Keine „Mördergrube“: Vattenfall irritiert die gesamte Lausitz

Braunkohle-Cottbus-Lacoma
Steigt Vattenfall aus der Braunkohle in der Lausitz aus? Foto: Dirk Seifert

Die Ankündigungen von Vattenfall, einen Block des 920 MW Braunkohlekraftwerk in Lippendorf bei Leipzig (Sachsen) zu verkaufen, löst heftige Reaktionen aus. Kein Wunder angesichts der in Schweden laufenden Debatte über Milliarden-Verluste, Fehlinvestitionen und den viel zu hohen CO2-Emissionen der Vattenfall-Tochter in Deutschland. Vattenfall in der Krise heißt auch: Der Konzern will 2.000 Arbeitsplätze abbauen, davon möglicherweise rund 1.000 in Deutschland. Fast die gesamte Expansions-Strategie von Vattenfall, die Anfang der 2000er Jahre zu Investitionen in fast allen Ostsee-Anrainer-Staaten führte und das Ziel verfolgte, Vattenfall zum großen Player in diesem Wirtschaftsraum zu machen, sind inzwischen gescheitert. Strategisch hat sich Vattenfall nicht nur in Deutschland völlig verhauen. (siehe auch: “Schweden empört sich über Vattenfalls Größenwahn”)

Jetzt wird die Debatte in Schweden immer intensiver, die Auslands-Aktivitäten von Vattenfall gänzlich zu beenden und sich besser aus dem deutschen Markt zurückzuziehen. (Vattenfalls Stern auf dem Rückzug – Was hat dich bloß so ruiniert?)

Überlegungen, die offenbar sehr ernst sind. Denn seit der Ankündigung von Vattenfall, dass Braunkohlekraftwerk in Lippendorf verkaufen zu wollen, warnen verschiedene Stimmen auch in Deutschland vor einer „Zerschlagung von Vattenfall“. Die Wirtschaftsinitiative Lausitz (WiL) bestätigt das in einer Pressemitteilung vom Montag und bezeichnet diese als: „durchaus realistische Einschätzung zur Haltung des schwedischen Staates und seiner Repräsentanten“. Der Verband stellt fest, dass der „mögliche Verkauf der Kraftwerksanteile in Lippendorf … zu großer Irritation und Verunsicherung in der Lausitz“ führe. (Mitteilung des Verbandes (PDF, die PM finden sie unten in voller Länge auf dieser Seite)

Der Verband hält die Berichte über einen (Teil)Rückzug von Vattenfall also für überaus ernst zu nehmend und macht sich Sorgen um die Beschäftigten in der Region, für die 17.000 Arbeitnehmer und ihren Familien. „Die wiederkehrenden Berichte sind für die Menschen, die direkt oder indirekt von der Braunkohle leben, unerträglich.“

Hinweise, dass es zu einem massiven Kurswechsel bei Vattenfall kommen könnte, gibt es schon länger. Ende November 2012 sorgte eine Vattenfall-Meldung von einer außerordentlichen Hauptversammlung (siehe PM unten im Text) in den deutschen Braunkohlegebieten für große Verunsicherung und wurde als Hinweis für einen Ausstieg aus der Braunkohle verstanden. Vattenfall musste in einer weiteren Stellungnahme „Zu den heutigen Medienberichten“ reagieren.  (Siehe auch: Vattenfall Braunkohle – Wirre Kommunikation und Rekordergebnis für die Klimakatastrophe und: Alles Titanic: Vattenfall erklärt uns jetzt die eigenen Presseerklärungen)

Vattenfall Deutschland betont zwar, man stehe zur Braunkohle, aber klar ist auch: Vattenfall-Deutschland hat im Konzern nichts mehr zu sagen. Die Entscheidungen werden allesamt in Stockholm getroffen. Und immer mehr gerät der Konzern-Vorstand mit dem Eigentümer – dem schwedischen Staat – in Konflikt:

„Schweden und Braunkohle hat scheinbar nie gepasst und passt offensichtlich immer weni-ger“, so der WiL-Vorsitzende Dr. Hermann Borghorst. „Es reicht nicht, wenn die Vattenfall-Spitze sich zur Braunkohle bekennt, gleichzeitig aber der Eigentümer das Geschäft ständig in Frage stellt. Der Eigentümer, das Königreich Schweden, ist gefordert, für Klarheit zu sorgen und aus seinem Herzen keine ‚Mördergrube‘ zu machen. Man kann nicht gutes Geld verdienen wollen und ständig wegen des Produkts mit schlechtem Gewissen herumlaufen.“

Auch die IG BCE hat am Montag hoch alarmiert auf die Meldungen aus Schweden reagiert und in seltener Deutlichkeit festgestellt: „Wenn sich diese Aktivitäten (gemeint sie die Auslandsinvestitionen, uFä)  im Nachhinein als nicht profitabel herausstellen sollten und Vattenfall deswegen jetzt zu Verkäufen in Deutschland gezwungen ist, dann kann es dabei nur um einen Gesamtverkauf und nicht um Einzelverkäufe gehen (Hervorhebung uFä). Ein Auseinandernehmen des Unternehmensverbunds von Bergbau, Energie und den Tochterfirmen brächte erkennbar nur Nachteile mit sich“, sagte der stellvertretende IG BCE Vorsitzende und ebenfalls stellvertretende Vorsitzende des Vattenfall-Aufsichtsrats Ulrich Freese.“

Keine Frage: Für die Vattenfall-Beschäftigten nicht nur in der Lausitz dürften die Debatten in Schweden Anlaß zu großer Sorge um ihre Arbeitsplätze und ihre soziale Sicherheit sein. Dennoch muss man nicht nur die IG BCE kritisieren. Eine Stromerzeugung bei Vattenfall mit über 80 Prozent Braunkohle-Anteil ist in Zeiten von Klimawandel und Energiewende keine strategisch gut aufgestellte Position und die Kritik des schwedischen Mehrheitseigners ist in dieser Sache nicht neu. (siehe auch: Radio Schweden – “Vattenfall zaghaft bei grünem Strom”) Eine Debatte um neue Strategien für die Beschäftigten, über die Chancen und Risiken der Energiewende für die MitarbeiterInnen, gibt es fast nicht. So reagieren die Gewerkschaften, nicht nur die IG BCE, auf die Geschäftspolitik der Konzerne. Eigene Konzepte gibt es fast nicht.

Besonders deutlich wird das z.B. auch bei den in Berlin und Hamburg laufenden Projekten zur Rekommunalisierung der Energienetze. Das hier auch Chancen bestehen, um für die jetzt noch bei Vattenfall beschäftigten KollegInnen langfristig sichere Arbeitsplätze zu entwickeln, wird kaum diskutiert. Betont werden fast nur eventuelle Risiken für die Beschäftigten. So bleibt die Beschäftigten am Ende nur, sich jeweils den Konzern-Strategien zu unterwerfen. Dabei gibt es durchaus Ansätze für eine gewerkschaftliche Diskussion: Chancen und Risiken der Energiewende. Man muss sie nur führen! Siehe auch hier: Die Energiewende ist eine Chance für Arbeitsplätze und hier: Verdi Berlin – Besser doch nicht rekommunalisieren!

Sonst kommt etwas heraus, wo zwischen gewerkschaftlichen Positionen und einer Wirtschaftsinitiative Lausitz (WiL) keine Unterschiede mehr erkennbar sind. Die Antwort der WiL auf die Krise bei Vattenfall und die Klimakatastrophe lautet: „Die WiL fordert zudem, die notwendigen Rahmenbedingungen für die Investition in ein neues, modernes, emissionsarmes Braunkohlekraftwerk zu schaffen.
„Die Lausitzer bzw. die ostdeutsche Braunkohle braucht einen Betreiber, der klar zur Braun-kohle steht. Die WiL warnt vor einer Zerschlagung des Unternehmens, nur weil eine zwanghafte, imagepolierende Verringerung des CO2-Ausstoßes propagiert wird oder weil sich der Konzern an anderer Stelle übernommen hat“, so Borghorst“

Mit so einer Position in Zeiten der Energiewende muss man sich nicht wundern, wenn am Ende das System zusammen bricht. Das Interesse Schwedens, die Klimagase zu reduzieren als „zwanghafte, imagepolierende Verringerung des CO2-Ausstoßes“ und Propaganda abzutun und obendrein gleich noch ein neues klimaschädliches Braunkohlekraftwerk zu fordern, zeigt nur eines: Da hat jemand nicht begriffen, wie die Energiewende funktioniert und warum Vattenfall so tief in der Krise steckt.

Hier die PM der Wirtschaftsinitiative Lausitz vom 4. März 2013 in voller Länge:

WiL fordert Klarheit vom Eigentümer und warnt vor einer Zerschlagung der ostdeutschen Braunkohleindustrie

Die Irritationen aus Schweden zu den Braunkohletagebauen und den Braunkohlekraftwerken nehmen kein Ende. Medien aus Berlin und Brandenburg berichten aktuell: „Sogar die Zerschlagung droht“, „Schwedischer Konzern stellt ostdeutsche Braunkohle zur Disposition“, „Schweden gefällt Vattenfalls deutsche Tochter nicht mehr“. Diese durchaus realistische Einschätzung zur Haltung des schwedischen Staates und seiner Repräsentanten sowie der mögliche Verkauf der Kraftwerksanteile in Lippendorf führen zu großer Irritation und Verunsicherung in der Lausitz, vor allem bei den 17.000 Arbeitnehmern und ihren Familien. Die wiederkehrenden Berichte sind für die Menschen, die direkt oder indirekt von der Braunkohle leben, unerträglich.

„Schweden und Braunkohle hat scheinbar nie gepasst und passt offensichtlich immer weniger“, so der WiL-Vorsitzende Dr. Hermann Borghorst. „Es reicht nicht, wenn die Vattenfall-Spitze sich zur Braunkohle bekennt, gleichzeitig aber der Eigentürmer das Geschäft ständig in Frage stellt. Der Eigentümer, das Königreich Schweden, ist gefordert, für Klarheit zu sorgen und aus seinem Herzen keine ‚Mördergrube‘ zu machen. Man kann nicht gutes Geld verdienen wollen und ständig wegen des Produkts mit schlechtem Gewissen herumlaufen.“

Aus Sicht der WiL ist die Lausitzer Stromerzeugung aus Braunkohle im Energiemix mit erneuerbaren Energien (Wind, Solar, Biomasse) das Rückgrat der Lausitzer Industrie. Die regionale Wertschöpfung geht für die kommenden Jahrzehnte nur mit der Braunkohle und nicht ohne Braunkohle. Die WiL fordert zudem, die notwendigen Rahmenbedingungen für die Investition in ein neues, modernes, emissionsarmes Braunkohlekraftwerk zu schaffen.

„Die Lausitzer bzw. die ostdeutsche Braunkohle braucht einen Betreiber, der klar zur Braunkohle steht. Die WiL warnt vor einer Zerschlagung des Unternehmens, nur weil eine zwanghafte, imagepolierende Verringerung des CO2-Ausstoßes propagiert wird oder weil sich der Konzern an anderer Stelle übernommen hat“, so Borghorst.

Ihr Gesprächspartner für weitere Informationen ist:
Dr. Hermann Borghorst, Vorsitzender der Wirtschaftsinitiative Lausitz e.V.

Vattenfall PM 28.11.2012

Vattenfall definiert neue Nachhaltigkeitsziele

Im Rahmen einer außerordentlichen Hauptversammlung präsentierte Vattenfall heute seine neuen Nachhaltigkeitsziele. Eines der Ziele ist beispielsweise, dass der Ausbau der erneuerbaren Energien bei Vattenfall über den Zuwachsraten des Marktes liegen soll. Die Ziele basieren auf den Direktiven des schwedischen Staates als Eigentümer von Vattenfall und orientieren sich an den 20/20/20-Zielen der EU.

Die Nachhaltigkeitsziele im Einzelnen:

  • Die Kohlendioxidemissionen von Vattenfall sollen bis zum Jahr 2020 auf 65 Millionen Tonnen reduziert werden (2010: 94 Mio. Tonnen).
  • Die Zuwachsrate bei den Erneuerbaren Energien soll höher ausfallen als die durchschnittlichen Wachstumsraten in denjenigen Ländern, in denen Vattenfall aktiv ist. Die Zuwachsraten werden jährlich gemessen.
  • Die Energieeffizienz soll sowohl intern als auch extern gesteigert werden. Messbare Ziele werden festgelegt, sobald die EU-Richtlinie für Energieeffizienz in nationale Ziele umgesetzt ist.

„Um unsere Nachhaltigkeitsziele zu erreichen werden wir die Zuwachsrate bei den Erneuerbaren Energien steigern. Damit der Energiemarkt auch international funktionieren kann, braucht es aber auch eine höhere Kapazität bei der Stromübertragung und mehr Stromtrassen. Je integrierter der Strommarkt ist, desto besser werden die Bedingungen für erneuerbare Energien“, betonte Øystein Løseth, CEO von Vattenfall.

Ihr Ansprechpartner für weitere Informationen:  

Stefan Müller, Vattenfall GmbH, Head of Media Relations Germany

Vattenfalls Stern auf dem Rückzug – Was hat dich bloß so ruiniert?

halteverbot
Vattenfall auf dem Rückzug? Das Deutschland-Engagement des schwedischen Stromkonzern steht offenbar in den Sternen. Foto: Dirk Seifert

Der schwedische Stromkonzern Vattenfall ist schwer angeschlagen und könnte sich auch aus seinem Geschäft in Deutschland zurückziehen. Offenbar gibt es immer mehr Stimmen, bis hinein in die schwedische Regierung, die eine solchen Rückzug fordern. Hohe finanzielle Verluste von rund vier Milliarden Euro, sinkende Gewinne in Deutschland und den Niederlanden aufgrund überteuerter Investitionen, geringer Stromnachfrage und sinkender Strompreise machen dem Unternehmen schwer zu schaffen.

Von eigentlich keiner Seite wird bestritten, wie kritisch die Lage bei Vattenfall derzeit ist und dass die Debatte um einen Rückzug ernst zu nehmen ist. Wie heftig die Probleme sind, zeigt sich z.B. daran, dass sich jetzt auch der stellvertretende Vorsitzende der Gewerkschaft IG-BCE und  Vattenfall Aufsichsrats-Vize Ulrich Freese gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters äußert: „Vattenfall hat in den letzten Jahren in anderen europäischen Ländern enorme Zukäufe getätigt“… „Wenn sich diese Aktivitäten im Nachhinein als nicht profitabel herausstellen sollten und Vattenfall deswegen jetzt zu Verkäufen in Deutschland gezwungen ist, dann kann es dabei nur um einen Gesamtverkauf und nicht um Einzelverkäufe gehen.“ Ein Auseinandernehmen des Unternehmensverbunds von Bergbau, Energie und den Tochterfirmen brächte nur Nachteile mit sich, mahnte Freese.“ Und Reuters schreibt außerdem mit Bezug auf Fresse: „Die Gewerkschaft IG BCE warnte davor, dass eine Zerschlagung des Vattenfall-Konzerns die Energiewende in Deutschland schwächen könnte.“

Eine solche Warnung macht aber nur Sinn, wenn es bei Vattenfall tatsächlich ernst zu nehmende Debatten um einen Rückzug gibt – sonst würde ein Gewerkschafter solche Statements nicht machen! Wenn aber Gewerkschaftsobere derart deutlich werden, muss es bei Vattenfall mehr als nur hoch her gehen. Und: Interessant, das Fresse dann gleich den vollständigen Rückzug ins Spiel bringt und davor warnt, nur einzelne Scheiben aus dem Deutschland-Geschäft abzutrennen.

Dahinter steckt offenbar die Sorge, dass Vattenfall – insbesondere nach dem Scheitern der Pläne für eine unterirdische Lagerung von CO2 – sich aus dem Braunkohle-Geschäft zurück ziehen könnte und damit vor allem Ostdeutschland und die Lausitz verscherbeln würde. Schon im Dezember 2012 hatte es hier erheblichen Wirbel gegeben. (Siehe: Vattenfall Braunkohle – Wirre Kommunikation und Rekordergebnis für die Klimakatastrophe). Vattenfall war von seinem Aktionär, der schwedischen Regierung, wegen seiner hohen CO2-Emissionen und viel zu wenig Investitionen in Erneuerbare Energie schwer kritisiert worden. In Ostdeutschland wurde dies als Ausstieg aus der Braunkohle aufgefasst und Vattenfall versuchte mühselig zu erklären, dass man weiter an der Braunkohle festhalten werden.

Ein Eiertanz, der nicht zu verstehen war. Heutige Pressemeldungen, nach denen Vattenfall bereits seit November den Verkauf eines sächsischen Braunkohle-Kraftwerks-Block sondiert (siehe unten), werden diese Reaktion mehr als verständlich. Offenbar wächst bei der IG BCE, die vor allem in Ostdeutschland/Lausitz im Braunkohlebergbau bei Vattenfall betroffen ist, die Sorge, dass es zum Kahlschlag kommen könnte.

Vattenfall hat inzwischen auch angekündigt, europaweit 2.000 Arbeitsplätze abbauen zu wollen. (Siehe auch hier: Vattenfall – Streit mit Beschäftigten nimmt zu!)

Tatsächlich scheinen sich immer mehr Stimmen in Schweden dahin gehend zu äußern, dass es möglicherweise besser wäre, das Vattenfall-Abenteuer in Deutschland zu beenden. „Das sozialdemokratische „Aftonbladet“ nennt ihn (den Konzern Vattenfall) einen „arroganten Umweltschurken““, berichtet das Handelsblatt. Auch den schwedischen Grünen scheint das klimaschädliche Wirken von Vattenfall in Deutschland nicht zu gefallen. Vor allem aber schreibt das Handelsblatt: „Vereinzelt wird auch im Regierungslager für einen Verkauf der deutschen Beteiligungen plädiert. „Es ist hoffnungslos für ein Staatsunternehmen, bei uns den schwedischen Vorgaben für die Klimapolitik zu folgen und in Deutschland denen deutscher Politiker“ seufzte der liberale Wirtschaftspolitiker Carl B. Hamilton im Rundfunk. Sein Wunsch: „Hauptsache, sie können teuer verkaufen.““

Seit Wochen stehen Regierungspolitiker in der schwedischen Presse ebenso unter Druck wie das Vattenfall-Managment selbst: Konkreter Anlass ist der Kauf des niederländischen Stromkonzerns Nuon im Jahr 2009, der sich jetzt auf die Gewinne von Vattenfall deutlich negativ auswirkt. Der Preis gilt als völlig überteuert: “Der Kaufpreis von über zehn Milliarden Euro war von vielen Seiten als zu hoch kritisiert worden. Nach der Übernahme sei Vattenfall deshalb regelmäßig hinter den Gewinnerwartungen zurückgeblieben.” Radio Schweden berichtet: “Die schwedische Regierung hat jegliche Verantwortung beim Vattenfall-Geschäft in den Niederlanden abgewiesen.“ (siehe hier). Allerdings: Damit ist die Sache nicht vom Tisch: Denn der für Nuon gezahlte Preis ist selbst laut Aussage des seit Ende 2009 amtierenden Vattenfallchefs Öystein Löseth, der bei Vertragsabschluss noch für Nuon arbeitete, viel zu hoch gewesen.” (Siehe: “Schweden empört sich über Vattenfalls Größenwahn”) Das wird noch einiges zu klären sein, wer für die enorme Fehlinvestition verantwortlich ist.

Selbst die Kommunikations-Abteilung bei Vattenfall Deutschland bestätigt, dass die Debatte über einen Rückzug von Vattenfall aus Deutschland sehr ernst zu nehmen ist: „Vattenfall-Sprecher Banek meint: „Die Debatte ist absolut relevant, ob wir statt eines internationalen Konzerns wieder ein skandinavischer Regionalversorger sein sollen.““, zitiert das Handelsblatt.

Als Begründung werden nicht nur massive finanzielle Verluste und daraus resultierende Probleme genannt. Auch die völlig unterschiedlichen Anforderungen und Realitäten zwischen Schweden und Deutschland werden betont: In Schweden soll auch über 2020 hinaus der Anteil der Atomenergie rund 50 Prozent betragen und Vattenfall soll mit dem Neubau von Atomkraftwerken seinen Beitrag leisten. In Deutschland ist der Atomausstieg beschlossene Sache und die nach Fukushima abgeschalteten AKWs Brunsbüttel und Krümmel stellen nicht nur einen finanziellen Verlust dar. Die Pannenserien in diesen AKWs und kommunikative Fehler bis hin zu Falschdarstellungen haben Vattenfalls Image in Deutschland weitgehend ruiniert. Meldungen, dass Vattenfall weiter auf Atomkurs ist, versteht in Deutschland niemand mehr.

Umgekehrt ist man in Schweden mehr als nur irritiert, dass Vattenfalls Engagement in Deutschland wegen der enorm hohen Braunkohleverbrennung dazu führt, dass ein schwedisches Unternehmen europaweit zu den schlimmsten Klimasündern gehört. Auch hier räumt der deutsche Vattenfall-Sprecher ein, dass es massive Probleme mit dem Headquarter in Schweden gibt. Das Manager-Magazin zitiert: „Es ist in Schweden kaum zu vermitteln, warum wir in Deutschland auf Braunkohle setzen müssen“, räumt Vattenfalls Kommunikationschef Ivo Banek ein.

Über 80 Prozent des Vattenfall-Strom in Deutschland wird in der besonders klimaschädlichen Braunkohleverbrennung erzeugt. Dabei wird die Braunkohle im Tagebau abgebaut, große Landstriche vor allem in der Lausitz verwüstet und Dörfer abgerissen und Menschen vertrieben, wenn sie dem Abbau im Wege sind. Wiederholt protestierten Betroffene aus der Lausitz in Stockholm. (Siehe: Vattenfall – Ganze Dörfer müssen weg und Radio Schweden – “Vattenfall zaghaft bei grünem Strom” und Vattenfall, Bürgerinteressen und der Klimaschutz – Dorf weg, Braunkohle her!)

Als aktuellen Hinweis, wie tiefgreifend Vattenfalls Probleme und wie ernst die Debatte um einen Rückzug aus dem Deutschland-Geschäft sind, wird in den hiesigen Medien darin gesehen, das Vattenfall den Verkauf des Block R des Braunkohlekraftwerks im sächsischen Lippenstedt sondiert. Der Block hat eine Leistung von 920 MW. Diese Sondierung, so das Manager-Magazin „habe bereits im November mit zwei Investmentbanken“ begonnen.

Immer wieder war in den letzten Jahren darüber spekuliert worden, dass Vattenfall aufgrund seiner enorm hohen CO2-Emisssionen und den Forderungen aus Schweden, diese endlich deutlich zu senken, Kraftwerksbeteiligungen abstoßen würde. Zuletzt musste Vattenfall sogar einräumen, dass die Klimaschutz-Verabredungen mit der Stadt Berlin kaum einzuhalten wären. Nun wird aus Spekulationen möglicherweise Realität.

Allerdings wäre ein solcher Verkauf, wenn er denn angesichts des Stromüberangebots, der sinkenden Strompreise und dem Ausbau der Erneuerbaren Energien überhaupt gelingt, nur ein kleiner Schritt, der das Problem noch lange nicht löst. Denn gerade erst ist in Boxberg ein neuer Braunkohle-Kraftwerksblock in Betrieb genommen worden und in 2014 soll in Hamburg-Moorburg ein 1.600 MW Steinkohlekraftwerk ans Netz gehen.

Nicht nur die Reduzierung der absurd hohen CO2-Emissionen für Vattenfall Deutschland stellt ein kaum lösbares Problem dar. Hinzu kommt, dass auch massive finanzielle Probleme damit verbunden sind.

Vor allem das im Bau befindliche Steinkohlekraftwerks Moorburg könnte Vattenfall zusätzlich teuer zu stehen kommen: Aufgrund von Bauverzögerungen von über zwei Jahren, hohen Umweltauflagen und weitgehenden Einschränkungen bei der Kühlwasserentnahme aus der Elbe sowie der entgegen ehemaligen Planungen nicht mehr möglichen Fernwärmeauskopplung, haben sich die Herstellungs- und Betriebskosten deutlich verteuert. Ob dieses Kraftwerk jemals wirtschaftlich betrieben werden kann, steht derzeit in den Sternen und vieles spricht dafür, dass dieses Kraftwerk die Bilanzen von Vattenfall zusätzlich schwer belasten wird.

Damit nicht genug: In Berlin und Hamburg droht dem Unternehmen der Verlust der Stromnetze, in Hamburg auch der Verlust des gewinnträchtigen Fernwärmenetzes samt der mit ihm verbundenen Erzeugungsanlagen einschließlich aller Kunden.

In Hamburg wird darüber im September ein Volksentscheid stattfinden, der die Energienetze der Hansestadt wieder zu 100 Prozent in die öffentliche Hand bringen will. Und eine repräsentative Umfrage im Auftrag des Hamburger Abendblatt kommt im Februar zu dem Ergebnis, das 64 Prozent der HamburgerInnen diese Forderung unterstützen. In Berlin läuft noch bis Juni ein Volksbegehren, um Vattenfall das Stromnetz abzunehmen und kommunale Stadtwerke zu gründen. Selbst in Schweden geht man davon aus, dass Vattenfall keine Chance hat, die Netze als Geschäftsbereich zu retten. Der Sender Radio Schweden stellte jüngst im Grunde beschönigend auf seiner Homepage fest: “Die Energiewende in Deutschland wird den staatlichen schwedischen Energiekonzern Vattenfall vermutlich sein Stromnetz in Berlin kosten.“ (siehe: Berlin: Kein Stromnetz mehr für Vattenfall?!)

Siehe auch: Vattenfall – Kein Partner für Hamburg

Kleiner Kulturtipp zum Schluss: Die Sterne – Was hat dich bloß so ruiniert?

Vattenfall: Eine Milliarde Euro für die Klimakatastrophe

Braunkohle-Cottbus-LacomaVattenfall meldet einen weiteren Beitrag für die Klimakatastrophe: In Boxberg ist nun eine neuer Block eines Braunkohlekraftwerks offiziell in Betrieb gegangen. Laut Mitteldeutscher Zeitung: „In die Anlage mit 675 Megawatt wurden rund eine Milliarde Euro investiert, wie der Energiekonzern Vattenfall am Donnerstag in Boxberg mitteilte.“ Braunkohle ist die klimaschädlichste Variante der Stromproduktion. Über 80 Prozent seines Stroms erzeugt Vattenfall in dieser Form. Der Betrieb der Anlage schreibt die CO2-Emissionen aus wirtschaftlichen Gründen für einen Zeitraum von rund 40 Jahren fest. Mit Energiewende, erneuerbaren Energien und Klimaschutz haben Braunkohlekraftwerke nichts zu tun!

Siehe auch: Vattenfall – Ganze Dörfer müssen weg.

Außerdem in diesem Blog:

“Schweden empört sich über Vattenfalls Größenwahn”

Radio Schweden – “Vattenfall zaghaft bei grünem Strom”

Vattenfall Braunkohle – Wirre Kommunikation und Rekordergebnis für die Klimakatastrophe

Kolumbien: “Blutige Kohle” für deutschen Strom – Menschrechtsverletzungen und Umweltzerstörung

 

„Schweden empört sich über Vattenfalls Größenwahn“

sos01
Vattenfall in Not: Größenwahnsinnige Manager…. Foto: Dirk Seifert

Die Expansionspolitik des Staatskonzern Vattenfall gerät in den schwedischen Medien unter massive Kritik. Darüber berichtet jetzt die WAZ:  „Nach einem knappen Jahrzehnt intensiver Expansion mit milliardenschweren Auslandsinvestitionen und Aufkäufen in ganz Europa macht der Energiekonzern 90 Prozent seiner Gewinne immer noch in Schweden. Zu diesem Ergebnis kam jetzt die Tageszeitung „Svenska Dagbladet“ und wirft dem Unternehmen bei dessen jüngsten Zahlenwerk Schönfärberei vor. Die Auslandsexpansion sei zu einem kostspieligen Experiment größenwahnsinniger Manager geworden, lautet der Tenor in Schwedens Wirtschaftspresse.“

Insgesamt mindestens vier Milliarden Euro hat der Konzern in den letzten Jahren in den Sand gesetzt. Dazu mehr hier:  Vattenfall finanziell angeschlagen – Vier Milliarden Euro in den Sand gesetzt

Bereits in den letzten Wochen gab es in schwedischen Medien immer wieder Berichte, die die Geschäftspolitik von Vattenfall scharf kritisierte. Anlass dafür ist vor allem das nach mehreren Quellen überteuerte Engagement von Vattenfall beim Kauf des niederländischen Unternehmens Nuon: „In Schweden regt man sich derzeit aber vor allem über den Kauf des holländischen Energieunternehmens Nuon im Jahr 2009 für 97 Milliarden Kronen (11,5 Milliarden Euro) auf. Beim laut „Svenska Dagbladet“ „größten Barkaufgeschäft in Schweden überhaupt“ hatten die Vattenfall-Manager offenbar richtig geschlampt.

Denn der für Nuon gezahlte Preis ist selbst laut Aussage des seit Ende 2009 amtierenden Vattenfallchefs Öystein Löseth, der bei Vertragsabschluss noch für Nuon arbeitete, viel zu hoch gewesen.“ Auch Radio Schweden hatte über dieses Verlustgeschäft bereits berichtet. Vattenfall finanziell angeschlagen – Vier Milliarden Euro in den Sand gesetzt.

Vattenfall hat Anfang der 2000er Jahre von Schweden aus einen massiven Expansionskurs gestartet, um in den Ostsee-Anrainer-Staaten zu einem wichtigen Player zu werden. Dafür wurde nicht nur in Deutschland (HEW, BEWAG und Braunkohle in der Lausitz) investiert, sondern auch in Polen, Dänemark und weiteren Ländern. Investitionen, die sich in der Summe kaum lohnten und dazu führten, dass Vattenfall sich in den letzten Jahren aus vielen Ländern wieder zurück zog. Mit Verlust! Neben dem Heimatmarkt Schweden ist im Kern nur noch der deutsche Markt und die Niederlande übrig geblieben.

Doch das Engagement in den Niederlande kommt Vattenfall jetzt offenbar teuer zu stehen. Die WAZ berichtet über die schwedische Diskussion: „Zwar gelang es Vattenfall damit, drei Millionen europäische Strom- und Gaskunden sowie weitere Kohle-, Gas- und Windkraftanlagen hinzuzugewinnen. Doch dafür habe sich Vattenfall zu stark verschuldet, ist heute die allgemeine Auffassung in Schweden. Eine schlechte konjunkturelle Lage im Schlepptau des Deals machte eine erfolgreiche Verwertung darüber hinaus unmöglich.“

Bereits vor wenigen Tagen war auf diesem Blog zu lesen: “Vattenfalldebakel in den Niederlanden – Regierung weist Verantwortung von sich”

Jetzt berichtet die WAZ: „Der bürgerliche Finanzminister Anders Borg behauptet nun, nichts von den Warnungen gewusst zu haben. Laut dem Gewerkschaftler im Vattenfall-Aufsichtsrat, Johnny Bernhardsson, soll die Konzernführung Informationen, die gegen einen Kauf sprachen, vor ihrem staatlichen Eigentümer verheimlicht haben. Als Gewinner aus dem verlustreichen Neon-Geschäft gingen vor allem die Niederländer hervor. Und Berater, an die Vattenfall 443 Millionen Kronen zahlte.“

Während in Deutschland derzeit die Tarifverhandlungen bei Vattenfall mit der IG BCE, mit Verdi und der IG Metall anlaufen, hat der Konzern angekündigt, dass er europaweit rund 2.000 Stellen streichen will. In Deutschland ist erst vor kurzen der Personalabbau im Servicebereich beschlossen worden. Siehe hier: Vattenfall – Streit mit Beschäftigten nimmt zu.

Auch in Deutschland läuft es für Vattenfall nicht sonderlich gut: Weit über 80 Prozent seines Stroms erzeugt der Konzern in der besonders klimaschädlichen Braunkohle aus der Lausitz. Dabei werden durch den großflächigen Tageabbau schwere Umweltzerstörungen angerichtet. Der Ausbau des Tagebaus führt immer wieder dazu, dass Menschen aus ihren Dörfern vertrieben werden, weil diese abgebaggert werden. „In der Rangliste der Umweltorganisation WWF über die 30 schlimmsten Kohlendioxidproduzenten Europas landeten die sauberen Schweden dank der Europaexpansion gar auf Platz vier“, schreibt die WAZ dazu. Außerdem droht in Berlin und Hamburg, dass Vattenfall die Energienetze verliert und damit ein wichtiges strategisches Instrument der Energiepolitik. In Berlin läuft derzeit ein Volksbegehren, um die jetzt noch Vattenfall gehörenden Stromnetze zu rekommunalisieren. In Hamburg kommt es im September zu einem Volksentscheid, um Vattenfall das Stromnetz und die Fernwärmeversorgung abzunehmen und in die öffentliche Hand zu überführen.

Vattenfall reduziert Kommunikation – künftig noch mehr Wirrnisse?

Stellenabbau: Kommunikation wird reduziert. Foto: Dirk Seifert

Der Atom- und Kohlekonzern reduziert seine Kommunikation. Das PR-Magazin meldet: „Kommunikationsabteilungen mehrerer großer Unternehmen müssen mit weniger Budget und Personal auskommen“. Demnach sollen bei Vattenfall von den ursprünglich 150 Vollzeitarbeitsstellen in Deutschland lediglich 70 übrig bleiben. Das Magazin bezieht sich auf Aussagen von Stefan Müller, Konzernsprecher für externe Kommunikation bei Vattenfall. Seit 2010 habe sich demnach das Budget im Kommunikationsbereich um zwei Drittel reduziert. Das Magazin zitiert: „Die Umsetzung der neuen Struktur soll zum Jahreswechsel erfolgen“, sagte Müller. Die Kürzungen betreffen alle Hierarchieebenen in interner und Marketing-Kommunikation, Events und Publishing. 72 Prozent aller Sponsoring-Engagements wurden demnach seit 2010 gestrichen. Einzig die Pressearbeit sei nicht vom Stellenabbau betroffen.“ (Meldung vom 7.12.2012)

Möglicherweise haben diese Personalkürzungen mit den Kommunikationspannen der letzten Wochen zu tun? Zunächst hatte Vattenfall bei der Umsetzung einer zum 1. Januar angekündigten Strompreiserhöhung laut Verbraucherzentrale Hamburg bei einigen StromkundInnen die Frist versäumt, so dass die Preiserhöhungen zum 1.1.2013 rechtlich nicht korrekt wären.

Dann kam es zu einem Verwirrspiel der besonderen Art: Erst kündigte Vattenfall an, nur noch in Erneuerbare Energie investieren zu wollen. Das wurde als Abschied von der Braunkohle verstanden. Darauf hin musste die Kommunikationsabteilung eine Korrekturmeldung herausbringen: Unter der Überschrift „zu den heutigen Medienberichten“ heißt es nun: Vattenfall stehe voll und ganz zur Braunkohle.

Dass Vattenfall ausgerechnet bei der Kommunikation spart, lässt Schlimmeres befürchten. Schon seit Jahren steht die Kommunikation von Vattenfall immer wieder in der Kritik. Sei es die überaus verschwiegene Einstellung im Rahmen von Genehmigungsverfahren, wie zuletzt z.B. bei dem geplanten Bau eines Kraftwerks in Wedel. Oder wie vor Jahren bei den nahezu zeitgleichen Störfällen in den AKWs Brunsbüttel und Krümmel. Im Sommer 2007 war nach einem Feuer in einem der Transformatoren in Krümmel das AKW per Notabschaltung vom Netz genommen worden. Vattenfall spielte damals den Vorfall runter und betonte, dass der Brand keinerlei Auswirkungen auf den Reaktor gehabt hätte. Eine Lüge, wie sich später heraus stellte: Der Rauch vom Brand war z.B. in die Schaltwarte des Reaktors eingedrungen und die Reaktorfahrer mussten mit Gasmaske arbeiten. Eines von mehreren Vorkommen, die Vattenfall damals vertuschen wollte und was dazu führte, dass die zuständige Behörde eine Prüfung der atomrechtlichen Zuverlässigkeit von Vattenfall anordnete.

×