Echt bombig: Grüne und Atommüll-Exporte aus Jülich in die USA

Brennelementkugeln des Hochtemperaturreaktors. In der aufgeschnittenen Kugel ist die Innenzone mit den Brennstoffpartikeln erkennbar. Quelle Forschungszentrum Juelich
Klein, aber oho: Hochradioaktive Brennelemente aus Jülich sollen in die USA abgeschoben werden. Foto: Forschungszentrum Jülich

„Wir GRÜNEN wollen, dass der Atommüll bis zum Transport in ein Endlager in Jülich verbleibt und damit überflüssige Atommüllfahrten verhindert werden.“ Das sagten die NRW-Grünen 2011 und schrieben das auch in den Koalitionsvertrag (S. 41, „Wir wollen, dass die Castoren, vor allem die in Jülich lagernden, nur noch einmal transportiert werden – nämlich zu einem Endlager, wenn hierfür ein Standort gefunden ist“.) mit der SPD. Doch in der Realität ist die rot-grüne Regierung derzeit damit beschäftigt, eben diesen Atommüll für den Abtransport in die USA vorzubereiten. Weil dort das gesuchte Endlager ist? 152 Castoren mit hochradioaktiven Brennelement-Kugeln aus dem Versuchsreaktor Jülich lagern derzeit am Rande der Legalität in der alten Atomforschungs-Schmiede. Für eine reguläre atomrechtliche Genehmigung hat das dortige Lager zu viele Sicherheitsmängel.

Für die Aufsicht in Jülich zuständig: Das rot-grüne Bundesland NRW! Außerdem ist das Land NRW als Eigentümer neben dem Bund Betreiber in Jülich. Bereits zwei mal wurde eine Art Notverordnung für weitere Lagerung der Brennelemente in Jülich vom Land erlassen, damit zumindest der Eindruck von Rechtsstaatlichkeit aufrechterhalten werden kann. (Die Genehmigungsbehörde für die Lagerhalle, das Bundesamt für Strahlenschutz, berichtet hier über die Lage im Atommüll-Zentrum Jülich.) Ende Juli 2014 wird diese Regelung erneut verlängert werden müssen, weil der Betreiber es mit der überfälligen Nachrüstung von Sicherheitsmaßnahmen nicht sonderlich eilig hat. Stattdessen sondieren rot-grüne Landesregierung und Bundesministerien eine Verschiffung der strahlenden Fracht in die USA. Bis zum Juni 2016 – so berichtet die Aachener Zeitung – sollen die Atomtransporte per Schiff in die USA erfolgen.

Was haben die Grünen für einen (berechtigten) Alarm gemacht, als Ende 2012/Anfang 2013 bekannt wurde, dass die Bundesregierung in Folge der Umsetzung einer EU-Richtlinie den Export von Atommüll im Atomgesetz verankern wollte. Die aus NRW stammende Bärbel Höhn z. B. in diesem Interview beim Deutschlandfunk. Glasklar stellte sie im Januar 2013 fest: „Das halte ich überhaupt nicht für eine gute Idee. Und interessanterweise ist es ja so, dass alle Fraktionen bisher in Deutschland gemeinsam klar hatten: Wir haben hier die Verantwortung für den Atommüll, wir müssen auch für eine sichere Endlagerung sorgen, und das kann hier nur in Deutschland passieren.“

Und während die NRW-Grüne das sagte, waren VertreterInnen der rot-grünen Landesregierung von NRW gemeinsam mit dem Bundesministerium unterwegs, um mit den USA über einen eben solchen Atommüll-Export aus Jülich zu verhandeln. Inzwischen liegen erste Absprachen vor, die in einem „Statement of Intent (PDF)“ im April 2014 in den USA veröffentlicht wurden. (Der Link verweist auf die Seite von SRS-Watch, einer atomkritischen Initiative in der Gegend der Savannah River Site, wo der Atommüll aus Jülich für den Fall einer Einigung hin soll. Auf deutscher Seite haben das Forschungsministerium in NRW und das des Bundes unterzeichnet. Eine Veröffentlichung durch die Ministerien in Deutschland ist mir nicht bekannt.)

AtomkraftgegnerInnen in den USA und Deutschland sorgten dafür, dass nun einige Einzelheiten über die Verhandlungen ans Tageslicht gekommen sind. In den Aachener Nachrichten heißt es: „Ein Transport der hoch radioaktiven Brennelemente aus dem 1988 stillgelegten AVR-Versuchsreaktor in die USA wird immer wahrscheinlicher; gewiss ist er aber längst nicht.“ Und das Blatt berichtet: „Wie das NRW-Wissenschaftsministerium unserer Zeitung sagt, ist beabsichtigt, die Brennelemente in das Atommülllager Savannah River Site in South Carolina im Osten der USA zu bringen. Allerdings „unter der Voraussetzung, dass ein Vertrag zur Rückgabe der Brennelemente geschlossen wird“. Auch am FZJ wird noch vorsichtig formuliert: Die Absichtserklärung sei „lediglich ein erster Schritt hin zu einem möglichen Rücktransport des Kernbrennstoffs in die USA“. Ein endgültiger Vertrag könne erst erfolgen, wenn an der Savannah River Site „die notwendigen Voraussetzungen für eine Annahme geschaffen worden sind“.“

Noch müssen eine Menge Probleme aus dem Weg geräumt werden. Denn eine Anlage, die im größeren Maßstab den äußerst kompliziert zu handhabenden Graphit-Atommüll verarbeiten kann, gibt es bislang noch nicht. Dennoch teilt die Aachener Zeitung mit, dass Behörden wie auch Betreiber davon sprechen, dass die Atomtransporte bis Ende Juni 2016 durchgeführt sein sollen. Statt Zwischenlagerung in Jülich wird dann bestenfalls nach hochriskanten Transporten eine weitere Zwischenlagerung in den USA erfolgen. Bis dahin ist zu befürchten: Der Atommüll wird noch einige Jahre per Ausnahmeverordnung in Jülich herumstehen. Proteste der Regierungs-Grünen in NRW gegen diese Planungen sind nicht bekannt.

Trotz der öffentlich dargebrachten Schimpferein der Grünen gegen Atommüll-Exporte ins Ausland: Als im Sommer 2013 das Endlager-Suchgesetz unter dem Jubel von SPD, CDU/CSU, FDP und Grünen mit massiver Kritik der Umweltverbände den Bundestag passiert, meldet der Spiegel: „Ein juristischer Trick könnte Export von Atommüll ins Ausland ermöglichen“ und schreibt: „Mit einem juristischen Trick ist es der Bundesregierung gelungen, den Export von Atommüll aus dem Forschungszentrum Jülich in die USA zu ermöglichen. In letzter Minute wurde eine entsprechende Passage in den Entwurf zum Endlagersuchgesetz aufgenommen. Darin wird die Ausfuhr von radioaktivem Abfall zwar verboten. Doch zugleich wurde mit Verweis auf eine EU-Richtlinie Atommüll aus Forschungseinrichtungen davon ausgenommen. Das Forschungsministerium als Haupteigentümer des ehemaligen Komplexes in Jülich verhandelt derzeit mit US-Behörden über den Export von abgebrannten Elementen. Passiert das Gesetz in der neuen Fassung am Freitag den Bundesrat, würde ein Tabu gebrochen. Vor zweieinhalb Jahren hatte der damalige Umweltminister Norbert Röttgen verhindert, dass Nuklearmüll aus dem stillgelegten Forschungsreaktor im sächsischen Rossendorf nach Russland transportiert wurde.“

(Siehe Paragraph 1 im StandAG der Hinweis auf die Richtlinie 2011/70/EURATOM des Rates vom 19. Juli 2011 über einen Gemeinschaftsrahmen für die verantwortungsvolle und sichere Entsorgung abgebrannter Brennelemente und radioaktiver Abfälle (ABl. L 199 vom 2.8.2011, S. 48). Die Richtlinie ist hier online).

Oliver Krischer, Bundestagsabgeordner der Grünen aus NRW nahm im September 2013 einen weiteren Spiegel-Artikel zum Anlass für eine schriftliche Anfrage (hier gehts zur Drucksache (PDF), siehe Seite 66). Der Spiegel hatte in der Ausgabe (36/2013) berichtet, dass die Kosten für den geplanten Deal bei rund 450 Millionen Euro liegen würden. Der Abgeordnete wollte wissen, wie sich diese Kosten zusammensetzen und „welche eigenen Erkenntnisse hat die Bundesregierung über die Gesamtkosten eines Transports und Abgabe der Jülicher AVR-Castoren an die USA?“ Die Antwort des Parlamentarischen Staatssekretärs Thomas Rachel vom 9. September 2013 lautet: „Der Bundesregierung liegt bisher kein Angebot der amerikanischen Seite zum Transport der AVR-Brennelemente in die USA vor. Mit  einem entsprechenden Angebot ist auch nicht in nächster Zukunft zu rechnen, da zahlreiche Fachfragen, die Voraussetzungen für entsprechende Kalkulationen wären, noch nicht abschließend geklärt sind.“ Aha!

Bombentauglicher hochradioaktiver Brennstoff

Die Argumentation, warum die AVR-Brennelemente aus Jülich nun in die USA abgeschoben werden sollen, ist eine fast friedens- und abrüstungspolitische: Die Brennelemente-Kugeln, deren Uran-Anteil ehemals von den USA geliefert wurden,  enthalten nämlich bereits im Neuzustand teilweise Anreicherungen von über 90 Prozent des spaltbaren Uran 235 und wären in diesem Zustand tauglich, um daraus eine Atombombe zu bauen. Durch den Reaktoreinsatz hat sich der Anteil an Uran 235 zwar etwas verringert, aber zusätzlich sind u.a. Plutonium 239 und außerdem Uran 233 enstanden („erbrütet“ worden). Das Zeug ist also in der Tat atomwaffentauglich. Voraussetzung für eine militärische Nutzung aber wäre, dass der Brennstoff aufgearbeitet wird, also die „waffenfähigen Spaltstoffe“ aus der hochradioaktiven Matrix abgetrennt werden.

Aufgrund der Besonderheit der AVR-Brennelemente, etwa Tennisball-große Kugeln aus Graphit mit einem Gewicht von rund 200 Gramm, in denen der Brennstoff wiederum als kleinste Kügelchen eingebunden ist, stellen sie in gewisser Weise ein militärisches Sicherheitsrisiko dar. Mit entsprechendem Aufwand könnte der Spaltstoff aus seiner hochradioaktiven Matrix chemisch herausgetrennt werden. Genau das soll „kontrolliert“ in den USA erfolgen. Allerdings ist das sehr mühselig, angesichts der jeweils kleinen Mengen an waffenfähigem Material je Kugel – aber bei 300.000 Kugeln …

Ziel der geplanten atomaren Geisterfahrt ist die Sawanna  River Site (SRS), eine gigantische Atomanlage aus den 50er Jahren mit zahlreichen Reaktoren und Atommülltanks. Hier wurden die Atombomben der USA gebaut. Hier sollen die Brennelement-Kugel aus Jülich aufgearbeitet werden. Das Ganze erfolgt im Rahmen eines US-Programms, hochangereicherte Brennstoffe im Rahmen ihrer Nicht-Verbreitungspolitik („Non-Proliferation“) zurückzunehmen.

Widerstand auch in den USA

Nicht nur hiesige Anti-Atom-Initiativen kritisieren die Pläne der rot-grünen Landesregierung für derartige Atomtransporte, die offenkundig erst als „Lösung“ ins Spiel kamen, als die Sicherheitsprobleme für die Zwischenlagerung in Jülich immer offensichtlicher wurden.

Die Aachener Zeitung berichtet: „Offenbar regt sich in den Vereinigten Staaten jedoch heftiger Widerstand gegen die Pläne. „The Greenville News“, eine der größten Tageszeitungen in South Carolina, berichtete gestern über Kritik von Umweltschützern, die sich generell gegen eine weitere Aufnahme von Atommüll in der SRS wehren.

Tom Clements, Leiter der Gruppe „SRS Watch“ wird von der Zeitung mit dem Satz zitiert: „Der Vorschlag, hoch radioaktive, abgebrannte Brennelemente aus Deutschland in die SRS zu bringen, ist nichts anderes als das Verklappen von Atommüll unter dem Deckmäntelchen der Nicht-Verbreitungspolitik.“ Clements stellt augenscheinlich auch einen Zusammenhang zum deutschen Atomausstieg her: „Die wachsende Verlegenheit Deutschlands über den Umgang mit dem eigenen Atommüll darf nicht zu einem Müllbeseitigungsproblem der Savannah River Site werden“, sagte er.“

Die Brennelemente des AVR Jülich – Einige Fakten

BFS über das AVR-BE-Lager in Jülich. Dort findet sich auch als „Überblick zum Vorhaben der Aufbewahrung bestrahlter Brennelemente am Standort Jülich“ eine „Kurzbeschreibung (PDF, ca. 900 kB, Datei ist nicht barrierefrei), die im Oktober 1988 im Rahmen des damaligen Verfahrens zur Beteiligung der Öffentlichkeit (Erörterungstermin) erstellt wurde.“. Daraus stammt der folgende Auszug über die Art der Castor-Behälter und deren Inhalt: „Im Behälter befinden sich die Brennelementkugeln in zwei übereinanderstehenden Edelstahlkannen (AVR-TL-Kanne). Jede Kanne enthält max. 950 Kugeln. Die Brennelementkugeln des AVR-Reaktors haben einen Durchmesser von 6 cm und ein Gewicht von ca. 200 Gramm (Abbildung 7). Sie bestehen im wesentlichen aus Graphit, in dem der Kernbrennstoff in Form von kleinen, mehrfach beschichteten Partikeln gleichmäßig verteilt vorliegt. Die Abbildung 7 zeigt, daß die äußere Schale der Brennelementkugel, mit einer Stärke von etwa 0,5 cm, frei von Kernbrennstoff ist.
Das frische Brennelement enthält etwa 1 Gramm an spaltbarem Uran-235 und 5 bis 10 Gramm Thorium oder Uran-238.

Nach der Entnahme aus dem Reaktor enthält eine Brennelementkugel noch max. 0,75 g an spaltbarem Uran. Allerdings enthält das bestrahlte Brennelement eine höhere Radioaktivität als im frischen Zustand (im Durchschnitt ca. 2,2 TBq (60 Ci)), die im wesentlichen durch die Spaltung des Uran-235-Isotops entstanden ist. Zusätzlich werden durch die Aktivierung von Uran-238 und Thorium neue spaltbare Stoffe, nämlich Uran-233, Plutonium-239 und Plutonium-241, erzeugt. Die Gesamtmenge an Spaltstoffen, d.h. U-235 + U-233 + Pu-239 + Pu-241, liegt in jedem Fall unter 0,75 g pro Brennelement.“

Auch die ehemalige Atomforschungs-Schmiede in Jülich beschreibt den AVR-Atommüll. Dort heißt es zur Frage „Woraus besteht ihr Inhalt?“ im weiteren: „Im AVR-Reaktor wurden während der 20jährigen Betriebszeit unterschiedliche Brennelemente getestet, die auch unterschiedliche Anreicherungen hatten. In den ersten Jahren wurden ausschließlich Brennelemente mit hoch angereichertem Uran, so genannte HEU-BE, eingesetzt, später dann auch Brennelemente mit niedrigeren Anreicherungen, so genannte LEU-BE. Der Anreicherungsgrad bei den HEU-BE lag über 90%, bei den LEU-BE schwankte er zwischen 15% und 25%. Die HEU-BE wurden im Reaktor relativ hoch abgebrannt, der Abbrand der LEU-BE schwankt relativ stark, was auf unterschiedliche Betriebs- und Einsatzzeiten im Core zurückzuführen ist.

Die Brennstoffpartikel bestehen aus spaltbarem Uran (U-235) sowie dem nicht spaltbaren U-238. Ein Teil der Partikel enthält Thorium (Th-232) statt U-238. Im Laufe der Jahre waren in dem Reaktor zur Brennelemententwicklung unterschiedliche Brennelemente getestet worden. Die Partikel sind mit Siliziumcarbid beschichtet („coated particles“), um die Spaltprodukte zurückzuhalten. Da alle Brennelementkugeln (unterschiedlich lange) im Reaktor waren, enthalten sie – neben unverbrauchtem Kernbrennstoff – u.a. Plutonium (Pu-239, entstanden aus U-238) und Uran-233 (entstanden aus Th-232) sowie die Spaltprodukte.“

Rot-Grün in NRW: Atommüll-Probleme sollen abgeschoben werden

irgendwo-atommuell-umweltfairaendernAtommüll-Desaster – z.B. in Jülich. In der ehemaligen Kernforschungsanlage stehen 152 Castor-Behälter mit hochradioaktiven Brennelemente-Kugeln. Deren Lagerung wird nur noch per Notverordnungen durch die rot-grüne Landesregierung in NRW erlaubt – eine reguläre atomrechtliche Genehmigung gibt es aufgrund der Sicherheitsmängel der dortigen Lagerhalle nicht mehr (siehe: Hochradioaktiver Atommüll in Jülich lagert weiter per Ausnahmeverordnung). Ausnahmezustand bei der Atommüll-Entsorgung. Während sonst vor allem die Grünen immer wieder die nationale Verantwortung für den Atommüll einfordern und Exporten massiv widersprochen haben, will die Landesregierung das Problem nun einfach abschieben. Der Atommüll soll kurzerhand umdeklariert werden und dann per Schiff in die USA gehen. Dort ist die Lagerung zwar auch nicht sicher, aber das Problem ist wenigstens weit weg. Auf Telepolis ist ein ausführlicher Artikel von Elke Brandes und Ralf Streck erschienen, den umweltFAIRaendern mit freundlicher Genehmigung der Autorin hier in voller Länge veröffentlicht.

Deutscher Atommüll soll in die USA

Getarnt als Material zur Wiederaufarbeitung soll Atommüll aus dem Forschungszentrum Jülich ins US-Atomwaffenzentrum in South Carolina verschifft werden

Atomkraftgegner in den USA haben herausgefunden, dass es seit drei Jahren konkrete Verhandlungen darüber gibt, Atommüll mit hoch angereichertem Uran aus dem havarierten AVR-Kugelhaufenreaktor im Forschungszentrum Jülich ins Atomwaffenzentrum Savannah River Site in South Carolina zu bringen. Tatsächlich drängt die Zeit, denn in Jülich musste die Betriebsgenehmigung für die Lagerung schon zwei Mal außerordentlich verlängert werden. Dass Atommüll in den USA sicher gelagert werden könnte, daran werden die Zweifel angesichts der Vorgänge in einem Lager für mittelradioaktiven Müll immer größer.

Immer mal wieder fallen negative Schlaglichter auf den 1988 havarierten und stillgelegten AVR-Kugelhaufenreaktors im Forschungszentrum Jülich (FJZ). Eine Expertenstudie kam 2008 zu dem Ergebnis, dass der Reaktor einst nur knapp an einer Katastrophe „vorbeigeschlittert“ sei. Erst kürzlich wurde ein Bericht erstellt, der die wesentliche Kritikpunkte aus der Zeit bestätigte. „Der AVR hätte nie betrieben werden dürfen, weil er hochgradig unsicher war“, bekräftigt der FZJ-Sicherheitsforscher Rainer Moormann, der einst auf die gravierenden Probleme hingewiesen hatte.

Damit nicht genug, wurde auch bekannt, dass strahlender Müll aus dem Reaktor ebenfalls im einstürzenden und absaufenden „Versuchsendlager“ Asse versenkt wurde. Mehr als 100 Fässer mit verstrahlten AVR-Graphitkugeln wurden dort eingelagert. Es zeigte sich erneut, wie schlampig sowohl auf Seiten der Reaktorbetreiber und im Endlager Asse mit den hochgefährlichen Stoffen umgegangen wurde. So ist nur die Anzahl der gelieferten und eingelagerten Fässer dokumentiert worden.

Deshalb musste die Anzahl der verstrahlten Kugeln im Nachhinein geschätzt werden, die nun in der Asse auf die teure Rückholung warten (Hohe Radioaktivität in der Asse). Und 2011 kam es dann erneut zu Schlagzeilen, weil in Jülich sogar fast 2300 Brennstoffkugeln mit hoch angereichertem Uran „vermisst“ wurden.

Brennelementkugeln sollen in die USA verschifft werden

Klar ist, dass in einem Zwischenlager in Jülich derzeit in 152 CASTOR-Behältern fast 300.000 intakte abgebrannte Brennelementkugeln lagern und die sollen nun offensichtlich in die USA verschifft werden. Die Zeit drängt, denn die Betriebsgenehmigung für die Lagerung in Jülich ist schon vor fast einem Jahr abgelaufen und wurde zwei Mal noch bis zum kommenden Juli verlängert.

Telepolis liegt eine am 1. April unterzeichnete Absichtserklärung zwischen der US Energiebehörde (Department of Energy, DOE), dem Bundesministerium für Bildung und Forschung und dem Nordrhein-Westfälischen Wissenschaftsministerium vor, die einen Export des Atommüll in die USA vorsieht.

Als Begründung für den Atommüllhandel wird darin unter anderem genannt:

Die Annahme des Brennstoffes würde durch die US-Richtlinie zur Minimierung von hoch angereichertem Uran (highly enriched Uranium, HEU) unterstützt. Mit dieser Richtlinie beabsichtigt die US Energiebehörde, HEU im zivilem Handel zu reduzieren und schließlich vollständig zu entfernen, indem sie das aus den USA stammende HEU in Brennstoffen aus Deutschland entfernt und zur sicheren Lagerung zurück in die USA bringt, wo es in eine Form umgewandelt wird, in der es nicht mehr für Atomwaffen oder anderes improvisiertes Gerät zur Verbreitung von nuklearem Material genutzt werden kann. Die Lagerung des Brennstoffes würde auch den Zielen des Atom-Sicherheitsgipfels in 2014 beisteuern.

Auf Anfrage von US-Umweltschützern und Umweltschützerinnen hatte die DOE mitgeteilt, dass ein Umweltgutachten für die Aufnahme von etwa 900 kg hoch angereichertem Uran in das Atomwaffenzentrum Savannah River Site (SRS) bei Aiken in South Carolina in Auftrag geben wurde.

Hintertüren

Dort soll der Atommüll laut der Vorvereinbarung angeblich zu seiner Aufarbeitung gelagert werden. Bestätigt wurde damit ein Bericht des Spiegels aus dem vergangenen Jahr, wonach deutsche und US-amerikanische Behörden über einen möglichen Export von knapp 300.000 abgebrannten Graphitkugeln aus dem AVR-Reaktor in Jülich verhandeln.

Nun ist klar, dass die Verhandlungen sich schon über drei Jahre hinziehen. Hier drängt sich geradezu der Eindruck auf, dass in den USA ein neuer Abnehmer für den strahlenden Müll gesucht wurde, nachdem die Versuche vor gut drei Jahren gescheitert waren, Atommüll in großem Stil nach Russland zu verfrachten.

Der Spiegel hatte auch darüber berichtet, dass dieser Atommüll-Export in die USA über eine Hintertür in dem im Sommer letzten Jahres verabschiedeten Endlagersuchgesetz möglich ist. Denn das lässt den Export von Atommüll aus Forschungszentren zu. Tatsächlich handelte es sich beim Jülicher AVR Reaktor aber ohnehin nicht um einen Forschungsreaktor.

Der Versuchsreaktor wurde von Energieunternehmen betrieben und speiste über 20 Jahre Strom ins Netz ein. Der AVR wurde zwar vom FJZ wissenschaftlich betreut und mit Betriebskostenzuschüssen unterstützt, war aber formal unabhängig.

Verhandlungen über weitere Abnahmen

Doch damit nicht genug, machen die lokalen Umweltschützerinnen und Umweltschützer von SRS Watch mit Bezug auf ihnen vorliegenden Daten deutlich, dass es bei den 152 Castoren mit dem Atommüll aus Jülich nicht bleiben soll. Denn verhandelt werde auch über die Annahme von weiteren 305 Castoren mit 605,000 Graphitkugeln aus dem THTR-300 in Hamm.

Dabei handelt es sich um das teure Debakel eines Atommeilers, der zwischen 1985 bis zur schnellen Stilllegung 1989 nur an 432 Volllasttagen in Betrieb war. Dafür wurde der Strom hoch subventioniert, denn neben offiziellen Subventionen gab es zudem für den erzeugten Strom eine Abnahmegarantie zu einem an der Steinkohleverstromung orientierten Preis, der damals um etwa 40 % über dem Abnahmepreis für andere Atommeiler lag.

Welche neue Hintertür gefunden wird, um auch diesen Müll in die USA zu schaffen, darauf darf man gespannt sein. Interessant ist vor allem die Argumentation der „Rücknahme“ des Brennstoffs durch den Hersteller USA, die immer wieder verlautet wurde und auch in der Absichtserklärung auftaucht. Mit der Argumentation könnte Deutschland praktisch seinen gesamten Atommüll loswerden, indem es ihn an die Hersteller und Lieferanten zurück gibt.

„Kein Einlagerungsplan“

Atomkraftgegner und Umweltschützer wehren sich auf beiden Seiten des Atlantiks vehement dagegen, deutschen Atommüll in die USA zu verschiffen. Der Leiter der lokalen Umweltorganisation Savannah River Site Watch und langjährige Atomkraftgegner, Tom Clements, macht klar, dass unter dem Vorwand der Verhinderung der Verbreitung von Atomwaffen nun Atommüll in den USA entsorgt werden soll.

Das deutsche Atommüll-Dilemma, wie mit dem Atommüll umgegangen werden soll, darf aber kein Atommüllproblem für Savannah River Site werden.

Deutschland müsse ihn selbst entsorgen und unsinnige und gefährliche Transporte verhindern.

Auf Anfrage von Telepolis zweifelte Tom Clements daran, dass es gelingen werde, über die Umrüstung einer bestehenden Aufarbeitungsanlage aus den abgebrannten Graphitkugeln neue Brennstäbe für US-Atomkraftwerke herzustellen.

Während unklar ist, ob ein so unüblicher hochradioaktiver Müll überhaupt im SRS verarbeitet werden kann, ist sicher, dass es keinen Einlagerungsplan für den Müll gibt.

Bislang wurde eine geplante Umwandlung nur mit geringen Mengen im Labor erreicht. Auch die Energiebehörde gibt zu, dass die Entwicklung längst nicht abgeschlossen sei. Bisher seien 1,5 Millionen Dollar in das Projekt geflossen, doch müssten weitere 8,5 Millionen Dollar für die Fortführung zur Verfügung gestellt worden. Und Clements nimmt es der Energiebehörde nicht ab, dass sie den Import von deutschem Atommüll als Maßnahme zur Anti-Proliferation plane.

Obwohl das DOE behauptet, dass das Material sicher entsorgt würde, gibt es keinen Entsorgungsplan für hochradioaktiven Müll, und daher geht es im Grunde um den Transport ins SRS zur langfristigen oder endgültigen Lagerung.

Der Leiter von SRS Watch geht davon aus, dass ein Geschäft gemacht werden soll, um viel Geld in die leeren Kassen der SRS-Betreiber zu spülen. SRS Watch weist auch darauf hin, dass auf dem SRS-Gelände längst Atommüll aus anderen Ländern gelagert werde. Plutonium sei unter anderem schon aus Kanada, Belgien, Italien und Schweden angeliefert worden. Dazu lagern auf dem Gelände 180 Millionen Liter flüssigen hochradioaktiven Abfalls aus der Atomwaffenproduktion der 1950er Jahre. Die Tanks beginnen längst undicht zu werden, weshalb der Müll unter hohem finanziellem Aufwand in neue Behälter umgefüllt werden muss.

Dass mit einer angeblichen Rückholung des Atommülls in die USA gegenüber dem Partner Deutschland argumentiert wird, entbehrt tatsächlich jeder Logik. Oder wird der Bundesrepublik unterstellt, Handel mit atomwaffenfähigem Material zu betreiben? Wohl kaum, ohnehin hätte Deutschland auch trotz der Rücknahme der Graphitkugeln noch ausreichend Material dafür auf Lager. Die USA müsste also das gesamte strahlende Material aus Deutschland abnehmen, wenn diese Begründung ernst zu nehmen wäre.

450 Millionen Euro Exportkosten?

So dürfte tatsächlich eher der enorme finanzielle Druck eine bedeutende Rolle spielen, unter dem der SRS-Komplex steht. So bot sich die SRS zuletzt auch als Zwischenlager für US-amerikanischen Atommüll an, was aber zunächst durch den Einspruch von besorgten Bürgerinnen und Bürgern verhindert werden konnte.

Der Spiegel hatte im September 2013 veröffentlicht, dass für den Export des Atommülls aus Jülich 450 Millionen Euro im Gespräch seien. Das wäre weitaus mehr als der Bau eines neuen Zwischenlagers dort kosten würde. Erweitert man das gedanklich auf die mehr als doppelt so große Menge Atommüll aus dem THTR, dann könnte es sich um eine Größenordnung von über einer Milliarde Euro handeln.

Und mehr als kurios ist auch, wenn in der Absichtserklärung von einer „sicheren Lagerung“ des Atommülls in den USA gesprochen wird. Bekannt ist, dass auch die USA – wie alle anderen Länder – über kein Endlager für hochradioaktiven Müll verfügen. Und die Vorgänge in der Waste Isolation Pilot Plant (WIPP) im US-Bundesstaat New Mexico lassen erheblich Zweifel an einem verantwortlichen Umgang mit Atommüll in den USA aufkommen.

Dabei wurde in dem Salzstock nur langlebiger mittelradioaktiver Abfall aus der Atombombenproduktion eingelagert. Doch das Lager musste nach einem Unfall im Februar geschlossen werden, bei dem Plutonium freigesetzt wurde.

Aufplatzende Fässer

Inzwischen hat sich bestätigt, dass mindestens ein Atommüllfass wie erwartet aufgeplatzt ist, das aus der Atomwaffenfabrik Los Alamos kam. Die Inspektoren, die den Vorfall untersuchen, fanden heraus, dass zwar tatsächlich die Decke eingestürzt war. Aber das war offenbar nicht die Ursache für das Aufplatzen des Behälters, sondern es kam im Fass zu einer Explosion. Der Grund dafür war offenbar, dass falsches handelsübliches Katzenstreu beigemischt wurde.

Aufgeplatztes Fass; Foto: US Department of Energy

Mit anorganischem Katzenstreu sollen die Nitrate im radioaktive Material stabilisiert werden, so dass es nicht austrocknet und sich überhitzt.

Vermutet wird nun, dass aber auch organisches, aus Mais oder Weizen hergestelltes Katzenstreu verwendet wurde, was weitere Explosionen und damit die Freisetzung von Plutonium zur Folge haben könnte. Das große Problem besteht nun darin, heraus zu finden, welche Fässer mit dem falschen Katzenstreu befüllt wurden, die sich als explosive Zeitbomben im WIPP oder in den anderen Lagerstätten befinden.

Keine Übersicht und kein Vertrauen: Niedersachsens Umweltminister kritisiert Atommüll-Politik

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Kritisiert die Atommüll-Politik: Niedersachsens Umweltminister Stefan Wenzel

Wo viele Grüne inzwischen schweigen und wegtauchen übt Niedersachsens grüner Umweltminister Stefan Wenzel heftige Kritik an der Atommüll-Politik. In der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung sagt er unter der Überschrift „Wir haben keine Übersicht über Atommüll“, dass das gerade erst verabschiedete Endlagersuch-Gesetz umgehend geändert werden muss. Gorleben kommt als Standort nicht in Frage.

In der HAZ heißt es weiter: „„Im Grunde ist das ein Skandal“, sagt Landesumweltminister Stefan Wenzel. Als Skandal betrachtet Wenzel den Sachverhalt, dass die neue hochkarätige Kommission zur Suche nach einem Atomendlager überhaupt keine Übersicht hat über Art und Ausmaß des hochgiftigen Mülls. „Es gibt ein paar Zahlen, aber keine vollständige Bilanz, welche Arten und Mengen radioaktiver Abfälle angefallen sind beziehungsweise noch anfallen werden – das ist doch ein Hammer“, meint Wenzel: „Manches ist als Wirtschaftsgut deklariert.““

In der Tat haben Bürgerinitiativen in Sachen Atommüll einen besseren Überblick als die Behörden und Ministerien. Im Herbst letzten Jahres legten sie eine Bestandsaufnahme für den Atommüll an allen Atom-Standorten in Deutschland vor. Detailliert werden in dem „Sorgenbericht“ die Mengen radioaktiver Hinterlassenschaften aufgelistet. Eine vergleichbare Übersicht haben derzeit offenbar weder Bundes- noch Landesbehörden.

Derzeit arbeiten die Anti-Atom-Initiativen im Rahmen der Atommüllkonferenz daran, auch eine Online-Ausgabe zu erstellen.

Niedersachsens Umweltminister Wenzel kritisiert in der HAZ das Endlagersuchgesetz und die dazu gehörende Kommission, die unter heftiger Kritik der Umweltverbände vorletzte Woche an den Start gegangen ist und bis 2016 Vorschläge für die Endlagerung hochradioaktiver Atomabfälle machen soll.

Nach den Plänen der Bundesregierung soll 2031 ein Endlagerstandort festgelegt werden. Ein Zeitplan, der schon heute von verschiedenen Seiten kritisiert wird. Auch Wenzel sagt in der HAZ: „„Dieser Zeitplan wird so nicht zu halten sein“, glaubt Wenzel. Denn die ganze Forschungslandschaft, die sich bisher auf den Standort Gorleben konzentriert habe, müsse sich umorientieren. „Diese einseitige Fixierung rächt sich jetzt.“ Gorleben, da ist sich Wenzel ganz sicher, wird am Ende der Arbeit der Endlagersuchkommission als Endlagerstandort ausgeschieden sein: „Wenn man den Stand von Wissenschaft und Technik als Kriterium zugrundelegt, bin ich sicher, dass das 1979 konzipierte Gorleben rausfällt.““

Auch Wolfram König vom BfS sagt öffentlich, was andere nur hinter vorgehaltener Hand erzählen. Im Spiegel heißt es: „Der Präsident des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS), Wolfram König, rechnet frühestens im Jahr 2050 mit einem betriebsbereiten Endlager für hochradioaktiven Atommüll in Deutschland. „Das wäre sehr ambitioniert“, sagte König der Deutschen Presse-Agentur vor der ersten Sitzung der Endlager-Kommission am Donnerstag. Die Kommission soll bis 2016 Kriterien für die bundesweite Suche erarbeiten. „Alle früheren Zeitvorstellungen haben sich als falsch erwiesen“, betonte König. Bis 2031 soll ein Ort gefunden und dann dort ein Endlager gebaut werden. „Aber wir dürfen das Problem auch nicht immer weiter in die Zukunft verschieben“.“

Es braucht glaubwürdige Institutionen und Verfahren

Auch wenn inzwischen der BUND und die Deutsche Umweltstiftung trotz massiver Kritik an der Such-Kommission beteiligt sind; zahlreiche andere Verbände und Initiativen haben das wegen der Mängel und Vorfestlegungen des Gesetzes abgelehnt.

 

 

Stefan Wenzel ist sich klar darüber, dass das derzeitige Verfahren nicht taugt, um einen gesellschaftlichen Konsens herzustellen. In der HAZ heißt es: „Um überhaupt voranzukommen bei der Endlagersuche, müssen nach Wenzels Worten ein paar wichtige Grundlagen gelegt werden. „Wir brauchen glaubwürdige Institutionen und Verfahren“, sagt Wenzel. Dies sei die Lehre aus dem jahrzehntelangen Kampf um Gorleben und die Lehre aus dem Versagen in der Asse. Wenig überzeugend findet Wenzel die Planungen für das neue Bundesamt für Entsorgung, welches die Fäden in die Hand nehmen soll. Diese, ursprünglich vom früheren Bundesumweltminister Norbert Röttgen in Nordrhein-Westfalen konzipierte Behörde, ist in Wenzels Augen eine unselige Konstruktion. „Die jetzige Organisation wäre ein Zwitter zwischen Aufsichtsbehörde und Betreibergesellschaft – da sind Interessenskonflikte programmiert.““

Aus den genannten Gründen fordert Stefan Wenzel, dass es dringend „noch Änderungen im bereits beschlossenen Endlagersuchgesetz geben“ muss. „Auch beim Rechtsschutz für die Bürger gebe es Nachbesserungsbedarf und schon bald müsse auch über die Finanzierungsfrage geredet werden – „darüber, ob und wie viel Geld vorhanden ist.“ Vorhandene Rücklagen müssten mündelsicher angelegt werden.“

Beförderungsverbote für Atomtransporte in Hamburg: Alarmierende Sicherheitsmängel

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Risiko Atomtransporte: Die Transporte laufen mitten durch die Millionen-Metropole. Foto Dirk Seifert

„Seit Februar dieses Jahres sind in offenbar fünf Fällen Atomtransporte durch Hamburg wegen Sicherheitsmängeln gestoppt worden. Es habe „einige Fälle“ mit „Mängeln an den Transportcontainern“ gegeben, so dass „Beförderungsverbote ausgesprochen wurden“, teilte der Hamburger Senat in seiner Antwort auf eine Kleine Anfrage der Linken-Abgeordneten Dora Heyenn und Christiane Schneider mit (Drs. 20/11730). Bei den insgesamt 61 Atomtransporten seit Anfang Februar 2014 wurden 32 Kontrollen durchgeführt. Dabei wurden in 17 Fällen Sicherheitsmängel festgestellt. Das heißt: Mehr als die Hälfte der kontrollierten Atomtransporte durch Hamburg wies sicherheitsrelevante Mängel auf!“ So steht es heute in einer Presseerklärung von ROBIN WOOD. Die PM der Linken ist hier zu finden, das Hamburger Abendblatt berichtet hier. Insgesamt haben seit Anfang Januar 2014 bis Anfang Mai 87 Atomtransporte durch Hamburg stattgefunden.

Weiter heißt es: „Bemängelt wurde nicht nur die falsche Deklaration der Ladung. Bei sechs Transporten war die Ladung unzureichend gesichert. In einem dieser Fälle konnte der Mangel behoben werden. Was mit den fünf anderen Transporten passierte, deren Weitertransport offenbar untersagt wurde, geht aus der Antwort des Senats nicht hervor.

„Die festgestellten Sicherheitsmängel bei den Atomtransporten durch Hamburg sind alarmierend. Von vielen Atomtransporten gehen erhebliche Gefahren für Menschen und Umwelt aus, sollte es zu einem Unfall im Hafen oder im Stadtgebiet kommen. Bremen hat inzwischen wenigstens für einen Teil der Atomtransporte seine Häfen geschlossen. Hamburg sollte diesem Beispiel endlich folgen und alle Atomtransporte im Hafen verbieten“, fordert Dirk Seifert, Energiereferent bei ROBIN WOOD.

Im Schnitt etwa jeden zweiten Tag laufen Transporte mit radioaktiven Materialien durch Hamburg – oftmals über den Hafen. Der An- und Abtransport erfolgt entweder per Bahn oder LKW.

Transportiert wird eine Vielzahl unterschiedlicher atomarer Stoffe. Allein seit Februar 2014 waren dies: Plutonium für das AKW Brokdorf, bestrahlte Brennstabstücke aus dem AKW Krümmel, Uranerz-Konzentrat und das brisante Uranhexafluorid, Brennelemente aus Russland für das süddeutsche AKW Neckarwestheim und für Brokdorf. Dazu jede Menge anderer Uranprodukte aus oder in die USA, oftmals in Verbindung mit den Uranfabriken in Gronau und Lingen. Auch Cobalt 60 und Thorium 232 wurden durch Hamburg transportiert.

Der atomare Handel ist globalisiert. Auf der Liste der Lieferanten oder Empfänger für die radioaktiv strahlenden Transporte, die über die Atomdrehscheibe Hamburg abgewickelt wurden, stehen Atomanlagen in der Schweiz, Belgien, Niederlande, Frankreich, Namibia, Brasilien, Malaysia, Schweden, Chile und Kanada.

Vor rund einem Jahr wäre es bei einem Atomtransport durch den Hamburger Hafen beinahe zu einer Katastrophe gekommen. Auf dem unter anderem mit Uran-Produkten beladenen Schiff „Atlantic Cartier“ brach Feuer aus. Mehr als 200 Feuerwehrleute waren 16 Stunden im Einsatz, um den Großbrand zu löschen und dafür zu sorgen, dass das radioaktive Material rechtzeitig von Bord geschafft wurde.“

 

Uranfabrik URENCO und Weiterverbreitung von Atomwaffen-Technik: „Verkauf nicht mehr in diesem Jahr“

Das Popmuseum und eine Uranfabrik: Gronau
Eine Uranfabrik mit der Fähigkeit zur Herstellung von Waffen-Uran: Die URENCO in Gronau

Der Verkauf der Uranfabriken der URENCO verzögert sich weiterhin. In den Anlagen der URENCO wird Uran für die Herstellung von Brennstoff für Atomkraftwerke hergestellt. Gleichzeitig ist die dabei eingesetzte Technik auch in der Lage, hochangereichertes Uran für die Herstellung von Atomwaffen zu erzeugen. Das Unternehmen ist derzeit noch im Besitz der deutschen Konzerne RWE und E.on, sowie der britischen und niederländischen Regierung. Wegen der hohen militärischen Risiken zur Herstellung von Waffen-Uran unterliegen die URENCO-Fabriken strengen internationalen Kontrollen. Daher ist ein Verkauf nur möglich, wenn auch die Regierungen der drei Länder – also auch die Bundesregierung zu stimmen. Die Niederlande aber haben Bedenken.

Der Online-Ausgabe der Welt zufolge hat Peter Terium, der Vorstandsvorsitzende von RWE AG gestern erklärt, dass er nicht mehr mit einem Verkauf der Anteile am Uran-Anreicherer Urenco im laufenden Jahr rechnet. Das Blatt meldet: „RWE führt diesbezüglich Gespräche mit den anderen Urenco-Eigentümern, der EON SE und den Regierungen Großbritanniens und der Niederlande, sagte Terium im Interview mit Bloomberg News. Ein Börsengang von Urenco sei möglich, aber nicht sehr wahrscheinlich, merkte Terium an. Der Verkauf an einen strategischen Investor brächte wohl den besten Preis, fügte der Manager hinzu.“

Vor allem die deutschen Unternehmen und die britische Regierung drängen offenbar auf einen Verkauf. Zwar haben die Niederländer diesem Anliegen inzwischen offiziell zugestimmt, haben aber wegen der enormen Sicherheitsprobleme hinsichtlich der Risiken zur Weiterverbreitung von Atomwaffen-Technik weiterhin massive Bedenken. Das wird in dem Welt-Artikel deutlich, wenn es dort heißt: „Die beiden deutschen Versorger RWE und EON wollen ihre Anteile an Urenco verkaufen. Die Bundesregierung hatte zuvor den Atomausstieg beschlossen. Damit besteht kein langfristiger Bedarf mehr an Uranbrennstäben. Großbritannien hat Interesse, mit dem Verkaufserlös das Budgetdefizit des Landes zu reduzieren. Die niederländische Regierung hält sich mit einem Verkauf zurück. Ein solcher Schritt stelle ein Sicherheitsrisiko dar, sagte ein niederländischer Regierungsvertreter im März.“

Alles zum Thema Uran, URENCO und dem Verkauf auf dieser Seite.

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