Mehr Demokratie – Probleme mit Bürgerbeteiligung, Dialog und politischer Mediation

mehr-demokratieBürgerbeteiligung ist in aller Munde. Aber was eigentlich ist das genau und was soll sie bewirken? Klar ist: Meist fehlt sie! Klar ist auch, wo sie mal vorkommt, bleibt meist ein mindestens fader Geschmack oder ein „Gefühl“ von „anders über den Tisch gezogen worden zu sein“. Ein Wort – viele Bedeutungen. Klar ist aber auch: Es braucht dringend eine Diskussion innerhalb der Umwelt- und Bürgerbewegung, wie eine Demokratisierung und größere Teilhabe der Bevölkerung jenseits parlamentarischer Institutionen und Verwaltungshandeln aussehen kann. Ein wichtiger Aspekt dabei muss immer auch die Herrschaftskritik sein: Die Zeitung „Graswurzelrevolution“ debattiert das Thema seit mehreren Ausgaben.

Nicht erst seit den bundesweit beachteteten Außeinandersetzungen über das Stuttgarter Bahnhofsprojekt S21 ist die „Öffentlichkeitsbeteiligung“ in aller Munde. Als Anti-Atom-Bewegung ist sie uns wohl vertraut, vor allem weil sie fehlt. Aktuell braucht man dazu nur auf die laufende Debatte um das Endlagersuchgesetz zu schauen, wo zwar alle Parteispitzen und Landes- und Bundesregierungen von Bürgerbeteiligung reden – und das Gesetz hinter verschlossenen Türen verhandeln. Auch mit Blick auf die jetzt neu anlaufenden Stilllegungen bei den Atommeilern steht sie auf der Tagesordnung: Wie können Anti-Atom- und Bürgerinitiativen frühzeitig in einem Prozess eingebaut werden? Wie können sie – ausgestattet mit mehr Informationen – für ein mehr an Umwelt- und Gesundheitsschutz sorgen?

Im Rahmen vermeintlich demokratischer Beteiligungsverfahren haben diese Handlungsebenen ein großes Problem: Es geht bei der Beteiligung kaum um qualitative Ziele (mehr Umweltschutz), sondern eher um quantitative Formen. Bestenfalls werden Transparenz und Beteiligung, fast nie Mitbestimmung genannt. Erst vor kurzem hat beispielsweise Baden-Württemberg sogenannte „Informationskommissionen“ (IK) bei den AKWs Neckarwestheim und Philippsburg eingerichtet. Da heißt es z.B. auf der Homepage zum IK Neckarwestheim: „Mehr Transparenz und Informationen für die Bevölkerung rund um das Thema Sicherheit von Kernkraftwerken sind Ziele der neuen Informationskommissionen an den Kernkraftstandorten in Baden-Württemberg. Die Kommissionen setzen sich zusammen aus Landtagsabgeordneten und Vertretern der Kommunen, Umweltverbände, Bürgerinitiativen vor Ort, Gewerkschaften und Wirtschaftsverbände.“ Von derzeit insgesamt 14 Mitgliedern sind gerade mal zwei BI-VertreterInnen und eine von der Gewerkschaft Verdi. Die anderen sind ParteivertreterInnen von Kommune über Kreis bis zum Landtag. Mit Bürgerbeteiligung hat das also im Grunde nichts zu tun. Siehe dazu auch die eher „dünne Kritik“ des BUND BaWü hier.

Auch beim laufenden Rückbau des AKW Obrigheim geht es um Öffentlichkeitsbeteiligung. Da haben Initiativen u.a. geklagt, weil der über Jahrzente dauernde Rückbau im Rahmen der Atomgesetzgebung lediglich ein mal zu Beginn des Verfahrens eine Öffentlichkeitsbeteiligung vorsieht. Wenn der eigentliche Rückbau beginnt und Probleme mit der Vielzahl anfallender radioaktiver Materialien entstehen, werden die BürgerInnen weder informiert noch haben sie rechtliche Eingriffsmöglichkeiten.

Auch die rot-grün-dänische Landesregierung in Schleswig-Holstein kündigt im Koalitionsvertrag an: „Wir werden für maximale Transparenz sowohl beim Rückbau der stillgelegten Meiler als auch bei Betrieb, Wartung und Störfällen des AKW Brokdorf sowie Atomtransporten sorgen.“ Wie und vielleicht besser wann das passieren wird, haben die Koalitionäre noch nicht deutlich gemacht.

Der heutige Betreiber der Atomforschungsreaktoren der GKSS, das Helmholtz-Zentrum Geesthacht (HZG), hat angeboten, den geplanten Rückbau der Reaktoren im Rahmen eines Dialogs mit einer Begleitgruppe durchführen zu wollen. Wie genau das laufen kann, ist derzeit in der Debatte zwischen Bürger-Initiativ-VertreterInnen, Kommunalpolitikern und dem Betreiber. Was genau möglich sein wird, muss sich noch zeigen. Aber der Betreiber HZG hat zunächst erst einmal auf eine Forderung aus dem Umfeld der Vorbereitungsgruppe für einen solchen Begleitprozess reagiert und den ehemals für Anfang Dezember 2012 geplanten atomrechtlichen Stilllegungsantrag auf Februar verschoben, um dem Prozess und der Diskussion Raum zu geben. Klar ist aber auch: Angesichts der ungelösten Atommüllentsorgung ist ein solcher Dialog eine echte Herausforderung zwischen dem bestehenden Atomrecht und den Forderungen von Anti-Atom-Initiativen.

Bürgerbeteiligung wird da, wo sie wirksam ist, aber auch gern zum Anlass von Widerstand aus Politik und Wirtschaft: In Hamburg läuft alles auf einen Volksentscheid über die vollständige Rekommunalisierung der Energienetze hinaus. Ziel ist es, Vattenfall und E.on die Verfügung über die Strom-, Fernwärme- und Gasnetze zu entziehen – und die Chancen stehen gut, dass das im Volksentscheid auch gelingen könnte. Jetzt hat die CDU-Bürgerschaftsfraktion eine Verfassungsklage gegen den Volksentscheid eingereicht: Die absurde Logik: Der Volksentscheid würde in das Königsrecht (!) des Parlmaments – nämlich das Haushaltsrecht – eingreifen und damit das Parlament entmachten! Auch von anderer Seite gibt es für ein mehr an Beteiligung contra: Der für die CDU in der Bürgerschaft Hamburg sitzende Abgeordnete Scheuerl greift den BUND und andere Umweltverbände an, dass diese keine Spendengelder für den Volksentscheid nutzen dürfen. Ein Volksentscheid sei nicht gemeinnützig, so seine Argumentation. Damit aber würde eine wichtige materielle Untermauerung der Volksgesetzgebung ausgehölt. Denn während Wirtschaft und Politik mit vollem Ressourceneinsatz auch gegen Volksentscheide antreten können, müssten BürgerInnen nach dieser Logik solche teuren Verfahren aus dem eigenen Portemonnaie zahlen. So kann man demokratische Beteiligungsrechte – kaum dass sie geschaffen wurden – auch gleich wieder kaputt machen.

Und auch die Hamburger Handelskammer wehrt sich gegen die Bürger. Das Hamburger Abendblatt berichtet Anfang Januar 2013: „Handelskammer-Präses Fritz Horst Melsheimer hatte in seiner Jahresschlussansprache die Volksgesetzgebung als einen Grund für die zunehmende Handlungsunfähigkeit der Politik genannt. Zu häufig würden Gerichte oder das Volk direkt über Fragen befinden, die eigentlich von Parlamenten zu entscheiden seien. Als Beispiele hatte er die von Umweltverbänden vorerst gestoppte Elbvertiefung, das auf Druck einer Volksinitiative beschlossene Transparenzgesetz und den im September anstehenden Volksentscheid über den vollständigen Rückkauf der Energienetze genannt.“

Mehr Demokratie stört die private Wirtschaft, da muss Bürgerbeteiligung am besten wieder zurück gedrängt werden.

Auch im Rahmen der bundesweiten Anti-Atom-Debatte spielt die Bürgerbeteiligung eine Rolle. So wird im Rahmen der Diskussions über die Stilllegung der Atommeiler eine Beteiligung für unerlässlich angesehen. Auf der Atommüllkonferenz am 2. Februar soll darüber in Kassel weiter gesprochen werden.

Doch auch da, wo es eine Beteiligung gibt, ist die Welt nicht unbedingt besser geworden. Denn vor allem für staatliche Vertreter als auch die Wirtschaft sind Formen von Bürgerbeteiligung vor allem auf das Ziel gesellschaftlicher Akzeptanz ausgerichtet. Frühzeitige Information und Einbindung unterschiedlicher gesellschaftlicher Akteure gilt hier vor allem als Weg, um die staatlichen oder unternehmerischen Interessen/Projekte entweder reibungsloser umzusetzen oder auch frühzeitig zu sehen, wo es die größten Probleme gibt, die in der Öffentlichkeitsarbeit von vornherein dann „besser“ und „intensiver“ bearbeitet werden.

Über dieses Konfliktfeld zwischen staatlichen und wirtschaftlichen Interessen einerseits und einer umwelt- oder auch bürgerdemokratischen Beteiligung andererseits gibt es seit einigen Ausgaben in der „Graswurzelrevolution“ (GWR) eine interessante Debatte. In der aktuellen Januar-Ausgabe ist dazu ein Artikel von Thomas Wagner erschienen: „Die Mitmach-Falle -Die Politische Mediation ist nur ein Baustein in einem weiter ausgreifenden Herrschaftsprojekt, das Bürgerbeteiligung heißt„.

Im Vorspann zu diesem Artikel schreibt die Redaktion der GWR: „Als Auftakt einer Diskussion zum Thema „Politische Mediation“ erschien im November 2012 in der GWR 373 Besalinos Artikel „Trick 17 mit Selbstüberlistung / Warum die Beteiligung an der Schlichtung zu S21 ein Fehler war und wieso die Politische Mediation keine Alternative ist“. Daran anknüpfend haben wir im Dezember in der GWR 374 eine Erwiderung von Christoph Besemer und Roland Schüler abgedruckt, sowie die Antwort darauf von Besalino und Michael Wilks Analyse „Stuttgart 21- ein Lehrstück. Mediation als Konfliktbewältigungsstrategie“. Diesmal setzen wir die Diskussion mit einem Text des libertären Kultursoziologen Thomas Wagner fort. Für die GWR 376 planen wir einen Beitrag zum Themenkomplex, der die RWE-Studie „Akzeptanz braucht Bürgerbeteiligung“ zum Widerstand im Hambacher Forst unter die Lupe nehmen wird. (GWR-Red.)“ (Anmerkung: Eine schöne Sache wäre es, wenn die GWR alle Artikel in dieser Debatte online stellen würde!)

Atomkraftgegner kritisieren Bundesregierung – „Atommüllprobleme nicht ins Ausland abwälzen“

atommüllfass„Der Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz (BBU) und seine Mitgliedsorganisation Aktionsbündnis Münsterland gegen Atomanlagen lehnen die geplante Legalisierung von Atommüllexporten durch die Bundesregierung strikt ab“, teilten die Initiativen in einer Presseerklärung mit. „Sie sehen in der geplanten Novelle des Atomgesetzes das Eingeständnis der Bundesregierung, dass die angeblich sichere Entsorgung der stetig wachsenden Atommüllberge gescheitert ist. Zudem werfen die Anti-Atomkraft-Initiativen der Bundesregierung eine Täuschung der Öffentlichkeit vor.

Entgegen aller jetzigen Dementis bereitet die Bundesregierung nämlich zusammen mit der NRW-Landesregierung seit dem Sommer 2012 ganz konkret den Export der 300.000 hochradioaktiven Brennelementkugeln vom Forschungszentrum Jülich in die USA vor. Dieses Vorhaben könnte derzeit – wenn überhaupt – nur in einer juristischen Grauzone stattfinden, würde mit der Gesetzesnovelle jedoch legalisiert.

Gleiches gilt für die Zehntausenden Tonnen Uranmüll, die beim Betrieb der Urananreicherungsanlage Gronau anfallen. Bereits ab 1995 begann in der Amtszeit der damaligen Bundesumweltministerin Angela Merkel unter Umgehung des noch geltenden Exportverbots für Atommüll der Abtransport von rund 30 000 Tonnen abgereichertem Uran von Gronau nach Russland zur faktischen Endlagerung. Dieser Export wurde erst 2009 nach massiven Protesten russischer, deutscher und niederländischer Atomkraftgegner/innen eingestellt. Der Entsorgungsdruck in Gronau ist jedoch sehr hoch, weil die schieren Mengen des Uranmülls die deutschen Endlagerungspläne vor unlösbare Probleme stellen.

Mittlerweile hat sich der Export des Gronauer Uranmülls nach Russland dort vor Ort als großes Umweltfiasko herausgestellt. Russische UmweltschützerInnen und deutsche Medien haben mehrfach über die unsachgemäße Lagerung in den russischen Atommülllagern sowie über undichte Fässer mit Uranmüll unter freiem Himmel berichtet. Die Betreiberfirma der Gronauer Urananreicherungsanlage, Urenco, sowie die Bundesregierung lehnen bislang jedoch jegliche Verantwortung für den Gronauer Atommüll ab.

2010 konnte der von der Bundesregierung forcierte Export von hochradioaktivem Atommüll vom Zwischenlager Ahaus ins russische Majak nach starken Protesten russischer und deutscher Umweltschützer sowie der NRW-Landesregierung in letzter Sekunde gestoppt werden. Die Region rund um die Atomanlagen von Majak gilt als eine der verstrahltesten Regionen weltweit. Nun will die Bundesregierung derartigen Atommüllexporten juristisch Tür und Tor öffnen, u. a. weil der politische Druck aus Jülich und Gronau sehr hoch ist.

„Der BBU und die Anti-Atomkraft-Initiativen lehnen die Legalisierung von Atommüllexporten grundsätzlich ab. Wer Atommüll produziert, muss ihn auch sicher entsorgen. Wer nicht weiß, wohin mit den Zehntausenden Tonnen Uranmüll aus Gronau sowie dem hochradioaktiven Atommüll in Jülich und Ahaus, darf die Verantwortung nicht ins Ausland abwälzen. Das ist unverantwortlich“, so Udo Buchholz vom Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz. Buchholz betont: „Grundsätzlich müssen alle Atomanlagen – also auch die Urananreicherungsanlage in Gronau – sofort stillgelegt werden, damit nicht noch mehr Atommüll produziert wird.“

Weitere Infos: www.bbu-online.de, www.sofa-ms.de, www.fukushima-jahrestag.de; www.urantransport.de

Kontakt:

Udo Buchholz (BBU): Tel. 02562-23125

Matthias Eickhoff (Aktionsbündnis Münsterland gegen Atomanlagen): 0176-64699023

Nach Artikel in NPD naher Zeitung: Braunschweiger Veranstalter sagen Filmvorführung von „Friedlich in die Katastrophe“ ab

umweltsauberhalten-keinenazisDie Braunschweiger Initiative „slow food“ und das „Universum Dokukino“ haben eine für den 14. Januar geplante Vorführung des  Films „Friedlich in die Katastrophe“ abgesagt. Das haben die Veranstalter auf „Braunschweig online“ öffentlich bekannt gegeben. Anlaß dafür ist, dass Holger Strohm, Autor des Films, der NPD nahen rechtsextremen Zeitung Umwelt & Aktiv ein Interview gab und darin sagte, dass es „selbst unter Nazis gute Menschen“ gäbe. Für ihn sei „ein Maßstab, ob man gegen Atomenergie ist, ob man für die Menschheit ist“. Das Tun sei wichtig „und nicht, was man sagt“. Nach dem die taz das in einem Artikel kritisiert hatte und auch die BI Lüchow Dannenberg, Contratom und umweltFAIRaendern.de) sich von dieser Position distanzierten, hat Holger Strohm sich direkt als Autor in der Nazi-Zeitung verteidigt.

Auf der Braunschweig-online-Seite schreiben die Veranstalter nun zur Absage der geplanten Filmvorführung:

„Wir denken nicht das Hr. Strohm ein Rechter ist, aber seine gemachten Äußerungen gehen dahin, das er rechtes Gedankengut toleriert solange sie nur gegen Atomkraft sind und er ist überzeugt, das unter den Rechten auch gute Menschen sind.

Das sind Gedankengänge die weder slow food BS, noch Anti-Atom Gruppierungen tolerieren können.

Solange sich Hr. Strohm nicht eindeutig von seinen Worten distanziert hat, möchte wir den Film, auch wenn er Anti-Atom mäßig gut recherchiert und auf Fakten beruht, nicht zeigen!

Wir hoffen, Ihr könnt diese Entscheidung nachvollziehen!“

Weitere Information auf der Seite von Braunschweig-Online.

Siehe auch: Neo-Nazis und Umweltbewegung – “Umweltschutz = Tierschutz = Heimatschutz = Volksschutz”

*Da ich für rechtsextreme Seiten keine – auch nicht indirekte – Werbung machen will, verzichte ich darauf, auf die Seite von Umwelt & Aktiv zu verlinken.

 

Urankonzern URENCO – niederländische Regierung lässt Verkauf prüfen

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ROBIN WOOD Aktion für die Stilllegung der URENCO-Uranfabrik in Gronau.

Die niederländische Regierung hat laut einer Meldung von „Reuters/UK“ die Investmentberater ABN Amro damit beauftragt, eine strategische Überprüfung der Beteiligung im Umfang von 33 Prozent vorzunehmen. In dem Auftrag sollen auch Optionen bis einschließlich eines teilweisen Verkaufs oder auch eines Börsengangs für die Gesellschaft geprüft werden. Damit schließt die neue niederländische Regierung offenbar auch den Verkauf ihrer Anteile nicht mehr aus. Zuvor hatten bereits die beiden weiteren Anteilseigner E.on/RWE (zusammen 33 Prozent) und die britische Regierung (33 Prozent) erklärt, ihre Anteile zu verkaufen. Interesse an einer Übernahme haben unter anderem der französische Atomkonzern AREVA, der kanadische Urankonzern Cameco sowie das britisch-japanische Unternehmen Toshiba Westinghouse bekundet (weitere Interessenten hier). Eine umfangreiche Kleine Anfrage zu den Verkaufsplänen hat die Bundestagsfraktion der LINKEN an die Regierung gestellt. Die Antworten sollen ab dem 18. Januar vorliegen.

Der Verkauf der URENCO dürfte keine einfache Sache werden, denn die Urananreicherungstechnik ist grundsätzlich auch geeignet, atomwaffenfähiges Uran herzustellen. Das Unternehmen mit einem geschätzten Marktwert von rund 10 Milliarden Euro hat dazu die Gaszentrifugen-Technik entwickelt, mit der der spaltbare Anteil im Natururan angereichert, also erhöht werden kann. Dazu wird das spaltbare Uran 235 in den Zentrifugen vom nicht-spaltbaren Uran 238 getrennt und aufkonzentriert. Für den Einsatz im Atomreaktor wird ein Anteil des spaltbaren Uran 235 in Höhe von rund fünf Prozent benötigt. Die URENCO hat einen Marktanteil bei der Versorgung von Atomreaktoren von etwas über 30 Prozent. Rund jedes dritte AKW ist also URENCO-Kunde. Dazu betreibt das Unternehmen Urananreicherungsanlagen in Gronau (D), Almelo (NL), Capenhurst (GB) und in den USA.

Aufgrund der militärischen Brisanz unterliegt die URENCO internationalen Verträgen, die einerseits eine Förderung der Urananreicherung für die zivile Nutzung der Atomenergie vorschreiben, andererseits die Kontrolle über die Nicht-Herstellung von waffenfähigem Uran bzw. die Weiterverbreitung der Technik zu diesen Zwecken regeln. Im Rahmen des Staatsvertrags von Almelo, an dem die deutsche, die niederländische und die britische Regierung beteiligt sind, ist auch ein „Gemeinsamer Ausschuss“ geregelt. Demnach werden alle Beschlüsse im Zusammenhang mit der URENCO einvernehmlich getroffen. Es gibt also ein Veto-Recht. Daher ist ein Verkauf von URENCO-Teilen auch an die Zustimmung der jeweiligen Regierungen gekoppelt.

AtomkraftgegnerInnen fordern die Stilllegung der Uranfabrik in Gronau. Deutschland könne nicht vom Atomausstieg reden und gleichzeitig den Uranbrennstoff herstellen, mit dem der Super-Gau in ausländischen AKWs riskiert werde.

Weitere Information zur URENCO:

Urankonzern URENCO – Atommüll-Zwischenlagerung bis 2120!

Verkauf der Uranfabriken von URENCO – Linke Bundestagsfraktion fragt nach

Uran(waffen)technik im Angebot – URENCO steht zum Verkauf

Geplante Demonstration zum Fukushima-Jahrestag 2013: Uranfabrik Gronau in die Zange nehmen – Anti-Atom-Proteste zum zweiten Jahrestag der Fukushima Katastrophe

 

Urankonzern URENCO – Atommüll-Zwischenlagerung bis 2120!

gas_centrifuge_cascade_0In Großbritannien hat der Urankonzern URENCO nun damit begonnen, die Zwischen-Lagerung von Atommüll bis in das Jahr 2120 (!) vorzubereiten. Am Standort in Capenhurst, wo die URENCO auch eine Anlage zur Urananreicherung betreibt, soll künftig der dabei entstehende Atommüll in Form von abgereichertem Uran für die nächsten 100 Jahre gelagert werden. Das berichtet die World-Nuclear-News: „… uranic material (primarily depleted uranium and uranium hexafluoride) is expected to be stored on the site until 2120.“

Das abgereicherte Uran gilt bei URENCO als Wertstoff und nicht als Atommüll, weil in ihm noch etwa 0,3 – 0,4 Prozent des spaltbaren Uran 235 enthalten sind. Derzeit macht der Einsatz aber keinen wirtschaftlichen Sinn, denn es gibt genug kostengünstiges Uranerz auf dem Weltmarkt. Allerdings geht URENCO davon aus, dass sich dies in den nächsten 100 Jahren ändern könnte, daher soll das radioaktive Material für diesen Zeitraum oberirdisch zwischengelagert werden. Um das Uran für eine „dauerhafte Zwischenlagerung“ vorzubereiten, soll es von dem jetzigen chemisch sehr aggressiven und flüchtigen Uranhexafluorid (UF6) zu Triuranoctoxid (U3O8) umgewandelt werden. Dazu wird derzeit eine entsprechende Konversionsanlage in Capenhurst gebaut.

Interessant dürften die Planungen am Standort Capenhurst auch mit Blick auf die deutsche URENCO-Anlage in Gronau sein. Denn auch hier fallen große Mengen abgereichertes Uran an. Nachdem 2009 der Export dieses Atommülls nach Russland gestoppt worden ist, muss das Material vor Ort gelagert werden. Neben einem Freilager für rund 40.000 Tonnen wird in Gronau zur Zeit eine Lagerhalle gebaut, in der ab 2014 weitere 60.000 Tonnen gelagert werden können. Um das in Form von UF6 vorliegende abgereicherte Uran in die lagerfähigere Form von U3O8 zu konvertieren, wird dieser Atommüll von Gronau nach Frankreich gekarrt, in Pierrelatte umgewandelt und dann wieder nach Gronau zurück transportiert.

Ob die URENCO auch in Gronau die Lagerung von Atommüll für die nächsten 100 Jahre plant, ist derzeit unbekannt.

In Capenhurst/UK übernimmt die URENCO nun ehemalige Anlagen bzw. Flächen der britischen Behörde „Nuclear Decommissioning Authority“ (NDA). Die hatte auf dem Gelände eine Urananreicherungsanlage mit dem so genannten Diffiusions-Verfahren betrieben. 1982 ist diese Anlage stillgelegt worden. 1993  nahm die URENCO mit dem erheblich kostengünstigeren Gaszentrifugen-Verfahren den Betrieb in Capenhurst auf. Ende 2011 hatte die Anlage eine Kapazität von 5.000 tSW/a.

Jetzt sollen die ehemaligen Anlagenteile der NDA von der URENCO weiter genutzt werden. Laut WNN ist die Übergabe an die URENCO bereits ab Dezember 2011 eingeleitet worden: „The transition started in December 2011, when the NDA signed agreements with Urenco. Transferring ownership of parcels of land on the site required removal of Energy Act designations.“

Mit der Übernahme durch die URENCO übernimmt das Unternehmen auch bisherige Tätigkeiten der NDA; darunter die weitere Stilllegung, Lagerung und Verarbeitung von Materialien, die bislang dem Staat gehörten: „This includes decommissioning and storage operations, as well as the processing of government-owned by-product/legacy material from uranium enrichment through Urenco’s Tails Management Facility.“

Für die URENCO soll hier ein neuer Geschäftsbereich entstehen. Laut WNN sagte der Urenco CEO Helm Engelbrecht: „Unser Ziel ist es, ein Kompetenzzentrum für Uran-Lagerung, Stilllegung und Verwertung zu bieten.“

Weitere Informationen über die URENCO:

Verkauf der Uranfabriken von URENCO – Linke Bundestagsfraktion fragt nach

Uran(waffen)technik im Angebot – URENCO steht zum Verkauf

Geplante Demonstration zum Fukushima-Jahrestag 2013: Uranfabrik Gronau in die Zange nehmen – Anti-Atom-Proteste zum zweiten Jahrestag der Fukushima Katastrophe

 

Triuranoctoxid

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