad ein Strahlenschutzexperte, der namentlich nicht genannt werden will. Demnach „hat Urff mit seiner Aussage nicht gemeint, dass der Müll in das Bergwerk gebracht wurde. Vielmehr habe er ausdrücken wollen, dass die alten Uranrückstände vor Beginn des Asse-Betriebs im Meer versenkt worden seien. Ausgeschlossen erscheint das nicht.“ Das Online-Portal schreibt weiter: „Denn bereits im Frühjahr 2009 bestätigte die niedersächsische Landesregierung Informationen der Grünen, dass im Mai 1967 deutscher Atommüll aus dem Kernforschungszentrum Karlsruhe 400 Kilometer von der portugiesischen Küste entfernt verklappt wurde. Die rund 180 Tonnen schwach radioaktive Abfälle wurden den Angaben zufolge aus dem Kernforschungszentrum Karlsruhe angeliefert und im Emder Hafen auf das britische Schiff „Topaz“ verladen. Bei der Aktion seien gleichzeitig mehrere Hundert Tonnen niederländischer, belgischer und französischer Atommüll versenkt worden.

Nach Angaben der Grünen im niedersächsischen Landtag weigerten sich damals Schauerleute im Hafen, das Schiff zu beladen. Erst daraufhin habe das Gewerbeaufsichtsamt Radioaktivitätsmessungen veranlasst. Hinweise, dass es sich bei den aus Karlsruhe abgeschickten und im Meer versenkten Abfällen teilweise um Reste des NS-Urans handeln könnte, gab es bislang jedoch nicht.“

Der vollständige grüne Abschlussbericht zum Parlamentarischen Untersuchsungsausschuss des niedersächsischen Landtags über die ASSE steht hier zum download bereit (PDF).

 

Hier gibt es das Kapitel 11 (die oben genannten Seiten 78 – 80) über atomare Begehrlichkeiten aus der Nazi-Zeit und der frühen Bundesrepublik direkt zum Nachlesen:

11. Politischer Kontext: Aufrüstung, Atomforschung und kalter Krieg

11.1 Kernspaltung im Nazideutschland

Die Nutzung der Atomtechnologie zum Bau einer Atombombe und die Produktion von Strom mit Hilfe von Kernreaktoren sind zwei Seiten einer Medaille. Auch das Desaster in dem Salzbergwerk Asse II bei Wolfenbüttel ist ohne einen Rückblick auf die Entstehungsgeschichte dieser Technologie kaum zu verstehen.

Auf die militärische Bedeutung der Kernspaltung von Uran verwiesen der Leiter des Physikalisch-Chemischen Instituts der Universität Hamburg, Prof. Paul Harteck und sein Assistent Dr. Wilhelm Groth in einem Schreiben vom 24.4.1938 an das Heereswaffenamt. Zugleich hob man dort auf die „kriegsentscheidende Bedeutung“ einer Waffe ab, die einem Land eine „nicht einzuholende Überlegenheit“ verleihen könne. Die Göttinger Professoren Georg Joos und Wilhelm Hanle wandten sich in der gleichen Angelegenheit am 22.4.1939 an den Reichsforschungsrat im Ministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung, das von Bernhard Rust geleitet wurde. Dieser veranlasste kurze Zeit später über die Physikalischtechnische Reichsanstalt in Braunschweig die Gründung des Uranvereins, der die Aktivitäten der deutschen Atomforscher zusammenfassen sollte und den Bau einer „Uranmaschine“, mithin eines Kernreaktors anstrebte.310

Das Heereswaffenamt gründete einen zweiten Uranverein, der am Kaiser-Wilhelm-Institut das Uranprojekt verfolgte. Bereits am 6.12.1939 berichtete Heisenberg dem Heereswaffenamt, dass die Voraussetzungen für einen Kernbrennstoff bisher unbekannter Zerstörungskraft geschaffen seien, wenn nahezu reines Uran235 hergestellt werden könne.

Wie weit diese Arbeiten letztlich vorangetrieben wurden und wie weit die Arbeiten zum Bau einer Bombe bis zum Ende des zweiten Weltkrieges entwickelt waren, ist heftig umstritten. Reste dieser Forschungsarbeiten sind offenbar kurioserweise auch in die Asse verbracht wurden. Der stellvertretende Betriebsleiter der Asse wurde am 29.7.1974 verblüffend offen in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (HAZ) mit den Worten zitiert: „Als wir 1967 mit der Einlagerung begannen, hat unsere Gesellschaft als erstes radioaktive Abfälle aus dem letzten Krieg versenkt, jene Uranabfälle, die bei der Vorbereitung der deutschen Atombombe anfielen.“311

11.2 Forderungen nach atomarer Bewaffnung

Trotz der Erklärungen im Rahmen der Pariser Verträge, in denen die Bundesrepublik auf die Herstellung von ABC-Waffen verzichtete, blieb in den frühen Jahren der Bundesrepublik die Haltung zum Besitz von Atomwaffen unklar. Nach der Radford-Krise verabschiedete das Bundeskabinett312 eine Richtlinie, die vorsah den Bau von Atomwaffen auch auf deutschem Boden voranzutreiben, obwohl die Bundesrepublik in den Pariser Verträgen „freiwillig“ verzichtet hatte. Adenauer wird im Protokoll der Kabinettssitzung vom 19.12.1956 mit den Worten zitiert: „Der Bundeskanzler weist auf einen Bericht der „Neuen Zürcher Zeitung“ hin, wonach der Kongress der Vereinigten Staaten den Einsatz von Atomwaffen beschließen müsse. Eine solche Beschlussfassung sei doch irreal. Das gleiche gelte für den einstimmigen Beschluss der NATO. Es sei daher dringend erforderlich, daß die Bundesrepublik selbst taktische Atomwaffen besitze.“ In einer bis 2002 als Verschlusssache eingestuften Protokollnotiz des Bundeskabinetts vom 9.1.1957 wird Adenauer aus der Sitzung vom 19.12.1956 mit den Worten zitiert: „Es müsse also gefordert werden, den Aufbau der Bundeswehr im Einklang mit den Verpflichtungen beschleunigt durchzuführen, eine Zusammenfassung Europas voranzutreiben und nukleare Waffen in der Bundesrepublik herzustellen.“313

Verteidigungsminister Strauß beharrte 1959 auf einer „Strategie der Abschreckung“, die den „Besitz von Atomwaffen und die Entschlossenheit zum Einsatz einschloss“.314

Im Jahr 1960 kam die Forderung nach atomaren Waffen von Generälen der Bundeswehr. Im Bundestagswahlkampf 1965 erklärte Strauß: „der liebe Gott hat nicht festgelegt, dass die Kontrolle über die für uns so entscheidenden Atomwaffen nur Engländern, Amerikanern und Franzosen vorbehalten ist“.315

1965 begannen in Genf die Verhandlungen über einen Atomwaffensperrvertrag. Adenauer und Strauß sahen in dem Vertrag über die Nichtweiterverbreitung von Atomwaffen einen „Morgenthau-Plan im Quadrat“ bzw. ein „Versailles von kosmischen Ausmaßen“ und bestätigten damit indirekt die „hidden agenda“ hinter dem Atomprogramm der Regierung Adenauer, schreibt der Biograph von Bundesforschungsminister Hans Matthöfer 316

Demnach hatte die Bundesrepublik zu diesem Zeitpunkt „den Status einer nuklearen Schwellenmacht“, die im Begriff stand, im Kernforschungszentrum Karlsruhe eine von Hoechst projektierte Wiederaufarbeitungsanlage für Kernbrennstoffe zu bauen und damit die letzte noch bestehende Lücke im Kreislauf einer möglichen deutschen Bombenproduktion zu schließen. Das Atomministerium hatte durch seine Forschungspolitik wesentlich dazu beigetragen, diese Option offen zu halten.

Nach Ansicht mancher Beobachter diente der Atomwaffensperrvertrag daher ausdrücklich auch dem Ziel, eine atomare Bewaffnung der Bundesrepublik zu unterbinden. Der Hoechst Vorstandsvorsitzende Karl Winnacker überreichte im Namen des deutschen Atomforums am 24.2.1967 dem Forschungsministereine Stellungnahme die u.a. feststellte: 317 „das grundsätzliche Verbot der Anwendung atomarer Sprengsätze durch kernwaffenlose Staaten auch für friedliche Zwecke“ sei „problematisch“.

Deutschland leistete heftigen Widerstand gegen das zunächst beabsichtigte Verbot des Baus von Wiederaufarbeitungsanlagen und Urananreicherungsanlagen. Die Einführung der Kernbrennstoffflusskontrolle durch IAEA und EURATOM war schließlich ein Kompromiss, der Deutschland trotz Sperrvertrag den Bau aller nuklearen Anlagen ermöglichte. Schließlich unterzeichnete die sozial-liberale Bundesregierung den Atomwaffensperrvertrag am 28. November 1969.

Deutschland ratifizierte den Vertrag nach weiterenheftigen politischen Kontroversen aber erst im Jahr 1973. Deutschland war in der Folgezeit jedoch trotz Ratifizierung verantwortlich für die Umgehung und den Bruch des Atomwaffensperrvertrages; bspw. durch Verletzung der Retransfer-Beschränkung im Fall des Verkaufs von Anreicherungs- und von Wiederaufarbeitungsanlagen an Brasilien.318

11.3 Wiederaufbau nuklearer Forschungskapazitäten

Nach dem Krieg wurde das Know-how von den Alliierten, aber auch in Deutschland zum Aufbau der Atomindustrie genutzt. Seit 1951 drängte eine Reihe von Atomforschern mit Heisenberg an der Spitze bei der Bundesregierung darauf, zielstrebig den Wiedereinstieg in die Kerntechnik zu betreiben. Erste Forderungen aus der Wirtschaft kamen 1953 vom Bundesverband der chemischen Industrie. Federführend war hier der Hoechst-Chef Karl Winnacker, der während des Nazi-Regimes für die IG Farben die Forschung zur Herstellung von schwerem Wasser betrieben hatte.

Nach dem Abschluss der Pariser Verträge, wo Adenauer eine Verzichtserklärung auf die Herstellung von ABC-Waffen unterzeichnete, hoben die Alliierten im Mai 1955 das nukleare Forschungsverbot für die Bundesrepublik auf. Bereits im Oktober 1955 wurde Franz-Josef Strauß Bundesminister des Ministeriums für Atomfragen.Im Juli 1956 wurde die Kernreaktorbau- und Betriebsgesellschaft in Karlsruhe als Keimzelle des Forschungszentrums Karlsruhe und die Kernforschungsanlage Jülich gegründet.

11.4 Organisation des Manhattan-Projekts als Vorbild für deutsche Kernforschung

„Beim Aufbau der deutschen Kernforschung orientierte man sich an den erfolgreichen, in kurzer Zeit entstandenen großen militärischen Forschungsstätten. Diese Institutionen wurden vom Staat finanziert und verwaltet. Die Privatindustrie war als Dienstleister, Zulieferer und Betreiber vertraglich eingebunden. Eine staatliche Koordinierung oder Weisungskompetenz in unternehmerischen Konzeptionen wurde von der Industrie als wenig hilfreich erachtet. Die Steuerungsmöglichkeiten des Staates lagen daher vornehmlich in der Bereitstellung und Bewilligung projektbezogener Fördermittel, in der Grundfinanzierung der staatlichen Forschungseinrichtungen und in der atomrechtlichen Genehmigungs- und Aufsichtskompetenz“.319

Als deutscher Partner einer gemeinsamen deutsch-französisch-britischen Vertriebsorganisation, der United Reprocessors GmbH (URG), wurde im September 1970 die Kernbrennstoffwiederaufarbeitungsgesellschaft (KEWA) von den Gesellschaftern der Gesellschaft für die Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen (GWK) gegründet.320

Gesellschafter der KEWA waren die Hoechst AG, Bayer AG, Gelsenberg und Nukem. Die KEWA führte später ein Suchverfahren für den Standort einer großen Wiederaufarbeitungsanlage und eines Endlagers für Atommüll durch. Chefgeologe für das KEWA-Auswahlverfahren zur Suche nach einem Endlager für hochradioaktiven Atommüll am Standort der damals geplanten weltgrößten Wiederaufarbeitungsanlage war Prof. Dr. Gerd Anger von der Universtät Clausthal, der bei der BAYER AG tätig war.

In München war bereits 1957 der erste deutsche Forschungsreaktor FRM in Betrieb gegangen. Die fünf ersten Forschungsreaktoren wurden in Großbritannien und den USA eingekauft. In Frankfurt ging im Jahr 1958 der Forschungsreaktor FRF-1 in Betrieb. In Geesthacht ging 1958 der Forschungsreaktor FRG-1 in Betrieb. Als erster deutscher Reaktor, der nach eigenem Konzept und in eigener Verantwortung betrieben wurde, ging in Karlsruhe 1961 der Forschungsreaktor FR 2 in Betrieb, der als „Dual-Use Reaktor“ galt. Es folgten etliche weitere, darunter der Schwerwasser moderierte MZFR in Karlsruhe (1965), der Siedewasserreaktor Kahl (1960), der Hochtemperaturreaktor AVR in Jülich (1966) und ein schneller Brutreaktor KNK-II in Karlsruhe (1977).321

Die Wiederaufarbeitungsanlage Karlsruhe wurde 1971 in Betrieb genommen. In Jülich und Gronau entstanden Kapazitäten zur Uranreicherung. Aus Karlsruhe und Jülich kamen später die größten Lieferungen mit radioaktiven Abfällen in die Asse.

Faktisch besaß die Bundesrepublik Anfang der siebziger Jahre mit dem FR II Reaktor, der Wiederaufarbeitungsanlage und Gaszentrifugen zur Urananreicherung alle technischen Anlagen und auch das Know-how zum Bau von Atomwaffen.

Im Jahr 1967 verfügte das US-Militär über 31.255 atomare Sprengköpfe.322
Nur für einen kleineren Teil gab es weit reichende Trägerwaffen. Ein Teil dieser Sprengköpfe dürfte in der Nähe des „eisernen Vorhangs“ zum Einsatz mit Kurzstreckenraketen, Geschützen, Minen und kleineren „taktischen“ Raketenwerfern vorgehalten, gelagert bzw. gewartet worden sein.323

Ob bei der Auswahl des Bergwerks die Lage der Asse in der Nähe der deutsch-deutschen Grenze eine Rolle gespielt hat, ist unbekannt. Dass militärische Forschung in der Asse betrieben worden wäre, „ist keinem ehemaligen IfT-Mitarbeiter bekannt“, heißt es von Seiten des Bundesforschungsministeriums. Ein eindeutiges Dementi klingt anders.

Der Historiker Detlef Möller dokumentiert ein Schreiben des ehemaligen Leiters der Asse an das Bundesschatzamt, heute Bundesfinanzministerium, wo es heißt: „Wir wissen, dass es Bedenken gibt die Asse zu nutzen, aber Sie wissen auch, das es höchst gewichtige Gründe gibt, sie trotzdem zu nutzen.“324

Von welchen „höchstgewichtigen Gründen“ die Rede war ergibt sich aus den vorliegenden Quellen nicht. Einen weiteren Hinweis auf bislang nicht bekannte Funktionen der Asse birgt ein Artikel von Prof. Gerhard Richter-Bernburg, Präsident der BfB, der 1977 in Bezug auf die Asse von Endlagerung radioaktiver Abfälle und von der „Zwischenlagerung von zeitweilig aus dem Produktionsgang genommenem Material hoher Aktivität“ 325 sprach.

Alle Versuche des 21. Untersuchungsauschusses über die Kontrolle der bei EURATOM im Rahmen von Art. 3, Abs 1 des Kernwaffensperrvertrages geführten Kernbrennstoffbilanzen die Sicherheitskontrollen (Safeguards) mit den gemeldeten Kernbrennstoffbilanzen der Asse und der Wiederaufarbeitungsanlage Karlsruhe abzugleichen, sind an der Behörde gescheitert, obwohl die Kontrollen zu diesem Zweck eingerichtet wurden. Durch einen solchen Abgleich hätte mehr Sicherheit über in die Asse eingelagerte Kernbrennstoffmengen gewonnen werden können und jeglicher Verdacht der Proliferation von kernwaffenfähigem Material hätte ausgeräumt werden können.

Anmerkungen:
310: Kernenergieforschung in Celle 1944/45, 1995, S. 22/23
311: SZ, 12.7.2011
312: Protokoll der Sitzung des Bundeskabinetts vom 19.12.1956, Bundesarchiv/Militärarchiv (BA-MA), Bm1/48957 S. 389, zitiert nach Abelshäuser, Nach dem Wirtschaftswunder, Bonn 2009
313: Auszug aus dem Kurzprotokoll über die 164. Kabinettssitzung der Bundesregierung am 19.12.1956, BW1/48957b BMVg RII4
314: Bulletin, hrsg. vom Presse- und Informationsamt der Bundesregierung, 16.4.59
315: Bild, 9.9.65
316: Nach dem Wirtschaftswunder, Werner Abelshauser, Bonn 2009
317: Atomwirtschaft 12, 1967, p 121
318 : Joachim Radkau/Joachim Gruber: http://www.acamedia.info/politics/nonproliferation/references/radkau.htm
319 : Die Wiederaufarbeitung von bestrahlten Kernbrennstoffen in der Bundesrepublik Deutschland, Frankfurt 2003,Wolfgang Issel
320 : Die Wiederaufarbeitung von bestrahlten Kernbrennstoffen in der Bundesrepublik Deutschland, Frankfurt 2003,Wolfgang Issel
321 : Stilllegung und Rückbau kerntechnischer Anlagen, 3. Auflage, Aachen 2009
322 : SZ, 05.05.2010
323:  Spiegel 31/1963
324 : Detlev Möller, Endlagerung radioaktiver Abfälle in der Bundesrepublik Deutschland, Hrsg. Hans-Joachim Braun, Peter Lang Internationaler Verlag der Wissenschaften, Ffm 2009
325 : Gerhard Richter-Bernburg, bild der wissenschaft, 12-1977

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