umweltFAIRaendern auf „Herbstreise – Lieder zur Lage“: Die Schmetterlinge – Auf unserem langen Weg

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umweltFAIRaendern.de veröffentlicht in den nächsten Tagen nach und nach mit Erlaubnis der Band „Die Schmetterlinge“ erstmals das gesamte Album „Herbstreise – Lieder zur Lage“ aus dem Jahr 1979 komplett im Internet. Den Auftakt macht „Auf unserem langen Weg“, der Opener des Albums als Video.

Bereits einige Male habe ich auf umweltFAIRaendern.de Songs der österreichischen Band „Die Schmetterlinge“ vorgestellt: „Hände über Hönnepel„, „Drei rote Pfiffe„. Beide Songs stammen aus dem 1979 veröffentlichten Album „Herbstreise – Lieder zur Lage“. Jetzt habe ich das Vergnügen, dieses musikalisch-politische Kleinod der Zeitgeschichte erstmals vollständig im Internet verfügbar zu machen. In den nächsten Tagen werde ich euch – mit Genehmigung der Schmetterlinge, namentlich Georg Herrnstadt (Musik), Beatrix Neundlinger (Gesang) und Heinz R. Unger (Texte) – die „Lieder zur Lage“ hier per Video präsentieren. Den Auftakt macht natürlich der Opener des Albums: „Auf unserem langen Weg“.

  • Das Album ist wie ein Brennspiegel gesellschaftlicher Konflikte am Ende der 70er Jahre. Und es ist bis heute von beeindruckender Relevanz. Bekannt ist die Band nicht nur durch die auch als CD erhältliche Proletenpassion, sondern auch durch ihren (kuriosen) Beitrag zum Grand Prix Eurovision de la Chanson: Boom Boom Boomerang bzw. hier (Youtube, 1977). Die Ursprünge der Schmetterlinge gehen auf 1969 zurück, auf die Milestones, Einmal. Informationen über die Schmetterlinge gibt es auch hier.
  • Der Texte eines weiteren Songs von dem Album „Herbstreise“ habe ich hier veröffentlicht: „Liebesgrüße aus Österreich“. Darin geht es um den Volksentscheid, mit dem der Atomwirtschaft in Österreich das Licht ausgeknippst wurde: AKW Zwentendorf – Liebesgrüße aus Österreich. Das Video folgt demnächst auf dieser Seite.
  • Außerdem werden erstmals die Songtexte des Albums auf umweltFAIRaendern veröffentlicht. Die Texte der Seite 1 Vinyl-Album sind hier zu finden.
  • Alles auf umweltFAIRaendern über die Schmetterlinge und die Herbstreise

Die Schmetterlinge: Herbstreise – Lieder zur Lage – Die Songtexte – Seite 1

cover-herbstreise-lieder-zur-lage-schmetterlingeDie Geschichte lässt sich singen. Neben Ton Steine Scherben dürfte im deutschsprachigen Raum vor allem die „Proletenpassion“ als herausragendes Album der Schmetterlinge ein Meilenstein dafür zu sein. 1979 erschien von den Schmetterlingen das Album „Herbstreise – Lieder zur Lage“. UmweltFAIRaendern veröffentlicht jetzt nach und nach die im Internet bislang nicht verfügbaren Songtexte dieses Albums und wird die Lieder auch als Videos präsentieren. Das Album ist ein unglaubliches Schlaglicht auf die Zeit Ende der 70er Jahre in Westdeutschland. Nicht nur inhaltlich, mit den Texten von Heinz R. Unger, sondern auch musikalisch ist das Album herausragend.

Die Songs sind nicht nur ein wichtiger Teil Zeitgeschichte, sie sind ebenso ein bis heute wichtiger und immer noch aktueller Beitrag der Kämpfe nicht nur der Anti-AKW-Bewegung. Für die Erlaubnis, dieses Album komplett online zu bringen, bedanke ich mich bei den Schmetterlingen Georg Herrnstadt (Musik), Beatrix Neundlinger (Gesang) und Heinz R. Unger (Texte).

Die damalige BRD war geprägt von den Kämpfen der Anti-Atom-Bewegung um Brokdorf, Grohnde und Kalkar. Sie war geprägt, von den alten Nazis, die den Aufbau der BRD aktiv mitgestalten konnten – ohne sich darüber sorgen zu müssen, für ihre Verbrechen im Faschismus angeklagt zu werden.

Im Kontext der internationalen Befreiungsbewegungen und dem Vietnam-Krieg, den Folgen der 68er und die Kämpfe um „mehr Demokratie“, um Befreiung, die Entführung und Ermordung von Schleyer durch die RAF, die Entführung der „Landshut“ und die staatlichen Reaktionen im „Kalten Herbst“ – und vieles mehr – Wegmarken, die für die gesamte Linke in Westdeutschland prägend waren. Die Stahlarbeiter – damals noch eine wichtige deutsche Industrie – streikten viele Wochen lang für die Einführung der 35 Stunden Woche und bestimmten mit den Streiks, die bis heute einzigartig geblieben sind, die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen um Freiheit.

Von der „Herbstreise – Lieder zur Lage“ sind auf umweltFAIRaendern als Video bereits die Lieder der Seite 1 veröffentlicht:


  • Auf unserm langen Weg (Herrnstadt – Resetarits/Unger) (4:48)
  • Ein leises Lied (Herrnstadt – Resetarits/Lieckfeld) (2:52)
  • Guter Mond, du hängst so stille (Herrnstadt – Resetarits/Unger) (1:51)
  • Klein, aber geheim (Herrnstadt – Resetarits/Unger) (2:45)
  • Lied des Richters (Tampier/Unger) (3:53)
  • Warte, warte nur kein Weilchen (Meixner/Lieckfeld) (2:43)
  • 3 rote Pfiffe (Herrnstadt – Resetarits/Unger) (4:17)
  • Hände über Hönnepel (Herrnstadt – Resetarits/Unger) (7:04)
  • Liebesgrüße aus Österreich (Herrnstadt – Resetarits/Unger) (5:21)
  • Der große Stahlarbeiterstreik 1978/79 (Herrnstadt – Resetarits/Unger) (5:12)
  • Das letzte Lied (Herrnstadt – Resetarits/Unger) (2:42)

Komponiert, arrangiert, gesungen und gespielt von den Schmetterlingen


BEATRIX NEUNDLINGER Flöte, Gesang
GÜNTER GROSSLERCHER Akustische Gitarre, Aufnahmeleitung
GEORG HERRNSTADT
Klavier, akustische Gitarre, Gesang
ERICH MEIXNER Bass, Akkordeon, Gesang
WILLI RESETARITS Schlagzeug, Gesang
HERBERT ZÖCHLING-TAMPIER Elektrische Gitarre, Gesang

HEINZ R. UNGER Text-Schmetterling


©1998 Franz DECKENBACH

 

HERBSTREISE – LIEDER ZUR LAGE

Musik: Schmetterlinge
Texte: Heinz R. Unger,
außer * von C.P. Lieckfeld

Seite 1

Die Lieder dieser Platte sind Auswertungen
unser Erfahrungen auf vielen Tourneen,
Ergebnisse vieler Diskussionen. Einige dieser
Lieder sangen wir schon auf unser
„Herbstreise“, andere – etwa „Der große
Stahlarbeiterstreik 1978/79“ – entstanden
erst durch die konkreten Erlebnisse dieser
Fahrt.

Sie winkten uns mit der MP
Und sahen nach unseren Bärten
Als wir in aller Herrgottsfrüh
Den Grenzstrich überquerten.
Wir reisten eilig und mit Hast,
und keinem war nach Singen,
ein fetter Adler saß am Ast,
mit kurzgestutzten Schwingen.
Der Schwung der Hügel wirkte noch
Wie vor der Grenze auch,
doch jeder schlug den Kragen hoch,
es kam ein kalter Hauch.

Auf unserm langen Weg

Wir haben den kalten Wind auf den Straßen mitbekommen
Auf unserem langen Weg von Stadt zu Stadt
Und wir haben, was wir sahen, eingepackt und mitgenommen
Doch wir haben, was nicht für jeden hier ein Lied parat.
Denn so ein Lied, damit ihrs wisst,
ist was einfaches, was schwer zu machen ist.

Die Zeit ist kalt und manchen fuhr das Zittern in die Knochen
Und mancher, den wir kannten, hat sich still verkrochen
Und hat mit der Kälte arrangiert
Doch viele sehen. Da braucht es Gegenwehr,
und die sich wehren werden immer mehr.

Ja, es wird auch gesungen in den finstren Zeiten,
das sind die Lieder vom vorenthaltnem Lich.
Wenn wir nicht nur mit unsren Liedern streiten,
bekommen unsre Lieder erst Gewicht.
Denn eins ist klar, so darfs nicht weiter gehen,
laßt uns gemeinsam an die Arbeit gehen.

Ein leises Lied*

Liebling, dies Lied nicht so laut;
Dies ist sozialer Wohnungsbau.
Oder dreh die Bässe rein,
dann hört man den Text nicht so genau.
Der nebenan ist Amtmann.
Man weiß nicht so genau,
was der in seinem Amt kann,
und – du kennst ja seine Frau.

Ich hörte gestern sie im Flur.
Sie sang mit der von oben
Die ganze schränke Partitur
Vom „roten Feind“ in Moll und Dur.
Und als ich freundlich grüßend dann
Mit Plastiktüten schwer bepackt
Vorbeiging, schwiegen beide. Mann,
die Blicke brannten im Kreuz.

Liebling, bist du so naiv,
die Zeitung hier zu abonnieren!
Die haben dafür ein Archiv,
in das sie alle einsortieren.
Und unserem Kind bring bitte bei,
dass es nicht so viel fragen soll.
Wer weiß, wohin die Fragerei
Uns sonst am Ende bringen kann.

Vielleicht liegt es auch nur daran,
daß man mal dreißig wird, mein Schatz,
und daß man mehr verlieren kann
als Träume – seinen Arbeitsplatz.
Sag nichts! Sag bitte nichts!
Verdammt, die Platte nicht so laut!
Du bringst uns alle in den Knast.
Vielleicht sind Wanzen eingebaut…
In mein Gehirn. Ich glaub es fast.

Guter Mond, du hängst so stille

Guter Mond, du hängst so stille
Runter von`nem deutschen Ast.
Hast du ängstliche Gefühle,
weil du eine Sichel hast?
Weiß du, wieviel Sternlein wimmeln?
Doch kein einzige blitzt rot,
denn das hätt´ an deutschen Himmeln
sicherlich Berufsverbot.

Deutschland – Wintermärchen,
krümme mir kein Härchen,
in bin klein, mein Herz ist dein,
laß mich nicht verdächtig sein.

Klein, aber geheim

Dort, wo sich Mengen drängen,
muß ich mich dazwischenzwängen,
lausch Gesprächen und Gesängen
auf den Plätzen und in Gängen.
Ich bewege mich im Volke,
wie ein Vogel in der Wolke!

Klein, aber geheim, das kommt vom Haferschleim.
Klein, aber oho, ich liebe die FDGO.

In Kneipen, wo die Linken trinken,
und auch die, die links nur blinken,
rieche ich mit meinem Zinken
Gedanken, die zum Himmel stinken.
Ich bin in dem geheimen Plan
der freien Welt ihr Riechorgan!

Klein, aber geheim. Ich wär´ gern bei der GSG 9.
Klein, aber oho, ich schütze die FDGO.

Auch wo die Emanzen tanzen,
muß ich meine Wanzen pflanzen,
hinter Pflanzen mich verschanzen
oder unter Teppichfransen.
Ich fall nicht auf, ich tret nicht vor.
Ich bin der freien Welt ihr Ohr!

Klein, aber geheim, ich wär gern bei der GSG 9.
Klein, aber oho, ich schütze die FDGO.

Lied des Richters

Die Zeiten haben sich überpurzelt
Ich stand wie ein Felsen im Fluß.
Im Boden des Rechtsstaats verwurzelt,
weil einer ja fest bleiben muß.

Schon jung hab´ ich Läuse vernichtet
Gestützt auf das harte Gesetz.
Ich habe damals gerichtet,
und richte auch hier und jetzt.
Deutschland, jetzt schlägts aber dreizehn,
sie sagen, sie trennen die Spreu jetzt vom Weizen.
Im Namen des Rechts und der Rechten.

Deutschland, sie wollen dich knechten
Kuschende Bürger, das ist´s was sie möchten,
die ängstlich an allem vorbeisehn.

Ich sing noch die zackigen Chöre,
und habe die Zeit nicht verschlafen.
Die Meinhof war noch eine Göre,
da gabs schon Gewaltparagraphen.

Sie ducken sich und sie flüstern.
Und das war ja schließlich bezweckt.
Sie schweigen und blähen die Nüstern.
Jetzt haben sie wieder Respekt.

Deutschland, …

Der Verteidiger fällt aus der Rolle,
na, so wird er halt ausgeschlossen.
Und lockerer sitzt die Pistole.
Gesetzlich gedeckt wird geschossen.

Wir haben Berufsverbotslisten
Und Radiakalenerlässe gedruckt.
Das trifft nicht die paar Terroristen,
sondern jeden, der sich kratzt wenns ihn juckt.

Deutschland, …

Warte, warte nur kein Weilchen*

Diesen Text fanden wir in dem Gedichtsband
„Gedichte unter Zeitdruck“ von C.P.Lieckfeld
(Oberbaum Verlag, Berlin 1977). Später lernten wir
C.P. in Hamburg persönlich kennen und begannen, auch
Andere Texte von ihm zu vertonen.

Er muss nicht wieder braune Hemden tragen,
die rechte Hand bleibt an der Hosennaht.
Er muß nicht Juden, kann auch andre jagen,
vielleicht braucht es noch nicht mal Stacheldraht.

Er muß sich keinen rechten Scheitel richten
Und nicht in Knobelbechern stehn.
Er muß ganz sicher nicht gestabreimt dichten
Und nicht gestapohaft in Leder gehen.

Es liegt an uns, ob wir sie noch erkennen,
bevor sie sich mit unserem Blut beschmieren.
Es ist egal, wie sie sich heute nennen;
Nur was sie tun, darf uns interessieren.

Ganz offiziell kann er in Bonn aus Ämtern schreiten,
wie er es in Berlin bereits getan.
Er wechselt Kleider mit den Zeiten:
Man baut jetzt Rampen und nicht Autobahn.

Es liegt an uns ….

Drei rote Pfiffe

Wir trafen Helena K. in ihrem Heim im
slowenischen Teil Kärntens. Sie erzählte
uns ihre Lebensgeschichte. Unter dem
Namen „Jelka“ war sie als Partisanin an
der Befreiung Österreichs vom Hitler-
faschismus aktiv beteiligt. Heute, als alte
Frau, muß sie miterleben, daß alte und neue Nazis in Kärnten fröhliche Urständ
feiern, während die slowenische Minderheit
um ihre vorenthaltenen Rechte kämpfen muß.

(„Jelka“ erzählt, wie sie damals
Jemanden den Weg zu den Partisanen
beschrieb“)
„Du, Leppen nach Hrebelnik drüben
Haben sie an Bunker, zwei Fichtenstämme,
und rüber haben sie so schön – von Fichten, diese Skorjen
(Ringe) drüber, dort wirst sehen. Aber du mußt pfeifen
(pfeift), dreimal mußt pfeifen, sonst ist Alarm.“

Im Kreis ihrer Enkel die alte Frau
zeigt mit erhobener Hand
auf die Wälder, die dunklen, über der Drau:
Jetzt zeige ich euch euer Land.

Dort drüben da hab ich geschuftet am Hand,
als ich ein Kind noch war.
bei der Christmette mit Glockenklang
hing Eis von Rock und Haar.

Die Bergknappen kamen zum Lindenwirt,
und flüsterten heimlich, mit List,
daß sich in der Welt was ändern wird,
daß nicht bleiben muß, wie es ist.

Verschwiegene Bäume.
Verschworener Wald.
Und drei rote Pfiffe, drei rote Pfiffe,
im Wald.

Die Drau hinunter trieb Mond um Mond,
es brach der Faschistenkrieg aus.
Da hatte ich dann einen Mann der Front,
und hatte drei Kinder im Haus.

Wie tönte da markiger Nazigesang
von deutschem Boden und Blut.
Manch ein Bursch in die Berge entsprang.
Ich trug Flugblätter unter dem Hut.

Der Gestapo war kalt und der Gauleiter schalt:
Partisanen im eigenen Land!
Ich trug Geflüster und Brot in den Wald.
Sie haben mich Jelka genannt.

Verschwiegene Bäume…

Der Winter was naß und uns wärmte der Haß.
viele sind´s die die Erde heut birgt.
Wir haben gefochten, dort oben am Paß,
und an unsrer Befreiung gewirkt.

Der Krieg was vorbei, da war Stille im Land,
da waren die Lautesten leis,
sie nahmen das Hitlerbild von der Wand,
ihre Westen die wuschen sie weiß.

Ihr, meine Enkel, was hört ihr so stumm
die alten, die kalten Berichte?
Jetzt trampeln sie wieder auf euren Rechten herum –
erinnert euch meiner Geschichte!

Verschwiegene Bäume….

BI Lüchow-Dannenberg lädt ein: „Endlagersuche am Beispiel Gorleben: Alles falsch gemacht!“

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Niedersachsens Ministerpräsident Ernst Albrecht entscheidet 1977 Gorleben zum Standort für ein Atommülllager. Bis heute führt diese Entscheidung zu schwersten gesellschaftlichen Konflikten. Foto: BI Lüchow-Dannenberg

Einer der Fehler der derzeit laufenden Arbeit der Atommüll-Kommission im Rahmen des Standortauswahlgesetzes (StandAG) ist: Gorleben ist weiter im Spiel. Wie das mit dem Anspruch, einen gesellschaftlichen Konsens bei der Suche nach einem dauerhaften Atommülllager in Einklang zu bringen ist, fragen sich nicht nur zahlreiche Anti-Atom-Initiativen. Das gilt umso mehr, da eine Aufarbeitung des gesellschaftlichen Konflikts um die Atomenergie insgesamt völlig unterbleibt und nicht einmal der „verbrannte Standort“ Gorleben (Sigmar Gabriel) einer „Aufarbeitung“ unterworfen wird. Was Kommission und Gesetz nicht leisten, nimmt die BI Lüchow-Dannenberg nun selbst in die Hand.

Alles zum Thema Atommüll-Kommission und StandAG auf umweltFAIRaendern.

Im Januar wird unter dem Titel „Alles falsch gemacht! Ein Blick zurück. Ein Blick nach vorn. Und heute zwischendrin“ von der BI Lüchow-Dannenberg eine Aufarbeitung der Geschichte um den Standort Gorleben versucht. Bald 40 Jahre ist es her, dass Gorleben von niedersachsens CDU-Ministerpräsidenten Ernst Albrecht in einem Federstreich und mit Zustimmung von SPD-Bundeskanzler Helmut Schmidt auserwählt wurde. Bis heute halten die mit dieser Willkür-Entscheidung verbundenen Konflikte an und habe über Jahrzehnte die Gesellschaft gespalten.

1977 wurde Gorleben als Standort für ein „Nukleares Entsorgungszentrum“ bestimmt. Mit der Verabschiedung des Standortauswahlgesetzes sollte die Suche nach einem Langzeitlagerstandort noch einmal ganz neu beginnen. Doch trotz geologischer Bedenken und gegen massive politische Gegenwehr blieb Gorleben weiter im Verfahren.

  • Welche Fehler wurden und werden von der Standortbenennung Gorlebens bis zur Verabschiedung des StandAG gemacht?
  • Welche Konsequenzen sind mit Blick auf eine gesellschaftlich akzeptierte Atommüllpolitik daraus zu ziehen?
  • Wie geht es weiter mit der Atommüllpolitik nach dem Bericht der Kommission Ende Juni 2016?

Diesen Themen und Fragen wollen wir uns einen Tag lang widmen.
Alles Falsch! – Tagesveranstaltung, Sa. 23.01.2016 – 10.00h – 18.00h
„Kraftwerk“ Lüchow / Wendland, Programm, Referent_innen und alle Infos gibt´s hier

Rot-Grünes Hamburg: Wenig Klima-Ambitioniert – Kohle-Werk Wedel länger am Netz

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Wenig Grund für gute Laune: Jens Kerstan, Hamburger Senator für Energie und Umwelt, legt wenig ambitionierten Klima-Plan vor….

Timing ist nicht so die Sache des rot-grünen Senats, könnte man es charmant ausdrücken: Während am Vormittag der neue Klimaplan präsentiert wurde – den der BUND als wenig ambitioniert bezeichnete – kommt am Abend die offizielle Entscheidung: Das mit Kohle befeuerte Fernwärme-Heizkraftwerk in Wedel wird vorerst nicht ersetzt und kann damit weiterhin das Klima anheizen. Letzteres ist zwar keine wirkliche Neuigkeit mehr, nachdem die Bild-Zeitung vor einiger Zeit schon über einen entsprechenden Deal zwischen SPD-Bürgermeister Olaf Scholz und Vattenfall informiert hatte. Aber nun ist es amtlich, denn der Aufsichtsrat hat jetzt entschieden, erstmal nichts zu entscheiden.

Natürlich berichtet das Abendblatt über die Sitzung des Aufsichtsgremiums der Vattenfall-Wärme GmbH, in der die Stadt als Minderheitspartner mit 25,1 Prozent beteiligt ist. Mit Vattenfall vereinbart ist, dass das Unternehmen bis Mitte 2016 dem Bürgermeister neue Pläne vorlegen soll, wie es mit dem Ersatz des veralteten und klimaschädlichen Heizkraftwerks in Wedel weiter gehen soll. Dann soll bis Ende 2016 eine Entscheidung getroffen werden.

Nicht nur die Preisentwicklungen am Strommarkt haben die bisherigen Planungen eines großen gasgefeuerten GuD-Kraftwerks untergraben und überflüssig gemacht. Mit dem Volksentscheid „Unser Hamburg – Unser Netz“ und der einsetzenden Demokratisierung im Energiebereich der Hansestadt hat sich ein Wärme-Dialog zwischen der Stadt, zahlreichen Energie-Initiativen und Gutachtern unter dem Dach der Umweltbehörde entwickelt, der inzwischen eine Vielzahl von Alternativen in Richtung des Ausbaus Erneuerbarer Energien auch in der Wärmeversorgung aufgezeigt hat.

Nicht nur andere klimafreundliche Erzeugungstechniken sind dabei ins Spiel gekommen. Auch ein neuer Standort hat immer mehr an Bedeutung gewonnen: In Stellungen könnte nach dem Aus der dortigen Müllverbrennungsanlage ein neuer Energiestandort für Hamburg erschlossen werden und damit das für die Wärmeerzeugung ohnehin ineffiziente und entfernte Wedel überflüssig machen.

Die Alternativen sollen auch auf einem Treffen am gestrigen Montag im Rahmen des Wärme-Dialogs vorrangig Thema gewesen sein. Senator Kerstan informierte die am Prozess beteiligten über die anstehende Entscheidung bei Vattenfall-Wärme und diskutiert mit Initiativen, den Gutachtern vom BET und den anderen Beteiligten über das weitere Vorgehen. Zumindest über Transparenz muss man nicht meckern!

Auf die Alternativen, die im Rahmen des Wärme-Dialogs entwickelt wurden, bezieht sich auch der BUND Hamburg in seiner Presseerklärung vom Montag: „Ersatz Kraftwerk Wedel: Klimafreundliche Trendwende in der Fernwärme ist möglich„. Dort heißt es auch: „Durch den Wegfall des Kohlekraftwerks Wedel müssen nach Gutachtereinschätzung 250 MW Wärmeerzeugungskapazität kompensiert werden. Ab 2016 werden bereits 150 MW durch das Heizwerk Haferweg gedeckt, so dass eine Versorgungssicherheit bis zur Realisierung weiterer Anlagen weitgehend gegeben ist. Weitere Wärmeerzeugungs-kapazitäten können durch die Nutzung industrieller Abwärme (Größenordnung: 60 MW) bereitgestellt werden. Am Standort Stellingen ließen sich nach Einschätzung des BUND auf dem Gelände der rückzubauenden Müllverbrennungsanlage Stellinger Moor weitere Erzeugungskapazitäten von bis zu 250 MW für die Fernwärmeversorgung erschließen. Dabei muss ein Einstieg in Erneuerbare Wärme geschafft werden.“ Und: „Bei gleichzeitiger Netzoptimierung und Nutzung weiterer dezentraler Standorte könnte das alte Kohlekraftwerk Wedel spätestens 2019 auf „Standby“ geschaltet und dann für maximal zwei Jahre auf Reserve vorgehalten werden.

„Der Senat kann innerhalb von vier Jahren die Trendwende zu mehr Klimaschutz im Hamburger Fernwärmenetz schaffen“, so Manfred Braasch, Landesgeschäftsführer des BUND Hamburg. „Es gilt, die Forderungen des Volksentscheides umzusetzen und eine klare Entscheidung gegen ein fossiles Großkraftwerk zu treffen. Und wir erwarten, dass die Vattenfall Wärme Hamburg GmbH keine Blockade-Politik betreibt.“

Die gute Nachricht erstmal könnte sein: Die bisherigen GuD-Planungen dürften so gut wie vom Tisch sein. Das ist erfreulich, weil die Verbrennung von Gas zwar besser als die von Kohle ist, aber eben auch CO2-Emissionen zur Folge hat und nicht unter der Rubrik „Ausbau erneuerbarer Energien“ läuft, wie es der Volksentscheid „Unser Hamburg – Unser Netz“ vom Senat fordert! Der Nachteil: Weil die Alternativen-Planung viel zu langsam voran kommt, der Senat hier jahrelang nur auf Vattenfall gehört hat und auch heute nicht wirklich an der Ablösung von Vattenfall gearbeitet wird, bleibt das marode Heizkraftwerk Wedel mit seinen hohen Emissionen weiter am Netz.

Und man mag ergänzen: Das hätte die SPD auch ohne den Grünen Regierungspartner hinbekommen. Neuer Wind in der Energiewende sieht irgendwie anders aus.

Ebenso ernüchtert stellt der BUND Hamburg über den heute vom Energiesenator Jens Kerstan vorgestellten neuen Klima-Plan fest: Kein großer Wurf.

Still und Leise verabschiedet sich der rot-grüne Senat von seinem Klima-Ziel für 2020 die CO2-Emissionen um 40 Prozent zu reduzieren und setzt sich ein neues: Bis 2030 sollen es nun 50 Prozent werden. Der König ist tot – es lebe der König. „Nach Auswertung des BUND Hamburg müssten ca. 5 Mio. Tonnen CO2 weniger emittiert werden, der Klimaplan nennt aber lediglich ein Einsparziel von 2 Mio. Tonnen bis 2020.“ Und: „Eine wirkliche Gestaltungs-Offensive für mehr Klimaschutz sieht anders aus. Mit ein paar hundert Elektroautos mehr, freiwilligen Maßnahmen mit der Wirtschaft und verstärkter Aufklärungsarbeit ist der Klimawandel nicht aufzuhalten“, so Manfred Braasch, Landesgeschäftsführer des BUND Hamburg. „Der rot-grüne Senat muss nachlegen, vor Ordnungspolitik nicht zurückschrecken und vor allen in 2016 die Weichen für eine klimafreundliche Fernwärmeversorgung stellen.“

Für das Klima ist das also kein sonderlich guter Tag in Hamburg.

  • Der Autor ist Mitglied im Landesvorstand des BUND Hamburg

Atommüll: Bayern lässt ausländische Castoren rein

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Demnächst wieder Castor-Transporte aus Frankreich und England. Diesmal nicht nach Gorleben, sondern nach Brokdorf, Biblis, Neckarwestheim und Ohu. Foto: Screenshot plusminus.

Bayerns Ministerpräsident Seehofer macht den Weg für die Rückkehr von Atommüll aus dem Ausland frei. Insgesamt sieben der 26 Castor-Behälter mit radioaktiven Abfällen sollen nun zwischen 2017 – 2020 nicht wie ehemals geplant ins Zwischenlager Gorleben, sondern an die AKW-Standorte Isar/Ohu (Bayern), Philippsburg Neckarwestheim (Baden-Württemberg), Biblis (Hessen) und Brokdorf (Schleswig-Holstein). Das Verbot weiterer Castortransporte nach Gorleben war eine der Forderungen von Niedersachsen für die Zustimmung zum Standortauswahlgesetz, mit dem ein Dauerlager für die hochradioaktiven Abfälle in einer vergleichenden Suche gefunden werden soll.

Über zwei Jahre hat es nun gebraucht, bis Bundesumweltministerin Hendricks, die rot-grünen Bundesländer, die Atomunternehmen und nun auch das CSU-regierte Bayern zu einer gemeinsamen Verabredung über die Rücktransporte von Atommüll aus La Hague (Frankreich) und Sellafield (England) gekommen sind und damit eine der Anforderungen nach dem Standortauswahlgesetz – zumindest was die Zielorte der Castor-Transporte angeht – abgestimmt haben. Widerstand hatten vor allem die CDU/CSU-Länder geleistet.

Keinerlei Äußerungen gibt es zu den Kosten, die mit diesem Deal verbunden sind. Die Atomunternehmen haben gegen die Bestimmungen des StandAG in Sachen Rücktransporte Klage eingereicht. Aus ihrer Sicht spricht aus technischer Sicht nichts gegen das Zwischenlager in Gorleben. Dass dieses nun nicht weiter genutzt werden soll, sei eine politische Vereinbarung. Die damit verbundenen Mehrkosten an den Standort-Zwischenlagern der AKWs, die den Atomunternehmen gehören und die nach StandAG für die Kosten zuständig sind, wollen die Konzerne aber nicht tragen.

Interessant wird sein, ob und wie dieses Thema in der neuen Atomkommission zur Sicherung der Atom-Rückstellungen zur Finanzierung des Abriss der AKWs und der Lagerung der Abfälle zur Sprache kommen wird. Die Rechtsposition der Konzerne ist klar formuliert: Sie sind nicht verantwortlich, sie zahlen nicht.

Eine Sichtweise, mit der die Konzerne sich insgesamt von den politischen bzw. gesellschaftlichen Kosten der Atomenergienutzung verabschieden wollen. Dass sie einen maßgeblichen Anteil an den massiven Protesten im Zusammenhang mit Castor-Transporten nach Gorleben haben, wird von ihnen schlicht ausgeblendet: Sie haben ja die Genehmigungen, in deren Rahmen sie ihre Geschäfte betreiben. Wenn das enorme politische und gesellschaftliche Konflikte verursacht, ist das nicht ihr Problem, sondern das des Staates. So einfach ist das!

Für die Einlagerung der Castoren in die jetzt festgelegten Zwischenlager sind Genehmigungen durch das Bundesamt für Strahlenschutz erforderlich. Dafür müssen die Betreiber jetzt entsprechende Anträge auf den Weg bringen. Eine Beteiligung der Öffentlichkeit ist dabei offenbar nicht vorgesehen, d.h. die Behörden gehen nicht davon aus, dass es sich bei den verglasten Abfällen aus der Wiederaufarbeitung um eine nach Atomrecht „wesentliche Änderung“ bei den Zwischenlagern handelt.

Das könnte man in Zweifel ziehen. Immerhin verhalten sich die verglasten Abfälle doch anders, als die bestrahlten Brennelemente, für die die Lager bislang genehmigt sind. Nicht nur Greenpeace fordert an den Zwischenlagern Nachrüstmaßnahmen wie z.B. heiße Zellen, in denen defekte Castor-Behälter repariert werden könnten. Da die verglasten Abfälle aus La Hague und Sellafield nicht mit Wasser in Kontakt kommen dürfen, wäre eine Reparatur in den unter Wasser stehenden Abklingbecken in den Reaktoren nicht möglich.

Eine Einordnung als „wesentliche Änderung“ und damit ein Genehmigungsverfahren mit Öffentlichkeitsbeteiligung wollen die Betreiber und Behörden aber unter allen Umständen auch verhindern. Nicht nur, weil diese Verfahren natürlich länger dauern würden, sondern weil nach der Aufhebung der Genehmigung für den Betrieb des Castor-Zwischenlagers am AKW Brunsbüttel unklar ist, wie die erforderlichen Sicherheitsnachweise „gerichtsfest“ erfolgen können. Der Grund: Immer mehr Sicherheitsmaßnahmen werden jenseits der Öffentlichkeit vorgenommen, als Maßnahmen des Anti-Terror-Schutzes. Dadurch sind nicht mal Gerichte in der Lage, die staatlichen Maßnahmen zu überprüfen.

Aus der gemeinsamen Erklärung von Seehofer und Hendricks ist zu entnehmen, dass die Abwicklung der Rücktransporte nun möglichst eilig durchgezogen werden soll. Bereits für Ende 2016 werden die entsprechenden Genehmigungen erwartet, heißt es dazu.

Bei der Vereinbarung mit Bayern waren auch einige der betroffenen Landkreise beteiligt. Die führen nun als „kleinen Erfolg“ an, dass mit der Einlagerung der sieben Castoren aus Sellafield in Isar/Ohu auch eine weitere Genehmigung vorliegen müsse: Die Genehmigung zum Abtransport dieser Castoren in ein Endlager. Eine irgendwie kuriose Vereinbarung, denn klar ist, dass ein solcher Transport erst frühestens Anfang der 2050er Jahre oder auch erst viel später erfolgen dürfte.

Bislang sind die Standort-Zwischenlager allesamt mit einer Laufzeitbefristung von 40 Jahren ausgestattet. Etwa 2047 würden diese Atommülllager illegal und bräuchten nicht nur eine neue Genehmigung, sondern dazu auch die Zustimmung des Deutschen Bundestages.

Weil ein Endlager bis dahin nicht in Betrieb sein dürfte, hatte die Bundesregierung in dem im August beschlossenen „Nationalen Entsorgungsprogramm“ erstmals ein Eingangslager am Standort des zu findenden „Endlagers“ ins Gespräch gebracht. Bis zu 500 Castoren sollen in diesem neuen Lager oberirdisch abgestellt werden können. Dieses Eingangslager, das faktisch für Jahrzehnte zu einem zentralen Zwischenlager würde, soll mit der ersten Teilerrichtungsgenehmigung entstehen und noch vor dem geplanten „Endlager“ in Betrieb gehen.

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