Vattenfalls Atom-Rückstellungen versenkt in Braunkohlegruben

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Vattenfall: Das Geld für die Atommüllentsorgung liegt in den Braunkohlegruben der Lausitz. Foto: Dirk Seifert

Die Atomkonzerne wollen nicht mehr. Um ihre Atomkraftwerke und die enormen Probleme mit dem Atommüll los zu werden, schlagen sie nun vor, eine Stiftung zu gründen, die diese Risiken künftig trägt. Dazu wollen sie die für die Entsorgung der radioaktiven Abfälle über Jahrzehnte gebildeten Rückstellungen in diesen Stiftungsfonds übertragen. Danach, so die bisherige Lesart, sind sie aus der Verantwortung für dieses atomare Erbe raus. Das jedenfalls planen E.on, RWE und die EnBW. Vattenfall steht offenbar abseits. Die Entsorgungs-Rückstellungen der Konzerne in einen öffentlich-rechtlichen Fonds zu übertragen, ist eine Forderung der Anti-Atom-Bewegung seit vielen Jahren. Damit verbunden ist aber keineswegs die Idee, die Atomkonzerne aus ihrer – finanziellen – Verantwortung zu entlassen.

Einer der Gründe für derartige Überlegungen ist die wachsende Sorge, die wirtschaftlich angeschlagenen Atomkonzerne könnten zusammen brechen – mitsamt der Rückstellungen. Für deren Verwendung hat es nie sonderliche Auflagen oder Anforderungen gegeben. Da sie steuerfrei waren, hatten die Atomkonzerne allesamt jeweils möglichst hohe Rückstellungen gebildet. Derzeit ist von einer Summe von insgesamt rund 36 Mrd. Euro die Rede. Mit diesen Rückstellungen haben die Konzerne ihre massiven Expansionspläne finanziert – mit hohen Verlusten. RWE und E.on haben durch Fehlspekulationen, durch Finanz- und Wirtschaftskrise und niedrige Strompreise, Verluste von jeweils über 30 Mrd. Euro aufgebaut. Vattenfall soll rund 20 Mrd. Euro Verluste gemacht haben. Die Entsorgungs-Rückstellungen stehen also nicht auf irgendwelchen Sparbüchern bereit, sondern sind in Unternehmen oder Kapitalgeschäften gebunden.

In der Frankfurter Rundschau wies Felix Matthes vom Öko-Institut auf die Probleme von Vattenfall in dieser Frage hin. „Vattenfall hat das größte Problem. Das Unternehmen hat mit den Rückstellungen für die Kernkraftwerke Brunsbüttel und Krümmel massiv in die ostdeutsche Braunkohle investiert. Im Zuge der Energiewende muss es aber auch einen Ausstieg aus der Braunkohleverstromung geben. Wenn es der Braunkohle aber an den Kragen geht, sind die Rückstellungen weg. Dieses Beispiel zeigt, wie wichtig die Sicherung der Mittel für den Atomausstieg ist.“ Hinzu kommt, dass Vattenfall nach einer Konzern-Umstruktierung nur noch teilweise für die deutschen Atommeiler haftet. Siehe dazu auch das Handelsblatt.

Vattenfall steht also mit dem Rücken zur Wand – und das könnte schwere Folgen für die SteuerzahlerInnen haben. Immer wieder wurde in den letzten Monaten berichtet, dass Vattenfall einen „strategischen Partner“ für die Braunkohle in der Lausitz sucht. Das rot-rot regierte Land Brandenburg hat bereits einen Arbeitsstab eingerichtet, der sich mit einem Ausstieg Vattenfalls aus dem Braunkohlegeschäft befasst. Auch die staatliche Übernahme soll dabei ein Thema sein.

Der BUND in Brandenburg ist alarmiert. In einer Pressemeldung unter der Überschrift „Atom-Rückstellungen Vattenfall: Drohende Risiken für Brandenburg klären. BUND fordert Verzicht auf den neuen Tagebau Welzow-Süd II“, stellt der Geschäftsführer Axel Kruschat fest: „Müssten die Unternehmen die Rückstellungen in einen Fonds einzahlen, könnte dies zur Folge haben, dass die Liquidität unter anderem des Vattenfallkonzerns nicht mehr gewährleistet ist“. Und: „Insbesondere die Finanzierung der Nachsorge und der Folgekosten der Ausbeutung der Braunkohlevorkommen wäre dann nicht mehr gesichert. „Auf das Land könnten erhebliche Kosten in Milliardenhöhe zukommen“, so Kruschat. Der BUND Brandenburg fordert die Landesregierung dazu auf, die Frage der Liquidität des Vattenfall-Konzerns vor dem Hintergrund der Sicherung der Atom-Rückstellungen gründlich zu prüfen und die Öffentlichkeit darüber zu informieren. Es wäre fahrlässig, vor dieser Klärung eine Entscheidung zugunsten des neuen Tagebaus Welzow-Süd II zu treffen.“

Nicht nur bei Vattenfall wird es eng. Immer mehr zeigt sich, dass die desaströse Konzernpolitik und das Wegschauen einiger Bundesregierungen dazu führen könnte, dass die BürgerInnen abermals die Kosten übernehmen müssen.

Hubert Weiger, Vorsitzender des BUND, hat dazu einen Vorschlag gemacht: „Den Vorschlag der AKW-Betreiber, über die Einrichtung einer „Bad Bank“ das gesamte Kostenrisiko für Rückbau und Endlagerung komplett auf den Staat und die Allgemeinheit abzuwälzen, lehne sein Verband ab. Unter ganz anderen Voraussetzungen könne er sich eine Übertragung von mehr Verantwortung für die Atom-Altlasten auf den Staat vorstellen, sagte Weiger. „Wenn die Energiekonzerne bis spätestens 2017 alle Atomkraftwerke stilllegen, könnte der Staat die Federführung beim Rückbau und bei der Endlagerung des Atommülls übernehmen“, so der BUND-Vorsitzende.

Erforderlich sei, dass die AKW-Betreiber – sei es in Form einer Stiftung oder eines Fonds – ihre kompletten Entsorgungsrückstellungen plus einem Risikozuschlag von etwa 15 Milliarden Euro dem Staat übertrügen und in unbegrenzter Höhe für die Kosten des Rückbaus aller AKW, der Suche nach einem Atommülllager und der Atommülllagerung hafteten. Außerdem müssten sie sämtliche Klagen gegen die Bundesregierung und die Bundesländer gegen aus ihrer Sicht eingetretene Verluste wegen des Atomausstiegs zurückziehen.“

Greenpeace hat bereits 2012 eine Studie mit Vorschlägen zu den Entsorgungs-Rückstellungen vorgelegt, die hier als PDF online ist. Eine neuere Studie ist auch hier online.

Internationaler Schulterschluss gegen Vattenfall und Klimakatastrophe: Menschenkette in Proschim

proschim_0Internationaler Schulterschluss gegen die Klimakatastrophe: Mit einer Menschenkette demonstrierten am vergangenen Freitag rund 400 Menschen aus dem Bundesgebiet, Polen und Tschechien gemeinsam mit Betroffenen in Proschim (Lausitz) gegen die weitere Umweltzerstörung und das Abbaggern ganzer Dörfer durch Vattenfall. Proschim und viele andere Dörfer sollen dem Braunkohletagebau von Vattenfall weichen. Allein für das Erweiterungsgebiet Welzow-Süd II müssten 800 Menschen aus ihren Dörfern umgesiedelt werden. „Die meisten gegen ihren Willen“, heißt es auf der Homepage „Kein weiteres Dorf„. Vattenfall betreibt in der Lausitz den Großteil seiner Stromproduktion. Insgesamt über 80 Prozent erzeugt der Konzern mit der besonders klima- und umweltschädlichen Braunkohle. Unterstützung finden die Pläne für den weiteren Ausbau der Tagebaue bei der rot-roten Landesregierung in Brandenburg. Anfang Juni entscheidet das Brandenburger Kabinett voraussichtlich über den geplanten Tagebau Welzow-Süd II bei Cottbus.

Mit der Energiewende und den Erneuerbaren Energien steht Vattenfall immer noch auf dem Kriegsfuß. Neben dem geplanten Ausbau der Braunkohle in der Lausitz wird Vattenfall nach einer Serie von Pannen und Verzögerungen gegen Ende des Jahres auch in Hamburg-Moorburg ein weiteres 1.600 MW Kohlekraftwerk in Betrieb nehmen und damit die Klimakatastrophe weiter anheizen.

Der wirtschaftlich angeschlagene Vattenfall-Konzern will ab dem Jahr 2027 im Gebiet Welzow Süd II weitere etwa 200 Millionen Tonnen Braunkohle abbaggern. Ausführlich berichtet die Niederlausitz-Aktuell über die Menschenkette. In der Kritik steht vor allem die Linke. Während die Partei in ihrem bundesweiten Wahlprogramm den Kohleausstieg fordert, unterstützt sie in Brandenburg, dem einzigen Bundesland mit Linker Regierungsbeteiligung, weitere Tagebaue.

Immer wieder hat es in den letzten Monaten Hinweise gegeben, dass sich Vattenfall aus dem gesamten Deutschland-Geschäft inklusive der Lausitz zurück ziehen könnte. Das Unternehmen hat nach Milliardenverlusten den Konzern in zwei Teile gespalten, einen für das skandinavische Geschäft und einen für Kontinentaleuropa inkl. England. Für viele Experten ein Beleg, dass der Rückzug vorbereitet wird.

Als ein Schritt dazu könnte auch der Verkauf von Teilen des Braunkohlegeschäfts in der Lausitz erfolgen. So soll sich Medienberichten zufolge eine Arbeitsgruppe bei der Landesregierung mit Beteiligungs-Fragen befassen. Vattenfall hat in Schweden davon gesprochen, dass ein „strategischer Partner“ gefunden werden soll.

Klimaschützer verweisen auch zunehmend darauf, dass nicht nur die Atomenergie mit enormen Risiken und Folge-Kosten zu tun hat. Auf „Kein weiteres Dorf“ heißt es dazu: „Die aktuelle Diskussion über die Pläne der großen Energieversorger, ihre Atomgeschäfte samt aller Milliardenrisiken dem Bund zu übertragen, unterstreicht das Problem der Folgekosten gefährlicher und schmutziger Energieprojekte. Auch der Abbau von Braunkohle zieht Folgekosten in Milliardenhöhe nach sich. Für einen großen Teil dieser Kosten, etwa das dauerhafte Absenken des Grundwassers oder mögliche Erdrutsche, kommen die Betreiber in der Regel nicht auf. Dies hat kürzlich das Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft (FÖS) in einer von Greenpeace in Auftrag gegebenen Studie untersucht.“

Was strahlt denn da? Atomtransporte und wachsende Proteste in Hamburg

UF6ausGronauURENCO(Hinweis: Dieser folgende Artikel stammt vom Mai 2014 und ist von mir im Blog von Robin Wood verfasst worden und wird hier zur Dokumentation nachträglich veröffentlicht) Heftiges atomares Treiben im Hamburger Hafen. Fast jeden zweiten Tag werden radioaktive Stoffe, meist Uran in unterschiedlichen Varianten, durch die Elbmetropole geschleust. Über 180 solcher Atomtransporte kreuzten 2013 die Hansestadt, allein 116 mal war angreichertes Uran für den Einsatz in Atomkraftwerken geladen.

Während die rot-grün regierte Hansestadt Bremen seine Häfen für die Transporte mit angereichertem Uran vor einigen Jahre gesperrt hat, freuen sich die Atom-Spediteure im Hamburger Hafen über den ungestörten Betrieb an der Elbe: Mit den Stimmen der SPD hat die Bürgerschaft jüngst ein Verbot von Atomtransporten im Hafen abgelehnt. Doch der Widerstand gegen diese riskanten Atomtransporte wächst. Immer öfter gelingt es AtomkraftgegnerInnen, die unter Geheimhaltung stattfindenden radioaktiven Frachten (NDR, Panorama3) ausfindig zu machen – und sie organisieren Protest.

Wachsende Proteste gegen die vielen Atomtransporte

Erst am letzten Samstag war der Atomfrachter „Atlantic-Cartier“ mit radioaktiven Frachten „zu Gast“ in Hamburg und Objekt einer Protest-Aktion von Anti-Atom-Aktivisten mit Unterstützung von ROBIN WOOD. Vor einem Jahr war der Frachter mit Munition, Ethanol und radioaktiven Stoffen an Bord in Brand geraten und hatte einen 16-stündigen Großeinsatz der Feuerwehr ausgelöst. Die zuständige Umweltbehörde schwieg zu diesem Vorfall. Über die Aktion am letzten Samstag berichteten die Mopo, das Hamburger Abendblatt, die taz-Hamburg und andere Medien.

Am frühen morgen des gleichen Tags wird auch ein Straßentransport mit Uran im Hafen gesichtet (Foto siehe oben). Das vor allem chemisch extrem gefährliche Zwischenprodukt Uranhexafluorid (UF6) ist auf einem LKW der Bremer Spedition Kieserling unterwegs. Gegen diese Spedition protestierte ROBIN WOOD Bremen bereits vor einiger Zeit.)

Und schon am letzten Dienstag heißt es erneut: Radioaktive Stoffe werden am zum Burchard-Kai gehörenden Alabasterkai umgeschlagen. Diesmal heißt der Frachter „Sheksna“. Deutlich – so die AtomkraftgegnerInnen, die sich das durchs Fernglas ansehen, sind die Radioaktivitäts-Zeichen auf den insgesamt sechs Containern zu sehen.

Ein Fernsehteam vom NDR ist vor Ort und dreht den Umschlag der radioaktiven Stoffe. Es heißt, eigentlich hätten sie auf einen anderen Atomfrachter gewartet. Doch die Atlantic Compainon, die z.B. zwischen Kanada und Hamburg mir radiokativem Uran regelmäßig unterwegs ist, verspätet sich offenbar. Kein Problem: Das NDR-Team nimmt mit der „Sheksna“ vorliebt. Strahlt ja auch!

Wiederum etwas später, immer noch im Hamburger Hafen, diesmal am Waltershofer Damm. Erneut werden LKWs mit dem Radioaktivitäts-Zeichen gesichtet. Drei weiße Zugmaschinen fahren mit blauem Containern aus dem Hafen, offenbar Richtigung Bremen.

Rund ein Jahr nach dem Großbrand auf der Atlantic Cartier am Oswaldkai hat sich in Hamburg in Sachen Sicherheit nichts getan. Als vor einigen Wochen das Schwesterschiff der Atlantic Cartier, die Atlantic Compainon den Hamburger Hafen mit radioaktiver Fracht an Bord ansteuerte, berichteten Medien, dass alle drei Löschboote der Feuerwehr defekt und nicht Einsatzbereit wären. Darüber informierte auch ROBIN WOOD unter der Überschrift: „Kein Wasser, wenn es brennt

Sicherheitsmängel bleiben bestehen

AtomtransporteAtlanticCartier-HH-Hafen03052014-FotoDirkSeifert-20“Und täglich grüßt das Restrisiko” überschriebt jüngst die Hamburg-Ausgabe der Zeit einen Artikel über die riskanten Atomtransporte durch die Hansestadt. “Der Brand auf dem Atomfrachter “Atlantic Cartier” am 1. Mai letzten Jahres zählt zu den größten Havarien im Hamburger Hafen. Konsequenzen daraus zog der Senat keine.”

ROBIN WOOD und Anti-Atom-Initiativen aber fordern Konsequenzen. Deshalb protestierten sie nicht nur am 3. Mai gegen den Atomfrachter Atlantic-Cartier. Bereits drei Tage zuvor stiegen sie der Reederei ACL aufs Dach, der die „Atlantic“ Schiffe gehören. Auf den Transparenten war die Forderung klar zu lesen: „Atomtransporte stoppen!“ Tags darauf erklärten sie einen Teil der Hafen-City zum Sperrgebiet: Mit Chemikalienschutzanzügen verkleidet zogen sie durch den Grasbrookpark in der Hafen-City, verteilten Atommüll-Attrappen, sperrten Teile des Spielplatzes als Super-GAU Sperrgebiet ab und verteilten Flugblätter.

Weitere Proteste und Campen gegen Atomkraft

AtomtransporteAtlanticCartier-HH-Hafen03052014-FotoDirkSeifert-133Keine Frage: Die Proteste gegen die gefährlichen Atomtransporte werden weiter  gehen. Nicht nur in Hamburg. Bereits in Planung ist ein Anti-Atom-Camp am Nord-Ostsee-Kanal in der Nähe von Kiel. Im August wollen dort AtomkraftgegnerInnen und ROBIN WOOD über die Strahlen-Risiken und Atomfrachten auf einer der meistbefahrenen künstlichen Wasserstraße der Welt informieren. Was die Anti-Atom-Aktiven umtreibt, kann man auch hier bei den „Freien Radios“ nachhören. Dort erklärt Hanna Poddig, was los war und worum es geht.

Nicht nur das „reisende atomare Risiko“ haben sie dabei im Blick: Die Atomtransporte sorgen dafür, dass Atomkraftwerke in aller Welt weiterhin Katastrophen wie Tschernobyl und Fukushima zur Folge haben können und im großen Stil Atommüll produziert wird, für dessen sichere Lagerung es auf diesem Planeten bislang keine Lösung gibt.


Atomtransporte Hamburger Hafen – SPD-Senat bleibt tatenlos

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Protest gegen Atomtransporte im Hamburger Hafen. Am 3. Mai gegen die Atlantic Cartier. Foto Dirk Seifert

Über Atomtransporte durch Hamburg und den Hafen liegen neue Informationen vor. Der Linken-Abgeordnete Norbert Hackbusch hatte über die Atomtransporte mit den Schiffen „Atlantic Companion“ und der „Sheska“ Informationen über deren radioaktive Frachten per kleiner Anfrage vom Senat verlangt (Drucksache 20/11729, PDF). Außerdem hatte die Abgeordnete Dora Heyenn in einer Kleinen Anfrage die Daten der Atomtransporte durch Hamburg in den zurückliegenden drei Monaten abgefragt (Drucksache 20/11730, PDF).

Eine Bewertung der Daten wird hier noch folgen. Interessant aber ist, dass der Hamburger SPD-Senat offenbar die Rechtmäßigkeit des Verbots von Kernbrennstoffen im rot-grün regierten Bremen anzweifelt. Auf die Frage von Hackbusch, ob „der Senat gewillt (ist), künftig Atomumschlag im Hamburger Hafen zu unterbinden?“ stellt der Hamburger Senat fest: „Der Transport von Kernbrennstoffen ist bundesrechtlich abschließend im Atomgesetz geregelt und einer landesrechtlichen Regelung nicht zugänglich.“

Bleibt die Frage, was dann die Bremer eigentlich machen. Die haben vor rund zwei Jahren den Umschlag von Kernbrennstoffen auf ihren Hafenanlagen einfach verboten und daran nahm auch der Staatsgerichtshof in Bremen keinen Anstoß. Eigenartig, dass das in Hamburg anders sein soll:

Außerdem teilt der Senat der Abgeordneten Heyenn mit, dass derzeit insgesamt sechs Hafenbetriebe eine Umschlagsgenehmigung nach § 7 der Strahlenschutzverordnung haben.

Mehr zu diesen Anfragen demnächst. Weiteres zum Thema:

Plutoniumfabrik Dounreay: Strahlende Strände und deutscher Atommüll.

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Verstrahlter Strand: Radioaktive Hotspots und deutscher Atommüll im schottischen Dounreay. © Plattbridger

Dounreay im äußersten Norden von Schottland. Einer der dreckigsten Atomstandorte der Welt. Die Strände sind verstrahlt, seit Mitte der 90er Jahre werden radioaktive Hotspots gefunden. Kleine Teilchen, die hochgradig strahlen. Teilchen, die möglicherweise auch aus der Aufarbeitung von hochradioaktiven Brennelementen aus deutschen Atomforschungsreaktoren stammen. Zwischen 1992 und 1996 wurde in der Plutoniumfabrik in Dounreay der Strahlenmüll aus diesen Reaktoren wiederaufgearbeitet. Der gesamte Atommüll aus dieser Aufarbeitung lagert noch dort,  muss aber von Deutschland zurück genommen werden. Dass soll bald passieren, aber ganz anders als gedacht. Der Müll wird „geswapt“, verwandelt sich von viel leichtaktiv zu weniger hochradioaktiv und wird nicht aus Dounreay sondern aus Sellafield kommen. Eine komplizierte Geschichte aus der unendlichen Serie ungelöster Atommüllprobleme.

Immer wieder tauchen diese radioaktiven Hotspots an der Küste von Dounreay auf, auch unter Wasser in der Nähe der Küste. Von den Unmengen radioaktiver Ableitungen in die Nordsee ist hier gar nicht die Rede. Warnschilder entlang des Küstenvorlandes weisen auf radioaktive metallische Partikel hin, erklären, dass man diese nicht mit den Augen erkennen könne und dass man besser weder Sand noch Steine einsammeln sollte. Atomare Hinterlassenschaften der besonderen Art – verstrahlt mit deutscher Unterstützung.

Vor allem der hochgiftige Bombenstoff Plutonium war jahrzehntelang das Hauptgeschäft der Atomanlagen in Dounreay. Jahrelang wurden hier schnelle Brüter getestet und eine Wiederaufarbeitungsanlage betrieben. Dounreay gehört zum militär-zivilen Kernbereich des britischen Atomprogramms zwischen Atomwaffen, Stromerzeugung und atomar angetriebenen U-Booten. Jahrzehntelang wurde der Umgang mit den radioaktiven Abfällen nicht sonderlich ernst genommen (Spiegel 1997). Anfang der 2000er sind die Anlagen schließlich aus „wirtschaftlichen“ Gründen stillgelegt worden (Die Zeit). Nicht nur in Dounreay, auch in Windscale/Sellafield zeigt sich, wie leichtfertig die britische Regierung mit dem Atommüll hantierte.

Return to sender: Deutscher Atommüll aus Schottland

In dieser Plutoniumfabrik ließen die deutschen Forschungsreaktoren jahrelang ihre hochradioaktiven Brennelemente aufarbeiten (siehe dazu unten). Dazu mussten sie sich verpflichten, auch die radioaktiven Abfälle die dabei entstehen, zurück zu nehmen. In einem Bericht (PDF) aus dem Jahr 2012 teilt das Bundesamt für Strahlenschutz mit: „Bestrahlte Brennelemente aus deutschen Forschungsreaktoren (PTB Braunschweig, TU München, GKSS Geesthacht, HMI Berlin, FZJ und FZK) mit einer Gesamtmenge von ca. 1810 Mg wurden zur Wiederaufarbeitung in die britische Anlage in Dounreay, Schottland, verbracht und zwischen 1992 und 1996 aufgearbeitet. Die nach Auflösung in Salpetersäure entstandenen flüssigen Abfälle werden in Dounreay durch UKAEA mittels Zementierung konditioniert. Diese zementierten Abfälle müssen nach Deutschland zurücktransportiert werden.“

Klingt einfach, ist es aber nicht. Wie das ganze mit den Rücktransporten laufen sollte, hatten Marion Tholen und Wilhelm Bollingerfehr von der DBE in einer „Vorstudie über die Rückführung der Wiederaufarbeitungsabfälle von Brennelementen deutscher Forschungsreaktoren aus der WA in Dounreay, Schottland (RETURN)“ (PDF) aufgeschrieben. Die Studie stammt vermutlich aus dem Jahr 2007, eine Datumsangabe fehlt allerdings. Dort berichteten die AutorInnen, dass der flüssige Atommüll in unterirdischen Tanks lagere, aber im Jahr 2008 fertig verpackt sein würde. Zwischen 2018 und 2022 müssten dann die Rücktransporte stattfinden.

Diese strahlenden Abfälle aus Dounreay sollten im Schacht Konrad eingelagert werden. Doch das geplante Atommülllager steht wegen immer neuer Probleme beim Ausbau nicht zur Verfügung. Vor 2024 rechnet auch niemand mehr mit einer Inbetriebnahme. Abgesehen von diesem „kleinen Problem“ war sich das BfS aber offenbar nicht ganz sicher, ob die geplanten Verpackungsmaßnahmen und die zur Abschirmung eingesetzten Behälter auch wirklich ausreichend für eine Lagerung im Schacht Konrad wäre. In der RETURN-Studie hieß es daher: „Das BfS weist im Zusammenhang mit der Freigabe des Ablaufplans u. a. darauf hin, dass die Beurteilung des Verfahrens auf Basis der vorläufigen Endlagerungsbedingungen Konrad erfolgte und dass vor dem Hintergrund einer zukünftigen Einlagerung in ein Bundesendlager weitere Anforderungen an endzulagernde radioaktive Abfälle nicht auszuschließen sind, beispielsweise zusätzliche Deklarationspflichten für langzeitrelevante Radionuklide oder andere wasserrechtlich relevante Stoffe.“

Die Studie zeigt eigentlich, dass es noch jede Menge Probleme mit dem Atommüll aus den deutschen Forschungsreaktoren in Dounreay gibt, bzw. gegeben hat. Die Wissenschaftler waren optimistisch: „In der Vorstudie wurde gezeigt, dass die Rückführung der Abfallgebinde mit zementierten WA-Abfällen aus dem schottischen Dounreay aus technischer und genehmigungstechnischer Sicht prinzipiell machbar ist.“ Gott sei Dank! Dann aber heißt es weiter: „Mit Blick auf die von UKAEA (Berteiber, Anm. UFAE) angekündigte Bereitstellung der Abfallgebinde zum Rücktransport ab dem Jahr 2008 und der erforderlichen Dauer für Entwicklung und Fertigung von Behältern sowie Einholung zugehöriger Genehmigungen wird empfohlen, zügig die notwendigen Entscheidungen hinsichtlich des Standortes für die Zwischenlagerung der Abfallgebinde bis zur Ablieferung an das Endlager Konrad zu treffen. Es sind die Voraussetzungen zur Einholung der erforderlichen Genehmigungen für Beförderung und Lagerung abzuklären. Im nächsten Schritt sollten die technischen Planungen (Konzept- und Entwurfsplanung) für Transport- und Endlagerbehälter begonnen werden. Weiterhin sind konkrete technische und logistische Beförderungsmöglichkeiten zu erarbeiten und die wirtschaftlichste Transportroute zu ermitteln.“

Theoretisch alles lösbar, nur praktisch hat man einfach über ein Jahrzehnt eigentlich nichts vorwärts gebracht. So könnte man das obige auch zusammen fassen.

Alte Pläne – neue Pläne – Atommüll verwandelt sich

Wie gesagt, das – wenn man das so nennen kann – war der Plan! Inzwischen soll es aber alles anders kommen. Seit 2012 wurde der „Plan“ entwickelt, den Atommüll aus Dounreay gegen Atommüll aus Sellafield zu tauschen. Statt einer großen Anzahl von Atommüllbehältern mit mittelradioaktiven Abfällen soll nun lediglich eine hochradioaktive Glaskokille aus Sellafield nach Deutschland gebracht werden. In der Summe hat dieser „Swap“ das gleiche Aktivitäts-Inventar, vermeidet aber zahlreiche Atomtransporte.

Offiziell heißt es, dass die Briten mit diesem Angebot auf die Bundesregierung zu gekommen seien. Dass dieser Vorschlag eine Menge technische und logistische Probleme und vor allem auch weitere Kosten vermeiden dürfte, dürfte der Bundesregierung dabei wunderbar in den Kram passen.

Im Mai 2012 reagiert das Forschungszentrum Jülich auf eine Meldung der Aachener Zeitung mit dem folgenden Statement: „Die zementierten Fässer der deutschen Forschungsreaktoren sollen gegen eine volumenmäßig erheblich kleinere Glaskokille mit entsprechender Aktivität aus der Wiederaufarbeitungsanlage Sellafield (England/UK) getauscht und mit anderen Abfällen eines deutschen Energieversorgers in ein entsprechend genehmigtes Zwischenlager transportiert werden. Es ist nicht vorgesehen, diese Glaskokille in das Forschungszentrum Jülich zu verbringen, da hier keine entsprechenden Lagermöglichkeiten existieren.

Die Verhandlungen über einen „Waste-Tausch“ werden in den kommenden Monaten beginnen, nachdem ein öffentliches Beteiligungsverfahren zum Thema „Waste-Tausch“ in Schottland im Frühjahr positiv ausgefallen ist.“

Atommüll und die Forschungsanlage Jülich:

Online verfügbare Informationen über die Verhandlungen und das Ergebnis gibt es offenbar nicht (??). Aber ein Ergebnis scheint vorzuliegen: Aus den insgesamt rund 86 m3 leicht-radioaktiver Abfälle aus Dounreay ist nun eine Kokille hochradioaktiven Mülls aus Sellafield geworden.

Diese Kokille ist Bestandteil der geplanten Rücktransporte aus Sellafield, die ehemals in das oberirdische Zwischenlager nach Gorleben sollten. Insgesamt 21 Castorbehälter, darunter eben die eine „Austausch-Kokille“ aus dem Deal zwischen den Forschungsreaktoren und der Plutoniumfabrik Dounreay.

Diese „Dounreay-Austausch-Kokille“ soll nun mit den insgesamt 21 ausstehenden Castor-Transporten aus Sellafield nach Deutschland zurückkommen. Wohin genau ist offen. Ein Endlager gibt es nicht und das ehemals vorgesehene oberirdische Zwischenlager in Gorleben soll nicht mehr genutzt werden, um mit der vermeintlich „ergebnisoffenen“ Endlagersuche voran zu kommen.

Entsorgungs-Notstand führte nach Schottland

Dieser ganze Atommüll-Wahnsinn samt verstrahlter Strände ist aus deutscher Sicht zustande gekommen, weil die deutschen Forschungsreaktoren Anfang der 90er Jahre vor dem Aus standen. In den USA, die bislang die bestrahlten Brennelemente aus den deutschen Forschungsanlagen zurück genommen hatten, waren neue Umweltgesetze in Kraft getreten, die zu erheblichen Nachrüstungen führten. Die USA waren einstweilen nicht in der Lage, den Atommüll aus diesen Anlagen anzunehmen. Damit drohte die Abschaltung der Forschungsreaktoren, denn ohne Entsorgungsnachweis kein Betrieb einer Atomanlage, so heißt es klar im Atomgesetz. Vor diesem Hintergrund wurden schließlich die Wiederaufarbeitungs-Verträge mit der Anlage in Dounreay geschlossen.

Die Notlage bestätigt das heutige Forschungszentrum Jülich auch in der erwähnten PM aus dem Jahr 2012: „Wegen fehlender Entsorgungsmöglichkeiten musste das Forschungszentrum Jülich zur Erfüllung der atomgesetzlichen Vorgaben 1992/93 176 abgebrannte Brennstäbe aus den beiden Forschungsreaktoren (DIDO und Merlin) zur Wiederaufarbeitung nach Dounreay (Schottland/UK) bringen. Neben dem Forschungszentrum Jülich haben auch die meisten anderen Betreiber deutscher Forschungsreaktoren ihre abgebrannten Brennstäbe nach Dounreay abgegeben.“

Über den Atommüll-Anteil aus Dounreay für die Jülicher heißt es dort: „Entsprechend der Verträge zwischen der Wiederaufarbeitungsanlage und den Betreibern müssen die in 560l-Fässer einzementierten Wiederaufbereitungsabfälle der deutschen Forschungsreaktoren von Deutschland zurückgenommen werden. Der Anteil der Jülicher Forschungsreaktoren beläuft sich voraussichtlich auf 55 Fässer. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung koordiniert die Aktivitäten zur Rückholung der entsprechenden Abfälle.“

Konflikte um Entsorgungswege

Als die US-Amerikaner schließlich 1996 erklären, künftig den verbrauchten Brennstoff wieder anzunehmen, kommt es offenbar zu Auseinandersetzungen unter den Forschungseinrichtungen. Mit dem neuen Forschungsreaktor in Garching kommt es nach einem Spiegel-Bericht (Mitte 1996) zu Versorgungsproblemen mit hochangereichertem Uran, das in Garching eingesetzt werden soll. Aus Dounreay könnte durch die Wiederaufarbeitung solches Uran aber beschafft werden.

Während andere Forschungsreaktoren entweder bereits auf hochangereichertes Uran verzichten bzw. die Umstellung gerade planen, soll Garching trotz massiver Proteste mit waffenfähigem Uran betrieben werden.

Im Spiegel heißt es: „In einer Entscheidungsvorlage für Forschungsstaatssekretär Gebhard Ziller von Anfang April votiert das zuständige Referat 415 („Reaktorsicherheit und Entsorgung“) folgerichtig dafür, die angehäuften Brennelemente aus deutschen Wissenschaftsreaktoren in der schottischen Wiederaufarbeitungsanlage Dounreay zu recyceln. Ausdrückliche Begründung: Flaute auf dem Brennstoffmarkt.“
Um die Versorgung mit Brennstoff sicher zu stellen, plädiert die Bundesregierung offenbar für die Fortsetzung der Verträge mit Dounreay und zeigt sich wenig interessiert für das Angebot der USA.

Der Spiegel: „Damit ist offener Zwist innerhalb der Forschergemeinde ausgebrochen. Die Reaktorplaner von Garching geraten in Gegensatz zu ihren Kollegen von den bereits bestehenden Forschungsreaktoren. „Wir sehen die US-Option als erste Priorität“, versichert etwa Gerd Thamm vom Forschungszentrum Jülich.

Gründe dafür gibt es genug: Die Reaktoren in Berlin, Jülich und Geesthacht sind schon oder werden demnächst auf nicht waffentaugliches Uran umgestellt. Aus Dounreay käme HEU-Uran zurück, für das dort keine Verwendung mehr besteht.

Außerdem fürchten sie die Lieferungen des Strahlenmülls, der beim Recycling anfällt und dann in Zementfässern oder Glaskokillen eingeschweißt wird. Für die Entsorgung müßten die deutschen Forschungszentren geradestehen. Der Akzeptanz an den Standorten, fürchtet Thomas Robertson vom Hahn-Meitner-Institut in Berlin, täte eine derart „unklare Entsorgungsoption“ nicht gut.“

Doch auch die hohen Kosten für die Wiederaufarbeitung in Dounreay werden laut Spiegel kritisiert: „Zudem ist die Wiederaufarbeitung teuer: „20 Kilogramm hochangereichertes Uran aus Dounreay“, schimpft Wilfried Krull, Leiter des Forschungsreaktors im GKSS-Forschungszentrum in Geesthacht, „verursachen gegenüber der US-Option Zusatzkosten in einer Größenordnung von zehn Millionen Mark.“ 20 Kilo reichen gerade mal für einen etwa halbjährigen Betrieb des FRM II.“

Trotz der Widerstände der Forschungszentren gegen eine Fortsetzung der Verträge mit Dounreay setzt sich das Forschungsministerium zunächst darüber hinweg. Erst später muss das Ministerium sich dem auch internationalen Druck beugen. Die Verträge mit Dounreay wurden schließlich beendet, die hochradioaktiven Brennelemente aus den Forschungsreaktoren wieder in die USA geliefert.

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