Zeit zum Abschalten – unter diesem Motto fand am AKW Brokdorf am 26. April mit vielen hundert TeilnehmerInnen die Protest- und Kulturmeile 2014 aus Anlass des Jahrestags der Atomkatastrophe von Tschernobyl statt. Das Hamburger Abendblatt berichtet im Vorfeld über die Forderungen der AtomkraftgegnerInnen. Fotos von der Protest- und Kulturmeile gibt es bei PubliXviewinG, bei ROBIN WOOD und hier: Ein Tag für die Stilllegung des AKW Brokdorf in Bildern. (Alle Fotos: Dirk Seifert)
Schlagwort: Atommüll
„Eine erbärmliche Form der Politik“ – Kieler Energiewendeminister kritisiert Atommüllpolitk der CDU/CSU

„„Eine erbärmliche Form der Politik“ – Schleswig-Holsteins Energieminister Habeck (Grüne) kritisiert die fehlende Bereitschaft mancher Länder, Verantwortung für die Lagerung des Atommülls in Deutschland zu übernehmen.“ Das berichtet die SHZ gestern online. Gemeint ist damit „die fehlende Bereitschaft insbesondere unionsgeführter Länder zur Zwischenlagerung von Atommüll“: „„Gerade die Länder, die bis zum Schluss für die Atomenergie gekämpft und von ihr – auf Kosten der Zukunft – profitiert haben, verweigern sich“, sagte Habeck in einem Interview der Deutschen Presse-Agentur. Für den historischen Fehler Atomenergie wolle niemand geradestehen.“
Es geht um den vermeintlichen Konsens bei der Endlagersuche. Vereinbart und im Endlagersuchgesetz festgeschrieben ist, dass künftig kein weiterer Atommüll aus den Wiederaufarbeitungsanlagen in Frankreich und England in das oberirdische Castor-Lager nach Gorleben soll. Doch auf der Suche nach alternativen Standorten kommt die Politik derzeit nicht weiter. Lediglich Schleswig-Holstein und Baden-Württemberg, beide rot-grün (oder umgekehrt), haben bislang signalisiert, dass sie bereit wären, den Castor-Strahlenmüll in ihren Bundesländern aufzunehmen. Die CDU/CSU verweigert jede Bereitschaft, in ihren Bundesländern einen Teil des Mülls aufzunehmen (ebenso wie die Atomwirtschaft – siehe unten).
Habeck laut SHZ: „„Die Genehmigung und damit die Inbetriebnahme von Schacht Konrad (bei Salzgitter in Niedersachsen) als Endlager für schwach- bis mittelradioaktiven Müll verschiebt sich immer weiter. Jetzt redet man von 2022. Und die Frage, wo noch 26 ausstehende Castoren mit hoch radioaktivem Atommüll nach der Wiederaufarbeitung in La Hague (Frankreich) und Sellafield (England) ab 2015 untergebracht werden, ist weiterhin ungelöst“, sagte Habeck. Es habe vermehrt Gespräche im Frühling gegeben – ohne eine Lösung. „Das vereinbarte Vetorecht für die Länder in dieser Frage führt offenbar dazu, dass keiner Verantwortung übernimmt. Das ist eine erbärmliche Form von Politik.““
Dem möchte man eigentlich zustimmen. Nur eigentlich ist die Politik der CDU/CSU nicht überraschend. Immerhin hat sie beim vermeintlichen Neustart der Endlagersuche vor allem darauf gedrängt, dass Gorleben weiterhin als Standort erhalten bleibt. Es ist ja kein Zufall, dass fast zeitgleich mit dem vermeintlichen Neustart bei der Endlagersuche auch der Gorleben-Untersuchungsausschuss im Bundestag endete: Für viele zeigte sich nach der jahrelangen Aufarbeitung zahlloser Akten, wie sehr politische Interessen gegen alle Wissenschaft und Argumente dafür sorgten, dass Gorleben Standort blieb. Die CDU/CSU erklärte dazu als Fazit: Dieser Ausschuss sei „überflüssig und teuer“ gewesen und ansonsten sei alles nach „streng wissenschaftlichen Kriterien” erfolgt. Warum will die CDU/CSU dann eigentlich einen Neustart bei der Endlagersuche, wenn mit Gorleben eigentlich alles prima ist? Kein Wunder also, wenn für viele Anti-Atom-Verbände die neue Endlagersuche lediglich als neue Variante angesehen wird, Gorleben endgültig durchzusetzen.
Unerwähnt bleibt in dem Interview mit Habeck auch die Lage im Castor-Lager Brunsbüttel. Im Sommer 2013 hatte das Oberverwaltungsgericht Schleswig wegen zahlreicher nicht und falsch erbrachter Sicherheitsnachweise die Genehmigung zur Lagerung der hochradioaktiven Abfälle aufgehoben. Das Urteil ist allerdings noch nicht rechtskräftig, weil sowohl der Betreiber Vattenfall als auch die Genehmigungsbehörde Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) vor dem Bundesverwaltungsgericht die Zulassung einer Revision beantragt haben.
- Gefahr der Kettenreaktion: Atombehörde und Vattenfall wollen Urteil zum Castor-Lager kippen
- Atommüllentsorgung – Erhöhte Schutzanforderungen, bestehende Sicherheitsmängel und erhebliche Machtkämpfe – OVG Schleswig legt schriftliches Urteil vor
Für diese mangelnden Sicherheitsnachweise sind aber offenbar eher das Bundesumweltministerium und die AKW-Betreiber verantwortlich, weniger das BfS:
- Lagerung hochradioaktiver Castoren: Sorgte das Bundesumweltministerium für geringere Sicherheitsanforderungen?
- Atomanlagen und das Risiko von Terrorangriffen – Illegaler Betrieb von Atomkraftwerken
Interessanterweise spricht Habeck hier mit dem Schacht Konrad auch den Bereich der leicht- und mittelradioaktiven Abfälle an, obwohl es sonst in seinem Interview um die hochradioaktiven Abfälle geht. Was genau er mit dem Hinweis meint, erschließt sich aus dem SHZ-Text leider nicht. Sein Amtskollege in Niedersachsen, Stefan Wenzel, hat in den letzten Monaten mehrfach eine Neubewertung für den Schacht Konrad gefordert. Dabei spielen nicht nur Erfahrungen aus dem Endlager-Desaster in der ASSE II eine Rolle. Im geplanten Endlager im Schacht Konrad gibt es erhebliche Sicherheitsprobleme, die eine mögliche Inbetriebnahme immer wieder verzögern.
- Atommüll-Debatte: Endlager Schacht Konrad muss auf den Prüfstand
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In dem Interview geht Habeck im weiteren auf den Start der Kommission ein, die der Bundestag und der Bundesrat vor wenigen Tagen eingesetzt hat. Die soll u.a. Kriterien für die dauerhafte Lagerung von hochradioaktiven Atommüll entwickeln. Umweltverbände und Anti-Atom-Initiativen haben das Endlagersuchgesetz und die Kommission massiv kritisiert. Dennoch hat der BUND vor kurzem beschlossen, sich trotz aller Mängel an der Kommission zu beteiligen. Eine Entscheidung, die von zahlreichen Anti-Atom-Initiativen kritisiert wird (siehe bei contrAtom: Nicht in unserem Namen! Anti-Atom-Gruppen lehnen Beteiligung an Atommüll-Kommission ab).
- Atommüll-Endlager: Trotz Kopfstand – Der BUND beteiligt sich an der Suche
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Dazu sagte der Minister laut SHZ: „„Die Vorbereitung auf die Kommissionsarbeit zeigt mir einmal mehr, welch ein unverantwortlicher Irrsinn die Atomkraft ist“, sagte Habeck. Er begrüßte, dass nach langem Widerstand und Zögern auch der BUND in der Kommission mitarbeiten will. „Wenn man jetzt die Gunst der Stunde nicht nutzt, dann endet alles wieder bei Gorleben. Deshalb freue ich mich, dass der BUND doch mitmacht. „Es ist eine mutige und richtige Entscheidung. Probleme zu lösen, bedeutet eben, Verantwortung zu übernehmen.““
Bei aller Euphorie und „Verantwortung“ wird oft vergessen zu erwähnen, dass für die Endlagersuche insgesamt, aber auch für die Frage, wohin die „Auslands-Castoren“ kommen, auch die Zustimmung der Betreiber erforderlich ist. Ihnen gehören die Lager an den AKW-Standorten und in Gorleben. Bislang lehnen die Betreiber eine Beteiligung an dem Geschacher ab. Um aber den Castormüll aus Frankreich und England jenseits von Gorleben einzulagern, braucht es deren Zustimmung und neue Genehmigungen, die die Betreiber beantragen müssten. In keinen Fall wollen sie die Kosten dafür übernehmen. Was die Kosten angeht und den Sinn einer Suche nach Alternativen angeht, ist die Sache für die Betreiber auch klar: „Wir zahlen nicht, Gorleben ist geeignet“, heißt das Fazit von Atomforum und Konzernen.
Selbst wenn die CDU/CSU ihre „erbärmliche Haltung“ aufgeben würde, ist damit noch keine wirkliche Lösung erreicht. Nicht nur Robert Habeck vergisst das zu erwähnen.
Uran in der Mongolei: Viehsterben im Abwind der Bohrstellen von AREVA?
Mit einem umfangreichen Newsletter informiert der Verein “MUNX TENGER – ewiger Himmel” über den weiteren Verlauf des Viehsterbens in der Mongolei. Es besteht der Verdacht, dass es einen Zusammenhang mit den Bohrungen nach Uranerz durch den französischen Atomkonzern AREVA gibt. Bereits im März informierte der Verein über die alarmierende Situation: Uran tötet – Französischer Atomkonzern AREVA in der Mongolei. Zahlreiche Video-Links von Betroffenen werden im Newsletter angeführt und übersetzt. Außerdem gibt es aktuelle Informationen über das Berufungsverfahren der Aktivisten von „Gal Undesten“, die zu drastischen Strafen verurteilt wurden und Berichte über Aktionen gegen den geplanten Uranabbau in der Mongolei und über den Atomkonzern AREVA. Der Newsletter steht hier zum download bereit (PDF).
„Die Situation der Viehhalter im Landkreis Ulaanbadrakh im Umfeld des AREVA-Geländes ist in diesem Frühjahr 2014 katastrophal. Sehr viele Jungtiere, die alle im März geboren werden, sind tot zur Welt gekommen, sind missgebildet oder überlebten die ersten Atemzüge nicht. Vielfach dauerten die Geburten mehrere Tage, was darauf schließen lässt, dass die Jungtiere überhaupt keine Bewegungen im Mutterleib mehr machten und so die Geburt nicht unterstützten. Die Viehhalter berichten von völlig erschöpften Muttertieren. Von weiter entfernten Nomaden werden bei Mehrlingsgeburten einige Lämmer und Zicklein abgegeben. Diese Maßnahme ist notwendig, damit nicht auch noch die Muttertiere sterben, wenn ihre nach der Geburt einschießende Milch nicht von Jungtieren getrunken wird.“
Bundesrepublik und Atomwaffen: „Finger am Abzug“ – Spurensuche zur Geschichte der Urananreicherung
Deutsche Politik, Atomenergie und Atomwaffen. Immer mehr Untersuchungen erscheinen in den letzten Jahren mit Blick auf die „Frühen Jahre“ zu diesem Thema. Das meint einerseits die Zeit im Faschismus, in die die Entdeckung der Kernspaltung durch Otto Hahn und Fritz Straßmann sowie Lise Meitner fällt. In der Folge gab es während des Zweiten Weltkriegs diverse Aktivitäten, eine deutsche Atombombe zu entwickeln. Anderseits erscheinen immer mehr Veröffentlichungen, die die frühe Bundesrepublik und ihre Atompolitik unter die Lupe nehmen. Dass die deutsche Politik unter Adenauer nach einem Zugriff auf die Atombombe strebte, ist heute unumstritten.
Stefan Wenzel, grüner Umweltminister in Niedersachsen, stellte jüngst in einer Rede im Bundesrat anlässlich der Endlagersuche fest: Als „die Bundesrepublik Deutschland vor über 50 Jahren die ersten Forschungsreaktoren in den USA einkaufte, hatte man insbesondere auch die militärischen Optionen im Blick. Das geht aus Kabinettsprotokollen der Ära Adenauer, die mittlerweile veröffentlicht worden sind, eindeutig hervor.“
- Aktuell siehe: URENCO Gronau: Risiko Atomwaffen-Technik und die deutsche Atom-Politik
- Uranfabrik Gronau: “Atomanlage, mit der die Bundesrepublik ihren Status als potenzielle Atommacht unterstreicht”
- Zu dem Hinweis von Wenzel auf militärische Interessen bei der Bestellung der ersten Forschungsreaktoren siehe auch hier: Atomforschungsanlage GKSS – Forschung an der Atombombe?
Militärisch brisant: Urananreicherung bei der URENCO in Gronau
Das frühe bundesdeutsche Streben nach einer eigenen Atombewaffnung, ist heute nicht mehr zu ignorieren. Militärische Interessen dürften nach Helmut Schmidt und unter der Regierung Kohl bei der geplanten Wiederaufarbeitungsanlage in Wackersdorf eine Rolle gespielt haben, ermöglichte diese Anlage doch in nationaler Regie einen eigenen Zugriff auf Plutonium. Doch Ende der 80er Jahre wurde der Plan einer nationalen Wiederaufarbeitung in Wackersdorf – nach heftigen politischen Konflikten – aufgegeben. Auch die Plutoniumfabriken in Hanau, die inzwischen allesamt stillgelegt sind, spielten dabei eine Rolle.
Technisch gesehen bleibt heute als direkter Weg für die Herstellung von Atomwaffen die Urananreicherungsanlage in Gronau. Diese Anlage ist unter militärischen Gesichtspunkten mit Blick auf die Fähigkeit zur Herstellung von Atomwaffen sicherlich die brisanteste Atomanlage in der Bundesrepublik. Allerdings unterliegt die Anlage dem völkerrechtsverbindlichen „Vertrag von Almelo“ (siehe unten), der lediglich eine Anreicherung von Uran für den Einsatz in Atomkraftwerken (ca. fünf Prozent Uran 235) erlaubt, höhere Anreicherungen aber ausdrücklich verbietet (Für eine Uranwaffe wäre eine Anreicherung auf über 80 Prozent Uran 235 erforderlich).
„Finger am Abzug: Von Adenauer bis Schmidt“
Im letzten Jahr nun erschien das Buch „Schwellenmacht. Bonns heimliche Atomdiplomatie von Adenauer bis Schmidt“ von Stephan Geier. Unter dem Titel: „Finger am Abzug“ fasst Reinhard Mutz auf DeutschlandRadio Kultur das Buch in einem Satz zusammen: „Die Deutschen spielten schon an der historischen Wiege des nuklearen Zeitalters eine Schlüsselrolle, so der Historiker.“ Das Buch basiert auf der Dissertation von Geier (PDF, über 800 Seiten, oder hier downloaden) an der Philosophischen Fakultät und Fachbereich Theologie der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (2011). Das Inhaltsverzeichnis der Buch-Ausgabe ist hier beim Verlag als PDF einzusehen. Stephan Geier laut DL-K „resümiert: „Iran, Israel, Indien und andere: Die schleichende Verbreitung atomarer Waffen hält die Welt in Atem. Doch die Spielregeln, die diese gefährliche Entwicklung eigentlich verhindern sollten, wurden nicht von Staaten wie dem Iran oder Nordkorea gemacht. Es war die Bundesrepublik, die dabei seit den 1950er-Jahren eine wichtige, durchaus zweifelhafte Rolle spielte.“
- Eine Besprechung des Buchs von Geier sowie des ebenfalls im letzten Jahr erschienenen Buches von Michael Knoll – Atomare Optionen. Westdeutsche Kernwaffenpolitik in der Ära Adenauer – ist von Joachim Radkau hier veröffentlicht.
- Siehe auch hier ein Beitrag von Michael Knoll.
In Mai 2012 veröffentlichte die FAZ unter dem Titel „Schwellenmacht Deutschland“ (PDF, siehe auch hier) und hier) einen Artikel von Professor Dr. Gregor Schöllgen und Dr. Stephan Geier: „Die Atompolitik der Bundesregierungen von Adenauer bis Schmidt oder die Geschichte einer Beihilfe zur Erosion des internationalen Nichtverbreitungsregimes.“
Die beiden Autoren zeigen auf, dass die Bundesrepublik seit Adenauer massiv daran gearbeitet hat, einen Zugriff auf Atomwaffen zu bekommen. Daher haben sie von Anfang an den Nichtverbreitungs-Vertrag bekämpft. „Von Konrad Adenauer bis Helmut Schmidt verhielten sich die Bundesregierungen nicht nur wie die Repräsentanten einer ambitionierten Schwellenmacht. Sie trugen auch entscheidend zur Formulierung und Interpretation jenes Nichtverbreitungsregimes bei, das die Arbeit der Atomwaffen-Kontrolleure heute so schwierig macht. Dafür hatten die Deutschen vor allem einen Grund: Der Zugang zur friedlichen Nutzung der Kernenergie und die Verfügung über die Atomwaffe waren zwei Seiten einer Medaille – jedenfalls aus Sicht derer, die sie einstweilen nicht besaßen.“
- Zur Debatte um den Atomwaffensperr-Vertrag in der Bundesrepublik siehe auch Joachim Radkau unter diesem Link: Die Kontroverse um den „Atomsperrvertrag“(NV-Vertrag, NPT): reale und vorgeschobene Interessen der zivilen Kerntechnik.
- Der Griff zur Atombombe und die Asse, aus AAA über Radkau und seine Ausführungen in dem Buch: „Aufstieg und Krise der deutschen Atomwirtschaft 1945-1975“. (Das Inhaltsverzeichnis steht hier als PDF bereit)
Für die Herstellung von Atomwaffen gibt es technisch im Grundsatz zwei Wege: Die Anreicherung von Uran 235 oder der Weg über die Bestrahlung von Natururan in Schwerwasserreaktoren. Dabei entsteht Plutonium, das dann abgetrennt und zur Atombombe verarbeitet werden kann.(In den heute verbreiteten Leichtwasserreaktoren muss mit rund 3-5 Prozent angereichertes Uran eingesetzt werden, um eine Kettenreaktion zu starten, in deren Folge Plutonium erzeugt wird, das dann abgetrennt werden kann).
An beiden Methoden wurde unmittelbar nach der Entdeckung der Kernspaltung in Nazi-Deutschland, den USA, England, etc. noch im Zweiten Weltkrieg gearbeitet. Mit dem Einsatz der Uranbombe in Hiroshima und der Plutoniumbombe in Nagasaki demonstrierten die USA im August 1945, dass sie beide Wege beherrschten. Im verbreiteten Verständnis von Atombomben haben sich diese Varianten festgesetzt. Doch es gibt auch kleinere Varianten, die so genannten taktischen Atomwaffen.
- Eine intensive Debatte über diese heute auch als „Mini-Nukes“ bezeichneten Atomwaffen hat die Veröffentlichung von „Hitlers Bombe“ ausgelöst. Darin verdichtet der Autor Karlsch, dass es in Nazi-Deutschland der Gruppe Diebner/Bagge möglicherweise gelungen war, eine Art thermo-nukleare Explosion auszulösen, bei der es zu zahlreichen Toten kam. Heiko Petermann hat sich zwei Jahre später unter dem Titel „Für und Wider „Hitlers Bombe““ mit der besonderen Entwicklung der Gruppe um Diebner auseinander gesetzt. Der Text ist als Word-Dokument online verfügbar unter dem Titel „Mininukes – Geheimpatente und Hintergründe in der Bundesrepublik Deutschland – Eine erste Bestandsaufnahme“.
- Zu „Hitlers Bombe“ und der nachfolgenden Debatte siehe dazu den ausführlichen und mit zahlreichen Quellen versehenen Text von mir auf dieser Seite: Spurensuche. Dort wird die Atomforschung in Nazi-Deutschland bis hinein in die frühe Geschichte der Bundesrepublik fragmentarisch behandelt.
„Im Oktober 1956 brachte Bundeskanzler Adenauer erstmals eine atomare Bewaffnung der Bundesrepublik ins Spiel. Die strategischen Planungen der Vereinigten Staaten sahen nämlich vor, dass ein Angriff des Warschauer Paktes wenn irgend möglich durch Landstreitkräfte, also nicht zuletzt durch die Bundeswehr, aufgehalten werden sollte, ehe strategische Atomwaffen eingesetzt werden sollten. Diesen Plan hielten bundesdeutsche Politiker und Militärs nur für realistisch, falls die Bundeswehr über taktische Atomwaffen verfügte.“
Direkt weiter heißt es: „In diesem Sinne schloss die Bundesregierung im April 1958 mit Frankreich und Italien ein Abkommen über die „gemeinsame Entwicklung und Produktion von Atomsprengkörpern“.“ Ein legaler Schritt, wie die Autoren vermerken, weil sich die Selbstbeschränkung der Bundesrepublik im Rahmen des Vertrages über die Westeuropäisiche Union (WEU) „lediglich auf die Herstellung von Atomwaffen auf eigenem Territorium bezog.“ Erst de Gaulle stoppte diese Pläne. Doch für die Bundesregierung war die „Forderung nach atomarer Teilhabe auch auf dem militärischen Sektor war damit nicht erledigt“.
In dem Geheimprotokoll zu dem Abkommen wurden Rüstungsprojekte bei der Raketen- und Nukleartechnik vereinbart, außerdem gab es die Absicht, im französischen Pierrelatte eine Urananreicherungsanlage zu bauen.
- Zahlreiche Quellen zu den hier gemachten Ausführungen sind in meinem Artikel: Spurensuche: „Hitlers Bombe“ – Nazi-Forschung und Entwicklung an einer militärischen Nutzung der Atomenergie und ein Ausblick auf die Debatte um die Atombewaffnung in der jungen Bundesrepublik Deutschland der 50er Jahre zu finden. Dort wird auch über diese Abkommen näher berichtet.
„Schon während des Zweiten Weltkrieges hatten deutsche Wissenschaftler an der Entwicklung der Gasultrazentrifuge zur Anreicherung von Uran gearbeitet. Nach dem Krieg konnten sie diese Arbeit unabhängig voneinander und ungehindert fortsetzen – einer in der britischen Besatzungszone, drei andere in sowjetischer Kriegsgefangenschaft. Als zwei von ihnen 1956 in die Bundesrepublik heimkehrten – der dritte ließ sich in der DDR nieder -, brachten sie ihre Pläne mit.“
In einem Aufsatz von Bernd A. Rusinek heißt es dazu: „Während Steenbeck in die DDR ging, wählten Zippe und Scheffel die Bundesrepublik.“ (S. 6)
- Die hier erwähnten Text von Rusinek habe ich auch direkt auf umweltFAIRaendern „gesichtert“, für den Fall, dass die Dokumente auf der Seite des Verfassers „abgeschaltet“ werden. Der Aufsatz zur Rolle von NRW bei der Anreicherung ist hier (PDF), der Text über die Zusammenarbeit zwischen den Niederlande und Deutschland (Physiker) hier (PDF)
Bei Schöllgen/Geier in der FAZ heißt es weiter: „Die Vorarbeiten aus den vierziger und fünfziger Jahren sollten sich als Grundlage jener Gaszentrifuge erweisen, die seit den siebziger Jahren in einer gemeinsam von Niederländern, Deutschen und Briten betriebenen Anreicherungsanlage im niederländischen Almelo erprobt wurde. Dass sie der Prototyp der heute in Uran und andernorts verwendeten Zentrifugen werden könnte, ahnte niemand.
Warum die Briten, die anders als die Amerikaner schon während des Krieges die zivile Nutzung der Kernenergie ins Auge fassten, die Deutschen gewähren ließen, sei dahingestellt. Sicher ist, dass die amerikanische Regierung, die über die deutschen Absichten von Anfang an im Bilde gewesen sein dürfte, im Jahr 1960 die Geheimstellung dieser Technologie durch die Bundesregierung erwirkte.“
… „Auch das Veto der Briten gegen die Ausfuhr der gemeinsam mit der Bundesrepublik und den Niederlanden weiterentwickelten Gaszentrifuge nach Brasilien wurde von deutscher Seite umgangen. Anstelle des geheimen Gaszentrifugen- wird das sogenannte Trenndüsenverfahren zur Anreicherung von Uran in das Paket aufgenommen. Auch dieses Verfahren war in der Bundesrepublik entwickelt worden und fand mehr als nur einen Abnehmer. So beruhte die Anreicherungsanlage, die Südafrika in den achtziger Jahre in Betrieb nahm, auf einer Variante dieses Verfahrens. Vom Kernforschungszentrum Karlsruhe aus war es auf verschlungenen Wegen ans Kap gelangt. Mit dem angereicherten Uran wurden mehrere Atombomben bestückt. Dass Südafrika 1991 seine sechs Kernwaffen zerstörte und dem Nichtverbreitungsvertrag beitrat, gehört zu den wenigen guten Nachrichten in der Geschichte des Nichtverbreitungsregimes.“ (Zum Brasilien-Geschäft siehe auch weiter unten.)
In der Besprechung von Radkau ist außerdem folgendes zur Urananreicherung zu lesen: „Knoll, von der Konrad-Adenauer-Stiftung unterstützt, hat ausgiebig Nachlässe von CDU-Politikern ausgewertet, aber auch Bestände der Degussa, deren Uranzentrifuge in der nuklearen Frühzeit von bundesdeutscher Seite das größte Aufsehen erregte, sowie Bestände des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR (die jedoch, wie es scheint, hier kaum große Geheimnisse enthalten).“
- Der Degussa gehörten u.a. die Auer-Werke bei Berlin. Siehe dazu: Die Nazis, die Uranmaschine und die deutsche Atombombe
- Die Atombombe kam aus Deutschland – Ein Bericht von RBB
- Interessant sind auch Hinweise, dass im Atommülllager ASSE II bei Wolfenbüttel möglicherweise Atommüll aus der Nazi-Zeit eingelagert worden sein könnte: Atommülllager ASSE: Strahlenschrott aus der Nazizeit und militärisches Erbe?
In einem „Bewerbungsvortrag“ von Bernd A. Rusinek über die „Urananreicherung in Nordrhein-Westfalen“ (PDF) ist über die Rolle der DEGUSSA folgendes zu lesen: „Erfahrungen im Umgang mit größeren Mengen hatte allein eine Tochter der DEGUSSA. DEGUSSA stellte bis Kriegsende etwa 12 t Uranmetallpulver her. Hier entstanden die Verbindungen zwischen Akteuren und Unternehmen, die nach dem Kriege weitergeführt wurden.“ (S. 4)
Weiter schreibt Rusinek: „Im „Totalen Krieg“ wanderte die Groth´sche Zentrifuge von Hamburg nach Freiburg, Butzbach und Celle. Die amerikanische Spezialeinheit „ALSOS“, zu der sowohl der Zentrifugen-Pionier Jesse Beams wie der niederländische Emigrant Samuel Goudsmit gehörten, erreichten das Labor in Celle im April 1945. Groth wurde nach England gebracht, dort befragt, und durfte seine Zentrifugen-Studien in Hamburg weiterführen.“
Der Hamburger Dozent Dr. Wilhelm Groth ist einer der für die Urananreicherung wichtigen Wissenschaftler. Bereits 1939 hat er das Reichskriegsministerium „auf die Möglichkeit eines neuen Supersprengstoff auf Kernspaltungsbasis“ hingewiesen. „Groth nahm die Arbeiten an einer Anreicherungszentrifuge noch 1939 auf“.
In einem anderen Beitrag von Rusinek (PDF) schreibt der Autor: „Mit der Zentrifugenanreicherung befassten sich Physiker und Chemiker an den Universitäten Hamburg und Kiel. Der Hamburger Chemiker Groth konnte im Frühjahr 1941 einen hinreichenden Zentrifugen-Prototyp vorführen, der in Kooperation mit einer Rüstungsfirma weiter entwickelt wurde. Anfang 1943 gelang es, 100 Gramm auf 7 Prozent angereichertes Uran herzustellen.“ Dem Bericht zufolge arbeitete Groht nach 1945 im Ausland an der Zentrifugen-Technik weiter. „Aufgrund eines „alliierten „permit“ durfte Groth seine Zentrifugenstudien praktisch ohne Unterbrechung fortführen.“ (S. 6)
- Es gab in Nazi-Deutschland – wie Rusinek andeutet – auch andere Wissenschaftler, die an Verfahren zur Urananreicherung gearbeitet haben. Dazu zählten z.B. auch Erich Bagge und Wilhelm Walcher sowie Kurt Diebner. Diese werden von Rusinek allerdings nicht namentlich erwähnt. Bagge und Diebner gründeten später die Atomforschungsanlage GKSS in Geesthacht. Diebner war 1957 für rund ein Jahr unter Strauß im Verteidigungsministerium (in Bonn) als Regierungsdirektor tätig. Bedeutsam waren auch die Arbeiten von Manfred von Ardenne, auf den Rusinek auch eingeht. Siehe dazu ausführlich am Schluss des bereits erwähnten Artikels Spurensuche…
Die oben erwähnten Zippe und Scheffel kamen (1955/56) mit ihren Forschungsergebnissen in die Bundesrepublik zurück. „Was hatten sie entwickelt? Eine Anreicherungszentrifuge, die leistungsfähiger und von wesentlich geringerem Energieverbrauch war als die us-amerikanische Gasdiffusion. Die Ultra-zentrifuge „SSZ“ („Selbststabilisierende Zentrifuge“ oder „Scheffel-Steenbeck-Zippe“) passte praktisch in eine Aktentasche. Was das bedeutete – auch militärisch bedeutete – brauche ich nicht zu erläutern. Scheffel und Zippe wandten sich an die Firma DEGUSSA, und zwar wandten sie sich an deren Forschungsleiter Alfred Boettcher. DEGUSSA nahm die Zentrifugen-Entwicklung auf Basis des sowjetischen Modells auf und schaltete sich in das Uran-Anreicherungsgeschäft ein.“
Im weiteren liefert Rusinek auch Hinweise, warum die Urananreicherung mit deutscher Beteiligung zunächst im niederländischen Almelo entstand. (Dabei berichtet der Autor auch von einem gescheiterten Atomprojekt zwischen den Niederlanden und der Bundesrepublik, das noch vor dem 5. Mai 1955 realisiert werden sollte.) Es gab eine weitere deutsch-niederländische Zusammenarbeit: „Die zweite Kooperation gelang. Es ging dabei um die Anreicherung von Uran auf Basis der Zentrifugen, wie sie in der Sowjetunion von Scheffel, Steenbeck und Zippe entwickelt worden waren.“ (S. 8).
Die Ausführungen dazu sind unter dem angegebenen Link bei Rusinek weiter zu lesen. Wichtig aber ist der Hinweis, dass 1960 die DEGUSSA aus der Zentrifugen-Entwicklung aussteigen musste und das Land NRW diese übernahm: „Die DEGUSSA-Aktie tat einen Sprung nach oben, aber das Unternehmen musste die Zentrifugen-Entwicklung aufgeben. Sie wurde vom Land Nordrhein-Westfalen übernommen. Es entstand die „Gesellschaft für Kernverfahrenstechnik“, später „URANIT“, dann „URENCO“, aus deren Archiv ich Teile der Materialien für diesen Vortrag bekommen habe.“ (S. 8/9)
Bereits in den 50er Jahren war NRW in Sachen Uranzentrifugen aktiv. Rusinek berichtet, dass Groth bereits 1950 an die Universität Bonn berufen wurde. Er „brachte seine Uranzentrifugen mit.“ Finanziert wurde er vom Planungsausschuss des Bundeswirtschaftsministeriums, sodann von der in Düsseldorf gegründeten „Physikalischen Studiengesellschaft“. Auf Initiative der Landesregierung Nordrhein-Westfalen wurde Groth auch wieder mit seinem ehemaligen Mitarbeiter Beyerle zusammengeführt. Die Resonanz der ‚Politik’ auf die Arbeiten war sehr groß. In seiner Regierungserklärung vom 29.2.1956 führte Ministerpräsident Steinhoff (SPD) aus, das Land wolle die Errichtung einer Trenn-Anlage nach dem Verfahren Groth unterstützen, und in einem Brief aus dieser Zeit war von einer „energischen Förderung“ durch das Land die Rede. Ende der 1950er Jahre lieferte Groth drei Zentrifugen nach Brasilien.“ (S. 4, Urananreicherung in NRW)
Brasilien? Genau. Bereits Ende der 50er Jahre betrieb die Bundesrepublik offenbar atomare Beziehungen zu Brasilien, die bis heute anhalten. 1975 wurde der deutsch-brasilianische Atomvertrag abgeschlossen, der bis heute in Kraft ist. Siehe dazu auch aktuell die Kleine Anfrage der Grünen hier (PDF) und hier etwas zum Hintergrund bei der Böll-Stiftung.
1960 wurde – wie oben bereits erwähnt – die Uran-Zentrifugen-Technik auf Druck der USA unter „Geheimschutz“ gestellt. Rusinek: „„Geheimschutz“ hieß, dass die Arbeiten an der Zentrifuge nicht mehr publiziert und Zentrifugen schon gar nicht verkauft werden durften. Professor Groth, der im Mittelpunkt der Berichte stand, sah sich außerstande, die Arbeiten fortzuführen. Er musste seine ausländischen Mitarbeiter entlassen. Der Vorstand der DEGUSSA erklärte, man sei aufgrund von Beschlüssen des Aufsichtsrates und der Gesellschafterversammlung gebunden, nur friedliche Arbeiten zu betreiben, und werde die Arbeiten an der Zentrifuge einstellen. Die Erfinder mussten ihr Patent als Geheimpatent umwidmen lassen, wodurch ihnen erhebliche Einnahmen entgingen.“ (S. 7, Interessant sind auch seine Hinweise, wie in Deutschland auf den Druck der USA reagiert wurde.)
In der Folge des Geheimschutzes wird die Zentrifugen-Technik in NRW konzentriert: „Der Bund war 100-Prozent-Financier der Gesellschaft für Kernverfahrenstechnik, bis Ende der 1960er Jahre mit Industriebeteiligung eine Nachfolgegesellschaft gegründet wurde, die Gesellschaft „URANIT“.“
In den Niederlanden, so Rusinek, wird im Prinzip ähnlich verfahren. 1968 kommen schließlich die Briten ins Boot. Diese hatten zunächst auf die Diffusion zur Urananreicherung „zur Herstellung seiner Atombomben“ gesetzt. „Überraschend teilte die britische Regierung 1968 mit, dass sie diese Pläne aufgegeben habe und sich nun an der Entwicklung der Zentrifugen beteiligen wollte. Genau das war der entscheidende Schritt, der zum Vertrag von Almelo am 4. März 1970 führte.“
In dieser Phase Ende der 60er und Anfang der 70er gibt es Auseinandersetzungen innerhalb von Euratom um eine gemeinsame Urantrennanlage. Frankreich hatte Anfang der 60er Jahre in Pierrelatte für sein Atomwaffenprogramm eine Anlage nach dem Prinzip der Diffusion gebaut. Für eine zivile Anlage sollte dieses Verfahren ebenfalls zum Einsatz kommen. „An der 1973 gegründeten Urantrenngesellschaft „EURODIF“ beteiligten sich Frankreich, Spanien, Italien und Belgien, aber Großbritannien, die Niederlande und die Bundesrepublik hielten an ihren Projekten fest“ und gründeten schließlich die URENCO auf Basis der Ultra-Gaszentrifugen-Technik.
Interessant ist dabei der Hinweis von Rusinek: „Die Bundesregierung wollte „voreiligen Vorschlägen“ der Franzosen nicht kritiklos zustimmen. Zitat: „Deutschland ist gerade daran interessiert, Kernbrennstoffe geringer Anreicherung zu erhalten, während die Franzosen wegen der militärischen Anwendung starke Anreicherungsgrade brauchen.““ Die Quelle, aus der das Zitat stammt, ist leider nicht angegeben.
Die personellen Kontinuitäten von den Nazi-Forschern bis hinein in die Bundesrepublik sind bei Rusinek aufgezeigt. Er fasst dies am Schluss seines Vortrages nochmal zusammen und fügt hinzu: „die staatliche Förderung lief zwischen „Drittem Reich“ und Nachkriegszeit dergestalt ohne Stocken weiter, dass in den eingesehenen Unterlagen über die Förderung der Uran-Anreicherung die Zuschüsse von Heereswaffenamt und Reichsforschungsrat, später von Bundes- und Landesministerien einfach zusammengerechnet wurden.“ (S. 10)
Und mit Blick auf die Rolle von Nordrhein-Westfalen bei der Urananreicherung stellt Rusinek fest: „Ohne Zweifel können wir das nordrhein-westfälische Wunschprojekt Uran-Anreicherung nicht innerhalb der Landesgrenzen betrachten; geographisch nicht und politisch auch nicht. Vielmehr sehen wir, wie das Land in dem betrachteten Sektor ab Mitte der 1960er Jahre immer mehr an Einfluss verliert. Die Entscheidungen über den Fortgang der Anreicherungsarbeiten fassten andere.“
Zwischenergebnis
Wie brisant die Urananreicherungstechnik ist, zeigt ein Statement von Franz-Walter Steinmeier (SPD) als Außenminister im Jahr 2007: “Die Urananreicherung ist ein klassischer Weg, um nuklearen Brennstoff herzustellen. Diese aufwändige Technologie ist aber auch der Schlüssel zu Atomwaffen. Man muss also Wege finden, wie jeder Staat Kernenergie uneingeschränkt friedlich nutzen kann, ohne dass damit der Griff nach der Bombe möglich wird. Der Atomwaffensperrvertrag geht auf dieses Problem bislang nicht ein.” (Siehe hier Auswärtiges Amt). Allerdings sprach Steinmeier damals nicht von der URENCO und der deutschen Anlage in Gronau. Er bezog sich auf die international wachsenden atomaren Begehrlichkeiten des Irans und Nordkoreas und die Mängel des Atomwaffensperrvertrages.
Steinmeier damals weiter: “Die Anreicherung von Uran beherrschen im industriellen Maßstab nur wenige Staaten. Es ist nachvollziehbar, dass immer mehr Länder sich aus der Lieferabhängigkeit von angereichertem Brennstoff befreien und selbst Uran anreichern wollen. Damit steigt aber auch die Gefahr des Missbrauchs.”
Die Urananreicherungsanlagen der URENCO stehen derzeit zum Verkauf. Siehe dazu ausführlich: URENCO Gronau: Risiko Atomwaffen-Technik und die deutsche Atom-Politik
Von Uranmunition, Atommüll, Militäreinsätzen und einer Uranfabrik in Gronau – IPPNW-Vertreterin beim Ostermarsch

Auf der Kundgebung zum Ostermarsch vor der Uranfabrik in Gronau sprach auch Angelika Claußen, Vertreterin der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW). Ihre Rede wird hier gleich im Anschluss dokumentiert. Einen Bericht über den Ostermarsch am letzten Freitag in Gronau gibt es hier: Uranfabrik Gronau: “Atomanlage, mit der die Bundesrepublik ihren Status als potenzielle Atommacht unterstreicht”
„Unsere Zukunft ist offen! Wir, die Antiatom- und die Friedensbewegung, wir mischen uns ein!
Dieses Motto des Physikers und Träger des alternativen Nobelpreises Hans Peter Dürr, die Zukunft ist offen, macht uns Mut und Optimismus in einer Zeit, wo wir oft glauben, dass sich Energiepolitik und Friedenspolitik rückwärts entwickeln und dass unsere Wirtschaftsführer und Politiker in Deutschland und Europa es vorziehen „fossil“ zu bleiben: was die Energiepolitik betrifft, bei den fossilen Energieträgern und was ihr Denken betrifft, dass sie noch immer den Reaktionsmustern aus dem kalten Krieg verhaftet sind , in dem sie – siehe Ukrainekonflikt –auf Konfrontation statt auf Kooperation setzen.
Ich werde darüber reden wie Waffensysteme -Atom- und Uranwaffen- Krieg befördern und wie unsere Lösungsvorschläge, „den Frieden schaffen“ aussehen.
-Wie könnte die Zukunft der Urananreicherungsanlage hier in Gronau aussehen? Wird sich die Urananreicherung als Ewigkeitstechnologie erweisen?
-Oder ist die Bundesregierung willens, eine Stilllegung der UAA Gronau durchzusetzen samt der Ansiedlung z.B. von Alternativfirmen des ökologischen Recyclings oder von alternativen Energien?
- Zur Politik der Bundesregierung in Sachen Uranfabrik Gronau: URENCO Gronau: Risiko Atomwaffen-Technik und die deutsche Atom-Politik
Stellen wir uns einmal ein mögliches Negativszenario vor: der Verkauf der UAA Gronau an den französischen Atomkonzern Areva ist abgewickelt. Bundeskanzlerin Merkel und Energie- und Wirtschaftsminister Gabriel haben die Menschen hier in Gronau und in ganz Deutschland leider erfolgreich beschwichtigt: Sie sagen: Auf Frankreich und den französischen Atomkonzern Areva sei doch Verlass. Das mit den Sicherheitsauflagen und den Kontrollen durch die IAEO gewähre doch höchstmögliche Sicherheit. Schließlich sei die IAEO eine vertrauenswürdige Organisation, die hätten doch 2005 den Friedensnobelpreis erhalten. Und an die Vorschriften der IAEO würde sich Areva bestimmt halten.
Inzwischen hat sich der Konflikt in Mali zwischen den radikalen Islamisten im Nordosten des Landes und der Regierung wieder zugespitzt. In diesem Moment wird Frankreich von der malischen Regierung nochmals um Hilfe gebeten und Frankreich setzt gegen die Islamisten, die sich in Gebirgshöhlen des Nordosten verschanzt haben, mehrere Tonnen Munition aus abgereichertem Uran ein. Es ist genau das abgereichterte Uran, das die jetzige Firmenleitung von Urenco als sog. „Wertstoff“ deklariert.
Das Ergebnis: die eingesetzten Uranwaffen in Mali richten ähnliche Gesundheitsschäden an wie im Kosovokrieg und im Irak: Schon wenige Jahre nach dem Uranwaffeneinsatz häufen sich angeborene Fehlbildungen bei malischen Säuglingen und Krebserkrankungen. Ich warne, dieses Szenario ist durchaus möglich und wahrscheinlich.
Aber, denken wir daran: Unsere Zukunft ist offen! Wir können etwas beeinflussen! Deshalb demonstrieren wir heute hier!
Unser Protest gegen die UAA Gronau richtet sich an allererster Stelle an die Bundesregierung, die Verantwortung für das Hochsicherheitsrisiko Urananreicherungsanlage Gronau trägt. Wir tragen unseren Protest nach Berlin! Bisher hat sich die Bundesregierung gedrückt, sie hat geschwiegen zu den Privatisierungsplänen von RWE und EON und zu den Fragen des Atommülls hier in Gronau.
Denn das hier in Gronau gelagerte, abgereicherte Uran muss regierungsamtlich als das klassifiziert, werden, was es ist: Atommüll. Atommüll, der ein sachgerechtes Atommülllager braucht.
Und Atommüll lässt sich nur dann lagern, wenn die Regierung endlich bereit ist, alle in Deutschland laufenden Atomanlagen stillzulegen und in einen offenen Dialogprozess mit den beteiligten Bürgerinnen und Bürgern zu treten.
Wir Bürgerinnen und Bürger fragen uns: Wer entscheidet solch wichtige Fragen wie die der Privatisierung, wie die des Atommülls oder wie die der Energiewende eigentlich? EON/RWE oder die gewählte Bundesregierung?
Unsere Zukunft ist offen! Deshalb mischen wir uns ein:
Wir fordern die Stilllegung der Urananreicherungsanlage in Gronau. Gerade jetzt, wo RWE und EON verkaufen wollen ist der beste Zeitpunkt dafür.
Wir gehen zu den Europaabgeordneten und protestieren dort: Denn die Frage der Uran-Anreicherung ist ein gesamteuropäisches Thema. Und es ist Europawahl
Wir wollen den vollständigen Ausstieg aus der Atomtechnologie, zivil wie militärisch, denn beides sind nur zwei Seiten ein und derselben Technologie.
Gerade angesichts der beiden aktuellen und schweren geopolitischen Machtkämpfe in der Ukraine und in Syrien spüren wir, dass das Denken in Gewinner- und Verliererkategorien, das Streben n ach Macht und Beherrschung des Gegners, die Sprache der Drohgebärden nur in die Sackgasse führt.
Atomwaffen, Uranwaffen, chemische Waffen, militärische Aufrüstung und militärische Bündnisse blockieren jegliche Lösungen. Stattdessen sind Deeskalation, Abrüstung und Diplomatie das Gebot der Stunde. Dass der Genfer Krisengipfel die Kriegsgefahr in der Ukraine vorerst abgewendet hat, ist ein erster und sehr wichtiger Schritt. Jetzt muss es weitergehen mit der Durchsetzung der Entwaffnung der Milizen auf beiden Seiten, Diplomatie und Gesprächen, ganz in der Tradition von Willy Brandt.
Konflikte müssen mit friedlichen Mitteln bearbeitet werden, besonders Rohstoffkonflikte, die schnell in einen Krieg münden können. Deshalb brauchen wir ein Stopp der Waffenexporte!
Unsere Zukunft ist offen! Deshalb mischen wir uns ein:
Was unsere Energieversorgung betrifft, so fordern wir die dezentrale Energiewende auf der Grundlage von erneuerbaren Energien. Es geht um Energieautonomie. Es geht im das Ziel einer Gesellschaft, deren Energieversorgung nachhaltig, sauber und dezentral erfolgt, frei von Monopolen, Kartellen und Lobbyisten, frei von politischen Abhängigkeiten und von Ressourcenknappheit, zugänglich und erschwinglich für alle.
Wir sehen uns wieder am 10.05.2014 in Berlin zur großen Energiewendedemonstration.“
Gronau, den 18.04.2014, Dr. med. Angelika Claußen, IPPNW













































































