Stromnetze ohne Vattenfall: Volksbegehren „Neue Energie für Berlin“ gestartet

berlin-volksbegehrenIn Berlin ist das Volksbegehren für die Rekommunalisierung der Stromnetze und die Gründung neuer Stadtwerke an den Start gegangen. In einer Pressemitteilung zum Auftakt des Begehrens teilte der Berliner Energietisch als Initiator mit: „Am 11.02. um Punkt Mitternacht begann der Berliner Energietisch mit der Unterschriftensammlung für ein Volksbegehren für die Rekommunalisierung der Berliner Energieversorgung. Ziel ist die Übernahme der Stromnetze und die Gründung berlineigener Stadtwerke.

Für ein erfolgreiches Volksbegehren muss das Bündnis aus über 50 lokalen Organisationen bis zum 10. Juni mindestens 200.000 Unterschriften sammeln.

„Wir erfahren bei der Sammlung viel Unterstützung und sind zuversichtlich die hohe Unterschriftenhürde zu überspringen.“ meint Dr. Michael Efler, Vertrauensperson des Volksbegehrens. „Viele wollen – wie wir – dass die sicheren Gewinne aus dem Netzbetrieb in Berlin bleiben anstatt in die Taschen des Kohle- und Atomkonzerns Vattenfall zu fließen.“

Der Berliner Energietisch hatte im Juli 2012 über 36.000 Unterschriften für den Antrag auf Einleitung eines Volksbegehrens eingereicht. Da das Anliegen des Energietisches vom
Abgeordnetenhaus jedoch nicht übernommen wurde, geht das Bündnis nun in das Volksbegehren. Ziel ist es, 200.000 Unterschriften zu sammeln. Dann kommt es parallel zur Bundestagswahl im September 2013 zum Volksentscheid.

Auch in Hamburg werden die Bürgerinnen und Bürger am Tag der Bundestagswahl über die Energieversorgung ihrer Stadt abstimmen. Bei einem Erfolg des Energietisches fänden somit in beiden größten Städten Deutschlands Volksentscheide über die Energiepolitik statt.

Bitte beachten Sie auch die Fotos von unserer heutigen Aktion:
Download ab 13:30 unter http://berliner-energietisch.net/presse

Die Unterschriftenliste ist online abrufbar unter:
www.berliner-energietisch.net/images/unterschriftsliste.pdf

In Hamburg ist bereits klar, dass es im September zu einem Volksentscheid kommen wird. Auch in der zweitgrößten Stadt der Republik stehen die Zeichen auf Energiewende. Erst vor wenigen Tage hatte ein Umfrage gezeigt, dass zweidrittel der HamburgerInnen eine vollständige Rekommunalisierung wollen, ohne Vattenfall und E.on.

AKW Brokdorf – Der Super-GAU ist möglich

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Risiken bis zum Super-GAU – das AKW-Brokdorf. Foto: Dirk Seifert

Wie sicher ist das AKW Brokdorf? Um diese Frage zu beantworten, hat .ausgestrahlt den Ministerialdirigenden a.D. Dieter Majer mit einer Studie beauftragt. Insgesamt 21 Unfallursachen listet Majer auf, die entweder allein oder in einer Verkettung miteinander zu einem Super-Gau führen können: Der Kernschmelze mit folgender massiver Freisetzung von Radioaktivität an die Umwelt.

Die Reaktionen der seit Mai 2012 in Amt befindlichen rot-grün-dänischen Landesregierung zu dieses Ergebnissen ist erstaunlich „mau“. Laut Hamburger Abendblatt reagierte der für die Atomaufsicht zuständige Umweltminister Robert Habeck (Grüne) mit den Worten: „gravierende Mängel sind derzeit nicht bekannt. Sollten solche vorliegen, würde die Atomaufsicht sofort einschreiten.“ Risiken könnten jedoch nicht völlig ausgeschlossen werden. Die Atomaufsicht werde das Gutachten sorgfältig auswerten.“

Noch im März 2011 warnte der damalige Grüne Fraktionsvorsitzende Habeckt vor bislang wenig beachteten Unfallrisiken, die schnell zu einer schweren Katastrophe führen könnten: Wenige Tage zuvor war ein großer Frachter auf der Elbe mit Maschinenschaden aus dem Ruder gelaufen und trieb steuerungsunfähig auf die Kühlwasseransaug-Anlage des AKW Brunsbüttel zu. Ein solch großes Schiff wäre ohne weiteres in der Lage, die gesamte Kühlung zu zerstören. Mehrere Schlepper verhinderten damals schlimmeres.

Im Landtag sagte Habeck damals: ”Was sich seit Fukushima geändert hat, ist nicht die Sicherheit der deutschen AWKs – es ist die Bewertung der Wirklichkeit. Sie, Herr Ministerpräsident, haben einerseits Recht, wenn Sie sagen, dass „solch ein Doppelschlag der Naturgewalten“ bei uns eher nicht eintritt – solch einer nicht. Andere aber vielleicht. Erst vor wenigen Tagen havarierte ein 332 Meter langes Containerschiff, die “Berge Fjord”, nach einem Brand im Maschinenraum auf der Elbe und trieb auf die Ansaugrohre von Brunsbüttel zu. Acht Schlepper mussten es sichern.”

Heute, Habeck ist nun Energiewendeminister, ist weder in dieser Sache noch in anderen Sicherheitsfragen in Sachen AKW Brokdorf irgendwas besser geworden.

Während der Grüne Habeck vor einiger Zeit mit einer Bundesratsinitiative versuchte, die Betreiber im Falle der abgeschalteten AKWs per Atomgesetzänderung zu einem Stilllegungsantrag zu verpflichten, sind Initiativen für mehr Sicherheit der in Betrieb befindlichen AKW bislang unterblieben. Schade eigentlich.

siehe auch: Ärzteorganisation IPPNW warnt: Nuklearer Katastrophenschutz überfordert und falsch aufgestellt

Hier die PM von ausgestrahlt zu der Brokdorf-Studie und Links für weitere Informationen. Außerdem unten eine Presse-Übersicht, ebenfalls von ausgestrahlt.

ausgestrahlt: „Gutachterliche Stellungnahme zur Gefährlichkeit des AKW Brokdorf

Dipl.-Ing. Dieter Majer, Ministerialdirigent a.D. und bis Juni 2011 der Leiter der Unterabteilung für Sicherheit in kerntechnischen Einrichtungen im Bundesumweltministerium, hat von November 2012 bis Januar 2013 im Auftrag der Anti-Atom-Organisation .ausgestrahlt ermittelt, gegen welche möglichen Ereignisse das AKW Brokdorf nur unzureichend abgesichert ist. Er kommt zum Ergebnis, dass eine Kernschmelze mit massiver Freisetzung radioaktiver Stoffe jederzeit möglich ist.

Als mögliche Unfallszenarien, die zu einer Kernschmelze und damit zur großen Freisetzung radioaktiver Stoffe führen können, zählt Dieter Majer auf:

  • Totaler Stromausfall
  • Leck im Reaktordruckbehälter
  • Leck in einer Hauptkühlmittelleitung
  • Leck am Druckhalter durch fehloffenes Sicherheitsventil
  • Ausfall der Hauptspeisewasserversorgung ohne Ausfall des Turbinenkondensators
  • Ausfall des Turbinenkondensators ohne Ausfall der Hauptspeisewas-serversorgung
  • Überflutung des Reaktorringraumes
  • Kabelbrand innerhalb des Reaktorgebäudes
  • Zerknall der Dampfturbine
  • Versagen von Komponenten mit hohem Energieinhalt
  • Flugzeugabsturz
  • Erdbeben
  • Explosionswellen
  • Überflutung der Anlage durch Hochwasser
  • Blitzschlag
  • Cyberattacken
  • Informierte Innentäter
  • Angriff einer Personengruppe von außerhalb des Atomkraftwerks
  • Pandemie
  • Militärische oder kriegerische Auseinandersetzungen
  • Ereignisse während der Revision

Die Stellungnahme zählt weiter risikoreduzierende Nachrüstungen auf, welche die Wahrscheinlichkeit einer Kernschmelze verringern, aber nicht ausschließen. Ist die Bevölkerung nicht bereit, dieses Risiko zu tragen, bleibt nur die Abschaltung des AKW Brokdorf.

Die gutachterliche Stellungnahme steht in einer Kurz- und Langfassung vor zum Download zur Verfügung:

.ausgestrahlt bewertet die Ergebnisse in einer Pressemitteilung und forderte die Atomaufsicht auf, das AKW Brokdorf sofort abzuschalten, um die Bevölkerung zu schützen.

Pressereaktion:

 

Vollständige Rekommunalisierung der Energienetze in Hamburg ist machbar

strommast moorburg 03In Hamburg wird im September per Volksentscheid geklärt, dass die Energienetze nicht länger von Vattenfall und E.on betrieben werden sollen, sondern künftig wieder vollständig von der öffentlichen Hand betrieben werden. Nicht nur Vattenfall und E.on sind alarmiert und befürchten, dass wichtige Geschäftsfelder verlieren. Erst vor wenigen Tagen hat eine repräsentative Umfrage gezeigt, dass die beiden Unternehmen gute Gründe haben, sich Sorgen zu machen. Eine zweidrittel Mehrheit der HamburgerInnen ist für die vollständige Rekommunalisierung.

Auch für die SPD-Führung geht es um einiges, denn Bürgermeister Scholz hat innerhalb der Partei durchgesetzt, dass die Stadt sich lediglich als Minderheitsaktionär mit 25,1 Prozent an den drei Netzen für Fernwärme und Strom (beide Vattenfall) und Gas (E.on Hanse) beteiligt. Im Sommer 2012 hat die Bürgerschaft den entsprechenden Verträgen mit den Konzernen zugestimmt. Damit sollte der Volksentscheids-Initiative der Wind aus den Segeln genommen werden. Bislang mit wenig Erfolg.

Seit Jahresbeginn ist der „Wahlkampf“ eröffnet, die Wirtschaftsverbände trommeln massiv gegen den Volksentscheid: Volksentscheid Energienetze Hamburg: Handelskammer unsersiös

Auch der SPD-Fraktionsvorsitzende Andreas Dressel versucht seit Jahresbeginn bei jeder Gelegenheit das Modell einer Minderheitsbeteiligung an den Vattenfall- und E.on-Netzen schön zu reden und gegen das Ziel des Volksentscheids zu argumentieren. „Kooperation statt Konfrontation“ lautet sein Credo (* Text siehe unten). Eine Losung mit der auch die SPD-Umweltsenatorin Jutta Blankau zu Felde zieht, um die Zusammenarbeit mit Vattenfall und E.on zu begründen. Bei beiden kommt es vor allem auf einen Punkt raus. Würde es zu einem erfolgreichen Volksentscheid kommen und die beiden Konzerne ihre wirtschaftliche Vormachtstellung in Hamburg verlieren, käme es zum Chaos, zum Stillstand.

Bei Dressel klingt das so: „Die erfolgreich angelaufene, strategische Partnerschaft würde rückabgewickelt und die Energiewende in Hamburg auf null zurückgefahren und damit faktisch für lange Zeit zum Stillstand gebracht. Denn viele Jahre juristischer Auseinandersetzungen mit den Versorgern stünden uns bevor, um dann vielleicht ein halbes Jahrzehnt später mit zwei bis drei Milliarden Euro neuer Schulden irgendwann Alleineigentümer zu sein. Das ist nicht nur energiepolitisch kein Gewinn – es ist in Zeiten von Schuldenbremse finanzpolitisch schlicht und einfach unverantwortlich.“ (Quelle siehe oben)

Eine Darstellung, die gelinde gesagt, ein wenig befremdlich ist und nicht gerade voller Sachlichkeit steckt. Richtig ist: Es wird nach einem erfolgreichen Volksentscheid zu erheblichen juristischen Streitereien mit den Konzernen um die Kosten der Netz-Übernahme durch die Stadt kommen. Das kennen wir aber schon: So klagen Vattenfall und E.on gegen die Bundesrepublik z.B. auf Schadensersatz wegen der nach Fukushima per Atomgesetz stillgelegten AKWs. Allein Vattenfall will dafür 3,7 Milliarden Euro vom deutschen Steuerzahler bekommen. Es gibt weitere Streitfälle, bei denen Stadt und Vattenfall sich vor Gericht trafen und treffen.

Fraglich auch, was bei Vattenfall eigentlich Energiewende bedeutet: Nicht nur, dass der Konzern zu über 80 Prozent seinen Strom in besonders klimaschädlicher Braunkohle in der Lausitz erzeugt, demnächst in Moorburg ein weiteres klimaschädliches 1.600 MW Kraftwerk in Betrieb nehmen wird und gegen erhöhte Umweltauflagen immer wieder vor Gericht zieht und sogar die Bundesrepublik Deutschland wegen der Auflagen der Umweltbehörde Hamburg vor dem Weltbank-Gericht in Washington verklagt hat.  Inzwischen führt das Unternehmen sogar in Schweden Gespräche über den Neubau von Atomkraftwerken. Mit Energiewende hat Vattenfall also eigentlich nichts am Hut: Vattenfall – Kein Partner für Hamburg.

Rekommunalisierung bringt Haushaltslöcher und Stillstand?

Nicht gerade sachlich sind die Hinweise von Dressel auf vermeintliche Milliarden schwere Schulden durch die Rekommunalisierung. Vor wenigen Tagen verglich er die Rekommunalisierung sogar mit dem Desaster um die Elbphilharmonie. Immer wieder wird versucht, den Eindruck zu erzeugen, das die Rekommunalisierung über den Hamburger Haushalt gestemmt werden muss. Daher auch sein Hinweis auf die Schuldenbremse, die die SPD vor kurzem eingeführt hat.

Dressel weiß eigentlich genau, dass die Finanzierung in nur geringem Umfang über den Haushalt erfolgen wird. Und der Senat bzw. die Bürgerschaft haben es im Falle eines erfolgreichen Volksentscheids sogar selbst in der Hand, wie die Finanzierung läuft. Darüber entscheidet das Volk nämlich nicht selbst!

UNSER HAMBURG – UNSER NETZ hat in einer Kurzstudie verschiedene Finanzmodell untersuchen lassen, die allesamt zu nur einer sehr geringen Belastung für den Hamburger Haushalt kommen. Der Grund ist simpel: Ein hoher Anteil der Kosten wird über Fremdkapital finanziert, wovon den größten Teil sogar die dann städtische Netze-Gesellschaft trägt und aus den Gewinnen durch den Netzbetrieb finanziert. Die Studie der Wirtschaftsprüfer Rödl & Partner zu möglichen Finanzierungsmodellen steht hier zum download (PDF). (Hinzu kommt, dass der Umweltbehörde noch aus schwarz-grüner Regierungszeit Studien vorliegen hat, die die Machbarkeit positiv bescheiden und im Rahmen der Beratungen der Volksinitiative und des Volksbegehrens in der Bürgerschaft ist vielfach darauf hingewiesen, dass die Netze nicht nur Kosten verursachen, sondern auch Einnahmen zur Folge haben.)

Rödl & Partner zeigen dabei auf, dass selbst bei der wenig wahrscheinlichen Annahme, die Kosten der Netzübernahme würden zwei Milliarden Euro betragen, kaum ein Risiko für die Stadt bestünde. Unter ungünstigen Rahmenbedingungen würde lediglich die Finanzierung der Kredite einen Zeitraum von 24 Jahre erfordern. Ein Schaden für den Haushalt wäre das aber nicht.

Vor allem aber: Tatsächlich dürften die Kosten deutlich unter den immer wieder behaupteten zwei Milliarden Euro liegen. Denn das ist der Preis, den selbst Vattenfall und E.on derzeit offenbar für „ok“ ansehen. Bei einer vollständigen Übernahme aber wird der kalkulatorische Restwert der Netze (die ja weitgehend durch die Durchleitungsgebühren durch die Stromkunden bezahlt sind) und der Ertragswert entscheidend sein.

Ein Gutachten der Wirtschaftsprüfer Becker, Büttner und Held von 2010 gibt einen Überblick, wie eine Netzübernahme erfolgt. Darin kommen sie zu der Aussage: „Der Kaufpreis richtet sich nach dem Ertragswert. Das Risiko (erheblich) mehr zahlen zu müssen, ist unseres Erachtens gering.“ (http://www.100-strom.de/files/Netzuebernahme.pdf, S. 13)

Dieses Modell geht nach dem Energiewirtschaftsgesetz von einem einfachen Umstand aus: Da der Gesetzgeber den Wechsel bei der Strom- und Gasnetzkonzession ausdrücklich vorsieht und alle 20 Jahre eine Ausschreibung der Konzessionen für die Netze vorschreibt, muss ein neuer Eigentümer im Laufe dieser Frist von 20 Jahren auch die Möglichkeit haben, eine „angemessene Vergütung“ seiner Geschäftstätigkeit zu erzielen. Mit anderen Worten: Er muss die Netze zu Kosten betreiben können, die ihm innerhalb der 20 Jahre auch Gewinne ermöglichen.

Demnach ist davon auszugehen, dass die Kosten deutlich unter den immer wieder genannten und von Vattenfall und E.on akzeptierten zwei Milliarden Euro liegen werden. Aber selbst wenn es zwei Milliarden Euro wären – das sollte der SPD-Fraktionsvorsitzende noch mal durchdenken – gäbe es über den Verkaufspreis mit Vattenfall und E.on ja eigentlich keinen Ärger? Dieser Preis ist von Vattenfall und E.on doch längst akzeptiert. Wo kommt dann der prognostizierte Stillstand eigentlich her?

Was auch verwundert: Mit keinem Wort wird auf die Einnahmen durch die Energienetze hingewiesen. Allein in der Fernwärme, wo nicht nur das Netz und einige der Kraftwerke übernommen werden, sondern auch die Kunden, ist von jährlich erheblichen Gewinnen auszugehen. So kam die LBD-Beratungsgesellschaft im Auftrag der Hamburger Umweltbehörde (PDF) im März 2011 zu dem Ergebnis, dass Vattenfall bei der Fernwärme in Hamburg im Jahr 2009 zwischen 30 – 60 Millionen Euro verdient hat.

Die Behörde hatte damals eine Prüfung durch die LBD durchführen lassen, weil Vattenfall jahrelang wegen angeblich fehlender Gewinne keine Konzessionsabgabe an die Stadt Hamburg abgeführt hat. Der Spiegel berichtete unter der Überschrift:  „Buchungstrick: Vattenfall soll Hamburg um Millionen gebracht haben“ 70 Millionen Euro könnten der Stadt Hamburg dadurch verloren gegangen sein.

Siehe auch Der Spiegel im Mai 2012: Olaf, der Allmächtige, Hat der Hamburger Senat dem Energiekonzern Vattenfall geholfen, sich Konkurrenz vom Leibe zu halten? Ein vertrauliches Protokoll legt den Verdacht nahe.

Dokumentation: PM Dressel: Kooperation statt Konfrontation – in Hamburg klappt die Energiewende

Donnerstag, 24.01.2013

„Vieles ist bereits erreicht, vieles für die kommenden Monate und Jahre angeschoben – insofern kann man schon jetzt ganz klar feststellen: In Hamburg klappt die Energiewende“, so SPD-Fraktionschef Andreas Dressel in der heutigen Bürgerschaftsdebatte. „Während sich die Herren Altmaier und Rösler auf Bundesebene in endlosen Diskussionen verheddern und bisher rein gar nichts zustande gebracht haben, gehen wir hier in Hamburg gemeinsam mit zahlreichen Partnern und Unternehmen die Energiewende konsequent an. Der Bau des modernen und effizienten Gas- und Dampf-Kraftwerks in Wedel, die Genehmigung für einen Erdgaskessel am Haferweg, der Ausbau der Wärmeversorgung und von Kraft-Wärme-Kopplung, die Öffnung des Fernwärmenetzes, zukunftsweisende Projekte wie Repowering bei der Windenergie, virtuelle Kraftwerke und Elektromobilität – all das zeigt: Wir machen die Energiewende real, nicht in Sonntagsreden, sondern greifbar an den Werktagen, nicht in Positionspapieren, sondern sichtbar für die Menschen, nicht irgendwann, sondern jetzt.“

Scharfe Kritik übte Dressel mit Blick auf den im Herbst anstehenden Volksentscheid an die Adresse von Grünen und Linke: „Sie streuen den Menschen in der Stadt Sand in die Augen, wenn sie ihnen weismachen, dass ein Komplettrückkauf der Energienetze bei einem entsprechenden Votum mal eben so über die Bühne gebracht werden kann. Das Szenario wäre vielmehr: Die erfolgreich angelaufene, strategische Partnerschaft würde rückabgewickelt und die Energiewende in Hamburg auf null zurückgefahren und damit faktisch für lange Zeit zum Stillstand gebracht. Denn viele Jahre juristischer Auseinandersetzungen mit den Versorgern stünden uns bevor, um dann vielleicht ein halbes Jahrzehnt später mit zwei bis drei Milliarden Euro neuer Schulden irgendwann Alleineigentümer zu sein. Das ist nicht nur energiepolitisch kein Gewinn – es ist in Zeiten von Schuldenbremse finanzpolitisch schlicht und einfach unverantwortlich. Kooperation statt Konfrontation, das ist der richtige Weg, um die Energiewende voranzubringen – zu einem vertretbaren Preis und solide über die Garantiedividende finanziert. Da werden wir in den nächsten Monaten mit Argumenten und Fakten weiter punkten – und die letzten Wochen zeigen, dass immer mehr Menschen in dieser Stadt die finanzpolitischen Risiken des Komplettrückkaufs realistisch sehen. Die Steuerzahler wollen kein neues Großprojekt, bei dem sie erst viel später die Rechnung präsentiert bekommen – eine Elbphilharmonie reicht.“

Energienetze Hamburg – Mehrheit für vollständige Übernahme

neu_Logo_Unser-Netz_CMYK-Druck„Es ist ein schwerer Schlag für die Politik von Hamburgs Erstem Bürgermeister Olaf Scholz (SPD): Eine klare Mehrheit der Hamburger ist für den kompletten Rückkauf der Energieversorgungsnetze durch die Stadt. Scholz und die allein regierende SPD lehnen die rund 1,5 Milliarden Euro teure Rekommunalisierung ab.“ So fasst das Hamburger Abendblatt am 9. Februar das Ergebnis einer eigenen repräsentativen Umfrage zusammen. Demnach „sind 64 Prozent der Befragten für den Rückerwerb der Strom-, Gas- und Fernwärmenetze zu 100 Prozent. Nur 20 Prozent sprechen sich dagegen aus. Lediglich 14 Prozent der Befragten sind unentschieden. Hamburg ist derzeit im Besitz von 25,1 Prozent der Netze.“

Nicht nur für Olaf Scholz dürfte das Ergebnis der Meinungsumfrage ein „schwerer Schlag“ sein. Kommt es zu einer vollständigen Rekommunalisierung der Energienetze in Hamburg verlieren die beiden Energiekonzerne Vattenfall und E.on Hanse ihre lukrativen Geschäftsbereiche vollständig. Das Ergebnis der Umfrage macht klar: Nach wie vor haben die Atomkonzerne jeglichen Kredit in der Bevölkerung verspielt. Kaum jemand traut ihnen zu, dass sie wirklich etwas für die Energiewende tun werden. Vor allem Vattenfall mit seinen zahllosen Skandalen und immer wieder selbstherrlichen Geschäftspraktiken sorgt immer wieder für Verärgerung bei der Hamburger Bevölkerung.

Die Abendblatt-Umfrage kommt in einer Phase, als die Hamburger Handelskammer gerade mehrfach heftig gegen die Initiative für einen Volksentscheid geschossen hat und die CDU-Fraktion den Volksentscheid sogar per Klage als verfassungswidrig verbieten lassen will. Das ausgerechnet in dieser Situation die Zustimmung zu den Zielen der Volksentscheidsinitiative auf ihren bisher höchsten Wert steigt, zeigt, wie groß das Mißtrauen in die Stromkonzerne Vattenfall und E.on ist.

Interessant ist dabei auch, dass selbst innerhalb der SPD die Zustimmung zu dem Minderheitsdeal mit Vattenfall und E.on äußerst mangelhaft ist. Das Abendblatt schreibt: „Unter den SPD-Wählern sind sogar 72 Prozent für den Rückkauf der Netze, selbst im Spektrum der Grünen, die für den Rückerwerb sind, sprechen sich nur 62 Prozent dafür aus. Am stärksten ist die Zustimmung für die Rekommunalisierung im Lager der Linken mit 88 Prozent, am geringsten bei der FDP mit 46 Prozent.“

Das dürfte es für die SPD einigermaßen schwer machen, innerhalb der eigenen Partei gegen den Volksentscheid zu mobilisieren. Vor allem aber: Um eine sachliche Auseinandersetzung über die Zukunft der energiepolitischen Strukturen in Hamburg wird die SPD-Spitze angesichts dieser deutlichen Stimmungslage gegen Vattenfall und E.on bzw. für eine vollständige Rekommunalisierung kaum herum kommen.

Seitens der Vertrauenspersonen der Volksentscheids-Initiative UNSER HAMBURG – UNSER NETZ ist das Umfrage-Ergebnis natürlich begrüßt worden: „Wir freuen uns über die Zustimmung aus allen Teilen der Bevölkerung und aus allen Wählergruppen. Bemerkenswert ist vor allem die hohe Zustimmung aus der SPD-Anhängerschaft. Das Alles ist auch Ergebnis aus zwei Jahren Sachdiskussion, verschiedene Gutachten und Expertenanhörungen haben verdeutlicht, dass die Rekommunalisierung eine große Chance für Hamburg und für eine bessere Energiepolitik ist. Jetzt sind die Gegner aufgefordert, zu einer sachlichen Debatte zurück zu kehren,“ heißt es in einer Pressemitteilung (siehe unten).

siehe auch: Vattenfall – Kein Partner für Hamburg

PM der Volksentscheids-Initiative vom 9.2.2013

„Hamburger mehrheitlich für Rücknahme der Energienetze
UNSER HAMBURG – UNSER NETZ fordert Gegenseite auf, zur sachlichen Diskussion zurück zu kehren

UNSER HAMBURG – UNSER NETZ sieht sich nach der jüngsten Umfrage des Hamburger Abendblattes in seinem Anliegen bestätigt. Fast Zwei Drittel der Hamburger stimmen demnach für eine vollständige Rücknahme der Energienetze in die Öffentliche Hand. Dieses Ergebnis übertrifft alle vorangegangenen Umfragen und bestätigt das erfolgreiche Volksbegehren mit über 116.000 Unterschriften aus dem Sommer 2011.

Die breite Zustimmung macht deutlich, dass die Mehrheit der Hamburger das Senatsmodell, das die beherrschende Stellung von Vattenfall und E.on in der gesamten Energieversorgung zementiert, ablehnt. Offenbar wollen viele Bürger eine stärkere öffentliche Verantwortung in diesem wichtigen Bereich.

Das Umfrageergebnis zeigt auch, dass die Versuche, die Volksinitiative mit unsachlichen Anwürfen zu diskreditieren, ganz offenkundig nicht verfangen. So unterstellte die Handelskammer der Volksinitiative unrühmlichen Populismus und zweifelhafte Argumente. Einzelne Politiker sahen sogar in dem geplanten Volksentscheid eine Bedrohung der direkten Demokratie und die CDU-Fraktion hielt das ganze für unsinnig und reichte Verfassungsklage ein.

„Wir freuen uns über die Zustimmung aus allen Teilen der Bevölkerung und aus allen Wählergruppen. Bemerkenswert ist vor allem die hohe Zustimmung aus der SPD-Anhängerschaft. Das Alles ist auch Ergebnis aus zwei Jahren Sachdiskussion, verschiedene Gutachten und Expertenanhörungen haben verdeutlicht, dass die Rekommunalisierung eine große Chance für Hamburg und für eine bessere Energiepolitik ist. Jetzt sind die Gegner aufgefordert, zu einer sachlichen Debatte zurück zu kehren,“ so die Vertrauenspersonen Manfred Braasch, Theo Christiansen und Günter Hörmann.“

Kolumbien: „Blutige Kohle“ für deutschen Strom – Menschrechtsverletzungen und Umweltzerstörung

Braunkohle-Cottbus-Lacoma
Umweltzerstörung in ganz großem Stil: Wie hier im Vattenfall-Braunkohle-Tagebau bei Cottbus wird in Kolumbien Steinkohle für deutsche Kraftwerke im Tagebau gefördert. Menschenrechte spielen dabei nicht immer eine Rolle. Foto: Dirk Seifert

Nach wie vor spielt die Steinkohle bei der Stromerzeugung eine bedeutsame Rolle. Klimakatastrophe hin und Energiewende her: Konzerne wie Vattenfall, RWE und E.on bauen derzeit sogar noch neue Kraftwerke. Nach dem Ende des deutschen Steinkohlebergbaus wird der Brennstoff auf dem Weltmarkt eingekauft. Russland, Südafrika, Kolumbien und die USA zählen zu den Lieferländern.

Zu heftigen Auseinandersetzungen ist es in den letzten Jahren immer wieder in Südafrika gekommen, wo die Minenarbeiter und ihre Gewerkschaften für bessere Arbeitsbedingungen und Löhne gestreikt haben. Dabei kam es bei Auseinandersetzungen mit der Polizei und auch privaten Sicherheitsleuten zu einer Vielzahl von Toten. Betroffen sind die Platin-, Gold- und Kohleminen in Südafrika. Dazu mehr auf Labournet.

Ein wachsender Anteil der Steinkohle für deutsche Kraftwerke kommt aus Kolumbien. Dort wird die Kohle teilweise im Tagebau gefördert, mit schweren Umweltschäden. Die Rechte von Inidigenen werden von den Konzernen dabei ebenso oft ignoriert, wie die Rechte von Gewerkschaftern. Auch hier ist es zu Todesopfern gekommen.

Eine Kleine Anfrage der Bundestagsfraktion Die Grünen aus dem Februar 2011 gibt einen Überblick über die Kohleimporte nach Deutschland. Der Deutschlandfunk und Die Zeit berichteten im Mai und September 2012 ausführlich über die Umweltzerstörungen und Menschenrechtsverletzungen beim Steinkohleabbau und Export in Kolumbien. „Blutige Kohle“ titelte die Zeit. Hintergrund war eine von FIAN durchgeführte Informationsreise von Menschenrechtsaktivisten und Gewerkschaftern aus Kolumbien durch Deutschland. Dazu hier mehr auf umweltFAIRaendern.de.

Offiziel gibt es Standards, die international eingehalten werden müssen. Einerseits sind dafür Regierungen zuständigen, andererseits die Firmen. Doch in der Praxis spielen diese Standards oft keine Rolle. Im Oktober 2011 berichtete darüber die Frankfurter Rundschau.  In dem Artikel wird auch über eine Initiative der Grünen informiert, die eine Befragung von Betreibern deutscher Steinkohle-Kraftwerke nach Quellen und Überwachung der Förderstandards durchgeführt hatten. „Nur zwei der 17 Unternehmen konnten die kolumbianische Kohle aus technischen Gründen nicht gebrauchen – und nur eins hatte Konsequenzen aus der Lage gezogen. Die VW Kraftwerk GmbH, die die Energie für die VW-Werke produziert, berichtet von wilden Zuständen bei ihren Vor-Ort-Recherchen: „Einmal wurden Eisenbahnbrücken für den Kohletransport gesprengt und vor dem zweiten geplanten Besuch wurde der Bergwerksleiter von Drummond entführt“. VW entschied, „aufgrund der mit Waffen ausgetragenen Konflikte und der politisch nicht durchschaubaren Lage“, keine Kohle aus Kolumbien mehr zu kaufen. Seit 2009 wird darauf verzichtet.

Alle anderen deutschen Energiefirmen sind weniger pingelig. Eon etwa stellte 2010 vor Ort fest, „dass Standards der Arbeits- und Umweltbedingungen überwiegend eingehalten werden“. RWE betont, „das Umwelt- und Sozialverhalten der Geschäftspartner“ in „umfassenden Bewertungen“ zu prüfen. Die Ergebnisse lege man „aus wettbewerbsrechtlichen Gründen nicht offen“. Ähnlich sehen es Mainova und EnBW, wo man gar „überzeugt“ sei, sich „gemessen an den höchsten Standards richtig zu verhalten“.“ (FR)

Die internationale Menschenrechtsorganisation FIAN hat auf seiner speziell für die Kohleimporte aus Kolumbien und dortigen Menschenrechtsverletzungen eine Homepage eingerichtet, auf der diese Presseübersicht zu finden ist:

Schmutzige Kohle aus Kolumbien wird möglicherweise auch in der Fairtrade-Stadt Lünen verfeuert. Das berichtet die Westdeutsche Allgemeine Zeitung (19. Dezember):
http://www.derwesten.de/staedte/luenen/liga-will-wissen-wo-die-kohle-abgebaut-wird-id7408809.html

„DIE ZEIT berichtet über einen Bundestag-Antrag der Grünen für „Mehr Transparenz bei Steinkohleimporten“ (9. Oktober):
http://www.zeit.de/wirtschaft/2012-10/steinkohle-transparenz-gruene-fraktion

„Gegen El Cerrejón ist Garzweiler ein Witz“: DIE ZEIT berichtet über die blutige Kohle aus Kolumbien (27. September):
http://www.zeit.de/wirtschaft/2012-09/kolumbien-steinkohle-el-cerrejon

Beeindruckendes Porträt der kolumbianischen Menschenrechtsaktivistin Angelica Ortiz im Greenpeace-Magazin (18. Juni):
http://www.greenpeace.de/themen/umwelt_wirtschaft/nachrichten/artikel/schwarzer_fluch/

Der Bayerische Rundfunk hinterfragt in einem Bericht vor allem die Rolle E.ONs beim Kohleimport. (24. Mai)
www.br.de/radio/bayern2/sendungen/notizbuch/kohle-aus-kolumbien100.html

Das Energieportal „Klimaretter“ griff die FIAN-ePetition in seiner Berichterstattung auf (14. Mai)
http://www.klimaretter.info/energie/nachricht/11140-fian-fordert-transparenz-bei-kohleimporten

Auch der Latinorama-Blog der taz wies auf die ePetition hin (14. Mai)
blogs.taz.de/latinorama/2012/05/14/kontrollen-fur-kohleimporte-aus-kolumbien/

Von der E.ON-Hauptversammlung berichtete das Amerika-Portal Amerika21 (11. Mai)
http://amerika21.de/nachrichten/2012/05/52085/eon-menschenrechte

Bericht im Deutschlandradio über die Kolumbien-Rundreise (2. Mai)
http://www.dradio.de/dlf/sendungen/umwelt/1745695/

Das Amerika-Portal Amerika21 interviewte den kolumbianischen Menschenrechtler Alirio Uribe zum Thema (28. April)
http://amerika21.de/nachrichten/2012/04/51839/steinkohle-und-menschenrechte

Menschenrechtsverletzungen und Umweltzerstörungen beim Abbau der Kohle sind die eine Seite, Klimakatastrophe und Umweltzerstörungen die andere Seite der Kohleverstromung. Nicht nur die hohen CO2-Emissionen und der Feinstaub gefährden die Umwelt und die Gesundheit von Menschen, auch werden die Flüsse aufgeheizt. Beispiel Vattenfall und das im Bau befindliche Kohlekraftwerk Moorburg: Weil die Elbe bei Hamburg ohnehin schon extrem belastet ist, hat jetzt ein Gericht auf Klage des BUND verfügt, dass Vattenfall nur noch in sehr geringem Maße Wasser zur Kühlung entnehmen darf. Im wesentlichen muss das 1.600 MW Kraftwerk, das 2014 mit zwei Jahren Verspätung ans Netz gegen soll, über einen Kühlturm betrieben werden. Der ist zwar relativ gut für Elbe, aber schlecht für die Wirtschaftlichkeit des Kraftwerks. Daher hat Vattenfall angekündigt, die aus seiner Sicht zu hohen Umweltauflagen gerichtlich anzufechten. Siehe dazu: Vattenfall klagt gegen zuviel Umweltschutz

In Hamburg hat sich daher unter dem Namen “Gegenstrom13″ ein Bündnis zusammengefunden, das den Zusammenhang zwischen Umweltzerstörung und Menschenrechtsverletzungen in Kolumbien und dem Einsatz dieser Kohle in Kraftwerken von Vattenfall zum Streitthema erklärt. Im Mai 2013, wenn die Hansestadt ihren Hafengeburtstag feiert, will das Bündnis mit einer symbolischen Elbblockade auf diese skandalösen Geschäfte von Vattenfall hinweisen.

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