Marode Meiler – Sicherheitsrisiken durch Alterungsprozesse und Kosteneinsparungen

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Uranfabrik in Lingen – Lizenz zum Dauerbetrieb (Foto Anfang der 90er Jahre)

Die Atommeiler werden immer älter, damit steigen die Risiken. „Alterungsmanagement ist zentrale Herausforderung“, sagt Niedersachsens Umweltminister Stefan Wenzel, als er vor wenigen Tagen die Brennelementefabrik in Lingen besuchte. Erst vor wenigen Tagen hat es dort – wie es amtlich so schön heißt – ein „meldepflichtiges Ereignis“ gegeben. Die zum AREVA-Konzern gehörende Uranfabrik ist vom Atomausstieg ausgenommen und liefert mit einer unbefristeten Genehmigung die Brennelemente für Atommeiler in aller Welt. Gleich um die Ecke stehen in Lingen zwei Atomkraftwerke. Eines ist bereits vor Jahrzehnten stillgelegt worden und soll demnächst zurück gebaut werden. Das andere ist seit April 1988 in Betrieb und wird erst Ende 2022 abgeschaltet. Am 3. Dezember veranstaltet Wenzel eine Sicherheitskonferenz zu den Alterungsproblemen von Atomanlagen. Über die Reise zur Uranfabrik nach Lingen berichtet der Minister hier.

Nicht nur in Lingen spielt das Thema „Alterung“ bei den Atomanlagen eine Rolle. Auch in Grohnde, in Brokdorf, Gundremmingen, Isar und den anderen Atommeilern wachsen mit der zunehmenden Betriebsdauer die alterungsbedingten Risiken. Dabei entsteht durch den beschlossenen Atomausstieg ein großes Problem: Erforderliche Nachrüstungen stehen angesichts nur noch begrenzter Laufzeiten bei den Konzernen in der Beliebtheitsskala ziemlich weit unten. Wo immer möglich, versuchen sie daher in allen Bereichen der Wartung und Sanierung Kosten einzusparen.

Nur in engen Grenzen können die Aufsichtsbehörden bei den Ländern hier einwirken. Halten die Betreiber Maßnahmen für nicht erforderlich, können sie mit (Schadensersatz-) Klagen die Aufsichtsbehörden schnell unter Druck setzen. Das hat sich zuletzt bei den Auseinandersetzungen zum Wiederanfahren des AKW Grohnde gezeigt. Weil der Verdacht bestand, dass bei den Reparaturen im Rahmen der Revision geschlampt worden ist, hatte die niedersächsische Atomaufsicht unter Stefan Wenzel die Zustimmung zunächst verweigert und die Staatsanwaltschaft eingeschaltet. Betreiber E.on erhob gegen diese Sicherheits-Maßnahme sofort Klage und löste damit das Risiko von Schadensersatzforderungen für das Land Niedersachsen aus. Siehe dazu diese Erklärung des Ministeriums in Niedersachsen: OVG bestätigt das Verhalten des Landes bei der Erteilung der Zustimmung zum Wiederanfahren des Kernkraftwerks Grohnde.

Hier die „Einladung zum Fachgespräch“ des Umweltministeriums: Sicherheitskonferenz „Alterung und Ermüdungsverhalten sowie wiederkehrende Prüfungen von Komponenten der Atomkraftwerke in der Restlaufzeit““

Mittwoch, 3. Dezember 2014, 10.00 bis 16.30 Uhr

Das Niedersächsische Ministerium für Umwelt, Energie und Klimaschutz veranstaltet die Sicherheitskonferenz im Weserbergland-Zentrum, Rathausplatz 7, 31785 Hameln.

Nach der Katastrophe von Fukushima im März 2011 und dem danach beschlossenen Atomausstieg wurde die Überprüfung aller noch mit Restlaufzeiten versehenen hiesigen Atomkraftwerke zur Aufgabenstellung. Dabei ging und geht es sowohl um den Betrieb als auch um die Abläufe bei einem Störfall und bei der Lagerung.

In Fortführung einer Reihe von Veranstaltungen und als Reaktion auf die Federbrüche an Drosselkörpern im Atomkraftwerk Grohnde wollen wir das Thema Alterung, Korrosion und Ermüdungsverhalten von Komponenten der Kraftwerke in den Mittelpunkt unserer Konferenz stellen.
Wir möchten mit Experten von Betreibern, Verbänden und Bürgerinitiativen die Ursachen, Auswirkungen und Konsequenzen dieses Phänomens kritisch erörtern und die Situation in den niedersächsischen Anlagen bewerten.
Das Konzept der wiederkehrenden Prüfungen wird ebenfalls diskutiert.

Dazu laden wir herzlich ein. Das Programm wird in Kürze veröffentlicht.
Ihr
Stefan Wenzel

Zusagen werden bis zum 20. November erbeten an:
monika.runge@mu.niedersachsen.de oder Tel. (0511) 120-3454
Veranstaltungsort:
Weserbergland-Zentrum
Rathausplatz 7, 31785 Hameln
(Anfahrt über die Sedanstraße)
Gastgeber ist der Landkreis Hameln-Pyrmont“

Atommüll-Alarm: Vom Ausstieg „vergessen“ – Uranfabrik in Lingen blockiert

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Uranfabrik in Lingen blockiert. Foto: Pay Numrich.

„Rund 20 Atomkraftgegner_innen blockieren heute die Zufahrt der Brennelementefabrik in Lingen mit einer Sitzblockade. Sie fordern die sofortige Stilllegung aller Atomanlagen weltweit. Speziell produziert Areva (ANF Advanced Nuclear Fuels) mit den Uranbrennelementen sozusagen den Treibstoff für Atomkraftwerke.“ Das teilen die Aktiven in einer Presserklärung von heute mit. Weiter heißt es dort:

Update: siehe unten!

„Die Atomkraftgegner_innen verteilten Modellatommüll auf Zufahrtsstraße zur Atomanlage und hängten roserne Einhörner auf, auf denen die sofortige Stilllegung aller Atomanlagen gefordert wird. Die Polizei ist schon vor Ort. Sie Stimmung ist bisher entspannt.

„Für Atomanlagen wie diese Brennelementefabrik gilt der sogenannte Atomausstieg nicht. Der Atombetrieb läuft ungebremst weiter und vergiftet unsere Lebensgrundlage für hunderttausende Jahre.“ erklärt Conny. Etwa alle drei Tage fahren Gefahrguttransporte von und nach Lingen. Die Brennelementefabrik der französischen Firma AREVA beliefert weltweit Atomkraftwerke. Von den unterschiedlichen Arten atomarer Abfälle gelten die abgebrannten Brennelemente als die gefährlichsten.

Bereits mehrfach war die Atomanlage Schauplatz von Protestaktionen, so wurde auch im August 2013 die Atomanlage mit einer Sitzblockade und einer Kletteraktion blockiert, woraufhin Bußgeldverfahren und Strafverfahren gegen einige Aktivist_innen eingeleitet wurden.

Zahlreiche der Aktivist_innen legten Widerspruch ein, 20 von ihnen stehen deshalb Gerichtsprozesse vor dem Amtsgericht Lingen bevor. „Wir alle hatten schon Vorladungen erhalten, heute wäre der Prozessauftakt gewesen“ erklärt Adele, „Diese Termine hat das Gericht zuletzt kommentarlos zurückgezogen. Wann und ob es zur Verhandlung kommt ist bisher nicht bekannt.“ Das juristische Nachspiel dauert nun bereits seit vergangenem Sommer an: Über Bußgelder von insgesamt über 3000 Euro und teilweise auch Straftatvorwürfe soll vor dem Amtsgericht verhandelt werden. Meist geht es um einfache Verstöße gegen das Versammlungsrecht.

„Wir lassen uns von der Repression nicht einschüchtern und werden uns auch weiterhin für einen sofortigen Atomausstieg einsetzen. “ kommentiert Conny die Situation.

Weitere Informationen:
Zur Repression und den Verfahren und zur Brennelementefabrik.

Update: *Prozess gegen Atomkraftgegner ergebnislos vertagt*

Nur knapp eine Stunde dauerte der erste Prozesstag in der Hauptverhandlung
gegen sieben Angeklagte, die im Februar 2011 einen Castortransport von Karlsruhe
nach Lubmin auf der Saalebrücke bei Schkopau blockiert haben sollen. „Die
Anklage lautet auf gemeinschaftliche Nötigung. Über dreieihalb Jahre nach der
Aktion wird den Angeklagten nun auf sehr fragwürdiger rechtlicher Grundlage der
Prozess gemacht“, kritisierte der Pressesprecher vor Ort. Die Verhandlung fand
wegen der hohen Zuschauerzahl im Hochsicherheitstrakt des Amtsgerichts Halle
statt. Nach der Eröffnung des Verfahrens, der Personalienaufnahme und dem
Verlesen der Anklageschrift trugen drei der Angeklagten politische
Stellungnahmen vor. Hierbei gingen sie auf Risiken und Gefahren der Kernenergie
ein sowie begründeten ausführlich die Legitimation und Notwendigkeit für
Proteste dagegen. Eine Fortsetzung konnte danach nicht erfolgen, da die beiden
vom Gericht geladenen Zeugen nicht anwesend waren. So wurde die Verhandlung nach
einer Stunde vertagt. Fortsetzung des Verfahrens mit mehreren Zeugenvernehmungen
ist am 29.10.2014, 9:00 Uhr im Justizzentrum Halle, Thüringer Straße 16, Saal X
0.1, X.0.2.

Atomausstieg muss weitergehen und darf nicht an den Grenzen halt machen

Noch immer sind neun Atomkraftwerke in Betrieb, erst 2021/22 sollen die letzten sechs Meiler abgeschaltet werden. Bis dahin bleibt auch in der Bundesrepublik das Risiko katastrophaler Unfälle bestehen. Jeder Tag Reaktorbetrieb, könnte einer zu viel sein!

Atomausstieg fortsetzen – Uranfabriken stilllegen

Doch auch nach 2022 ist die Atomenergie in Deutschland nicht am Ende: In den Uranfabriken in Gronau und Lingen darf trotz Fukushima ohne jede Einschränkung weiterhin Atombrennstoff hergestellt werden. Die Dauerbetriebsgenehmigungen der Uranfabriken in Gronau und Lingen gehören aufgehoben.

Beide Anlagen sind verantwortlich für eine Vielzahl von geheimen und riskanten Atomtransporten, die auf Straßen und Schienen und durch die bundesdeutschen Häfen unterwegs sind. Sie tragen dazu bei, dass weltweit Atomkraftwerke in Betrieb bleiben und neue entstehen können. Daher müssen Atomtransporte gestoppt werden.

Atomtransporte stoppen

Hier von Atomausstieg sprechen und gleichzeitig Atomkraftwerke im Ausland mit Brennstoff versorgen? Das ist keine überzeugende Politik. Wir setzten uns dafür ein, dass der Atomausstieg in der Bundesrepublik schnellstens umgesetzt wird und vor allem umfassend ist.

Atomausstieg darf nicht an den Grenzen enden

Der Ausstieg darf nicht an den bundesdeutschen Grenzen halt machen, fordert der Linken-Bundestagsabgeordnete Hubertus Zdebel. Es braucht z.B. europäische und globale Initiativen für den Atomausstieg. Die Energiewende auf Basis des verstärkten Einsatzes der erneuerbaren Energien und der Kraftwärme-Kopplung bietet die Perspektive für eine Energie- bzw. Stromerzeugung ohne Atomenergie. Die Bundesrepublik muss daran arbeiten, dass Einrichtungen wie die Euratom endlich nicht mehr als Förder-Organisationen für die Atomenergie dienen!

Atommüll: Auf der Suche nach einem verantwortbaren Umgang

Der Atomausstieg ist noch lange nicht vollbracht. Über 40 Jahre Atomenergienutzung haben eines der größten Probleme geschaffen: Große Mengen von Atommüll aller Art für dessen dauerhaft sichere Lagerung es weltweit keine Lösungen gibt. Doch nicht nur die Langfristlagerung ist ungeklärt.

Bei der Zwischenlagerung hochradioaktiver Brennelementen in Castor-Behältern ebenso wie bei den leicht- und mittelradioaktiven Abfällen erleben wir: Immer neue Sicherheitsprobleme – immer höhere Kosten. Die Atomkonzerne planen, sich mit einer Bundesstiftung aus der Verantwortung für den Atommüll, den sie erzeugt haben und an dem sie jahrzehntelang gut verdient haben, zu verabschieden. Eine solche „Bad Bank“, die die unkalkulierbaren Risiken auf die Allgemeinheit verlagert, müssen wir verhindern, die Konzerne müssen finanziell in der Verantwortung bleiben.

Die langfristige möglichst sichere Lagerung der atomaren Abfälle muss in Deutschland erfolgen. Dazu braucht es auf Basis des Atomausstiegs einen umfassenden gesellschaftlichen Konsens. Dieser kann nicht – wie mit dem Standortauswahlgesetz (StandAG) geschehen, von oben nach unten durchgesetzt werden. Umgangsweisen und Anforderungen müssen aus einem umfassenden und offenen gesellschaftlichen Prozess entwickelt werden – nur so kann ein Konsens entstehen, der für diese unvergleichbare Aufgabe eine Grundlage schafft: Die möglichst sichere Lagerung radioaktiver Abfälle für eine Million Jahre.

Atommüll-Alarm: Künftiger Atommüll unterwegs mit der Deutschen Bahn

webheader_atomalarm_originalgroesseMit 21 Containern voller Uranerzkonzentrat  (Yellow Cake) hat das Schiff VASILIY SHUKSHIN von St. Petersburg kommend über den Nord-Ostseekanal gestern den Hamburger Hafen erreicht. AtomkraftgegnerInnen aus Hamburg hatten die Verladung wie schon in den letzten Monaten am Süd-West-Terminal im Hamburger Hafen in der Nähe der Veddel beobachtet und mit Transparenten protestiert. Das Uran stammt vermutlich aus Kasachstan. Am Ende einer langen Reise durch zahlreiche Atomanlagen wird daraus Atommüll entstanden sein, für dessen Lagerung es weltweit keine sicheren Lösungen gibt. „Atommüll-Alarm – Tatorte in Deutschland“ heißt daher auch eine aktuelle Kampagne der Anti-Atom-Bewegung.

In den späten Nachmittagsstunden sind die radioaktiven Container dann zunächst zum Rangierbahnhof nach Hamburg-Hafen gebracht worden. Gegen Mitternacht startete die strahlende Reise dann von dort über Bremen und Münster und geht weiter über Köln und Bonn nach Südfrankreich. Erst im laufe der nächsten Tage wird das Uranzerzkonzentrat in Narbonne, Frankreich erwartet. Dort wird es für die Herstellung von Brennelementen für Atomkraftwerke vorbereitet und später u.a. in den deutschen Uranfabriken in Gronau und Lingen weiter verarbeitet. Diese beide Atomanlagen sind vom Atomausstieg in Deutschland ausgeklammert und verfügen über eine unbefristete Dauerlizenz. Sie versorgen weltweit Atomkraftwerke mit dem erforderlichen Brennstoff und tragen so entscheidend zu den atomaren Risiken und immer größeren Atommüllbergen bei.

Atommüllentsorgung: „Neben der Spur“ – Scharfe Kritik am Koalitionsvertrag vom niedersächischen Umweltminister

Radioaktiv-07.jpgStefan Wenzel, Grüner Umweltminister in Niedersachsen, kritisiert scharf den zwischen SPD und CDU/CSU ausgehandelten Koalitionsvertrag für eine künftige Bundesregierung. In der „Welt“ listet er eine große Palette von ungelösten Sicherheitsfragen bei den noch in Betrieb befindlichen Atomkraftwerken bis hin zur Atommülllagerung von leicht- und mittelradioaktiven Abfällen ebenso wie zu den hochradioaktiven Brennelementen auf. „Der grüne Umweltminister Stefan Wenzel ist „enttäuscht“, beklagt im Gespräch mit dem Abendblatt große Differenzen und damit Reibungsflächen mit der Koalitionsvereinbarung auf Landesebene“, berichtet die Welt.

Da geht es nicht nur um Gorleben und die künftige Politik des Bundes, sondern auch darum, ob Konsequenzen aus dem Desaster in der ASSE II für das geplante Lager im Schacht Konrad gezogen werden. Einige Aussagen im Koalitionsvertrag seien „neben der Spur“. Wenzel kritisiert den laschen Umgang der Bundes-SPD in zahlreichen Fragen der Atomsicherheit und beim Umgang mit den Problemen bei der Atommülllagerung. Es lohnt sich, den Artikel in der Welt genauer zu studieren.

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