Atommüll-Desaster in Jülich: Neue Studie zum weiteren Umgang

Wohin mit dem Atomerbe aus dem AVR Jülich? Hauptsache schnell weg. Foto: Betreiber
Wohin mit dem Atomerbe aus dem AVR Jülich?  Foto: Betreiber

152 Castor-Behälter mit hochradioaktiven Brennelementen aus den Atomreaktor AVR lagern in Jülich. Was mit ihnen geschehen soll, ist Anlass zu vielen Debatten, denn das Lager in Jülich ist derzeit nicht ausreichend gegen Erdbeben ausgelegt. Jahrelange Schlampereien in der ehemaligen Atomforschungsanlage könnten dafür verantwortlich sein. Drei Varianten werden im Moment geprüft: a. ob eine Nachrüstung oder ein Neubau in Jülich die Sicherheitslage verbessern kann, b. ein Abtransport in das Zwischenlager Ahaus oder sogar c. ein Export in die USA, den Umweltverbände für rechtswidrig halten. Die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen im Landtag von Nordrhein-Westfalen hat eine Studie beim Öko-Institut beauftragt, die Möglichkeiten zum weiteren Vorgehen auslotet.

Die Studie steht hier als PDF zum Download bereit.

Dass auch Experten angesichts des Wahnsinns in Jülich machmal ratlos sind, zeigt eine Aussage zur aktuellen Lage: „Um eine unter allen Gesichtspunkten optimierte Lösung der Entsorgung der Brennelemente des AVR zu erreichen, sollte das Prüfungsergebnis des Detailkonzepts (vorliegend voraussichtlich Anfang Februar 2015) kritisch analysiert werden.“ Genau das steht derzeit auf dem Plan: Bis spätestens Ende März erwartet die Landesregierung in NRW eine weitere gutachterliche Bewertung der vom Betreiber vorgelegten Stellungnahme zu den möglichen Vorgehensweisen. Diese soll dann die Grundlage für die Entscheidung der Landesregierung sein.

Ein Bündnis von Anti-Atom-Initiativen und Umweltverbänden fordert, dass eine Lösung vor Ort in Jülich stattfinden muss. Nicht nur, weil die Gefahren durch die Atomtransporte groß sind. Auch im Atommüll-Zwischenlager Ahaus gibt es erhebliche Sicherheitsmängel. Mit Gutachten von Greenpeace und dem BUND NRW haben die Initiativen außerdem aufgezeigt, dass ein Export des Atommülls aus Jülich in die USA rechtswidrig wäre. Die Atommüll-Kommission im Bundestag diskutiert inzwischen über eine Verschärfung des Atommüll-Export-Verbots. Für den Fall, dass es doch zu Atomtransporten kommt, haben die Initiativen massive Proteste angekündigt.

Im rot-grünen Koalitionsvertrag ist festgelegt, dass die Castoren in Jülich vor Ort gelagert werden sollen. Ein Transport – so heißt es im Vertrag – solle nur noch einmal stattfinden dürfen: In ein Endlager, das es auf absehbare Zeit nicht gibt.

Der Betreiber, das staatliche Forschungszentrum, ist seit Jahren für zahlreiche Schlampereien bekannt. Trotz massiver Probleme im Betrieb (der Versuchsreaktor AVR ist eine besondere Reaktorentwicklung  (Thorium-Hoch-Temperatur-Reaktor (THTR))), haben die Verantwortlichen diese jahrelang vertuscht. In den Brennelementen ist ein Gemisch aus Thorium und hochangereichertem, also atomwaffenfähigem Uran eingesetzt worden.

Nicht nur die hochradioaktiven Brennelemente sind in Jülich ein Problem: Eine weitere hochgradig strahlende Erblast ist der Reaktordruckbehälter des AVR. Nach zahlreichen Störfällen ist der stark verstrahlt und musste mit Beton verfüllt werden. Derzeit wird er in einem extrem riskanten Verfahren verlagert, um den darunter verseuchten Boden sanieren zu können. 2.100 Tonnen wiegt der Koloss, in dessen Inneren radioaktive Gase entstehen, die auf Jahrzehnte abgesaugt und behandelt werden müssen.

Atommüll-Alarm: Wie gefährlich ist das Jülicher AVR-Reaktor-Kippmanöver?

Sonntagsspaziergang Jülich
Atom-Forschungsanlage in Jülich: Haufenweise Probleme mit Atommüll. Foto: Andreas Conradt/publiXviewinG

In Jülich läuft die Verlagerung und das Kippen des 2.100 Tonnen schweren und radioaktiv verseuchten Reaktors des ehemaligen AVR-Atomkraftswerks. Während sich die Behörden und der Betreiber weitgehend in Schweigen hüllen, warnen Bürgerinitiativen und Umweltverbände vor den damit verbundenen Risiken. Für die nur 200 Meter lange Strecke vom alten in das neue Lager wird die Reise des gigantischen Stahl-Beton-Kolosses mehrere Monate dauern. Dr. Rainer Moormann und Jürgen Streich nehmen Stellung zur Frage:

„Wie gefährlich ist das Jülicher AVR-Reaktor-Kippmanöver?

Hintergrund

Vom AVR-Betreiber wird betont, die aktuellen Arbeiten zur Verlagerung des AVR-Behälters seien ungefährlich. Dabei wird u.a. darauf verwiesen, die Dosisrate der Radioaktivität neben dem Behälter sei so gering wie bei einem Fernflug. Letztgenanntes ist zwar richtig, geht aber in verharmlosender Weise am Kern des Problems vorbei: Nicht die Strahlung, die aus dem Behälter dringt, sondern die im Behälter eingeschlossenen radioaktiven Stoffe stellen die Gefahr dar – etwa wie bei einem normalen Gift in einem umschlossenen Behälter.

Da der Reaktor bekanntermaßen faktisch havariert ist, befinden sich noch erhebliche Mengen an besonders gefährlichen radioaktiven Stoffen im Behälter. Konzentrieren wir uns auf das gefährlichste Nuklid, das tückische Strontium-90, haben wir noch mehr als das Millionenfache im Behälter, verglichen mit einem Leichtwasserreaktor zu Beginn des Rückbaus. Konkret werden vom Betreiber 60 Tera-Becquerel (TBq = 1 000 Mrd Bq, radioaktive Kernzerfälle pro Sekunde) Strontium-90 angegeben, die sich im Behälter außerhalb der darin verbliebenen, verklemmten Brennelemente befinden. Dieses Nuklid lag ursprünglich weitgehend als Feinststaub vor, wurde durch die Betonverfüllung 2008 aber großenteils gebunden.

Dennoch stellt der Behälter in seiner jetzigen Form nur einen unzureichenden Schutz dar, keinesfalls vergleichbar dem eines Castor-Behälters. Der doppelwandige Behälter ist nämlich durch Neutronenstrahlung teilweise stark versprödet und damit bruchanfällig. Außerdem ist die Einbindung des Strontiums in Porenleichtbeton nur bedingt wirksam – verglichen etwa mit einer Glaskokille in Castoren, denn dieser Leichtbeton wird bei mechanischen Einwirkungen naturgemäß unter Staubfreisetzung geschädigt. Zur korrekten Einordnung sei aber angemerkt, dass das aktuelle Strontiuminventar im Behälter nur etwa zwei Prozent desjenigen zum Zeitpunkt des AVR-Betriebs beträgt.

Strontium-90 (Halbwertszeit 29 Jahre) ist deshalb so gefährlich, weil es vom menschlichen Körper nicht vom Calcium unterschieden und in die Knochen eingebaut wird, von wo es nicht mehr zu entfernen ist. Es bestrahlt das empfindliche rote Knochenmark, was u.a. zu Leukämie führt. Die zulässigen Freisetzungen sind deshalb außerordentlich niedrig angesetzt.

Was kann bei Störfällen passieren?

Zur Einordnung von möglichen Störfallfolgen gibt es zwei Kriterien: Zum einen die sogenannten Störfallplanungswerte, welche die maximal zulässigen Emissionen bei einem Auslegungsstörfall (früher GaU) definieren, zum anderen die Eingreifrichtwerte für den Katastrophenschutz bei auslegungsüberschreitenden (schweren) Störfällen.

Zur Einhaltung der Störfallplanungswerte liegt uns aus einer Anfrage nach dem Umwelt-Informationsgesetz ein vertrauliches Papier des Forschungszentrums Jülich vom Oktober 2006 vor, in dem berechnet wird, dass diese Störfallplanungswerte am AVR-Zaun bereits dann nicht mehr eingehalten werden können, wenn störfallbedingt nur 0,007 Prozent des Strontiuminventars als Staub aus der Materialschleuse freigesetzt werden. Das deckt sich mit unseren eigenen Berechnungen. Es ist hier anzumerken, dass es sich beim Störfallplanungswert um eine sehr konservativ zu berechnende Größe handelt. Andererseits wird eine Einhaltung dieser Werte für AKW-Störfälle für die Häufigkeit von etwa einmal in 100 000 Jahren gefordert.

Das Erfordernis von Katastrophenschutzmaßnahmen ist weniger eindeutig zu beantworten, da für unterschiedliche Maßnahmen (Anbauverbot für Nahrungsmittel bis Evakuierung) auch unterschiedliche Eingreifrichtwerte gelten, und die Dosiswerte zusätzlich mit der Entfernung abnehmen sowie Wettereinflüsse eine wichtige Rolle spielen. Anbauverbot für Nahrungsmittel im Nahbereich (bis ein Kilometer in Windrichtung) wäre bei Freisetzungen von etwa 0,05 Prozent nötig, Evakuierungen (mit langfristiger Unbewohnbarkeit) dieser Nahzone könnten bei etwa 10 Prozent Freisetzung des Strontiuminventars erforderlich werden. Die nächste Ortschaft (Daubenrath) ist etwa 650 m entfernt.

Hohe Freisetzungen mit katastrophalen Folgen im Nahbereich (Unbewohnbarkeit) wären vermutlich nur als Folge eines größeren Flugzeugabsturzes mit langandauerndem Brand möglich, Freisetzungen mit spürbaren, aber weit weniger drastischen Folgen außerhalb des Zauns allerdings schon bei anderen Störfällen, vor allem solchen, bei denen es keine funktionierende Filterung von Emissionen aus dem Behälter gibt (die bei intakter Materialschleuse, nicht jedoch im Zwischenlager oder beim Transport des Behälters gegeben ist).

Die Störfallanalysen des Betreibers im Rahmen der Genehmigung gehen von recht niedrigen freisetzbaren Mengen an Beton / Graphitstaub aus und zeichnen deshalb ein günstiges Bild. So wird etwa angenommen, dass der Flugzeugabsturz einer Militärmaschine mit Zerstörung des Behälters und Brand weniger als 0,01 Prozent des Inventars in die Umgebung befördert. Hier sind Zweifel angebracht, dass das ungünstigste Störfallszenario ausgewählt und den Genehmigungen zugrunde gelegt wurde, insbesondere das Zwischenlager betreffend.

Fazit

Das radioaktive Inventar des AVR-Reaktorbehälters ist zwar verglichen mit anderen im Rückbau befindlichen Reaktoren außerordentlich hoch, aber wesentlich kleiner als in einem funktionierenden AKW. Allerdings liegt das Inventar in einem vergleichsweise schlecht gesicherten Zustand vor. Störfallszenarien mit katastrophalen Auswirkungen außerhalb der Anlage sind dennoch nur in Verbindung mit Abstürzen von Großflugzeugen anzunehmen, die eine Mobilisierung großer Teile des Inventars zur Folge haben könnten. Diese Auswirkungen erstrecken sich auf verhältnismäßig kleine Bereiche außerhalb der Anlage. Solche Szenarien sind aber nicht auf die aktuellen Verlagerungsarbeiten beschränkt, sondern können auch in dem errichteten Zwischenlager auftreten, da dieses keinerlei Schutz bietet und sogar viele Jahrzehnte betrieben werden soll.

Hier liegt ein entscheidender Schwachpunkt des Rückbaukonzeptes. Die für die Verlagerungsarbeiten charakteristischen Störfälle wie z.B. Absturz des Behälters, (begrenzter) Brand in der Materialschleuse oder Reifenbrand beim Transport lassen demgegenüber keine katastrophalen Folgen außerhalb der Anlage erwarten, da keine Freisetzung großer Teile des Strontiuminventars vorstellbar ist. Allerdings könnten diese Störfälle in einem ungünstigen Fall durchaus zu spürbaren Auswirkungen im Nahbereich um die Anlage führen, sowie zu schwerwiegenden Folgen innerhalb der Anlage und für das Personal.“

Atommüll-Alarm: Begleitgruppe kritisiert Rechtslage zum Reaktordruckbehälter

webheader_atomalarm_originalgroesseAtommülllagerung ohne ausreichende Rechtsgrundlage? Nach der gemeinsamen Presseerklärung von letzter Woche hat nun die Begleitgruppe im HZG – Dialog über die Stilllegung der Atomanlagen der ehemaligen GKSS noch einmal ihre Sicht auf die mangelnde Rechtsgrundlage für die weitere Lagerung des mittelradioaktiven Reaktordruckbehälters dargestellt. Die PM ist hier gleich als Dokumentation nachzulesen.

Atommülllagerung in Geesthacht braucht neue Rechtsgrundlage

Die derzeitige Genehmigung für die Lagerung des Reaktordruckbehälters des ehemaligen Atomschiffs „Otto Hahn“ auf dem Gelände der Helmholtz-Zentrums Geesthacht (HZG) ist aus Sicht der Begleitgruppe im gemeinsamen Stilllegungs-Dialog rechtlich nicht ausreichend.

Die nach Strahlenschutzverordnung erteilte Genehmigung von 1981 umfasst die „Lagerung von Komponenten des Nuklearschiffes „Otto Hahn“ für wissenschaftliche Untersuchungen“ Dazu gehört der 480 Tonnen schwere Reaktordruckbehälter, der auf dem Gelände in einem unterirdischen Betonbunker lagert. Wissenschaftliche Untersuchungen haben jedoch schon über längere Zeiträume nicht stattgefunden.

Der damalige Geschäftsführer der GKSS, Erich Schröder, sprach 1981 laut Spiegel davon, dass „der Atommüll (werde) in dem ausbetonierten, überdachten Senkschacht nur „fünf bis sechs Jahre“ gelagert (werde), damit Wissenschaftler die „einmalige Chance“ nutzen können, „Stahlqualitäten von einem Reaktor zu untersuchen“. (http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-14343028.html)
Wie groß die Probleme im Umgang mit dem Atommüll sind, zeigt sich daran, dass der Reaktordruckbehälter bis heute in Geesthacht lagert.

Aus Sicht der Begleitgruppe ist davon auszugehen, dass ab den 90er Jahren von „wissenschaftlichen Untersuchungen“ praktisch nicht mehr die Rede sein kann und eine neue Genehmigung zur Zwischenlagerung hätte beantragt werden müssen.

Spätestens mit der Entscheidung im Jahr 2008, die Atomforschungsanlage der ehemaligen GKSS endgültig stillzulegen, ist die bestehende Genehmigung für die weitere Lagerung des Reaktordruckbehälters auf dem Gelände der HZG nicht mehr ausreichend.

Als Begleitgruppe haben wir intensive, offene und konstruktive Gespräche über diese Problematik mit der HZG geführt. Der Betreiber konnte aufzeigen, dass er Maßnahmen geprüft hat, um zu einer Verbesserung der Lage zu kommen. Diese Gespräche haben uns als Begleitgruppe aber auch gezeigt, dass der Umgang mit den radioaktiven Hinterlassenschaften der Atomenergie-Nutzung rechtlich und faktisch ungelöst ist:

1. Eine Änderung der bestehenden Genehmigung hin zu einer Genehmigung für die (befristete) Zwischenlagerung des Reaktordruckbehälters ist unter heutigen Sicherheitsanforderungen offenbar nur mit enormen Kosten möglich. Für eine solche Zwischenlager-Genehmigung müssten umfangreiche sicherheitstechnische Maßnahmen am Standort Geesthacht erfolgen, die mit hohen Kosten verbunden wären.

2. Der für die dauerhafte Lagerung des mittelradioaktiven Reaktordruckbehälters der Otto Hahn vorgesehene Schacht Konrad in Salzgitter steht auf absehbare Zeit nicht zur Verfügung und wird von Teilen der Begleitgruppe als nicht ausreichend sicher betrachtet.

3. Ein Transport des Behälters in seiner jetzigen Form (unzerlegt) wäre aufgrund der hohen Sicherheitsanforderungen ohnehin nicht genehmigungsfähig. Das ergibt sich aus Untersuchungen der HZG, den Reaktordruckbehälter in das Zwischenlager Lubmin bei Greifswald zu verlagern.

4. Der Betreiber HZG plant eine Zerlegung des Reaktordruckbehälters und hat dazu Konzepte erstellen lassen. Weitere Untersuchungen und die Erstellung von Genehmigungsanträgen sind derzeit aber nicht möglich, weil das zuständige Bundesforschungsministerium offenbar die dafür erforderlichen finanziellen Mittel nicht bereitstellt.

Aus dieser Sachlage ergibt sich für die Begleitgruppe im HZG-Dialog, dass es dringenden Handlungsbedarf gibt, um eine rechtlich ausreichende Grundlage für den weiteren Umgang mit dem Reaktordruckbehälter zu erreichen.

Sprecher der Begleitgruppe sind Bernd Redecker, Jörg Kunert und Dirk Seifert. Infos zum Dialog und Kontakt über diesen Link.

Atomreaktor Jülich: Bloß nicht umkippen

Hier im AVR in Jülich ist der Atommüll erzeugt worden, dessen Lagerung heute nicht gesichert ist. Foto: Betreiber
Atomruine – total verstrahlt: Das Atomkraftwerk AVR in Jülich. Foto: Betreiber

Anti Atom Initiativen aus NRW warnen vor einem weiteren Experiment in der ehemaligen Atomforschungsanlage Jülich. Dort lagern nicht nur 152 Castorbehälter mit hochradioaktivem Atommüll in einer nicht ausreichend sicheren Lagerhalle. Nun soll auch noch der „mit 2100 Tonnen extrem schwere und hochgradig u.a. mit Strontium-90, Cäsium-137 und Kohlenstoff-14 radioaktiv belastete AVR-Atomreaktorbehälter neben dem Forschungszentrum Jülich (soll) ab Ende September/ Anfang Oktober in einem riskanten und weltweit einzigartigen Verladeverfahren gekippt und 300 m weiter in eine unsichere Billig-Lagerhalle transportiert werden und dort 60 Jahre oder länger bleiben.“ So heißt es in einer Pressemitteilung vom gestrigen Donnerstag. Die Initiativen fordern, das waghalsige Experiment zu stoppen und zunächst Alternativen zu prüfen.

„Nach einem jahrelang vertuschten schweren Störfall im Jahr 1978 ist nämlich nicht nur der Reaktordruckbehälter (RDB) bis heute stark verstrahlt, sondern auch der Boden darunter. Der RDB kann wegen der Verstrahlung nicht zerlegt werden. Das enorme Gewicht des RDB und seine extrem hohes strahlendes Inventar stellen ein großes Sicherheitsrisiko bei dem geplanten Manöver dar. Andere Möglichkeiten, die radioaktive Bodenbelastung z. B. durch chemische Reinigung des Bodens zu beseitigen, sind vom Betreiber nie ausreichend geprüft worden. Bis heute ist die Bevölkerung über die konkreten Zeitpläne, Kosten und Maßnahmen der Verladung und Sanierung nicht hinreichend informiert.

In dieser Woche wurden uns weitere Neuigkeiten zu diesem Debakel zugespielt. Offenbar ist der Reaktorbehälter nicht ausreichend dicht und wird bei der Lagerung ständig radioaktiven Kohlenstoff-14 emittieren, sodass jetzt heimlich eine zusätzliche Genehmigung dafür beantragt werden musste. Weiterhin deuten sich Zusatzkosten bei der geplanten Bodensanierung in dreistelliger Millionenhöhe an. Wir fordern weitere Informationen.

Außerdem fragen wir, warum das vorgesehene Lager für den Reaktorbehälter den Sicherheitsanforderungen genügen soll, wenn andererseits nach Aussagen der Landesregierung ein Castorenlager in Jülich wegen Erdbebengefahr und Bodenverflüssigung nicht möglich sein soll.

Wir fordern Bundesregierung, NRW-Landesregierung, Forschungszentrum Jülich und AVR/EWN auf, zunächst eine umfassende Prüfung von Alternativen zur riskanten Verlagerung des stark verstrahlten Druckbehälters durchzuführen. Dazu muss die Verlagerung ausgesetzt werden. An dieser Alternativen-Prüfung muss die Bevölkerung intensiv beteiligt werden.

Wir weisen sie auf den Sonntagsspaziergang am 21.09.14 um 14:00 ab der Haltestelle „Forschungszentrum“ zum Tor des FZJ hin zu dem Anti Atomgruppen aus der ganzen BRD aufrufen. Zeitgleich findet ein Sonntagsspaziergang am Atommüllzwischenlager Ahaus statt.“

Unterzeichner:

AKW Nee Gruppe Aachen

Anti-Atom Bonn www.antiatombonn.de

Anti-Atom Euskirchen www.antiatomeuskirchen.blogsport.de

AAPK, Anti_Atom_Plenum Köln

Plutoniumfabriken in Sellafield – Lagerung nuklearer Abfälle ist „untragbares Risiko“

Plutoniumfabriken in Sellafield. Atommüll ohne Ende. Foto Simon Ledingham

Die Kosten für Stilllegung der britischen Plutoniumfabriken in Sellafield explodieren und „untragbare Risiken“ gehen von Atommüll aus, der in heruntergekommenen Gebäuden gelagert wird . So berichtet die BBC auf ihrer Homepage mit Bezug auf einen Bericht des National Audit Office (NAO).

Darauf hat der BUND Cuxhaven in einer Pressemitteilung hingewiesen. In Sellafield haben auch deutsche AKW-Betreiber jahrelang hochradioaktive Brennelemente aufarbeiten lassen, um das darin befindliche Plutonium herauszutrennen und so genannte MOX-Brennelemente für den erneuten Reaktoreinsatz herzustellen.  Ein solcher MOX-Transport soll in den nächsten Tagen z.B. das AKW Grohnde erreichen.

Nach Angaben der BBC lagert in Sellafield, der größten und gefährlichsten Atomanlage in Großbritanien, soviel hoch- und mittelaktiver Atommüll, dass damit 27 Swimming-Poole der Olympia-Klasse gefüllt werden könnten. „The plant is the UK’s largest and most hazardous nuclear site, storing enough high and intermediate level radioactive waste to fill 27 Olympic-sized swimming pools.“

Die BBC schreibt, dass ein „untragbares Risiko“ von den gefährlichen Abfällen ausgeht, die in heruntergekommenen Gebäuden in Sellafield gelagert werden. „An „intolerable risk“ is being posed by hazardous waste stored in run-down buildings at Sellafield nuclear plant, a watchdog has found.“

Bereits jetzt sind die Strände rund um die Plutoniumfabriken von Sellafield stark radioaktiv verseucht. Regelmäßig werden dort radiaktive Hot-Spots gefunden und müssen von Spezialteams geborgen werden. Siehe dazu: Plutoniumfabriken Sellafield – radioaktive Hotspots am Strand

Die NAO ist eine Kontrolleinrichtung, etwa vergleichbar mit dem deutschen Rechnungshof und überwacht staatliche Programme und Maßnahmen. Der Bericht kritisiert scharf, dass die Stilllegungs- und Rückbaumaßnahmen bei den zahlreichen Atomanlagen auf dem Sellafield-Gelände zu langsam laufen und außerdem viel zu teuer sind. Die NAO warnt davor, dass die Stilllegungskosten außer Kontrolle geraten können. In den fünf Jahrzehnten des Betriebs in Sellafield hätten die Betreiber es versäumt, langfristige Konzepte für den Umgang mit dem Atommüll zu entwickeln.

„The National Audit Office (NAO) also said that for 50 years, the operators of the Cumbria installation failed to develop a long-term plan for waste. Costs of plant-decommissioning has also spiralled out of control, it said.“

Inzwischen haben die Betreiber einen neuen Stilllegungsplan erarbeitet, nach dem der erste Plan wegen erheblicher Unzulänglichkeiten keinen Bestand hatte. In einer Pressemitteilung der NAO heißt es: „The Authority achieved an important milestone in May 2011 when it approved a more robust lifetime plan for the clean-up of Sellafield site by 2120, replacing a previous unrealistic plan.“

Doch Amyas Morse, Vorstand des National Audit Office, sieht auch im neuen Plan erhebliche Probleme. Sie begrüßt zwar, dass die Betreiber jetzt einen etwas genaueren Zeitplan vorgestellt haben. Aber auch dieser Plan könne nur ungefähr angeben, wie lange es dauern wird, die radioaktiven Abfälle unter Kontrolle zu bringen und was das am Ende kosten wird.  So könnte nicht gesagt werden bis wann und mit welchen Kosten Anlagen fertigestellt sein werden, um den hochradioaktiven Atommüll aus alten Teichen und Silos zu sichern: „For example, there is considerable uncertainty over the time required and cost of completing facilities to treat and store highly radioactive material held in deteriorating legacy ponds and silos.“

Dass die Stilllegungskosten enorme Dimensionen haben und völlig außer Kontrolle geraten könnten, zeigen die Pläne: Waren von den Betreibern zunächst Kosten in Höhe von rund 47 Milliarden Pfund geplant, sind in dem neuen Plan insgesamt 67 Milliarden Pfund veranschlagt. „The improved lifetime plan contributed to an increase in the Authority’s provision for decommissioning the site to £67 billion (undiscounted) as at March 2012, up from £47 billion as at March 2009.“

Angesichts dieser Kostenexplosion wächst die Sorge, dass der Strahlen- und Umweltschutz reduziert wird, um Kosten sparen zu können. Für die Umweltorganisation Friends of the Earth ist der katastrophale Umgang mit dem Atommüll laut BBC ein „nationaler Skandal“ mit erheblichen Risiken für die Menschen und die Umwelt rund um Sellafield.

Dr Ruth Balogh, von West Cumbria and North Lakes Friends of the Earth, sagte: „The UK’s failure to deal with highly hazardous nuclear waste at Sellafield is a national scandal that poses a significant risk to local people and the environment.“

Weil die Regierung die Risiken im Umgang mit dem anfallenden Atommüll komplett ignoriert habe, fordert die Umweltorganisation, dass neue Atomkraftwerke nicht gebaut werden dürften, solange man mit dem bereits angefallen Atommüll nicht umgehen kann. „The government has completely ignored the urgent need for interim measures to deal with this radioactive waste. We shouldn’t build any new nuclear reactors if we can’t deal with the radioactive mess that’s already been created.“

Die vollständige Pressemitteilung der NAO finden Sie unter www.nao.org.uk/publications/1213/sellafield_risk_reduction.aspx . Eine Kurzfassung des NAO Berichts finden Sie hier und die Langfassung hier (jeweils PDF).

Dank für den Hinweis an die BUND Kreisgruppe Cuxhaven, Norbert Welker, Cuxhaven.

 

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