Der Brief vom Bundesumweltminister an den Energiewendeminister: Brunsbüttel ist Top-Favorit für Atommüll

radioaktiv009In einem Brief habe der schleswig-holsteinische grüne Energiewendeminister Robert Habeck geschrieben, dass er im Sinne eines Lastenausgleichs auf der Suche nach einem Kompromiss für ein Endlagersuchgesetz sich vorstellen könne, unter bestimmten Bedingungen hochradioaktiven Atommüll am AKW Brunsbüttel zu lagern. Altmaier findet das prima, weil für den Endlager-Deal eine Nebenbestimmung erfüllt werden muss, damit Niedersachsen zustimmt: Es darf keine weiteren Castortransporte nach Gorleben geben. „Auf diese Weise wird auch politisch sichtbar unterstrichen, dass die Endlagersuche nach dem neuen Gesetz ergebnisoffen durchgeführt wird“, schreibt Bundesumweltminister Peter Altmaier mit Datum vom 8. April seinem Kollegen Habeck in Kiel. Den Brief gibt es zum download hier als PDF.

Es braucht also nun Alternativen. Dumm ist das für Brunsbüttel. Denn der Bundesminister kommt in dem Brief zu dem Ergebnis: „Nach Überprüfung der hierfür in Betracht kommenden Standorte komme ich zu dem Ergebnis, dass eine Unterbringung im Standortzwischenlager Brunsbüttel insbesondere aus folgenden Erwägungen den Vorzug verdient (1):

– Der Transport ist auf kürzestem Weg über den Seeweg möglich, der Hafen
befindet sich in nur rund 2 km vom Standortzwischenlager entfernt.

– Der Hafen wurde im Zuge einer Studie der GNS (Gesellschaft für NuclearService
mbH) aus technischer Sicht als geeignet für den Umschlag von Behältern
mit verglasten Abfällen eingestuft.

– Das Standortzwischenlager Brunsbüttel verfügt über 80 Stellplätze für
Großbehälter, von denen jedoch voraussichtlich lediglich 19 für die Entsorgung
von Brennelementen aus dem KKW Brunsbüttel benötigt werden. Von
den verbleibenden freien Stellplätzen (= 75%) würden weniger als die Hälfte
für die o.g. Transporte benötigt.“

(1) „Dies schließt die Wahl anderer Standorte nicht aus, sofern entsprechende Voraussetzungen gegeben sind.“

Nur am Rande sei erwähnt: Das Lager um das es geht, gehört Vattenfall. Es ist im ehemaligen rot-grünen Atomkonsens von 2002 auschließlich zu dem Zwecke gebaut und genehmigt worden, hochradioaktiven Atommüll aus dem AKW Brunsbüttel aufzunehmen. Darauf hat Vattenfall in Person von Pieter Wasmuth gestern Abend auf einer Veranstaltung in Brunsbüttel auch noch einmal deutlich hingewiesen. Vattenfall müsste – wenn die Planspiele von Altmaier und Habeck funktionieren sollen, eine Änderungsgenehmigung für die Aufnahme des Atommülls aus La Hague und/oder Sellafield beim Bundesamt für Strahlenschutz stellen. Siehe: Riskantes Spiel: Endlager-Deal braucht Zustimmung durch Atomkonzerne

Dass Vattenfall das tut, ist nicht sonderlich wahrscheinlich. Auf der gestrigen Veranstaltung hat Vattenfall auch darauf hingewiesen, dass das Unternehmen bei dem anstehenden Rückbau des Atomkraftwerks anfallenden Atommüll möglicherweise in diesem Zwischenlager unterbringen will, um den Neubau weiterer Lagerhallen zu vermeiden. Dann wäre aber kein Platz für weitere Castoren. Außerdem: Das Standortlager in Brunsbüttel ist bis heute nicht rechtskräftig genehmigt. Noch stehen Klagen an, die die Sicherheit des Lagers anzweifeln. Darüber wird vermutlich im Juni 2013 das Oberverwaltungsgericht in Schleswig verhandeln.

Interessant in dem Brief von Altmaier an Habeck ist sicher auch, dass offenbar über einen Transport in das Zwischenlager Nord bei Lubmin nachgedacht wurde. Dort war vor Jahren versprochen worden, dass das dortige Lager nur für Atommüll aus Anlagen der ehemaligen DDR genutzt werden sollte. Ein Versprechen, das längst gebrochen wurde, da Atommüll aus der GKSS bei Geesthacht (Otto Hahn) und der Forschungsanlage Karlsruhe dorthin transportiert wurden. Allerdings: Erst vor wenigen Wochen bestätigte ein Gericht die Anweisung des Landes Mecklenburg-Vorpommern, dass künftig kein „Westmüll“ mehr nach Lubmin darf (siehe: Urteil: Kein West-Atommüll in das ostdeutsche Atommülllager Lubmin!). Die frohe Kunde für Mecklenburg-Vorpommern ist: Kommt wohl nicht ohne weiteres in Frage. Dabei hätte Lubmin einen entscheidenden Vorteil gegenüber Brunsbüttel, den Altmaier aber nicht anspricht: Das Atommülllager in Lubmin gehört dem Bund – keinem privaten Atomkonzern.

Auch Esenshamm/Unterweser ist laut Altmaier wohl eher aus dem Spiel. „Nähe eines geeigneten Hafens, der allerdings rund 14 km vom Zwischenlager
entfernt ist“, schreibt er. Also: Die Straßenstrecke von der Weser zum Atommeiler beträgt immerhin 14 km. Das sind 12 km mehr, als vom Elbehafen Brunsbüttel bis zum Atomkraftwerk. Klare Sache: Da können sich einfach erheblich mehr Menschen „Quer stellen, wenn der Castor kommt“. Ein echtes Sicherheitsargument, dass bestimmt auch dem Minister in Schleswig-Holstein einleuchten wird?

Auch wenn Altmaier bevorzugt, sämtlichen Atommüll aus La Hague und Sellafield nach Brunsbüttel zu bringen, weil das über den Seeweg und wegen der nur zwei Kilometer Straßenstrecke einfach echt cool wäre – Baden-Württemberg, aufgepasst: „Für den Fall, dass ein Transport der 5 Behälter aus Frankreich auf dem Seeweg nicht möglich wäre  (Zustimmung Frankreichs ist hierfür erforderlich), käme bspw. ein Transport auf der Schiene nach Baden-Württemberg in Betracht.“ Na, ist nicht sooo wild, sind ja nur fünf Atommüllcontainer!

Interessant, aber auch nur das nebenbei: Hier erwähnt Altmaier, dass jemand zustimmen müsste – bei dem Atommülllager in Brunsbüttel, das Vattenfall gehört oder dem Lager in Esenshamm, über das E.on entscheidet, interessiert ihn das nicht sonderlich.

Derzeit ist unklar, wie es weitergeht: Nachdem kein anderes Bundesland Bereitschaft gezeigt hat, dem Vorbild von Schleswig-Holstein zum „Lastenausgleich“ zu folgen, hat das nördlichste Bundesland erstmal erklärt: So geht das nicht.

Außerdem wäre das ganze ohnehin viel komplizierter, als gedacht: Die Kieler Nachrichten schreiben in ihrer heutigen Ausgabe: „Nach der Bund/Länder-Einigung für eine neue Endlagersuche vom Dienstag ist diese Idee aber de facto vom Tisch. Habeck hatte dort klar gemacht, dass es eine gerechte Lastenverteilung geben muss, zudem stehen in Brunsbüttel viel weniger Stellplätze für Atommüll zur Verfügung als zunächst veranschlagt. Der Grund sind verstärkte Terrorschutzmaßnahmen. Es ist aber weiterhin unklar, wohin der Atommüll neben Brunsbüttel gehen soll. Eigentlich sollte der Müll in das Zwischenlager Gorleben — wegen des Neustarts in der Endlagersuche soll es aber keine Castortransporte dorthin mehr geben.“

Altmaier ist sich hinsichtlich der Kosten von Endlagersuche und allem drum und dran mit Habeck einig: „Ich teile Ihre Auffassung, dass die Kosten der Endlagerung (einschließlich Suche und Errichtung des Endlagers) von den betroffenen Unternehmen zu tragen sind. Das ist m.E. schon jetzt sichergestellt. Ob darüber hinaus weitere Maßnahmen sinnvoll und geboten sind, wird unter Abwägung der damit verbundenen Folgen derzeit geprüft.“

Na, wenn das mal ausreicht. Das „Deutsche Atomforum“, der Lobby-Verband der Betreiber hat heute sicherheitshalber schon mal festgestellt: „Für die Übernahme zusätzlicher Kosten durch die Betreiber infolge alternativer Standorterkundungen vor einer abschließenden Bewertung zur Eignung Gorlebens gibt es nach unserer rechtlichen Auffassung keine Grundlage.“ Und der Bayerische Rundfunk fasst die Stellungnahme des Atomforums so zusammen: „Die Atomindustrie will bei der Endlagersuche keine weiteren Kosten übernehmen. Man habe bereits 1,6 Milliarden Euro in Gorleben investiert. Alle bisherigen Erkenntnisse sprächen für diesen Standort.“

Mir bleibt nur mit den Worten von Altmaier an Habeck zu sagen: „Über das Ergebnis werde ich Sie selbstverständlich zeitnah unterrichten.“

Siehe auch: Atommüll-Endlagersuche von Demokratiewelle überrollt – 24 für den Konsens

und: Das AKW Brokdorf muss vom Netz – Keine Castortransporte nach Schleswig-Holstein

 

Brokdorf-Akut: Erst AKWs abschalten – dann über Castor reden

AKW-Brokdorf-2012a-Dirk-SeifertDie Anti-Atom-Initiative Brokdorf-Akut hat am Samstag in einer Pressemitteilung zu möglichen Castortransporten aus Sellafield und La Hague in das AKW Brunsbüttel Stellung genommen. Dieser Atommüll war eigentlich für das Zwischenlager in Gorleben vorgesehen. Schleswig-Holsteins grüner Energieminister Robert Habeck hatte im Zuge der Parteiengespräche über einen Kompromiss zur Endlagersuche vorgeschlagen, dass dieser Atommüll als „Lastenausgleich“ in dem stillgelegten Atommeiler an der Elbe zwischengelagert werden könnte. So könnten weitere Castortransporte nach Gorleben vermieden werden. „Brokdorf-Akut: Erst AKWs abschalten – dann über Castor reden“ weiterlesen

Rekommunalisierung: Die Tricks der großen Stromkonzerne

neu_Logo_Unser-Netz_CMYK-DruckBerlin-Banner130x130gMit allen Tricks versuchen die vier großen Stromkonzerne die Rekommunalisierung von Stromnetzen, Fernwärme oder Gas zu hintertreiben. Darüber berichtet der Spiegel in seiner Online-Ausgabe. Natürlich wird auch Vattenfall ausdrücklich genannt: Mit völlig überzogenen Preisen, die die Unternehmen öffentlich nennen, versuchen sie, Kommunen und Bürger vor dem Schritt einer Rekommunalisierung abzuschrecken.

Als Beispiel führt der Spiegel die Preisdebatte in Hamburg und Berlin an, wo zwei Bürgerbündnisse die Rekommunalisierung fordern. In Berlin läuft derzeit das Volksbegehren und in Hamburg ist klar, dass es am 22. September zum Volksentscheid kommt. „Am Beispiel Berlin zeigt sich, wie weit die Preisvorstellungen zum Teil auseinandergehen: Die dortige Rückkauf-Initiative geht von einem Preis von 400 Millionen Euro aus, Gegner hantieren mit einer Summe von einer Milliarde Euro. Selbst in Hamburg, wo die Stadt Vattenfall im Frühjahr 2012 für 544 Millionen Euro 25,1 Prozent an der Netzgesellschaft abgekauft hat, steht der Preis nicht fest – Befürworter der vollständigen Übernahme setzen weniger als zwei Milliarden Euro an, Gegner kalkulieren mit bis zu 2,5 Milliarden Euro.“

In Hamburg bekommt Vattenfall auch die Unterstützung der SPD, der CDU und der FDP, um vor den angeblich nicht bezahlbaren Kosten zu warnen.

Außerdem versuchen die Unternehmen auch davon abzulenken, dass die Netzübernahme für Kommunen ein sicheres Geschäft sind, weil es klar kalkulierbare Gewinne gibt. Nicht nur beim Gas- und Stromnetz. In Hamburg steht obendrein auch die Fernwärme auf der Rekommunalisierungsliste. Obwohl Vattenfall die Gewinne in seiner Konzernstruktur gut versteckt, haben vor einigen Jahren Prüfungen gezeigt, dass möglicherweise bis zu 60 Millionen Euro mit der Fernwärme in Hamburg pro Jahr verdient werden kann. Kein Wunder, wenn Vattenfall, E.on und andere mit allen Tricks versuchen, die Rekommunalisierung zu verhindern.

Darüber berichtete umweltFAIRaendern bereits hier: Geheim: Vattenfalls Millionengewinne mit dem Fernwärmegeschäft in Hamburg und Vollständige Rekommunalisierung der Energienetze in Hamburg ist machbar

Der Berliner Energietisch, derzeit mit dem Volksbegehren beschäftigt, kommentiert den Spiegel-Artikel heute mit einer Pressemitteilung:

„So tricksen Vattenfall und Co. um die Stromnetze zu behalten – Wuppertal Institut legt Studie vor

Das Wuppertal Institut legt heute seine im Auftrag der grünen Bundestagsfraktion erstellte Kurzstudie zu auslaufenden Konzessionsverträgen für Stromnetze vor. Darin werden die verschiedenen Methoden der Netzbetreiber beschrieben, wie eine Rekommunalisierung verhindert werden soll.

Als schlechtes Beispiel wird auch explizit Vattenfall genannt. Der schwedische Konzern wird sowohl in Hamburg als auch in Berlin für seine überzogenen Kaufpreisforderungen als auch für die verzögerte Herausgabe von Netzdaten gerügt.

„Drohkulissen, überzogener Kaufpreis aber auch Großflächenplakate und Sponsoring: viele der aufgeführten Methoden sind uns auch in Berlin durch Vattenfall vertraut. Dem setzen wir Konzepte, Transparenz und viel Engagement entgegen. Dies kommt auch bei den Berlinerinnen und Berliner ehrlicher an“, erklärt Stefan Taschner, Sprecher des Berliner Energietisches.

Das Volksbegehren des Berliner Energietisches sieht die Rekommunalisierung der Stromnetze und die Gründung eines berlineigenen Stadtwerkes vor. Bis zum 10. Juni muss das Bündnis aus über 50 Organisationen 200.000 Unterschriften sammeln, damit die Berlinerinnen und Berliner zur Bundestagswahl über die zukünftige Energieversorgung ihrer Stadt in einem Volksentscheid abstimmen können.

Wuppertal Institut: Kurzstudie zu auslaufenden Konzessionsverträgen für Stromnetze http://www.spiegel.de/media/0,4906,31132,00.pdf

Kontakt: Dr. Stefan Taschner“

Korrektur: Keine Castortransporte nach Gorleben: 26 Behälter mit strahlendem Atommüll suchen neue Heimat

atommüllfassKorrektur: Nicht 54 wie zuerst gemeldet, sondern offenbar doch „nur“ 26 Behälter mit strahlendem Atommüll suchen eine neue Heimat, wenn diese nicht wie bislang vorgesehen in das Zwischenlager Gorleben rollen sollen. Noch 2011 waren wie zunächst gemeldet, 22 Behälter für mittelradioaktive Abfälle aus La Hague für Gorleben vorgesehen (siehe unten). Nach aktuellen Angaben auf der Homepage des Bundesamt für Strahlenschutz sind diese jetzt jedoch verringert worden, so dass nur noch fünf solcher Behälter transportiert werden müssen. Hinzu kommen 21 Behälter aus Sellafield. Außerdem hatte ich irrtümlich 11 Castorbehälter aus Franreich mit gerechnet, die im Herbst 2011 bereits nach Gorleben transportiert worden sind. Ich bitte um Entschuldigung, für die falsche Meldung zuvor!!!

„Korrektur: Keine Castortransporte nach Gorleben: 26 Behälter mit strahlendem Atommüll suchen neue Heimat“ weiterlesen

Komm in die Gänge … Anti Vattenfall Lesetage

hew-plakatganz-kleinDie HEW sind zurück – zumindest als literarische Variante für den Hamburger Energie Wechsel. „Am 15. April ist es wieder soweit. Unser drittes vattenfall-kritisches Lesefestival beginnt mit einer Eröffnungsveranstaltung auf Kampnagel, bei der Ingo Schulze lesen und im Anschluss über „Kunst und Knechtschaft“ diskutieren wird. Bei weiteren mehr als 30 Veranstaltungen lesen Friedrich Ani, David Chotjewitz, Frank Göhre, Merle Kröger, Dominique Manotti, Harry Rowohlt, Jochen Schimmang, Sybil Gräfin Schönfeldt, Frank Spilker, Barbara Sichtermann und viele andere. Auf der Abschlussparty im Gängeviertel am 20.4. gibt es nach einer Lesung von Katja Kullmann und Sarah Khan Musik: Frank Spilker und Frau Kraushaar machen den Abschluss zum Aufbruch!“ So steht es auf der Homepage der HEW-Lesetage. Eine der Gegenverstaltungen zu den Greenwashing-Days von Vattenfall. „Mit unserem neuen Namen: HEW spielen wir auf den ursprünglichen Namen dieser Hamburger Lesetage an, nur steht HEW jetzt für Hamburger Energie Wechsel.“ Gemacht werden die Lesetage von Menschen der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaften, dem Nautilus-Verlag, der GWA-St.Pauli und anderen.

Unterstützt wird die Lesereihe auch von ROBIN WOOD: „Radioaktive Lesetage von Vattenfall, damit wir Atommüll und Klimakatastrophe vergessen? Damit das nicht gelingt, unterstützen wir von ROBIN WOOD die klimafreundlichen HEW-Lesetage und empfehlen den Ökostromwechsel, sagt Dirk Seifert, Energiereferent der Umweltorganisation. Mit einer Lesung von Hanna Poddig und der musikalischen Unterstützung des Duos Cheerup (beide bekannt von Dubtari) beteiligt sich ROBIN WOOD am 19. April mit einer Veranstaltung. „Radikal Mutig“ heißt es dann im Gängeviertel, in der Jupibar.

Siehe auch hier bei ROBIN WOOD.

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